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GeschichteAllgemein / P12
14.04.2019
14.04.2019
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Bereits seit Stunden saß ich im Zug. An Gepäck hatte ich nur das Nötigste bei mir. Eben das, was ich in aller Eile hatte zusammenpacken können. Weg. Ich hatte einfach nur noch weg gewollt, weg aus dieser Stadt, weg von zu Hause, weg von den Menschen die mich nur unterdrückten und mich zu allem Überfluss anscheinend auch noch jahrelang angelogen hatten. Während ich mit Kopfhörern im Abteil saß, liefen mir die Tränen über die Wangen. Das taten sie seit meiner Abreise heute Nacht unaufhaltsam. Ich fühlte mich verraten und das von meiner eigenen Familie. Wenn ich sie überhaupt noch so nennen konnte. Mein Verschwinden hatten sie inzwischen bestimmt schon bemerkt. Ganz sicher sogar, denn eigentlich müsste ich jetzt in der Schule sitzen. Wenn ich nicht spätestens um 7:15 Uhr am Frühstückstisch aufgetaucht war, hatte meine Mutter immer meine Schwester geschickt, um mich zu wecken. Oder gleich meinen Vater, je nachdem wie lange ich schon überzogen hatte. Aber er war nicht mein Vater, das wusste ich jetzt. Irgendwie hätte ich es ja ahnen müssen, denn wir waren einfach zu verschieden. Allerdings tat die Gewissheit, die ich jetzt durch Zufall erhalten hatte, weh. Sehr weh. Keiner hatte mir etwas gesagt und wahrscheinlich hätte ich es nie erfahren, hätte ich auf dem Dachboden nicht nach etwas suchen müssen. Dieses Ding, was ich gebraucht hätte, habe ich nie gefunden. Dafür aber einen Brief und durch diesen war die Wahrheit ans Licht gekommen. Die Wahrheit über meine Mutter. Die Wahrheit über meinen Vater. Die Wahrheit über meine Herkunft. Die Wahrheit über mein Leben. Meine Wahrheit, die Fragen aufgeworfen hatte. Unzählige Fragen, auf die ich nun Antworten suchte. Antworten, die meine Eltern mir nicht hatten geben wollen. Also machte ich mich nun selbst auf die Reise dorthin, wo ich erhoffte Antworten zu finden. Ich war komplett auf mich gestellt, vollkommen allein. Aber das war mir lieber, als noch länger angelogen zu werden. Viel, viel lieber. Noch hatte ich eine längere Fahrt vor mir, aber wenigstens befand ich mich inzwischen in Österreich. Meinen Rucksack hatte ich neben mir auf den Sitz plaziert, damit ja niemand auf die Idee kam, sich neben mich zu setzen. Ich wollte nachdenken und dabei weinen, ohne das es irgendjemand mit bekam. Dadurch, dass ich aus dem Fenster blickte, konnte niemand im Zug mein Gesicht sehen. Ich unterdrückte immer wieder krampfhaft ein Schluchzen. Da saß ich nun. In einem Zug, der mich an einen fremden Ort bringen sollte. Mir war nicht viel Zeit geblieben um zu recherchieren. Ich wusste nur, dass das Dorf von dem ich in dem Brief gelesen hatte am Wilden Kaiser lag, einem großen Gebirge. 'Der Brief!', schoss es mir durch den Kopf und ich öffnete meinen Rucksack. Ganz oben lag das bereits sehr abgegriffene Kuvert, welches ich an mich nahm. Ich wischte mir über die Augen und entnahm das ebenso alte Stück Papier. Die Schrift meiner Mutter war für mich unverkennbar. Zweifellos musste sie diese Zeilen irgendwann geschrieben haben, an jemanden, den ich nicht kannte. An jemanden, dessen Name mit 'M' begann. Allerdings hatte meine Mutter diesen Brief wohl nie abgegeben. Warum sie ihn jedoch trotzdem aufgehoben hatte war mir ein Rätsel, doch irgendwie war ich dafür auch dankbar. Sonst hätte sie mich weiter belügen können, so wie sie es bereits die 15, fast 16 Jahre, seitdem ich nun auf der Welt war, getan hatte. Zum gefühlt einhundersten Mal las ich die Worte, die irgendwann vor meinen Augen verschwammen, da sich erneut ein Tränenschleier gebildet hatte. 'Ich muss gehen.'.. 'Du würdest nie zu mir oder zu unserem Kind stehen.'.. 'Ich werde nie wieder nach Ellmau zurückkehren.' Die geschriebenen Worte meiner Mutter hallten in meinem Kopf wieder und trieben mich fast in den Wahnsinn. Ich war zwar noch jung, hatte aber trotzdem eins und eins zusammenzählen können. Auf dem Kuvert stand 'An M.', einen weiteren Anhaltspunkt hatte ich nicht. Nur Ellmau und dieser Buchstabe. Um meine Schwester konnte es kaum gehen, denn sie war einige Jahre jünger als ich und der Brief war schon so vergilbt und verblichen, dass er bereits schon lange vor ihrer Zeit auf dem Dachboden gelandet sein musste.