we are burning now

von quina
MitmachgeschichteAbenteuer, Drama / P18 Slash
13.04.2019
17.04.2019
2
11544
6
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we are burning now




PROLOG


Niemand von uns konnte wissen, auf welches Risiko wir uns einließen, als wir uns entschlossen auf unsere Eltern zu hören und wieder zu kommen. Den Krieg den wir gegeneinander führten, endete für uns alle in einer Niederlage. Nach den Aufständen verlangten die Götter, dass jedes Halbblut unter 21 Jahren die Urlaubszeit im Camp verbringt. Die Sommerferien 2020, waren die ersten in denen die Regelung galt. Die daraus resultierende Überfüllung schien niemand eingeplant zu haben. So viele Menschen auf einem Fleck führen immer zu Spannungen und so ließen wir uns in Kämpfe verwickeln, riskierten auf Rot zu fallen und verbannt zu werden.


Morrigan beobachtete wie die ersten Sterne über den See hinweg tanzten. In Kombination mit der Dämmerung ein Desaster für die Ästhetik. Heute war jedoch keine Zeit, um auf den Nachthimmel zu warten. Mit den Füßen im Wasser baumelnd, versuchte sie, das Beste aus diesem Moment zu ziehen. Es kam ihr komisch vor, dass sie noch immer alleine am Steg saß. Trotzdem erlaubte sie sich keinen Blick auf die Uhr und schob das Gefühl, schon ewig zu warten, auf ihre Nervosität.

Bis zu der Sekunde, in der das Horn aufheulte, entging sie so erfolgreich den Sorgen über das mögliche Scheitern des Plans. Der Reihe nach entzündeten sich im Camp die Fackeln, wie jeden Abend kurz vor der Sperrstunde. Das Zeichen, dass sich alle Halbblute nun unverzüglich in ihren Hütten einzufinden hatten. Die ernüchternde Bestätigung, dass die vereinbarte Uhrzeit längst überschritten worden war. Sie sah abermals hinter sich, nur um erneut ein leeres Ufer vorzufinden. Während die Stille ihre Symphonie schwieg, verstrichen die Minuten. Unruhe quoll in ihr auf. Das Zeitfenster wurde immer kleiner.

Morrigan schloss die Augen und versuchte, zu vergessen, dass ihr Status am Ende dieser Nacht eingesperrt oder tot lauten könnte. Doch wenn man sich bemühte, etwas aus seinem Kopf zu verbannen, dachte man irgendwann an nichts anderes mehr. Damit, dass sie trotz Fackelleuchten noch am See saß, riskierte sie einen beträchtlichen Punkteabfall. Ein Risiko das es jedoch Wert war einzugehen. Im Gegensatz zu ihrem eigenen Tod, konnte sie sich nicht vorstellen, wie es ohne Dean sein würde. Wie sie es ohne ihn aushalten sollte.

Der Wind wehte ein leises Säuseln über den See und als sie die Augen wieder aufschlug, sah sie Lederharnische am Horizont glänzen. „Endlich”, stieß sie aus. Die Jägerinnen der Artemis waren zurück. Zumindest die Hälfte von ihnen, das restliche Dutzend fehlte. Morrigan hoffte auf Nachzügler, doch aus dem Wald kam niemand mehr. Sie musste die Ersten verpasst haben.

Eilig zog sie ihre Füße aus dem Wasser, griff nach den beiden Rucksäcken und fasste die Brombeerbüsche am Ufer ins Auge, um sich hinter ihnen zu verschanzen. Doch kaum hatte sie den Steg hinter sich gelassen, stolperte in der Ferne auch schon die Bestätigung ihrer Vermutung den Abhang zum See hinunter. Der erste Trupp musste ihr also wirklich entgangen sein. Drei Mädchen streiften sich ihre Rüstungen vom Körper und lachten so laut, dass Morrigan sie selbst aus großer Distanz hörte. Sie verharrte vor Schreck an Ort und Stelle und ihre nackten Füße sanken tief in den Schlamm.

Als die Jägerinnen nicht mehr als ihre weißen Unterkleider am Leib trugen, drehte sich eine von ihnen plötzlich in Morrigans Richtung und das Lachen verstummte augenblicklich. „Was ist das?”, blökte sie. Vor Morrigans innerem Auge brach der Plan wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Zwar schaute der Mond von hinten über ihre Schulter und ließ das Trio bloß ihre stillstehende Silhouette sehen, doch sollten sie näher kommen, würde selbst Artemis ihr nicht mehr zur Seite stehen können.

„Gib dich zu erkennen!”, forderte eines der Mädchen und spannte darauf einen Pfeil in ihren Bogen.

Morrigan stellte ihren Willen zu schießen nicht in Frage und strebte an, mangels Alternativen, die Arme zu heben, als mit einem Mal eine vierte Person hinter den Mädchen auftauchte.

„Was geht hier vor?!”, ertönte die vertraute Stimme ihrer Freundin. Die Jägerinnen schreckten um. „In fünf Minuten ist Nachtruhe!”, herrschte Gladis weiter. Morrigan holte erleichtert Luft. Die neu gewonnene Sicherheit erlaubte es ihr, sich aus ihrer Starre zu lösen und die Chance zu ergreifen, ins Gebüsch zu flüchten. Das Gespräch war nicht laut genug, um jedes Wort zu verstehen. „Auf eure Hütten!”, war das Letzte was zur ihr vordrang, gefolgt von dem kanonhaften Seufzen der Mädchen.

Schritte näherten sich ihrem Versteck. Durch die Lücken zwischen den Blättern sah sie, wie Gladis sich vor dem Strauch aufbäumte. „Hast du einen abbekommen?”, fragte sie und stemmte ihre Fäuste gegen ihre Hüften. „Deine Dummheit übertrifft sich echt am laufenden Band. Du kannst hier doch nicht für alle sichtbar rumstehen!”

Die Hephaistostochter trat aus dem Dickicht und imitierte Gladis’ wütenden Blick. „Wo bist du gewesen?”, entgegnete sie. „Wir sagten, zehn.” Ein Gemisch von Frust und Zweifel drückte auf ihre Stimmbänder.

„Ich weiß”, meinte Gladis.

„Zehn Uhr.”

„Ich weiß! Es ging nicht früher. Wir müssen uns eben beeilen. Hast du mein Zeug?”

Mürrisch überreichte Morrigan der Jägerin einen der Rucksäcke und schulterte dann ihren eigenen. „Ich dachte, du würdest früher kommen”, fügte sie noch hinzu. Es war nur zu hoffen, dass die Elite das Tor nicht zu Beginn der Sperrstunde abriegelte. Bisher hatte niemand versucht, nach Fackelzündung das Camp zu verlassen, oder war nicht zurückgekommen, um von seinen Erkenntnissen zu berichten. Niemand wusste sicher, ob es sich bei der Sperrstunde nur um eine mündliche Vereinbarung oder einen strategischen Prozess handelte, bei dem jeder mögliche Fluchtweg undurchdringbar gemacht wurde.

Gladis schnaubte, nickte zugleich und konzentrierte sich aufs Wesentliche. „Wo sind die anderen?”

„Noch nicht hier …”, entgegnete Morrigan nur.

„Offensichtlich.” Gladis knirschte mit den Zähnen, hielt einen Moment inne. „Schön”, fuhr sie dann fort. „Wenn sie nicht hier sind, dann an der Grenze. Los komm, wir haben nicht viel Zeit.”

Morrigan verzichtete darauf, zu wiederholen, wessen Schuld das war und fiel stattdessen in ihren Schritt ein. Genau wie sie, versuchte sie die Lichtkegel der Fackeln zu meiden. Erst als sie den Wald passierten und die Blätter ihre Geräusche dämpften, ergriff sie wieder das Wort: „Wer kümmert sich eigentlich um deine Jägerinnen, wenn du weg bist?” Sie wusste genau, wie wichtig Gladis ihren Mädchen war und umgekehrt. Ihre Freundin ließ täglich Herzblut in die Führung des Corps fließen und der Gedanke sie nie wieder zu sehen, trieb diesen Ausdruck in ihre Augen.

Dass sie nun jedoch bloß mit einem Schulterzucken antworte, ließ Morrigan sich nicht besser fühlen. Ihre Vernunft versuchte ihr klar zumachen, dass es Gladis’ eigene Entscheidung war, doch sie schaffte es nicht aufzuhören, an ihrer eigenen Schuld zu zweifeln. Jedes Mal wenn sie es versuchte, sprang sie nur von einem Gewissensbiss zum nächsten.

Letztendlich schaffte es der quälendste Gedanke über ihre Lippen: „Sie haben ihn, oder? Das alles hier ist völlig umsonst.” Dass Dean nicht zum Treffpunkt gekommen war und die Sperrstunde jeden Moment begann, trieb ihre Nerven blank.

„Haben Sie nicht”, zischte Gladis sofort, „sie hätten doch nur riskiert mir und den anderen über den Weg zu laufen.” Der Appell an Morrigans Vernunft, zeigte kaum Wirkung. Die Campleitung legte großen Wert darauf, die Verbannung unter Verschluss zu halten. Verabschieden durfte man sich beim Fest, aber wie und wo man dem Verbannten seine Erinnerungen ausriss blieb geheim. Man wusste bloß, dass die Elite die zu Verbannenden immer zur Nachtruhe hin aus ihren Hütten eskortierte und man vermutete, dass das Tor der wahrscheinlichste Ort war. Erst als Gladis nach ihrer Hand griff und sie hinter sich herzog, realisierte sie, wie weit sie zurückgefallen war. „Beweg dich!”, trieb sie Morrigan an.

Die Tochter des Hephaistos erwartete ein Aufgebot an Göttern hinter dem Hügel. Die bewaffnete Elite am Tor postiert. Doch je näher sie dem Ausgang kamen, desto mehr ihrer Erwartungen wurden widerlegt. Keine Trommeln, kein Gegröle oder Blitze, die in den Boden schossen. Es war totenstill.

Auf der Kuppel des Hügels angekommen blieben sie stehen. Keiner der beiden wusste, was da unten auf sie warten würde. Sie fokussierten gleichermaßen die Lichtung. Es schien niemand dort zu sein, keine Elite, keine Götter und kein Dean. Als Halbblut lernte man jedoch fix, dass der erste Eindruck oft trügt.

„Das ist gut oder?”, fragte Morrigan nach einer Weile. „Das heißt sie haben ihn nicht.”

„Oder die Verbannung findet nicht am Tor statt”, überlegte Gladis laut.

„Dann sollten wir nachsehen.”

Sie glitt Gladis aus den Fingern und wäre den Abhang hinuntergeeilt, hätte sich ihr nicht der langhaarige Junge in den Weg geschoben. „Ich bin’s”, brachte er hervor und als Morrigan ihn erkannte, wollte sie vor Freude seinen Namen rufen, doch drückte er ihr gerade noch rechtzeitig seine Hand auf die Lippen.

„Ruhig”, flüsterte er, „vielleicht sind sie mir gefolgt.” Dean ließ wieder von ihr ab und nickte Gladis zu, die das Nicken armeverschränkend erwiderte. Die drei suchten hinter einem der Sträucher auf dem Hügel Deckung, um ihre Unterhaltung dort fortzuführen.

„Was an „wir treffen uns am See” hat dich hierhergeführt?”, warf Gladis ein. „Wir dachten du-” Sie unterbrach sich selbst und presste abwartend die Lippen aufeinander.

„Ich wusste, wenn ich nicht beim Treffpunkt auftauche, kommt ihr hierher. Und scheinbar hatte ich Recht”, erklärte er, sich selbst auf die Schulter klopfend. „Ich kam nicht rechtzeitig weg”, fügte er noch seufzend hinzu, „die Elite kam und ich musste über das Dach raus.”

„Etwa über den Ast?”, grinste Morrigan. Einst hatte sie gescherzt, dass der, über die Areshütte reichende, Arm der Fichte sich doch wunderbar als Notausgang eignen würde. Dean hatte ihre Idee wortlos für verrückt erklärt. „Siehst du, du solltest mir öfter zuhören”, sagte sie, sein Brummen als “Ja” deutend und knuffte ihm in die Seite.

„Und deine Schwester?”, brachte Gladis sich ein, hörbar angespannt.

Dean schüttelte den Kopf. „Das Camp ist ihr Zuhause. Sie kennt nichts anderes.”

„Du hast dich aber verabschiedet, richtig?”, fragte Morrigan.

„Klar …” Der Aressohn stellte die Tasche vor seinen Füßen ab und überreichte ihr ein Schwert. „An die Rüstungen bin ich nicht mehr dran gekommen”, erklärte er, „wir müssen einfach versuchen nicht von Pfeilen getroffen zu werden.”

Morrigan wog das Schwert in der Hand aus und betrachtete es vom Knauf bis zur Spitze. „Also, Augen zu und durch?” Ihr Herz fing an, sich bemerkbar zu machen.

Gladis zog einen Pfeil aus ihrem Köcher und sondierte ein letztes Mal die Lichtung. „Augen zu und durch”, wiederholte sie.

Dean nickte zustimmend und die Blicke die das Trio zuletzt austauschte, ersetzten eine Umarmung.

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