'Cause I don't think that they'd understand

GeschichteRomanze, Schmerz/Trost / P16
11.04.2019
11.04.2019
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Hallo meine Lieben,
ich habe diese Geschichte vor mehreren Jahren angefangen und möchte sie gern mit euch teilen. Eine kleine Vorwarnung: Die Ich-Perspektive, aus der erzählt wird, kann zwischen Eliot und Leo wechseln. Ich werde das immer klar machen, indem ich den Ich-Erzähler-Namen in Klammern davor setze.
Auch habe ich manche Kapitel (wie dieses) geteilt, weil sie mir als Ganzes manchmal zu groß erscheinen.
Nun wünsche ich euch viel Spaß beim Lesen. Ich bin für jede Kritik offen.
Eure Vivi

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Kapitel 1 - erster Teil




(Eliot)

Gereizt stieß ich die Tür der Bibliothek auf. Ich war wütend!
Dass sich die Tür mit einem zarten Klingeln öffnete, machte meine Situation nicht wirklich besser.
Der Grund meines Zorns war, wie so oft, dass meine Familie echt nicht zum Aushalten war! Wieso zur Hölle versuchte sie, mein Leben in den Griff zu bekommen? Hatten die denn nicht genug mit ihren eigenen Problemen zu tun? Was also kümmerte es sie, welche verdammten Noten ich in der Schule hatte? Sah ich denn so aus, als wäre ich auf Hilfe beim Lernen angewiesen? In der zehnten Klasse würde ich das ja wohl alleine hinbekommen. So beschränkt war ich dann auch nicht. Lernen war ja nichts Schweres oder so. Lernen an sich war nicht schwer. Schwer war es, meine Schwester zu ignorieren, die mir beim Durchlesen des Stoffes zeitgleich genau dieselben Fakten ins Ohr quatschte, nur leider in einer völlig anderen Reinfolge.
Ich war so verdammt wütend! Meine Kiefer arbeiteten hart aufeinander.
Kurz blieb ich stehen, besann mich, und sah mich dann in dem großen, hellen Raum um, den ich soeben betreten hatte. Ich kam nicht umhin zu bemerken, dass hier nicht grade viele Leute waren, wie ich es sonst gewohnt war.
Nur vereinzelt standen hier und dort Studenten, die gestern auf keiner Party gewesen waren und sich so den schlimmen Kater erspart hatten, und sahen sich aufmerksam nach Büchern um. Ein paar Jugendliche unter meinem Alter bemerkte ich auch. Bücherwürmer. Samstag Vormittag.
Ich lief an den Bücherregalen entlang. Glück, dass ich mich hier halbwegs auskannte. Denn, hätte ich jetzt noch lange suchen müssen, dann hätte ich nicht garantieren können, dass die Einrichtung so erhalten geblieben wäre, wie sie es jetzt war.
Scharf bog ich ab und steuerte auf einige Regale nahe der Kasse zu. Dort war die wissenschaftliche Ecke, in die ich musste.
Physik.
Mein Blick flog über die Bücher, die zum Glück dem Alphabet nach sortiert waren, sodass ich keine größeren Schwierigkeiten hatte, mein Thema zu finden.
G., da war schon mal der Anfangsbuchstabe. So ging alles schnell, wie ich es gerne haben wollte. Denn ich wusste genau, wenn ich in meinem gegenwärtigen Zustand für eine Handlung länger als sieben Sekunden brauchte, würde ich ausrasten. Ich kannte das.
Aber dank der intelligent sortierten Bibliothek ging es glücklicherweise schnell. Einfach nur rein raus, fertig aus.
Und gefunden. Gewitter.
Erleichtert seufzte ich und kniete mich zu dem Buch runter. Hinknien war immer besser, als sich zu bücken. Es war irgendwie besser für den Rücken oder so und außerdem sah es meistens einfach nur echt dämlich aus, wenn man sich bückte.
Ein wenig hatte ich mich beruhigt, bemerkte ich dabei, was wohl daran lag, dass mich hier niemand die ganze Zeit voll schwatzte. Angespannt und leicht reizbar war ich natürlich immer noch, aber mittlerweile stand kein Wutausbruch meinerseits mehr bevor.
Ich stellte glücklich fest, dass es nicht sonderlich viele Bücher im Themenbereich Gewitter gab. Ehrlich gesagt stand dort nur eins. Wahrscheinlich, weil der Blitz, der nun mal Hauptbestandteil des Gewitters war, unter Licht fiel. Also hatten sich die Autoren wohl nur die Mühe gemacht, in der allgemeinen Gewitterlektüre nicht mehr als das Grundwissen über Blitze abzudrucken. Wozu alles auch zweimal aufschreiben? Man konnte sich ja auch einfach zwei Scheißbücher ausleihen! Ach fickt euch doch alle!
„Kann ich Ihnen helfen?“, fragte eine Stimme plötzlich. Mein Kopf schnappte nach links und ganz automatisch warf ich der Person, die dort stand, einen giftigen Blick zu. Sie hatte mich verdammt nochmal erschreckt und ich unterlag grade keineswegs einer meiner besten Launen.
Ich erhob mich und konnte am Ende des Regals, also ungefähr drei Schritte von mir entfernt, eine kleinere Gestalt ausmachen. Erst auf den zweiten Blick erkannte ich, dass es ein Junge war. Mir fiel aber auf, dass er ungewöhnlich blass wirkte. Dieser Umstand konnte vielleicht aber auch an seinen dunklen Haaren liegen, welche auffällig lang und zerzaust waren, seine Augen verdeckten und dessen Farbe außerdem der Schwärze eines Rabengefieders glich.
Allein dieser exotische Anblick verwirrte mich maßlos. „Äh“, sagte ich, nicht sehr geistesgegenwärtig. Der Junge hielt einen Stapel Bücher in den Händen, wie ich bemerkte, während ich ihn in meiner Verwirrung anstarrte. Was mich so verwirrte war die Tatsache, dass er mich gefragt hatte, ob er mir helfen könne. Wieso hatte er das getan? Was machte er überhaupt hier?
Also, was er hier in der Bibliothek machte konnte ich mir denken, aber was machte er hier mit dieser Frage? War er vielleicht Stammkunde, kannte sich aus und wollte nett sein, indem er mir seine Hilfe anbot? Aber warum ausgerechnet mir? Immerhin hatte ich grade gefunden, nach was ich gesucht hatte und in meinem Gesicht spiegelte sich nicht der Wunsch nach jemandem, der mir half, mich hier zurecht zu finden. Zumindest ging ich davon aus. Das ergab alles keinen Sinn.
Erst, als ich das kleine Namensschild an seiner, viel zu großen und außerdem abgetragenen, Strickjacke entdeckte, kapierte ich, dass er hier arbeiteten musste.
Ich sah wieder in sein Gesicht und musterte ihn. Dieser Junge war doch bestimmt erst in meinem Alter, erst sechzehn Jahre jung. Wieso arbeitete er schon?
Andererseits konnte ich mich auch täuschen, da ich nicht wirklich gut darin war, das Alter von Personen abzuschätzen und das vor allem nicht, wenn die Hälfte ihres Gesichts verdeckt war.
„N-nein. Danke“, brachte ich schließlich im Bezug auf seine Frage hervor. Er zuckte bloß mit den Schultern und ging weiter, als hätte er nur darauf gewartet, sich endlich aus dem Staub machen zu können. Wobei ich ihn auch ziemlich blöd angeglotzt haben musste.
Wie unendlich peinlich! Wieso hatte ich nicht einfach gleich verneint, ohne vorher herausfinden zu müssen, dass er hier arbeitete? Oder ihn einfach weniger begaffen können? War ich denn dumm? Konnte ich mich nicht mal wie ein normaler Mensch verhalten?
Beschämt wandte ich mich wieder dem Regal vor mir zu. Oh Mann!
Ich vergrub die Hälfte meines Gesichts in einer Hand und hockte mich wieder vor das Regal. Wie peinlich.
Aber naja, war jetzt eh zu spät, also Gewitter!
Ich fand das Buch schnell wieder und zog es diesmal auch heraus.
Genervt seufzte ich bei dem Gedanken, den ich mit Gewitter verband und der mich wieder zurück nachhause versetzte, und war relativ erleichtert, dass meine Schwester nicht hier war. Und auch nicht da sein würde, wenn ich nach Hause kam. Sie würde nämlich irgendwann zu einer Freundin gehen, während ich abwesend war.
Ich schlug das Buch auf und blätterte ein wenig darin herum. Es war ziemlich dünn und viel stand auch nicht drin (den meisten Platz nahmen Bilder ein), aber was sollte man auch groß über Gewitter lernen? Sie waren laut, teilweise hell, oft kalt und außerdem nass. Mehr nicht.
Ziellos blätterte ich weiter. Der größte Teil war, zu meiner Überraschung, über den Blitz. Der Donner kam ziemlich kurz. Aber über Blitze war wohl einfach mehr zu lernen. Wie sie entstanden, die Illusion und blah blah blah. Laberrhabarber. Was für ein bescheuertes Physikthema. Anstatt einfach Strom oder Radioaktivität zu behandeln, nein, wir machten diese Scheiße hier. Und dabei wollte ich das Buch nicht mal ausleihen. Nicht nur, weil ich selbst keine Lust auf dieses Thema hatte, sondern weil ich mir wirklich nicht vorgenommen hatte, es mir auszuleihen. Es war nur ein Vorwand gewesen, um mich an Ernest vorbei zu schleichen, der mich, bevor ich nicht ordentlich gelernt hatte, nicht aus dem Haus hatte gehen lassen wollen. Also hatte ich mir vorher diese Lüge mit dem Buch ausgedacht, das ich unbedingt zum Lernen brauchen würde. Wenn ich später allerdings ohne Buch zurück kommen würde, dann konnte ich mir gleich drei verschiedene Standpauken anhören, die sich inhaltlich überhaupt nicht unterschieden, aber alle anders formuliert waren. Da machte ich es mir lieber leicht und lieh mir ein Buch aus. Eine Lernpause hatte ich mir dadurch so oder so ergattert. Und außerdem bitter nötig gehabt. Bei mir zu Hause hatte ich ja keine Gelegenheit dazu. Es fühlte sich manchmal wie in der Schule an. Man wurde durchgehend beaufsichtigt.
Da ich den Stoff aber immerhin schon fast seit einer Woche lernte, hatte ich mir diese Pause verdient. Meine Geschwister übertrieben einfach nur maßlos.
Ich sah noch mal nach, ob es noch mehr Bücher über Gewitter gab. Gab es nicht.
Aber bei dem Gedanken, wieder zurück nachhause zu gehen, lief mir ein Schauer den Rücken herab. Ernest und Vanessa konnten mir gestohlen bleiben! Da langweilte ich mich lieber noch etwas.
Obwohl ... das hier war eine Bibliothek. Was hieß, dass ich mich nicht mal langweilen musste. Ich konnte ja Bücher lesen. Meine Lieblingsbuchreihe zum Beispiel.
Ich verzog automatisch das Gesicht, als ich an die Tatsache denken musste, dass der nächste Band von Holy Knight erst in ungefähr einem Monat erscheinen würde. Trotzdem flüchtete ich mit dem Gewitter-Buch zur Fantasie-Ecke. Holy Knight war so cool! Ich liebte die Reihe über alles!
Fasziniert zog ich einen der Bände heraus und begann damit, ihn durchzublättern. Edwin war einfach der Beste!

Als ich das nächste Mal auf die Uhr sah, war es bereits zwanzig vor zwei. Schnell stellte ich das Buch, in dem ich grade gelesen hatte, zurück und verließ den Gang, um nach der Kasse zu suchen.
Als ich sie innerhalb weniger Sekunden fand, stand der braunhaarige Junge von vorhin davor. Er schien irgendwas zu sortieren oder so. Ich tippte ihn an. Wenn er hier arbeitete, dann konnte er mir vielleicht auch ein Buch empfehlen, welches möglicherweise in der Lage war, Holy Knight das Wasser zu reichen. Sonst starb ich noch, wenn ich weiterhin nur Lehrbücher las.
„Entschuldigung?“, fragte ich. Der Junge drehte sich um. Als er mich einen kurzen Moment später erkannte, stöhnte er genervt. Ich war leicht irritiert von dieser Reaktion, da ich eigentlich nicht damit gerechnet hatte, so unfreundlich empfangen zu werden.
Und eigentlich hätte dieser ‚Empfang’ mir jetzt zu denken geben müssen. Aber naiv wie ich war, redete ich trotzdem weiter.
„Äh, könnten Sie mir zufällig ein Buch empfehlen, das Holy Knight ähnelt oder ungefähr die gleichen Themen behandelt?“
Der Typ starrte mich an. Zumindest nahm ich an, dass er mich anstarrte, weil ich seine Augen ja nicht sehen konnte.
Ich starrte also fragend zurück. Mit jeder Sekunde neigte sich mein Kopf in Stück weiter nach vorne.
Kam da heute noch eine Antwort?
„... Nein.“
Er drehte sich von mir weg und fuhr damit fort, das zu tun, was auch immer er vorher getan hatte.
Ich glaubte, mich verhört zu haben. Wie bitte? Was war denn jetzt mit ihm los? Ich meine, wenn er es nicht wusste, dann war das ja okay, aber wie wäre es in diesem Fall mit einer Entschuldigung und was sollte der genervte Unterton? Sonst entschuldigten sich Angestellte doch auch immer unnötig und klangen außerdem nicht so eiskalt.
„Wie bitte?“, fragte ich. Der Junge drehte sich erneut zu mir um.
„Wenn Sie Fragen haben, dann ist das ja schön und gut, aber wieso fragen Sie ausgerechnet mich? Sehe ich wie eine Information aus?“, schnappte er relativ bissig.
Vorerst war ich sprachlos von seiner Reaktion, wollte es mir dann aber doch nicht bieten lassen und antwortete: „Vielleicht frage ich Sie, weil Sie mir vorhin Ihre Hilfe angeboten haben, welche ich jetzt tatsächlich in Anspruch nehmen würde?“
Der Junge seufzte.
„Okay“, sagte er dann und lächelte genervt. „Meine Unterhaltungen laufen eigentlich auf ein ‚Kann ich Ihnen helfen?’ ‚Nein, danke’ ‚Okay’ hinaus. Wenn die Antwort lautet ‚Ja, ich suche das und das’, dann zeige ich der betreffenden Person das Regal mit dem entsprechenden Buch, die Person bedankt sich und ich verpisse mich, bevor sie auf die Idee kommt, mir zu erzählen, wofür sie das Buch braucht. Es interessiert mich nämlich einen feuchten Dreck, weshalb die Bücher hier ausgeliehen werden, solange sie wieder unversehrt abgegeben werden. So. Das Problem ist nur, wenn ich ab und zu nicht frage, ob ich einem Kunden behilflich sein kann, dann werde ich gefeuert. Und bitte, ein Buch, das ähnliche Themen wie Holy Knight behandelt? Was denken Sie, wie viele Bücher ich gelesen hab? Oder dass ich die Bücher auswendig kann? Wenn Sie also irgendwas wissen wollen, fragen Sie am besten die nette Frau dahinten.“ Er deutete zu seiner Rechten und ich konnte in ein paar Metern Entfernung eine Frau mit langen schwarzen Haaren erkennen. „Sie kann perfekt mit Kunden umgehen und sonst auch alles.“
Die Frau unterhielt sich grade ruhig mit einem der Studenten. „Also lassen Sie mich bitte in Ruhe und fragen Sie sie. Ich bin sicher, dass sie Ihre Erwartungen erfüllen und Sie glücklich machen kann. Meine Arbeit besteht mehr im Sortieren, Säubern und Zeigen, weniger in der Beratung.“ Zum Ende hin war der genervte Ton abgeklungen und der letzte Satz wirkte fast wie daher geleiert. Aus diesem Grund vergaß ich fast, dass ich eigentlich wütend auf ihn war. Was mir jetzt allerdings wieder einfiel.
„Ja, entschuldigen Sie mal!“, rief ich. Ich war jetzt wirklich wieder sauer. „Können Sie ihre Kunden nicht netter behandeln?!“
„Netter?“, kam es sofort zurück. „Was meinen Sie mit netter? Wollen Sie mich mal unhöflich erleben?!“
„Nein danke, das hier reicht mir völlig! Hat dir denn nie jemand beigebracht, Bitte und Danke zu sagen?!“, brüllte ich.
„Nein, zufällig hat mir das niemand beigebracht! Und weshalb duzen Sie mich jetzt überhaupt, hä?!“
„Weil ich dumme Leute so besser zusammen schreien kann!“
„Der einzige Dumme hier sind Sie! Nehmen Sie ihr blödes Buch und kommen Sie nie wieder!!“
„Und wie soll ich das Buch dann wieder zurück bringen?!“
„Ach, vergessen Sie’s! Lassen Sie das Buch doch einfach gleich hier!“ Er riss mir das Buch aus der Hand und nahm es an sich. „So, jetzt können Sie verschwinden! Und verbrennen Sie ihren Bibliotheksausweis am besten sofort, dann muss ich Sie auch nie wieder hier sehen!“ Wütend zeigte er auf die Tür. Ich öffnete meinen Mund. Das würde ich mir nicht bieten lassen!
Allerdings kam ich nicht mehr zu Wort.
„Leo!“
„Was?!?“, rief der Typ und drehte sich wutentbrannt um. Hinter ihm war ein Mann aufgetaucht. Und wenn ich ‚aufgetaucht’ sage, dann meine ich das auch so. Nicht mal ich hatte gesehen, wo er her gekommen war.
Aber mir fielen sofort seine auffällig weißen Haare ins Auge, die, bis auf eine Strähne, zu einem Zopf zurück gebunden waren.
Trotz seinem scharfen Tonfall sah er ziemlich amüsiert aus. Und er hielt ein Buch in der Hand.
„Du kannst unsere Kunden nicht einfach vergraulen! Entschuldige dich bitte bei dem jungen Herren!“, sagte er, ohne sich auch nur ein bisschen darum zu bemühen, das Grinsen in seinem Gesicht zu verstecken.
„Er hat angefangen! Ich habe mich ganz normal verhalten“, verteidigte dieser Leo sich.
Normal? Dann war das für ihn normal? Was bildete er sich ein, er hatte sich ganz und gar nicht normal verhalten!
„Ah! Also noch so ein Hitzkopf wie du! Willst du vielleicht auch hier arbeiten?“, fragte der Weißhaarige mich, völlig zusammenhangs- und sinnlos, bevor ich auch nur die Gelegenheit hatte, etwas zu meiner Verteidigung zu sagen. Dazu war ich dann nicht mehr in der Lage, weil mein Kopf grade nicht mehr mitkam.
Hä, hier arbeiten? Wieso sollte ich das wollen? Wie kam er überhaupt darauf?
„... W- was? Nein!!“, riefen der Dunkelhaarige und ich nach ein paar Sekunden gleichzeitig und der Weißhaarige brach in lautes Gelächter aus.
Als er nach zwei Minuten immer noch nicht aufgehört hatte, rief Leo, dessen Geduldsfaden nun wohl endgültig gerissen war, wütend: „Du arbeitest doch auch nur hier, weil du dann die ganzen Bücher umsonst lesen kannst!“
Die Provokation erfüllte nicht wirklich ihren Zweck, da der Weißhaarige so entspannt und amüsiert wie eh und je wirkte.
„Nein, das siehst du falsch, Leo“, sagte er mit einer Stimme, die klar machte, wie dumm diese Aussage in seinen Ohren klang. „Ich arbeite hier, weil ihr ohne mich alle komplett aufgeschmissen wärt.“
„Wie bitte?“, entgegnete Leo bitter.
„Ähm, Entschuldigung, kann ich Ihnen helfen?“, fragte die Frau, von der Leo vorhin gemeint hatte, sie könne mir helfen. Sie stand plötzlich neben uns. Ich starrte sie kurz verwirrt und ein wenig erschrocken an. Wo kam sie denn jetzt her? War sie nicht eben noch in ein Gespräch vertieft gewesen?
„... Äh, ja. Ich wollte das Buch da ausleihen“, sagte ich, als ich den Sinn ihrer Aussage verstanden hatte, und zeigte auf die Gewitterlektüre, die der Braunhaarige immer noch in der Hand hielt. Sie folgte meinem Blick.
„Ah ja. Dann bräuchte ich mal bitte Ihren Bibliotheksausweis“, sagte sie und nahm dem Jungen das Buch aus der Hand, welcher es gar nicht merkte. Ich zog meinen Ausweis aus der Hosentasche und gab ihn ihr. Sie nahm ihn entgegen und betrachtete ihn, während sie ihn einscannte.
„Oh, Eliot Nightray! Das ist aber ein schöner Name. Habe Sie auch Geschwister?“ Sie betrieb so ungezwungen Konversation, als würden wir uns schon Jahre kennen. Wieso war nicht sie es gewesen, die mir vorhin über den Weg gelaufen war? Das hätte alles um einiges erleichtert.
Dieser Leo stritt übrigens immer noch mit dem Weißhaarigen, wobei dieser sich eher über ihn lustig machte.
„Äh, danke und ähm, ja, habe ich“, antwortete ich beiläufig auf die Frage, während ich den Streit mitverfolgte. „Sagen Sie mal, gehen die Zwei sich nicht irgendwann an die Kehle?“, fragte ich und deutete auf die zwei Angestellten. Leo sah mir so aus, als würde er jeden Moment einen Mordversuch starten.
Die Schwarzhaarige tippte etwas in den Computer ein, der vor ihr auf dem schmalen Tisch stand, deshalb dauerte es eine Weile, bis sie antworten konnte.
Schließlich hob sie den Kopf und sah mich an. Dann sah sie zu ihren Kollegen.
„Äh Levi, ärgere ihn nicht zu sehr“, sagte sie zu dem Weißhaarigen, der ihr nur ein Grinsen schenkte.
„Ach, verpisst euch doch alle!“, rief Leo, machte eine wegwerfende Geste und verschwand. Ich sah ihm nach, während Levi wieder in Gelächter ausbrach. Die Schwarzhaarige schüttelte nur bemitleidend ihren Kopf.
„... Hat er jetzt gekündigt oder wurde er gefeuert?“, fragte ich. „Nein, nein, nichts von beidem. Keine Sorge“, beruhigte mich die Frau. „Levi hat nur wieder übertrieben. Er hat ihn zu sehr aufgezogen, wie er es sonst auch immer macht.“ Sie lächelte, als wäre der Weißhaarige gar nicht da.
„Ich kann nichts dafür, wenn er sich darauf einlässt. Ich habe nur soviel Macht über ihn, wie er mir gibt“, grinste dieser nur.
„Jaja, immer haben die Anderen Schuld. Rede dir deine Welt nur schön“, sagte sie, aber völlig gelassen. Die Beiden schienen dieses Gespräch öfter zu führen.
„Danke, das mache ich, Schatz.“
Die Schwarzhaarige schüttelte ihren Kopf, als wäre Levi ein hoffnungsloser Fall. So wie ich das hier mitbekommen hatte, war er dies vermutlich auch.
„Eliot, das Buch.“ Sie hielt mir mein Buch und den Bibliotheksausweis hin. „Bring es bitte in spätestens einem Monat zurück oder verlängere es, okay?“
„... Ja, okay. Wird vermutlich eher werden. Aber danke. Äh, tschüss“, sagte ich und drehte mich um.
Herrje, dachte ich, als ich die Bibliothek mit einem ‚Auf Wiedersehen’ im Rücken verließ. War das hier ein Zirkus. Fast schlimmer, als meine Familie.
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