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Tinriel - Das Lesen von Seelen

von Wurzel
GeschichteFantasy / P12 / Gen
Erestor Legolas Thranduil
11.04.2019
15.04.2020
29
59.804
45
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Dieses Kapitel
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15.05.2019 1.286
 
Hallo meine lieben Leser,
ich freue mich sehr, dass so viele diese Geschichte verfolgen, favorisieren oder sogar empfehlen.
Jetzt wünsche ich euch viel Spaß bei diesem Kapitel.
Liebe Grüße
Wurzel

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In der Nacht hatte sie schlecht geschlafen und von einem unbekleideten Erestor geträumt, der sie ein Monster nannte. Zu ihrem Leidwesen musste Tinriel sich eingestehen, dass ihr Traumerestor unglaublich anziehend gewesen war. Unsanft wurde sie von einem gutgelaunten Gil aus dem Schlaf gerissen. „Aufstehen du Morgenmuffel. Das Training fängt gleich an.“ Tinriel drehte sich maulend auf die andere Seite. „Schon vergessen. Ich bin wieder eine Frau und muss mich wieder so benehmen“. Doch Gil hatte kein Erbarmen mit ihr. Er nahm einfach ihren Fuß und zog so lange daran, bis sie mit einem unwürdigen Schnauben auf dem Boden landete. „Ridvan hat gestern Abend keine Zweifel daran gelassen, dass er dich heute pünktlich erwartet. Er meinte irgendwas von „selbst ausgesucht, muss die Suppe auslöffeln, jetzt zieht sie das auch durch“, oder so“. Gil war dabei Tinriel unsanft ins Bad zu scheuchen und warf ihre Beinlinge und eine Tunika hinterher. Entschuldigend meinte er in ihre Richtung: „Nur die Wachenuniform darfst du nicht mehr tragen. Hilian meinte das wäre eine Anmaßung falscher Ehren“. Tinriel lachte trocken auf. „Seit wann ehrt Hilian die Elben, die im Rang unter ihm stehen?“

Wenig später schlurfte sie hinter ihrem Freund auf den Trainingshof. Sie fühlte sich alles andere als fit. Müde und zu Teilen unkonzentriert folgte sie dem nun schon bekannten Drill. Die Krieger um sie betrachteten sie teils mitfühlend, teils spöttisch und ein Teil der Bruchtaler Gardisten auch mit Verachtung. In ihrer braunen Tunika, mit offenen Haaren und ohne flachgebundene Brüste wirkte sie falsch zwischen den muskulösen Kriegern und so fühlte sie sich auch.

Als gegen Mittag Legolas zu der Truppe stieß, besserte sich dies etwas. Der Thronfolger suchte sich zielsicher den Platz neben ihr aus und ließ keine Zweifel daran aufkommen, dass er sie als vollwertiges Mitglied der Truppe ansah. Zu Tins Leidwesen nahm er keine Rücksicht auf ihren körperlichen Zustand, sondern forderte sie unnachgiebig zu einem Zweikampf mit den Langmessern. Tin wusste, dass er ihr damit einen Gefallen tun wollte, um sie in den Augen der Bruchtaler Krieger zu rehabilitieren, doch ganz wohl war ihr nicht bei dem Gedanken vor aller Augen kämpfen zu müssen. Irgendwie war es doch anders, jetzt wo alle wussten, dass sie eine Frau war.

Schneller als Tinriel lieb sein konnte, hatte sich das Gerücht verbreitet und Schaulustige hatten sich eingefunden. Unter ihnen entdeckte Tin auch das tiefschwarze Haar des unausstehlichen Beraters. Seine blauen Augen funkelten schadenfroh, als Tinriel sich Legolas gegenüberstellte. Der Thronfolger verneigte sich höflich und sprach die rituellen Worte: „Ein Krieger kämpft mit seiner Ehre und seiner Seele“. Tin erwiderte deutlich außerhalb des üblichen Protokolls. „Doch bin ich kein Krieger“. Legolas funkelte sie wütend an. Er wusste worauf sie hinaus wollte. „Dennoch wirst du mit allem kämpfen, was dir zur Verfügung steht“. Tin erwiderte störrisch seinen Blick. „Ich will aber nicht“, raunte sie wütend. „Dann erteile ich dir hiermit einen Befehl“. Legolas ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Mit einem entrüsteten Schnauben gab Tin sich geschlagen und verneigte sich ebenfalls. „Ein Krieger bewahrt seine Ehre und seine Seele“, führte sie das festgelegte Zwiegespräch fort.

Ridvan hatte den Disput interessiert verfolgt. Er wusste, worauf die beiden jüngeren Elben anspielten, doch er war sich nicht sicher, ob es ihm gefiel. Selten zuvor hatte Legolas im Beisein anderer Tin zu einem echten Duell gefordert. Da Tinriel ihn anschauen konnte, ohne dass ihn schlechte Erinnerungen quälten, war es Tin möglich, in seinem Blick seine Absichten zu lesen. Egal was Legolas tat, Tinriel wusste es vorher. Sie war immer einen Schritt voraus. Dies glich ihre nur unzureichende Kampfeskunst mehr als aus und der Thronfolger musste sein ganzes Können in die Waagschale werfen.

Als der Kampf begann, wurde sehr schnell deutlich, dass die Zuschauer Tinriel maßlos unterschätzt hatten. Sie konnte jeden von Legolas Angriffen mühelos parieren. Auch wenn ihre Bewegungen weniger elegant waren, so schien sie instinktiv zu erahnen, wohin sein nächster Schlag zielen würde. Mucksmäuschenstill war es auf dem Hof. Nur das Klirren der Messer und das Keuchen der Kämpfer war zu hören, als Tinriel plötzlich eine kaum gedämpfte Stimme vernahm: „Sieh an, sie hat also alle Gaben ihrer Art geerbt“. Einen Moment verlor sie den Augenkontakt zu Legolas und stolperte nur mit Mühe vor seinem nächsten Schlag davon. „Lass dich nicht provozieren“, raunte ihr Freund ihr zu. Verbissen nickend, änderte Tin ihre Strategie. Vom Angriff in die Verteidigung gezwungen sah sich Legolas auf einmal in Bedrängnis. „Du hast einiges dazu gelernt“, bemerkte er dennoch zwischen zwei Messerhieben anerkennend. „Früher bist du schneller müde geworden“. Tinriel sparte sich eine Antwort.

„Früher?“, hörte sie Ridvans empörte Stimme. „Wie oft kämpfst du denn mit meiner werten Tochter?“. „Bevor er so einfach abgehauen ist, um die Welt zu erkunden und mich alleine im Palast zurückgelassen hat, fast jeden Tag“, erwiderte Tinriel an Legolas Stelle, wobei sie jedes ihrer Worte mit einem Schlag untermalte. „Er hat die Ratsitzungen geschwänzt und sie die Handarbeitsstunden“, fiel Gil ihnen in den Rücken. Es war der Balrogtöter, der mit seinem lauten Lachen die Situation entspannte. „Ich denke, dass Ihr doch eine Kriegerin seid“, merkte er amüsiert an und bezog sich auf den verbalen Schlagabtausch vor Beginn des Duells. „Ist das jetzt ein Kampf oder eine Therapiesitzung“, ließ sich Legolas entnervt vernehmen, als Tinriel vor lauter Überraschung einfach innehielt. Der Thronfolger nutze die Gelegenheit, um sich ihr von der Seite zu nähern, doch er war nicht schnell genug. Mit einer leichten Drehung kam Tin neben ihm zu stehen und legte den Knauf ihres Dolches an seinen Hals. „Gewonnen“, sagte sie leise, bevor sie ihn diebisch lächelnd ansah. „Verdient gewonnen“, zeigte sich Legolas als guter Verlierer. Er verneigte sich vor ihr. „Der Weg zur Meisterschaft ist lang“, sprach er die Floskel des Besiegten. Tinriel sah ihn grinsend an. Wie oft hatte sie sich diese Situation vorgestellt. „Die Meisterschaft wird nie erlangt“, erwiderte sie förmlich und verneigte sich vor ihrem besten Freund.  

Aus den Augenwinkeln nahm sie wahr, wie der düstere Berater sich umdrehte und den Hof verließ. Sie schaute ihm verärgert nach. Was hatte er damit gemeint, dass sie alle Gaben ihrer Art geerbt hätte? Es störte sie, dass er offenkundig so viel über Seelenleser wusste. Deutlich mehr als sie selbst je über sich und ihre Begabung in Erfahrung hatte bringen können.

„Als Trostpreis wünsche ich mir einen Tanz“, ließ sich Legolas lautstark vernehmen. Lautes Gelächter schallte über den Hof. Gil und Ridvan konnten sich kaum noch auf den Füßen halten. Diese Diskussion war fast so alt, wie die beiden Elben, die sich noch immer gegenüberstanden. „Ein Tanz?“, echote Tinriel indigniert. „Darum musst du mich nur bitten“, wand sie ein. „Und jedes Mal lehnst du ab“, konterte Legolas breit grinsend. „Um deiner Ehre willen musst du dem Wunsch des Verlierers entsprechen“. Tinriel starrte ihn wortlos an. „Du miese Ratte“, echauffierte sie sich alles andere als ehrenvoll. „Du hast mich mit Absicht gewinnen lassen“, warf sie ihm vor, während sie wütend auf seinen Oberarm einschlug. „Nur damit ich mit dir tanzen muss“. Ridvan lachte Tränen, während ein leicht verwunderter Glorfindel Tinriel davon abhielt, den Thronfolger weiterhin zu malträtieren. „Liebste Tochter eines Orks“, erwiderte dieser mit einem zuckersüßen Lächeln. „Seit Jahrhunderten flehe ich um einen Tanz mit dir. Gönne mir diese eine Freude, du Blume meines Herzens“. Sprachlos über die Unverschämtheit ihres Freundes drehte Tin sich wortlos um und ließ ihn einfach stehen.

„Blume meines Herzens?“, wiederholte Gil amüsiert. „Übertreib es nicht“. „Und ich dachte, sie wäre über `Liebste Tochter eines Orks` verärgert“, schnaubte Glorfindel resigniert. Diese jungen Elben waren auch nicht mehr so, wie zu seiner Zeit. Er vermied es geflissentlich, über seine eigenen Eskapaden nachzudenken.
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