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Tinriel - Das Lesen von Seelen

von Wurzel
GeschichteFantasy / P12 / Gen
Erestor Legolas Thranduil
11.04.2019
15.04.2020
29
59.804
45
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76 Reviews
Dieses Kapitel
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15.04.2020 3.129
 
Hallo zusammen,
endlich kann ich diese Geschichte als "fertiggestellt" abhaken. Einige von euch waren in den letzten Jahren wirklich sehr treue Trinriel-Leser und haben mich trotz der ewig langen Schreibpausen nicht im Stich gelassen. Euch ist es zu verdanken, dass ich die Geschichte doch noch fertig geschrieben habe. Allen voran checkyhuf, die wirklich immer positive, aufmunternde und motivierende Worte gefunden hat. Ein riesiges DANKE!
Die letzten Kapitel habe ich jetzt auf einen Rutsch hochgeladen, damit ihr nicht noch länger warten müsst. Sie sind fertig geschrieben, was sollen sie also noch auf meinem Computer versauern.
Ich hoffe euch hat die Geschichte gefallen.
Liebe Grüße
Wurzel
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Die folgende Nacht wurde zu ihrer schlimmsten seit ihrer Abreise aus Bruchtal. Kaum hatte Tinriel die Schwelle zwischen Ruhen und Schlafen überschritten, nahm die Dunkelheit sie gefangen. Unbarmherzig quälten sie Bilder längst vergangener Schrecken, sodass sie sich schreiend in ihnen verlor. Ridvan kam in dieser Nacht erst spät in seine Gemächer. Er zögerte kurz, als er ein heiseres Krächzen aus dem Zimmer seiner Tochter hörte und rang sich dann dazu durch, sie schlafen zu lassen. Auch wenn sie sich heute mit Legolas gestritten hatte, würde Agodar für sie da sein. Der muskulöse Krieger hatte einen festen Platz in den seltsamen Schlafgewohnheiten seiner Tochter.

Der nächste Morgen kam auf leisen Sohlen und Tinriel erwachte durch das Klopfen an ihrer Tür. „Wacht auf, ihr Schlafmützen“, hörte sie klar und deutlich die Stimme ihres Vaters. Benommen griff Tinriel sich an den Kopf. Sie war alleine. Sie hatte die ganze Nacht versucht aus ihrem Wahnsinn zu erwachen. Angestrengt räusperte sie sich. Ihre Kehle fühlte sich wund und trocken an. Wie betrunken richtete sie sich auf und suchte torkelnd nach ihrem Gleichgewicht. Unendlich langsam gelang es ihr die Tür zu öffnen.
Ridvan erschrak als er seine Tochter sah. Suchend schaute er sich nach dem großen Krieger um, den er im Bett seiner Tochter vermutet hatte, doch dort fand er nur zerwühlte Laken. Besorgt legte er eine Hand an Tinriels Wange. „Agodar war nicht da?“, fragte er und konnte sie Selbstvorwürfe in seiner Stimme nicht unterdrücken. Müde schüttelte Tinriel den Kopf. Noch immer fiel es ihr schwer, sich in der Realität des Wachseins zurecht zu finden. Entsetzt zog Ridvan sie in seine Arme. „Es tut mir leid“, stammelte er. „Ich dachte, er wäre bei dir“. Tinriel wollte etwas sagen, doch nur ein undefinierbarer Laut kam aus ihrer wunden Kehle. Sie hatte sich in der Nacht heiser geschrien. Ridvan dirigierte sie bestimmt auf einen der Sessel. Dann machte er ihr einen Tee und verbot ihr am Training teilzunehmen. Tin ließ alles teilnahmslos mit sich geschehen. Ein Teil von ihr war noch immer in dieser Zwischenwelt gefangen, die sie jede Nacht betrat.

***

Als Ridvan sich zum täglichen Appell aufgemacht hatte, stand Tinriels Entschluss fest. Sie würde nicht im Düsterwald bleiben. Ihr Zustand war für sie nicht mehr zu ertragen. Sie hatte Bruchtal den Rücken gekehrt um unabhängig zu sein. Doch sie machte sich etwas vor. Ihre Abhängigkeit hatte sich nur von Erestor auf Legolas und Agodar verschoben. Nichts war so, wie es sein sollte und die Leere in ihr wuchs von Tag zu Tag.

Routiniert packte sie das Nötigste zusammen und schrieb ein paar kurze Zeilen für ihren Vater. „Ich gehe nach Bruchtal. Suche nach Antworten.“ Unauffällig sattelte sie ihr Pferd und machte sich auf den Weg. Die Elben waren ihr Kommen und Gehen gewohnt. Sie wunderten sich über ihre ungewohnt schweigsame Art, jedoch hatte der Streit zwischen ihr und Legolas sich bereits rumgesprochen und die meisten vermuteten darin den Grund für Tinriels abweisendes Verhalten.


***

Ridvan fand Tinriels Brief, als er am Abend zurück in seine Gemächer kam. Frustriert rieb er sich über die Augen. Er hätte ahnen müssen, dass Tinriel eine Dummheit vorhatte. Die Meinungsverschiedenheit mit Legolas, die plötzliche Konkurrenz durch die Elbin aus Lothlorien, der Legolas so unbedarft seine Gunst schenkte, die Schlafstörungen. All dies ergab zusammen eine Mixtur, die ebenso explosiv wie gefährlich war.

Mit schnellen Schritten war Ridvan bei Thranduil und zeigte ihm wortlos den Brief. Der König reagierte anders als erwartet. „Das ist gut“, meinte der Monarch mit einem zufriedenen Lächeln. „Es wird Zeit, dass sie den Tatsachen ins Auge blickt. Wenn der seltsame Frauengeschmack meines Sohnes dazu beiträgt, ist das immerhin ein positiver Aspekt dieser unterkühlten Elbin“. Ridvan brauchte einen Moment um die Informationen zu verarbeiten. „Welche Tatsachen?“, fragte er nach, nur um direkt die zweite Frage anzuschließen. „Du kannst sie auch nicht leiden?“.

Thranduil ließ eines seiner seltenen Lachen hören. „Sie ist unterkühlt, hartherzig und keineswegs so liebreizend, wie sie einen glauben machen möchte“, antwortete er auf die zweite Frage zuerst. Dann lehnte er sich genüsslich in seinem Sessel zurück. „Ich denke, Erestor und Tinriel verbindet deutlich mehr, als sie es sich eingestehen“, sagte er mit einem anzüglichen Grinsen. „Wenn mich meine Intuition nicht täuscht, sind die beiden füreinander bestimmt“. Ridvan entgleisten bei diesen Worten die Gesichtszüge. „Das ist nicht dein Ernst“, stotterte er etwas beschränkt vor sich hin. Thranduil grinste ihn nickend an. „Gewöhne dich an die Vorstellung, mein Freund“.

„Dann soll ich Tinriel einfach mutterseelenalleine nach Bruchtal reiten lassen?“, fragte Ridvan vorsichtig nach. Thranduil wiegte nachdenklich mit dem Kopf. „Sie kann gut auf sich selbst aufpassen“, sagte er schließlich leise. „Ich neige dazu, immer noch das Mädchen in ihr zu sehen, dass seine Kräfte nicht im Griff hat. Doch darüber ist sie längst hinaus“. Ridvan stimmte dem König schweigend zu. Tinriel war weder hilflos noch schwach. „Ich hege den Verdacht, dass im Zweifelsfalle ihre Gabe das Steuer übernimmt und für sie entscheidet“, sagte Ridvan leise. „Bevor ihr etwas Lebensgefährliches zustößt, würde ihre Kraft die Kontrolle übernehmen und dann ist ihr kaum jemand gewachsen“.

Die traute Zweisamkeit wurde von einem aufgebrachten Legolas unterbrochen. „Wisst ihr, wo Tin ist?“, wollte der Thronfolger ohne Begrüßung wissen. In seinen Händen hielt er einen kleinen Zettel und ganz offenbar kochte er vor Wut. „Was hat sie denn angestellt?“, wollte sein Vater ohne mit der Wimper zu zucken von dem Prinzen wissen. „Was bildet sie sich eigentlich ein, sich in meine Angelegenheiten einzumischen?“, schrie Legolas erbost. Wortlos nahm Ridvan dem aufgebrachten Legolas den Zettel aus der Hand. „Du hast mich um meine Meinung gefragt und ich habe dir eine ehrliche Einschätzung ihrer Person gegeben. Öffne dein Herz, dann wirst du erkennen, wie sie ist“. Tinriels Worte waren weder diplomatisch, noch beschönigt. Ein Stückweit konnte Ridvan Legolas verstehen. Er konnte es auch nicht leiden, wenn sich jemand in seine Gefühlsangelegenheiten einmischte. Doch in diesem Falle gab er Tinirel recht. Diese Elbin war nicht so, wie sie sich gab und alles andere als die Richtige für den Thronfolger.

„Sie ist auf dem Weg nach Bruchtal“, sagte Thranduil mit ruhiger Stimme. Legolas starrte ihn mit großen Augen an. „Feiges Miststück“, zischte er wütend und drehte sich um. Kurz bevor er die Tür erreichte, schaute er nochmal zurück. „Wer begleitet sie?“, wollte er schon deutlich ruhiger wissen. „Ihr Pferd“, antwortete der König trocken. Er wusste, was jetzt folgen würde und er lag richtig. Legolas explodierte und machte dabei dem Temperament seines Vaters alle Ehre. „Seid ihr wahnsinnig, ihr könnt sie doch nicht alleine reiten lassen!“, tobte er. Der König blieb, entgegen seiner sonstigen Gewohnheiten, völlig ruhig. „Das war ihre Entscheidung. Tinriel ist erwachsen“. Legolas stürmte wütend aus dem Raum und schmiss die Tür hinter sich zu.

„Wird er ihr folgen?“, fragte Ridvan mit besorgter Stimme. Thranduil schüttelte den Kopf. „Er hat hier inzwischen zu viel Verantwortung um einfach alles stehen und liegen zu lassen“. „Ich werde Agodar bitten sich auf den Weg zu machen. Vielleicht kann er sie noch einholen“, sagte Ridvan entschlossen und stand auf. Thranduil nickte ihm zu.

***

Agodar war nicht überrascht, als Ridvan ihn bat Tinriel zu folgen und ihr einen Brief zu übergeben. Nur Minuten vorher war ein überaus aufgebrachter Thronfolger bei ihm gewesen und hatte dasselbe vom ihm verlangt. Zudem hatte er im Laufe des Tages versucht, seine Freundin zu finden und war über einige Ungereimtheiten gestolpert. Er hatte geahnt, dass Tin den Palast verlassen hatte und nicht so schnell vorhatte zurück zu kommen. In routinierter Eile hatte er seine Siebensachen gepackt und trabte auf dem Rücken seines ausgeruhten Pferdes durch die Tore des Palastes. So wie er Tin kannte, würde es schwer werden sie einzuholen.

Tinriel erlebte den Ritt nach Bruchtal durch einen Schleier aus Müdigkeit. Nur selten ruhte sie sich aus und vermied es einzuschlafen. Wenn sie schlief, band sie sich mit den Händen an ihr Pferd, das mit beruhigender Zuverlässigkeit scheute, wenn sie anfing zu schreien. Der Ruck des bockenden Tieres, das an ihren Armen zerrte, ließ sie meist wieder aufwachen. Tinriel verließ sich auf ihre Intuition. Jetzt, da sie sich nicht mehr weigerte, Erestor zu sehen, übernahmen ihre Instinkte das Steuer. Sie fühlte eine Art körperlichen Sog, der sie zielstrebig und auf dem kürzesten Weg nach Bruchtal führte. Für Agodar wurde es dadurch schwierig ihr zu folgen. Oft verließ Tinriel die Straßen und Wege, um querfeldein zu reiten. Dann konnte der Krieger des nachts nicht weiterreiten, ohne in Gefahr zu geraten, die Spuren der Elbin zu verlieren.

***

Nach erstaunlich kurzer Zeit sah Tinriel das verborgene Tal von Bruchtal vor sich. Freude und Angst machten sich in ihr breit. Wie würde Erestor auf sie reagieren? Langsam ritt die Elbin auf den Hof und schaute sich um. Ein Stallknecht war herbei geeilt, um ihr Pferd zu übernehmen. Vorwurfsvoll schaute er sie an, als er den erschöpften Zustand des Tieres bemerkte. Tin nahm seine Blicke gar nicht wahr. Wie in einer Trance ging sie durch Imladris auf die Gemächer Erestors zu. Weder die Zwillinge, noch Glorfindel, die gemeinsam auf den Trainingsplätzen kämpften, nahm sie zur Kenntnis. „War das nicht Tinriel?“, wollte Elladan von seinem Bruder wissen. Glorfindel schaute ihr nur wissend hinterher. Er hoffte, dass nun alles zu einem guten Ende finden würde.

Schon als Tinriel vor Erestors Tür stand, spürte sie die Ruhe, die sie durchströmte. Aufatmend schloss sie die Augen. Jetzt war sie zu Hause. Hier war alles genauso, wie es sein sollte. Müde öffnete sie Tür und trat ein. „Wird jetzt noch nicht einmal mehr angeklopft, bevor man mich stört“, hörte sie die gereizte Stimme des dunkelhaarigen Beraters. Tinriel musste grinsen. Seine Stimme löste ein warmes Kribbeln in ihrer Mitte aus. Als Erestor schließlich aufblickte, sah er direkt in ihre bernsteinfarbenen Augen.

Doch weder Schmerz noch Leid explodierten in ihm. Da waren nur eine unendlich tiefe Ruhe und Freude. Ohne Worte stand er auf und nahm die Elbin in den Arm. Sanft schmiegte sie sich an seine Brust und legte den Kopf auf seine Schulter. Während Erestor noch zu verblüfft war, um etwas zu sagen, war Tinriel auch schon eingeschlafen. Vorsichtig hob Erestor seine Liebste hoch und setzte sich mit ihr in einen der Sessel. Versunken streichelte er ihren Rücken, fuhr ihr durch die zerzausten Haare und küsste ihren Scheitel.

Es war Glorfindel zu verdanken, dass an diesem Tag niemand mehr Erestor störte. Der Balrogtöter hatte das Gerücht verbreitet, dass der dunkle Berater die übelste Laune hatte und jeder der ihn störte auch direkt in den Westen segeln konnte.

Erestor verbrachte Stunden in seinem Sessel und hielt Tin in den Armen. Die Elbin war völlig erschöpft und schlief tief und ruhig. So blieb Erestor genügend Zeit, um sich darüber Gedanken zu machen, wie er sich Tinriels Anwesenheit und ihr seine Gefühle erklären konnte.

***

Das erste, was Tinriel spürte, war die warme, muskulöse Brust auf der sie lag. Dann nahm sie den vertrauten Geruch nach Erde und Moos wahr. Zögernd öffnete sie die Augen. „Guten Morgen“, grinste sie ein verstörend gut gelaunter Erestor an. Tin erschrak, als sie merkte, dass sie auf seinem Schoß saß und die Arme um ihn geschlungen hatte. Verlegen wollte sie sich losmachen, doch Erestor ließ dies nicht zu. Stattdessen zog er sie noch näher an sich und gab ein wortloses Schnurren von sich. Tinriel erstarrte. Was tat der sonst so unnahbare Elb da. „Ich“, fing sie leise stotternd an, doch Erestor schüttelte nur bestimmend den Kopf. „So leicht kommst du mir nicht davon“, meinte er mit düsterer Stimme. Verwundert drehte Tinriel ihren Kopf, um Erestor anschauen zu können. Ihr ganzer Körper kribbelte, während in ihrem Innersten endlich alles ruhig war. Keine störenden Bilder, kein Gefühl von Leere, nur das Wissen darum angekommen zu sein. Sie rutschte auf Erestors Schoß herum, während ihr die Röte in die Wangen schoss. Als sie es endlich geschafft hatte den Elb anzublicken, ließ dieser ihr keine Zeit, um in seinen Augen zu lesen. Erestor blickte unverwandt auf ihre Lippen, während seine Hände ihren Rücken entlang, über ihre Taille und ihre Hüfte strichen. Tinriel spürte ein Verlangen in sich aufkommen, dass sie sonst nur im Reich der Träume erlebt hatte. Langsam kam Erestor ihrem Gesicht näher und automatisch schloss Tinriel die Augen. Ihre Gefühle fuhren Achterbahn. Als Erestors Lippen sanft über ihre Stirn, die Nase hinab zu ihrem Mund strichen hielt sie die Luft an. Zart und vorsichtig war dieser erste Kuss, der in Tinriel ein Feuerwerk explodieren ließ. Zitternd saß sie danach auf Erestors Schoß und war froh, von ihm gehalten zu werden. Nach einem kurzen Augenblick streckte sie ihm auffordernd das Gesicht entgegen. Erestor lachte dunkel auf, was Tinriel einen wohligen Schauer durch den Köper jagte. Unendlich langsam küsste der dunkle Elb sie. Als sie die Lippen öffnete wurde der Kuss intensiver und sie stöhnte auf. Peinlich berührt wollte sie sich abwenden, doch Erestor ließ dies nicht zu. Sie weiterhin in den Armen haltend stand er auf und trug sie wortlos in sein Schlafzimmer.

***

Der nächste Morgen begrüßte Tin mit wunden Lippen und einem süßen Lächeln. Erestor hauchte ihr eine Vielzahl von Küssen auf jeden Teil ihres Körpers, der nicht von Stoff bedeckt war. „Du brauchst dringend ein Bad“, war seine wenig charmante Aussage, die Tinriel erröten ließ. Mürrisch schlug sie mit einem Kissen nach dem Berater, der sie lachend hochhob und ins Badezimmer trug. „Ich besorge dir ein paar frische Sachen“, sagte er schlicht und küsste sie noch einmal hingebungsvoll. Sehnsüchtig schaute Tinriel hinter ihm her und ließ sich dann ein Bad ein. Während sie im warmen Wasser lag, dachte sie nach. Wie hatte sie nur die ganze Zeit übersehen können, wie tief ihre Gefühle für Erestor waren. Wie dumm sie gewesen war. Wie viele schlaflose und albtraumhafte Nächte sie sich gespart hätte, wenn sie früher erkannt hätte, was Erestor für sie war.

Gestern Nacht waren ihr die Augen geöffnet worden. Noch nie hatte sie für einen Elb ähnliche Gefühle empfunden wie für Erestor. Weder für Gil, mit dem sie das Lager geteilt hatte, noch für Legolas, der ihrem Herzen am nächsten stand. Weder Ridvan, noch Thranduil oder Agodar hatten diese Vielzahl an Empfindungen in ihr auslösen können, die Erestor in ihr geweckt hatte. Alles überstrahlend war jedoch das Gefühl von Zuhause, das sie in seiner Nähe empfand. Hatte sie noch Zweifel an der Ernsthaftigkeit ihrer Emotionen, waren sie durch diese Ruhe und Vollkommenheit aus der Welt geschafft. Nur bei ihrem Seelenpartner, dem Einen, den die Valar für sie bestimmt hatten, nur bei ihm würde sie sich derart geborgen und angekommen fühlen. Ihr war klar, egal wo auf der Welt sie sein würde, bei Erestor war ihr Zuhause.

***

Während Tinriel sich im warmen Wasser der Badewanne angenehmen Gedanken hingab, ritt ein gut gelaunter Agodar durch Bruchtals Tore. Ohne sich auf die umständliche Begrüßung Lindirs einzulassen, übergab er sein Pferd den Stallknechten und machte sich auf den Weg zu den Übungshöfen. Dort hoffte er Glorfindel zu finden und durch ihn einige brisante Informationen zu erfahren. Wie erwartet war der blonde Ausnahmekrieger bereits beim Training und scheuchte einige seiner Gardisten mit einem sadistischen Lächeln durch den Sand. Als er den Waldlandkrieger sah, gebot er ihnen mit einer Handbewegung ohne ihn weiter zu machen.

Mit ruhigen Schritten ging der Balrogtöter dem großen Waldelben entgegen, den er als ausgezeichneten Krieger und Anführer kennengelernt hatte. „Ist euch eine kleine Nachtblume abhandengekommen?“, wollte er anstelle einer Begrüßung wissen und erntete ein tiefes Lachen Agodars. „Hätte mich auch gewundert, wenn sie hier nicht angekommen wäre“, erwiderte dieser leise. „Ridvan und der Prinz vergessen allzu gerne, wie mächtig ihre Lieblingsleserin inzwischen geworden ist“. Glorfindel nickte verstehend. Diese Fürsorge konnte er in gewissen Maßen gut nachvollziehen. Auch in ihm hatte Tinriel Beschützerinstinkte geweckt, die sie beileibe nicht mehr nötig hatte.

„Sie kam gestern gegen Mittag, ging zielstrebig in Erestors Gemächer und seitdem ist keiner der beiden wiedergesehen worden“. Das zweideutige Zwinkern hätte Glorfindel sich sparen können. Agodars Grinsen war eine Spur wölfisch und keineswegs jugendfrei. Salopp scherzte er: „Dann ist mein Bett ab jetzt wieder für andere Damen frei“. Glorfindel starrte ihn einen Moment sprachlos an und klopfte ihm dann lachend auf die Schulter. „Das nenne ich mal sportlich fair“. Erst da fiel Agodar auf, wie falsch seine Aussage verstanden werden konnte. Peinlich berührt wollte er das klarstellen, doch Glorfindel ließ ihn nicht zu Wort kommen. „Da kommt er“, raunte er und zeigte auf Erestor, dessen düstere Kleidung wenig zu dem Strahlen in seinen Augen passte.

Glorfindel zog ihn in eine männlich ruppige Umarmung und grinste dabei von einem Ohr zum anderen. Erestor war diese Zurschaustellung von Gefühlen in der Anwesenheit der Bruchtaler Gardisten sichtlich unangenehm. Es schien, als wüssten bereits jetzt schon alle, was sich in seinem Schlafgemach abgespielt hatte. Agodar hingegen reichte ihm mit einem schelmischen Zwinkern die Hand. „Mein Beileid. Sie ist wahrlich keine einfache Partnerin“. Doch das Grinsen und die ehrliche Freude, die aus seinen Zügen sprach, straften seine Worte Lügen.

Noch bevor Erestor etwas erwidern konnte, hatte Agodar ihm zwei Briefe in die Hand gedrückt. „Für Tinriel vom Prinzen und Ridvan“, sagte er und grinste noch immer wie ein Honigkuchenpferd. „Ich werde mir jetzt eine wohlverdiente Pause von den Kapriolen des Königshauses gönnen. Glorfindel, braucht ihr in nächster Zeit Zuwachs zu Euren Truppen?“. Glorfindel lud ihn mit einer einfachen Handbewegung ein, am Training teilzunehmen. Erestor ging kopfschüttelnd weiter. Diese Elben aus dem Düsterwald waren schwer zu verstehen.

***

Tinriel saß bei einem gemütlichen Glas Wein in ihrem Lieblingssessel und schaute ihrem Seelenpartner bei der Arbeit zu. In der Hand hielt sie die beiden Briefe, die Erestor ihr im Auftrag Agodars übergeben hatte. In wenigen Worten, die jedoch all die Liebe beinhaltete, die er für sie empfand, wünschte ihr Ziehvater ihr alles Glück der Erde und den Segen der Valar. Legolas hatte mit deutlich mehr Worten in etwa dasselbe geschrieben. Noch hallte zwischen den Zeilen der Zwist mit, den sie beide gehabt hatten, aber Tinriel wusste, dass dies nicht von Dauer sein würde. In einigen Tagen würde sie die Briefe beantworten. Momentan genügte es ihr einfach in Erestors Nähe zu sein und die Flut an neuen Gefühlen zu ordnen und zu genießen. Noch war sie nicht bereit, sich der Welt außerhalb von Erestors Gemächern und deren Geborgenheit zu stellen. Sie wollte diesen Zustand schwebender Leichtigkeit voller Glück genießen und sich endlich in die Liebe fallen lassen.
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