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Tinriel - Das Lesen von Seelen

von Wurzel
GeschichteFantasy / P12 / Gen
Erestor Legolas Thranduil
11.04.2019
15.04.2020
29
59.804
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Dieses Kapitel
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29.03.2020 4.686
 
Das Training wurde sehr lustig. Die hohen Zwillinge stolperten für Stunden über den Saum ihrer Röcke und nicht nur Tinriel konnte sich ein lautes Lachen nicht verkneifen. Die Sprösslinge des Hausherrn ertrugen alles mit erstaunlicher Ruhe. Oft lachten sie mit den Gardisten. Tinriel konnte nicht anders, als die beiden sympathisch zu finden. Sich derart lächerlich zu machen und dabei Spaß zu haben, zeugte von einer inneren Größe, der Äußerlichkeiten nichts anhaben konnte. Glorfindel war von der mangelhaften Disziplin seiner Krieger weniger angetan, doch auch er hatte seinen Spaß an den unbeholfenen Stolpereinlagen der Zwillinge. Er gönnte es den beiden von Herzen, diese Wette verloren zu haben.

Am Nachmittag bekam Tinriel die Rechnung serviert. Der Balrogtöter hatte von allen eine „angemessene“ Bekleidung verlangt und die Zwillinge hatten sich umgezogen und dabei die Elbin als neues Projekt auserkoren. Unnachgiebig trainierten sie mit ihr und nahmen keine Rücksicht auf ihre geringere Kampfeskunst. So landete Tinriel deutlich häufiger im Sand, als es ihr lieb war. Es schien ihr als wäre das jahrelange Training im Düsterwald völlig umsonst gewesen. Sie fühlte sich wie eine blutige Anfängerin. Immer wieder traf das stumpfe Übungsschwert schmerzhaft auf eine von ihr ungeschützte Stelle, bis sie am Abend schließlich nur noch ächzend auf die Füße kam. Bei allem wirkten die Zwillinge jedoch nicht so, als würden sie Rache nehmen. Im Gegenteil, Tinriel hatte das untrügerische, Gefühl sich den Respekt der beiden erworben zu haben. Sie sahen in ihr einen ebenbürtigen Gegner und irgendwie schmeichelte ihr das. Auch wenn ihr alles weh tat.

Als die Sonne schon tief am Himmel stand, hielt Elladan der am Boden liegenden Tinriel auffordernd die Hand entgegen. „Ich denke es reicht für heute“, merkte er lächelnd an. Tin konnte nicht anders als entsetzt zu keuchen „Für heute?“. Lautes Lachen ertönte aus dem Schatten der Arkaden. Dort aus dem Dunkel traten Thranduil, Ridvan und Erestor. Allen drei war deutlich ihr Amüsement anzumerken. Sie trugen die elegante Garderobe, die an Elronds Tafel erwartet wurde und waren offensichtlich auf dem Weg in die Halle. Tin konnte nicht anders als beim Anblick der drei ein tiefes Gefühl der Geborgenheit zu spüren. Sie versuchte sich an einem leichten Knicks zur Begrüßung, doch nur Elladans schneller Griff an ihren Arm hielt sie davon ab, das Gleichgewicht erneut zu verlieren. Ridvan zog tadelnd die Augenbrauen nach oben. Er kannte seine Tochter und wusste, dass sie öfter als es ihr gut tat ihre eigenen körperlichen und auch mentalen Grenzen überschritt. Der König fand den Zustand seiner kleinen Nachtblume einfach nur amüsant. Er wusste, dass sie spätestens in zwei Tagen wieder völlig hergestellt wäre. Nur Erestor sah sich genötigt einen Kommentar zu verlieren, doch er fiel anders aus als erwartet. „Tinriel, Ihr wart zu gnädig mit ihnen“, sagte er mit einem Augenzwinkern. „Den Söhnen unseres Lord Elronds solltet ihr wenigstens die Ehre zu Teil werden lassen ernsthaft gegen sie zu kämpfen“. Damit ließ er die Zwillinge und die Elbin seines Herzens stehen und ging mit den Besuchern weiter zur Halle.

„Was meint er?“, fragte Elrohir, doch Tinriel war zu sehr damit beschäftigt dem Berater hasserfüllt hinterher zu blicken und antwortete nicht gleich. Musste er gerade jetzt auf ihre Gabe anspielen? Musste er sie gerade jetzt daran erinnern, zu welchen Abartigkeiten sie fähig war? Ein leichter Stoß auf ihre schmerzende Schulter brachte sie dazu ihre Aufmerksamkeit wieder Elronds Söhnen zu widmen. Zwei quasi identische Augenpaare blickten sie auffordernd an. „Was“ „meint“ „er?“, wiederholten die beiden ihre Frage abwechselnd. „Hört auf damit. Das verwirrt mich“, erwiderte Tinriel mürrisch. An die Eigenheit, die Sätze des anderen zu beenden, hatte sie sich noch nicht gewöhnt. „Ihr seid doch nur neidisch, dass Ihr unsere Sätze nicht vollenden könnt“, konterte Elladan trocken. „Wetten?“, sprang sein Bruder in die Bresche. „Einsatz?“, ging Tin auf die Idee ein. Das versprach lustig zu werden. Mit ihrer direkten Antwort hatte sie die Zwillinge überrascht und die beiden überlegten einen Augenblick, bevor ihnen ein passender Einsatz einfiel. „Der Verlierer muss einen beliebig wählbaren Haarschmuck tragen“. „Bevor ich dem zustimme, müssen wir noch den Zeitraum festlegen“, merkte sie an. „Heute Abend in der großen Halle“, schlug Elladan vor. „Falls ich es schaffe, aus der Badewanne bis dorthin zu kommen“, stimmte Tinriel nur halb im Scherz zu. Sie spürte jeden Knochen in ihrem Leib und fürchtete schon in der warmen Wanne in tiefen Schlaf zu fallen, nur um nachts splitterfasernackt durch halb Bruchtal bis vor Erestors Schlafzimmertür zu wandern. Sicherheitshalber würde sie heute mit Kleidung baden gehen.

Doch gegen ihren Willen musste Tinriel sich eingestehen, dass das lockere Gemüt der Zwillinge genau das war, was ihr seid Gils Tod gefehlt hatte. So hatte sie weniger Probleme als erwartet die entspannende Wanne wieder zu verlassen und sich zu den Herrschaften in die Halle zu begeben. Zwar ließen ihre Bewegungen es an Anmut fehlen, doch als sie endlich in dem bequemen Sessel neben Elrohir und gegenüber von Thranduil Platz genommen hatte, spielte auch das keine Rolle mehr. Die Zwillinge waren schon da und unterhielten sich prächtig mit Ridvan und Erestor. Tin schloss kurz die Augen und öffnete ihren Geist einen Spalt, gerade genug um die Gedanken der beiden aufzufangen. Und dann legte sie los. Sie war sich vollauf bewusst, dass ihr Handeln weder das Einverständnis Erestors noch das Wohlwollen Elronds besaß, doch das störte sie nicht. „…dann trafen wir auf eine kleine Orkrotte“, unterbrach sie Elladan in der Schilderung ihres letzten Ausfluges in die Ausläufer des Gebirges. Kurz stockte das Gespräch, doch Elrohir überbrückte die Stille indem er mit einem Grinsen fortfuhr: „Sie waren ausgemergelt und …“ „kaum ein ernstzunehmender Gegner“, sprang Tin in die Bresche. So ging es eine Weile und während die Irritation der Zuhörenden immer weiter stieg, war es Erestor, der als erster erkannte welches Spiel hier gespielt wurde. Er sah Tinriel vorwurfsvoll an. „Ihr spielt mit gezinkten Karten“, merkte er an. „Aber nicht doch“, erwiderte Tin mit einem zuckersüßen Lächeln. „Die beiden haben es so gewollt“. Ihre Unschuldsmine verleitete den sonst so düsteren Berater zu einem Lachen und wieder einmal durchströmte ihn die Erkenntnis, dass diese Elbin unvergleichlich war und er verspürte tiefes Glück bei dem Gedanken daran. Es war wohl nur Glorfindel, der die Gefühle seines besten Freundes erahnen konnte, doch auch den anderen Anwesenden wurde klar, dass Tinriel gerade ihre Fähigkeiten an den Zwillingen demonstriert hatte. „Ich wäre Euch sehr verbunden, wenn Ihr Eure mentalen Finger aus den Köpfen meiner Söhne nehmen würdet“, merkte Elrond leicht verstimmt an. „Ich könnte Euch sagen, was sie als nächstes planen“, zwinkerte Tin ihm zu. Sie spürte, dass seine Verstimmung nicht tief war. Im Gegenteil, er gönnte es den beiden von Herzen, in ihr eine ernstzunehmende Gegnerin ihrer oft herben Wetten zu haben. „Darauf verzichte ich“, sagte er, „Ich denke wir dürfen uns auf euren Einsatz freuen“. Die Zwillinge nickten mit erstaunlicher Contenance. Sie waren gute Verlierer, erkannte Tin und zog sich aus ihren Gedanken zurück. Die plötzliche Leere ließ sie schlucken. So einsam wie in diesen ersten Atemzügen ohne die innere Nähe der Zwillinge hatte sie sich selten gefühlt. „Ihr teilt ein beneidenswertes Band“, hörte sie sich sagen bevor ihr bewusst war, was sie da von sich gab. Ridvan drückte sacht ihre Hand, doch auf mentaler Ebene spürte sie Erestors Fürsorge am deutlichsten und dies verwunderte sie. Der düstere Elb hatte sich in der vergangenen Zeit derart gut vor ihr abgeschirmt, dass sie am Tage noch nicht einmal sagen konnte, ob er neben ihr stand oder nicht. Nur nachts schien dies alles außer Kraft gesetzt zu sein. Wie sonst fand sie immer wieder und wieder zielgenau zu seinen Gemächern?

„Nachdem ich diese Wette nun gewonnen habe, werde ich meine geschundenen Knochen auf eine weiche Matratze betten“, sagte Tinriel mit einem Lächeln. „Ich begleite Euch“, meinte Erestor und reichte ihr ohne zu fragen die Hand. Auf dem Weg zu ihren Gemächern rechnete Tin mit einer gesalzenen Strafpredigt, doch diese blieb aus. „Wahrscheinlich ist es der Wunsch ein ähnliches Band zu teilen, der uns alle ihre Späße klaglos ertragen lässt“, meinte er schließlich kurz vor Tinriels Tür. Tin stockte kurz. „Es ist einzigartig“, gab sie zu. „Und es führt uns unsere eigene Einsamkeit unbarmherzig vor Augen“, ergänzte Erestor leise. Tin nickte verlegen. Ihr schien es, als könne der Elb an ihrer Seite tief in ihre eigene Seele blicken und im gleichen Augenblick schoss ihr der Gedanke in den Kopf, dass alle sich genauso in ihrer Gegenwart fühlen mussten und sie empfand tiefsten Respekt vor ihren Freunden, denen dies so wenig ausmachte.

Erestor machte keine Anstalten vor ihrer Tür stehen zu bleiben. „Bei dem Muskelkater, den Ihr morgen haben werdet, verdient Ihr eine Nacht in einem weichen Bett“, sagte er nonchalant und setzte sich ohne großes Aufheben in den Sessel neben dem Fenster. Tinriel starrte ihn fassungslos an. In den letzten beiden Nächten war es ihr gelungen, noch vor seinem Erwachen aus seinem Arbeitszimmer zu schleichen, doch offensichtlich war ihr ihre Täuschung nicht gelungen. „Hat Sonnenscheinchen mich verpetzt?“, fragte sie indigniert nach? Erestor lachte auf und sah mit einem Mal wie ein kleiner Junge aus. „Nein, aber danke für den Hinweis. Mit ihm werde ich noch über Loyalitäten sprechen“, er machte eine kurze Pause, „Ihr habt Euch eben selbst verraten“. Tin stöhnte gequält auf und flüchtete in ihr Badezimmer.

Die Anwesenheit Erestors neben ihrem Bett rief ein nicht zu ignorierendes Kribbeln in ihrem Bauch hervor. In all den vielen Stunden, die sie mit dem dunklen Berater verbracht hatte, war es nie verschwunden. Noch immer zog seine athletische Gestalt ihre Blicke auf sich und selbst der Gedanke an Gil konnte sie nicht davon abhalten, sich vorzustellen, wie er unter der Kleidung aussah. Sein so fürsorgliches Verhalten warf sie immer wieder völlig aus der Bahn und noch immer war sie sich nicht sicher, ob er nicht ein manipulatives Spiel mit ihr spielte.

„Ich wünschte ich wüsste, warum der Boden vor Eurem Schlafzimmertür so anziehend für mich ist“, sagte sie, als sie in lockerer Kleidung und mit offenen Haaren wieder in ihren Schlafraum trat. Sie krabbelte unter ihre Decken. Im Bad war ihr bewusst geworden, dass gerade dieser Elb, der dort neben ihrem Bett saß und vorhatte die Nacht dort zu verbringen, genau der Elb war, der sie wohl in den schlimmsten Stunden ihres Lebens begleitet hatte. Scham oder gar Ablehnung war hier also eigentlich völlig unangebracht und dennoch fühlte es sich seltsam an, dass er jetzt hier neben ihr saß und sie mit undefinierbaren Augen anschaute.
„Schlaft Tinriel. Ihr seid erschöpft“, sagte Erestor mit sanfter Stimme, die dennoch keinen Widerspruch duldete. Tin schloss ergeben die Augen. Heute war nicht der Tag um über die verqueren Relationen nachzudenken, die sie und den dunklen Elben verbanden. Sie spürte Erestors Blick auf sich ruhen, doch schnell übermannte sie die Müdigkeit.

Erestor genoss es Tinriel beim Schlafen zu beobachten. Am Anfang hatte es ihn irritiert, dass sie die Augen geschlossen hielt, doch dies war längst einer lieben Vertrautheit gewichen. Er dachte zurück an die ersten Nächte in der Hütte. Dort hatte er ebenso neben der Elbin gesessen und gehofft, dass sie den Weg zurück aus ihrem Wahnsinn finden würde. Jetzt schlief sie ruhig und friedlich und kein Albtraum schien sie zu quälen. Sanft sahen ihre Gesichtszüge aus und verrieten nichts von der Härte zu der sie fähig war. Am liebsten hätte er ihr die Haarsträhnen zurückgestrichen und ihre Wange gestreichelt, doch er riss sich zusammen. Irgendwann wäre die Zeit dafür gekommen. Jetzt war es noch nicht so weit. Der Mond schien hell durch das Fenster und tauchte das Zimmer in sein kaltes Zwielicht. Erestor schlief nicht in dieser Nacht. Er war in die Betrachtung Tinriels versunken und merkte kaum wie die Zeit verstrich. Ein Gedanke jagte den nächsten, ohne dass sie sich fassen ließen und irgendwie empfand Erestor in dieser Nacht eine Art von Frieden. Als der Mond dem grauen Licht des Morgens Platz machte stand er auf und tat, was er die ganze Zeit hatte tun wollen. Er beugte sich über die schlafende Elbin und hauchte ihr einen Kuss auf die leicht geöffneten Lippen. Dann ging er leise und schnell in seine eigenen Gemächer.

Tinriel erwachte mit dem Gefühl, etwas Wichtiges verpasst zu haben. Die Nacht war kaum dem Morgen gewichen und sie brauchte einen Augenblick um sich zu orientieren. Es war so ungewohnt in ihrem eigenen Bett wach zu werden, dass sie zunächst nicht wusste wo sie sich befand. Unbewusst griff sie sich an die Lippen. Ihr Blick suchte Erestor und der Stich der Enttäuschung der sie durchfuhr, als sie ihn nicht entdeckte, überraschte sie selbst in seiner Intensität. Es wurde Zeit, dass sie sich endlich ernsthaft damit auseinandersetzte, warum sie ausgerechnet seine Nähe suchte.

Mühsam richtete sie sich auf. Das Training mit den Zwillingen hatte deutliche Spuren hinterlassen. Sie fühlte sich wie unter eine Wargrotte gekommen. Jeder Muskel schmerzte und die Sehnen ihrer Schwerthand protestierten, als sie die Decke zur Seite schob und aufstand. Heute würde sie, wenn überhaupt, nur am Training ohne Waffen teilnehmen können. Eine Katzenwäsche später stand sie in der Küche und wartete, bis ein Diener ihr ein Tablett mit Frühstück für zwei gerichtet hatte.

Zaghaft klopfte sie an Erestors Arbeitszimmer. Sie wusste nicht woher ihre Entschlossenheit kam, sich endlich mit ihrer Beziehung zu dem dunklen Berater auseinanderzusetzen. Als sie eintrat, überkam sie die tiefe innere Zuversicht am richtigen Ort zu sein. „Ich wollte mich bedanken“, sagte sie zurückhaltend und hob das Tablett ein Stückchen nach oben. „Frühstück?“, fragte sie. Erestor musterte sie aus unergründlichen Augen und Tinriel hätte zu gerne gewusst, was er dachte und empfand. Sie stellte das Essen auf den kleinen Tisch am Kamin und schaute ihn erwartungsvoll an. Der Berater ließ sich Zeit, bevor er zu ihr kam. „Wofür möchtet Ihr Euch bedanken?“, fragte er mit ruhiger Stimme. Tin zögerte bevor sie die Antwort gab, die sich richtig anfühlte: „Für Eure Hilfe, Eure Fürsorge und Euer Vertrauen in mich“, sagte sie leise. „Ohne Euch hätte ich es nicht geschafft. Ich stehe tief in Eurer Schuld“. Erestor ergriff ihre Hände, die sie nervös geknetet hatte. Mit der anderen Hand hob er ihr Kinn, bis sie seinen Blick erwiderte. Dort sah sie eine tiefe Verbundenheit, die sie verwirrte. „Für Euch jederzeit wieder“, sagte Erestor mit rauer Stimme und Tinriel sah in seinen Augen, wie ernst er dies meinte. Er würde sie so oft aus ihrem Wahnsinn reißen wie es nötig war. Der Kuss, den er ihr auf die Fingerspitzen hauchte, brannte sich wie Feuer durch ihren ganzen Körper. Völlig verwirrt wandte Tin ihm den Rücken zu. Was geschah mit ihr?

Erestor räusperte sich verlegen und als Tinriel sich ihm zu wandte, war er wieder ganz der arrogante, kalte Elb, als den sie ihn kennen gelernt hatte. Tin setzte sich hin und sie aßen schweigend. Still hing jeder seinen eigenen Gedanken nach. Glorfindel störte die traute Runde. „Ridvan ist auf der Suche nach Euch“, sagte er nach einer kurzen Begrüßung. „Er hat sich vorgenommen, heute mit Euch über das Geschehene zu sprechen“. Tinriel nickte mit einem tiefen Seufzen. Zu gerne wäre sie diesem Gespräch aus dem Weg gegangen. Sie wollte sich nicht erinnern. Weder an die Reise und die schönen Stunden mit Gil, noch an den Wahnsinn der folgte. Doch ihr Ziehvater hatte ein Recht alles zu erfahren.

Nicht nur Ridvan, auch Thranduil hatte ein großes Interesse an ihrem Bericht. Die beiden großen Elben hatten sie in ihre Mitte genommen und schlenderten durch die blühende Pracht von Bruchtals Gärten. „Wir haben deine Aufzeichnungen in den Satteltaschen deiner Stute gefunden“, eröffnete Ridvan nach einer Weile das Gespräch. „Und wir haben Gil gefunden“, ergänzte Thranduil. „Und wahrscheinlich habt ihr eine blutige Spur toter Orks gefunden, die sich quer durch das Nebengebirge gezogen hat?“, wollte Tin bitter wissen. Ridvan und Thranduil nickten stumm. „Wir sind ihr ein Stück weit gefolgt, doch der Winter kam zu schnell, als dass wir hätten weiterreiten können“. Tinriel blieb unter den hängenden Ästen einer Trauerweide stehen und schaute auf den munteren Bach, der an ihren Wurzeln entlang floss. „Als Gil starb, habe ich meinen Verstand verloren. Meine Macht hat mich überrannt und ich konnte nicht dagegen an“, sie hob die Hand, um Ridvan daran zu hindern sie zu unterbrechen. Die Emotionslosigkeit mit der sie sprach, hatte ihn zutiefst erschreckt. „Hass und der Wunsch nach Tod war alles was mich beherrschte. Ich spürte weder Müdigkeit, noch Kälte oder Hunger. Ich war das leibhaftige Verderben. Der personifizierte Hass. In mir war es dunkler als zur dunkelsten Stunde der Nacht“. Tinriel schluckte hart und trocken. „Ab und an konnte ich einen klaren Gedanken fassen. Ich wusste, dass ich das geworden war, was ich niemals sein wollte“. Sie blickte krampfhaft auf den Boden. „Das war der Moment, in dem ich wusste, dass ich zu Erestor muss“. Sie schwieg lange. Ihr war klar, dass jetzt die Frage kommen musste, warum sie ausgerechnet zu dem dunklen Berater gehen wollte. „Warum Erestor?“, fragte Thranduil nach einer Weile vorsichtig. Tinriel hob den Blick. „Weil er mir versprochen hat, mich zu töten, wenn ich die Kontrolle verliere“. Wie eine Welle rollte die Wut und das Entsetzen der beiden Elben über sie hinweg. „Es war ein Versprechen, keine Drohung“, sah Tinriel sich genötigt zu sagen. „Und er hat es gebrochen“.

„Ich werde ein ernsthaftes Wort mit ihm sprechen müssen“, knirschte Thranduil mit zusammengebissenen Zähnen. Ridvan hingegen war wie erstarrt. „Er hat wochenlang jeden Tag und jede Nacht darum gekämpft, mir meinen Verstand wieder zu bringen“, sagte Tinriel bestimmt. „Du solltest dich bei ihm bedanken“. Ridvan fasste sie am Arm. „Wann hat er dir das versprochen?“, fragte er tonlos. Tinriel schluckte, als sie sah wie geschockt ihr Ziehvater war. „Nachdem ich den Leser im Düsterwald getötet hatte“, sagte sie leise. „Ich wollte niemals so ein gefühlloses Monster werden“. Ridvan nickte verstehend. „Und genau dazu bist du geworden“, fügte er mit Tränen in den Augen hinzu. Tinriel nickte stumm. Als er die Arme öffnete, flüchtete sie sich in die Geborgenheit, die diese versprachen. „Und jetzt?“, fragte er murmelnd an ihr Ohr, „bist du dir jetzt deiner Kontrolle sicher?“. Tinriel sah in dieser Frage keinen Angriff, sondern spürte nur die tiefe Besorgnis, die Ridvan durchdrang. „Ja, adar, diesen dunklen Teil meiner Kraft haben wir weggesperrt“. „Wir?“, fragte Thranduil nach. „Erestor, Elrond und ich“. Sie drehte sich zu dem König um. „Ohne die beiden wäre es mir nicht möglich gewesen, mich zu kontrollieren“.

Den Rest des Tages verbrachte Tinriel in einem tranceartigen Zustand, in dem sie sehr nachdenklich und melancholisch war. Erinnerungen brachen über sie herein, die sie nicht verdrängen konnte. Die Reise mit Gil, ihre zweisamen Stunden, der Wahnsinn und die Erkenntnis, dass nur noch der Tod sie retten konnte. Wie seltsam es war, dass sie noch lebte und jeden Tag ein Stück mehr ins Leben zurückfand. An diesem Abend mied sie die Halle und die Gesellschaft anderer Elben. Sie spazierte durch die Gärten bis der Mond hoch am Himmel stand.

Es war Erestor, der sie dort aufsuchte, wortlos ihren Arm ergriff und sie zu ihrem Zimmer führte. Tinriel ließ es mit sich geschehen. In ihrem Kleid legte sie sich aufs Bett und schloss die Augen. Sie spürte, wie die Matratze sich unter Erestors Gewicht senkte. Ruhig lag der große Elb an ihrer Seite und im Takt seiner Atemzüge sank Tinriel schließlich in den Schlaf. Es hatte etwas ungemein Vertrautes und Beruhigendes, ihn an ihrer Seite zu wissen. Das waren die einzigen Momente, in denen sie sich rückhaltlos fallen lassen konnte und dennoch sicher sein konnte, geborgen zu sein. Ihre Bilder und Erinnerungen schwiegen in seiner Gegenwart und sie fand Ruhe. So klar wie an diesem Abend in dem kurzen Moment zwischen Wachen und Schlafen war ihr das noch nie gewesen.

Als sie am Morgen aufwachte, war das Bett neben ihr leer, doch in den Laken hing noch der Geruch des dunklen Beraters und Tinriel konnte nicht anders als ihn tief einzuatmen. Die praktische Trainingskleidung der Gardisten anziehend begab sie sich auf den Hof der Krieger und begann mit einigen leichten Lockerungsübungen. Bis Glorfindel und der Rest seiner Garde auftauchte, war in Tinriels Glieder wieder ihre übliche Geschmeidigkeit eingekehrt und sie konnte ohne Einschränkungen am Training teilnehmen. Die Waffenübungen forderten schnell ihre ganze Aufmerksamkeit und hinderten sie daran weiter über die vergangene Nacht nachzudenken. Zu den Gardisten gesellten sich im Laufe des Vormittages Ridvan und die Zwillinge, die ebenfalls auf dem Hof trainierten.

Am frühen Nachmittag verbannte Glorfindel sie vom Hof, da er der Meinung war, dass sie sich für heute genug geschunden hatte. Die Zwillinge hatten sie erneut herausgefordert und Tinriel spürte wieder einmal jeden Knochen. Das Training mit den Söhnen Elronds raubte ihr jegliches Selbstvertrauen, das sie in ihre eigenen kämpferischen Fähigkeiten gehabt hatte. Bei den dunkelhaarigen Kriegern kam sie sich wieder wie ein blutiger Anfänger vor. Doch die beiden schienen ganz anderer Ansicht zu sein. Kumpelhaft setzten sie sich neben sie und klopften ihr aufmunternd auf die Schultern. „Ihr haltet Euch gut“. „Die meisten geben nach einem halben Tag auf“. Überrascht blickte Tinriel auf. Synchron brachen die jungen Krieger in lautes Lachen aus. Tinriel konnte nicht anders als mitzulachen. „Dann war das also ein Test?“, hakte sie nach. „Ob ich den Schneid habe durchzuhalten?“ Elladan nickte mit einem welpenhaften Augenaufschlag. Elohir zerstörte den Moment, indem er meinte: „Wir wissen ja bereits, dass Ihr tödlich sein könnt“. „Wie bitte?“, Tinriel glaubte sich verhört zu haben. Die Verlegenheit, die plötzlich über die Zwillinge kam, schürte ihr Unverständnis noch weiter an. Elrohir schaute hilfesuchend zu seinem Bruder. „Wir dachten Erestor hätte es Euch gesagt“, druckste er herum. „Was soll er mir denn gesagt haben?“, fragte Tinriel alarmiert nach. „Dass Elrond seine Söhne geschickt hat, um von dem zu berichten, was Ihr im Gebirge zurückgelassen habt“, tönte die Stimme des dunklen Beraters aus dem Schatten heraus. Tin zuckte leicht zusammen, doch sie fing sich schnell wieder. „Und?“, wollte sie von den Zwillingen wissen. Erestor war hinter ihr stehen geblieben und rührte nicht einen Muskel. Elrohir schaute sie entschuldigend an. „Ich dachte wirklich, Ihr wüsstet Bescheid“. Tin knuffte ihn ungeduldig in die Seite. „Das würde ich gerne, also erzählt es endlich“. Innerlich spürte sie, wie sich Wut in ihr regte und an die Oberfläche drängte. Bewusst atmend drängte sie sie zurück. Erestor legte ihr beruhigend eine Hand auf die Schulter. Es war unheimlich, wie gut er sie inzwischen kannte.

„Wir haben mehrere Orkrotten gefunden, die abgeschlachtet waren“, sagte Elladan, nach einem kurzen Blickkontakt zu Erestor. „Ihre Wunden stammten von ihren eigenen Klingen“, fuhr Elrohir fort. „In einer Höhle haben wir eine Gruppe Orks gefunden, die scheinbar kollektiven Selbstmord begangen haben“. Tinriel nickte. Das war nichts Neues für sie. „Keine anderen Opfer?“, fragte sie mit vor Anspannung gepresster Stimme. Elladan schüttelte den Kopf. „Ihr habt Euch auf Orks beschränkt“. Mit einem lauten Seufzen atmete Tin aus. „Dann ist ja gut. Ich habe die ganze Zeit befürchtet, Unschuldige getötet zu haben“. Zwei dunkelbraune Augenpaare musterten sie überrascht, während Erestor ihre Schulter unterstützend drückte und seine Hand dann fortnahm. Leer und kalt fühlte sich die Stelle an, auf der sie gelegen hatte und Tin verkniff es sich, dorthin zu fassen.

Nach einigen Momenten des Schweigens, fragte Elrohir vorsichtig: „Wie habt Ihr das gemacht?“ Tinriel blickte überrascht auf. „Ihr seid nicht angewidert? Ihr habt das blutige Gemetzel gesehen, dass ich zurückgelassen habe“. Elladan schüttelte an Stelle seines Bruders den Kopf. „Die Orks haben unsere Mutter entführt und gequält. Hass auf diese Geschöpfe verstehen wir besser als jeder andere sonst“. Tinriel brauchte einen Moment um zu erkennen, wie tief diese Wahrheit ging. Die Zwillinge hassten Melkors Geschöpfe auf eine Art, die ihr selbst fremd war. Nur im Wahnsinn hatte sie ähnlich empfunden. „Das ist meine Gabe“, sagte sie schließlich sehr leise. „Oder mein Fluch, je nachdem wie man es auslegen will“. Sie atmete einige Mal tief durch bevor sie fortfuhr: „Wenn ich die Kontrolle verliere, überfluten meine Gefühle alle Lebewesen in meiner Nähe und verstärken diese. Wut wird zu Hass, Hass zu Mordlust und Mordlust zu dem Gemetzel, das Ihr gesehen habt“.

Die Sonne wanderte ein ganzes Stück über den Horizont, während die Zwillinge über das Gesagte nachdachten. Anders als von Tinriel befürchtet, machten sie keine Anstalten von ihrer Seite zu weichen. „Und könnt Ihr auch positive Gefühle so weitergeben?“, fragte Elladan schließlich nach. Tinriel zuckte ratlos mit den Schultern. „Das weiß ich nicht. Ich habe es noch nie versucht. In der Regel ruft mein Blick das Schlimmste hervor, doch ich kann auch gezielt Dinge zeigen, die ich zeigen möchte. Vielleicht kann ich auch ganz bestimmte Emotionen in andere projizieren“. „Damit könntet Ihr vielen helfen, denen das Leben hier zur Last wird und die auf ein Schiff in den Westen warten müssen“, sagte Elrohir leise. Tinriel ahnte, dass er an seine Mutter dachte.

Glorfindel unterbrach die Unterhaltung. „Ihr seid ja immer noch hier“, begrüßte er das Dreiergespann und seinen besten Freund gut gelaunt. „Ich hoffe immer noch, Euch eines Tages oben ohne kämpfen zu sehen“, konterte Tin mit einem Zwinkern. Nach einem kurzen Moment der Überraschung brachen alle bis auf Erestor in lautes Lachen aus. „Aber nur, wenn ich gegen meinen besten Freund kämpfe“, zwinkerte ihr der Balrogtöter zu und Tinriel wurde gegen ihren Willen knallrot. „Vielleicht kriegen wir ihn mit einer Wette dazu?“, erbot sich Elladan eifrig und mit leuchtenden Augen. Tinriel ahnte, dass sie mit ihrer unbedachten Äußerung eine ungute Idee in den Köpfen der Zwillinge geweckt hatte. „Erst einmal solltet Ihr Eure alten Wettschulden einlösen“, wand sie ein. „Gebt uns eine halbe Stunde, dann haben wir uns gewaschen und Ihr dürft mit uns nach Herzenslust tun, was Euch beliebt“. Bewusst zweideutig gesprochen freute Elrohir sich über Glorfindels hochgezogene Braue. „Ich erwarte Euch in meinen Gemächern“, erwiderte Tin mit einem breiten Grinsen und einem Zwinkern. Den Blick, mit dem Erestor sie musterte, entging ihr völlig. Anderenfalls hätte sie es sich nochmal überlegt, die Zwillinge in ihre Gemächer einzuladen.

Am Abend hatte Tinriel es sich auf dem Ehrenplatz neben Thranduil bequem gemacht. Standesgemäß saß der König an Elronds Rechter und unterhielt sich mit seinem langjährigen Freund. Er erahnte, dass Tin nicht ohne Grund neben ihm saß. Irgendetwas führte sie im Schilde und es freute ihn, dass sie den Schalk zeigte, der in ihr steckte. Ernsthaft und still war ihm seine Nachtblume unbekannt. Jetzt hatte sie es sich mit einem guten Krug Wein gemütlich gemacht und harrte der Dinge, die kommen würden. Immer mal wieder naschte sie von den Leckereien der hohen Tafel. Als Erestor die Halle betrat, blickte sie auf und folgte seinem Weg, der ihn zielgenau auf den Platz an ihrer Seite führte. „Wo habt Ihr die Zwillinge gelassen?“, wollte er anstelle einer Begrüßung wissen und Thranduil fragte sich, wann der Umgang der beiden so vertraut miteinander geworden war. „Sie hatten ein kleines Stelldichein in ihren Gemächern“, unterbrach der Balrogtöter die Unterhaltung, um etwas Salz in Erestors Wunde zu streuen. „Vielleicht sind die beiden Jungspunde der Energie Tinriels nicht gewachsen“. Es war nicht zu überhören, dass Elronds Hauptmann seinen besten Freund damit reizen wollte. Erestors Miene verdunkelte sich auch wie beabsichtigt, doch Tin lenkte ein. „Da kommen sie“. Neugierig beugte sie sich vor und schob den großen Balrogtöter mit einer ungeduldigen und völllig respektlosen Handbewegung zur Seite. In einem der Torbögen waren die Nachkommen Elronds erschienen. Nun beugte sich auch der Hausherr leicht nach vorne. Im Halbdunkel war es noch schwer zu erkennen, doch irgendetwas schien mit den Haaren seiner Söhne nicht zu stimmen. Vereinzeltes Lachen schwoll zu einem lauten Chor an, in den die hohen Lords einstimmten. Elladan sah aus, als hätte eine Mäusefamilie ein Nest auf seinem Kopf gebaut. Die sonst glänzend und fein fallenden Haare waren zu einer verfilzten Krone gedreht, aus der Äste und Moos herausblitzten. „Radagast wäre neidisch“, murmelte Thranduil deutlich hörbar und löste eine weitere Lachsalve aus. Elrohir hingegen schien das Haupt voller Schlangen zu haben. Mit dünnen Drähten standen hunderte von Zöpfen als Spiralen von seinem Kopf ab. Mit dem ganzen Stolz des Schöpfers lehnte Tinriel sich zurück und nahm einen tiefen Schluck aus ihrem Becher. „Hübsch, nicht?“, merkte sie an. Elrond versuchte nicht einmal, seine Genugtuung zu verbergen. Er prostete der jungen Leserin zu und nickte zustimmend. „Ich hätte nie gedacht, dies einmal in meinem Leben zu sagen, doch ich freue mich bereits auf ihre nächste Wette mit Euch“. Tin lächelte diabolisch. „Ich auch“, sagte sie feierlich und es klang wie eine Drohung.
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