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Tinriel - Das Lesen von Seelen

von Wurzel
GeschichteFantasy / P12 / Gen
Erestor Legolas Thranduil
11.04.2019
15.04.2020
29
59.804
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04.10.2019 1.795
 
Als Tinriel erwachte, sah sie nichts als graues Dämmerlicht. Ihre Hände und Füße waren mit festen Eisenketten an den vier Pfosten ihres Bettes befestigt. Nach einiger Zeit erkannte sie, dass ein dünnes Tuch aus schwarzem Stoff über ihre Augen gebunden war und sie deshalb ihre Umgebung nur in einem unscharfen Grau wahrnehmen konnte.

Irgendwo in ihr regte sich der Hass, doch Tinriel hielt ihn zurück. Wo auch immer sie war. Es ging ihr nicht schlecht und das war immerhin ein Fortschritt. Sie schloss die Augen und lauschte in die Stille. Nur das Zwitschern der Vögel war zu hören. Die Luft, die durch das halboffene Fenster herein strich war frühlingshaft warm. So klar war Tinriel seit langem nicht mehr gewesen. Sie hielt mit aller Macht daran fest. Sie wollte mit Erestor sprechen. Sie war sich absolut sicher, dass nur er für ihre momentane Lage verantwortlich war.

Als sie schließlich das Öffnen der Tür hörte, drehte sie ihren Kopf in die Richtung und rief leise: „Wer ist da?“. „Ihr seid wach?“, hörte sie die erfreute Stimme Erestors und schloss vor Erleichterung die Augen. Eine einzelne Träne entwischte ihr und rann über ihre Wange auf das Kissen. Sie spürte, wie sich die Matratze unter Erestors Gewicht senkte. Seine kühlen Hände strichen über ihre Wangen und zogen den Weg der Träne nach. „Wie lange bin ich hier?“, wollte Tinriel wissen. „Einige Wochen“, antwortete Erestor bereitwillig. „Ab und an seid Ihr bei klarem Verstand, doch noch immer verfallt Ihr in den Wahnsinn zurück“. Tinriel nickte verstört. So eine deutliche Aussage bezüglich ihres Geisteszustands hatte sie nicht erwartet. Sie schwieg eine ganze Weile, bis Erestor ihre Fußfesseln soweit lockerte, dass sie sich aufsetzen konnte. „Ich habe Euch Eintopf mitgebracht“, sagte er und drückte ihr eine warme Schüssel in die Hand. „Könnt Ihr selbst essen?“, fragte er und Tinriel streckte entschlossen die Hand aus und bekam einen hölzernen Löffel gereicht. Hatte er sie in den letzten Wochen etwa gefüttert? So einige entsetzliche Gedanken drängten sich nach oben. Hatte er sie gewaschen? Wie war das mit der Notdurft verlaufen? Schamesröte senkte sich über ihre Wangen, doch sie hielt eisern fest an ihrem Verstand. Noch einmal würde sie ihrem Hass nicht das Ruder überlassen. Langsam aß sie den kräftigen Eintopf, während Erestor ihr schweigend Gesellschaft leistete. An diesem Tag wusch sie sich selbstständig mit Hilfe eines Eimers. Doch bereits der nächste Tag wurde wieder von ihrer zerstörerischen Kraft überschattet. Sie war noch weit davon entfernt sich selbst kontrollieren zu können. Erestor schien dies zu wissen und zu ihrem Erstaunen nahm er ihr keinen ihrer Rückfälle übel. Im Gegenteil. Er unterstützte sie und half ihr so gut er konnte. Dabei achtete er jedoch stets darauf sich selbst völlig abzuschirmen und ihrer Kraft keine Angriffsfläche zu bieten. Selbst wenn Tinriel versuchte, ihn mit Hilfe ihrer Kraft wahrzunehmen gelang es ihr nicht.
Irgendwann war Erestor dann wohl der Meinung, dass Tinriel weit genug war um Besuch zu empfangen. Glorfindel kam in einem Strahlenkranz aus Licht. So kam es Tin auf jeden Fall vor. Sie gab sich die größte Mühe möglichst normal zu wirken, doch die ganze Zeit zerrte und zog ihr Hass und wollte den Sonnenkrieger mit seinen schlimmsten Ängsten konfrontieren. Erestor schien dies zu erahnen, denn schon bald ließen er und Glorfindel sie wieder mit dem Dämmerlicht ihrer Augenbinde allein. Nicht ohne sie vorher sorgsam ans Bett gekettet zu haben.

Nach Tinriels Gefühl dauerte es Wochen, bis Erestor sie unter seiner Aufsicht die Augenbinde abnehmen ließ und ihr erlaubte, sich frei im Bereich der Hütte zu bewegen. Ihre Selbstkontrolle war soweit wiederhergestellt und nur am Rande nahm sie das zerstörerische Potenzial ihrer Macht noch wahr. Es fiel Tin schwer es sich einzugestehen, doch ab und an verspürte sie so etwas wie Glück. Mit Elrond führte sie viele Gespräche über das Geschehene und ihre Gefühle darüber. Vor allem über ihre Scham und ihre Schuld, doch am meisten halfen ihr die Momente der Vertrautheit, die sie mit Erestor teilte. Wann immer er in ihrer Nähe war, fiel es ihr leichter, ihre Schatten zu verdrängen. Schlussendlich war auch er es und nicht Elrond, der ihr erlaubte, auch die Nächte ohne Ketten zu verbringen. Immer mehr wurde sie wieder zu der Elbin, die er im Düsterwald kennen gelernt hatte, doch schien sie ihm viel reifer und älter zu sein.

„Ihr Wahnsinn hat vieles in ihr verändert“, sagte Elrond an einem frühlingshaften Abend zu seinem dunklen Berater. „Aber er hat sie auch stärker gemacht“, fügte er hinzu. „Ich denke, sie ist sogar stärker als du denkst“, meinte er nachdenklich. Nach einer Pause fragte er völlig aus dem Zusammenhang gerissen. „Was haben Ridvan und Thranduil auf deinen Brief geantwortet?“. Erestor musste nicht überlegen. Vor wenigen Tagen war die Antwort seiner Freunde aus dem Düsterwald eingetroffen. „Sie machen sich große Sorgen, aber sie werden so lange von hier fernbleiben, wie wir es für notwendig halten“, auch er schwieg einen Moment. „Ridvan schreibt, dass er tief in unserer Schuld steht“, fügte er hinzu. „Der König hat sich keine Mühe gemacht seine Erleichterung zu verbergen und auch Legolas hat deutlich durchblicken lassen, wie dankbar er uns ist“. Elrond musste sich ein leichtes Lachen verkneifen, bevor er seinen Berater ironisch fragte: „War das nicht immer dein Wunsch? Der Eryn Lasgalen in der Schuld Bruchtals stehend?“. Als er das Zusammenzucken seines Gegenübers sah, taten ihm seine Worte auch schon wieder leid. Erestor litt mehr unter Tinriels geistigen Gesundungsschwierigkeiten als er es sich eingestehen wollte. „Ich sollte vorsichtig sein mit dem was ich mir wünsche“, murmelte der dunkle Elb leise und verabschiedete sich mit einer leichten Verbeugung.

Als er am nächsten Morgen erwachte und seine Schlafzimmertür öffnete, fand er davor auf dem Boden Tinriel, die zu einer festen Kugel zusammen gerollt auf dem kalten Marmor schlief. Seufzend breitete er seine Decke über sie, bevor er bei einem Diener ein Frühstück für zwei bestellte und sich an den Schreibtisch setzte. Erst einige Stunden später rührte sich das Bündel auf seinem Fußboden und streckte sich verschlafen. Nur wenige Augenblicke brauchte es zur Orientierung, bevor Tin sich verwundert aufrappelte und umschaute. „Warum bin ich nicht in der Hütte?“, fragte sie und musterte die düstere Gestalt hinter dem großen Schreibtisch fragend. „Offensichtlich schätzt Ihr meine Gesellschaft“, hörte sie von dort Erestors belustigte Stimme. „Dort steht Frühstück für Euch bereit, nur der Tee dürfte inzwischen kalt sein“, ließ er sich vernehmen und deutete auf ein gut gefülltes Tablett auf einem kleinen Tisch. Tinriel setzte sich und bediente sich gehorsam von den Speisen. Schweigen breitete sich zwischen ihnen aus, das alles andere als unangenehm war. Erneut schloss Tinriel die Augen und verfiel in einen leichten Dämmerschlaf, in dem sie die Einwohner Bruchtals auf geistiger Ebene wahrnahm. Erst als sie eine Hand auf ihrem Arm spürte, kam sie wieder ganz zu sich. Elrond hatte sich an ihre Seite gesetzt, während Erestor noch immer an seinem Schreibtisch arbeitete.

„Was bewirkt die Nähe so vieler Elben in eurem Geist?“, fragte der Hausherr sie interessiert. Tinriel dachte angestrengt nach. „Ich nehme sie wahr“, antwortete sie schließlich leise. „Ihre Gefühle, ihre Sehnsüchte und Ängste sind wie das Rauschen des Windes. Nur ab und an drängt sich etwas in den Vordergrund“. Erestor hatte mit dem Schreiben aufgehört und lauschte interessiert Tinriels Worten. Elrond nickte verstehend. „Keinerlei Wünsche, sie zu quälen oder sie mit ihren Ängsten zu konfrontieren?“, hakte er nach. Tin schüttelte den Kopf. „Dieser Teil der Kraft ist festgekettet“, sagte sie bestimmt. „Und endlich halten die Ketten, die ich um ihn gelegt habe“, fügte sie weniger selbstsicher hinzu. In den letzten Wochen hatte sie zusammen mit Elrond und Erestor daran gearbeitet ein mentales Bild ihrer Kraft zu schaffen und den Teil, der für ihren Wahnsinn verantwortlich war wegzuschließen. Ihn zu vertreiben war nicht geglückt und Tinriel hatte das Gefühl, dass er zu ihr dazu gehörte. Dass er ein Teil von ihr war, den sie akzeptieren musste, auch wenn sie ihn nicht mochte. Nachdem sie ihren Frieden damit geschlossen hatte, war es ihr viel leichter gefallen sich zu kontrollieren.

Elrond und Erestor tauschten einen langen Blick. „Dann denke ich, dass es an der Zeit ist ein neues Zimmer für Euch zu finden“, sagte Elrond schließlich mit einem zufriedenen Lächeln. „Ich schicke Lindir zu Euch, sobald es gerichtet ist“. Tinriel nickte mit gemischten Gefühlen. Freude darüber, dass man ihr vertraute und Angst, dieses Vertrauen nicht verdient zu haben.
„Glorfindel erwartet Euch morgen zum Training der Gardisten“, ließ sich Erestor vernehmen, als der Hausherr sie wieder alleine gelassen hatte. Tinriel schaute überrascht hoch, wobei sie jedoch jeglichen Augenkontakt mied. „Er will mich als Teil seiner Garde?“, fragte sie. Der dunkle Berater nickte ihr nachdenklich zu. „Als Leihgabe des Düsterwaldes, sozusagen“, fügte er augenzwinkernd hinzu bevor er sich wieder seiner Arbeit widmete. Tinriel leistete ihm schweigend Gesellschaft.

Dieser Elb hatte sie über alle Maße überrascht. Niemals hätte sie gedacht, dass er ihr helfen würde ihren Verstand zurück zu gewinnen. Niemals hätte sie mit der Fürsorge gerechnet, zu welcher er fähig war. Wenn er sie in der Hütte besucht hatte, war nichts mehr von dem arroganten Düsterling übriggeblieben, als den sie ihn kennengelernt hatte. Er hatte keinerlei Anstalten gemacht sie zu töten, obwohl er ihr genau dies angedroht hatte, sollte sie jemals jemandem Schaden zufügen. Und das hatte sie definitiv getan. Das wenige, an dass sie sich erinnerte reichte aus, um ihr klar zu machen, dass sie eine blutige Spur durch das verschneite Nebelgebirge gezogen hatte. Dabei hatte sie keinen Unterschied gemacht, ob sie angegriffen worden war oder nicht. Sie stand tief in Erestors Schuld.

„Was bedrückt Euch?“, wollte dieser wissen, als er ihre gerunzelte Stirn bemerkte. „Wie soll ich Euch jemals danken“, antwortete Tinriel ehrlich. „Ich stehe tief in Eurer Schuld“. Erestor schaute sie überrascht an. Damit hatte er nicht gerechnet. Aber Tinriel konnte nicht wissen, dass er so hatte handeln müssen. Niemals hätte er weiterleben können, wenn sie weiterhin dem Wahn verfallen wäre oder er sie getötet hätte. Er hatte seinen Geist so hermetisch abgeriegelt, dass Tinriel von seinen wahren Gefühlen nicht den Hauch einer Ahnung hatte. Es hatte ihn geschmerzt zu erfahren, dass sie mit Gil mehr als reine Freundschaft verbunden hatte. Er war sogar wütend auf den Toten geworden und hatte sich mit Glorfindel über die Übungsplätze gescheucht. Seitdem schauten ihn die Gardisten mit einer neuen Art des Respektes an. Tinriel hatte auch davon nichts mitbekommen. Abseits in der Waldhütte hatte sie ihren ganz eigenen Kampf führen müssen und Erestor musste sich eingestehen, dass er stolz darauf war, wie sie ihn gemeistert hatte.

„Ihr müsst mir nicht danken“, sagte er schließlich ernst. „Für Euch würde ich das jederzeit wieder tun“. Tinriel schwieg verblüfft und ein leicht betretenes Schweigen breitete sich zwischen ihnen aus. Lindirs Eintreffen rettete beide aus der peinlichen Situation und Tinriel ließ sich bereitwillig ihr neues Zuhause zeigen. Jetzt hatte sie noch mehr, worüber sie nachdenken musste.
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