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Tinriel - Das Lesen von Seelen

von Wurzel
GeschichteFantasy / P12 / Gen
Erestor Legolas Thranduil
11.04.2019
15.04.2020
29
59.804
45
Alle Kapitel
76 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
04.10.2019 1.775
 
Hallo zusammen,
heute kommt ein Kapitel, mit dem ich alles andere als zufrieden bin. Ich hoffe ihr übersteht es und bleibt an der Geschichte dran. Es wird nochmal alles auf den Kopf gestellt und verändert und das leider viel zu schnell... Aber irgendwie hat mich an dieser Stelle der Geschichte die Muse verlassen und mit endlosem Hin- und Her-Geschreibe ist es auch nicht besser geworden.
Für eure Leidensfähigkeit gibt es dafür heute gleich zwei Kapitel.
Liebe Grüße
Wurzel

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KAPITEL 23

Tinriel und Gil saßen auf ausgeruhten Pferden und trabten mit gut gefüllten Provianttaschen immer Richtung Osten. Nachdem der erste Trennungsschmerz überwunden war, genossen beide ihr Abenteuer in vollen Zügen. Es wurde viel gescherzt und gelacht und nur selten überkam Tinriel noch ihre Schwermütigkeit. Am Abend schlief sie mit dem Kopf auf Gils Brust ein und schaffte es so, ihre Traumbilder unter Kontrolle zu halten. Es dauerte Wochen, bis sie dem Carnen folgend an den Ufern des Rhunmeeres standen. Wann immer sie in Siedlungen kamen, fragten sie nach Legenden über Elben und bekamen einige haarsträubende Geschichten zu hören, die jenseits jeglicher Realität waren. Hinweise auf Tinriels Mutter bekamen sie jedoch keine. Also zogen sie weiter. Die Freundschaft zwischen den beiden Elben vertiefte sich mit jedem Tag und manchmal ertappte Tin sich bei der Frage, ob nun Legolas oder Gil ihr näher standen. Mit Gil teilte sie einige intime Momente, die es nie mit Legolas gegeben hatte oder jemals geben würde. Er hatte ihr die Vorzüge der körperlichen Zuneigung gezeigt und in Tinriel eine gelehrige Schülerin gefunden. Liebe war es nicht, was sie füreinander empfanden, doch kam ihre intime Vertrautheit dem recht nahe.

Immer weiter zogen sie nach Osten und fanden schließlich Hinweise auf eine elbische Siedlung, die schon lange nur von Frauen bewohnt wurde. Niemand traute sich an diesen Ort, der nur „Stadt des Grauens“ genannt wurde. Tinriel und Gil ritten erwartungsvoll weiter und wurden bitter enttäuscht. Außer versandeten Ruinen fanden sie nichts an diesem angeblich so grauenhaften Ort. Noch nicht einmal die Ruinen ließen auf elbische Baukunst schließen.

Tinriel und Gil zogen einige Zeit durch das Land. Immer weniger getrieben von der Hoffnung etwas über den Verbleib von Tinriels Mutter zu hören. An diese Stelle war die Neugierde getreten, etwas über das ihnen unbekannte Land, die Menschen, ihre Sitten und Gebräuche zu erfahren. Erst als die Sehnsucht nach dem dunklen Blätterdach des Waldes, dem Zwitschern der Vögel und sogar nach den Spinnen und Rieseneichhörnchen übermächtig geworden war, kehrten sie ihrer Suche den Rücken und machten sich auf den Heimweg in den Eryn Lasgalen. In einem großen Bogen, der sie nördlich der Grauen Berge vorbeiführte ritten sie in gemächlichem Tempo zurück. Noch immer lauschten sie den Geschichten der Menschen, staunten über ihre Eigenarten und wehrten den ein oder anderen Räuber ab, der dachte, dass er bei den schlanken Gestalten leichtes Spiel hätte.

Tinriel war glücklich. Das Leben war so wie es sein sollte. Freundschaft und Verbundenheit gepaart mit Abenteuer. Etwas anderes wünschte sie sich nicht. Doch dann kam der Tag, an dem alles anders wurde. Kurz vor der Nordgrenze des Waldlandreiches wurden sie von einer Rotte Wargreiter angegriffen. Die Nähe der Heimat hatte sie sorglos werden lassen. So gelang es den Orks sie zu umzingeln. Alle Kampfeskunst war gegenüber dieser Masse an Angreifern unterlegen. Als Gil von einem der Warge gepackt und wie eine Ratte geschüttelt wurde, bis er schlaff und leblos zwischen den triefenden Fängen ging, wurde es um Tinriel schwarz. Ein Hass, eine Wut, ein Trieb zu töten brach aus ihr hervor, dass sie selbst die Besinnung verlor. Als sie wiedererwachte, sah sie alles wie durch einen roten Schleier. Um sie herum hatten sich Warge und Orks gegenseitig niedergemetzelt und zerfetzt. Mitten unter ihnen lag Gil. Der Wahnsinn der Angreifer hatte ihn verschont und er lag fast friedlich etwas Abseits des Zentrums. Seine blicklosen Augen hatte er in den Himmel gerichtet, während seine Glieder seltsam verdreht auf dem Boden lagen. Tinriel torkelte mehr, als dass sie ging, bis sie neben ihm schmerzhaft auf die Knie fiel. Ein lauter Schrei des Entsetzens drang aus ihrer Kehle und hallte durch die herbstliche Luft. Sorgsam hob sie ihren Freund auf und trug ihn abseits des Schlachtfeldes zu einer geschützten Stelle zwischen zwei Steinen. Dort legte sie ihn vorsichtig hin und schloss seine Augen. Die Hände verschränkte sie über seiner Brust und legte ihr Schwert darauf. Sein eigenes lag irgendwo in den blutigen Strömen  zwischen den Kadavern der Warge. Ein letzter Kuss auf seine schon erkaltenden Lippen und Tinriel drehte sich um. Noch immer brodelte in ihr der tiefste Hass, den sie jemals empfunden hatte. Nur am Rande nahm sie wahr, dass dieser aus jeder ihrer Poren kroch und sich um sie ausbreitete, wie ein Geschwür. Mit langsamen, aber doch zielstrebigen Schritten ging sie zurück zu den Kadavern ihrer Angreifer. In einem der Tiere war noch genügend Leben, um ihn zu lesen. Tinriel schreckte nicht zurück, als sie sich mit dem Dunkeln dieser Kreatur verband. Sie spürte nicht die übliche Lähmung und Erschöpfung. Nur Hass brannte in ihr. Tiefer, alles zerstörender Hass. Nichts und niemand würde sie aufhalten. Sie würde diesen Ausgeburten Melkors ein für alle Mal den Gar ausmachen. Sich Gils Schwert greifend zog sie los in die Richtung, die ihr der sterbende Geist des Wargs gezeigt hatte. Um sich herum nahm sie nichts mehr wahr. Nicht das letzte Röcheln der Warges, nicht den wispernden Wind, der vom nahenden Winter sprach. Ihr Denken war einzig und allein auf das Töten gerichtet.

***

Als Tinriel das nächste Mal ihre Umgebung wahrnahm stand sie bis zu den Knien im Schnee und um sie herum verfärbte sich das Weiß rot durch das Blut der Orks, die sich gegenseitig an die Gurgel gingen. Kurzzeitig fragte Tin sich, was sie hier machte, doch dann gewann ihre Macht wieder die Oberhand und alles was sie sah war schwarz, rot und Hass. Unter diesen Emotionen trieb Tinriel in einem See aus Trauer. Gil war gestorben. Er war nicht mehr. Eine fiese kleine Stimme in ihrem Kopf flüsterte, dies sei ihre Schuld. Wenn sie früher ihre Macht entfesselt hätte, wäre er jetzt noch am Leben. Das war der Moment in dem Tin jedes Mal aufs Neue wütend auf die Seeoberfläche schlug und einen Sturm aus Hass und Wut entfesselte. Irgendwo am Rande nahm sie wahr, dass sie eine Schneise der Verwüstung hinter sich lassend quer durch das Nebelgebirge zog. Und irgendwo ganz tief in ihr, wusste sie mit absoluter Gewissheit, dass es falsch war, was sie hier tat. Doch so sehr sie auch gegen die Macht ankämpfte, sie war zu schwach um sie meistern. Immer wieder und wieder verlor sie jeglichen Bezug zu ihrem eigenen Tun.

Es musste schon mitten im Winter sein, als Tinriel das nächste Mal die Augen aufschlug und den Hass nur als kleinen Teil in sich lodern spürte. Fröstelnd zog sie die Schultern hoch und erkannte die Misere, in der sie sich befand. Nicht weit von ihr war der Eingang einer Orkhöhle von Leichen übersät. Ihr Körper war unendlich schwach und dürr und nur mit Mühe konnte sie sich aufrichten. Ihre Kleidung hing ihr in Fetzen vom Körper und war nicht dazu geeignet, sie ausreichend zu wärmen. Es fiel ihr schwer einen klaren Gedanken zu fassen. Noch schwerer war es für sie die Dunkelheit der letzten Wochen zu durchdringen, doch irgendwann sickerte es mit grausamer Endgültigkeit in ihr Bewusstsein, dass sie genau das geworden war, was sie niemals gewollt hatte. Eine Marionette ihrer Macht, die ohne Skrupel mordete und sich an den Schreien der Sterbenden ergötzte. Ein Teil ihrer Seele schrie einen einzigen Namen. Erestor. Der andere Teil, der, der zerstören und töten wollte, fokussierte seinen ganzen Hass auf diesen Namen. Mühsam stapfte Tinriel vorwärts, in die Richtung, in der sie Bruchtal vermutete. Dann wurde es wieder dunkel um sie.

Immer mal wieder konnte sie ihre Umgebung wahrnehmen, doch nie hielt ihre Kontrolle lange an. Jedes Mal wurde sie aufs Neue von der Dunkelheit hinweg zu dem See aus Trauer getrieben. Bei jedem weiteren Mal wurde ihre Verzweiflung größer. Gils Tod trat hinter ihrem Entsetzen über sich selbst zurück. Sie wollte das nicht. Sie wollte nicht so sein und dennoch war sie zu schwach um sich zu wehren.

Als sie an ihren Füßen schließlich das kalte Wasser des Bruinen spürte, nahm sie ein letztes Mal all ihre Selbstbeherrschung zusammen und verbannte den Hass tief an den Grund des Sees. Dort umgab sie ihn mit festen Ketten. Erst dann ging sie weiter.
Als die Bruchtaler Gardisten der abgerissenen Gestalt gewahr wurden, die den Bruinen überquerte, ließen sie ihren Hauptmann rufen. Glorfindel brauchte mehr als zwei Blicke, um in der ausgemergelten Frau in zerrissenen Kleidern Tinriel zu erkennen. Ein Stich der Angst durchzuckte ihn. Mit herrischen Worten befahl er seinen Kriegern Erestor zu holen. So sehr er auch hoffte, musste er dennoch auf das Schlimmste vorbereitet sein. Mit sanfter Stimme stoppte er Tinriels Weg bevor sie das Innere Bruchtals erreichte.

Aus seltsam diffusen Augen blickte sie ihn an. „Erestor kommt gleich“, hörte sie den strahlenden Krieger sagen. Mühsam unterdrückte sie den Hass, der sie überrollen wollte. Dort unten am Grund des Sees zerrte und zog er an seinen Ketten. Entkräftet fiel Tinriel auf die Knie und senkte den Kopf. Sie spürte seine Anwesenheit, bevor sie seine Schritte hörte. „Erestor“, seufzte sie und eine derartige Erleichterung machte sich in ihr breit, dass der Hass in ihrer Tiefe umso heftiger um seine Freiheit kämpfte.

Erestor stand fassungslos vor der völlig verdreckten Elbin, die dort vor seinem besten Freund kniete. Er würde nicht tun können, worum sie ihn bitten würde. Niemals könnte er das tun. Dabei hatte er es ihr versprochen.

„Erestor“, hörte er erneut seinen Namen aus ihrem Mund. Doch war es überhaupt noch die Elbin, die er kannte, die da sprach, oder hatte nicht längst etwas anderes ihren Platz eingenommen? „Tinriel“, erwiderte er mit nur schlecht kaschiertem Entsetzten. „Ich bin gekommen ein Versprechen einzufordern“, artikulierte die Elbin erstaunlich klar und sah ihn an. In ihren Augen sah er einen ganzen Sturm aus Tod und Vernichtung und er ertrank darin. Er sah einen dunklen See aus Verzweiflung und sah den sich windenden Hass. Erst als Glorfindel mit einiger Vehemenz die Elbin mit dem Knauf seines Schwertes ohnmächtig schlug, kam Erestor wieder zu sich. Verblüfft nahm er die Tränen zur Kenntnis, die über seine Wangen strömten. „Wir müssen sie in die Hütte im Wald bringen“, hörte er sich sagen. „Sie darf nicht in die Nähe von Elben gelangen“. Glorfindel nickte grimmig und schulterte die viel zu leichte Elbin. Er war erleichtert, dass sein bester Freund keine Anstalten machte sie zu töten. Der völlig untypische Gefühlsausbruch irritierte ihn dennoch. Erestor würde hoffentlich keine Dummheiten machen.
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