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Tinriel - Das Lesen von Seelen

von Wurzel
GeschichteFantasy / P12 / Gen
Erestor Legolas Thranduil
11.04.2019
15.04.2020
29
59.804
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25.09.2019 2.239
 
Nur wenige Tage später beschloss Erestor, dass es nun an der Zeit war, nach Bruchtal zurück zu kehren. Glorfindel widersprach ihm nicht. Er merkte, wie sehr es seinen besten Freund schmerzte, Tinriel jede Nacht in Legolas Armen zu wissen, auch wenn dieser ihr nur einen Freundschaftsdienst erwies. Er sah, dass Erestor darunter litt zu erkennen, dass Tinriel ihm noch immer mit einem gewissen Misstrauen begegnete und das gemeinsam durchstandene Abenteuer ihr Vertrauen in ihn nur teilweise gestärkt hatte. Sie war weit davon entfernt, in Erestor mehr als einen düsteren Finsterling zu sehen, der bereit war, sie im Zweifelsfalle von sich selbst zu erlösen. So kam es, dass der Abend vor ihrem Aufbruch schon schneller bevorstand, als Glorfindel es sich wünschte.

Thranduil hatte zu Ehren der hohen Gäste eine letzte Feierlichkeit organisiert und der Palast summte vor Aktivität. Die Waldlandelben feierten gerne und nahmen jeden Anlass zur Ausgelassenheit an. In der Abgeschiedenheit ihrer Gemächer bekam Tinriel von dem Trubel wenig mit. Sie hing düsteren Gedanken nach, während Grydwen sich bemühte, ihre Haare in ein aufwendiges Geflecht aus Zöpfen, Bändern und Unmengen an Haarnadeln zu verwandeln. Seitdem Tinriel gehört hatte, dass die Bruchtaler Elben abreisen würden, hatte sie eine innere Unruhe gepackt, die sie nicht genau benennen konnte. Irgendetwas störte sie immens an der Tatsache, dass das ungleiche Duo zurück nach Imladris ging. Grydwen riss sie aus ihren Grübeleien. „Möchtet Ihr das violette oder das hellblaue Kleid tragen?“, fragte sie und deutete auf die ausgebreiteten Kleidungsstücke auf Tinriels Bett. Tin reagierte nicht wirklich und zuckte nur teilnahmslos mit den Schultern. „Dann wohl das violette, das passt besser zu Eurer Stimmung“, murmelte die Dienerin mit einem Anflug von Galgenhumor. Tin zuckte leicht zusammen. „Verzeiht mir“, bat sie die Elbin. „Ich weiß selbst nicht, was mit mir los ist“. Grydwen schüttelte nachsichtig den Kopf. „Wessen Abreise geht Euch denn so zu Herzen?“, fragte sie nach. „Lord Glorfindels oder Lord Erestors?“. Tinriel schaute überrascht auf. Offensichtlich sah ihre Dienerin in dieser Angelegenheit klarer als sie selbst. „Gute Frage“, erwiderte sie deshalb auch ehrlich erstaunt. „Ich werde darüber nachdenken“. Grydwen stöhnte theatralisch auf. „Ihr denkt schon genug nach!“, sagte sie mit einiger Vehemenz und scheute Tin von ihrem Sitzplatz auf. „Jetzt zieht Euch an und dann geht ihr feiern“. Tinriel beugte sich dem Aktivismus ihrer Dienerin und schlüpfte in das Kleid. Grydwen hatte Recht. Das dunkle Violett stand ihr heute ausgezeichnet.

Als sie in die Halle kam, war das Fest bereits in vollem Gang. Der König saß an seinem Platz an der Tafel und schaute auf das lustige Treiben zu seinen Füßen. Die Edeldamen trugen ihren schönsten Staat und die Krieger machten ihnen schöne Augen. Die Musik spielte lustige Weisen, auf die es sich gut tanzen ließ. Tinriel hielt beim Betreten der Halle kurz inne. An der Seite Thranduils sah sie Legolas. Agodar vergnügte sich mit einer für ihn viel zu sanftmütigen Elbin und Gil versuchte sein Glück bei der Tochter des Stallmeisters. Glorfindels goldgelbe Mähne bahnte sich gerade einen Weg zu einer der Sitzecken, in der Ridvan sich mit Erestor unterhielt. Dorthin steuerte Tin ihre Schritte.

„Ihr seht bezaubernd aus“, begrüßte sie der Balrogtöter und ließ seinen ganzen Charme spielen. Tinriel dankte ihm mit einem leichten Nicken und setzte sich zu den dreien. Sofort bekam sie einen gefüllten Becher gereicht. „Auf unseren Besuch“, hob Ridvan seinen Wein und Tinriel tat es ihm gleich. Langsam führte sie ihren Becher an den Mund und dachte über das nach, was Grydwen angemerkt hatte. Wessen Abreise versetzte sie in diese undefinierbare Unruhe? War es Erestor oder war es Glorfindel, das Sonnenscheinchen, der sich auch in diesem Moment darum bemühte sein Strahlen aufrecht zu erhalten. „Eure ungezwungene Art des Zusammenlebens wird mir fehlen“, merkte er mit leichter Melancholie an. Und trotz seiner gedrückten Stimmung schien er immer noch zu strahlen. Erestor war da schon ein ganz anderes Kaliber. Er verschmolz mit dem Schatten hinter sich und nur ab und an tauchte eine Hand im Lichtschein auf, die den Becher wieder mit neuem Wein füllte. Der dunkle Berater war noch abweisender als sonst und sogar Glorfindel fiel es schwer, dies zu ignorieren.

„Es wird Zeit für einen Tanz“, merkte er an und streckte Tinriel auffordernd die Hand entgegen. Mit einem ehrlichen Lächeln nahm sie diese an und ließ sich von dem hochgewachsenen Krieger auf die Tanzfläche führen. Erestors düsteren Blick bemerkte sie nicht. „Tinriel“, hob der Balrogtöter an zu sprechen, sobald sie außer Hörweite der anderen waren: „Ich habe die Zeit bei Euch sehr genossen und auch wenn Erestor einen anderen Eindruck vermittelt, weiß ich, dass es ihm genauso ging“. Tinriel schwieg überrumpelt. Damit hatte sie nicht gerechnet. „Auch ich habe Euren Besuch als sehr angenehm empfunden“, antwortete sie schließlich aufrichtig. „Es stimmt mich traurig, Euch zu verabschieden, doch kann ich verstehen, dass Ihr Eure Pflichten in Bruchtal nicht noch länger ruhen lassen könnt“, fügte sie hinzu. Genau in diesem Moment spielte die Musik einen lauten Tusch, sodass sie Glorfindels gemurmeltes „Es liegt nicht an den Pflichten“, nicht hörte.

Der Abend verging wie im Flug und ehe Tinriel sich versah, saß sie mit dem König, den Bruchtalern, ihrem Vater und Legolas in den geheiligten Weinkellern Thranduils und trank einen Absacker. Noch immer blieben ihr ihre eigenen Gefühle ein Rätsel, doch mit steigendem Alkoholkonsum wurde ihr das mehr und mehr egal. Während Ridvan sie besorgt musterte, fand Legolas, dass es allerhöchste Zeit war seine Herzschwester aus ihrer trübsinnigen Laune zu reißen. Die alten Herren wurden Zeuge, wie der Thronfolger die zierliche Elbin nach allen Regeln der Kunst betrunken machte. Nicht, dass Tin sich großartig gewehrt hätte. „Legolas, du bist der Beste“, bedankte sie sich für jeden gefüllten Becher, den er ihr reichte und schmatzte ihm einen Kuss auf die Wange.

Glorfindel verschluckte sich ein ums andere Mal, um sein Lachen zu tarnen. Erestors Laune wurde durch diese Zutraulichkeiten Tins nicht unbedingt besser. Der dunkle Elb trank mindestens so viel wie Tinriel, doch anders als bei ihr sank seine Laune mit jedem weiteren Becher. „Wisst ihr“, lallte Tinriel irgendwann und stand mit großer Geste auf. „Ich bin froh, dass ihr meine Familie seid“. Dabei schaute sie alle in der Runde an und teilte mit jedem einen kurzen Augenblick das betrunkene Glück, dass sie gerade empfand. Peinlich berührtes Schweigen folgte auf diese unverhoffte geistige Intimität. Tinriel war weit jenseits der Fähigkeit ihre eigene Seele abzuschirmen und hatte jedem der Anwesenden einen tiefen Blick auf ihr Innerstes erlaubt. Dies war der Moment, in dem sogar Legolas fand, dass Tin genug getrunken hatte. Vor einem weiteren seelischen Entblößen wollte er seine beste Freundin dann doch bewahren. Er zog sie am Arm neben sich her und schwankte mit ihr zu ihren Gemächern.

Zurück blieben vier erfahrene Elben, die trotzdem nicht wussten, wie sie mit der Situation umgehen sollten. Nur Erestors Stimmung schien sich etwas gebessert zu haben. Er löste die Runde schließlich auf, indem er einfach aufstand und dem Thronfolger und Tin folgte.

Erestor hatte sich gerade fertig umgezogen und in sein Bett gelegt, als er ein sehr leises Klopfen vernahm. Ohne eine Antwort abzuwarten öffnete sich seine Tür einen Spaltbreit und Tinriel schlüpfte hinein. Sie trug nur ein dünnes Unterkleid und ließ sich ohne große Umstände neben ihn auf die Matratze plumpsen. Ihre so kunstvoll geflochtene Haarpracht hatte sich in ein vogelnestartiges Gewirr verwandet. Vertraulich drehte sie sich zu ihm und rutschte noch etwas näher. „Legschi schnarscht“, flüsterte sie lallend und fügte sogleich hinzu: „Isch schlafe hier“. Zu seiner Schande musste Erestor gestehen, dass ihn dies sprachlos machte. Reichlich unkreativ antwortete er: „Warum?“, später schob er dies auf seinen Alkoholpegel, doch Tinriels Erklärung sollte er noch lange im Gedächtnis behalten. Die Elbin hatte sich schon unter die Decken gewühlt und murmelte mit halbgeschlossen Lidern: „Keine Bilder. Im Wald war es still“. An dem Abend fehlte ihm die nötige Geistesgegenwärtigkeit um zu erkennen, was sie meinte, aber bereits am nächsten Morgen sah er deutlich klarer. Wenn Tinriel neben Legolas schlief, so konnte sie ihre Albträume im Schach halten, wenn sie neben ihm schlief, hatte sie gar keine Albträume. Das war eine Tatsache, über die es sich nachzudenken lohnte.

Der nächste Morgen kam früher als erhofft und Tinriel wischte sich stöhnend über die Augen. Ihr Kopf explodierte und ihr war speiübel. Sie zwinkerte ein paar Mal, doch das Bild, dass sie sah blieb gleich. Neben ihr, über das Bett gebeugt stand ein vollständig bekleideter Erestor, der sie mit einem amüsierten Funkeln anschaute. „Gut geschlafen?“, wollte er wissen und Tinriel runzelte verwirrt die Stirn und nickte langsam. Sie schlug die Decke zurück und wurde augenblicklich knallrot. Sie trug fast nichts und das was sie trug, verbarg nicht viel. Schneller als Erestor es ihrem verkaterten Gehirn zugetraut hätte, hatte sie sich wieder fest in die Decken gehüllt und starrte ihn an. „Was…“, stammelte sie. „Was ...?“.

Der sonst oft so sadistische Erestor hatte Mitleid mit der jungen Leserin in seinem Bett. Er zwinkerte er ihr zu und meinte: „Ihr wart betrunken. Legolas hat geschnarcht und offensichtlich scheint Ihr meine Gegenwart als nicht ganz so abstoßend zu empfinden, wie Ihr es mir die ganze Zeit vorgespielt habt“. Damit drehte er sich auf dem Absatz um und verließ sein Zimmer. Tinriel brauchte einige Zeit um das Gesagte zu verstehen. Entsetzt vergrub sie ihr Gesicht in den Händen und schüttelte den Kopf. Das durfte einfach nicht wahr sein.

Draußen hörte sie die Stimmen von Ridvan und Glorfindel und so ganz allmählich sickerte die Erkenntnis in ihren Kopf, dass es wohl etwas schwierig werden könnte, ungesehen in ihr eigenes Zimmer zu kommen. Als sie dann auch noch Legolas leicht panischen Bariton hörte, der nach ihr fragte, fasste sie sich ein Herz. Sie wickelte die Decke um sich und öffnete die Tür zum Wohnraum.

„Guten Morgen“, sagte sie bemüht lässig und stolzierte, so würdevoll es in Erestors Bettdecke ging, an den fassungslosen Elben vorbei zu ihrem Zimmer. Das erste, das sie hörte, nachdem sie die Tür hinter sich geschlossen hatte war ein epischer Lachanfall Glorfindels. Wenigstens der Balrogtöter hatte seinen Spaß an der ganzen Geschichte. Sie hoffte nur, dass dies nicht die Runde unter den Kriegern machte. Sonst würde sie sich noch lange damit aufziehen lassen müssen.

Nicht lange nachdem sie die Tür hinter sich geschlossen hatte und im Bad verschwunden war, hörte sie ihre Zimmertür erneut. Es wunderte sie nicht, dass Legolas vor ihr auftauchte und sie fragend anschaute. „Habe ich da etwas nicht mitbekommen?“, wollte er in einer ihm untypischen „großer-Bruder-Beschützer“-Manier wissen. Tin erwiderte seinen Blick leicht unfokussiert. Ihr Kater war wirklich ein ausgewachsenes Prachtexemplar und nur mit großer Konzentration gelang es ihr, nur einen Legolas vor sich zu sehen. „Keine Ahnung“, sagte sie schließlich leicht pampig. „Ich habe keine Ahnung, was da gestern passiert ist“. Stöhnend tauchte sie ihr Gesicht in das kalte Wasser der Waschschüssel. „Erestor meinte irgendwas von: Du hättest geschnarcht und ich fände ihn netter als ich ihm vorgespielt hätte“. Sie schaute ihren besten Freund gequält an. „Was meint er damit? Was war los?“.

Legolas, der ihr ungeniert bei ihrer Morgentoilette zuschaute, runzelte die Stirn. „Ich war auch ziemlich betrunken“, entschuldigte er sich schließlich. „Ich habe noch nicht einmal mitbekommen, dass du nicht neben mir lagst“. Tin seufzte theatralisch. Das konnte ja ein lustiger Tag werden. Am liebsten hätte sie sich sofort wieder in einem Bett verkrochen und hätte die ganze Verabschiedung geschwänzt. Das war aber absolut unmöglich, weshalb sie mit schlurfenden Schritten zurück in den Wohnraum ging und sich mit einem schmerzhaften Stöhnen auf einem der Sessel niederließ. Legolas reichte ihr eine Tasse mit Ridvans Spezialtee, doch allein von dem Geruch wurde ihr übel. Sie schüttelte vehement den Kopf, nur um gleich darauf noch gequälter zu stöhnen. Da wütete eine ganze Hundertschaft Zwerge hinter ihrer Schädeldecke. Es war der ungewohnt fürsorgliche Erestor, der ihr eine Scheibe trockenes Brot reichte. „Danke“, murmelte Tin fast unhörbar.

***

Der Tag der Verabschiedung blieb Tinriel in denkbar schlechter Erinnerung. Nicht nur ihr Kater, oder die Scham, die sie beim Gedanken an die Nacht bei Erestor überkam, waren schuld daran. Tief in ihrem Inneren wütete eine unkontrollierbare Traurigkeit, die sie nur mühsam unterdrücken konnte. Ihr war danach jederzeit in Tränen auszubrechen. Definieren woher diese Trauer kam, konnte sie nicht. Selbst nach der Abreise blieb dieser Zustand erhalten und wurde nur sehr langsam wieder etwas besser.

Ihre grüblerische Stimmung hatte zur Folge, dass sie nochmal über das Erlebte mit dem Seelenleser, ihrem Vater, wie sie sich immer wieder schaudernd erinnerte, nachdachte. Seine geistigen Fesseln durchlebte sie in ihrem Träumen fast jede Nacht und fühlte sich gefangener als je zuvor. Schließlich fasste sie einen Entschluss. So konnte es nicht weitergehen. Sie würde ihren Wurzeln auf den Grund gehen, um endlich Frieden damit schließen zu können.

An einem der traditionellen „Ridvan-Thranduil-saufen“-Abenden offenbarte sie ihre Entscheidung. „Ich werde nach Osten ziehen, um etwas über meine Mutter herauszufinden“, teilte sie den beiden Elben mit. Thranduil und Ridvan schauten sie mit gleichermaßen fassungslosen Gesichtern an. „Gil möchte mitkommen“, fügte Tin hinzu. „Legolas habe ich gesagt, dass er nicht so lange fortbleiben kann“, meinte sie mit einem Nicken in Thranduils Richtung.

„Du scheinst bereits alles genau durchdacht zu haben“, ergriff ihr Ziehvater das Wort. Traurigkeit schwang in seiner Stimme mit. Tinriel nickte mit einiger Vehemenz. „Und ich bitte nicht um Erlaubnis“, fügte sie mit einem Blick auf Thranduil hinzu. Anders als erwartet brachen weder der König noch Thranduil in ihr sonst so übliches Gebrüll aus. Beide schauten sich eine Zeitlang schweigend an, bis der König sie fragte: „Was benötigst du für deine Reise noch?“.
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