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Tinriel - Das Lesen von Seelen

von Wurzel
GeschichteFantasy / P12 / Gen
Erestor Legolas Thranduil
11.04.2019
15.04.2020
29
59.804
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18.09.2019 1.720
 
KAPITEL 21 – Herkunft

Tinriel und Erestor kamen einige Tage später kurz vor Einbruch der Dunkelheit im Palast an. Sie versuchten möglichst wenig Aufsehen zu erregen und schlichen so gut es ging in ihre Zimmer. Dort warteten Ridvan und Glorfindel mit dem König auf sie. Die drei großen Elben begrüßten die Zurückgekehrten herzlich und Tinriel sah sich dreimal in eine feste Umarmung gezogen, bevor sie sich in ihr eigenes Zimmer flüchtete. Ridvan sah ihr enttäuscht nach, doch Erestor versuchte ihr Verhalten zu erklären. „Sie hat vieles, womit sie jetzt klarkommen muss“, sagte er mit Blick auf Tins geschlossene Tür. „Der Leser hat sie nicht geschont“. Thranduil nickte verstehend. Nachdem er sich von Erestor die genauen Umstände des Todes des Seelenlesers hatte schildern lassen, verabschiedete er sich und zog sich in seine eigenen Gemächer zurück“.

Tinriel saß im bereits abgekühlten Badewasser und merkte nicht, wie ihr langsam kalt wurde. Immer wieder und wieder dachte sie an das, was der Leser sie hatte sehen lassen. Ein blutiges Schlachtfeld voller toter Elben und Orks. Zerrissene Banner, blicklose Augen, verdrehte Gliedmaßen. Doch es war das Geschehen am Rande des Schlachtfeldes, dass sie nicht ruhen ließ. Dort stand Thranduil mit gezogener Klinge über einem unscheinbaren Bündel. Aus großen bernsteinfarbenen Augen schaute ein Säugling zu ihm empor und wagte keinen Laut von sich zu geben. Neben dem König stand Ridvan und hatte die Hand auf den Arm des Königs gelegt. „Es ist ein Kind“, hörte Tin ihn in ihrer Erinnerung sagen. „Es ist nur ein Kind“. Nur langsam ließ Thranduil sein Schwert sinken und drehte sich um.

Das Klopfen an ihrer Zimmertür ließ sie aufschrecken. „Tin?“, hörte sie die leise Stimme ihres Ziehvaters. „Bist du noch wach?“ Schnell wickelte Tinriel sich in ein Handtuch und öffnete die Tür. Im Feuerschein des Kamins sah sie Glorfindel und Erestor mit einem Becher Wein im Gespräch vertieft in den Sesseln sitzen. Der König war nicht mehr da und das war Tinriel gerade recht. Sie wusste nicht, wie sie mit ihm umgehen sollte. Er hatte sie töten wollen und nur Ridvan verdankte sie es, dass sie überhaupt die Chance bekommen hatte zu leben. „Grydwen hat ein spätes Nachtmahl gerichtet. Möchtest du zu uns kommen?“, fragte ihr Ziehvater sie leise und Tinriel nickte. Es würde ihr gut tun, nicht alleine mit ihren Gedanken zu sein.

Die Nacht schlief sie nicht viel. So sehr sie es auch drehte und wendete, sie würde nicht darum herumkommen ein klärendes Gespräch mit dem König zu führen. Noch im Morgengrauen stand sie auf und begab sich zu den Gemächern Thranduils. Die Leibgarde des Königs kannte sie und ließ sie widerstandlos eintreten. „Thran?“, rief Tinriel in das Halbdunkel der Zimmer. „Ich muss mit dir reden“. „Hat das nicht Zeit bis nach dem Frühstück?“, antwortete ihr eine amüsierte Stimme aus dem Badezimmer und im Türrahmen erschien ein nur halb bekleideter König, der sich gerade die Haare trockenrieb. Tinriel schüttelte langsam den Kopf. „Ich habe es schon zu lange vor mir hergeschoben und später habe ich vielleicht gar nicht mehr den Mut dazu“. Thranduil nickte verstehend, während er nähertrat und ihr einen Sitzplatz anbot. „Ich ziehe mir nur noch schnell etwas über“. Tin hörte ihn in seinem Schlafzimmer kramen. Sie knetete nervös ihre Hände. Vielleicht hätte sie sich besser überlegen sollen, wie sie das Gespräch beginnen sollte. „Was lastet dir auf der Seele, kleine Nachtblume?“, fragte da auch schon der König und setzte sich ihr gegenüber. Tinriel schwieg. Sie suchte nach den richtigen Worten und fand sie nicht. „Ist es so schwer?“, fragte Thranduil sie leise und Tin nickte mit Tränen in den Augen.

„Ich bin dir nicht böse, dass du losgezogen bist“, begann der König erneut und wurde von Tin unterbrochen. „Darum geht es nicht“, erklärte sie vehement. „Du“, sie stoppte erneut und stöhnte frustriert auf. „Zeige es mir, wenn dir die Worte fehlen“, schlug der König ihr nachsichtig vor und Tinriel blickte ihn überrascht an. Warum war sie nicht auf diese Idee gekommen. Nickend konzentrierte sie sich auf die richtigen Bilder und sah Thranduil in die gletscherblauen Augen. Als die Szene am Rande des Schlachtfeldes vorbei war, schwiegen sie und der König lange. „Das hat dir der Leser gezeigt?“, wollte Thranduil wissen. Tinriel nickte. „Und noch vieles mehr“, sagte sie leise. „Ich kenne nun die Umstände meiner Zeugung, Geburt und meiner ersten Lebensmonate“. Thranduil schluckte trocken. „Du bist und bleibst meine Nachtblume und Ridvans Tochter. Ganz egal, wer dich auf welche Art gezeugt hat“. Tinriel blickte ihn wütend an. „Ohne Adar hättest du mich auf diesem Schlachtfeld getötet“, sagte sie zornig. „Wie kannst du mich jetzt „deine kleine Nachtblume“ nennen, wenn du mich als Säugling hattest umbringen wollen?“, mit jedem ihrer Worte wurde sie lauter. Thranduil ließ sie gewähren. „Ridvan hat mich damals vor einem großen Fehler bewahrt“, sagte er schließlich leise. „Schon als Baby hatte man eine Ahnung von der Macht, über die du eines Tages gebieten würdest“, fuhr er fort. „Dort am Rande der Schlacht, inmitten von Tod und Leid sah ich in dir nur einen weiteren Feind. Ich war blind für das Licht, dass dich umgab und dafür schäme ich mich bis heute“. Thranduil schluckte angestrengt und seine Augen glänzten verdächtig. „Ohne Ridvans Eingreifen hätte ich heute nur einen Sohn und nicht auch eine Tochter“. Tinriel spürte einen dicken Kloß in ihrer Kehle. Bevor sie sich wehren konnte hatte Thranduil sie in eine feste Umarmung gezogen und sie ließ ihren Tränen freien Lauf. „Er war mein Vater“, schluchzte sie, während sie das Hemd des Königs durchnässte. „Er wollte mich davon überzeugen, dass ihr mich nur aufgezogen habt um meine Gabe zu benutzen. Seine Stimme war in meinem Kopf. Seine Augen, der widerliche Gestank seiner Seele. Und er hat Erestor gequält. Er hat seinen Geist so stark eingezwängt, dass Erestor sich nicht mehr bewegen konnte. Ich dachte, er würde sterben“, Tinriel schluchzte und schniefte, während sie schwallartig all das loswurde, was sie in den letzten Tagen schweigend mit sich herumgetragen hatte. Thranduil strich ihr beruhigend über den Rücken und ließ sie gewähren. „Er hat mir gezeigt was er alles getan hat“, hier schauderte Tinriel am ganzen Körper, bevor sie kaum hörbar sagte. „Selbst der Ork, den ich gelesen habe, hatte eine reine Seele im Vergleich zu dem Leser“. Thranduil horchte auf. Eigentlich hatte er seine Erlaubnis nur für das Lesen von Tieren gegeben. Keiner der Einsätze ihrer Truppe hatte eine Konfrontation mit Orks vorgesehen. Doch dies war nicht der Zeitpunkt, um das zu besprechen.

„Tinriel“, sagte der König behutsam. „Egal, wer deine leiblichen Eltern sind und was sie getan haben. Du kannst selbst darüber bestimmen wer du sein möchtest“. Die junge Seelenleserin nickte bedächtig und löste sich aus der Umarmung des Königs. „Jetzt habe ich dein Hemd ganz nass gemacht“, murmelte sie und wischte sich über die Augen. Thranduil nahm ihr Gesicht zwischen seine beiden großen Hände und schaute sie intensiv an. Tinriel sah die ehrliche und unumgängliche tiefe Zuneigung, die der König für sie empfand. Als Thranduil den Blickkontakt schließlich abbrach fühlte Tinriel sich geliebt und geborgen und sie wusste, dass der König ihr ihre Vorwürfe und Zweifel nicht übelgenommen hatte.

Während Tinriel dem König ihr Leid klagte, wurde Erestor von seinem besten Freund in die Mangel genommen. Glorfindel wollte jede Kleinigkeit wissen. Vor allem aber interessierte ihn der Punkt, über den Erestor am wenigsten sprechen wollte. „Warum hatte der Leser so großen Einfluss auf dich? Das war sonst nicht der Fall“. Erestor fixierte die blauen Augen seines Freundes böse, doch dieser wich nicht einen Schritt zurück. „Stell dich nicht so an“, meinte der Blonde lediglich leicht amüsiert. „Du hast damit geprahlt, dich völlig abschotten zu können und das war offensichtlich nicht der Fall“. Wenn irgend möglich wurde Erestors Gesichtsausdruck noch düsterer. „Ich hatte nicht damit gerechnet, dass meine Prioritäten sich verschoben haben" knurrte er schließlich leise. Glorfindels gehobene Augenbraue machte deutlich, dass dem Balrogtöter diese allgemeine Aussage nicht genug war. „Ich scheine tiefere Gefühle für eine gewisse viel zu junge Elbin entwickelt zu haben, als mir selbst bewusst war“. Glorfindel schaute überrascht in die Augen seines Freundes. Ihm war nicht mehr nach Scherzen zumute. „Weiß sie davon?“, fragte er unnötigerweise. Nichts an Tinriels Verhalten hatte daraufhin gedeutet, dass sie Erestor in irgendeiner Art und Weise verbunden war. Erestor schüttelte den Kopf. „Im Gegenteil“, murmelte er leicht abwesend. „Sie hat mir das Versprechen abgenommen sie zu töten, sollte sie die Kontrolle über sich verlieren“. Glorfindel starrte fassungslos auf seinen Freund, der trocken schluckte. „Was hast du?“, hakte er nach. „Du hast ihr versprochen, sie zu töten?“ Er schüttelte verständnislos den Kopf. „Stürze dich doch gleich in dein Schwert. Das wäre weniger selbstmörderisch als dieses Versprechen“. Glorfindel zischte mehr als ungehalten und hatte große Schwierigkeiten seine Stimme zu dämpfen. „Das weiß ich selbst“, schnauzte Erestor und ließ seinen Freund alleine in den Sesseln sitzen. Er brauchte jetzt dringend etwas um sich abzureagieren.

In Agodar fand Erestor einen würdigen Trainingspartner. Der muskulöse Krieger hatte keine Probleme damit, das Mittel der Wahl bei aggressivem Liebeskummerabbau zu sein. Er und Erestor scheuchten sich von einem Hallenende zum anderen, ohne dass einer der beiden einen klaren Vorteil erringen konnte. Tinriel staunte nicht schlecht, als sie deutlich später als sonst die Halle der Krieger betrat. In einer lockeren Runde standen die Elben um die Kämpfenden und genossen das Schauspiel, das sich ihnen bot. Auch Ridvan, der pünktlich den Appell starten wollte, schloss sich den Zuschauern an. Schlussendlich war es Tinriel, die den Kampf beendete. Mit einem schadenfrohen Grinsen nahm sie sich einen Eimer mit Wasser und schüttete ihn auf die beiden, als sie dicht beieinanderstanden und die Waffen verhakt hatten. Sofort spürte sie den eiskalten Blick Erestors auf sich gerichtet und kam nicht umhin innerlich zu erzittern. „Appell“, merkte sie bemüht lässig an und stellte sich an die Seite ihrer Truppe. Agodar brach in sein schallendes Lachen aus und stellte sich neben sie. Seine Rache folgte auf dem Fuß, als er ihr vertraulich den Arm um die Schulter legte und sie somit ebenfalls nass machte. Erestor musterte die beiden düster, bevor er sich an Glorfindels Seite stellte. Er spürte schier die Genugtuung, die Tin bei ihrer kleinen Racheaktion genossen hatte. Glorfindel grinste unangemessen breit und stach seinen Ellenbogen in Erestors Rippen. „Vielleicht haben sich die Valar bei der ganzen Sache ja doch etwas gedacht“, flüsterte er amüsiert in das Ohr seines besten Freundes und wich dessen Hieb gekonnt aus.
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