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Tinriel - Das Lesen von Seelen

von Wurzel
GeschichteFantasy / P12 / Gen
Erestor Legolas Thranduil
11.04.2019
15.04.2020
29
59.804
45
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07.09.2019 2.115
 
Wie Tinriel es geschätzt hatte, brauchten Erestor und sie zwei Tage um die Höhle zu erreichen, in der sie den Leser vermuteten. Tin schien es, als würde eine Eiseskälte über dem Gebiet liegen und sie zog fröstelnd ihren Mantel enger um sich. Erestor hingegen schien immun gegen die Kälte zu sein. Emotionslos blickte er zu dem dunklen Höhleneingang. „Denkt an unsere Absprache“, erinnerte er seine Begleiterin leise. „Haltet Euch im Hintergrund. Bietet ihm keine Angriffsfläche. Haltet Euren Geist verschlossen und glaubt nicht einem der Gefühle, die Euch überkommen werden“. Tinriel nickte grimmig. Sie konnte seine Instruktionen auswendig. Immer wieder und wieder hatte er sie den Ablauf, die Gefahren und möglichen Reaktionen herunterbeten lassen.

Leise traten sie in den Schatten der Höhle. Dort, an einem heruntergebrannten Feuer saß ein Elb und lächelte sie erwartungsvoll an. „Willkommen“, sagte er mit warmer Stimme und bot ihnen mit einer Handbewegung einen Sitzplatz an seinem Feuer. Die Freundlichkeit im Angesicht zweier blanker Waffen, irritierte Tinriel. Erestor ließ sich nichts anmerken und trat mit vorsichtigen Schritten zu dem fremden Elb. Die Spitze seines Schwertes legte sich an die Kehle des Blonden, der noch immer unverändert freundlich lächelte. Irgendwo am Rande ihres Bewusstseins nahm Tinriel einen anbrausenden Sturm nah. „Pass auf“, rief sie, als Erestor schmerzhaft aufkeuchte und in die Knie ging. Seine Waffe fiel ihm aus den nutzlos gewordenen Händen, während er sich unter Qualen auf dem Boden wälzte. Tinriel fühlte sich selbst in einen Schraubstock gezwängt und merkte, dass sie nicht in der Lage war einen klaren Gedanken zu fassen. Um die Abwehrschranken ihres Geistes spürte sie die mächtige Gegenwart des fremden Lesers und diese hatte überhaupt nichts mit dessen freundlichem Gesicht gemein. Düster drohend und von unvorstellbarer Grausamkeit war die fremde Präsenz, die sich bisher damit begnügte sie einzuzwängen und nicht zu attackieren.

Erestor schien mit allem gegen die Beeinflussung seines Geistes anzukämpfen. Seine Nase begann zu bluten, während er sich wütend auf die Lippen biss. Tinriel hatte genug gesehen. Offensichtlich war Erestor nicht so unverwundbar, wie er es ihr weißgemacht hatte. Sich wappnend, trat sie auf den Leser zu und legte ihm ihre Klinge an den Hals. „Aufhören“, sagte sie mit vor Anstrengung heiserer Stimme. Dieser blickte sie diabolisch lächelnd an. Als sie in seine bernsteinfarbenen Augen blickte, erkannte sie, dass sie einen Fehler gemacht hatte. Willenlos ging sie vor ihm auf die Knie.

Als Erestor wieder zu Besinnung kam, sah er seine schlimmsten Befürchtungen bewahrheitet. Der fremde Leser hatte von ihm abgelassen und sich Tinriel zugewandt. Wie hypnotisiert starrte sie ihm in die Augen, die ihren eigenen so ähnlich waren. Unter Schmerzen versuchte Erestor sich zu bewegen und merkte, dass der Leser seinen Geist noch immer um ihn gelegt hatte. Tin zeigte keine äußeren Zeichen von Schmerzen, doch in ihrem Gesicht zeigte sich der Kampf, der auf anderer Ebene tobte. Erestor schloss gequält die Augen. Wie hatte er nur übersehen können, dass seine Schwächen sich geändert hatten. Was früher gegolten hatte, hatte heute keinerlei Bedeutung mehr gehabt. Auf das Bild der Orkhöhle und die endlose Wiederholung seiner vergangenen Folter war er vorbereitet gewesen. Doch der Leser hatte sich zielsicher seine schwächste Stelle ausgesucht. Seine Gefühle für Tinriel gingen bereits deutlich tiefer, als er bereit gewesen war sich einzugestehen. Seine Unfähigkeit sich mit seinen Gefühlen auseinanderzusetzen hatte die ganze Mission scheitern lassen. Nur wegen ihm litt Tinriel jetzt unter dem fremden Leser. Die Wut, die sich in ihm ausbreitete, half Erestor gegen den mentalen Würgegriff anzukämpfen, der ihn an jeglicher Bewegung hinderte.

Hinter den bernsteinfarbenen Augen des anderen erblickte Tinriel eine Seele, die so schwarz wie die Nacht war. All die Kreaturen Melkors, die sie bisher gelesen hatte waren nichts im Vergleich zu diesem Seelenleser. Instinktiv wusste Tin, dass ihre Kraft nicht reichen würde, um sich ihm dauerhaft zu widersetzten. Doch in einer Welt, die nicht die Wirkliche war, sah sie, dass Erestor noch immer von dem düsteren Geist des anderen Lesers gefangen gehalten wurde. Sie sah den Überlebenswillen des Elben und bemerkte, wie dieser die Anstrengung verstärkte sich zu befreien. Während ihre eigenen Abwehrmauern begannen zu bröckeln erkannte sie, dass Erestor noch lange nicht aufgegeben hatte. Mit neuem Mut wappnete sie sich gegen die brutalen Angriffe auf ihren Geist, doch nicht lange und ihre Mauern fielen. Sofort wurde sie von fremden Bildern überflutet. Nach einer schier endlosen Folge von Folter, Vergewaltigung und Mord kamen zwei leuchtende gelborangene Augen ihr immer näher. „Hier bist du endlich“, hallte es wortlos durch ihren Geist und Tin erschauderte bis in die Grundfesten ihres Seins.

Erestor sah Tinriel zittern. Tränen traten in ihre Augen. Entsetzen spiegelte sich auf ihrem Gesicht. „Mein Vater ist Ridvan“, hörte er sie flüstern. „Niemals“, schluchzte sie und schüttelte den Kopf. Die schmalen Hände des Lesers legten sich um ihre Wangen und hielten so den Blickkontakt mit ihr aufrecht. Tinriel schluchzte unkontrolliert und ihr ganzer Körper bebte. Erestor schloss gequält die Augen. Nichts in seinem oft so grausamen Leben hatte ihn darauf vorbereitet, welchen Schmerz er verspürte als der Tinriel derart leiden sah. Doch plötzlich änderte sich ihr Gesichtsausdruck. Ruhig wurden ihre Züge. Resigniert, traurig und verloren sah sie aus. „Keine Hoffnung für mich“, murmelte sie tonlos. „Dann wähle ich den Tod“, sagte sie leise.

Erestor schrie entsetzt auf. Auch der Leser schien einen Moment zu stocken und lehnte sich etwas zurück. Dieser Augenblick reichte Tinriel. Ihr Körper straffte sich. Ihre Hände fanden wie von selbst den Weg zu ihren Dolchen und keinen Wimpernschlag später rammte sie beide Klingen tief in die Augen ihres Gegenübers. Dabei schrie sie ihren ganzen Hass hinaus. Zur gleichen Zeit rollte eine Welle hasserfüllter Zerstörung und der Wille nach Tod durch die Höhle hinaus in den Wald. Einen Moment schaffte es Erestor sich dem zu widersetzen. Tinriel stach wie besinnungslos auf den fremden Leser ein. Ihr Gesicht, ihre Hände und Arme waren voll von seinem Blut. Sie sah furchtbar aus in diesem Zustand völligen Kontrollverlustes. Erestors ureigenen Instinkte übernahmen die Kontrolle. Angestachelt von dem Hass, den Tinriel ausströmte nahm er sein Schwert und stürzte sich auf sie. Dann wurde es schwarz vor seinen Augen.

Als er wieder zu sich kam sah er Tinriel im Blut des Lesers liegen. Sie hatte die Augen blicklos nach oben gerichtet. Panisch krabbelte Erestor auf sie zu. Die Erleichterung, die er verspürte, als er bemerkte, dass sie noch atmete war ihm selbst unheimlich. Er zog sie weg von der Leiche des fremden Elben und legte sie auf seinen Mantel. Erst dann begann er über das Geschehene nachzudenken. Tinriel hatte offensichtlich die Kontrolle über ihre Kräfte verloren. Trotz all des Hasses hatte er sie nicht getötet, sondern nur bewusstlos geschlagen. Wer wusste als was sie erwachen würde? Als die hilfsbereite Elbin, die er kannte oder als dunkles Monster ohne Mitgefühl, erfüllt von Hass? Auch wenn es ihm zutiefst widerstrebte fesselte Erestor Tinriel und band ihre Hände und Füße fest zusammen. Dann setzte er sich neben sie und wartete auf ihr Erwachen. Sein Schwert lag über seinen Knien und er verbat sich jegliche Hoffnung es nicht benutzen zu müssen.

Noch bevor Tinriel wieder zu sich kam, hörte Erestor die Tritte von einer Vielzahl von Pferden vor der Höhle. Mit schweren Glieder kam er auf die Füße und trat in den Eingang. Müde hob er eine Hand, als er neben Glorfindel auch Ridvan, Legolas und den Rest von Tinriels Truppe erkannte. „Ihr hättet nicht herkommen sollen“, sagte er resigniert. „Wo ist meine Tochter?“, hörte er Ridvan mit panischem Unterton in der Stimme. „Sie lebt“, erwiderte er emotionslos. „Aber ich weiß nicht als was“. Glorfindel zog verwirrt die Augen zusammen, doch Ridvan schien zu verstehen. „Das war ihre Kraft, die den Wald überflutet hat?“, fragte er tonlos vor Angst. Erestor nickte wortlos. „Tin hat die Spinnen dazu gebracht sich gegenseitig umzubringen?“, hakte Legolas verwirrt nach. „Sie hat die Kontrolle über ihre Kraft verloren“, sagte Erestor leise. „Sie ist bewusstlos, was geschieht, wenn sie erwacht weiß ich nicht. Ihr solltet verschwinden“. Ridvan stimmte ihm zu und mit einigen wenigen Befehlen entfernten sich die Krieger widerstrebend von der Lichtung. Nur er selbst machte keine Anstalten zu gehen. „Sie ist meine Tochter“, erklärte er Erestor, als er hinter ihm her in die Höhle ging und dieser nickte resigniert.

Ridvan sah die übel zugerichtete Leiche des Lesers neben dem Feuer und seine gefesselte Tochter. Wortlos setzte er sich neben sie und strich über ihre blutverschmierte Stirn. Es dauerte bis Tinriel sich rührte. Als sie merkte, dass ihre Hände und Füße gebunden waren kämpfte sie dagegen an. Mit weit aufgerissenen Augen, die ihre Umgebung nicht richtig wahrnahmen kämpfte sie gegen ihre Fesseln. „Erestor“, schrie sie panisch und verstärkte ihre Anstrengung frei zu kommen. Erst als der Gerufene sich vor sie kniete wurde sie ruhig. „Du lebst“, flüsterte sie erleichtert und schloss dankbar die Augen. Erestor konnte nicht gegen seine Tränen ankämpfen. Während er Tins Fesseln löste, tropften sie in einer unaufhaltbaren Flut auf den Boden der Höhle. Er schämte sich ihrer nicht. Ridvan nahm seine Tochter in die Arme und Tinriel barg sich gerne in dieser warmen Umarmung.

Dies war der Moment, in dem Ridvan die Führung übernahm. Er brachte seine Tochter und Erestor auf ein nicht weit entferntes Flett, stattete sie mit ausreichend Proviant aus bevor er seinen Krieger nachritt und sich um das Verbrennen der Leiche kümmerte. Eigentlich hatte er Tin direkt zurück in den Palast bringen wollen, doch sie hatte sich mit Händen und Füßen dagegen gewehrt. Es war nur Erestors Starrsinn zu verdanken, dass sie nicht alleine in die Wälder gezogen war.

Jetzt saß sie wie ein Häuflein Elend auf dem Holzboden und schaute mit leeren Augen in die Weite der Baumkronen. „Zeigt ein Leser immer die Wahrheit?“, fragte sie schließlich leise. Erestor saß in einiger Entfernung gegen den Stamm des Baumes gelehnt und hatte die Augen geschlossen. „Er hat mir nicht die Vergangenheit gezeigt, sondern Befürchtungen die ich habe“, antwortete er ruhig. „Er hat sehr zielsicher meine größte Schwachstelle gefunden, von der ich noch nicht einmal selbst gewusst hatte“. Jetzt drehte Tin sich halb zu ihm um. „Dann kann es also alles nur eine Illusion gewesen sein?“, hakte sie hoffnungsvoll nach. Erestor nickte langsam. „In der Höhle habt Ihr gesagt, dass Ridvan Euer Vater sei“, fügte er vorsichtig hinzu. Tinriel zuckte zusammen und verfiel in tiefes Schweigen. Die Dämmerung senkte sich über den Wald und nur der Mond spendete ein fahles Licht. Noch immer saßen Erestor und Tinriel unbeweglich auf dem Flett und starrten ins Leere. Schließlich stand Tinriel auf und ging vor dem dunklen Elb in die Knie. „Versprecht Ihr mir etwas?“, fragte sie ihn leise. Überrascht blickte Erestor auf und sah in Tinriels bernsteinfarbenen Augen. Doch keinerlei Grausamkeiten überschwemmten ihn, nur die tiefe Verzweiflung, die von ihr ausging. Er nickte ohne den Blickkontakt abzubrechen. „Tötet mich, bevor ich so werde wie er“, sagte Tinriel leise mit scherzloser Ernsthaftigkeit. Erestor schluckte trocken. Sie ahnte nicht, wie es um seine Gefühle bestellt war. Er war wohl der einzige Krieger, der sie im Zweifelsfalle am Leben ließ. Dies hatte er in der Höhle unter Beweis gestellt. Er würde sein eigenes Todesurteil unterschreiben, wenn er ihr das Leben nahm. Ihr Blick wurde eindringlicher und bevor Erestor realisierte was er tat, hatte er ihr das Versprechen gegeben. Die Erleichterung, die von ihr ausging war beinahe greifbar. Zufrieden rollte Tinriel sich zu einer Kugel zusammen und schloss die Augen. Ihren Rücken drückte sie dabei fest gegen Erestors ausgestrecktes Bein.

Erestor betrachtete sie nachdenklich. Was hatte der Leser ihr gezeigt, dass sie derart verunsichert war? Warum hatte sie alle Hoffnung aufgegeben und den Tod gewählt? Was hatte sie gesehen? Und vor allem, wie sehr hatte ihre Gabe sich nach dem Kontrollverlust verändert? Erestor glaubte nicht daran, dass sie noch immer dieselbe war.

„Stellt Eure Fragen. Einen Teil werde ich vielleicht beantworten“, sagte da Tinriel in die Stille hinein. Nach einigen Augenblicken tat Erestor worum sie ihn gebeten hatte. Langes Schweigen folgte, nachdem er seine Fragen losgeworden war. „Ich kann die Anwesenheit von anderen spüren“, erwiderte Tin schließlich leise. „Deshalb wollte ich nicht in den Palast zurück. Ich muss erst lernen damit umzugehen, bevor ich mich mit so vielen Personen umgebe“. Erestor nickte verstehend, als Tinriel fortfuhr: „Ihr hattet gesagt, dass Ihr die Folter der Seelenleser überstanden hättet, weil Ihr alle Hoffnung für euch selbst aufgegeben hattet. Daran habe ich mich erinnert“. Der dunkle Berater legte ihr überrascht eine Hand auf die Schulter. „Es ist ein weiter Weg von der Erinnerung zur Tat“, merkte er an. „Nicht so weit, wie es scheint“, antwortete Tinriel traurig. „Schwieriger ist es neue Hoffnung zu schöpfen“. Sie hatte so leise gesprochen, dass selbst Erestor sie kaum verstand. Er drückte zart ihre Schulter. „Ihr seid nicht wie dieser Leser“, sagte er einfühlsam. Dankbar ergriff sie seine Hand und drückte sie ebenfalls leicht.
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