Tinriel - Das Lesen von Seelen

von Wurzel
GeschichteFantasy / P12
Erestor Legolas Thranduil
11.04.2019
04.10.2019
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Hallo,
mal wieder habe ich mir die wunderbare Welt Tolkiens ausgeborgt, um meiner eigenen Kreativität freien Lauf zu lassen. Ich schreibe nur zu meiner eigenen Freude und hoffe, dass ich euch mit meiner Geschichte begeistern kann.
Viel Spaß beim Lesen.
Eure Wurzel
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Kapitel 1

Es war zur dunkelsten Stunde der Nacht, als Tinriel leise durch die verlassenen Gänge von Thranduils Palast schlich. Sie trug die schlichte Uniform der Wache und die Sohlen ihrer weichen Wildlederstiefel hinterließen kaum ein Geräusch auf dem polierten Boden. Ihr Weg führte sie zielsicher zu den Ställen. Dort war alles vorbereitet. Bereits seit Wochen hatten Gilrand und sie damit begonnen, alles Nötige zusammenzutragen. Der Stallmeister war ein Freund der beiden und hatte mehrfach beide Augen zugedrückt. Diese Nacht hatte er eine kleine Feier in seinen Privaträumen organisiert und konnte sich so sicher sein, nicht mit den Geschehnissen in Verbindung gebracht zu werden.

Tinriel zitterte vor unterdrückter Anspannung, als sie mit ihrer Stute durch das Hundetor an der Seite der Stallungen und über die Koppeln schlich. Sie wusste, dass in diesem Augenblick der Wachwechsel stattfand und kein Elb über die Balustraden patrouillierte, von denen man die Pferdeweiden einsehen konnte. Der Mond hatte sich hinter Wolken verzogen und die Wiesen lagen dunkel vor ihr. Weiter hinten konnte sie den Waldrand als eine schwarze Masse erahnen. So schnell es ihre Lautlosigkeit zuließ hielt sie darauf zu. Erst im Schutz der Bäume atmete sie etwas auf. Der heikelste Teil ihrer Flucht lag hinter ihr. Sie hatte es tatsächlich aus dem Palast geschafft. Sie verdrängte die Gedanken an den Weg, der vor ihr lag und die Strafe, die sie erwartete, wenn sie doch noch erwischt würde.

Ihre Stute in einen leichten Trab drängend folgte sie der großen Waldstraße. Bis zum Morgengrauen ihr Verschwinden entdeckt werden würde, musste sie eine möglichst weite Strecke zwischen sich und den Palast gebracht haben. Sie hoffte im Laufe des folgenden Tages die Delegation von Elben eingeholt zu haben, die Gilrand als Wächter nach Bruchtal begleitete. Er würde sie erwarten und ihr helfen, sich in der Gruppe zu verbergen.

Beim ersten Licht des Tages spornte sie ihr Pferd zu einem lockeren Galopp an. Sich an den Wegzeichen orientierend gelangte sie schließlich an den Rand des Waldes und sah die weite Grasebene vor sich, an deren Horizont sich das schneebedeckte Nebelgebirge erhob. Noch einmal zurückschauend ritt sie weiter. Sie hoffte noch immer ihre Flucht würde gelingen. Sie wollte nicht wieder zurück in den Palast. Sie wollte sich nicht länger wie ein seltenes Tier in einem goldenen Käfig fühlen. Sie wollte frei sein. Wollte die Welt sehen und Elben begegnen, die ihr unvoreingenommen in die Augen blickten.

Bis zum Abend hatte sie die Alte Furt überquert. Im dichten Gebüsch, das am Anduin wuchs, fand sie eine geeignete Stelle um sich für die Nacht zu verbergen. Immer wieder schreckte sie aus ihrem leichten Schlaf. Bereits lange vor Sonnenaufgang war sie wieder unterwegs. Nach mehreren Stunden sah sie den Rauch von Lagerfeuern. Bald darauf hörte sie das Klirren von Pferden die aufgezäumt wurden. Gilrand hatte am Ostende des Lagers Wache halten wollen, doch eigentlich hatte sie bereits am vorherigen Abend eintreffen sollen. Sich vorsichtig nähernd wartete Tin auf den richtigen Augenblick, um sich unter die drei Dutzend Wachen zu mischen, die die Adeligen nach Bruchtal begleiteten. Eine Wache mehr oder weniger würde wohl kaum auffallen, waren Gilrands und ihre Überlegungen gewesen. Als sie sah, dass sich ihr bester Freund in die Nachhut hatte einteilen lassen, fiel ihr ein Stein vom Herzen. So gelang es ihr recht problemlos, den Platz an seiner Seite einzunehmen, als sich der Zug formierte um weiterzuziehen. Gil zwinkerte ihr zu und auch der ein oder andere Krieger übersah mit einem konspirativen Zwinkern ihre Anwesenheit bei der Truppe. Tin blinzelte Tränen der Erleichterung aus ihren Augen. Sie war sich nicht sicher gewesen, wen Gil alles eingeweiht hatte und wer sie in ihrem Unterfangen unterstützte. Es waren die Krieger, die sie vor den Blicken der Lords verbargen und die ihr halfen, ihrem Ziehvater aus dem Weg zu gehen, der das Kommando über die Reisegruppe hatte.

Bis zum Abend war weder ein Eilbote aus dem Palast eingetroffen, der ihr Verschwinden gemeldet hatte, noch war sie ihrem Ziehvater oder einem der Lords ins Auge gefallen. Erschöpft setzte Tinriel sich an eines der Feuer und vergrub ihr Gesicht in ihren Händen. Sie war so müde. Je mehr die Anspannung von ihr abfiel, umso deutlicher spürte sie die ungewohnte Belastung. Eine Hand auf ihrer Schulter rüttelte sie aus ihren Gedanken. „Ridvan macht seinen abendlichen Rundgang. Du solltest besser verschwinden“, Gil war hinter sie getreten und deutete auf den Gardehauptmann, der sich langsam von Feuer zu Feuer bewegte. Tin nickte und suchte sich ein Versteck außerhalb des Feuerscheins. Wenn ihre Kleidung und ihre gekürzten Haare sie auch auf den ersten Blick wie einen der Krieger wirken ließen, so würde ihr Ziehvater ihre Maskerade doch sofort durchschauen.

Hinter den Mannschaftszelten kauernd wartete sie auf seinen Besuch beim Feuer ihrer Freunde. Doch anstelle der üblichen Floskeln und Erkundigungen über das Befinden der Krieger eröffnete Ridvan das Gespräch mit einer einfachen Frage. „Wo ist sie?“, wollte er mit ruhiger Stimme wissen. Von weitem konnte niemand ahnen, dass er von seiner Routine abwich und das sich ein harter Ausdruck über seine sonst so gütigen Augen gelegt hatte. Tin stockte der Atem. „Wer?“, wollte Gil mit Unschuldsmiene wissen. „Komm her!“, rief Ridvan leise als Antwort und starrte in die Dunkelheit hinaus. Seine Stimme ließ keinen Widerspruch zu. Langsam erhob sich Tinriel und näherte sich dem Feuer und ihrem Ziehvater. „Dachtest du wirklich ich würde nicht bemerken, wenn sich auf einmal ein zu klein geratener Soldat mehr unter meinen Männern befindet?“, fragte er sie mit einem Anflug von Humor in der Stimme. Tin blickte betreten auf den Boden. „Ich hoffe für uns alle, dass Lord Hilian erst sehr spät davon erfährt wer sich hier eingeschlichen hat und dass Lord Elrond seinem Zorn Einhalt gebieten kann.“ Er blickte streng in die Runde der Krieger, die seiner Tochter geholfen hatten. Mit leiser Stimme fügte er hinzu: „Ich danke Euch“. Dann packte er Tin am Arm und zog sie mit in die Dunkelheit jenseits des Lagers.

„Was hast du dir dabei gedacht?“, wollte er wissen. „Ich musste weg. Ich halte das nicht mehr aus. Diese Blicke. Die Vorurteile. Thranduils Erwartungen. Ich wollte auch einmal in meinem Leben wie eine ganz gewöhnliche Elbin behandelt werden“. Die Sehnsucht in ihrer Stimme schnitt Ridvan ins Herz. Er nahm seine Tochter in den Arm und flüsterte ihr zu: „Du bist aber nicht wie die anderen“. An seiner Schulter spürte er ihre stillen Tränen. Seine starke, schöne Tochter. Er konnte ihr nicht böse sein. Im Gegenteil, er konnte sie verstehen. „Ich werde deine Freunde und dich entweder als Vor- oder Nachhut einteilen. Damit verhindern wir, dass dich die Lords zu häufig zu Gesicht bekommen“. Tin nickte an seiner Schulter. „Danke, Adar!“, murmelte sie leise.

***

Die Reise verlief erstaunlich ereignislos. Am dritten Tag erreichte sie ein Bote, der Hilian und Ridvan die Nachricht überbrachte, dass Lady Tinriel spurlos verschwunden und auf sicherstem Weg in den Palast zu schicken sei, wenn sie gesehen würde. Ridvan machte ein betroffenes Gesicht, während Lord Hilian sich abschätzig über die Elbin äußerte. Tin hielt den Atem an und dankte Gil, der sie frühzeitig hinter einem der schwer beladenen Packpferde Deckung hatte suchen lassen. Über Thranduils Formulierung musste sie lächeln. Er schien ihr nicht zu zürnen, sonst wären seine Worte andere gewesen. In den Bergen wurde es für Tin leichter, sich vor den Adeligen zu verbergen. Inzwischen hatten alle Krieger ihre Anwesenheit bemerkt und tolerierten sie entweder aus Loyalität zu Ridvan oder aus Freundschaft zu ihr. Als sie nach etwas mehr als zwei Wochen Bruchtal erreichten, hatte Tin das Gefühl, noch nie so glücklich gewesen zu sein. Sie ritt mit Gil in der Nachhut und konnte vor lauter Staunen gar nicht entscheiden wohin sie zuerst schauen sollte. Das Tal war ein Wunderwerk an Baukunst und Schönheit. Bis ihr Blick auf einen großen blonden Elben fiel und in ihrem Geist Feuer aufloderte. Gequält zuckte sie zusammen und senke den Blick auf die Mähne ihrer Stute. Sie musste vorsichtiger sein.
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