Shadow

von Thazzl
GeschichteFantasy, Übernatürlich / P18
GermanLetsPlay Maudado Paluten Zombey
11.04.2019
14.02.2020
13
106500
14
Alle Kapitel
38 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
 
 
POV GermanLetsPlay

Manu war müde. Und genervt. Und angespannt. Gestresst. Aufgeregt. Unruhig. Allgemein war er einfach in keiner guten Stimmung. Am liebsten wollte er nur nach Hause, in sein Bett, sich unter seiner Decke verstecken und schlafen- sehr lange schlafen. Er hasste Zugfahrten. Sechs Stunden sitzen, starren, warten. Es war die Hölle. Nicht nur, weil die Bahn natürlich nicht pünktlich war- wann war sie das denn je? Sondern auch, weil eine sechsstündige Bahnfahrt mit drei Freunden, die sich im Moment echt nicht gut standen, alles andere als angenehm war. Manu war sich sicher, dass man die Luft mit einem Messer hätte zerschneiden können. Er hatte es gehasst- er war glücklich, dass er bis dahin nie erfahren musste, wie unangenehm sowas sein konnte. Wie komisch. Am liebsten wäre er weggelaufen, nur leider hatte er ja in dieser doofen Bahn gesessen, ohne Ausweg. Er war wirklich heilfroh gewesen, als die Durchsage endlich ihre Haltestation erklingen ließ- Manu wollte nur noch da raus und dieser Stille entkommen, die die meiste Zeit geherrscht hatte.

Als sie ausstiegen, schlug ihnen die kühle, feuchte Abendluft Essens entgegen- Manu sog sie tief in sich ein, da sie eine befreiende Wirkung auf seinen angespannten Geist hatte. Er hatte sich eingeengt gefühlt, eingesperrt- es war herrlich, sich endlich wieder bewegen zu können. Die anderen drei folgten ihm stumm, Paluten mit seiner Kapuze möglichst tief in sein Gesicht gezogen. Irgendwie banal- Manu war im Moment so sehr mit allem Übernatürlichen beschäftigt, dass so etwas Simples wie die Tatsache, dass Paluten erkannt werden könnte, völlig an ihm vorbei ging. An anderen Tagen, unter anderen Umständen, hätte er vermutlich nicht freiwillig und unbedacht mit Palle in einem Abteil gesessen. Er wäre vermutlich nicht einmal mit ihm einen Schritt vor die Tür gegangen. Aber heute war ihm das recht egal, auch wenn sein gesunder Verstand Palle echt dankbar dafür war, dass er sich Mühe gab, nicht erkannt zu werden.
Manu steuerte den Ausgang des Bahnhofes an, gefolgt von den anderen. Die Sonne war beinahe hinter den Häusern verschwunden und die Luft war schwer mit Regen, welcher vor wenigen Stunden noch gefallen war. Die letzten, dicken Wolken hingen noch am Abendhimmel. Mit einigem Abstand trottete Palle ihnen nach, was vermutlich nicht nur den Grund hatte, die anderen zu schützen, sollten sie doch jemanden über den Weg laufen. Wahrscheinlich wollte Palle auch etwas Abstand zu Maudado haben, nachdem sie 6 Stunden so eng aufeinander gehockt hatten. Der Magus lief sehr dicht bei Zombey, beinahe schon in einer unheimlichen Art- es war klar, dass er seinen menschlichen besten Freund um jeden Preis beschützen wollte.

Manu verließ das Bahnhofsgelände und steuerte die Richtung an, die sie zu Nyx‘ Haus bringen würde. Der Letsplayer war innerlich sehr zerrissen. Zum einen wollte er das Treffen mit Asker endlich hinter sich bringen- er wollte endlich erfahren, was los war. Er wollte Klarheit haben. Sich ein eigenes Bild von dem Halb-Gott machen. Zum anderen wollte Manu all das auch nicht. Ein Teil von ihm wollte sich vor der Wahrheit drücken, sich davor verstecken und verdrängen, was unausweichlich war. Er hasste es, mit jeder Faser seines Körpers. Aber davonlaufen war leider keine Option- helfen würde es ihm nicht und seine Probleme würden davon auch nicht verschwinden.

Am Rande des Bahnhofplatzes trafen sie auf Leif, welchen Manu von Unterwegs aus angerufen hatte. Asker hatte Palle zwar die Erlaubnis erteilt, das Grundstück zu betreten, aber zu Manu’s Verwunderung (und Maudado’s sichtlicher Erleichterung) hatte Paluten dankend abgelehnt. Manu hatte nicht genauer nachgefragt, aber er vermutete, dass dies etwas mit der gewaltigen Abneigung des Dämons gegenüber Cassian’s Bruder zu tun hatte. Oder aber Palle tat es, um die Gruppe nicht noch mehr unter Druck zu setzen- Maudado war froh, dass Palle nicht erfahren würde, wo Nyx‘ sicherer Hafen lag. Und auch Zombey merkte man im Stummen an, dass er dankbar war, von Palle für kurze Zeit wegzukommen.
Dies stellte Manu allerdings vor das Problem, dass er Palle nur sehr ungerne alleine in seiner Wohnung lassen wollte. Dass er ihm in erster Linie überhaupt angeboten hatte, bei ihm zu schlafen, verwunderte ihn nachwievor. Und da ihn dies schon große Überwindung kostete, wollte er eigentlich nicht, dass Patrick völlig alleine durch seine vier Wände stromern konnte. Manu pflegte seine Privatsphäre schließlich nicht ohne Grund. Das und die Tatsache, dass ja angeblich irgendein Relikt bei ihm versteckt sein sollte. Er vertraute Palle zwar (zumindest mehr als Maudado), aber er wollte auch nicht, dass der Dämon in aller Seelenruhe danach suchen und es Cassian geben konnte, während Manu nicht da war.
Aber Patrick mehr oder weniger einfach auf die Straße zu setzen und ihn warten zu lassen war auch blöd- auch wegen eben diesen Vertrauensgründen. Daher hatte er Leif gefragt, ob dieser bereit wäre, Palle für die Zeit, in der sie in Nyx‘ Anwesen sein würden, ein wenig die Stadt zeigen könnte. Sein Vampir-Mentor war zwar nicht so erpicht darauf, den Abend mit einem Dämon zu verbringen, aber nach mehrfachen Bitten seitens Manu hatte er zugestimmt.

Leif begrüßte die Gruppe mit einem Kopfnicken und begutachtete die beiden Neuen interessiert. „Ich dachte, ihr kommt gar nicht mehr an“, bemerkte er und grinste ein wenig in Manu’s Richtung. Der junge Vampir verdrehte bloß seine Augen und ließ die Unzuverlässigkeit der Bahn unkommentiert. „Leif, das sind Patrick und Zombey. Leute, das ist der Typ, der mir beibringt, ein Blutsauger mit Stil zu sein“, stellte Manu sie einander vor. Zombey wirkte etwas beunruhigt über diese Vorstellung, schüttelte dem Vampir jedoch freundlich die Hand. Leif und Patrick nickten sich bloß knapp zu, hielten jedoch Abstand voneinander.
„Asker erwartet dich bereits. Er freut sich, dich kennenzulernen. Und Zombey- wir haben ein Zimmer für dich bereit gestellt, solltest du dich dazu entscheiden, bei uns zu wohnen“, erklärte der Honigblonde lächelnd, nachdem er Zombey’s Hand geschüttelt hatte. Der Mensch lächelte verloren zurück und murmelte bloß ein leises „danke“, eher er sich etwas hinter Mauado verkroch- er wollte das Reden lieber den anderen überlassen, da er selbst noch unschlüssig war, was er wollte und was nicht.
Manu nickte bloß, sein Mund verzogen zu einer geraden Linie aus Anspannung und Aufregung. „Wärst du so nett, Palle vielleicht ein wenig die Stadt zu zeigen?“, fragte er nach, obwohl er dies zuvor schon mit seinem Vampir-Mentor abgeklärt hatte. Leif’s Lächeln verschwand ein wenig, als seine hellen Augen kurz zu Patrick sprangen. Man merkte ihm sein Unbehagen klar an, aber auf Manu’s Frage hin nickte er. „Klar, kein Problem“, erwiderte er, wobei er unausgesprochen ließ, dass er das hier ziemlich dumm fand. Er sah Manu’s Problem nicht recht- Patrick war doch sein Freund und er hatte ihm angeboten, bei ihm zu bleiben. Aber so war Manu nun mal- und Leif würde sich nicht in dieses ganze Chaos einmischen. Es ging ihn schließlich nichts an. Und wenn er seinen Beitrag dazu leisten konnte, indem er dem Dämon eine Städtetour gab, dann würde er das machen- das war wohl noch das geringste Übel.
Dankbar lächelte Manu ihn an, während er etwas von Patrick weg trat. Er und Leif musterten sich kurz stumm, bevor Patrick dem Dämon eines seiner typischen Paluten-Lächeln schenkte. „Irgendwelchen krassen Clubs zum auschecken?“, fragte er scherzhaft und versuchte so, die Stimmung zwischen ihm und Leif etwas zu lockern. Leif selbst grinste halbherzig zurück und trottete vage in eine Richtung. Zum Abschied nickte er Manu noch einmal zu, bevor er mit Palle in die Stadt verschwand- Manu hoffte, dass die zwei für ein paar Stunden miteinander ausharren konnten. Er würde Leif als Dank irgendetwas zukommen lassen- einen Gutschein oder so. Ihm würde schon was einfallen.

Die übrigen Drei setzen ihren Weg in Richtung Nyx‘ Anwesen fort- Maudado war deutlich entspannter, nun, da der Dämon in ihrer Runde weg war. Er grinste Manu etwas von der Seite an. „Du wirst Asker mögen, da bin ich mir sicher. Er ist echt super!“, plauderte der Blonde drauf los, nachdem sie einige Minuten weiter schweigend gegangen waren. Manu hob eine Augenbraue nach oben. „Wird sich gleich zeigen“, erwiderte er bloß, etwas patziger als gewollt. Er fand es irgendwie unfair, dass Maudado Palle für seine Meinung verurteilte und selbst aber auch nichts anderes tat. Ja, okay, Cassian und Asker sollte man, nach jetzigem Stand, nicht gleichsetzen, dennoch konnte Maudado ruhig wissen, dass Manu sich von dem Halbgott sein eigenes Bild machen würde. Ohne Fremdeinwirkung von außen. Der Blonde ruderte auf die scharfen Worte hin etwas zurück, das Lächeln verblasst.
Manu seufzte und ließ seine Augen kurz zu Maudado wandern. „Sorry. Wollte dich nicht anfahren. Ich bin nur… keine Ahnung, nervös. Nicht wegen Asker an sich, sondern wegen dem, was er mir vielleicht sagen wird“, erklärte der Brünette, während er seine Hände tief in seine Jackentaschen stopfte. Maudado seufzte ebenfalls und legte ihm eine Hand auf die schmale Schulter. „Ich weiß. Ich hoffe auch, dass er dir erklären kann, was sein Bruder sucht. Und dass er uns hilft, all das friedlich zu beenden“. Manu brummte bloß leise und starrte die nasse Straße entlang. Zombey schwieg und trottete ihnen leise hinterher. Ihm war das alles immer noch viel zu abgefahren.

Der Weg zu Nyx‘ Anwesen war nicht weit, dennoch kam Manu der Marsch vor wie eine Tageswanderung. Als sie die unsichtbare Trennlinie erreichten, welche die normale Welt von der übernatürlichen unscheinbar abtrennte, war die Sonne bereits völlig hinter dem Horizont verschwunden. Die Luft kühlte sich merklich ab und Manu war nicht zum ersten Mal irgendwie froh darum, kein Mensch mehr zu sein- er spürte die Kälte zwar, aber viel ausmachen tat sie ihm nicht.
Selbstsicher und ohne zu zögern überquerte Manu die magische Barriere- um den kleinen ‚Wow‘-Moment kam er aber trotzdem nicht herum, als er erneut über das plötzliche Auftauchen der Villa vor ihm staunte. Magie war doch irgendwie richtig cool. Er grinste leicht, eher ein verwirrter Ausruf ihn und Maudado stoppen ließ. „Leute?!“

Der Vampir wandte sich um- anders als von außen war es möglich, innerhalb der Barriere die normale Welt zu sehen. So fand er auch rasch, was los war. Sein Grinsen wurde größer, als er Zombey’s verwirrten, aber vor allem auch panischen Blick erspähte. So ungefähr musste er wohl selbst beim ersten Mal ausgesehen haben. Manu lachte kehlig, während Maudado mit rotem Kopf zurück eilte und Zombey’s kurzem Panikanflug ein Ende bereitete. „Sorry“, kicherte Maudado bloß und erklärte dem Menschen knapp, was das vor ihm war. „Schutzzauber, damit die Menschen und fremde Wesen nicht sehen, was sich dahinter verbirgt. Komm ruhig durch, dir passiert nichts“, versicherte der Blonde seinem besten Freund mit einem breiten Lächeln.
Zombey wirkte ebenso unsicher wie Manu damals, jedoch traute er sich Schritt für Schritt näher, bis er den Schutzzauber durchdrang und erblickte, was dahinter verborgen lag. Seine blauen Augen wurden riesig, als er Nyx‘ Anwesen urplötzlich vor sich erblickte- Manu gackerte derweil dümmlich weiter. „Schön zu wissen, dass nicht nur ich beim ersten Mal wie ein Trottel aussehe“, kommentierte er, während ihr menschlicher Freund sich mit offenem Mund umsah. Maudado warf ihm bloß einen leicht genervten Blick zu, eher seine grünen Augen wieder auf Zombey landeten. Dieser blinzelte mehrfach stumm. „Das ist… das ist…“ „Magiiieee, Zimbel“, trällerte Manu fröhlich und legte einen Arm um seine Schulter. Zombey erwiderte nichts, sondern ließ seine Augen weiter umher wandern- Manu wollte gar nicht wissen, was gerade alles in seinem Kopf abgehen musste.
„Na komm, staunen kannste‘ auch drinnen noch machen, min jung“, auffordernd zog Manu den Menschen weiter den Weg entlang, auf das große Tor zu. Zombey stolperte halb neben ihm her und versuchte, alles irgendwie in sich aufzunehmen. Maudado folgte ihnen zur Eingangstür, ein leichtes Lächeln im Gesicht- er schien sichtlich erleichtert, dass Zombey das hier auf die Art aufnahm und nicht erneut in Ohnmacht fiel. Zudem fand er es recht niedlich, wie fasziniert Zombey auf die Magie reagierte- als wäre sie das siebte Weltwunder.

Vor dem Eingang zu der großen Villa ließ Manu von Zombey ab, sodass er diesem die schwere Tür öffnen konnte. Einladend deutete er ins warm erleuchtete Innere. „Willkommen in Nyx‘ bescheidenen vier Wänden“, verkündete er pompös, während er wartete, dass seine Freunde das Haus betraten. Er trat als letzter ein und schloss die Tür hinter sich. Drinnen war es angenehm warm und Manu hörte das Knistern von Kamin-Feuern. Zombey’s Augen wanderten nachwievor neugierig und voller Staunen umher, nun jedoch wirkte er auch ein wenig unsicher. Ihm schien wohl bewusst zu werden, wo er sich genau befand- an einem übernatürlichen Ort, bewohnt von übernatürlichen Wesen. Und er war, soweit er wusste, der einzige Mensch hier. Sein Herzschlag erhöhte sich etwas, als er nach einigen Sekunden etwas hilflos zu seinen Freunden blickte.
„Seid ihr sicher, dass ich hier sein darf?“, fragte er im Flüsterton. Sein unsicherer Blick galt vor allem Maudado, welcher bloß zuversichtlich lächelte. „Na klar! Du kannst so lange hier bleiben wie du möchtest“. Zombey packte die Riemen seines Rucksackes und klammerte sich daran. „Und also…“, begann er nervös und ließ seine Augen unruhig umherspringen. „Ich meine… also… hier wohnen ja… Wesen… und… auch Vampire? Also, ist das sicher?“ Wäre diese Situation nicht so ernst und würde Manu nicht verstehen, woher Zombey’s Unbehagen rührte, würde er vermutlich über seinen scheuen Blick und seine Frage lachen. So lächelte er ihn bloß milde an. „Du bist hier in Sicherheit, Zimbelmann. Keiner hier wird dir etwas tun- oder denkst du echt, dass Mister Magic irgendeinen Mulluck an dich ran lässt?“ Zombey lächelte verkrampft und es sah eher aus wie eine Grimasse, jedoch nickte er. Maudado legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Keine Angst, dir passiert hier nichts“. Zombey nickte abermals, schien aber immer noch nicht ganz schlüssig zu sein, ob er dem wirklich glauben sollte. Manu nahm ihm das nicht übel.

Ihre kleine Runde wurde durchbrochen, als sich eine weitere, fremde Stimme in die Unterhaltung einmischte. Manu und Zombey sahen beide überrascht auf, während Maudado bloß erleuchtet wurde von einem frohen Lächeln.
„In diesem Haus wurde seit 1960 niemand mehr angegriffen- dafür sorge ich“. Wenn Manu ehrlich war, dann hatte er sich Asker anders vor gestellt. Er wusste nicht recht wieso, aber in seiner wilden Fantasie sah ein Halb-Gott anders aus: Weder leuchtete er, noch hatte Asker einen Heiligenschein, sehr zu Manu’s ersten inneren Enttäuschung.
Asker sah aus wie ein stink normaler Mensch- nichts an seiner Erscheinung deutete darauf hin, dass ein Teil von ihm göttlicher Abstammung war. Seine kurzen, dunkelbraunen Haare waren durchzogen von grauen Strähnen, die vor allem an seinen Schläfen deutlich zum Vorschein kamen. Er hatte helle Augen, die in dem Licht braun reflektierten- interessanter Weise erkannten Manu’s scharfe Augen jedoch auch viele grüne Punkte, die sich in das sanfte Braun mischten und seinen Augen so einen leichten Schimmer verliehen.
Der Halb-Gott war vermutlich einen halben Kopf größer als Manu. Sein Gesicht war zeitlos, obwohl seine Haare klar verrieten, dass er eigentlich schon mehrere hundert Jahre alt war. Manu erkannte leichte Grübchen in seinen Wangen, sowie die ersten Anzeichen von Falten unter seinen freundlich wirkenden Augen. An seinem Kinn und an der linken Augenbraue war die Haut ein wenig heller- alte Narben, die sein ansonsten unscheinbares Gesicht kennzeichneten. Obwohl seine Haut nicht sehr dunkel war, sprangen die alten Wunden deutlich hervor. Eine spitze Nase rundete das Bild von dem Halb-Gott ab.

„Asker!“, begrüßte Maudado den Hausherren freundlich und trat etwas auf ihn zu. Asker erwiderte das Lächeln- die Grübchen sowie die Falten kamen nun deutlicher zum Vorschein. Es ließ ihn menschlich wirken, wie Manu fand- das beruhigte ihn irgendwie. In seinem Kopf hatte er sich Asker als übermächtiges Wesen vorgestellt, das sich von den Normalsterblichen in irgendeiner Weise abhob. Aber er war stink normal- naja, zumindest so normal wie Manu selbst.
Der Halb-Gott trug eine schlichte, aber schick wirkende graue Jeans und ein ordentliches weißes Polo-Hemd, dessen Ärmel bis zu den Ellbogen hochgerollt waren. „Maurice, es freut mich, dich wiederzusehen. Wie ich gehört habe, war hier einiges an Aufregung los“, sprach Asker weiter- seine Stimme war nicht sonderlich tief, dennoch ging sie einem irgendwie durch die Knochen. Sie war nicht sehr laut, aber auch nicht leise- gerade richtig, damit man sich angenehm unterhalten konnte. Zudem hatte seine Stimme einen melodischen Klang an sich, der heraushören ließ, wie viel Asker schon erlebt hatte. Wie alt er wirklich war. Manu fand, dass sie als einziges erahnen ließ, dass das Blut eines Gottes durch seine Adern floss.
Maudado verzog etwas sein Gesicht, während er Asker große, leicht faltige Hand schüttelte. „Einiges, ja“, murmelte Maudado bloß, was Asker ein warmes Lachen entlockte. Seine braun-grün gefleckten Augen landeten dann auf Zombey und Manu, welche beide noch im Eingangsbereich verharrten.
„Asker, darf ich vorstellen: Das sind meine Freunde Manuel und Z-Michael“, stellte Maudado sie vor, wobei er sich im letzten Moment noch dazu entschied, Zombey bei seinem bürgerlichen Namen zu nennen. Vermutlich kam es ihm komisch vor, dem Halb-Gott Zombey bei seinem Internet- Namen vorzustellen.

Das warme Lächeln blieb an Ort und Stelle, als Asker erst Zombey und dann Manu seine Hand reichte. Sein Griff war fest, aber nicht auf diese unangenehme Art- eher herzlich. Manu lächelte zurück. Sein erster Eindruck von dem Halb-Gott war schon mal recht angenehm, was etwas der inneren Anspannung von ihm abfallen ließ. Asker war ein total normaler Typ, wie jeder anderer auch- zumindest hatte er nichts von Manu’s befürchteter göttlichen Übermacht, die ihn mit Sicherheit eingeschüchtert hätte.
„Es freut mich, dass ich euch endlich kennen lernen kann- vor allem dich, Manuel. Es tut mir furchtbar leid, was mein Bruder dir angetan hat“, sagte Asker, wobei das Lächeln traurig wurde und seine Augen sich leicht trübten. Man sah ihm deutlich an, dass die Taten seines Bruders ihm sehr zu schaffen machten.
Manu nickte bloß und ließ seine Hand sinken- was sagte man dazu? Danke? Wohl eher nicht. Asker musterte ihn kurz durchdringend, eher der triste Ausdruck aus seinen Augen entwich. Er trat wieder etwas zurück und sah zu Zombey. „Wie deine Freunde bereits gesagt haben: Du bist herzlich eingeladen, so lange hier zu bleiben, wie du möchtest. Und ich möchte mich ebenfalls bei dir entschuldigen, dass mein Bruder dich als Geisel genommen hat. Ich bin froh, dass du nicht allzu lange bei ihm ausharren musstest… wo wir davon sprechen, wo ist euer anderer Freund? Der Dämon? Patrick?“ Fragend blickte Asker zu Maudado, wessen Miene sich wieder leicht verdüstert hatte.
„Er fand es als unangebracht, hier her zu kommen. Leif zeigt ihm ein wenig die Stadt, während wir hier sind“, erklärte Manu, bevor Maudado mit einer anderen Antwort herausrücken konnte. Der Halb-Gott nickte langsam und nachdenklich. Ein kleine Falte trat auf seine Stirn. „Nun, du kannst ihm ausrichten, dass meine Einladung bestehen bleibt. Auch wenn er meinem Bruder folgt- er hat euch geholfen. Und ich bin niemand, der Wesen verurteilt, bevor er sie kennenlernt. Patrick wird seine Gründe haben, Cassian zu vertrauen- aber er soll wissen, dass er auch hier einen Platz hat, wenn er es wünscht“. Manu nickte dankbar und versprach, Palle dies später zu übermitteln.

Asker rieb seine Handflächen aneinander und sah sie dann nacheinander an. „Nun denn. Manuel, ich würde gerne mit dir in Ruhe sprechen, wenn es für euch kein Problem ist? Maurice, wieso zeigst du Michael nicht sein Zimmer? Ich dachte, es wäre am besten, wenn es in der Nähe von deinem ist. Ich denke, du weißt, welches ich meine“, lächelte der Halb-Gott in die Runde. Maudado nickte, wohl wissend, dass das Zimmer neben seinem seit Jahren leer stand- nun wohl nicht mehr. Er grinste kindisch und erfreut in Zombey’s Richtung und deutete an, ihm nach oben zu folgen. Zombey lächelte halb verlegen und murmelte im Vorbeigehen ein „Danke“ an Asker gerichtet. Maudado lächelte Manu noch einmal zu. „Bis später, Manu“, verabschiedete er sich, wobei er dem Vampir einen vielsagenden Blick zuwarf- er sagte so viel wie „Viel Glück und das wird schon“. Manu murmelte bloß „Jo“, eher seine zwei Freunde nach oben verschwanden. Dies ließ Manu mit Asker alleine.

Asker lächelte ihn an und lud Manu mit einer Handbewegung ein, ihm zu folgen. „Ich schlage vor, wir gehen in mein Arbeitszimmer. Dort sind wir ungestört und können über alles reden“. Manu hatte dem nichts entgegen zu setzen, weshalb er Asker leise durch das Haus folgte. Sie liefen am Wohnraum, an der Küche und den zwei Türen vorbei, in Richtung der Bibliothek. Jedoch bogen sie nicht links in ihrer Richtung ab, sondern nach rechts, auf einen weiteren Gang mit 4 Türen, von denen eine am Ende des Ganges lag und über eine kleine Treppe zu erreichen war. Der Gang war relativ schmal und nur gering beleuchtet durch zwei Deckenlampen- Fenster gab es keine.
Asker steuerte die letzte Tür am Ende des Ganges an und erklomm die wenigen Treppenstufen, welche mit einem alten, roten Teppich überzogen waren. Manu folgte ihm langsam und wurde in ein geräumiges Büro eingelassen.
Der Vampir wusste nicht, was er hätte erwarten sollen- vielleicht den Olymp? Oder einen Altgriechischen Tempel in Mitten des Gebäudes? Irgendwie waren dies die Dinge, die Manu mit ‚Göttern‘ und ‚Halb-Göttern‘ in Verbindung brachte- wieso, das wusste er nicht. Vielleicht hatte er zu viele Filme gesehen und zu viele Computerspiele gezockt. Was seine Augen jedoch erblickten, war eigentlich völlig normal- das einzig komische war vermutlich, dass das Büro viel zu modern für die alte Villa erschien. Und für Asker.
Manu hätte eher gedacht, dass Asker’s Arbeitszimmer alt und staubig sein musste- immerhin lebte er ja schon seit Jahrhunderten auf dieser Erde. Und seit Ewigkeiten in diesem Haus. Aber falsch gedacht. Das Büro war hell und geräumig, das einzig alte Möbelstück war der große, dunkle Holzschrank an der rechten Seite, welcher übersät war mit Büchern, Akten und dem ein oder anderen Dekostück dazwischen. Ansonsten sah das Zimmer aus wie das hochmoderne Büro eines Anwaltes. Mit dunklen Laminatboden und schlichten, weißen Wänden.

Wenn man rein kam, lief man geradewegs auf einen großen, gläsernen Schreibtisch zu, an welchem ein schwarzer Ledersessel stand. Auf dem Schreibtisch selbst befanden sich zwei Monitore mit Tastatur und Maus, sowie mehrere Stifte, ein Locher, Tacker, Blätter und anderer Krams. Alles war feinsäuberlich an seinen Platz geräumt. Hinter dem Schreibtisch, an der weißen Wand, hing ein Fernseher. Schräg darunter stand ein kleiner, schlichter Kühlschrank, in der Art, wie man sie oft in den Hotelzimmern vorfand.
Auf der linken Seite des Zimmers befanden sich zwei große, längliche Fenster, die als einzige (neben dem Schrank) erahnen ließen, dass sie sich immer noch in der Villa befanden. Die Fensterläden waren alt und die Farbe an einigen Stellen bereits abgeblättert. Um das Sonnenlicht am Tag etwas fernzuhalten, waren davor Weinrote Vorhänge angebracht, welche nun beiseite gezogen waren.
Rechts, direkt wenn man rein kam, stand ein modernes, dunkles Ledersofa, vor welchem ein kleiner Kaffetisch aus Glas stand. Es war einer dieser Sorte, mit der Manu überhaupt nichts anfangen konnte- es war eindeutig, dass das Design bei dem Tischchen wichtiger war als die praktische Verwendung davon. Für Manu’s Geschmack viel zu hässlich und unpraktisch, aber es passte perfekt in das Bild des Arbeitszimmers hinein.
Zwischen der Couch und dem Bücher-Schrank stand noch ein weiterer Tisch, auf welchem ein Kaffeautomat stand, sowieso darunter mehrere Tassen, Löffeln, Zucker und Milch. Ansonsten war das Zimmer sehr sauber gehalten- nur über der Couch hing ein einziges Bild, welches Manu sich ebenfalls niemals selbst in die Wohnung hängen würde. Es war ein Gemälde, von wem, das wusste er nicht- es zeigte weiße Figuren oder Menschen vor einem golden-grauen Hintergrund. Bunte Farbtupfer waren scheinbar wahllos ins Bild gepackt worden. Was daran kunstvoll war oder was das Bild einem sagen wollte, wusste der Vampir nicht- ihm war es auch relativ egal.

Asker ließ ihn hinein und bot Manu an, sich auf die schwarze Couch zu setzen. Manu folgte der Aufforderung mit einem knappen Nicken, nachdem er das Zimmer einmal in Augenschein genommen hatte. Langsam ließ er seinen Rucksack neben der Couch zu Boden gleiten, während er den Reißverschluss seiner Jacke öffnete. Das hatte er sich eindeutig anders vorgestellt- aber auch jetzt musste er feststellen, dass dieses Büro eigentlich zu Asker’s Auftreten passte. Das Zimmer war schlicht, so wie Asker scheinbar selbst. Es hatte keine aufdringliche, persönliche Note, sondern diente eher dazu, seinen Zweck als Arbeitsbereich zu erfüllen. Zeitgleich war es aber auch gemütlich genug, sodass man hier ohne weiteres mehrere Stunden entspannt sitzen konnte.
Dem Halb-Gott schien dennoch aufzufallen, dass Manu etwas anderes erwartet hätte. Er lachte ein wenig. „Ich weiß, nicht gerade das, was du dir vorgestellt hättest, hm?“ Er lächelte Manu freundlich an, sodass sich die warmen Grübchen an seinen Wangen wieder deutlicher abbildeten. Manu wurde etwas rot um die Nase und zuckte mit den Achseln. Seine nicht vorhandenen sozialen Fertigkeiten machten sich mal wieder bemerkbar- was sollte er dazu groß sagen, außer: Ja, hätte eher einen Tempel mit Statuen erwartet.
Asker grinste etwas, während er sich zu dem Kaffeeautomaten begab. „Darf ich dir etwas anbieten? Ich habe Kaffe hier. Wenn du allerdingst deinen Durst stillen willst- ich war so frei und habe etwas Blut für dich kalt gelegt. Es ist auch immer etwas in der Küche da, falls du dich daran bedienen willst“. Manu wurde verlegen, da es immer noch merkwürdig war, dass Leute so unverbunden über seine Bedürfnisse sprachen- Manu musste sich daran erinnern, dass Asker ein Halb-Gott war und er vermutlich sehr gut über Vampire bescheid wusste. Immerhin war er hier der Chef und musste sich somit auch mit den verschiedenen Wesen auseinander setzen. Dennoch fand Manu es sehr komisch, dass Asker ihm dieses Angebot so beiläufig machte- als wäre es nicht komisch, seinem Gast Blut wie ein Glas Wasser anzubieten.

Manu lächelte Asker unsicher an. „Wenn es okay wäre… ich hab seit gestern nicht mehr…“, der Letsplayer ließ den Satz unbeendet, da er nicht recht wusste, wie genau er sein Verlangen nach etwas Blut beschreiben sollte. Aber Asker verstand ihn schon und deutete auf den Minikühlschrank. „Bitte, bedien dich ruhig“, bot er ihm an und Manu wandte sich zögerlich um, eher er zu dem Kühlgerät tapste. Er öffnete die Tür und fand mehrere Wasserflaschen sowie zwei Blutkonserven. Er wusste nicht ganz wieso, aber irgendwie war ihm das unangenehm- seine Ohren brannten, als er sich eine davon heraus nahm und damit zur Couch zurückkehrte. Asker hielt ihm eine weiße Tasse hin, in welche Manu das Blut gießen konnte. Jedoch zögerte der Brünette. „Sicher? Ich hab‘ festgestellt, dass das Zeug nur sehr schwer wieder wegzukriegen ist“. Er wollte Asker’s schöne Tassen nicht dreckig machen. Der Halb-Gott lachte und stellte die Tasse auf den Kaffetisch. „Es ist nur Geschirr, Manuel. Mach dir keinen Kopf“. Manu’s Röte verdunkelte sich noch etwas, als er bloß ein leises „Okay“ von sich gab und den Inhalt der Konserve in die Tasse füllte. Der köstliche Geruch des kalten Blutes erfüllte seine Nase und es kostete Manu einiges an Überwindung, sich nicht wie ein Wilder über sein Getränk her zu machen- er hatte bis jetzt gar nicht bemerkt, wie hungrig er eigentlich war. Aber kein Wunder- bei dem Stress war sein Durst wirklich zweitrangig gewesen.

Mit möglichst viel Anstand, den seine Mutter ihm doch mal irgendwann eingetrichtert hatte, nahm Manu die Tasse auf und trank langsam etwas von der roten Suppe. Der süße, zähflüssig Geschmack erfüllte seinen Mund und Manu unterdrückte das leise Stöhnen, das in ihm hochkam. Kein Grund, das hier noch peinlicher zu machen als es sowieso schon war.
Asker hatte sich in der Zwischenzeit einen Kaffee gemacht, welchen er mit etwas Zucker und ansonsten schwarz zu sich nahm. Er ließ sich neben Manu auf das Leder sinken und nahm einen kurzen Schluck, bevor er die Tasse auf den Tisch abstellte.
Mit einem Lächeln wandte der Halb-Gott sein Gesicht in Manu’s Richtung. Er musterte den jungen Vampir neugierig. Manu sah unsicher zurück, seine eigene Tasse zwischen seinen kalten, blassen Händen. Seine Aufregung kam wieder zurück, als ihm klar wurde, dass er nun mit Asker reden musste.

„Nun, wie bereits gesagt: Es freut mich, dass ich dich endlich persönlich kennenlernen kann. Leif hat mir schon viel von dir erzählt- nur Gutes, keine Angst. Ich möchte mich aber dennoch einmal entschuldigen für das, was dir passiert ist. Ich hoffe, du hast dich inzwischen ein wenig an deine neue Existenz gewöhnt? Leif hat gesagt, dass es dir nicht leicht gefallen ist, was ich, unter diesen Umständen, nur allzu gut nachvollziehen kann“. Manu zuckte leicht mit den Schultern und starrte kurz in seine Tasse, bevor er seinen Blick wieder hob und in Asker’s grün-braune Augen blickte. Sie betrachteten ihn immer noch sehr aufmerksam. „Es ist… alles immer noch etwas verwirrend. Ich weiß manchmal immer noch nicht recht, ob das hier real ist oder nicht. Aber… es wird leichter, mit der Zeit. Ich muss mich schließlich auch damit abfinden- es bleibt mir ja nichts anderes übrig“. Manu zuckte erneut mit den Schultern- er war noch nie der Typ gewesen, der viel über seine Gefühle sprach oder daraus einen großen Wirbel machte. Er war eher der pragmatische Typ, der deswegen oft auch mal etwas gefühlskalt rüber kommen konnte. Zudem wollte Manu seine Problemchen jetzt nicht mit einem Halb-Gott diskutieren.
Asker schenkte ihm ein mitleidsvolles Lächeln. „Nun ja, ich kann dir nur so viel sagen, dass es irgendwann normal sein wird. Vielen der Wesen, die hier leben, erging es mal ähnlich. Die übernatürliche Welt ist komplex und nicht immer ganz einfach zu verstehen. Wenn du je fragen haben solltest, scheu dich nicht, sie zu stellen. Wir sitzen hier alle quasi im selben Boot“.
Manu nickte lediglich als Dank und nahm einen weiteren Schluck des kalten Blutes. Danach drehte er die Tasse zögerlich in seinen Händen, eher er endlich den Mut fand, die Frage zu stellen, die seit seiner Verwandlung auf seiner Seele brannte.

„Asker… wieso jagt Cassian mich? Was will er von mir? Ich meine, ich bin bloß irgendein Typ, der im Internet Quatsch macht- wie kommt er auf die Idee, dass ich irgendetwas haben könnte, was ihm gehört?“ Den Halb-Gott verließ ein tiefes Seufzen, während er selbst nach seiner Tasse griff und mehrere Schlucke daraus trank. Er starrte aus einem der Fenster nach draußen und schien einen Moment zu brauchen, um seine Gedanken zu ordnen. Manu blickte ihn abwartend und mit steigender Anspannung an.
„Mein Bruder… mein Bruder war schon immer ein Problemkind, wenn man so will. Er wollte immer mehr, als er haben konnte. Wollte immer seinen eigenen Weg gehen. Sich ausprobieren. Er war ein Draufgänger“, Asker lächelte in einer Art, die Manu nicht ganz deuten konnte. Irgendwie wirkte es traurig- aber vor allem war es müde und voll von alter Schuld. Asker sah ihn an. „Mein Vater hat immer versucht, sein wildes Temperament zu bändigen- ihm klar zu machen, dass er eine Verantwortung trägt, die er nicht auf die leichte Schulter nehmen sollte. Du musst verstehen, die Götter sind mächtig- mächtiger als alle anderen Wesen dieser Welt. Mein Vater hat mir immer erzählt, dass es ihre Pflicht und Aufgabe sei, über die Welt zu wachen. Sie zu beschützen. Er hat gesehen, was passieren kann, wenn jeder tut und lässt was er will“. Manu nickte bloß, als er sich daran erinnerte, was er in den Büchern gelesen hatte. Über das Chaos, das einst geherrscht hatte, eher die Götter es sich zur Aufgabe gemacht hatten, dieses zu beseitigen und eine Lösung zu finden.
„Cassian… Cassian hat das immer etwas kritisch gesehen. Er ist der Auffassung, dass die Götter und vor allem unser Vater kein Recht haben, auf die Art zu bestimmen. Und er hat ja auch irgendwie recht. Aber die Geschichte hat uns gezeigt, dass Menschen und Wesen nicht friedlich miteinander existieren können. Die Menschen fürchten uns, was verständlich ist. Aber die Wesen haben auch Angst, da der Mensch nun mal die dominante Spezies auf diesem Planeten ist- von keinem Lebewesen gibt es so viele wie von den Menschen. Wenn sie wollten, könnten sie uns vernichten- das haben sie auch schon in der Vergangenheit unter Beweis gestellt. Wir vermögen zwar über übernatürliche Kräfte, aber der Mensch besitzt Waffen und Mittel, die auch uns gefährlich werden können“. Manu nickte erneut und ließ sich das Gesagte durch den Kopf gehen- so hatte er das noch gar nicht betrachtet. Aber Asker hatte recht. Manu hatte das ganze bisher immer nur aus seinem Standpunkt aus gesehen- aus dem Standpunkt eines bisher normalen Menschen, der die übernatürliche Welt als unendlich beängstigend und riesig empfand. Ihm war es bisher nie so sehr in den Sinn gekommen, dass auch die Übernatürlichen Angst hatten- Angst vor den einen Wesen, die deutlich in der Überzahl waren und das Leben auf dieser Welt in jeglicher Form eigentlich bestimmten. Wenn man so will, waren die übernatürlichen Wesen bloß eine weitere Minderheit, die sich verstecken musste. Von daher verstand Manu, weshalb Nyx so viel Energie darein gesteckt hatte, eben diese Welt zu verbergen- sie zu schützen.

„Cassian war anderer Ansichten“, fuhr Asker nach einer kurzen Pause fort. Er sah wieder nach draußen, sein Blick weit entfernt. „Er war schon immer der Auffassung, dass die Wesen aus dem Schatten heraus treten sollen und den Menschen zeigen müssen, dass sie keine Sklaven sind. Dass sie gleich sind, wenn nicht sogar besser. Und dass sie ein Recht haben, mit zu bestimmen. Und wieder muss ich ihm in gewisser Weise zustimmen- welches Recht hat der Mensch, uns zu jagen und zu verurteilen? Wir leben alle auf derselben Welt. Es ist auch unser Planet, unser Leben. Aber die Götter hatten gute Gründe dafür, damals die Entscheidung zu treffen, die Menschen vergessen zu lassen. Und es funktioniert- wir leben in Frieden und die Menschen haben Frieden. Wir können ungestört unserem Dasein nachgehen, uns entfalten.
Aber Cassian… er wollte das nicht akzeptieren. Und seine Gier nach Macht und Veränderung… er will Krieg haben, mit den Menschen. Mit uns- mit jenen Wesen, die seine Vorstellungen nicht teilen. Er will die Welt verändern, aus dem Schatten heraus treten- und herrschen. Auf seine Art. Mit seinen Mitteln, ohne Rücksicht auf Verluste“. Asker’s Augen wanderten zu Manu und sahen ihn an- sie wirkten uralt und müde.

Der Vampir schluckte leise, während sich eine Gänsehaut auf seinen Armen breit machte- das war genau das, was Maudado und Leif ihm auch schon in etwa erklärt hatten. Es jetzt aber noch einmal aus Asker Mund zu hören, machte die Sache irgendwie noch etwas ernster. Immerhin kannte Asker seinen Bruder am besten. Und Manu wusste nicht wieso- aber es machte ihn unruhig, dass er in Asker’s Augen so etwas wie Angst erkennen konnte. Wenn der Halb-Gott schon Sorge hatte, dass es bald zum Krieg kommen würde, dann war es ernst, oder nicht?
„Und was hab ich damit zu tun? Ich meine, is‘ ja gut und schön- aber was will Cassian von mir? Was denkt er bitte hab‘ ich, das ihm helfen könnte seine kranken Vorstellungen zu erfüllen?“, fragte Manu mit schräg gelegten Haupt. Sein totes Herz schlug derweil bis zum Hals.

Asker seufzte und strich sich durch sein grau gestreiftes Haar. Er schlug die Beine übereinander. „Er sucht eine Waffe. Und er glaubt, dass diese bei dir versteckt ist“. Manu’s Herz zog sich zusammen, während sich eine tiefe Furche auf seiner Stirn abbildete. Wieder etwas, das er bereits mit Leif und Maudado besprochen hatte. Jetzt die Bestätigung zu hören… wo war er da bitte hinein geraten?
„Was für eine Waffe?“, fragte Manu weiter nach, seine Stimme rau. Sein Magen grummelte unangenehm. Asker sah ihn direkt an, sein Blick nicht deutbar. „Sicher bin ich mir noch nicht ganz. Aber nach den letzten Ereignissen und dem, was Leif mir berichtet hat… Ein Relikt- einen Anhänger. In ihm befindet sich die gebündelte Macht der fünf Götter. Dieses Relikt besitzt angeblich die Macht, alles Leben auf dem Planeten auszulöschen. Die Götter haben es geschaffen, als letzten Ausweg. Sieh es als eine Art von Apokalypse an- als eine Chance für einen Neuanfang, sollte es nötig sein.
Nyx hat jedoch irgendwann erfahren, was der wahre Zweck dieser Waffe sein sollte. Im Falle einer Katastrophe, eines Krieges, sollte es nicht dazu dienen, sämtliches Leben auszulöschen. Bloß jenes, das nicht normal war. Dieses Relikt sollte dazu dienen, der übernatürlichen Welt ein Ende zu bereiten- und so den Rest zu retten und zu schützen.
Da Nyx unser Schutzgott ist, wollte und konnte er dies natürlich nicht einfach hinnehmen. Er hatte eine Aufgabe, eine Pflicht- und diese war, unser Leben zu schützen. Und die Wesen vertrauten ihm. Also hat er das Relikt geklaut und es versteckt, damit die Götter es niemals verwenden konnten.
Niemand weiß, wo er es versteckt hat- für lange Zeit galt es als Verschollen und viele glauben, dass es bloß ein Gerücht sei. Ein Ammenmärchen, um den Wesen Angst zu machen. Es gibt nirgends handfeste Beweise, dass dieses Relikt wirklich existiert- die Götter streiten es natürlich ab. Aber mein Bruder glaubt daran. Er glaubt, dass dieses Amulett irgendwo dort draußen ist- und er will es finden und verwenden, für seine Zwecke und Ziele.
Einer Legende nach hat Nyx diesen Anhänger damals bei den Menschen versteckt- wahllos und zufällig wurde er von Generation zu Generation weiter gegeben, unwissend, welche Macht sich darin befindet. Und nun soll er angeblich bei dir gelandet sein. Deshalb jagt Cassian dich. Er glaubt, dass du nun im Besitz dieser Waffe bist- und er will sie um jeden Preis in die Finger bekommen“.

Manu schwieg auf diese Erklärung hin. Er spürte unterschwellig, wie seine Hände zitterten- er umklammerte seine Tasse etwas fester, als würde sie ihm den nötigen Halt geben. Er starrte Asker geradewegs an- seine Ohren rauschten. Also wirklich. Cassian suchte eine Waffe. Eine Waffe, die über das Leben und den Tod aller bestimmen konnte. Und er vermutete sie bei Manuel.
Ihm war schwindlig. Und schlecht. Wenn das wirklich stimmte… Manu schluckte hörbar und wandte schließlich seine Grasgrünen Augen von Asker ab. „Das… wieso? Wieso kommt Nyx auf die Idee, so etwas bei den Menschen zu verstecken? Ich meine, ist das nicht total dämlich? Was wäre gewesen, wenn irgendwer dieses Ding verwendet hätte? Wieso hat er es nicht gleich zerstört, wenn es so gefährlich ist?“, sprudelte Manu dann schließlich erstickt hervor. Mit weiten Augen starrte er den Halb-Gott neben sich an.
Asker seufzte erneut und lächelte ein wenig. „Ich kann dir nicht sagen, was in dem Kopf meines Vaters vorgegangen ist- aber er muss es zu dem damaligen Zeitpunkt als die beste Möglichkeit gesehen haben, das Relikt zu verstecken. Und zerstören? Manuel, wenn es dieses Relikt wirklich gibt, dann ruht in ihm die Kraft von 5 Göttern- Nyx alleine kann da nicht viel machen. Verstecken ist da noch die beste Idee. Und Menschen? Sie vermögen zwar vieles, aber dieses Relikt kann nur von jemanden verwendet werden, der die nötige Macht dafür besitzt. Selbst wenn jemand erfahren hätte, um was es sich handelt- es wäre nutzlos gewesen. Und bei den Menschen würde es so schnell keiner vermuten“. Diese Antwort beruhigte Manu keinesfalls- es machte ihn nur noch panischer.

„Aber… ich habe dieses Ding nicht! Maudado und ich haben danach gesucht!“, widersprach der Vampir schließlich, seine Stimme etwas höher als normal. Verdammt, er wollte das nicht- er wollte nichts mit all dem zu tun haben!
Asker nickte lediglich und nahm einen weiteren Schluck seines Kaffees. „Leif hat mir dies bereits gesagt. Ich bin mir auch immer noch nicht zu 100% sicher, ob es das wirklich ist- aber nach allem, was ich bisher weiß, ist es am wahrscheinlichsten. Ich konnte Nyx vor seinem Verschwinden leider nie danach fragen. Ich will es auch nicht wahr haben, aber wir müssen uns wohl oder übel auf das Schlimmste vorbereiten. Und, Manuel: Cassian darf dieses Relikt, wenn es existiert, auf keinen Fall bekommen. Er wird nicht zögern, es zu verwenden und uns alle zu vernichten. Wenn du es findest, bring es zu mir: Hier können wir besser darauf aufpassen und vielleicht nach einem Weg suchen, es doch zu zerstören“.
Manu blickte Asker in die Augen. Palle’s mahnende Worte klingelten in seinen Ohren. ‚Keiner von beiden darf es haben‘. Der Vampir nickte langsam, während in seinem Kopf leise Alarmglocken klingelten. Sein Eindruck von Asker war zwar bisher positiv, aber in einem musste er Palle in gewisser Weise zustimmen: Asker war glatt. Zwar nicht auf die negative Art, dass Manu das Gefühl hatte, dass Asker etwas verheimlichte, aber er stimmte mit Patrick überein. Diese lieben, herzensguten Menschen (oder Götter) waren ihm auch irgendwie immer suspekt- keiner war ohne eine dunkle Seite. Oder zumindest war keiner perfekt, jeder hatte irgendwo seine Macken. Er bezweifelte zwar sehr stark, dass Asker böse war (das passte einfach nicht), aber dennoch wollte Manu auch irgendwie nicht, dass Asker das Relikt bekam. Vielleicht war es ja auch seine eigen Paranoia und sein generelles Misstrauen Menschen- oder Wesen- gegenüber.
Oder es war einfach der Tatsache geschuldet, dass Manu Angst hatte. Und dass er stur war- wenn dieses Relikt wirklich irgendwo bei ihm war, dann gehörte es ihm ja wohl. Zudem war er es, der deswegen bisher primär darunter leiden musste- er wollte, in einem kindischen Teil, bestimmen, was mit diesem Ding geschah. Und er vertraute sich selbst immer noch am meisten.

Manu atmete schließlich tief ein- bis sie dieses mächtige Amulett nicht gefunden hatten, war es eh egal, wer es nun bekam. Sie mussten es erst einmal finden und dann konnte er entscheiden, was er damit anstellte. Bis dahin brannten noch genügend weitere Fragen auf seiner Seele.
Einen langen, gierig Schluck nehmend, um seine Nerven etwas zu beruhigen, stellte Manu die halb leere Tasse danach auf den Tisch. Seine Handflächen waren feucht, weshalb er sie unaufällig an seiner Jeans abwischte.
„Asker? Kann ich dich noch etwas fragen? Wegen Nyx?“, setzte Manu zögerlich an. Eine weitere Sache, die Palle angestoßen hatte, jagte durch seinen Kopf. Er wusste zwar nicht, wie Asker darauf reagieren würde, aber Manu wollte sich auch seine eigene Meinung bilden- und aus erster Hand erfahren, was vorgefallen war.
Der Halb-Gott nickte mit einem warmen Lächeln. „Natürlich, frag alles, was du möchtest“, entgegnete er, bevor er einige Schlucke seines Kaffees nahm. Abwartend sah der Halb-Gott seinen Gast an. Manu wartete einen Moment und überlegte, wie er die Frage am besten formulierte. Am Ende war sein Mund mal wieder etwas schneller als sein Kopf.
„Nyx ist ja verschwunden. Und alle beschuldigen Cassian deswegen. Aber Patrick meinte, dass du aus dieser ganzen Sache fein raus bist… also, nicht, dass ich dir etwas anhänge oder so… also ich meine… was ich fragen will-“ „du willst wissen, was passiert ist?“, unterbrach Asker ihn mit einem leichten Lachen. Die Falten unter seinen Augen kräuselten sich, während seine braun-grün gesprenkelten Augen ihn amüsiert anfunkelten. Er schien Manu nicht böse zu sein, dass er ihm gerade indirekt an den Kopf geworfen hatte, seinen Vater ermordet zu haben.
Mit roten Wangen nickte Manu und er senkte etwas seinen Kopf, sodass seine braunen Haare einen leichten Vorhang um sein Gesicht bildeten. Sein scheiß vorlautes Mundwerk- so hatte er das Ganze nicht angehen wollen.

Asker lächelte nachwievor in sich hinein, ehe er anfing zu erzählen. „Mich überrascht nicht, dass dein Freund diese Vermutung stellt. Cassian wird ihm einiges über mich erzählt haben. Und ich bin ihm und dir nicht böse deswegen. Die Frage ist berechtigt. Zunächst einmal: Nein, ich habe nichts damit zu tun. Ich beschuldige allerdings auch nicht meinen Bruder“. Manu legte den Kopf zur Seite und zog eine Braue nach oben. „Aber… das ist das, was alle sagen“, meinte er verwirrt. Asker nickte und lachte leise. „Ah, ja, ich habe in der Vergangenheit… sagen wir, nicht ganz rational gehandelt. Ich war wütend. Und verzweifelt. Verloren. Mein Vater ist verschwunden und die letzte lebende Person, die ihn gesehen hatte, war mein Bruder. Natürlich habe ich damals eins und eins zusammengerechnet und ihn sofort lautstark beschuldigt. Vielleicht etwas vorschnell- ich kann verstehen, wenn Cassian deshalb Reue gegen mich hegt. Ich habe ihn etwas zu spät gefragt, was passiert ist“.
Manu’s Verwirrtheit ebbte daraufhin nicht ab, sondern vergrößerte sich nur noch. „Hä? Also… ist Cassian gar nicht für sein Verschwinden verantwortlich?“ Asker seufzte und lehnte sich zurück. Nachdenklich sah er an die hohe Decke. „Ehrlich? Ich weiß es nicht. Cassian hat mir versichert, dass er es nicht gewesen ist. Aber glaube ich ihm deswegen? Keine Ahnung. Fakt ist: Ich weiß nicht, was sich wirklich abgespielt hat. Alles, was ich weiß, ist die Tatsache, dass Cassian schon seit Jahren einen Groll gegen Nyx gehegt hat- er hat ihn beschuldigt, ihn zurückzuhalten. Ihn bestimmen zu wollen. Er wollte sich von ihm befreien. Nyx hat versucht, das Gespräch mit Cassian zu suchen- ihn zur Vernunft zu bringen. Und nach diesem Gespräch hat ihn keiner mehr zu Gesicht bekommen. Ich will meinem Bruder nicht unterstellen, dass er dazu in der Lage wäre, seinen Vater zu ermorden oder ihm sonst etwas anzutun… aber alle Spuren führen leider auch zu ihm. Ich habe sehr viele Magi seiner Zeit nach Nyx suchen lassen- und sämtliche Spuren endeten bei Cassian. Und auch, wenn er mir versichert hat, dass er nichts damit zu tun hatte…“. Asker ließ den Satz unbeendet.

Manu verstand auch so die Zwickmühle, in der Asker sich befinden musste. Zum einen wollte Asker natürlich irgendwie an das Gute in seinem Bruder glauben- daran, dass dieser seinem Vater nichts angetan hatte. Zum anderen sprachen die Beweise leider auch gegen ihn. Und wem glaubte man denn nun? Seinem Bruder oder der großen Mehrheit? Manu wusste nicht, wie er sich in so einer Situation verhalten würde- er konnte zumindest gut nachvollziehen, dass Asker zu Beginn sofort Cassian beschuldigt hatte. Manu selbst hatte seinen Vater zwar nie kennengelernt- dieser hatte nie etwas von seinem Sohn wissen wollen-, aber dennoch konnte Manu verstehen, wie schwer das Verschwinden einer geliebten Person sein konnte. Wenn er daran dachte, dass Peter oder seine Mutter auf einmal unauffindbar waren und alle Indizien auf eine bestimmte Person zeigen würden- würde Manu da nicht auch sofort mit dem Finger auf eben jene Person zeigen? Vermutlich schon. Er wäre am Boden und total verzweifelt.

Manu seufzte schließlich laut und sank gegen das weiche Leder an seinem Rücken. „Scheiße…“, rutschte es ihm dann raus, weswegen sich erneut ein leichter Rotschimmer auf seinen Wangen breit machte. Asker lachte bloß humorlos. „Gut zusammengefasst, schätze ich“, schmunzelte er. „Was immer nun der Wahrheit entsprechen mag- es spielt keine Rolle mehr. Cassian hasst mich und alle, die Nyx immer noch folgen. Und er wird nicht ruhen, bevor er gewonnen hat. Ich habe versucht, Frieden zu schließen. Mit ihm eine gemeinsame Lösung zu finden… ohne Erfolg. Cassian will DAS. Er will Krieg. Und das einzige, was wir tun können, ist ihn aufhalten“.

Manu blickte den Halb-Gott stumm von der Seite an, seine Lippen zusammengepresst. Er hatte nicht gewusst, was er von diesem Treffen erwarten sollte- was er erfahren würde. Aber eins war ihm nun klar: Cassian würde nicht aufhören, ihn zu jagen und sein Leben schwer zu machen. Und Manu konnte nicht zulassen, dass er siegte. Er würde ihn aufhalten, koste es, was es wolle- er wollte sein Leben wieder haben. Und er wollte den Wesen helfen- Wesen wie Maudado, die schon weitaus länger in der Angst vor einem Krieg lebten. Er wollte den Frieden herbeiführen, den Asker sich scheinbar schon so lange ersehnte.
Denn auch, wenn Manu zu Beginn unsicher gewesen war, was Asker und all das hier anging anging: Alles, was er jetzt sah, war ein müder, alter Mann, der schon zu lange im Clinch mit seinem Bruder stand. Der einfach nur wollte, dass alles so wurde wie früher. Der versuchte, das aufrecht zu erhalten, wofür sein Vater so viele Jahrtausende gekämpft hatte. Und Manu würde ihm helfen. Er vertraute Asker, auch wenn er immer noch nicht sicher war, ob er ihm das Amulett (wenn er es finden sollte) geben sollte oder nicht. Das würde er entscheiden, wenn es soweit war.

Manu stieß sich von der Lehne ab und griff seine Tasse, um die letzten Reste des inzwischen lauwarmen Blutes zu trinken. Dann sah er Asker in die Augen. „Ich werde helfen, so gut ich kann. Ich werde dieses Teil finden, sollte es wirklich existieren. Und ich werde nicht zulassen, dass Cassian seinen Krieg bekommt- dafür hat er mein Leben zu sehr ruiniert. Den Erfolg gönne ich ihm nicht“. Ein gemeines Lächeln spielte um Manu’s Lippen, während er den Halb-Gott entschieden ansah. Dieser lachte bloß und sah Manu an, als wäre er ein stolzer Vater. Seine Augen glitzerten mystisch. „Ach Manuel… Leif hat Recht. Du bist wirklich ein… besonderer junger Mann. In einer guten Art. Ich mag deine Entschiedenheit. Deine Stärke. Und ich weiß auch, dass du als Vampir großartige Dinge erreichen wirst“. Manu’s Lächeln wurde verlegen, eher er wegsah- so ein Kompliment hatte er zuvor auch noch nie erhalten.
Asker lachte und erhob sich dann. „Nun, ich denke, das reicht erst einmal. Deine Freunde warten sicher schon auf dich. Geh ruhig zu ihnen- für heute haben wir genug getan. Morgen ist auch noch ein Tag“. Manu erhob sich ebenfalls und strich seine braunen Haare hinter sein Ohr. Asker reichte ihm die Hand, welche Manu schüttelte. Sein Griff war erneut sehr herzlich- und in dem Moment wusste Manu auch, dass Asker ein guter Führer war. Ein Freund. Er lächelte, bevor er sich mit einer letzten Verabschiedung von Asker abwandte und das Büro verließ. Er fühlte sich innerlich viel leichter an.

Manu wusste nicht, wie lange er und Asker gesprochen hatten- draußen war es dunkel und in der Villa war es still, keine Wesen war zu sehen. Leise tapste Manu durch die Gänge, die Treppe hinauf zu Maudado’s Zimmer. Schon von weitem hörte er die gedämpften Stimmen von ihm und Zombey. Manu klopfte und wartete, bis Maudado ihn herein bat. Die beiden saßen auf Maudado’s Bett, welches- anders als beim letzten Mal- nun frei geräumt war. Die vielen Bücher und anderen Gegenstände, welche zuvor darauf gelegen hatten, waren nun wild in eine Ecke geschmissen. Manu rümpfte unwillkürlich ein wenig seine Nase- er hasste so eine Unordnung, aber es war ja nicht sein Zimmer.
Maudado lächelte Manu an, als dieser die Tür hinter sich zuzog. „Und? Wie war es?“, fragte er aufgeregt. Manu lachte und verdrehte die Augen, während er seine Sachen ablegte und sich ohne Umschweife neben Zombey auf das große Bett schmiss. „Einfach wundervoll- einer wahrer Traumtyp. Ich glaube, das wird was mit ihm und mir“, antwortete Manu verträumt, eher er Maudado ein anzügliches Lächeln zuwarf. Dieser schmollte etwas und warf ein Kissen nach dem Brünetten. Auch Zombey kicherte leise- er wirkte etwas entspannter als vorhin, was Manu innerlich freute.
„So war das nicht gemeint. Was hat er dir gesagt?“, fragte Maudado, während Manu das Kissen auf seinen Schoß nahm. Der Vampir atmete einmal tief durch. „Also erst mal hattest du Recht: Asker ist n‘ dufte Typ. Ich mag ihn. Aber der Rest…“. Manu erzählte, was er und Asker besprochen hatten und was er in Erfahrung gebracht hatte. Maudado wirkte daraufhin noch besorgter, als er sowieso schon wegen dieser ganzen Sache gewesen war. Er kaute auf seiner Lippe herum- diese war schon ganz schön in Mitleidenschaft gezogen.

„Also will er wirklich unser aller Verderben…“, murmelte Maudado dann bitter, während er aus dem Fenster starrte. Zombey saß im Schneidersitz neben Manu, sein Blick auf die weiße Decke gesenkt. Auch er wirkte besorgt über das, was Manu erzählt hatte, auch wenn er viele Sachen immer noch nicht ganz verstand. Das Konzept von Krieg begriff er zumindest und das reichte schon, um ihm Angst zu machen. Vor allem, da Cassian’s Ziel ja unter anderem auch war, die Menschen zu unterjauchzen. Und Zombey war ein Mensch.
Manu fuhr sich durch seine Haare und fing danach an, mit dem Kissen zu spielen. Nicht nur Maudado war unruhig wegen diesen Neuigkeiten. „Wir müssen dieses Amulett finden. Und ihn aufhalten- ich lass‘ nicht zu, dass so ein Spinner kriegt, was er will!“, sagte Manu entschieden und blickte seine Freunde an. Zombey sah bloß leer zurück, während Maudado einen ähnlich entschlossenen Ausdruck in den grünen Augen trug. „Glaubst du mir jetzt, dass Cassian hier der wahre böse ist?“, fragte er. Manu seufzte, als ein Stich durch das lebloses Herz ging. Er wollte es verdrängen, aber dieses Treffen hatte leider auch einen bitteren Nachgeschmack, der nichts mit dem Offensichtlichen zu tun hatte.

Maudado’s Frage zielte primär nicht auf Cassian selbst ab, das wusste Manu- viel mehr bezog sich der Blonde auf das, was Paluten ihnen gestern gesagt hatte. Und auf Paluten selbst. Auf seine Treue und seine Glaubwürdigkeit.
Und Manu hasste, was in seinen Gedanken vor sich ging. Palle war sein bester Freund- aber leider war er auch der einzige unter ihnen, der auf der falschen Seite zu stehen schien. Der ein Dämon war, der Cassian als seinen Herren anerkannt hatte.
Bis noch vor wenigen Stunden war Manu unentschieden gewesen- nicht, weil er in Cassian irgendwie etwas Gutes sehen wollte. Aber vorhin hatte er Asker noch nicht gekannt und war deswegen auch noch offener für alle Möglichkeiten. Jetzt, wo er sich sein erstes Bild machen konnte, wusste er, dass Maudado von Anfang an Recht gehabt hatte. Asker war ihr Freund. Und Manu glaubte ihm das, was er ihm erzählt hatte. Er vertraute ihm (bisher). Dies bedeutete allerdings auch, dass er Palle in gewisser Weise als Lügner abstempeln musste.
Und das machte ihn fertig. Er wollte Paluten vertrauen- er wollte ihm glauben. Er war sein bester Freund- und Manu wollte nicht daran denken, dass dieser ihn hintergehen und belügen würde.

Aber welche Wahl hatte er jetzt? Ja, er kannte immer nur noch eine Seite- aber leider musste er auch sagen, dass das, was Asker ihm erzählt hatte, mit seinen persönlichen Erfahrungen mit Cassian übereinstimmte. Und das rückte Palle, welcher Cassian vertraute und in Asker den Bösen sah, in kein gutes Licht. Was wollte er damit bezwecken? Was spielte er? Konnte man ihm vertrauen? Oder log er sie wirklich nur an? Waren Maudado’s Ängste und Sorgen dem Kürbiskopf gegenüber wirklich berechtigt?
Manu’s Herz schmerzte. Paluten war doch so ein lieber, schusseliger Kerl. Wäre er wirklich zu so finsteren Taten in der Lage? War er wirklich… böse? Ein falscher Freund, der sie nur ausnutzen wollte? Der sie bei der erst beste Gelegenheit hintergehen würde? Oder war Palle einfach nur falsch geleitet? Was hatte Cassian ihm alles gesagt? Wie viel hatte er dem Dämon in den Kopf gepflanzt, was vielleicht gar nicht stimmte? Wusste der Hamburger es vielleicht wirklich nicht besser?

Manu sah Maudado verloren entgegen. Er brauchte nichts zu sagen, um die Antwort auf die Frage zu geben. Maudado seufzte und ließ die Schultern hängen. „Ich will Palle auch nicht verurteilen, Manu, wirklich nicht. Aber ich habe eben auch gute Gründe dafür. Ich habe einfach sau Angst, dass er uns etwas antut. Dass er uns hintergeht und Cassian zum Sieg verhilft“. Manu’s blasse Hände krallten sich in das Kissen auf seinem Schoß. Er hasste das hier- er wollte sein altes Leben zurück, ohne diese scheiß Probleme! Paluten war doch kein Monster, verdammt! Oder doch?
Ein leises Knurren entfuhr dem Vampir, was Zombey zusammenfahren ließ. Ihm war das alles immer noch nicht ganz geheuer, aber Manu konnte nichts dagegen tun. Verzweifelt starrte er seine Freunde an. „Und was machen wir dann? Maudado, Palle ist mein Freund!“ Der Blonde sah traurig zurück. „Er ist auch mein Freund, Manu“, flüsterte er. Manu zitterte. Er wollte einfach nur noch schreien- das war nicht fair!

Schließlich sprang der Brünette auf und pfefferte das Kissen in die Ecke. „Nein. Ich vertraue ihm. Auch wenn er Cassian glaubt- Patrick ist auf unserer Seite. Er IST mein bester Freund. Und er wird uns helfen“. Entschieden nickte Manu, dann drehte er sich zu seinen Freunden um. Woher er plötzlich diese Entschlossenheit nahm, wusste Manu nicht. Vielleicht kam es daher, dass er gerade jetzt nicht daran denken wollte- dass er Patrick vertrauen wollte, hingegen jeglicher Zweifel, die in ihm aufkeimten.
Zombey und Maudado sahen ihn beide etwas hilflos an. „Und was ist, wenn er-“, setze Zombey leise an, aber Manu fuhr dazwischen. „Nein! Ich will das nicht hören!“, zischte er und schüttelte vehement den Kopf. Er konnte und wollte gerade einfach nicht an das alternative Szenario denken. Er wollte an Paluten glauben, an das Gute und Ehrliche in ihm. An seinen Kott-Bruder.
Maudado seufzte abermals und rutschte vom Bett runter. Langsam trat er auf Manu zu.
„… Sei bitte vorsichtig, Manu. Auch wenn du ihm vertraust- hab ein Auge auf ihn. Beobachte ihn. Sieh, was du in Erfahrung bringen kannst- ob er wirklich unser Freund ist“. Maudado wollte erst etwas anderes sagen, entschied sich dann aber für diese mahnenden Worte. Manu blickte ihn bloß verbittert an. „Er wird mich wohl kaum im Schlaf ermorden- immerhin bin ich eh schon tot“, blaffte er. Maudado zuckte bloß verloren mit den Schultern, während Zombey einen lustigen Ausdruck auf dem Gesicht bekam. Er schien es immer noch nicht ganz glauben zu können, dass Manu eigentlich tot war- immerhin stand er gerade recht lebendig vor ihm. Zudem machte ihn dieses ganze Sache auch richtig fertig.

Der Vampir strich sich schließlich mit einer Hand über das Gesicht- er war auf einmal sehr, sehr müde. Er wollte nur noch schlafen und all das für heute vergessen. Er griff nach seiner Jacke. „Ich geh‘ nach Hause- Leif wird bestimmt froh sein, erlöst zu werden. Wir… wir reden morgen, wie wir weiter vorgehen“, entschied Manu, während er in seine Jacke schlüpfte. Maudado wollte irgendetwas sagen, presste dann jedoch die Lippen aufeinander und nickte. Zombey erhob sich ebenfalls und kam zu ihnen. „Sollen wir mitkommen?“, fragte der Mensch zögerlich. Manu hielt in der Bewegung inne und hob eine Augenbraue hoch. „Willste‘ mich beschützen, Zimbelmann?“, fragte er mit verstellter Stimme. Zombey wurde etwas rot und lächelte verlegen. „Ich meine ja nur...“, murmelte er unsicher. Manu grinste und schüttelte den Kopf. „Ich komm schon klar, keine Angst“. Manu wusste, dass Zombey gefragt hatte, weil er ihm Beistand leisten wollte. Er verstand, was gerade in Manu vor ging und er wollte nicht, dass dieser jetzt alleine sein musste. Schon gar nicht alleine mit Palle. Und das fand Manu nett. Aber er schaffte das schon- immerhin hatte er den ganzen gestrigen und den heutigen Tag auch schon (mehr oder weniger) heile überstanden. Wie viel schlimmer konnte es denn noch werden?


Er schulterte seinen Rucksack und trat zur Tür. „Nicht mehr zu lange aufbleiben, meine Kinners! Gleich ist Schlafenszeit für die süßen, kleinen Fratze!“ Er grinste die zwei vor ihm verschmitzt an. Zombey schmunzelte und Maudado lächelte halbherzig.
„Gute Nacht, Manu… und sei vorsichtig!“, verabschiedete der Blonde ihn leise. Manu nickte lediglich und winkte noch einmal, eher er aus dem Zimmer trat und die Treppe runter ging. Er war wirklich erschöpft- das war eindeutig genug Stress und Aufregung für den Tag. Wenn Manu ahnen würde, was ihn gleich noch erwartete, dann wäre er vermutlich besser da geblieben. Denn das, was kam, würde ihm nicht dabei helfen, sein inneres Chaos zu beseitigen. Es würde alles nur noch schwerer machen.

So lief Manu unwissend durch die stille Nacht. Leif hatte ihm vor ca. 20 Minuten geschrieben und gefragt, wann er kommen würde. Er und Palle waren wohl etwas essen gewesen und Leif schrieb, dass er auch so langsam gerne nach Hause gehen wollte. Manu antwortete ihm und sagte, dass er auf dem Weg sei- die zwei sollten einfach zu seiner Wohnung kommen. Er erhielt keine Antwort darauf, was dem Letsplayer aber zunächst keine Sorgen bereitete.
Manu lief durch die schlafende Stadt, Kapuze auf dem Kopf und Hände tief in seinen Jackentaschen. Wenig später kam er an seinem Wohnblock an- weder Palle noch Leif warteten davor. Manu seufzte und kramte sein Handy erneut heraus. Er wollte auch nur noch ins Bett. Er wählte Leif’s Nummer, jedoch ging sein Mentor nicht dran. Manu’s Laune sank. „Wirklich?“, murmelte er missmutig und rief stattdessen Palle an. Aber auch diese ging nicht an sein Handy. Manu schnaubte. „Sind die jetzt Party machen oder was?“, fragte er laut. Innerlich wurde er etwas unruhig, jedoch versuchte er, dieses Gefühl erst einmal zu verdrängen.

Was sollte einem Vampir und einem Dämon schon groß passieren?

Manu wartete mehrere Minuten in der kalten Nachtluft und versuchte noch zwei weitere Male, einen von beiden zu erreichen- ohne Erfolg. Hatten sie ihn vergessen? Irgendwie glaubte er das nicht. Jedoch fragte er sich auch, wo die zwei steckten. Seine Anspannung stieg mit jeder weiteren Minute an und Manu stand kurz davor, Maudado anzurufen und ihn um Hilfe zu beten.
Gerade, als er anrufen wollte, hörte er jedoch, wie sich eine Person von rechts näherte. Die Schritte hallten auf dem feuchten Boden wieder. Erleichterung durchflutete Manu im ersten Moment- na also, kein Grund, direkt das Schlimmste anzunehmen. Der Vampir sah auf- und das, was er erblickte, ließ das Blut in seinen Adern gefrieren. Sein Verstand setzte kurzzeitig aus. Zeitgleich hämmerten die Gedanken durch ihn hindurch. Angst und Unverständnis machten sich in ihm breit.
Dort kam Palle und in seinen Armen trug er den scheinbar leblosen Körper seines Mentors.

Manu stürzte auf sie zu, alsbald sein Kopf wieder richtig arbeitete. Patrick wirkte grimmig, seine Augen düster. Aus der Nähe sah Manu, dass seine Jacke an mehreren Stellen zerrissen war und getrocknetes Blut an seinen Händen klebte- ob seins oder Leif’s, das wusste er nicht. „Was ist passiert?“, fragte Manu panisch- er lauschte. Leif rührte sich nicht und sein Genick sah eindeutig gebrochen aus. Er war tot. Manu schluckte geräuschvoll und sah Palle an. Dieser sah müde und zerrüttet zurück.
„Wir wurden angegriffen“.
Und da wusste Manu, dass sein Leben nur noch komplizierter werden würde.

______________________
Hallo zusammen! :)

Jaa, endlich geschafft, das neue Kapitel zu schreiben! Dazwischen lag jetzt doch eine etwas längere Pause als beabsichtig, weshalb es mir beim Schreiben auch anfänglich etwas schwer gefallen ist, wieder rein zu kommen. Ich hoffe, dass ich das nächste Kapitel etwas schneller hochladen kann, aber versprechen will ich lieber nichts. :/

Aber dafür ist hier endlich Asker's erster, großer Auftritt und das Gespräch mit Manu.
Wie ist euer erster Eindruck von Asker? Und wie geht es jetzt weiter?
Wer hat Palle und Leif am Ende noch angegriffen?

Uiui, ich freue mich gerade, das nächste Kapitel zu schreiben- ich bin schon sehr auf die Reaktion auf dieses und auf das nächste Kapitel gespannt! :D

Aber genug von mir!

Ich hoffe, euch hat das Kapitel gefallen! :)
Bis zum nächsten Mal
LG
Thazzl :3
Review schreiben