Der Mann, der Klavier auf einem Pferd spielte

KurzgeschichteHorror / P18
11.04.2019
11.04.2019
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DER MANN, DER KLAVIER AUF EINEM PFERD SPIELTE


Nachts wirkte Ayutthaya noch lebendiger als bei Tageslicht. Der letzte Zug von Bangkok hatte soeben den Rest an Pendlern ausgespuckt, der sich nun in den wie Adern pulsierenden Straßen verteilte und die Stadt nährte, welche ihn einem nimmersatten Ungeheuer gleich bei lebendigem Leibe zu verschlingen schien.
    Ich – eine der wenigen Weißen dort um diese Jahreszeit, weil die meisten Touristen den Monsun-Regen scheuten und Überschwemmungen fürchteten – begann meine Clubtour wie vorige Woche mit einer Bloody Mary im Moon Saloon.
    Ein bescheuerter Name für eine kleine Bar, die so rein gar nichts mit einem Saloon gemein hatte, aber anscheinend kam er bei der einheimischen Bevölkerung sehr gut an. Oder zumindest störte es niemanden.
    Die Drinks waren gut, vor allem bezahlbar, und das ständig wechselnde Publikum machte den Ort zu einem Treffpunkt der unterschiedlichsten Schichten. Hier fand man Bankiers, Polizisten, angesehene Kaufleute, aber auch der Abschaum unserer Gesellschaft trieb sich gerne dort herum, immer auf der Suche nach neuen Opfern oder nur dem geeignetsten Weg, sich selbst zugrunde zu richten.
    Im Moon Saloon waren alle gleich.
    Und ich mittendrin.
    Die Band, die im Hintergrund spielte, kannte ich schon von letzter Woche, deshalb hörte ich nur mäßig interessiert zu, während ich ab und an einen kleinen Schluck von dem mit Wodka vermischten Tomatensaft nahm. Der Tabasco darin verbrannte mir die Schleimhäute und ließ mir Tränen in die Augen steigen, doch ich genoss die Qual, da sie mir vorspielte, dass auch ich vielleicht entgegen aller Erwartungen noch lebte.
    Es war an eben diesem Abend, dass ich ihn traf. Den Mann, der die Grundmauern meiner Existenz erschüttern würde.
    Er setzte sich unaufgefordert neben mich und schaute mich eindringlich an, ohne auch nur ein Wort zu sagen. Mein erster Impuls bestand darin, aufzustehen und in der tanzenden Menge vor der Bühne abzutauchen, doch dann legte er ganz sanft die Hand auf meinen Unterarm und ich war wie hypnotisiert von seinem Blick, der einerseits unheimlich nett und unschuldig wirkte, mir andererseits aber einen eiskalten Schauer die Wirbelsäule hinunterjagte.
    Vom Aussehen her erinnerte er mich ein bisschen an Martin Freeman – klein, schlank, kurzes, blondes Haar, wache Augen und ein charmantes Lächeln. Ich blieb sitzen.
    »Was tut jemand wie Sie an einem gottverlassenen Ort wie diesem?«, fragte er schließlich – auf Englisch – und nippte an seinem Getränk, das nach Whiskey aussah.
    »Urlaub«, antwortete ich knapp.
    Es war nicht einmal gelogen. Ich hatte alles Ersparte zusammengekratzt, um mir eine Auszeit von meinem alten Selbst nehmen zu können. Mich neu zu erfinden. Zunächst hatte ich in Bangkok bleiben wollen, doch ich war der Millionenstadt schnell überdrüssig geworden. Also hatte ich meinen Rucksack gepackt und war letzten Endes hier gelandet.
    Ayutthaya faszinierte mich. Die Ruinen der Altstadt besaßen eine magische Anziehungskraft, ich verbrachte Stunde um Stunde zwischen Buddha-Statuen und Steinhaufen längst verfallener Tempel. Es war, als könnte ich die Geister der Menschen wandeln sehen, die einst hier gelebt hatten. Ich war verliebt. In eine Stadt, in der die Toten unter den Lebenden weilten.
    Es unterstrich außerdem sehr gut das Gefühl, das ich in Bezug auf mich selbst hatte – eine Tote unter den Lebenden zu sein.
    »Und Sie?«
    Martin Freeman, der nicht Martin Freeman war, lächelte geheimnisvoll. Und dann sagte er den einen Satz, den ich niemals vergessen werde:
    »I'm playing the piano on a horse.«
    Ich spiele Klavier auf einem Pferd, wiederholte ich den Satz in meinen Gedanken und entdeckte gerade in diesem Augenblick den Geigenkasten neben seinem Stuhl.
    Nichts von all dem machte Sinn. Und doch war dies der Anfang vom Ende, mein Eintritt in eine Spirale, aus der ich mich nie wieder würde befreien können und die nur eine Richtung kannte: abwärts.

~~~


Als ich um kurz nach Mitternacht hinaus auf die Straße trat, wehte mir ein heißer Südwind ins Gesicht. In Thailand schwitzte man ununterbrochen, selbst nachts während des Schlafens, morgens beim Aufwachen und tagsüber sowieso. Meine Haut war konstant von einem nassen Schweißfilm bedeckt, den es nicht lohnte wegzuwischen.
    Ich hielt ein Taxi an und nannte dem Fahrer die Adresse meines Hotels. In Ayutthaya kostete die Unterkunft nur einen Bruchteil von dem, was ich in Bangkok hatte hinblättern müssen, und ich war schnell zu dem Schluss gekommen, meinen Standard dementsprechend anzupassen. Die Ratten in der ersten Herberge hatten mich davon überzeugt. Das Hotel, in dem ich nun wohnte, war zwar nicht luxuriös, aber immerhin sauber und frei von Ungeziefer – soweit ich das beurteilen konnte.
    Mein Zimmer lag im dritten Stock. Auf den endlos langen Fluren traf ich keine Menschenseele, und ich fragte mich wie schon zu Anfang, ob ich wirklich der einzige Gast war oder ob wir nicht vielleicht wie die Geister zwischen den Ruinen unserer vergangenen Leben nebeneinander her wandelten, ohne uns sehen zu können.
    »Scheiße.«
    Der Ventilator war kaputt. Auch wenn er eigentlich nichts anderes tat, als die heiße Luft in dem kleinen Raum durcheinanderzuwirbeln, half einfach der Gedanke, dass er da war. Sein Effekt glich also mehr einem Placebo, als dass er tatsächlich Abkühlung gebracht hätte, trotzdem würde morgen meine erste Handlung der Gang zur Rezeption sein, um eine Reparatur zu verlangen.
    Träge schälte ich mich aus meinen Klamotten – viel war da nicht zum Ausziehen –, dann stellte ich mich ein paar Minuten unter die Dusche und legte mich anschließend nass und nackt, wie ich war, auf das quietschende Bett, welches auch schon mal bessere Tage gesehen haben musste.
    Draußen hupten zwei Autos, wahrscheinlich kämpften sie um den letzten Parkplatz vor dem schäbigen Wohnblock gegenüber. Genervt zog ich mir das Kissen übers Ohr.
    Ich spiele Klavier auf einem Pferd.
    Waren Geigenbögen nicht meistens mit Rosshaar bespannt? Sollte das eine Metapher sein? Vielleicht dafür, dass er eigens für Klavier komponierte Stücke auf der Violine spielte? Allerdings hatte Edgar – er war also wirklich nicht Martin Freeman – bei diesem Satz nicht gelacht. Ja, er hatte nicht einmal gelächelt oder auch nur ansatzweise angedeutet, dass er einen Scherz machte. Seine Miene war ausdruckslos geblieben, versteinert fast.
    Tot.
    Ich musste grinsen. Noch ein Toter unter den Lebenden also. Die perfekte Gesellschaft, wie es schien.

~~~


Der Sonntag verging dermaßen langsam, dass ich dachte, für immer in diesem einen Moment gefangen zu sein. In einer Zeitschleife, die daraus bestand, dass ich auf dem winzigen Balkon saß, eine gekühlte Flasche Cola in der Hand, dessen Inhalt viel zu schnell lauwarm und irgendwann ungenießbar wurde, unter mir der rauschende Verkehr und über mir die brütend heiße Mittagshitze.
    Am Montagabend, als ich von meinem beinahe schon zu einer Art Ritual gewordenen Rundgang durch die Ruinen der Altstadt Ayutthayas zurückkehrte, war der Ventilator immer noch nicht repariert, also wechselte ich nur meine Klamotten und machte mich auf den Weg zum Moon Saloon, in der Hoffnung – ja, auf was hoffte ich eigentlich?
    Ich wusste es erst, als er sich wieder zu mir an den Tisch setzte. Edgar. Sein plötzliches Auftauchen war ebenso geisterhaft wie er selbst, seine Art zu reden – ruhig, in rätselhaften Bildern, die ich nur versuchen konnte zu deuten –, sein stechender Blick, seelenlos und kalt. Dennoch, oder gerade deswegen, fühlte ich mich zu ihm hingezogen.
    Ihn umgab ein Mysterium, ein Geheimnis, das ich unbedingt lüften wollte. Und meine widerliche Neugier war es, die mir letztlich zum Verhängnis wurde.
    Eine Woche später – wir hatten uns jeden Abend im Moon Saloon getroffen und eigentlich nicht viel mehr getan, als beisammengesessen und ein paar Drinks in uns hineingeschüttet – antwortete er beim Abschied auf meine Frage, was er denn noch so vorhabe, erneut mit seinem Standardsatz:
    »I'm playing the piano on a horse.«
    Und diesmal traute ich mich.
    »Darf ich mitkommen?«
    Es war das erste Mal, dass Edgar grinste. Breit, über das ganze Gesicht. Dann nickte er und führte mich hinaus in den Hinterhof, wo einige junge Leute standen und rauchten.
    Ich hätte stutzig werden sollen, denn niemand von ihnen schaute Edgar auch nur aus dem Augenwinkel heraus an. Sie wagten es nicht. Doch ich war zu aufgeregt, ich wollte endlich wissen, was hinter Edgars Andeutungen steckte, was er tat, wenn er nicht im Club herumhing, wer er war.
    Alles an dem Gebäude, in das wir gingen, erinnerte mich an einen Schlachthof. Überall glatte, geflieste Wände, leicht abwaschbar, in einem bleichen Eierlikörgelb, ein leerer Gang, vielleicht eine ehemalige Desinfektionsschleuse, mit Sprühvorrichtungen an der Decke, hinter einer dicken Metalltür warteten Menschen und applaudierten, als Edgar den Raum betrat.
    Ich war fest davon überzeugt, dass Edgar gleich seine Violine herausholen und darauf spielen würde. Solche Locations wurden doch öfter mal für extravagante Kunst- oder Musikveranstaltungen genutzt, die Akustik und die bedrückende Atmosphäre hatten sicherlich ihren ganz eigenen Charme.
    Dann erblickte ich das Pferd. Nervös schnaubend, in der Mitte des Raumes. Okay, dachte ich noch, vielleicht ist es doch wörtlich gemeint. Vielleicht setzt er sich gleich auf das Pferd und spielt von dort oben auf seiner Geige. Originell.
    Die Lackoberfläche von Edgars Geigenkasten reflektierte Strahlen des grellen Neonlichts, welches den Raum von einigen Röhren an den Seitenwänden her ausleuchtete. Er öffnete den Kasten und holte etwas daraus hervor, das wie eine Rolle hauchdünnen Drahtes aussah. Klaviersaiten? Ich kannte mich nicht allzu gut aus, aber es erinnerte mich an alte Krimis, in denen Opfer ganz nach dem Klischee mit Klaviersaiten erwürgt wurden.
    Keine Violine.
    Meine Spekulationen gerieten ins Stocken, ich beobachtete gespannt, wie Edgar den Draht an einer Vorrichtung befestigte, die offensichtlich auf lautlosen Schienen lief und sich mit einer Fernbedienung, die er soeben auf ihre Funktionstüchtigkeit testete, steuern ließ.
    Das Pferd wurde derweil von zwei Helfern angebunden, eine Schlinge hielt den Kopf in Position, und um die Fesseln herum wanden sich Stricke, die an in den Boden einbetonierte Ösen geknüpft waren. Vielleicht macht die Musik das Tier sonst scheu?
    Dann wurde es still. Ich hörte nur das Pferd, sein ängstliches Schnauben, und meinen eigenen erregten Atem. Edgar hatte sich einen Spezialhandschuh übergezogen und das freie Ende des Drahtes um seine Hand gewickelt. Der Draht berührte die Brust des Tieres, und ich hatte plötzlich Angst, dass es dadurch eventuell verletzt werden könnte.
    Doch als Edgar zu spielen anfing, setzte mein Denkvermögen mit einem Schlag aus.
    Das Pferd schrie. Ich hatte noch nie zuvor ein Tier schreien hören. Ohrenbetäubend laut hallten die markerschütternden Töne von den Fliesen wider, kleine Tröpfchen spritzten mir ins Gesicht, flogen in meinen vor Entsetzen geöffneten Mund, Blut, das Blut eben jenes Pferdes, das Edgar gerade mit dem Klaviersaitendraht unter gewaltiger Kraftanstrengung horizontal in zwei Hälften teilte.
    Ich konnte nicht atmen. Nicht sprechen. Nicht wegschauen. Die Todessymphonie dauerte ewig, selbst als das Tier schon seinen letzten Atemzug gehaucht hatte, war da immer noch das Schmatzen von Draht in rohem Fleisch, und ich fand endlich die Kraft, mich abzuwenden.
    Warum?, wollte ich fragen, nein, schreien, ich wollte schreien, wie das Pferd geschrien hatte, doch meine Lippen verließ nur ein leises Wimmern.
    Ich stolperte durch die Tür, den Gang entlang, an dessen Ende eine weitere Tür wartete. Ich stieß dagegen. Nichts. Ich rüttelte daran. Nichts.
    Ich schlug mit den Fäusten gegen die glatte Oberfläche, schrie jetzt doch, lasst mich raus!, ich will hier raus!, aber die Tür bewegte sich nicht, hinter mir hörte ich Stimmen, Jubel, Lachen, auf einmal regnete ein Sprühnebel auf mich herab, auf uns, die anderen Gäste standen mittlerweile direkt hinter mir, nahmen meine Hände, zerrten mich von der Tür weg, lachten, jubelten, badeten in dem Blut, das von der Decke herabregnete, Edgar war unter ihnen, kämpfte sich zu mir durch, strahlte mich an, Blut lief ihm in Strömen über das Gesicht, die entblößten Zähne rot, er riss meinen Arm in die Höhe, spuckte aus und brüllte über den Lärm hinweg:
    »WIR LEBEN!«
    Leben.
    Ja, wir lebten. Im Gegensatz zu dem Tier.
    Und dann verstand ich.
    Wir waren keine Toten, die unter Lebenden wandelten.
    Wir waren Lebende, die unter Toten wandelten!
    So einfach war das.
    Edgars Lachen steckte mich an. Die feinen Bluttröpfchen versiegten allmählich, doch die ausgelassene Stimmung setzte sich fort, Körper, die sich aneinanderrieben, Zungen, die sich in die Münder anderer steckten, Hände, die unter Kleidung verschwanden, ich wusste nicht, wessen Finger ich an meiner Brust spürte oder wessen Schwanz ich gerade massierte, es war mir egal, ich würde hier drin sterben, um wiedergeboren zu werden, wiedergeboren als Lebende unter Toten, denn ich war eins mit der Stadt, eins mit den Geistern Ayutthayas, welche in den alten Ruinen hausten und lebendiger waren als alle anderen Einwohner zusammen.

~~~


Zwei weitere Wochen gingen ins Land, ich hatte mein Visum schon verlängert, doch viel Zeit blieb mir nicht mehr.
    Es machte mich rasend.
    Ich wollte nicht weg! Nicht weg von Edgar, nicht weg von der Gruppe aus Menschen, die meinen Körper mittlerweile besser kannten als ich selbst. Ich gehörte hierhin.
    »Es gibt eine Möglichkeit, zu bleiben«, sagte Edgar eines Abends im Moon Saloon.
    »Und die wäre?«
    »Du musst sterben.«
    Ich lachte frei heraus.
    »Nichts leichter als das. Jedes Mal, wenn du Klavier auf einem Pferd spielst, sterbe ich und werde neugeboren.«
    Er schwenkte sein Whiskeyglas.
    »Ich meine auf dem Papier. Wir lassen dich verschwinden und schaffen dir eine neue Identität.«
    Ich grinste.
    »Und der Preis?«
    Nun grinste Edgar ebenfalls.
    »Du lässt mich eine Nacht auf dir Klavier spielen.«
    Ich spürte, wie meine Gesichtszüge entgleisten, konnte aber nichts dagegen tun. Bitterer Speichel sammelte sich in meinem Rachen, und ich musste schlucken.
    »Aber ... aber ich sterbe dabei nicht wirklich ... oder?«
    Edgar schüttelte den Kopf.
    »Nein. Das würde keinen Sinn ergeben. Außerdem mag ich dich wirklich. Ich hab dich wirklich gern. Sieh es eher als Reinigungsritual. Als ... Häutung. – Das ist deine Chance! Du kannst dein altes Leben endlich wirklich hinter dir lassen. Ich mache dich zu einem ganz neuen Menschen.«
    Ich vertraute ihm.

~~~


Jetzt, da ich diese Zeilen schreibe, weiß ich, dass es töricht war. All die Schmerzen, erlitten um des Lebens Willen, nichts als Lug und Trug. Edgar ist tot. Er wurde vor zwei Tagen auf offener Straße erschossen. So ist das nämlich. Nur ein einziges Wesen besitzt die Macht, uns die Bürde unseres alten Lebens zu nehmen.
    Und so verabschiede ich mich nun von dieser Welt und gehe an den Ort, an dem ich eine Tote unter Toten sein werde, um eines Tages vielleicht wieder als Lebende unter den Lebenden weilen zu können.
    Adieu, Ayutthaya, Stadt meiner verlorenen Träume. Adieu.
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