Wir bringen alle um......

von Jea2104
GeschichteRomanze, Familie / P16
Christian "Föhre" Foerer OC (Own Character) Philipp Burger
10.04.2019
23.07.2019
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Der Vormittag vergeht wie im Flug. Vor lauter Reservierungen weiß ich gar nicht, wo oben und unten ist.
„Hey Kleine.“ Erschrocken blicke ich von meinem Monitor im hinteren Teil des Büros auf.
Vor mir steht Alex, einer meiner Lieblingsarbeitskollegen. Ok, ich gebe es zu, ich habe hier vorne außer ihm nur noch 2 alteingesessene Kolleginnen, welche hin und wieder etwas schwierig sind, sowie eine kleine, manchmal ziemlich schüchterne Auszubildende. Aber die Arbeit hier lässt sich ganz gut auf uns vier verteilen und jeder hat seine festen Aufgaben außerhalb des täglichen Wahnsinns.
„Hey Alex. Wie geht es dir?“, frage ich ihn etwas verspätet.

„Ganz gut, und dir? Was grinst du schon wieder von einem Ohr zum anderen? Habe ich was verpasst?“
Skeptisch sieht er mich an. Wie er wohl reagiert, wenn ich ihm jetzt gleich die riesen Neuigkeit unterbreite?
„Du wirst nicht glauben, wer nächste Woche Montag bei uns einchecken wird. Das ist so Bombe. Ich kann es noch gar nicht richtig glauben.“ Viel schneller als ich darüber nachdenken kann, haben die Worte auch schon meinen Mund verlassen.
„Das müssen ja richtig wichtige Leute sein, die hier übernachten, so wie du dich benimmst“, lacht er amüsiert auf, ehe er zu drängeln anfängt. „Los jetzt, spann mich nicht weiter auf die Folter!“
„Alsooooo, du wirst es nicht glauben, aber schau mal auf die Zimmerübersicht. Fällt dir was auf?“ Ich kann es nicht lassen. Meine Nervosität lässt mich einfach nicht los. Und immer, wenn ich nervös bin, werde ich verspielt, zappelig und wahrscheinlich für einige auch tierisch anstrengend.
„Na los, Kleine, raus mit der Sprache. Mein Rechner hat sich noch nicht angemeldet und bei deinem Dauer-Grinsen wird man ja ganz neugierig.“

„Ok, halt dich fest. Frei.Wild kommen am Montag zu uns ins Hotel und bleiben bis Freitagmorgen. Kannst du dir das vorstellen? Frei.Wild kommen zu UNS! In dieses kleine, verschlafene Nest!“ Es fällt mir wirklich fast etwas schwer, mich zu beherrschen. Zuhause würde ich jetzt die Musik voll aufdrehen und so laut mitsingen, dass auch meine Nachbarn noch etwas davon haben. Aber hier ist das einfach nicht machbar. Kurz wird mein Grinsen noch breiter bei der Vorstellung, wie ich hier bei voll aufgedrehten Boxen die neusten Titel der Band mitsinge. Ricos Gesicht wäre bestimmt absolut unglaublich.
„Oh je. Das erklärt natürlich auch dein debiles Grinsen von einem zum anderen Ohr. Wie hat Rico das denn hinbekommen?“, fragt Alex und setzt sich an seinen PC im Front Office-Bereich.
„Ich weiß es nicht, aber wichtig ist doch, dass er es hinbekommen hat.“ Jetzt, wo ich darüber nachdenke, fällt mir auf, dass ich ihn gestern tatsächlich nicht danach gefragt habe. Ich war viel zu abgelenkt davon, dass er es geschafft hat.
„Letzten Endes sind das auch nur Menschen.“ Irgendwie klingt Alex gar nicht so aufgeregt. Eher verhalten und ziemlich reserviert. Freut er sich denn gar nicht?

„Naja, aber ziemlich gutaussehende und sehr bekannte Menschen“, erwidere ich immer noch gut gelaunt. Gerade als Alex zu einer Antwort ansetzen will, betreten zwei neue Gäste das Foyer und fordern so seine Aufmerksamkeit ein. Ich wende mich wieder meinem PC zu und vertiefe mich in die diversen Reservierungen und Rechnungen, welche noch bearbeitet werden wollen. So vergeht auch der Rest dieses Arbeitstages wie im Flug.
In den folgenden drei Tagen fällt es mir von Tag zu Tag schwerer, nicht wie ein Eichhörnchen auf Speed durch die Gegend zu springen. Doch irgendwie schaffe ich es tatsächlich, diese Tage einigermaßen menschlich rumzubekommen.
~Montagmittag~

Endlich ist es soweit. Es ist Montag. Waren der Freitag und der Samstag noch wie im Fluge an mir vorbeigezogen, so ist der Sonntag dafür an mir vorbeigeschlichen. Nervig und zäh wie ein zu lange gekauter Kaugummi.
Auch heute will die Zeit anscheinend am liebsten stillstehen und sich nicht einen Millimeter zu bewegen.
Ab 15 Uhr wird es langsam besser. Rico sitzt in seinem Büro, welches gleich an den hinteren Teil des Rezeptionsbüros angeschlossen ist, und Alex arbeitet im fordern Bereich und unterhält die Gäste.

„Kommst du heute Abend auch mit in die Hotelbar zu unserem Montagsstammtisch?“, fragt Rico im Vorbeigehen, als er auf dem Weg vom Drucker zurück in sein Büro ist. Er läuft immer wieder zwischen dem Drucker und seinem Büro auf und ab. An Tagen wie heute frage ich mich ernsthaft, warum er keinen eigenen Drucker in seinem Büro hat.
„Klar bin ich dabei. Ich habe heute ja einen Mitteldienst, das heißt ab 21 Uhr bin ich dabei.“, grinse ich und vernehme nur noch ein wohlwollendes Gemurmel aus dem Büro hinter mir.
Der Montag ist der beliebteste Tag in der Woche. Dann setzten wir uns am Abend in der Hotelbar zusammen und freuen uns darüber, die alte Woche mal mehr, mal weniger erfolgreich hinter uns gelassen zu haben und darauf, was die neue Woche so mit sich bringt. Finanziert wird das ganze zum Teil aus unserer Trinkgeldkasse. Diese übernimmt für jeden Mitarbeiter 2 Getränke und die anderen Getränke zahlt jeder selbst.

Als ich das nächste Mal die Zeit finde, auf meine Uhr zu schauen, ist es bereits kurz nach 6. Huch, da ist mir schon wieder die Zeit weggerannt. Dabei wollte ich eigentlich noch ein bisschen was schaffen. Aber das Wichtigste habe ich immerhin erledigt, denn mit meinen Rechnungen und Reservierungen bin ich soweit durch.
Langsam schweifen meine Gedanken wieder ab. Ob sie wirklich so sind, wie sie in den ganzen Videos und Interwies rüberkommen? Bodenständig, verrückt und eigentlich gar nicht wie die meisten anderen in ihrer Altersklasse? Viel Zeit darüber nachzudenken habe ich allerdings nicht.

„Lia, würdest du mir bitte mit dem Check-In unserer Gäste helfen?“ Grinsend steckt Alex seinen Kopf durch die Tür. Ich muss wohl so in Gedanken versunken gewesen sein, dass ich das Rollen der Koffer auf unserem Steinboden gar nicht wahrgenommen habe.  Aber warum soll ich Alex beim Check – In helfen? Sonst macht er das auch allein. Egal wie viele Menschen da vor Ihm stehen.
Kaum dass ich durch die Tür in den vorderen Rezeptionsbereich getreten bin, vergisst mein Gehirn allerdings, weiter darüber nachzudenken. Denn dort, auf der anderen Seite des Tresens steht meine absolute Lieblings-Band.

‚Ok Lia, tief durchatmen und einfach so handeln wie bei allen anderen Gästen auch. Sie sind auch nur Menschen.‘, versuche ich mich selbst zu beruhigen. Nach einem letzten tiefen Atemzug trete ich neben Alex an den Tresen und stehe zum ersten Mal in meinem Leben den Menschen gegenüber, deren Musik so vieles für mich verständlicher, leichter zugänglich oder einfach akzeptabler macht und mir immer wieder hilft, mich selbst zu finden.
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