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Delirium

GeschichteAbenteuer, Liebesgeschichte / P12 / Gen
OC (Own Character) Phoenix / Doktor Jean Elaine Grey Quicksilver / Pietro Maximoff
09.04.2019
14.07.2020
16
37.904
5
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Dieses Kapitel
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04.06.2019 2.169
 
Am Anfang widersteht eine Frau dem Ansturm des Mannes, und am Ende verhindert sie seinen Rückzug.

-Oscar Wilde



Ich wachte auf, in einem weißen, sterilen Raum, ohne Tür, ohne Fenster und ohne Möbel. Es war ein Traum. Woher ich das wusste? Weil ich das jetzt schon zum siebten Mal träumte.

„DAISY“, eine Stimme schrie, erfüllt von reiner Angst, aus dem nichts meinen Namen. Immer und immer wieder. Eine Ewigkeit, mittlerweile kamen mir schon keine Tränen mehr, in mir wohnte nur noch die pure Verzweiflung.

Dann änderte sich die Szene, ich war auf einem Feld. Zwei Personen, ein Mann und eine Frau, wie ich schon seit längerem glaube, meine Eltern, sitzen auf einer Picknickdecke. Ich versuche zu ihnen zu rennen, doch ich komme nie an, als würde ich auf der Stelle laufen. Ich schreie ihre Namen, Liora und James, aber sie hören mich nicht.

Wieder ändert sich die Szene, nun sehe ich Stryker, welcher laut und grausam lacht, während meine Eltern zusammengekauert und hilflos in einer Zelle sitzen. Stryker redet jetzt mit ihnen, aber ich verstehe nur zwei Sätze.

„Ich werde sie finden“ und „Sie wird genauso sterben wie ihr bald“.

Wie vorher schon denke ich, dass es sich um mich handelt. Ich schreie aus vollen Leibeskräften, doch niemand realisiert mich.



Ich schreckte hoch. Mit einer Hand wischte ich den Schweiß von meiner Stirn und versuchte meinen Atem wie unter Kontrolle zu bringen. Dem Himmel sei Dank, dass Ororo und Jean seelenruhig weiterschliefen. Ich wollte sie nicht mit weiteren Alpträumen belasten, als ich jedoch versuchte erneut einzuschlafen, hatte ich zu viel Angst, dass ich das Gleiche wieder träumen könnte. Schlussendlich gab ich auf, schnappte mir meinen Morgenmantel und schlich nach unten in den Gemeinschaftsraum. Zum Glück stand dort ein Fernseher und – Blick auf die Uhr – jetzt um drei Uhr morgens lief für gewöhnlich die Wiederholung von Jeopardy. Ich liebte diese Sendung und den neuen Moderator. Alex Trebek fand ich um einiges besser als den Alten, außerdem war ich froh, dass sie überhaupt wieder Folgen drehten nach der langen Pause. Das Beste daran war für mich mit Abstand das Mitraten, ein Spaß für die ganze Familie, oder einfach nur eine willkommene Ablenkung für mich.

„Was ist Sputnik du Idiot, das weiß doch sogar ich“, zugegeben, über die Kandidaten herzuziehen war auch ein Grund warum es meine Lieblingssendung war. Manche Leute sind aber auch zu dumm für alles. Jedenfalls saß ich, oder besser gesagt lag ich auf dem Sofa und beantwortete die Fragen, für die die Kandidaten einfach nicht genug Grips besaßen, bis ich mich aufsetzte, um mich zu strecken und mir ein Glas Saft zu holen. Ich wartete noch bis der gute Alex begann die Kandidaten nach dem persönlichen Kram zu fragen, dann stand ich auf und fiel vor Schreck sofort zurück auf das Sofa. Im Türrahmen lehnte eine gewisse, mir gut bekannte, bebrillte Person und sah mich emotionslos genervt an. Innerlich stöhnte ich auf, Scott und ich waren zwar Freunde, aber nerven konnte er mich trotzdem gut.

„Wie kannst du dir so viele Dinge merken?“

„Wie lange stehst du da schon?!“

Ich hatte gerade einen schlimmeren Schock kassiert, als damals bei Kurt in Kairo.

„Lange genug, um zu wissen, dass du um einiges schlauer bist, als du uns weiß machen willst.“

„Ich bin nicht intelligenter als der Durchschnitts-Mutant, außerdem will ich jetzt ein Glas Saft“, ich wagte es erneut aufzustehen und tapste in die Küche. Natürlich folgte er mir.

„Und, weshalb geisterst du noch mitten in der Nacht hier herum?“, erkundigte ich mich und nahm danach einen Schluck meines wohlverdienten Kirschsafts.

„Ich konnte nicht schlafen, du?“, er lehnte wieder am Türrahmen, das tat er gern.

„Dito“, ich wollte Scott ehrlich gesagt nicht erzählen, dass mich die Schreie meiner möglicherweise Eltern nicht schlafen ließen.

Nein, das war nicht ganz korrekt. Zu 99 % waren das meine Eltern, die Ähnlichkeit zwischen meiner Mutter und mir war nicht zu übersehen. Nur woher sollte mein Gehirn wissen wie die beiden aussahen, wenn ich es nicht in wachen Zustand erinnern konnte. Von der Theorie, dass das gespeicherte Erinnerungen waren, hielt ich nicht viel. Vielleicht konnte mir ja der Professor weiterhelfen.

Scott nickte verstehend und ich setzte mich in Bewegung, um nicht so viel von Jeopardy zu verpassen. Manchmal frage ich mich, ob diese Leute allen Ernstes denken sie wären in der Lage diese Quizshow zu meistern, der Großteil der Kandidaten war wirklich seltendämlich. Nicht einmal die leichtesten Fragen bekommen die gebacken, eine Schande für jeden mit einem IQ über hundert. Aber wollen wir mal nicht so sein, schließlich kennt sich nicht jeder überall gleich gut aus, nicht wahr? Jedenfalls, während ich so darüber nachgrübelte, hatte Scott irgendetwas zu mir gesagt.

„Entschuldige, ich war gerade in Gedanken, kannst du das nochmal wiederholen?“, ich klimperte unschuldig mit den Wimpern und brach fünf Sekunden später in leises Kichern aus, ich wollte ja meine Mitmutanten nicht wegen meiner sonst so verstörenden Lache aus dem Schlaf reißen.

Er rollte mit den Augen über meine geringe Aufmerksamkeitsspanne, aber grinsen musste er dennoch.

„Ich hab gefragt, warum du dir ausgerechnet Jeopardy ansiehst.“

„Ganz einfach, ich verbessere gerne Leute und rate gerne mit. Apropos, Wer war Franz Schubert?“

„Ist das jetzt eine Frage an mich, denn ich hab absolut keine Ahnung.“

„Nein es war die Frage auf die Antwort ‚Dieser Musiker schrieb die unvollendete Sinfonie‘.“

„Und woher weißt du das?“

„Ha, darauf hab ich gewartet, im Gegensatz zu dir hab ich im Musikunterricht aufgepasst“, ich grinste triumphfahl und er schüttelte nur resigniert den Kopf.

„Ich kann nichts dafür, wenn meine Augen jucken, als hätten mich tausende Stechmücken attackiert“, rechtfertigte er sich.

„Das lass ich jetzt einfach mal so stehen.“

„Wenn du meinst.“

„Jap“, sagte ich und kicherte noch ein wenig vor mich hin.

Eine Weile saßen wir einfach so am Sofa und ich muss gestehen, dass es schlimmere Gesellschaften gab. Jedenfalls schoss mir unerklärlicherweise das Gespräch von Jean und mir über Scott in den Kopf. Ich wusste, dass sie mich umbringen würde, wenn sie wüsste, was ich jetzt vorhatte, aber sie würde es sowieso nie erfahren, wenn ich es richtig anstellte.

„Jean wird überhaupt nicht begeistert sein, wenn ich morgen nicht ausgeschlafen bin. Weißt du, sie ist zwar sehr geduldig, aber selbst ich würde mit einer unausgeschlafenen Version von mir nicht zurechtkommen, aber sie macht das trotzdem gut.“

Ich wollte mich schließlich auch einmal als Kupplerin versuchen.

„Ja, sie ist toll“, murmelte Scott gedankenverloren und starrte in den Boden.

„Wie bitte?“, fragte ich ganz unschuldig nach.

„Ich meine sie macht das wirklich toll“, ganz erschrocken sah er auf und versuchte sich unauffällig zu räuspern.

Ich musste über sein Verhalten lachen und wusste nun endgültig über seine Gefühle für Jean bescheid.

„Hör mal Scott, auch wenn ich kein Telepath bin, so weiß ich doch wie es mit deinen und Jeans Gefühlen steht. Jedoch weiß ich auch wie stur Jean zuweilen sein kann, also gebe ich dir einen freundschaftlichen Rat. Jean mag dich wirklich, also kann es nicht falsch sein endlich den ersten Schritt zu machen. Außerdem hört sie dann ja möglicherweise endlich auf über die lächerlichsten Dinge zu jammern. Dazu ist es höchste Eisenbahn“

Er nickte bedächtig und erwiderte schließlich: „Und was, wenn sie doch nicht so empfindet wie du sagst?“

„Sag mal, ist dir noch nicht aufgefallen, dass sie meine beste Freundin ist?“

„Doch schon, aber…“

„Nichts aber, du gehst morgen zu ihr und tust was du schon längst hättest tun müssen, ist das klar?“

„Ja du Drill Seargent, aber wehe, wenn das schiefgeht.“

„Hast du etwa Angst dich zu blamieren?“

„Nein.“

„Sehr schön, dann haben wir wenigstens ein Problem weniger in der Welt.“

Hach und schon wieder profitiert jemand von meinen Künsten als Therapeut und Kuppler, ich sollte eine Praxis eröffnen.

„Also ich werde mich jetzt wieder zurück ins Bett schleichen, dir noch viel Spaß bei was auch immer du jetzt noch tust“, ich klopfte ihm auf die Schulter, stand auf und quetschte mich vorbei an Couch und Couchtisch in Richtung Tür.

„Jeans Lieblingsblumen sind übrigens rote Tulpen, gern geschehen.“

Jetzt machte ich mich endgültig aus dem Staub und schlich mich die Treppe hoch zurück in mein Zimmer.



Ich konnte zwar nicht mehr einschlafen, doch ich hatte jetzt genug Zeit alles Geschehene zu durchdenken. Mein Grundsatz bei meinen Problemen war, wir nehmen das Problem und schieben es woanders hin. Als inoffizieller Psychodoktor riet ich den anderen genau das Gegenteil, aber wer hört schon auf seine eigenen Ratschläge? Ich hatte es bis jetzt einfach nicht über mich gebracht, mir zu erlauben an meine Eltern zu denken. Wahrscheinlich schlummerte in mir noch immer der Funke an Hoffnung, dass sie immer noch am Leben waren, aber wie hoch war die Wahrscheinlichkeit. So sind wir Menschen oder Mutanten, wir wissen ganz genau, dass da nichts zu machen ist und wir reden uns auch ein, dass wir keine Hoffnung mehr schöpfen, doch wir können nicht anders als zu hoffen. Es war für viele eben die letzte Instanz. Ich wollte auch nicht um meine Eltern trauern, solange ich mir nicht sicher sein konnte, das wäre so als ob ich schon wegen einer schlechten Note verzweifle, bevor ich überhaupt weiß was ich bekomme. Keine gute Taktik. Das galt für mich vor allem in diesem Belangen. Für mich ergab frühzeitige Trauer keinen Sinn, also würde ich mich nicht dazu hinreißen lassen. Die anderen sahen mich als Fels in der Brandung und ein Fels wackelt nicht, er ist standhaft und das war ich auch. Trauer war keine Option. Damit gab ich mich zufrieden und als wäre es ein Zeichen, lachte die Sonne schon durch das Fenster.

Gemeinsam mit Jean und Ororo stieg ich die Treppen hinunter. Ohne Eile. Die erste Stunde begann erst in guten zwanzig Minuten. Erdkunde. Eines meiner besten Fächer, hundertmal besser als Physik, oder bessergesagt als alle Naturwissenschaftsfächer. Es ergab einfach mehr Sinn, Punkt.

Innerlich fieberte ich schon darauf hin, dass Scott Jean nach einem Date fragt. Ich fühlte mich da so inkludiert und mitten drin, als wäre ich auch ein Teil dieser sich anbahnenden Beziehung. Wie in einer schlechten Romanze, egal ob Buch oder Film.

„Hey Ororo, hast du heute was vor?“, wollte ich von ihr wissen.

„Nein, warum?“

Wie ich es hasste, wenn jemand mit einer Gegenfrage antwortete und dann auch noch so skeptisch, als ob ich sie kidnappen wollte.

„Genau das wollte ich hören, ich erzähl es dir später.“

Ich grinste in mich hinein, da ich wusste, dass sie es genauso nervte wie mich, dass bei Jean und Scott bis jetzt nichts vorangegangen war. Mein Plan war es für einen ordentlichen Abschluss des möglichen Dates von Jean und Scott zu sorgen.

Im Klassenzimmer setzte ich mich wie gewöhnlich vor den Tisch von Jean und Ororo, den ich mir neuerdings mit Peter teilte. Abwechslung muss sein. Mich persönlich nervte es trotzdem, dass wir im Sommer auch Unterricht hatten, selbst wenn es dafür weniger Stunden waren. Aber viele konnten eh nicht nach Hause, wie ich, Jean, Ororo, Scott und Kurt. Apropos Kurt, wo war der eigentlich abgeblieben? Normalerweise war er immer früher als alle anderen im Klassenzimmer. Er war eben gern der Erste. Ohne Sinn. Aber es war ja auch nicht gewöhnlich um drei Uhr morgens Jeopardy zu schauen, also bitte.

Als Peter und Scott dann endlich eintrudelten, erkundigte ich mich sofort nach Kurt.

„Dem geht’s nicht so gut, er ist gerade bei Hank und lässt sich untersuchen“, antwortete Peter mir und lächelte aufmunternd.

Es war eine Eigenheit von mir, sich um jeden zu sorgen, egal warum. Man könnte mich als Glucke bezeichnen, aber dafür mochte ich Kinder nicht genug.

„Ich hoffe er ist bald wieder auf den Beinen.“

Mehr konnte ich dazu nicht sagen, denn Ms. Jenkins betrat den Raum und ich vergaß was ich gerade noch erwähnen wollte.

Fakt ist, dass der Unterricht mit Peter so viel lustiger war als gewöhnlich. Die ganze Zeit brachte er mich zum Lachen. Er bewarf Scott mit Papierkügelchen, äffte heimlich Ms. Jenkins nach, die ihre Lippen so verzog, dass sie aussah wie eine Ente. Ich musste mich wirklich zusammenreißen, um kein Geräusch von mir zu geben. Gut, dass ich in Erdkunde nicht wirklich aufpassen musste um folgen zu können.

Am Ende der Stunde, als die Klingel schrillte, stürmte der Großteil der Klasse aus dem Raum, nur Peter, Jean, Scott und ich blieben übrig und ich roch den Braten, denn Scott griff sich schon verlegen in den Nacken.

„Komm Peter, wir gehen schon mal vor.“

Unsanft packte ich ihn am Arm und zerrte ihn aus der Klasse. Vorher aber, klopfte ich Scott auf die Schulter und flüsterte: „Schnapp sie dir Tiger.“

„Hey, was sollte das“, irritiert blickte mich Peter an, doch ich wank ab.

„Du bist aber auch ein blindes Huhn, komm wir suchen nach Ororo.“



Hallo Freunde der Sonne,

neues Kapitel neues Glück. Wie ihr seht gewinnt die Beziehung von Jean und Scott langsam an Form. Im nächsten Kapitel werden wir dann sehen, ob was daraus wird. Ich beende jetzt mein Selbstgespräch (von dem ich mir nicht einmal sicher bin, ob es jemand liest) und wünsche euch eine schöne weitere Woche.

Danke fürs Lesen,

eure Ladybug6026
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