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Delirium

GeschichteAbenteuer, Liebesgeschichte / P12 / Gen
OC (Own Character) Phoenix / Doktor Jean Elaine Grey Quicksilver / Pietro Maximoff
09.04.2019
14.07.2020
16
37.904
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Dieses Kapitel
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14.10.2019 3.585
 
"Am meisten fühlt man sich von der Wahrheit getroffen, die man sich selbst verheimlichen wollte"

- Friedl Beutelrock



„Na los, jetzt klopf schon Daisy, vermutlich weiß er eh schon, dass du zu ihm willst, also hast du jetzt sowieso keine andere Wahl mehr“, beschwichtigte Ororo mich.

Ehrlich gesagt hatte ich keine Ahnung warum ich hier stand und warum Ororo unbedingt wollte, dass ich mit dem Professor redete. Meine Träume waren doch nur Träume, verursacht durch ein … Trauma? So sicher war ich mir gar nicht und ich weiß auch nicht ob ich es wissen wollte, wenn es einen anderen Grund hatte. Doch andererseits war ich neugierig, ob der Professor mehr wusste, obwohl das sowieso der Fall sein würde. Nur was wusste der Professor und kannte er sogar mein Eltern und wusste er was genau damals mit ihnen geschah? Ach verdammt, jetzt konnte ich nicht anders als an diese bescheuerte Tür zu klopfen, sonst würde ich in Unwissenheit sterben und das würde ich noch weniger ertragen als die Wahrheit.

„Ist ja gut, geh zu Jean, sie braucht deine Hilfe gerade mehr als ich, oder willst du mir beim Anklopfen helfen?“, murrte ich und sie zog nur die Augenbrauen hoch.

„Fein, du bist aber heute ganz schön mies gelaunt“, sagte sie, machte kehrt und ging in Richtung Treppen.

„Bin ich gar nicht“, rief ich und rümpfte die Nase.

„Und wie du das bist“, antwortete sie und lief die Treppen hoch.

Genervt atmete ich aus und drehte mich wieder zu der dunklen Eichenholztür, die sich bedrohlich vor mir aufbaute. War das Ding schon immer so angsteinflößend gewesen, oder kam mir das nur jetzt so vor? Unentschlossen wippte ich hin und her und konnte mich nicht dazu durchringen, an diese Tür zu klopfen.

„Komm schon, seit wann bist du denn so feige“, murmelte ich und hob meine Hand, um anzuklopfen. Ganz sachte klopfte meine zitternde Hand gegen die Tür und ich unterdrückte meinen Fluchtinstinkt.

„Herein“, kam es von der anderen Seite.

Ich atmete tief durch und drückte die Türklinke langsam, ganz langsam nach unten. Dann, so schnell ich konnte, huschte ich in den Raum, in dem der Professor schon lächelnd wartete und mit seiner Hand auf einen der Stühle vor seinem Schreibtisch deutete.

„Möchtest du eine Tasse japanischen grünen Tee? Ich habe gerade eine Kanne aufgesetzt“, fragte der Professor, als ich mich gesetzt hatte.

„Sehr gerne, vielen Dank Professor“, antwortete ich und als er mir die Tasse reichte, klammerten sich meine zitternden Finger haltsuchen darum.

„Als du vor der Tür gestanden hast, hätte ich fast gedacht, dass du dich dazu entschließt wieder zu gehen“, sagte der Professor unvermittelt.

„Dafür ist mein Anliegen wohl zu wichtig“, seufzte ich und starrte auf den hellen Parkettboden.

„Ich weiß“, antwortete er und ich sah ruckartig wieder auf.

„Sie wissen … Natürlich wissen Sie das, schließlich weiß Jean ja auch alles, was ich eigentlich für mich behalten wollte. Wie viel wissen Sie genau?“

„Nur dass du dringenden Gesprächsbedarf hast, du kannst dir aber sicher sein, dass ich nicht alles weiß, was du eigentlich für die behalten willst“, sagte er und lächelte gutmütig. Die lockere Art des Professors half mir, meine innere Ruhe zu finden und ihm von den Alpträumen zu erzählen, die mich seit einiger Zeit plagten. Er hörte sich alles an, nickte hin und wieder, trank zwischendurch einen Schluck Tee, blieb aber ansonsten still.

„Ich muss gestehen, dass ich von deinen Alpträumen wusste, von dir ging zu diesen Zeitpunkten eine gewaltige mentale Energie aus, die ich gezwungenermaßen wahrnahm, doch ich wusste nicht worum es ging und ich dachte, es wäre am besten dass du selbst entscheidest, ob du zu mir kommen möchtest, schließlich hatten die Träume keine so großen Ausmaße, wie bei Jean“, sagte der Professor, nachdem ich mir alles von der Seele geredet hatte und einen Schluck von dem inzwischen abgekühlten Tee nahm.

„Das klingt plausibel und ich bin Ihnen sehr verbunden, dass Sie sich zurückgehalten haben, aber ich wollte eigentlich fragen ob Sie meine Eltern kannten“, erwiderte ich und sah ihn hoffnungsvoll an.

„Nein, ich kannte sie nicht“, gestand er, fügte jedoch auf meinen enttäuschten Blick hinzu, „Zumindest kannte ich sie nicht persönlich, aber ich habe hier und da etwas über einen gewissen James Young aufgeschnappt, ich hoffe es gibt nicht allzu viele Mutanten mit diesem Namen, aber er war in vielen Mutantenkreisen als ‚Delirium‘ bekannt. Seine Fähigkeit war es, wie der Name schon sagt, Menschen in ein Delirium zu versetzten und wahlweise die Erinnerungen und Träume der betroffenen Person zu verändern.“

„Wissen Sie denn auch etwas über meine Mutter, Liora Young?“

„Bedauerlicherweise nicht“, antwortete er.

Ich schluckte den riesigen Klos in meinem Hals hinunter, bevor ich die nächste Frage stellen konnte.

„Wissen … Wissen Sie zufällig, ob die beiden noch leben, oder ob sie tot sind?“, fragte ich.

„Ja das weiß ich und es tut mir sehr leid dir deine Befürchtungen bestätigen zu müssen“, seufzte er und ich stellte meine Tasse auf die Untertasse, ansonsten hätte mein stärker werdender Zitteranfall, das Überschwappen des Tees verursacht.

„Woher wissen Sie, dass die beiden tot sind?“, fragte ich und meine Stimme versagte zum Ende hin.

„Vor zehn Jahren kam ein offenes Geheimnis ans Licht. Es wurden schon seit einiger Zeit Experimente an Mutanten durchgeführt, unter dem Vorwand wissenschaftliche Erkenntnisse zu sammeln, es wäre aber so oder so verboten gewesen. Jedenfalls war der eigentliche Grund, dass sie eine Möglichkeit finden wollten, um Mutanten aufzuspüren und zu töten. Es gelang glücklicherweise nicht, aber das ist eine andere Geschichte, der Punkt ist, dass auch deine Eltern als Forschungsobjekte gedient haben. Als Klasse-5-Mutanten eigneten sie sich wohl gut dafür, aber sie haben die Experimente nicht überlebt“, schloss er und reichte mir ein Taschentuch.

Als ich an meine Wangen fasste, fand ich jedoch kein Anzeichen für Tränen, ich fühlte mich so, als würde gerade die Ruhe vor dem Sturm eintreten und vorsichtshalber nahm ich das Taschentuch.

„Ich glaube, dass du jetzt sehr viel Input bekommen hast und es wäre wohl besser, wenn wir morgen noch einmal darauf zurückkommen. Nimm dir genug Zeit, um diese Informationen zu verarbeiten, rede mit deinen Freunden darüber, wir haben keine Eile.“

Wortlos nickte ich und stand von meinem Stuhl auf, der Tee kümmerte mich gerade kein bisschen. Ich war schon auf halbem Weg zur Tür, als ich mich erneut umdrehte.

„Professor?“

Er sah mich erwartungsvoll an und signalisierte mir damit, weiterzureden.

„Gibt es eine Möglichkeit meinen Nachnamen in Young ändern zu lassen“, fragte ich.

„Die gibt es sicher, ich werde sehen was ich tun kann“, antwortete er voller Tatendrang.

„Vielen Dank Professor, für alles“, sagte ich, während ich auf den Boden starrte.

„Nicht dafür“, antwortete er und ich verließ nun endgültig den Raum.



Draußen warteten schon Jean, Ororo, Peter, Scott und sogar Kurt auf mich, die allesamt aussahen als wären sie auf einer Beerdigung.

„Was ist denn los, dass ihr solche Mienen zieht“, fragte ich gespielt unbeschwert.

„Jean und Ororo haben uns alles erzählt“, antwortete Scott und die anderen nickten bekräftigend.

„Und wir haben womöglich gelauscht“, fügte Kurt schuldbewusst hinzu.

„Es tut uns so leid“, sagte Peter und damit war es vorbei.

Ich hasste es, dass ich heute schon zum zweiten Mal nicht verhindern konnte, dass ich weinte, aber die Dämme brachen und ich konnte nicht mehr an mich halten. Ich fing an immer schneller ein und auszuatmen und überwand die letzten paar Meter, wo Peter mich schon in seine Arme schloss. Die erste Träne kullerte über meine Wange und auf diese sollten noch viele weitere folgen. Während mich meine bald folgenden Schluchzer ordentlich durchrüttelten, streichelte er mir sanft über den Rücken und flüsterte beruhigende Worte.

Hinter uns hörte ich Ororo die sagte: „Verschwindet ihr unsensiblen Mistfliegen.“

Sie verscheuchte wohl Schaulustige, die aus purer Neugierde wissen wollten, was passiert war.

„Sollen wir nach oben?“, fragte Peter kaum hörbar und sobald ich genickt hatte, spürte ich einen Luftzug und das bekannte Schwindelgefühl.

Desorientiert ließ ich mich auf ein Bett fallen und vergrub mein Gesicht in meinen Händen, kurz darauf legten sich erneut Peters Arme um mich und ich schlang meine um seinen Hals. Von dem Sprint war mir noch ein wenig flau in der Magengegend. Das kümmerte mich aber herzlich wenig, ich war mit meinem bröckelnden Leben beschäftigt, das von Tag zu Tag schlimmer wurde. Wo war mein Leben vor Apocalypse? Wo war meine Unwissenheit? Wie konnte ein einziger Tag mein Leben dermaßen ruinieren? Ich verdammter Tor wollte natürlich wieder die Wahrheit wissen, ich konnte mich nicht ein einziges Mal zurückhalten. Aber letzten Endes was die Gewissheit wohl doch besser als die kostbare Zeit, die ich mit Grübeln verschwendet hatte. Doch für den Moment wollte ich all die angestauten Emotionen loswerden und was gab es dafür Besseres als eine Schulter, an der man sich ausweinen konnte, wortwörtlich. Peter gab mir den benötigten Halt und meine abflauenden Schluchzer waren das einzige Geräusch, welches den Raum erfüllte. Das Taschentuch vom Professor war schnell verbraucht und glücklicherweise wusste ich um Jeans Vorrat unter ihrem Bett, ich würde ihr diesen wohl zur Gänze ersetzen müssen.

Irgendwann kamen keine Tränen mehr, ich lag nur noch reglos in Peters Armen und genoss das Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit das er mir vermittelte. Genauer gesagt das er mir immer vermittelte, mit ihm an meiner Seite fühlte ich mich jedes Mal Klassen besser.

„Willst du darüber reden?“, fragte Peter in die Stille und ich löste mich langsam von ihm.

Meine Augen fühlten sich geschwollen an und meine Nase lief immer noch, ich musste aussehen wie ein einziges Häufchen Elend. Mit den Ärmel meiner Bluse wischte ich mir über die Augen und langte nach dem letzten, übriggebliebenen Taschentuch.

„Ich weiß nicht …“, piepste ich schließlich und richtete meinen Blick gen Boden.

„Du musst nicht, wenn du nicht willst, aber ein sehr kluges Mädchen hat mir vor nicht allzu langer Zeit gepredigt, dass es besser ist über Probleme zu reden, anstatt sie in sich hineinzufressen.“

„Ernsthaft? Ich hatte eben einen Nervenzusammenbruch und du verwendest meine Sprüche gegen mich?“, es sollte zwar entrüstet klingen, doch der weinerlich-piepsige Unterton machte das ganze eher lächerlich.

Zum Trotz verschränkte ich die Arme und bedachte ihn mit einem vorwurfsvollen Blick.

„Ach da ist sie ja, unsere allseits beliebte Daisy, wo hast du nur gesteckt?“, scherzte er und ich verpasste ihm eine sanften Klaps auf den Oberarm.

„Aua, also wirklich, du musst nicht immer gleich handgreiflich werden.“

„Und du musst nicht immer gleich anfangen mich zu ärgern, siehst du nicht, dass ich gerade ein nervliches Wrack bin?“, brummte ich.

„Nope, ich sehe nur ein unheimlich starkes Mädchen, das auch ein Recht darauf hat, ihre Emotionen offen zu zeigen.“

„Schleimer“, murmelte ich und fügte etwas lauter hinzu, „Aber ich zeige meine Emotionen doch.“

„Aber nur dann, wenn du gut drauf bist, sonst bist du abweisend, außerdem habe ich dich noch nie weinen sehen“, erklärte er.

„Könnte daran liegen, dass wir uns erst seit guten drei bis vier Monaten kennen.“

„Vielleicht, wahrscheinlicher ist aber, dass du viel zu selten deine Emotionen aus dir herauslässt. Ich bin sicher, dass du in den letzten Monaten mehr als einmal den Anlass zu weinen gehabt hättest, du es dir aber einfach verkniffen hast.“

„Weißt du was? Ich werde darüber reden, wenn du mich mit deinem Psychogequatsche zufrieden lässt.“

„Jetzt weißt du wie es uns mit dir geht.“

Daraufhin zog ich nur eine Augenbraue hoch und er hob beschwichtigend die Hände.

„Schon gut, schon gut, ich will ja nicht, dass du es dir wieder anders überlegst, schließlich bist du ein sehr wechselhafter Mensch.“

Meine zweite Augenbraue wanderte in die Höhe.

„Kontraproduktiv?“, fragte er.

„Aber hallo.“

„Willst du trotzdem darüber reden?“

„Ehrlichgesagt doch lieber nicht, ich denke, ich brauche noch etwas Zeit, um das alles selbst zu verarbeiten, bevor ich mit jemandem darüber reden kann. Sei mir bitte nicht böse.“

„Ich könnte nie böse auf dich sein, schon gar nicht deswegen, lass dir Zeit und du kannst jederzeit zu uns kommen und dir von der Seele reden was du willst.“

„Das ist lieb von dir, vielen Dank.“

„Nicht dafür. Glaubst du, du kommst wieder allein zurecht?“

„Ja, ich denke schon, aber … könntest du trotzdem bleiben und, keine Ahnung … einfach über irgendetwas reden?“

„Ja klar, sicher“, antwortete er und saß in millisekundenschnelle auf dem Schreibtischstuhl.

„Worüber möchte Madame denn reden?“

„Hast du in letzter Zeit was Gutes gehört, das ich nicht kenne?“

„Du meinst Musik?“

„Nein ich meine Waldgeräusche, natürlich Musik“, murrte ich.

„Schon gut schon gut, du musst ja nicht gleich ausfallend werden.“

„Das war noch gar nichts, frag mal Jean, die weiß genau wann ich ausfallend bin und wann nicht … Wo sind die anderen eigentlich?“

„Keine Ahnung, ich schätze sie wollen dir Freiraum lassen und sind deshalb nicht hier.“

„Das heißt also du willst mir keinen Freiraum lassen?“

„Brauchst du denn noch Freiraum?“

„Nein, nein ich denke momentan brauche ich keinen.“

„Sehr schön, also dann zurück zum Ursprungsthema. Ich habe nämlich tatsächlich erst letztens im Plattenladen etwas entdeckt.“

„Jetzt mach es nicht so spannend, raus mit der Sprache.“

Geheimnisvoll kramte er in seiner Jackentasche nach seinem Walkman und zog sich die Kopfhörer vom Hals, um sie mir zu reichen. Er setzte sich wieder neben mich und ich entriss ihm ungeduldig die Kopfhörer, setzte sie auf und drückte auf Play.

Die ersten Töne des legendären Klavierspiels erklangen und ich hielt den Atem an, wie zum Teufel war er denn an diese Kassette gekommen. Letztes Jahr hatte ich vergeblich versucht sie zu finden, doch jedes Mal kam ich mit leeren Händen nach Hause. Mir war damals dieser Song nach einem einzigen Mal im Radio hören nicht mehr aus dem Kopf gegangen und meine oberste Priorität war es, diese Kassette ausfindig zu machen. Schlussendlich, nach monatelangem Misserfolg, ließ ich die Sache in Frieden ruhen und schluckte meinen Ehrgeiz widerwillig hinunter.

Nach dem letzten melancholischen Ton nahm ich die Kopfhörer ab und sah ihn aus großen Augen an.

„Piano Man“, flüsterte ich und er nickte eifrig.

„Ich wusste, dass du es kennst und so wie es aussieht, hat es dir gefallen“, sagte er und lächelte selbstgefällig.

„Gefallen? Dieser Song ist mitunter der Beste, den ich je gehört habe, ich vergöttere ihn. Wo hast du die überhaupt gefunden?“, fragte ich und wedelte mit dem Walkman, um meine Frage zu verdeutlichen.

„Pures Glück, schätze ich, sie war schließlich auch falsch eingeordnet.“

Ich nickte und starrte dann gedankenverloren auf den sandfarbenen Teppich zu meinen Füßen, solange bis mir etwas klar wurde. Schlagartig hob ich meinen zuvor etwas gesenkten Kopf und strahlte wie ein Honigkuchenpferd.

„Was?“, fragte er misstrauisch und kniff ein Auge zusammen.

„Du magst Billy Joel“, antwortete ich und konnte nicht aufhören zu grinsen.

„Klar, wieso nicht?“

„Ach frag zu Beispiel Jean nach Billy Joel und sie wird mit Garantie antworten ‚Wer soll das sein?‘“

„Geht mir auch oft so“, antwortete er geknickt.

An meinem fragenden Blick konnte er wohl ablesen, dass ich nicht so recht verstand wovon er redete.

„Ich meine, du fühlst dich unverstanden.“

„Ja das tue ich, aber jeder fühlt sich doch mal mehr mal weniger verstanden, das hat das Leben so an sich. Das Beste was wir tun können ist uns selbst so gut zu verstehen, dass wir dazu keine anderen Leute brauchen.“

„Das hört sich so verdammt einfach an“, seufzte er.

„Dabei ist es so verdammt schwer … Warum fühlst du dich unverstanden?“, fragte ich und lehnte mich an die Wand, an der das Bett stand.

„Was weiß ich, sonderlich viele Freunde hatte ich bisher nie und einen Vater erst recht nicht. Schlimmer ist, dass ich weiß wer mein Vater ist, aber der hat keine Ahnung wer ich bin, außerdem ist er ein gesuchter Verbrecher. Ich glaube ich kann von niemanden erwarten, dass er das auch nur ansatzweise versteht, oder kennst du jemanden in meiner Lage?“

„Nein, bedauerlicherweise denke ich, dass du damit mehr oder weniger ein Einzelfall bist, aber du kannst uns das doch trotzdem erzählen, dann fühle ich mich mit meinen Problemen nicht so alleine, wenn wir denn schon unbedingt welche haben müssen. Ich verstehe nur nicht, warum du uns das bis jetzt noch nicht erzählt hast.“

„Hast du das denn?“, sagte er und lehnte sich nun auch an die Wand.

„Touché“, murmelte ich und starrte auf die geblümte Bettdecke.

„Und so hat jeder sein Päckchen zu tragen“, meinte Peter.

„Schön formuliert.“

„Ich finde mein Leben zurzeit echt zum in die Tonne treten“, sagte ich nach einer Weile.

„Wer nicht …“

„Sag mal, bist du mir eigentlich böse, dass ich dir nichts erzählt habe?“, sprach ich meine Bedenken aus.

„Naja, im ersten Moment habe ich mich schon gefragt, warum du das für dich behalten hast und das hat mich gewurmt, weil ich dachte, dass du mir nicht vertraust. Aber als ich dich dann so aufgelöst aus dem Büro des Professors spazieren sah, ist das weit nach hinten auf der Prioritätenliste gerutscht. Gerade jetzt kann ich dir übrigens keinen Vorwurf machen, schließlich ist es deine Sache und ich habe ja auch nichts erzählt …“

„Du dachtest, dass ich dir nicht vertraue?“

„Ist das das einzige was hängen geblieben ist? Aber ja, das habe ich gedacht.“

„Tja, du kannst dir sicher sein, dass ich dir erstens vertraue und zweitens, dass ich Jean und Ororo vermutlich nicht in einer Million Jahren davon erzählt hätte, wenn sie mich nicht praktisch dazu genötigt hätten.“

„Na das ist ja beruhigend.“

„Ach komm, wir sind keine Personen, die wahllos jedem, oder überhaut jemandem von irgendwelchen Problemen erzählen und ich bin jetzt erstmal froh, dass du mir das nicht übelnimmst.“

„Und ich bin froh, dass du dich überhaupt jemandem, wenn auch gezwungenermaßen anvertraut hast, es kann dir nämlich nur guttun.“

„Dann wäre es mir aber auch recht, wenn der Herr mit seinen Gedanken an andere Menschen herantritt, vor allem, weil ich die inoffizielle Therapeutin dieser Anstalt bin.“

„Tolle Therapeutin, die mit ihren eigenen Problemen nicht zurechtkommt“, brummte er.

„Hey, das tun die meisten von uns nicht, schließlich beherzigt doch niemand seine eigenen Ratschläge.“

„Ach was solls, dieses Gespräch führt zu nichts, außerdem habe ich Hunger, wie wär’s mit einem kleinen Abstecher in die Küche.“

„Von mir aus, unter einer Bedingung, oder nein, zwei Bedingungen“, forderte ich.

„Kommt drauf an was das für Bedingungen sind.“

„Erstens will ich dieses Gespräch irgendwann mal fortsetzen.“

„Meinetwegen, aber nicht vor dem Frühstück, im Gegensatz zu dir bin ich da noch nicht so gut gelaunt, als hätte ich einen Hundertdollarschein auf der Straße gefunden.“

„Kein Problem. Nummer zwei wäre, dass ich mir die Kassette des Öfteren mal ausborgen darf“, sagte ich und grinste breit.

„Mit der größten Freude“, sagte er, öffnete blitzschnell die Tür und half mir dann gentlemanlike von dem Bett aufzustehen.

„Bist du dann soweit“, fragte er und als ich bekräftigend nickte, spürte ich seine Hand im Nacken und stützte mich im nächsten Moment ein wenig desorientiert auf der blaugekachelten Arbeitsfläche ab.

„Werde ich mich je daran gewöhnen?“, fragte ich verzweifelt und rückte mir einen der niedrigen Barhocker zurecht.

„Je öfter wir das machen, desto weniger wird es dir ausmachen, aber ob es ganz weggeht weiß ich nicht. Also“, sagte er und öffnete die Kühlschranktür mit einem kräftigen Schwung, „was möchte Madame denn essen?“

„Jetzt gerade noch nichts“, antwortete ich und hoffte, dass meine Organe bald aufhören würden Bürgerkrieg zu spielen.

„Ich denke zur Sicherheit mache ich dir einfach ein Sandwich mit“, sagte er und stellte sich die Toastscheiden und den Belag zurecht.

„Ich hätte gerne Schinken, Mayonnaise, Salat und Käse, aber den Käse nur, wenn es Gouda ist, vielen Dank.“

„Soll ich den Toast auch noch toasten?“, scherzte er.

„Scherzkeks, wann gibt es eigentlich Abendessen?“

„In etwas mehr als einer Stunde“, antwortete er nach einem fachmännischen Blick auf die Uhr.

„Ach, na dann geht sich so ein Imbiss zwischendurch doch wunderbar aus.“

„Du nimmst mir die Worte aus dem Mund.“

„Ja, fast schon unglaublich was ich alles kann“, witzelte ich.

„Aber keiner macht so gute Sandwiches wie ich“, sagte er und stellte mir meinen Teller unter die Nase.

Ich bedankte mich und mir lief das Wasser im Mund zusammen, sodass ich meine anfänglich Übelkeit vergas und beherzt in meinen Snack biss.

„Und? Gut oder besser?“

„Am besten“, nuschelte ich mit vollem Mund und lächelte zufrieden.

Nachdem wir beiden in einvernehmlicher Stille gegessen hatten, trug ich die Teller zur Spüle und als ich mich wieder umdrehte, bemerkte ich, dass Peter die Theke mit einem nachdenklichen Blick bedachte. Und da er mit seinen Gedanken ganz woanders zu sein schien, nahm ich mir die Zeit ihn näher unter die Lupe zu nehmen. Hatte ich das denn jemals getan? Ihn einfach so anschauen, den Jungen mit den silbernen Haaren, der Pilotenbrille und dem verrückten Kleidungsstil, dem man nie diese Tiefgründigkeit zutrauen würde. Der mit dem wahnsinnig guten Musikgeschmack und dem gleichen schrägen Humor, der mir immer zuhören würde, egal wie genervt er davon ist. Hatte ich all das jemals so bewusst wahrgenommen, hatte ich denn je dermaßen realisiert, wie wichtig er mir in den letzten drei Monaten geworden war, ohne dass ich es darauf angelegt hatte? Könnte ich ohne ihn weitermachen, so als wäre nichts gewesen? Vermutlich nicht und das ist der springende Punkt, was bedeutet das? Wäre ein Leben ohne ihn für mich noch vorstellbar?



Hallo Freunde der Sonne (und des langen Wartens),

ich möchte mich in aller Form entschuldigen, dass dieses Kapitel so dermaßen lange auf sich hat warten lassen, dennoch kann ich nicht versprechen, dass die nächsten Kapitel schneller kommen werden. Nur so viel, ich gebe mein Bestes und sobald etwas Neues fertig ist seid ihr die ersten die es erfahren, solange das hier noch jemand liest versteht sich. Wir werden sehen, nun gut ich wünsche euch bis zum nächsten Kapitel eine schönen Zeit.

Liebe Grüße,
Ladybug
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