Zuhause

OneshotSchmerz/Trost / P12
Arthur Pendragon
08.04.2019
08.04.2019
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Der Stein lag kalt und schwer in seiner Hand, als er langsam den gleichen Weg entlang ging, den er bereits den ganzen Tag lang abgelaufen war. Es fühlte sich einfach an, als würde sich jedes Mal aufs Neue etwas in seiner Umgebung verändern, als würden die Steine weniger werden. Das Bruchstück in seiner Hand fühlte sich schmerzhaft leblos an, doch irgendwie brachte er es nicht über sich, es loszulassen. Zu groß war die Angst, dass es sich noch in der Luft zu Staub auflösen könnte.

Arthur war selbst bewusst, dass das nicht passieren würde, aber jedes Mal, wenn er sich geistig darauf einstellte, den Stein fallen zu lassen, gehorchten seine Hände ihm nicht mehr. Es war so fest verankert wie seine Unfähigkeit, seinen Verstand davon zu überzeugen, dass die anderen Felsen nicht vor seinen Augen verschwanden.

Langsam wandte sich Arthur von dem abgesehen vom Geröll völlig leerem Feld ab. Mittlerweile war die Sonne bereits untergegangen und die Luft kühlte immer mehr aus. Die Wolken verdeckten die Sicht auf die Sterne. Als er sein Ziel erreicht hatte, spürte Arthur bereits den ersten Regentropfen auf seiner Wange, der sich langsam von seinen Wimpern löste und wie eine Träne über sein Gesicht rollte.

Immer noch den Stein in der Hand, kauerte er sich in seinem Unterstand zusammen, den er vor wenigen Tagen aus einigen Ästen und Steinen gebaut hatte. Er taugte nichts gegen die Kälte und kaum etwas gegen den Regen, doch Arthur kümmerte sich nicht darum. Er hatte die letzten Tage hier verbracht; etwas in ihm weigerte sich, diesen Ort zu verlassen.

Den Ort, der früher einmal sein geliebtes Camelot gewesen war.

Arthur hatte daran geglaubt, dass man es noch hätte aufbauen können. Aus den scheinbar verschwindenden Steinen wieder die Häuser machen, die sie einst gewesen waren. Doch ihm war schnell klar geworden, dass niemand seine Hoffnung und Zuversicht teilte, und schlussendlich auch, dass er selbst ebenfalls aufgeben sollte. Sein Königreich, sein zuhause… gab es nicht mehr.

Arthur schloss langsam die Augen und öffnete sie kurze Zeit danach wieder. War es dunkler geworden? Es fühlte sich so an, als würden die Schatten näher kommen, nur darauf warten, ihn ebenfalls mitzunehmen. Die Klinge von Excalibur glänzte schwach im schlechten Licht. Arthur hatte das Schwert ursprünglich zu seiner Verteidigung mitgenommen, doch schnell festgestellt, dass es niemanden gab, der ihn angreifen würde. Niemand kümmerte sich, niemand interessierte sich mehr für ein zerstörtes Königreich.

Aus diesem Grund war er sich anfangs auch nicht sicher, ob ihm das monotone Geräusch des Regens und seine Erschöpfung nicht einfach einen Streich spielten, doch bereits nach wenigen Sekunden wurde ihm bewusst, dass er sich die gedämpften Schritte auf der nassen Erde hinter seinem Unterstand nicht einbildete. Langsam legte er eine Hand zur Seite, auf den Griff von Excalibur, ohne wirkliche Alarmbereitschaft oder Einstellung zum Kampf. Wer oder was auch immer an diesen Ort kam, würde ihm vermutlich nichts Böses wollen. Es war Mitleid erregend genug, ein gefallener König und sein zerstörtes Königreich.

„Ich dachte schon, dass ich dich hier finden würde.“

Als er die vertraute Stimme hörte, blickte Arthur auf. Ein Schatten erschien zwischen den Regentropfen, blieb vor ihm stehen und kniete sich hin, sodass sie sich ansehen konnten. „König Arthur.“ Merlins Augen leuchteten schwach im Dunkeln.

Arthur ließ Excalibur wieder los und stützte die Arme auf den angezogenen Beinen auf. „Bin ich noch König?“, fragte er. „Nach allem… was passiert ist?“

Mit den Augen folgte Merlin seinem Blick in die Dunkelheit, dorthin, wo früher einmal die Häuser von Camelot gestanden hatten. Eine Weile lang blieben die beiden so, ohne zu sprechen. Der Regen prasselte weiter auf den Boden.

„Darf ich zu dir kommen?“ Das war alles, was Merlin dazu sagte. Arthur nickte nur und rutschte ein Stück zur Seite, um Platz für die Magierin zu machen.

Merlin setzte sich neben ihn. Zu zweit wurde es doch etwas eng im Unterschlupf, sodass sich ihre Arme berührten. Arthur versuchte nicht, zurückzuweichen oder seine Position zu verändern; die Berührung, die Wärme von Merlins Haut, all das… hatte etwas Tröstliches an sich. Und auch sie schien es nicht beenden zu wollen, vielleicht wusste sie ja, was ihm dieser scheinbar beiläufige und zufällige Kontakt bedeutete.

Arthur holte Luft, obwohl er selbst nicht ganz wusste, was er sagen wollte. Sein Kopf war mit tausend Gedanken gefüllt und gleichzeitig komplett leer. Er überlegte, schloss dann die Augen und seufzte leise, ohne etwas gesagt zu haben.

Er hatte nicht erwartet, dass Merlin noch auf seine Frage von zuvor antworten würde, deshalb öffnete er beim Klang ihrer Stimme die Augen wieder und hob überrascht den Kopf ein Stück. Es geschah nicht häufig, dass die intelligente Magierin längere Zeit über eine Frage nachdachte. Tatsächlich passierte es öfter, dass sie diese einfach ignorierte, wenn sie nicht antworten wollte. Dass sie es in diesem Fall doch tat, hinterließ ein warmes, wenn auch seltsames Gefühl in Arthurs Brust. Es war wie ein Versprechen, ein Schwur, dass Merlin ihre Antwort nicht nur sehr gut durchdacht hatte, sondern auch ehrlich meinte. „Du denkst, dass du kein König mehr bist, nachdem Camelot zerstört worden ist?“ Ihr Tonfall klang ungewohnt abwesend, als wären ihre Gedanken nicht mehr hier, in Arthurs Unterschlupf neben ihm, sondern weit weg, an einem Ort, den Arthur nicht kannte und nie kennen würde.

Er schluckte. In seinem Hals bildete sich bei der Erinnerung ein Kloß. „Ich hatte gedacht…“ Arthur brach ab und senkte den Blick. „Als ihr mir gesagt habt, dass Camelot zerstört ist… hatte ich gedacht… dass man es vielleicht wieder aufbauen könnte. Aber…“ Seine Stimme war tonlos und leise, gerade so laut, dass das Geräusch des Wassers von draußen ihn nicht übertönen konnte. Noch ein Tropfen rollte langsam über seine Wange, doch diesmal kam er nicht vom Regen.

„Ist es Camelot, was dich als König ausgemacht hat?“

Diesmal antwortete Merlin sofort, doch ihr Tonfall war immer noch nachdenklich und jetzt fiel es Arthur auch auf: Traurig. In Merlins sonst immer ruhiger Stimme, in der bei jedem Wort ihr Selbstvertrauen mitschwang, lag ein Hauch von ehrlicher Trauer.

Arthur wagte es nicht, den Blick zu heben, Camelot oder die Magierin an seiner Seite anzusehen. Die Träne tropfte von seinem Kinn auf den Boden.

Er kannte die richtige Antwort.

Aber er wollte sie nicht aussprechen.

Und doch konnte er den Gedanken daran nicht zurückhalten. Seine Schultern strafften sich und er senkte den Kopf etwas tiefer, als sich seine Augen erneut mit Tränen füllten.

„Du willst Camelot nicht verraten.“ Merlin sprach sehr leise, doch Arthur verstand jedes Wort und es war, als würde es ihn direkt in die Seele schneiden. „Du willst es nicht wahrhaben, dass deine Fähigkeiten… deine Stärken… deine Schwächen… alles, was dich zu dem macht, was du bist…“ Sie machte eine kurze Pause, die Arthur wie eine Ewigkeit vorkam. So sehr das, was sie sagte, auch schmerzte, er wollte ihre Stimme hören. Er wollte nicht mehr allein sein. „Du willst es dir nicht eingestehen, dass sich die Welt weiter dreht. Dass es niemanden interessiert, ob dein zuhause zerstört ist.“ Arthur spürte ihre weiche, warme Hand an seiner Schulter und hielt plötzlich inne. Er bewegte sich nicht, sein Körper hörte auf, vom Weinen zu zucken, und er öffnete die Augen. „Und du hasst dich dafür, weil du in deinem Inneren genau weißt, dass es die Wahrheit ist.“

Arthur drehte den Kopf zur Seite und lehnte sich endgültig gegen Merlin, das Gesicht in ihrer Seite vergraben. Er kümmerte sich nicht mehr darum, dass er ihr noch nie so nahe gewesen war. In diesem Moment wollte er einfach nur bei ihr sein, ihre Nähe spüren, wissen, dass es jemanden gab, der bei ihm war und der nicht wieder gehen würde. „Es… ist vorbei, oder?“ Da waren keine Emotionen in seiner Stimme. Arthur fühlte sich leer. Als gäbe es nichts mehr, für das er noch kämpfen könnte. „Camelot… wird es nie wieder geben, richtig?“

„Das bedeutet nicht, dass es vorbei ist.“

Noch ein Stich fuhr durch Arthurs Herz. Er hatte gehofft, dass Merlin ihm widersprechen würde, ihm sagen, dass alles gut werden würde. Doch irgendetwas sagte ihm, dass sie zu diesem Thema nicht lügen würde. Und dass Camelot vielleicht eines Tages wieder bestehen würde, war eine Lüge.

Merlin schloss die Augen und fuhr ihm mit einer Hand über den Kopf. Arthur wusste nicht, ob sie es unbewusst tat oder um ihn zu trösten oder beruhigen, doch er war ihr dankbar dafür. Die ruhige, gleichmäßige Berührung war sie etwas, an dem er sich festhalten konnte, eine kleine Erinnerung daran, dass sie bei ihm war, was auch immer geschehen würde. „Ich weiß, dass es weh tut“, murmelte sie leise. „Aber genau deshalb musst du mir vertrauen, Arthur.“

Arthur öffnete langsam die Augen, starrte wieder nach draußen in die Dunkelheit. Mittlerweile konnte man nichts mehr erkennen, keine Steine, das letzte, was von seinem zuhause übrig geblieben war. Alles, was er noch sehen konnte, war Merlin neben ihm, die immer noch sanft über seinen Kopf streichelte. „Ich weiß, dass es nicht einfach an dir vorbeigeht, wenn du dein zuhause verlierst“, fuhr sie leise fort. „Aber es bedeutet nicht, dass du dich verlierst, Arthur. Du verlierst dich nicht… genauso wenig wie deine Freunde.“

Arthur blinzelte noch einmal langsam und hob den Kopf, sodass er Merlin besser ansehen konnte. Seine Tränen trockneten langsam und hinterließen ein kühles Gefühl auf seinem Gesicht. „Merlin?“, fragte er leise.

„Was ist?“ Sie sah zu ihm hinunter, ohne mit dem Streicheln aufzuhören, und Arthur lehnte sich ein Stück näher an sie.

„Kannst du… mir versprechen, dass du bei mir bleibst?“

Das matte Schimmern in Merlins goldfarbenen Augen wurde etwas schwächer. Ihre Mundwinkel hoben sich ein Stück. „Versprochen, Arthur“, antwortete sie leise. „Egal, was passiert, ich bleibe bei dir.“

Arthur senkte den Kopf wieder und schloss langsam die Augen, lauschte dem Regen und Merlins Herzschlag. „Danke, Merlin“, murmelte er. Als sich seine Augen langsam schlossen, fiel sein Blick noch einmal auf den Stein, den er mitgenommen hatte, unfähig, ihn loszulassen. Merlins freie Hand schloss sich um seine, und als er die Augen schließlich endgültig schloss, fühlte es sich fast so an, als wäre ein kleiner Teil von seinem zuhause wieder bei ihm.
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