Amalgam

GeschichteRomanze, Schmerz/Trost / P16 Slash
Magneto / Eric "Magnus" Lehnsherr Quicksilver / Pietro Django Maximoff
08.04.2019
08.04.2019
1
1931
 
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Amalgam



Erik kannte diesen Blick all zu gut. Diesen Blick der Bewunderung, diesen Blick der Verehrung. Von früher, als er noch seine Anhänger hatte, die ganz genauso mit jenem Blick zu ihm aufsahen. Doch alles hatte sich geändert, seitdem Charles seine Gehfähigkeit verlor. Und alles änderte sich nochmals, nachdem Erik seine Familie verlor.

Erik wand sich wieder seinem Whiskeyglas zu und dachte für eine Microsekunde ein Licht in ihm aufgehen zu sehen, als er bemerkte, dass es nur die Spiegelung seiner Deckenlampe war. Er nahm einen kräftigen Schluck und blickte aus dem Fenster. Mutantenkinder spielten auf dem großen Feld der Schule Baseball und lachten und tobten und lebten. Es war etwas, was Nina nie gewährt wurde. Er würde nie der Vater sein, der in der Tribüne saß und seiner Tochter ermutigend zunickte, wenn diese ihren Schläger in Position bringen und ihre Konzentration auf den Ball lenken würde. Und doch war da dieser Blick vom Spielfeld aus, der immer wieder in seine Richtung durchs Fenster glitt und nach Anerkennung flehte.

Genervt zog Erik an den schweren Samtvorhängen und verdunkelte das Zimmer. Eigentlich wusste er gar nicht, wieso er Xaviers Schule für begabte Kinder noch nicht verlassen hatte. Die Sache war erledigt. Apokalypse war besiegt und die Erde drehte sich wieder nach den Wünschen der Natur, nicht nach seinen. Er hob das Glas wieder an seine Lippen, nur um festzustellen, dass es leer war. Und nun, da auch sein Glas leer war, war auch der letzte Grund zu bleiben verronnen wie der Alkohol durch seine Speiseröhre. Und doch bewegte sich sein Körper keinen Zentimeter von seinem Ledersessel aus.

Von draußen war plötzlich ein großes Gebrüll zu hören. Jemand hatte wohl einen Home-run geschafft, der aber wahrscheinlich nicht ganz fair war von der Tonlage her zu urteilen. Der Ansatz eines Lächelns zupfte an Eriks Mundwinkeln. Eins musste er dem Bengel mit dem bettelnden Blick lassen, verdammt schnell war er schon. Er war ein Prachtexemplar unter den Mutanten. Nicht nur besaß dieser eine faszinierende Fähigkeit, sondern beherrschte sie in Perfektion wie ein Fisch das Schwimmen. Vielleicht genoss Erik deswegen ja doch diese Blicke in einer unangetasteten Ecke seines Bewusstseins. Blicke eines Ebenbürtigen, auch wenn dieser noch naiv und grün hinter den Ohren war.

Erik lehnte sich nach vorne und sah zwischen den Spalt in den Vorhängen. Da saß sein Verehrer auf der Wechselbank und unterhielt sich intensiv mit Kurt Wagner, einem Teleporter. Sein silbernes Haar war etwas durcheinander und blitzte in der Sonne mal hie mal da auf wie der Flügel eines Kohlweißlings. Wie alt der Junge wohl war? 23? 28? Sein Oberkörper war lässig an seinem Baseballschläger abgestützt und er grinste breit, als ein Kind miserabel den Ball verfehlte. Doch sein Lachen verschwand blitzartig, als er seinen Kopf zu Eriks Fenster drehte.

„Peter“, flüsterte Erik amüsiert zu sich selbst. Der junge Mutant war so berechenbar. Vielleicht war die Zeit gekommen, ihm eine Gelegenheit zu geben sich zu erklären. Und wohlmöglicherweise war Erik heute so gönnerhaft gelaunt dem Jungen endlich die Aufmerksamkeit zu geben, nach der er so sehr sehnte, bevor er das Weite suchte.

Erik schob den Stoff des Vorhangs leicht beiseite und fixierte bewusst das tiefblaue Augenpaar, das ihn anstarrte. Mit einer einladenden Handbewegung und dem Zeigen auf eine ungeöffnete Flasche Cognac deutete er Peter an, in sein Zimmer zu kommen. Dieser entschuldigte sich zugleich und legte die Baseballausrüstung ab. Er würde in die Falle des Meisters des Metalls tappen. Aber Erik hatte auch nichts anderes erwartet.  

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Peter hatte sich beinahe verschluckt, als er Erik zurückblicken sah. Er wusste, dass er viel zu auffällig und viel zu häufig zu ihm rüber sah, aber dass es so offensichtlich war, wurde ihm erst jetzt bewusst. Andererseits war das doch normal. Er hatte seinen Vater 10 Jahre lang nicht mehr gesehen und dieser konnte jeden Moment für weitere 10 Jahre verschwinden, wenn er ihn auch nur einen Wimpernschlag lang aus den Augen lassen würde.

Unbehaglich versank Peter in dem viel zu großen Ledersessel und klammerte sich an seinem halbleeren Glas Cognac fest. Der Alkohol hatte eine süßliche Note, die den Raum wie in einen Opiumrauch einhüllte. In dem Sessel neben ihm nippte Erik gerade an seinem Glas und schien fast gelangweilt.
Peter schluckte schwer und fuhr seinen Cognac an die Lippen. Er hatte es doch geprobt. Jetzt war der Moment, es ihm zu sagen. Doch sein Hals kratze trotz der Flüssigkeit und seine Zunge war wie gelähmt.

„Seit unserer Ankunft klebst du an mir wie ein Stalker“, sagte Erik salopp, als ob er einen rein wissenschaftlichen Fakt erläuterte.

Peter begann etwas Undeutliches zu stottern, aber Erik überging ihn: „Jedoch habe ich kein Interesse daran, die Bruderschaft wieder zum Leben zu wecken. Also such dir ein anderes Hobby.“

„Was?“, platzte es aus dem Silberhaarigen heraus, der es mit Kraft schaffte sich aus dem Sessel aufzurichten. „Ich will der Bruderschaft nicht beitreten.“

„Nicht?“, sagte Erik mit einem eigenartigen Funkeln in den Augen, als hätte er doch seine Meinung geändert, wenn Peter ja gesagt hätte. Aber die Art wie er ihn musterte, bedeutete noch etwas anders.

„Nein, ich…“, begann Peter, aber seine Worte verstummten ihm auf den Stimmbändern. Er war ein Loser, der bis vor Kurzem bei seiner Mutter wohnte. Und Erik war Magneto, einer der mächtigsten Männer auf dieser Welt. Was hatte Peter jemals getan, dass Erik stolz auf ihn sein könnte. Einmal eine ganze LKW-Lieferung an Twinkies gestohlen? Allen Lehrern einst die Schnürsenkel verbunden? Keinen Job nach der High School gefunden und für ein Jahr an einer Tankstelle ausgeholfen? Selbst Mystique hatte keinen Ratschlag geben können, um Erik zu sagen, dass er sein Sohn war. Wahrscheinlich, weil Erik ihn nie akzeptieren würde und sie ihm keine großen Hoffnungen machen wollte. Und all das nur, weil er ein solcher Versager war.  

„Und doch folgst du mir, wohin ich auch geh“, bemerkte Erik und schenkte Peter mehr Cognac nach. Peter konnte sich nicht daran erinnern, wann er sein vorheriges Glas ausgetrunken hatte. Ein schwindliger Nebel ließ Eriks Gesicht zu einem zu schnell aufgenommenem Foto verzerren, bis es sich wieder stabilisierte. „Woran liegt das wohl?“

„Ich wollte mit dir reden“, zwang sich Peter zu antworten, von seiner sonst so verspielten Selbstsicherheit keine Spur. „Über… über uns.“

„Über uns?“, wiederholte Erik und hob fast schon komödiantisch seine Augenbrauen. „Aber da gibt es nichts… zwischen uns“, fuhr er fort, während er die letzten zwei Worte seltsam resonierend hauchte. „Oder wünscht du dir etwa, dass da etwas wäre? Zwischen uns?“

Peter stockte der Atem, als er eine warme Hand an der Innenseite seines Oberschenkels spürte, die sich gefährlich immer weiter nach oben näherte. Etwas stimmte hier eindeutig nicht. Etwas lief nicht so, wie er es sich vorstellte und dazu gehörte die Röte, die sich brennend heiß über seine Wangen ausbreitete. Peter sah die glasigen doch zielgerichteten, grauen Augen, die ihn wie Messer durchbohrten, nein, fast schon zu röntgen versuchten, um nach seinem tiefsten Abgrund zu greifen.

„Nein, also, ich wünschte es mir schon aber…“, begann Peter wie ein Wasserfall aus Ethanol zu plätschern, als sich zwei Finger gegen seine Lippen pressten.

„Ist schon gut, Peter“, sagte Erik und flüsterte ihm in sein Ohr, „Ich werde dir die Aufmerksamkeit geben, nach der du dich so sehr verzerrst.“ Der junge Mutant spürte wie die Finger von seinen Lippen qualvoll langsam seinen Hals hinab rutschten. „Meine Aufmerksamkeit.“ Eriks heißer Atem streifte mit süßen Cognacdämpfen sein Gesicht. „Meine Gunst.“ Und plötzlich blieb zum ersten Mal die Zeit stehen, ohne dass er nur den Ansatz seiner Fähigkeiten benutzen musste.

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Die Lippen des jungen Mutanten waren weich und warm und schon bald etwas feucht und glitschig, wie schönes Gallium, das beim Kontakt mit der Haut dahinschmolz. Doch es machte keinen Unterschied, ob Metall fest oder flüssig oder gasförmig war. Zum Schluss gehorchte das Metall Erik immer. So wie dieser Junge, der sich selbst Quicksilver nannte. Erik löste den Kuss, vergrub sein Gesicht in Peters Haar und atmete dessen herben Zitronenduft ein.

„Quecksilber“, sagte Erik, mehr zu sich selbst sprechend, „Ein solch faszinierendes Metall. So giftig, dass es einem den Verstand rauben kann.“ Und dies tat Peter in jenem Moment auch, ihm das letzte bisschen Vernunft entreißen. Erik gab vor, dem Jungen einen Gefallen zu erteilen, obwohl es doch er selbst war, der sich nach einem Menschen sehnte, der etwas von dem lindern konnte, das ihm genommen wurde.

„Hast du deinen Namen meinetwegen gewählt?“, sprach Erik die leise Frage in den dunklen Raum, doch er ließ Peter keine Sekunde, um seine rhetorische Frage zu beantworten. Stattdessen zog er den Jungen fest an sich und presste ihre Lippen wieder zusammen.

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Peter merkte, wie er selbst zögerlich zurückküsste. Sein Gehirn machte einen Aussetzer. Dies war sein Vater, den er gerade küsste. Sein Vater. Er hatte nicht genügend getrunken, um das zu vergessen und trotzdem ließ er es zu wie Erik seine großen, raue Hände unter sein T-Shirt schob. Quicksilver. Sein Vater hatte Recht. Er war verrückt. Er war krank. Ein Versager. Peter spürte, wie Feuchtigkeit aus seinen Augen trat und Erik auf einmal stoppte.

Sanft wischte dieser über seine Wangen und drückte ihn stark an sich. „Du bist ein Meisterwerk der Evolution“, hörte Peter Erik seltsam wie aus der Ferne sagen.

Er konnte nicht mehr klar denken. Er hatte sich die Nähe zu seinem Vater immer gewünscht, aber doch nicht so. Aber nun es war zu spät. Viel zu spät. Er hatte den richtigen Zeitpunkt verpasst, er, der den Flügelschlag einer Libelle beobachten konnte, war schlichtweg zu langsam. Er war wieder zu spät, wie bei den 1000 Hinweisen, die er auf der Suche nach seinem Vater verfolgte. Zu spät, zu spät. Und jetzt gab es kein Zurück mehr. Würde er Erik jetzt beichten, dass er sein Sohn war dann…

Peter warf sich in die Umarmung und ertrank den Gedanken in der strahlenden Wärme des Gegenübers. Es ist okay. Erik hält ihn und es ist okay. Solange er ihn hält, wird er auch nicht verschwinden. Solange er sein Blut durch die Brustdecke rauschen hört, wird er bleiben. Solange Erik ihn berührt und anfasst, bekommt er die Zuneigung, die ihm sein Leben lang verwehrt war.

Peter hob den Kopf und krallte verzweifelt seine Finger in das zerknitterte Hemd, das Erik trug.  

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Eriks Hände glitten resistenzlos über den weißen Körper, der sich in seinen Armen wand und drehte und sich klammernd an jeder Berührung festhielt, die Erik ihm gab, ohne zu wissen, dass es eigentlich Eriks Hunger nach Linderung war, die beide zusammenschweißte.

Er mochte den Jungen. Er mochte ihn sehr. Aber noch mehr liebte er die bedürftigen Blicke, die Peter an ihn heftete und die ihn bis zur Erregung hin zerfraßen. Er küsste den Silberhaarigen und machte sich an seinem Gürtel zu schaffen.

Und wie konnte er nicht? Quecksilber ist zu reaktiv, um es neben anderen Metallen zu lagern. Die Bildung von Amalgam war dabei die natürlichste Sache der Welt. Besonders jetzt, wo sich die Erde sich nach den Wünschen der Natur drehte und dem Willen der Natur musste man sich beugen.





Ich habe nicht sehr viel dazu zu sagen außer einer Sache: Ich suchte den Abgrund, doch der Abgrund fand mich. Ein Hoch auf all die kranken Leute auf AO3, die mich infizierten. Es ist Montag 1:06 Uhr und ich habe ein neues, mentales Tief gefunden. :‘D Würde mich trotzdem über ein Feedback freuen oder eine Verteufelung.
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