Verbundene Herzen

SongficRomanze, Schmerz/Trost / P12
Gowther Merlin OC (Own Character)
07.04.2019
07.04.2019
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Create a place through shapes and shades
Build a blinding stage where beauty is made
But when your colors fade
Everything will change


Einige Jahre waren bisher vergangen, seit der Krieg begonnen hatte. Die junge Frau hatte in dieser Stadt Zuflucht gefunden und ein neues Leben angefangen. Als Heilerin und Magierin lebte sie hier und half den Flüchtlingen, die wie sie selbst hier her kamen, auf der Suche nach Schutz und Hoffnung.
Anya. So nannte sie sich in dieser Stadt. Die Menschen achteten ihre Güte und ihr Wissen in Heilung und Magie. Stets war sie freundlich zu allen. Half, wo es nur ging. Doch hinter ihrem Lächeln verbarg sich etwas, das sie mit keinem ihrer Heilmittel behandeln konnte.
Einsamkeit und Angst.
So, wie viele ihrer Schützlinge und Patienten, musste auch sie für den Krieg jemanden loslassen, der ihr alles bedeutete. Er hatte sie hier hergebracht, dass sie sicher war vor allem. Es war das letzte Mal gewesen, dass sie ihn sah und auch, wenn sie wusste, wie stark er war, lebte sie täglich mit der Angst, dass ihm etwas zustoßen könnte. Anya kannte seine Gegner. Dass seine Kameraden allerdings zu schlimmeren Feinden werden würden, ahnte sie nicht.
Auch wenn viel Zeit vergangen war, ohne auch nur den Hauch eines Lebenszeichens von ihm, wollte sie die Hoffnung nicht aufgeben. Wollte keine Sekunde daran denken, dass er vielleicht bereits tot sein könnte. Das Leuchten in seinen Augen erloschen. Es würde ihr alles nehmen. Denn er war alles für sie.

I'm trying hard to imagine better
Daydream him. I'll wait forever!
I'll pray that our paths blur... together.


An einem stillen Ort, weit ab jedes Weges und der Menschen, schloss sie die Augen und lauschte. Spürte den Wind in ihrem langen schwarzen Haar. Hörte die Geräusche der Welt um sie herum. So friedlich. Trotz des Krieges, der überall herrschte. Tief atmete sie den Duft der Bäume ein, die im Wind raschelten und dachte an ihren Geliebten. Stellte sich sein Lächeln vor. Das Strahlen der hellen Augen hinter der Brille. Von kinnlangem Magentahaar umrandet. Hörte seine Stimme. Spürte die Zärtlichkeit seiner Berührung. Die zierliche Gestalt reichte ihr die Hand. Bat sie um einen Tanz.
So verlor sie sich in dieser Vorstellung. Sehnte sich danach, dass es eines Tages real sein würde. Als wäre er tatsächlich bei ihr, nahm sie die Tanzposition ein und tanzte. Im Bann ihres Traums schwebte sie über die grünende Wiese. Lächelte glücklich.
Ganz egal, wie lange es noch dauern würde, bis sie sich wiedersehen würden. Sie würde warten. Er hatte es ihr versprochen, dass er sie suchen würde. Zu ihr kam, wenn seine Pflicht erfüllt war. Und sie glaubte an ihn. Ihre Wege würden wieder zueinanderfinden. Das wusste sie.

It might not be true, but it's the best I can do,
If only to keep a little piece of you.
I can't keep it inside.
I'll have to shout it out loud;
All of the things I couldn't live without!


Zwei Kisten Medizin hatte sie bereits fertiggestellt und drei weitere würden folgen. Die Vorräte wurden rasch aufgebraucht in diesen Zeiten. Nachschub war umso wichtiger. Also wog sie sorgfältig die Kräuter für eine große Portion entzündungshemmenden Schmerzmittels ab. Die Arbeit hatte ihre Vorteile. Zum einen half sie damit den Menschen und zum anderen hielt sie sich beschäftigt. Dachte nicht zu viel nach. Wenn sie nachdachte, wurde sie wieder traurig und das wollte sie nicht. Also arbeitete sie, bis es nichts mehr zu tun gab und machte sich dann neue, indem sie nach neuen Heilmethoden und Zaubern suchte, die sie noch nicht kannte. So konnte sie auch etwas von dem weitertragen, das er und sein Vater ihr gelehrt hatten. Allerdings half das nicht ewig.
Bereits seit einigen Tagen spürte sie, wie die Traurigkeit ihr Herz immer mehr einnahm. So stürzte sie sich in noch mehr Arbeit. Das entging zumindest einer Person nur wenig. Gerade war Anya in das Kräutergeschäft gekommen. Ihre Vorräte für die Medizin waren aufgebraucht. Mona, die ältere Dame, der der Laden gehörte, wusste, dass etwas nicht stimmte. Das war ihr dritter Besuch in dieser Woche. Kritischen Blickes begrüßte sie die junge Frau und hörte sich die Bestellung an. Wieder eine so große Menge...
"Kind, so geht das doch nicht.", sprach sie sanft mit Besorgnis in der Stimme. "So dankbar wir dir für deine Hilfe sind.. Auch du brauchst einmal eine Pause."
Anya schüttelte den Kopf.
"Nein. Ich helfe gern. Die Arbeit tut mir gut.", beharrte sie, doch die Dame mit dem großmütterlichen Gemüt erkannte, dass da mehr dahintersteckte.
So kam sie hinter dem Tresen hervor und nahm ihre Hände in ihre. Lächelte wohlwollend zu der jungen Magierin auf.
"Lass uns gemeinsam ein Stück gehen. Das wird dir sicher helfen.", schlug sie ihr vor und Anya nickte zaghaft. Folgte ihr nach hinten in ihren hauseigenen Kräutergarten.
Es war später Frühling, weshalb alles blühte und grünte. Die weise Kräuterfrau ging mit ihr die duftenden Wege entlang.
"Also, mein Kind. Es ist nicht gut, wenn du so viel arbeitest. Du wirst sonst noch krank davon.", redete sie sanft auf sie ein. "Genauso wenig, wie, etwas in sich hineinzufressen."
Überrascht sah die junge Frau auf Mona hinunter. Woher wusste sie das?
"Deine Augen, kleines. Eine alte Kräuterhexe wie ich sieht darin, wie es wirklich um dein Herz steht.", zwinkerte sie. "Du bist sehr traurig. Nicht wahr? Möchtest du mir nicht erzählen, warum?"
Sie wollte. Vertraute sie dieser Frau doch so sehr. Trotzdem wusste sie nicht, wie. So gab sie einfach diesem Gefühl nach, das ihr Herz zu ertränken drohte. Sie weinte. Erst zaghaft, doch als die erste Träne ihren Weg in das weiche Gras fand, ließ sich Anya von der älteren Dame tröstend in den Arm nehmen. Ließ alles los. Die Traurigkeit darüber, dass sie ihren Geliebten nicht sehen konnte... Die Angst, er könnte vielleicht nie wieder zurück kommen...
Die junge Magierin erzählte ihr alles, was sie beschäftigte. Erzählte ihr, wie sehr sie ihn liebte. Wie gern sie mit ihm tanzte..sein Lächeln sah..sein Lachen hörte..und Mona hörte geduldig zu. Gab ihr den Halt, den sie brauchte. Streichelte ihr beruhigend über das Haar.
Nach einiger Zeit wurde sie wieder ruhiger. Noch immer genoss sie die Geborgenheit die die Kräuterfrau ihr gab.
"Anya...", sprach diese sanft. "Sag mir..hast du je gefühlt, dass ein Teil von dir ganz fort ist?"
Mit verweintem Gesicht sah sie die Frau an. Verneinte, was sie aufmunternd lächeln ließ.
"Na also. So wichtig, wie dir dieser junge Mann ist, hättest du es längst gespürt, wenn er tot wäre. Glaub daran, dass er wieder zu dir zurückkehrt. Wer würde schon so ein liebes und hübsches Mädchen wie dich einfach allein auf der Welt zurücklassen?"
Ihre Worte ließen auch die junge Heilerin wieder etwas lächeln.
"Und jetzt komm. Ich bring dich nachhause und mach dir Tee. Sicher haben wir noch Schokolade da. Genau das richtige bei einem gebrochenen Herz."
Anya stimmte zu und ließ sich nachhause begleiten. Trank den Tee, den Mona für sie machte, dass sie sich beruhigte. Sie war wirklich eine so liebe Person...und sie hatte recht. Es war nicht gut, dass sie alles in sich hineinfraß...

And I'm hidin' my heart, and I'm sealing my soul
And I'm taking a breath, and he's giving his all
And I wanna walk out from the trouble I'm in
'Cause I'm really not sure where to begin...


Doch konnte sie nur mit denen sprechen, denen sie auch wirklich vertraute. Mona war so jemand.
Wer noch?
In dieser Stadt gab es viele freundliche Menschen, aber bei keinem von ihnen hatte sie ein solches Gefühl von Geborgenheit, wie sie es bei ihrem Lehrer immer hatte.
Eli. Sissy.
Auch sie musste in den Krieg.
Außer der netten Dame aus dem Kräutergeschäft, hatte sie hier niemanden. Nur die Hoffnung, dass alles wieder gut werden würde.
Genau, wie ihr vorausgesagt wurde, war sie krank geworden. Seit Tagen hatte sie es mit sich herumgeschleppt. Verdrängte es, wie ihre aufgestauten Gefühle. Nun zahlte sie den Tribut dafür. Ihr Kopf dröhnte, ihr Hals schmerzte und in der Nacht hatte sie Fieber bekommen. So konnte Anya auf keinen Fall arbeiten und Mona sorgte auch dafür, dass sie das nicht tat.
Geschwächt lag die junge Frau in ihrem Bett. In drei dicke Decken gekuschelt und doch fror sie. Ihr Herz sehnte sich nachwievor nach seinem Gegenstück. Der Wärme, die er ihr gab. Sie würde dieses kleine Ritual nutzen, um die Schreie zu ersticken. Wie sie ihr sagte. Sie musste damit umgehen, statt daran kaputt zu gehen. Es zu verdrängen, brachte ihn ihr auch nicht schneller zurück. Trotzdem würde sie ihr Herz verstecken. Ihre Seele einschließen. Zumindest für die Menschen, die ihre Hilfe benötigten. Bei gegebener Zeit würde sie alles wieder ablassen. So, wie sie es am Tag zuvor getan hatte.
Gerade, als sich Anya aufsetzte, um die Flammen im Kamin zu schüren, kam die ältere Dame zu ihr herein.
"Oh nein. Du bleibst schön im Bett, mein Kind.", schimpfte sie los. In der Hand ein Tablett mit einer dampfenden Schüssel.
"Aber..ich wollte doch nur-"
"Kein Aber. Ich will weder sehen, dass du dich ohne Erlaubnis aus dem Bett schleichst, noch auch nur die kleinste Art von Zauber.", bestimmte sie und setzte sich mit dem Tablett zu ihr. Fühlte ihre Stirn und betrachtete ihre Augen. Sie glänzten wie goldene Murmeln aus feinstem Glas.
"Du glühst beinahe wie der Suppenkessel, Kleines... Wie fühlst du dich?"
Die junge Magierin teilte ihr mit, wonach sie fragte, was darin endete, dass ihre Stimme versagte. Nur "kalt" bekam Anya noch heraus, ehe sie hustete.
Sofort griff sie nach dem Glas Wasser, das neben dem Bett bereit stand.
"Na na.. Das wird schon wieder.", lächelte die Kräuterfrau und reichte ihr die Schüssel an. "Eine schöne heiße Suppe wird dich wärmen. Dann geht es dir bald wieder besser."
Dankbar nahm sie sie entgegen. Schlürfte vorsichtig.
Als hätte sie es tatsächlich geahnt, hatte sie darauf bestanden, zu bleiben. Die ganze Nacht war sie bei ihr geblieben. Hatte auf sie aufgepasst. Nach einer Weile des Schweigens, in der sie die Suppe aß, kam ihr ein Gedanke und sie sah Mona an.
"Was ist eigentlich mit deinem Geschäft?", fragte sie die ältere Dame. "Wer kümmert sich darum, während du auf mich aufpasst?"
Die Frau lächelte.
"Mach dir darüber keine Gedanken, liebes. Nachdem ich mich vergewissert hatte, dass du ruhig schläfst, bin ich zurück, um meinem Neffen zu sagen, dass ich hier bin.", zwinkerte sie. "Benji kümmert sich darum."
Das beruhigte Anya.
"Ich mach dir noch einen Tee und bring dir deine Medizin."
Mit diesen Worten stand sie auf und ließ sie allein. Schürte vorher noch das Feuer.
Noch immer frierend, kuschelte sich die junge Heilerin zurück in die Decken. Sie konnte es nicht verhindern, dass sie nachdachte. Da draußen herrschte ein Krieg und die, die ihr die wichtigsten waren, steckten mittendrin..
Hätte sie nicht so viel gearbeitet und hin und wieder eine Pause gemacht, dann müsste sie jetzt nicht hier liegen. Aber was hatte das schon für einen Sinn, sich darüber aufzuregen? Sie würde diese Möglichkeit zum Atemholen nutzen und sich so gut es ging auskurieren. Sonst wäre sie den Menschen hier keine Hilfe.
"Mein Herz... Ich weiß, du gibst alles dafür, dass wir uns wiedersehen..", murmelte sie, als ihr die Tränen kamen.
Sie bemühte sich nicht einmal, sie zu verstecken. Lag nur still in ihrem Bett und spürte, wie sie ihre erhitzten Wangen hinunter und in ihr Kopfkissen flossen. Mona würde es ohnehin merken und als hätte sie es tatsächlich gespürt, kam sie nur kurze Zeit später wieder zu ihr zurück. Ihr strahlendes Lächeln wurde sofort sorgenvoll und mitleidig.
"Na na..kleines. Alles wird gut.", redete ihr die Frau gut zu und setzte sich zu ihr.
Das Tablett mit frisch gebrühtem Orangentee auf den Nachttisch gestellt, strich sie dem in ihren Augen jungen Mädchen sanft über das schwarze Haar. Drückte mit tröstlicher Geste ihre kühle Hand und wärmte sie in ihrer. So mitgenommen hatte sie die liebe Anya noch nie zuvor gesehen. Auch wenn ihr wohl bewusst war, dass auch ein starkes Herz einmal keine Kraft mehr hat.
"Er fehlt mir so..", schluchzte sie. "Alles an ihm.. Es ist..als wäre ich..nur noch halb...und trotzdem..weiß ich..er kommt zurück.."
"Shh... Sicher kommt er zu dir zurück. Aber ich glaube, er würde nicht wollen, dass du dich so überanstrengst."
Mona reichte ihr die Medizin.
"Gegen das Fieber und die Schmerzen.", erklärte sie ihr mit einem aufmunternden Lächeln und schenkte ihr den duftenden Tee ein.
Brav trank Anya die Kräutermischung. Bemerkte den herrlichen Duft.
"Orange?", fragte sie leise und die Frau nickte.
"Orange und Zimt. Wohltuend für deinen Hals und mein Glücksrezept gegen Traurigkeit. Er bringt Licht ins Dunkel und erheitert deine Seele."
Lächelnd reichte sie der Kranken die Tasse. Sah mit Freuden, dass allein der Duft bereits seine positive Wirkung hatte, denn zumindest hatte sie wieder aufgehört zu weinen. Anya nahm einen Schluck und begann zaghaft zu lächeln.
"Sehr lecker.", lobte sie, was die ältere Dame noch mehr freute.
"Na also. Wenn ich dich lächeln sehe, fühle auch ich mich schon viel besser.", meinte sie und streichelte ihre Wange. "Wenn du ausgetrunken hast, solltest du noch etwas schlafen. Dann kann die Medizin besser wirken."
Die junge Magierin nickte und trank die Tasse aus, die Mona sofort nachfüllte.
Sie musste einfach mit ihr darüber reden. Anya hatte sonst niemanden.
"Mona..ich denke nicht, dass ich so weiter machen kann, wie zuvor. Den Leuten die hoffnungsvolle Heilerin vorzuspielen, die immer ein Lächeln auf den Lippen hat..wenn mir doch innerlich zum Schreien zumute ist..", versuchte sie sich zu erklären.
Sie wusste nicht, wie sie ihre Arbeit weiter fortsetzen sollte, ohne selbst zur Last zu werden.
Fürsorglichen Blickes versprach ihr die Kräuterfrau, dass sie jederzeit für sie da sein würde, doch das wollte sie nicht. Zumindest nicht grenzenlos.
"Ich kann mich doch nicht immer wieder auf dich verlassen. Du hast dein eigenes Leben. Deine Familie. Dein Geschäft.", protestierte sie. "Ich muss Wege finden, allein damit umzugehen. Kannst du mir beibringen, wie?"
In ihren bittenden Augen wie geschmolzenes Gold lag ein Nebel der Traurigkeit und die ältere nickte verständnisvoll.
"Natürlich, mein Kind. Es gibt viele Wege dafür. Wir finden den richtigen für dich."
Aufmerksam hörte sie ihr zu.
"Manche suchen sich einen einsamen Ort und schreien alles hinaus, was sie beschäftigt, was allerdings wohl eher nicht deine Art ist, oder?", erklärte Mona und sie schüttelte den Kopf. "Dachte ich mir. Es nützt nichts, wenn du etwas versuchst, das dir nicht liegt. Mir ist aufgefallen, dass du viel liest und schreibst. Vielleicht ist das eine Möglichkeit? Eine Freundin von mir, deren Mann ein Opfer des Krieges wurde, vertieft sich in die Musik, um ihm näher zu sein. Er war Pianist. Aber welchen Weg du gehst, kannst nur du allein entscheiden, Anya."
"Danke. das hat mir schon sehr geholfen, denke ich.", antwortete die Angesprochene und lächelte erneut zaghaft. Leerte die letzte Tasse Tee.
Sanft streichelte ihr die Kräuterfrau über den Handrücken.
"Gern. Aber jetzt schlaf noch etwas. Ich gehe nicht weg und bin nebenan, wenn du etwas brauchst.", sprach sie sanft. "Und dass du mir bloß nicht versuchst, allein aufzustehen."
Damit bekam sie ein Grinsen auf ihre Lippen und das Mädchen kuschelte sich erneut in die Kissen. Schloss müde die Augen und murmelte ein Dankeschön.
Mona wartete, bis sie eingeschlafen war und streichelte ihr Haar. Summte leise eine sanfte und ruhige Melodie. Mit einem Kuss auf die noch glühende Stirn, ging sie ins Wohnzimmer zurück. Diese Ruhe hatte sie dringend nötig und sie würde Anya nicht eher wieder an ihre Arbeit lassen, bis sie sich sicher war, dass sie sich richtig auskuriert hatte.

And if making it will make it better;
Better than it was before,
And lines could bring us close together
So I won't be lonely no more.


"Das machst du sehr gut. Achte auf deine Atmung..und vergiss nicht.. Ich bin bei dir, kleines."
Die Stimme der älteren Dame beruhigte sie. Trotzdem zitterte die Heilerin am ganzen Leib, als sie tiefer in diese Bilder hinein tauchte. Sie lebendig werden ließ...
Diverse Szenarien spielten sich vor ihren Augen ab. Jedes schrecklicher, als das vorherige. Bilder des Krieges..ihres Geliebten.. Wie er im Kampf verwundet wurde und schwer verletzt weiter kämpfte.. Aufgespießt..in zwei geteilt..die Augen leer, aber voller Schmerz.
Nackte Angst packte sie bei diesem Anblick.
"Das wird nicht passieren.. Das darf nicht passieren..", wiederholte sie mit bebender Stimme.
Tinu..viêl...bitte..verzeih mir...
"..nein..nicht..komm zurück.."
Mona war nun doch schwer in Sorge. Das war sicherlich nicht der richtige Weg..
Als Tränen begannen, die Wangen der jungen Frau hinunterzulaufen, musste sie das einfach beenden. Das konnte sich doch niemand mit ansehen. So kniete sie sich vor sie und packte sie sanft bei den Schultern.
"Anya? Kind, wach auf..bitte!", sprach die Kräuterkundige besorgt, ehe die junge Magierin mit Panik aus der Trance erwachte.
"Nein!! Nein!! Ich will das nicht!!", rief sie verängstigt und Mona rüttelte sie leicht. Sah ihr tief in die Augen.
"Wach auf, Kleines! Du bist hier bei mir. Nichts wird geschehen. Weder dir, noch ihm."
Mit tränenden Augen erwiderte Anya ihren Blick.
"Mona..", kam es leise und sie drückte sich Schutz suchend an sie.
"Ja, mein Kind. Alles ist gut.", sprach sie beruhigend. "Das ist keine gute Idee gewesen. Entschuldige."
Sanft hielt sie sie fest. Verharrte so, bis ihre Angst verebbte.
"Ich will das nicht noch einmal sehen..", brachte die junge Frau hervor.
Es war zu schrecklich. Es musste einen anderen Weg geben, damit umzugehen. Gegen ihre Angst half das ganz und gar nicht...

"Bist du sicher, dass ich dich alleinlassen kann?", fragte Mona, als sie in ihre Hütte zurückgekehrt waren und Anya nickte.
"Geh ruhig. Ich komme klar. Du kannst doch den armen Benji nicht so lang im Laden lassen.", lächelte sie und die ältere Dame nahm sie noch einmal in den Arm. Sagte ihr, dass sie jederzeit ein Ohr für sie hätte, bevor sie ging und sich die junge Heilerin ins Wohnzimmer zurückzog.
Magisch entfachte sie das Feuer im Kamin und ging zum Bücherregal. Ein neuer Plan musste her. Ein besserer Plan. Etwas, das ihr half, die Hoffnung zu bewahren.
Ihr Blick blieb an ihrem alten Tagebuch hängen. Die Erinnerung ließ sie wieder lächeln und so nahm sie es an sich und setzte sich, um darin zu lesen.
Liebes Tagebuch
Ich habe heute meinen ersten Zaubertrank gebraut. Sensei sagte, dass es endlich Zeit wäre. Alles ging gut, bis ich zwei der Zutaten vertauscht habe. Dadurch habe ich eine kleine Explosion verursacht, bei der ich zum Glück noch rechtzeitig von Gowther zur Seite gezogen wurde. Wenn er nicht so schnell reagiert hätte, wäre ich sicher schlimm verletzt worden. Der Lärm hat die Wachleute alarmiert und sogar den König auf den Plan gerufen. Er hat mich ganz schön ausgeschimpft und war böse auf mich, aber Sensei und Gowther haben mich verteidigt. So musste ich nur das Chaos wieder beseitigen. Das war anstrengend, aber nur fair. Schließlich war es ja auch mein Fehler.

Sie begann zu lachen, als sie daran dachte, welch simpler Anfängerfehler der Grund für dieses Debakel war. Sie hatten sie vor dem König beschützt. Bei der Explosion hätte sie sich ernsthaft verletzen können, aber er hatte sie davor bewahrt.
Anya blätterte weiter.
Liebes Tagebuch
Die Tanzstunden machen so viel Spaß! Als würden wir schweben. Mit Gowther als Partner geht es ganz leicht, sodass ich mittlerweile kaum noch darüber nachdenken muss. Der restliche Unterricht wird auch immer aufregender. Zur Zeit beschäftigen wir uns mit den Elementen. Ich dachte immer, es gäbe nur vier. Feuer, Wasser, Erde und Luft, aber Sensei sagt, es gibt noch ein fünftes, das dafür sorgt, dass die anderen vier im Einklang bleiben. Welches das ist, lerne ich morgen. Jetzt muss ich aber los. Heather will mit mir in die Stadt gehen.

Heather. Sie war eine Kindheitsfreundin von ihr. Die Tochter einer dämonischen Adelsfamilie. Wie es ihr wohl nun ging?
Wieder blätterte Anya weiter. Langsam bekam sie das Gefühl, als sei sie ihrem Geliebten tatsächlich so nah, wie in diesen Texten.
Liebes Tagebuch
Langsam habe ich das Gefühl, dass etwas mit mir nicht stimmt. So lange lebe ich nun hier im Schloss. Lerne von ihm und seinem Vater. Wir haben ihn übrigens heute Morgen besuchen dürfen. Ihn so gefesselt zu sehen, macht mich traurig, aber Sensei hat trotz allem gelächelt. Uns Mut zugesprochen und sich über meine Fortschritte erkundigt. Ich habe ihm die Element Zauber Icicle Castle und Fire Storm vorgeführt, so gut ich konnte. Er freute sich, dass es schon so gut klappte und war der Meinung, dass ich bald mit der Materialisierung anfangen kann! Aber zurück zum Thema. Auch wenn es sehr seltsam ist, da ich Gowther doch schon so lange kenne, spüre ich immer, wenn er mich lobt, oder einfach nur lächelt, diese Wärme in meinem Bauch. Meliodas ist glücklich mit Sissy. Das habe ich schon lange akzeptiert. Auch den Fakt, dass es sich um eine kindische Schwärmerei handelte. Er ist immerhin ein Prinz und das Gebot der Liebe dazu. Jedenfalls habe ich für heute gesagt, dass es mir nicht gut geht. Das war eine dumme Idee... Jetzt macht sich Gowther nur noch mehr Sorgen. Er meinte, dass er mir gleich Schokolade macht. Dann lesen wir zusammen. Oh, er kommt! Wünsch mir Glück, dass ich nicht schon wieder was dummes sage..

Während sie weiter las, fühlte sich die junge Magierin ihrem Geliebten immer näher. Spürte beinahe seine Gegenwart, als wäre er tatsächlich bei ihr. Mittlerweile war es dunkel geworden. Also klappte sie das Tagebuch zu und stellte es sorgsam zurück, um sich etwas zu Essen zu machen. Sie fühlte sich schon viel besser. Vielleicht war das der Weg, den sie gehen musste, um ihre Sorgen in den Griff zu bekommen. Anya würde wieder anfangen, regelmäßig zu schreiben. Das konnte nur hilfreich sein.

Pretending it doesn't matter
Could help me pass the time.
Make-believe! He'll hide forever!
This is real life


Ein neuer Schwall Flüchtlinge war in die Stadt gekommen und Anya versuchte gerade, ein kleines Mädchen zu beruhigen.
"Wo sind Mama und Tia?", fragte die kleine weinend.
Aus einer Wunde an der Stirn rann Blut über ihr Gesicht. Den rechten Arm hielt sie schützend umklammert.
"Deine Mama und deine Schwester werden verarztet. Sie sind in guten Händen.", sprach die junge Heilerin sanft. "Kannst du mir sagen, wie du heißt?"
"S-Sophie..", kam es schluchzend als Antwort.
Anya lächelte aufmunternd.
"Sophie. ein schöner Name. Ich heiße Anya.", stellte sie sich vor. "Sophie, darf ich mir deinen Arm ansehen? Ich verspreche dir auch, vorsichtig zu sein."
Sie reichte ihr ein Tuch für die Kopfwunde, ehe das Mädchen zögerlich nickte und ihren Arm freigab.
"Gut so. Du bist ein tapferes Mädchen.", lächelte sie und sah sich die Verletzung eingehend an.
Ihr Handgelenk war bereits dunkelblau, doch eine kurze Bewegung verriet ihr, dass es nicht gebrochen war. Sanft streichelte sie dem Mädchen über das blonde Haar, um sie wieder zu beruhigen.
"Es ist nichts gebrochen. Nur verstaucht. Das tut zwar sehr weh, aber ist nicht allzu schlimm. Wir reiben deinen Arm mit einer Salbe ein und legen einen Verband an. Du musst ihn ganz ruhig halten. Dann geht es schnell wieder weg. Ja?"
Mittlerweile hatte die kleine Patientin zu weinen aufgehört und nickte. So streichelte ihr die Heilerin kurz über die Wange, um Salbe und Verbandsmaterial zusammenzusuchen.
Ein junger Mann hatte dieses Schauspiel beobachtet. Wie sie mit Kindern umging, war einfach unglaublich. Sie fassten fast sofort Vertrauen in sie. Ihr freundliches Lächeln beruhigte selbst das verängstigste Kind.
"Hier bin ich wieder, Sophie."
mit einem Verband, ein paar Stützen und einem kleinen Einmachglas, hockte sich Anya wieder vor das Mädchen.
"Ich habe deine Mama und deine Schwester gesehen. Ihnen geht es gut.", erklärte sie ihr und öffnete das Glas. "Das hier lindert den Schmerz. Es fühlt sich nach einiger Zeit kalt an. Also nicht erschrecken."
Vorsichtig schmierte sie die Salbe auf die Verletzung, ehe sie den Verband und die Stützen anlegte. Die kleine Patientin hielt tapfer aus, bis Anya fertig war. Dann sah sie sich noch ihre Kopfwunde an.
"Sieht schlimmer aus, als es ist. Das haben wir gleich."
So schnitt sie ein Pflaster zurecht und bedeckte sie damit.
"Perfekt! Das hast du toll gemacht.", lobte sie das Mädchen und ließ zur Belohnung ein kleines Schokoladenbonbon in ihrer Hand erscheinen.
"Vielen Dank, Anya!"
Mit ihrem gesunden Arm drückte sie die Heilerin kurz an sich. Dann brachte sie sie zurück zu ihrer Mutter.
Das Schlimmste war vorüber. Wieder einmal gab es Verletzte, denen keiner mehr helfen konnte. Die einzige Möglichkeit, die es für diese Menschen noch gab, war die, es ihnen so leicht, wie nur möglich zu machen.
Der Krieg war wirklich etwas sehr schreckliches.
Aber so viele dieses Mal auch starben..hatten sie doch viel mehr helfen können.
Erschöpft räumte Anya gerade noch einige Verbände zusammen, um sie außerhalb des Lazaretts zu verbrennen, als eine Stimme hinter ihr ihren Namen sagte.
"Anya. Du hast wie immer dein Bestes gegeben. Gute Arbeit."
Sie drehte sich um und lächelte sanft. Vor ihr stand ein junger Mann. etwa dreiundzwanzig Jahre alt. Das kurze struppige Haar stand an einer Stelle hinter dem rechten Ohr ab. Wie immer. Seine freundlichen tannengrünen Augen schienen ebenso erschöpft, wie die ihren.
"Benji.", lächelte die junge Magierin. "Danke. Das ist immerhin alles, was wir für die Menschen tun können. Nicht wahr?"
Etwas nervös kratzte er sich am Hinterkopf. Wirbelte das dunkle Haar dadurch noch mehr auf.
"Da hast du recht.", stimmte er zu. "Ich habe dich mit dem kleinen Mädchen gesehen. Ich finde es immer wieder faszinierend, wie schnell dir Kinder ihr Vertrauen schenken. Sicher liegt das an deiner Ausstrahlung."
"Naja, ich weiß auch nicht, wie ich das mache. Ich bin einfach nur ich.", erwiderte Anya und stopfte die Tücher in einen Sack. "Lass uns das hier noch verbrennen. Dann können wir nachhause gehen."
Damit gingen die beiden nach draußen. Mittlerweile war es dunkel. Die Sterne funkelten am nachtschwarzen Himmel.
Ob er wohl gerade ebenfalls zu ihnen empor schaute?
Dass er tot war, glaubte sie nicht. Das würde sie spüren. Schließlich war er ein wichtiger Teil ihrer Seele.
Schnell warf Anya den Leinensack auf den Haufen mit den anderen. Sprach einen Zauber aus, der sie in einer hellen Flamme aufgehen ließ.
Benji sah ihr fasziniert dabei zu. Wie sich das Feuer in ihren goldenen Augen widerspiegelte.. Der kühle Nachtwind wirbelte dabei leicht ihr dunkel glänzendes Haar auf.
"Wunderschön..", hauchte er und wurde sofort rot, als sie ihn ansah. "Ehm.. I-Ich meine das Feuer.. Ich kann ja keine Magie wirken. Daher hätte ich einfach nur ein normales Feuer gemacht.. Aber du.. Es scheint, als würden dich die Flammen verstehen. Dir gehorchen. Wie eine Feuerprinzessin."
Anya schenkte ihm ein ehrliches Lächeln. Gemeinsam warteten sie noch, bis das Feuer erloschen war. Müde sahen die Augen der Heilerin in die kleiner werdende Flamme. Ihr Kopf kippte dabei immer wieder langsam zur Seite. Benji bemerkte das und ergriff die Gelegenheit.
"Ruh dich etwas aus, bis es ausgeht. Ich passe so lange auf.", sprach er sanft zu ihr und legte vorsichtig seinen Arm um sie.
Anya nahm das Angebot an und lehnte sich an seine Schulter. Sank in einen Dämmerschlaf. Sicher hielt er sie in seinem Arm.
Wie süß sie doch aussah, wenn sie schlief.. Wie ein Engel. So unschuldig und rein..kostbar..
Vorsichtig, um sie nicht zu wecken, streichelte er ihre Wange.
"Gowther...", murmelte sie leise und der Junge zuckte innerlich zusammen.
Wer auch immer das war.. Anya liebte ihn. Von ganzem Herzen. Nicht einmal er könnte etwas daran ändern. Selbst wenn er es wollte. Das wusste Benji. Doch wollte er das auch gar nicht. Er wollte, dass sie glücklich ist. Und das konnte sie nur mit diesem Mann, dem ihr Herz bereits gehörte. Bis sie wieder mit ihm vereint war, würde er sie an seiner Stelle beschützen.

Paint your world full of tones.
Write the story so you know how it goes.
But my heart's alone, 'till he comes home.


"Hier. Bring das bitte zu ihr.", befahl Mona und packte ihrem Neffen eine große Kiste mit gebündelten Kräutern und anderen Dingen auf die Arme. "Oh, und das hier auch noch. Darüber freut sie sich bestimmt."
"A-aber Mona..", quengelte der junge Mann und balancierte die Kisten und Bücher, die sie ihm auflud.
Doch das half nichts. Benji wurde nur noch von ihr aus der Tür gescheucht. Tief seufzte er und machte sich auf den Weg zu Anyas Haus. Über den Marktplatz, die Hauptstraße entlang und ein paar Seitengassen. Dort am Rand der Stadt war sein Ziel in Sicht.
Kurz blieb er stehen, als er eine Melodie vernahm. Die Stimme so rein und klar, dass sie sein Herz berührte. Dann sah er sie in ihrem Vorgarten stehen. Anya sang. Den Blick suchend in den blauen Himmel gerichtet.
"Der Sternenglanz im Wasser tanzt.
Das Spiegelbild der Sterne singt die Melodie.
Ganz nah an deiner Brust
Da wird mir erst bewusst,
Dass mein Herz sich nach deinem sehnt.
Der Morgentau, er glitzert sacht,
Wenn er im Schein der Sonne morgens früh erwacht.
Sag mir, ob es gar stimmt,
Dass wenn mein Traum beginnt,
Ich dich auch darin wiederseh'.
Ich zähl' wie oft's geschehen ist,
Dass ein Leben auf den Grund gesunken ist
Und hoffe, dass eines Tages mein Wunsch erhört wird. Ich glaube fest daran.
Ewige Ruhe bleib bestehn!
Ich will sie einfrier'n, sie soll nie mehr geh'n, nie mehr.
Denn aus den Tränen der Liebe wird ein Meer gewachsen sein.
Wenn der Tag kommt, an dem ich nach unzähligen einsamen Nächten
Wieder einmal lächeln kann,
Werd' ich nie, nie mehr
Den Tränen nachgeben, nein!
Nach all der Zeit,
Den Träumen nachts,
Unendlich scheint's,
Doch irgendwann werde ich dich wiederseh'n.
Das allein erlaubt
Mir hier zu steh'n und für nich zu sing'n.
Das Lächeln meiner Liebe will ich seh'n.
Und damit dies geschehen kann
Denk ich an das Versprechen, das in ferner Zukunft gegeben wird.
Du wirst dort sein, in der Zukunft mit mir.
Verbunden sind wir am Himmelszelt.
Soll'n wir leitend unserer Gefühle zurückkehren an diesen einen Tag?
Endlos die Tränen, die ich hier vergoss
In deinem Sinn.
Sie fließen endlos ins Nichts.
Sie fließen auch im Schlaf.
Der Schlaf in dem ich stets an dich denke.
Ich schlaf, lass mich in meinem Traum!
Denn hier träum' ich
Unentwegt von meiner Liebe!"
Mit sanftem Lächeln, das von Hoffnung zeugte, hatte sie die Augen geschlossen. Spürte den Wind über ihre Haut streifen und ihr Kleid um ihre Beine wehen. Dann bemerkte sie ihren Besuch.
"Schön, dich zu sehen, Benji. Wie lange stehst du denn schon dort?", fragte die Heilerin freundlich und sah dann mit dem selben Lächeln zu ihm.
Der Junge erwachte aus seiner Starre und sah beschämt zur Seite.
"Ich..ähh... Nicht so lang.", druckste er herum und Anya kam zu ihm.
"Das ist sicher schwer. Möchtest du die Sachen nicht abstellen?"
Benji sah sie nur an. Wie sie ihm vorsichtig die Bücher abnahm und in einem davon blätterte. Diese überaus kluge und schöne Frau.
"Du singst wie ein Engel.", rutschte es ihm heraus und schnell widmete er sich wieder seinem Ballast. Stellte ihn erst einmal ab.
Die junge Magierin errötete zart auf sein Kompliment. Hatte sie doch nicht mit Zuhörern gerechnet.
"Vielen Dank. Mona hat mir das Lied beigebracht.", antwortete sie etwas schüchtern. "Ich nehme an, das kommt auch von ihr?"
Er nickte.
"Deine Vorratsbestellung, neues Werkzeug und Phiolen. Meine Tante hat mir die Bücher noch für dich mitgegeben, da sie dachte, sie könnten dir gefallen."
Das ließ die junge Frau lächeln. Wie lieb von ihr.
"Ich bringe dir die Sachen noch schnell rein.", schlug Benji vor und Anya ging mit ihm hinein.
Staunend sah er sich in ihrem Labor um. All die verschiedenen Gegenstände und Kristalle..Notizen und Zeichnungen an den Wänden..
Magie pulsierte in diesem Raum. Ganz schwach, aber spürbar.
"Störe ich dich auch nicht bei der Arbeit?"
Die Kisten hatte er auf einen freien Platz ihres Tisches gestellt. Anya räumte die Bücher in das Regal.
"Nein nein. Ich hatte eine Pause gemacht. Das Wetter ist so schön.", antwortete sie dem jungen Mann und räumte etwas auf. "Entschuldige das Chaos. Ich bekomme nicht oft Besuch. Nur Patienten und Kunden kommen für gewöhnlich zu mir nachhause."
"Ach, das macht doch nichts. Lass mich dir helfen."
Damit begann auch Benji ein paar Dinge zusammen zu räumen. Kräuter, Pasten, Salben, Tinkturfläschchen, Säckchen, Steine und Kristalle..und ein Notizbuch.
Neugierig nahm er es an sich. Eine beschriebene Seite war aufgeschlagen.
"So wie der Mond die Nacht erhellt, Die Woge des Meeres am Felsen zerschellt...", las er laut und die junge Heilerin schreckte sofort auf bei diesen Zeilen.
Hatte sie es etwa offen liegenlassen?
Sie wirbelte zu Benji herum und trat mit hochrotem Kopf hinter ihn.
"Da-das ist..nur ein Gedankengang von mir..", meinte sie, doch er sah kurz zu ihr auf und las dann weiter.
"So wie der Mond die Nacht erhellt
Die Woge des Meeres am Felsen zerschellt
Trägt mich der Ruf einer Eule
Hinaus in die weite Welt.
Eine Welt erfüllt von Frieden und Licht
Auch allein bin ich dort nicht
Die Eule ist bei mir und führt mich aus Schmerz
Durch Dunkelheit und Kälte zurück zu meinem Herz.
In strahlende Sonne getaucht, wartet er dort
Um mit mir zu verweilen an diesem magischen Ort
Nimmt sanft meine Hand, lächelt mich an und lacht
Ihn je wieder so zu seh'n, hätt' ich beinahe nicht mehr gedacht.
Mit zwei reinsten Citrinen sieht er mich an
Dass auch ich bald wieder lachen kann.
Ich bin bei dir, kleine Nachtigall. Bei Tag und auch bei Nacht.
So gebe ich trotz allem immer auf dich acht.
Sei nicht traurig, Tut dir das Herz auch weh,
Sondern bleib so stark, wie ich dich kenn', bis ich dich wiederseh'."
Der junge Mann sah wieder in ihre Augen. Lächelte leicht.
"Das ist wunderschön, Anya.", lobte er.
Zwei Citrine...
Benjis Augen glichen eher einem dunklen Smaragd. Warum dachte er denn nur noch immer darüber nach? Als ob sie ein solches Gedicht über ihn schreiben würde.
"Vielen Dank. Es ist ein Traum, den ich hatte.", erklärte sie ihm. "Zumindest da kann ich ihn sehen.."
Wie sehr sie ihn vermisste.. Jeden Tag..
"Entschuldige, wenn ich dich damit langweile..", tat sie es dann ab und nahm das Notizbuch an sich.
Sofort protestierte Benji.
"Aber das tust du doch gar nicht! Es ist gut, wenn du redest. Wenn du dich dadurch besser fühlst, höre ich dir stundenlang zu. Ehrlich.", grinste er verlegen und kratzte sich an seinem wuscheligen, braunen, zottelhaarigen Hinterkopf.
Damit brachte er seine Herzdame zum Lächeln.
"Du bist süß. Und ein so guter und treuer Freund."
Autsch. Der hatte gesessen. Doch behielt er sein Lächeln bei und ließ sich nichts anmerken. Ihr zuliebe nahm er jeden Hieb hin. Auch von ihr selbst.
"Ich bin immer für dich da, Anja. Genau wie Mona.", versprach er ihr. "Du tust auch so viel für uns und die Menschen in der Stadt."
Nun nahm sie ihn in ihre Arme. Drückte ihn an sich. Überrascht von dieser Geste und etwas rot um die Nase, legte auch Benji beschützend die Arme um die Heilerin.
"Danke..", flüsterte sie.

He made a decision, he had no choice.
And I held him close, he heared my voice.
And I'll pray we're together, Forever.


Der Winter war über das Land gezogen und tauchte Wiesen, Felder und Wälder in reines Weiß. Noch immer tobte der Krieg. Es gab wieder viel zu tun für die Heilkundigen und Magier der Stadt. So auch für Anya. Wie immer tat sie was sie konnte. Half den Kranken und Verletzten, machte neue Medizin und übte sich in von ihr neu entdeckten Gebieten der Magie. Nur heute ließ sie es bleiben. Die Tür zu ihrem Labor blieb für Kunden geschlossen, denn der Frost hatte sich auch in ihre Knochen gefressen. Dass es nicht wieder so weit kam, wie damals, hatte sich die junge Frau vorgenommen, den Tag zu ruhen. Noch fühlte sie sich nur abgeschlagen und müde und sie würde dafür sorgen, dass es dabei blieb. So genoss Anya ihren Tee und wärmte sich am Feuer mit einer kuscheligen Decke auf. Das sanfte Flackern des Kamins unterstützte ihre Müdigkeit und begleitete sie in einen erholsamen Schlaf...
Sie rannte einen dunklen Gang entlang. Schwarzes Gestein säumte die hohen Wände. Die Hand, die ihre hielt, war zierlich und feingliedrig.
"Nicht mehr weit. Sie sind auf den Angriff fokussiert und werden das Portal nicht beachten.", sprach ihr Gefährte, während er sie durch die Gänge führte.
In einem recht einfachen Raum stand der Spiegel. Ihr Weg in die Sicherheit eines neutralen Territoriums. Doch sie wollte nicht.
"Bitte.. Es muss nicht sein. Ich kann hier bleiben. Bei dir. Mit dir gemeinsam kämpfen.", versuchte sie ihn umzustimmen. "Ich will nicht weg von dir.."
Sanft nahm er ihre Hände in seine.
"Du kannst nicht hier bleiben. Du bist hier nicht sicher, kleine Nachtigall.", wiederholte er.
Doch sie wollte noch immer nicht.
"Wo könnte ich sicherer sein, als an deiner Seite?", fragte sie, den Tränen nahe. "Ich will dich nicht verlieren. Ich will dir helfen. Du bist mein Herz.."
"Und du meines.."
Liebevoll drückte der zierlich gebaute Mann die junge Magierin an sich. Strich ihr über das schwarze Haar.
"Genau deswegen will ich, dass du in Sicherheit bist. Du wirst mich nie verlieren. Das schwöre ich dir. Du hilfst mir am besten, wenn ich weiß, dir kann nichts passieren."
Auch für ihn war es schwer. Das konnte sie spüren. Langsam löste er sich von ihr. Ganz sanft streichelte er ihre Tränen fort und sah sie an. Lächelte so voller Liebe für sie.
"Ich schwöre dir..wenn dieser Krieg vorbei ist, werde ich dich finden und für immer bei dir bleiben. Ich liebe dich. Von ganzer Seele."
"Ich dich auch.. Von ganzem Herzen..", weinte sie und drückte ihn ein letztes Mal fest an sich. "Bitte..sei vorsichtig.."
"Versprochen.."
Um seinen Schwur zu besiegeln, vereinte er ihre Lippen zu einem innigen Kuss. Ihr Herz pochte gegen seine Brust.
"Ich finde dich. Vertraue darauf, dass ich immer zu dir zurück komme.", flüsterte er, als sie sich nach ein paar Minuten wieder lösten. "Immer."
Sanft küsste er ihre Stirn, als sei sie das kostbarste Gut.
"Immer.."
"Zeigst du mir noch einmal dein Lächeln?", fragte er sie, doch sie konnte nicht. "Erinnere dich an den Ball vor vier Jahren. Wie wir beide getanzt haben.. Der Balkon.."
Das tat sie. Lächelte nun doch. Es war ihr erster Kuss gewesen. Damals hatten sie sich ihre Gefühle gestanden.
"Danke. Das gibt mir die Kraft für alles, was noch kommen mag.", lächelte er mit seinem strahlenden Lächeln. "Jetzt geh. Bevor es jemandem auffällt, dass wir hier sind."
Das Portal war bereits aktiviert. Den Blick auf ihren Gefährten gerichtet, ging sie rückwärts darauf zu. Hielt so lange seine Hand, bis sein Bild vor ihren Augen verschwamm. Sie war in Sicherheit. Doch er..
"Mylady? Wo kommt ihr denn her?"
Ein Teil von ihr war fort. Und sie wusste nicht, für wie lange das sein sollte.
"Mylady? Mylady!"
Ein lautes Klopfen an ihrer Tür weckte Anya auf.
"Mylady! Seid ihr zuhause?", ertönte von draußen die Stimme eines Mannes. "Meine Tochter braucht eure Medizin..!"
Langsam stand sie auf und öffnete ihm.
"Verzeiht die Störung, aber meine Tochter hat hohes Fieber bekommen und wir bekommen es nicht wieder herunter.", erklärte der Mann besorgt.
Anya ließ ihn ein und schloss fröstelnd die Tür.
"Ich habe fiebersenkende Medizin hier. Nur bin ich selbst gerade nicht in der Lage, einen Patienten zu behandeln. Ich hoffe, ihr versteht das."
Sie holte aus einem der Schränke ein Fläschchen und reichte es dem Mann.
"In dem Fall empfehle ich euch, ihr die Medizin zu geben und im Kräutergeschäft der Innenstadt nach Mona zu fragen. Sie wird sich gut um eure Tochter kümmern. Das garantiere ich euch. Sagt ihr, das ich euch geschickt habe."
Dankend nahm er die Medizin an. Eine Bezahlung lehnte Anya strikt ab. Wünschte dem Mädchen nur eine gute Besserung.
Nachdem sie wieder allein war, zog sich die junge Magierin wieder ans Feuer zurück. Kuschelte sich wieder ein.
"Immer.. Immer wirst du zu mir zurück kommen..", murmelte sie und schloss dann erneut die Augen, um sich weiter auszuruhen.

Take a deep breath. Go for a walk.
I wish you were here, 'cause we've got to talk.
I can't keep it inside.
I have to shout it out loud;
All of the things I couldn't live without.    
And I'm hidin' my heart, and I'm sealing my soul,
And I'm gasping for air 'cause he's given it all,


Wie so oft an diesem Tag, kam Anya gerade von einem Hausbesuch. Der letzte für heute, wenn nichts dazwischen kam. Sie hatte ein ungutes Gefühl. So wie, wenn ein Sturm aufziehen würde. Auf dem Weg zu Mona und Benji, lief sie über den Marktplatz, als sie ein vertrautes Gesicht an sich vorbeihuschen sah. Anya blieb verwundert stehen und drehte sich um.
"Heather?", sprach sie den Namen ihrer Kindheitsfreundin aus und die junge Frau drehte sich um. Musterte sie.
"Tinuviêl!", rief sie aus und kam freudig auf sie zu gestürmt. "Wie geht es dir? Was machst du hier? Wir haben uns ja ewig nicht gesehen!"
Überrascht drückte die Heilerin Heather an sich. Sie war noch immer so energiegeladen, wie früher.
"Mir geht es den Umständen entsprechend gut. Aber bitte nenn mich Anya. Ich lebe hier als Heilerin, um den Menschen zu helfen.", erklärte sie ihrer Freundin und löste die Umarmung.
Verständnislos war der Blick der gleichaltrigen Dämonin. Sie half den Menschen?
"Du arbeitest für sie? Das glaube ich nicht. Was ist mit deiner Familie? Sie kämpft im Krieg!", warf sie empört ein.
Doch sehr über diese Reaktion überrascht, nickte Anya.
"Ich lebe hier und helfe, wo ich kann. Gowther hat mich hier hergeschickt, dass ich in Sicherheit bin. Wie man es mit di-"
"Es?! Dieses Ding hat dich fortgebracht?!"
Heather war ihr ins Wort gefallen.
"Dass du immer noch so an ihm hängst.. Ich dachte, das sei nur so eine Phase."
Früher hatte sie nichts gesagt. Um ihrer Freundschaft Willen. Aber jetzt schon. Es war ihr schon damals ein Dorn im Auge, dass sie für ihn alles tat. Ihn sogar vor dem König und den Prinzen in Schutz nahm.
"Eine Phase? Ich liebe ihn. Ich dachte, zumindest du würdest das verstehen. Als meine Freundin.", kam es als Antwort und grummelnd fuhr Anya fort. "Und fang du nicht auch noch an mit Ding.."
"Aber das ist er doch! Ein Ding..eine Marionette.. Das müsstest du am besten wissen.", meinte sie mit Abscheu in der Stimme. "Außerdem hörte ich, dass er tot ist."
"Was..?"
Völlig starr blickte die Heilerin in die dunklen Augen ihrer Freundin. Diesen Satz von ihr zu hören, glich einer Klinge, die ihr Herz durchbohrte.
"Ja. Im Krieg gefallen. Wenigstens hat er so seinen Dienst als Waffe erfüllt.", fuhr die Dämonin fort.
"Du lügst!"
Anya wollte das nicht glauben. Er sollte tot sein? Das konnte nicht sein. Er hatte ihr doch versprochen, zu ihr zurück zu kommen.
"Nein..nein nein..das ist nicht wahr!!", beharrte sie und Heather packte sie an den Schultern.
"Tu ich nicht. Ich sage dir nur, was ich gehört habe. Schließe mit ihm und den Menschen ab und besinne dich auf deine Familie!"
Anya riss sich von ihr los. Wie konnte sie sich nur so verändern? Tief verletzt sah sie sie an.
"Meine Familie ist er. Und die Menschen, die mich hier aufgenommen haben.", sprach sie voller Überzeugung, wendete sich von Heather ab und lief durch die Menge, auf die Stadtgrenze zu.
Ihre alte Freundin sah ihr nur nach.
Sie braucht sicher nur Zeit, um darüber hinwegzukommen, dachte sie sich, sie wird schon zurückkommen. So setzte sie ihren Weg zum Wald fort.
Anya rang mit ihren Gefühlen. Stimmte es etwa, was sie zu ihr sagte? War er wirklich tot? Sie musste es wissen. Aber wie?
"Bitte.. Zeig mir, dass du noch lebst.. Nur ein Zeichen..", sprach sie in den Wind. "Ich habe solche Angst, dass ich dich niemals wiedersehe..mein Herz.."
Sie schloss die Augen und lauschte. Doch keinerlei Antwort war zu hören. Natürlich nicht..
Er war weit weg. Hörte ihre Rufe nicht.
"Ich will nicht glauben, dass du tot bist.. Du hast es mir versprochen.."
Wieder Stille. Einige Momente blieb sie dort am Rande der Stadt. Sprach ihre Sorgen und Ängste in den kalten Wind. Doch dann überkam Anya ein Gefühl, als tauchte man sie in einen unheilvollen Schatten.
"Dein Püppchen wird nicht kommen, kleiner Dämmervogel.", hallte die dunkle Stimme wie Donner über das Land. "Ich werde dafür sorgen. Glaube mir. Genau, wie wir dir die Strafe für deinen Verrat an uns beiden demonstrieren!"
Ein Schatten legte sich über die Stadt. Tauchte sie in eine Welle dunkler Magie.
"Nein! Nicht! Sie haben euch nichts getan!", rief sie aus.
Sie wollten ihren Zorn an den Menschen dieser Stadt auslassen. Das durfte sie nicht zulassen.
"Ach..nicht?", ertönte die gellende Stimme der großen Göttin. "Sie haben dich vor uns verborgen und dir deine Bestimmung geraubt. Dich zu einem Menschen gemacht! Sollen sie sehen, was sie nun davon haben."
Damit begann ein Gewittersturm auf die Stadt der Magier einzuprasseln. Erste Schreie waren zu hören. Gebäude stürzten ein.
"Nein! Mona..Benji!"
Panisch vor Angst flog Anya in die Stadt hinein. Sie durfte die beiden nicht auch noch verlieren. Nicht sie. Waren sie doch das einzige, das sie noch Familie nennen konnte. Die Straßen kannte sie gut. So fand sie auch schließlich das Kräutergeschäft der Familie. Um sie herum liefen die Menschen wild durcheinander. Schrien und riefen um Hilfe. Kinder weinten. Als sie hineinkam, stieß sie auch schon auf die beiden. Drückte sie fest an sich.
"Euch geht es gut.. Ein Glück.."
Mona sah durch die Fenster nach draußen.
"Kind, was ist da draußen los?", fragte sie die Heilerin, als ein düsterer Nebel langsam durch die Straßen waberte. "Ein Sturm?"
Anya schüttelte den Kopf, als sie auch kurz schaute, ob sie verletzt war.
"Nein. Wir werden angegriffen. Wir müssen sofort hier weg! Raus aus der Stadt!", appellierte die Magierin mit Nachdruck und versteckte ihr Tagebuch in ihrer Manteltasche.
Sie würde es nicht hierlassen. Dafür bedeutete es ihr zu viel.
Vorsichtig ging Benji zur Eingangstür.
"Was ist das?", fragte er, als sich der Nebel auf dem Hauptplatz ausbreitete und die Menschen reihenweise auf die Knie sackten.
Alarmiert sah Anya dem Geschehen zu. Das war das Werk des Dämonenkönigs.
"Benji nicht!!", versuchte sie ihn aufzuhalten, doch hatte er die Tür bereits geöffnet.
Schnell sprach sie einen einfachen Luftblasenzauber auf sie drei, ehe der junge Mann ebenfalls hustend auf die Knie sackte. Dieser Nebel brachte jedem, der ihn einatmete den Tod. So half sie ihm auf. Sie mussten so schnell es ging fort.
"Mona komm! Wir werden ihm helfen müssen!", rief sie hinter sich und die Kräuterfrau griff ihrem Neffen unter den anderen Arm.
Gemeinsam liefen sie durch die Gassen. Trümmer lagen bereits überall verstreut. Kalter Wind wehte den Nebel auf, während Blitze unaufhörlich auf die Gebäude niederprasselten.
Benji wurde zunehmend schwerer, doch mussten sie weiter. Wenn sie stehenblieben, wäre das ihr Tod. Benommen führte Anya die beiden die Straßen entlang auf den Stadtrand zu. Dort wären sie in Sicherheit. Kurz schüttelte sie ihren Kopf. Hatte sie etwa auch davon eingeatmet? Besorgt sah sie zu Mona. Ihr schien es zum Glück gut zu gehen. Sie hatte etwas weiter weg von der Tür gestanden, als sie.
"Wir..sind glei-"
Der junge Mann sackte endgültig auf die Knie und zog die beiden Damen mit sich.
"Komm schon! Nur noch ein Stück, Benji! Du schaffst das..musst es schaffen..", versuchte die Magierin, ihn zu animieren und hievte ihn hoch. Doch half das nichts.
Kraftlos ließ er sich zu Boden gleiten. Das Gift wirkte immer mehr. Sog jegliches Leben aus ihm heraus. So sah er keuchend zu der jungen Frau auf, die ihn in ihren Armen hielt. Lächelte schwach.
"Du weißt..dass ich es nicht mehr schaffe..", brachte er hervor und Anya schüttelte den Kopf.
"Nein.. Du kommst mit uns.. Bitte.."
Ein Blitz traf in das Gebäude, neben denen sie verweilten und brach auf sie hinunter. Im letzten Moment hielt sie die Trümmer über ihnen auf. Doch bohrte sich das Bruchstück eines Holzbalkens in die Seite der älteren Dame. Zwang sie zu Boden. Der Schutzwall hatte Mona nicht eingeschlossen. Erschrocken sah Anya zu ihr zurück, ehe Benji eine Hand an ihre Wange legte.
"Anya..mit der Stimme eines Engels.. Ich wollte dich immer beschützen.. Dich..glücklich machen..obwohl ich das nicht kann.. Jetzt bitte ich dich.. Lass mich hier und geh.. Bring dich und Mona..in Sicherheit.."
Sein Blick war von Liebe erfüllt. Liebe, die Anya nie bemerkt hatte. Sah sie doch immer nur einen Freund in ihm.
"Es tut mir Leid, Benji..", hauchte sie traurig und schenkte dem Jungen zum Abschied einen Kuss voller Respekt und Dankbarkeit. "Ich werde dich nicht vergessen.. Versprochen."
Ein letztes zufriedenes Lächeln lag auf seinem Gesicht, ehe er die Augen schloss. Seine Tante konnte die Tränen nicht zurückhalten.
"Ben.. Mein tapferer kleiner Ben..", weinte sie, als Anya seinen Körper an sich drückte und schließlich sanft ablegte.
Er hatte recht. Sie mussten weiter. Mona war verletzt. Vorsichtig half sie ihr auf. Blut quoll unaufhörlich aus der Wunde.
"Komm. Es ist nicht mehr weit.", animierte sie die Frau und stützte sie so gut es ging. Half ihr aus der Gefahrenzone hinaus, über die Hügel, zu einer Höhle. Dort löste sie auch den Zauber.
Die Höhle verschwamm leicht vor den Augen der Heilerin. Sie fühlte sich, als wäre jeder ihrer Gedanken in schweren Nebel gehüllt. Trotzdem kümmerte sich Anya fürsorglich um die ältere Dame, die ihr die letzten Jahre wie eine Mutter war. Entzündete ein magisches Feuer, um sie vor der Kälte zu schützen. Sah sich dann ihre Wunde an. Sie war tief. Zu tief, als dass sie mit den ihr zur Verfügung stehenden Mitteln etwas für sie tun könnte.
"Anya..Kind..", sprach die Frau sanft und ergriff ihre zitternden Hände. "Dir geht es nicht gut. Komm an meine Seite.. Ruh dich aus.."
Sie hatte längst erkannt, dass sie nicht mehr lange an der Seite der jungen Frau bleiben konnte.
"Du hast gut Reden..", weinte Anya. "Selbst jetzt noch versuchst du, mich zu beschützen.."
Doch tat sie ihr diesen Gefallen und kuschelte sich an sie ran. Weinte in den Stoff ihres Gewands. Sie würde sie auch bald verlassen. Dann wäre sie allein.
"Bitte..geh nicht weg.. Lass mich nicht allein..", schluchzte die Magierin an ihrer Seite und Mona streichelte ihr beruhigend über das schwarze Haar.
"Ich bin immer bei dir, kleines.", versprach sie ihr. "Egal, was passiert.. Ich werde immer bei dir sein."
Eine Weile blieben sie so. Der giftige Nebel entfaltete auch bei Anya seine Wirkung. Wenn auch nicht so sehr, wie bei den anderen. Er zehrte an jedem Fünkchen Kraft, die sie noch hatte. Schwindel erfasste die junge Frau. Trotzdem gab sie nicht nach und blieb wach. Mona brauchte sie. Und sie würde alles versuchen. Für sie. So löste sie sich noch einmal von ihr und nahm all ihre Kräfte zusammen.
"Anya..?", fragte sie leise und sah zu der Magierin auf, als sich ein helles Licht in der Höhle ausbreitete. "Was..tust du?"
Die Augen geschlossen, konzentrierte sich die Heilerin auf ihr inneres Licht. Das, welches ihr ihre leibliche Mutter bereits vor ihrer Geburt vererbt hatte. Sowie die Finsternis ihres Vaters. Mit diesem Licht versuchte sie, das einzig verbliebene zu tun, das ihr noch einfiel, um Mona zu retten. Bei Eli hatte sie es oft gesehen. Die Heilkräfte der Göttinnen. So breitete Anya die Hände über der tödlichen Wunde aus und versuchte es. Dieser Kampfgeist ließ die Kräuterfrau stolz lächeln.
"Ich wusste immer..dass du etwas besonderes bist..", sprach sie ebenso stolz.
Anya aber verzweifelte nur noch mehr. Es wollte nicht funktionieren. Die Wunde schloss sich einfach nicht.
"Komm schon..! Bitte..! Heile doch endlich..!", bat sie angestrengt.
Über Licht, sowie Dunkelheit zu verfügen, war ein großer Segen. Doch in diesem Moment empfand sie es als Fluch, denn wer sich schwarzer Magie bediente oder damit geboren war, konnte keine Heilmagie nutzen. Ihre letzte Hoffnung..war ein Fehlschlag.
Langsam erlosch das Licht wieder. Die Wunde noch immer verheerend. Sie konnte es nicht. Erschöpft sank Anya neben der im Sterben liegenden Frau zu Boden. Atmete schwer.
"..es tut..mir so leid...", weinte sie, als sie die liebevolle Berührung an ihrer Wange spürte.
Es war Mona.
"Shh...kleines..", sprach sie sanft. "Du hast alles getan, was du konntest. Es ist nicht deine Schuld.."
Schwach drückte sie sie ein letztes Mal an sich. Wollte ihr so zeigen, dass sie bei ihr blieb.
"Du bist ein so starkes Mädchen, Anya.. Hübsch und klug..mit einem reinen Herz.. Ich weiß, dass du eines Tages großes vollbringen wirst.. Gib die Hoffnung nicht auf, dass du deine Liebe wiederfindest.."
"Ich hab dich lieb, Mona.. Euch beide..", kam es unter Tränen als Antwort und sie lächelte.
"Ich dich auch, meine kleine.. Jetzt ruh dich aus..dass du mir, wenn du aufwachst, unser Lied singen kannst..."
Monas Griff lockerte sich und die junge Heilerin kuschelte sich enger an sie, als könnte sie so verhindern, dass sie ging. Ein letztes Mal sog sie ihren vertrauten Duft nach Kräutern und Tee ein, ehe sie der Erschöpfung und dem Gift nachgab und in einen unruhigen Schlaf sank.

Der nächste Morgen war ebenso kalt und grau, wie der Abend zuvor. Träge öffnete Anya ihre Augen. Die Nacht hatte sie ein letztes Mal in den Armen der Person gelegen, die sie wie eine Tochter behandelt hatte. Nun war jegliche Wärme aus ihnen verschwunden. Noch immer erschöpft, richtete sie sich auf. Sie fühlte sich abgestumpft. Hohl. Nur erfüllt von innerer Leere..und Schuld. Wegen ihr hatten sie die Stadt angegriffen. Weil sie ihre Eltern verraten hatte, mussten Benji und Mona und all die anderen sterben.
Wie ferngesteuert, stand sie auf und ließ den leblosen Körper der Kräuterfrau aus der Höhle schweben. Sie hatte es ihr versprochen. Das war sie ihr schuldig. So nahm Anya die magische Flamme mit hinaus und übergab damit Monas Hülle den Elementen. Sang dabei das Lied, das sie sie gelehrt hatte.
"Mona.. Ich hoffe, dass dich meine Worte erreichen..", sprach sie tonlos, aber dennoch traurig. Weinen konnte sie nicht mehr. Als wäre mit ihrem Tod auch ein Teil von ihr selbst gestorben. Sie sah nur kalt in die lodernden Flammen. Die Worte ihres Herzens.. Anyas letzte Worte an sie..formten sich wie ein magischer Vogel.
"Eine Stimme so sanft und voller Herz. Ein Lächeln, bei dem jede Träne versiegt. Wann immer du da warst, verging mein Schmerz. Die Gewissheit kam, dass die Liebe bald siegt.
Mit großmütterlicher Fürsorge und Geborgenheit, gabst du mir Trost und Rat an meiner Seite. Ich wusste, bei dir bin ich in Sicherheit. Du lehrtest mich, dass der Ruf meines Herzens mich leite.
Beschützt hast du mich in größter Not. Bis zum Schluss warst du für mich da. Bewahren konnte ich dich nicht vor dem Tod, doch bleibt die Erinnerung an dich für immer kostbar."
Der Wind trug ihre Worte hinaus. Und wer wusste es schon? Vielleicht auch zu ihr.
Die junge Frau wachte über das Feuer, bis es erloschen war. Dann ging sie los. Allein. Ohne Ziel. Nur weg von alldem. Zurück konnte sie nicht. Selbst wenn sie wollte, tobte noch immer der todbringende Sturm über der Stadt, die ihr so lange ein Heim war. Stur einen Schritt vor den anderen setzend, lief sie einfach wohin sie ihre Füße trugen. Nur den Mantel und ihr Notizbuch bei sich.

And he wants to wake up from the dream he's been in,
And start it all over so we can really...


"Nein!!", rief er entsetzt aus, als er hörte, was der König tun wollte und eilte an den Wachen vorbei zum Thronsaal.
Das konnte er nicht tun. Das war zu schrecklich. Es könnte ihr den Tod bringen. Die Wachposten versperrten ihm den Weg, doch er musste das unterbinden. Sie sollte in Sicherheit sein. Deswegen hatte er sie doch fortgebracht. So machte er sich mit seinen eigenen Mitteln den Weg frei und stürmte in den Saal.
"Hört auf!! Ich bitte euch!! Lasst sie in Ruhe!!", bat der zierliche Mann den dunklen König, der von einem leuchtenden Kristall zu ihm blickte, als wäre er ein lästiges Insekt.
"Du! Du hast kein Recht, deine Stimme zu erheben. Das hier hat dich nicht im geringsten zu interessieren.", polterte die gebieterische Stimme.
Die Wachen kamen wieder zu sich und machten ihren Fehler wieder gut, indem sie den Eindringling packten und zu Boden drückten. Doch er gab nicht nach.
"Ich bitte euch.. Nicht sie! Sie ist eure Tochter!", flehte er weiter um Gnade für die Frau, die er liebte. Mit seinem ganzen Sein.
"Was ihren Verrat umso schlimmer macht. Du trägst die Mitschuld an diesem Desaster. Du..genau, wie diese wertlosen Menschen..hast sie vor uns verborgen. Nun trage auch du die Konsequenzen für dein Handeln. Ihre Gefühle für dich sind eine Schande, die sich unweigerlich auch auf mich überträgt. Die Tochter des Dämonenkönigs.. Vernarrt in eine Puppe, die als Werkzeug zum Dienen erschaffen wurde!"
Verzweifelt senkte der Magentahaarige seinen Kopf. Kniete vor diesem mächtigen Mann in völliger Untergebenheit. Sah und hörte er doch durch den Kristall, was in dieser Stadt vor sich ging. Wie die Menschen vor Angst schrien, um Gnade flehten.. So wie er gerade.
"Ich flehe euch an! Ich wollte sie beschützen! Lasst mich zu ihr..mit ihr sprechen.."
"Schweig!!", unterbrach ihn der König voller Zorn. "Du wirst sie niemals wiedersehen, Gowther! Selbstlosigkeit der Zehn Gebote. Geh mir aus den Augen und denke in Ruhe über deine Taten nach. Vielleicht vergebe ich dir irgendwann deine Frechheit."
Immerhin war er für ihre Kriegspläne unersetzlich. Selbst er konnte in seinem Zorn noch daran denken, was wichtig war.
Dem konnte der weibliche Mann nichts mehr entgegensetzen. Wortlos und ohne Widerstand ließ er sich von den Wachen mitschleifen und in die Verwahrräume bringen. Still blieb er dort auf dem steinernen Boden liegen. Tränen rannen seine Wangen hinab.
"Tinuviêl...", schluchzte er leise in der Dunkelheit.
Ob sie das überlebt hatte? Oh wie sehr er es hoffte.. Doch trotzdem..konnte er das Gefühl nicht abschütteln, dass ein Teil von ihm fort war.
Besagte stapfte nun immer weiter durch den Schnee. Der eisige Wind zerrte an ihrem Mantel.
Wie lange lief sie schon? Stunden? Tage? Vielleicht Wochen? Sie wusste es nicht. Hatte jegliches Gefühl für Zeit und Raum verloren. Wusste nicht, wo sie war. Sie lief einfach weiter. Auch wenn die Kälte unerbittlich an ihren Kräften zehrte. Sie am ganzen Leib zittern ließ.
Wie sehnte sie sich nun nach Monas Umarmung..oder ihrem warmen Tee.. Dem Kakao, der ihr Gefährte stets für sie machte. Seiner Wärme.. Doch gab es nichts, als Eis und Schnee, wohin sie auch blickte. Das Knurren ihres leeren Magens übertönte beinahe das Pfeifen des Windes, der unaufhörlich den Schnee um sie herum peitschte. Die junge Heilerin war müde von ihrem aussichtslosen Kampf, doch tat sie beharrlich einen Fuß vor den anderen. Irgendwo musste es doch ein Ende geben. Eine Hütte, ein Dorf oder auch nur einen Wald, der etwas vor dem Wind schützte. Immer weiter. Nur nicht stehenbleiben. Sonst wäre alles umsonst. Doch war die junge Frau am Ende ihrer Kräfte angelangt. Ergab sich der Kälte und sank zu Boden. Sie konnte einfach nicht mehr weiter. Wozu auch? Alle, die ihr etwas bedeuteten waren tot oder für immer fort. So schloss sie müde die Augen.

begin making it, we'll make it better;
Better than it was before.
And lines could bring us close together
So I won't be lonely no more.


Genau zur rechten Zeit spürte ihr Gefährte ihre Not. Richtete sich in der Dunkelheit auf. Sie brauchte ihn. Mehr denn je. So setzte er sich über die Befehle hinweg und konzentrierte sich ganz auf sie. Tastete nach ihr. Ein Frösteln stieg in ihm hoch, als er sie schließlich fand. Entsetzt sah er auf sie hinunter. Ihr Körper, von einer schimmernden Schneeschicht bedeckt, war schwach. Ihr Puls bedrohlich niedrig. Sie brauchte so schnell wie nur irgend möglich Wärme. Sonst würde er sie für immer verlieren. Nie könnte er sich das verzeihen.
"Tinuviêl! Öffne deine Augen.. Bitte!", flehte er sie an. "Du musst von hier weg. So schnell, wie möglich.."
Zu seiner Erleichterung tat sie es. Sah zu seiner durchscheinenden Gestalt auf und lächelte müde.
"Mein Herz... Bist du hier..um mich abzuholen..?", fragte sie leise. Ihre Stimme ebenso kraftlos, wie ihr Körper. Sie hatte jegliche Hoffnung verloren. Wenn der Augenblick gekommen war, so war sie bereit dafür. Dadurch war sie immerhin wieder bei ihm.
"Ich bin nicht tot. Aber du wirst es sein, wenn du nicht aufstehst..!", erklärte er ihr voller Angst um sie. "Ich bitte dich! Du musst leben! Für mich.."
Sanft wie ein warmer Windhauch strich seine Hand über ihre kalte Wange. Er wollte ihr aufhelfen, aber konnte es nicht. Ihm blieb nur, die junge Heilerin weiter zu animieren.
"Du..lebst..?", kam es mit einem Hoffnungsschimmer als Antwort. "Das ist zu schön..um wahr zu sein.."
"Ich lebe.", bestätigte der fein gebaute Mann und legte alle Überzeugungskraft und Wärme in seine Worte. "Bleib bei dir, mein Herz. Ich komme und finde dich. Egal, wo du auch sein magst. Gib die Hoffnung nicht auf, denn ich tu es auch nicht. Nie. Weil ich dich liebe."
Anya hob den Kopf. Stemmte sich ächzend vom kalten Boden auf. Er hatte Recht. Sie musste weiter. Aber wohin?
"Gut so.. Du schaffst das. Ich weiß es. Meine tapfere Tinuviêl..", lächelte Gowther. "Es ist nicht mehr weit. Hinter diesem Hügel ist eine Stadt. Dort bist du in Sicherheit. Ich bin bei dir.."
"..Immer..", beendete die Magierin ihr Versprechen und schleppte sich den Hügel hinauf.
Wie er gesagt hatte, befand sich dort eine Stadt.
"Immer.", wiederholte ihr Gefährte sanft. "Vertraue darauf, dass ich zu dir finde. Egal, was geschieht."
Er musste wieder gehen. So schwer es auch war. Wenn man ihn erwischte, hätte das schwere Folgen für sie beide. Sanft küsste er ihre Stirn. Sie war so unendlich kalt.. Dann kam er zurück.
Sie lebte. Und sie würde es auch weiter tun, bis sie sich wiedersehen konnten. Diese Hoffnung ließ ihn von Herzen lächeln und gab ihm die Kraft für alles weitere. Sein Erschaffer hatte einen Plan. Bis dahin würde es noch Zeit brauchen, aber es würde den Krieg ein für alle mal beenden. Da war er sich sicher. So lange musste er den Gehorsamen spielen. Für eine friedliche Zukunft.
Anya spürte die leichte Wärme, die ihr der Kuss bereitete und stolperte unbeholfen den Hügel hinab zum Rande der Stadt, die ihr die Wärme geben würde, die ihr Körper so dringend brauchte. Bis zum Tor schaffte sie es, ehe sie Dunkelheit umfing.
"Da! Seht! Da kommt jemand aus dem Schnee!", rief ein Mann alarmiert und kam zu ihr geeilt. "Holt ein Paar Decken und gebt den Heilern Bescheid! Sie muss komplett durchgefroren sein."
Schon waren sie unterwegs und taten, was er verlangte. Ein anderer brachte eine warme Wolldecke und wickelte die junge Frau darin ein. Hob ihren schwachen Körper auf seine Arme. Dann eilte er mit ihr zur Krankenstation. Die ersehnte Wärme ließ den funkelnden Schnee in ihrem schwarzen Haar schmelzen, als man Anya zu einem der Betten brachte, um sie schnellstmöglich zu versorgen.
Sie war in Sicherheit. Und ihr Herz war am Leben. Für ihn wollte sie das ebenso tun. Leben. Dass er sein Versprechen halten konnte.

Pretending it doesn't matter
Could help me pass the time
Make-Believe he'll hide forever!
This is real life!


Sie blinzelte gegen das Licht. Ihr Kopf fühlte sich schwammig an. Ihr Körper war in weiche Decken gehüllt, die ihr Wärme spendeten. Aber wo war sie? Vorsichtig wollte sie den Kopf heben, doch es gelang ihr nicht. Die junge Frau konnte sich kaum bewegen.
Einer der Heiler wurde auf sie aufmerksam und trat zu ihr ans Bett. Lächelte.
"Wie schön. Du bist endlich wach.", sprach der alte Mann freundlich. "Wir hatten Sorge, dass du zu schwach sein könntest. Sagst du mir deinen Namen?"
Die junge Magierin sah zu ihm auf.
"Anya..", antwortete sie leise. "Wo..bin ich? Was ist passiert?"
Der Heiler nickte und schenkte etwas kräftigenden Kräutertee in einen Becher.
"Anya. Ein schöner Name."
Er reichte ihr das wärmende Getränk an.
"Die Wachposten am Osttor haben dich vor zwei Tagen gefunden. Du bist ganz allein in dieser Eiseskälte umher gelaufen und wärst beinahe erfroren.", erklärte er ihr, während sie trank. "Du bist hier in der Stadt Longdale. Also in Sicherheit."
"Longdale..", wiederholte Anya, als er ihren Kopf sanft wieder ablegte.
"Wie fühlst du dich? Hast du noch Schmerzen?", fragte er seine Patientin und prüfte ihre Stirn.
Die junge Frau erinnerte sich dunkel. Die unerträgliche Kälte, die ihr jegliche Kraft geraubt hatte..der Schnee und der Wind..Die durchscheinende Gestalt ihres Gefährten, die ihr neuen Lebensmut schenkte. Gerade genug, dass sie es bis hier her schaffte. Seine Worte.. Sie waren noch immer so klar. Gaben ihr ein Gefühl der Hoffnung. Er lebte und würde zu ihr zurückkommen. Egal, wie lange es dauerte. Anya vertraute darauf.
"Ein wenig.", gab sie zu. "Ich kann mich nicht bewegen. Ist das..noch wegen der Unterkühlung?"
Er nahm die Hand wieder von ihrer Stirn und nickte. Fieber hatte sie keins bekommen. Ihre Temperatur war wieder im Normalbereich.
"Nein. Das kommt wahrscheinlich von deinem Marsch durch den Schnee. Du hattest nichts bei dir, außer einen völlig durchnässten Mantel und ein Buch. Weißt du, wie lange du unterwegs warst?"
Leicht schüttelte sie den Kopf.
"Ich hatte kein Zeitgefühl..noch wusste ich, wohin ich ging.. Nur, dass ich weg von allem musste..", erklärte sie weiter. "Dort..konnte ich nicht bleiben.."
Der alte Heiler tastete nach ihrem Puls. Er war bereits deutlich kräftiger. Wenn auch noch immer schwächer, als der einer gesunden Person. Sie würde noch eine Weile bleiben müssen.
"Weg von allem..", wiederholte der Mann nachdenklich und sah sie an. "Sag..du kamst von Osten. Dort liegt eine große Stadt, die dieser sehr ähnlich ist. Mir sind Gerüchte zu Ohren gekommen, dass sie zerstört wurde. Kommst du vielleicht von dort?"
Die junge Frau erstarrte. Bilder blitzten vor ihr auf. Schreckliche Bilder. Helle Blitze. Brennende Gebäude. Panische Schreie. Dunkler Nebel...
Dazu die donnernden Stimmen und lächelnde Gesichter.
Anya mit der Stimme eines Engels.. Ich bitte dich..lass mich hier und geh....
Ich werde immer bei dir sein, kleines....

"Mona.. Benji.."
Ihr Herz raste vor Angst.
"Sie sind tot.. Alle.. Ich konnte nichts tun.. Ich-", erklärte sie verzweifelt und der Heilkundige versuchte, sie zu beruhigen.
"Shh... Ganz ruhig. Du bist jetzt in Sicherheit.", sprach er sanft und legte behutsam eine Hand über ihr wild pochendes Herz. "Dir wird nichts geschehen.. Ich wollte dich nicht aufregen. Verzeih mir."
Er schien mit seiner Vermutung richtig zu liegen. Doch war es zu früh, um sie weiter darauf anzusprechen. Erst einmal musste sie wieder zu Kräften kommen. Das hatte oberste Priorität.
Langsam beruhigte sie sich wieder. Atmete tief durch, während die Bilder und die Schreie wieder verblassten.
"Jetzt, wo du wach bist, solltest du dringend etwas festes zu dir nehmen. Wer weiß, wie lange du da draußen warst.", riet ihr der alte. "Ich hole dir etwas aus der Küche. Warte nur einen Moment."
Anya nickte und sah ihm nach. Die Medizin, die man ihr gab, begann allmählich zu wirken und vorsichtig hob sie ihre Hand unter der Decke hervor. Betrachtete den Ärmel des hellen Leinenhemdes, das man ihr wohl übergezogen hatte, nachdem man sie aus ihrer durchnässten Kleidung holte. Bei der Aussicht auf Essen knurrte ihr Magen. Wie lange sie wohl tatsächlich ohne Nahrung und Wasser durch die Gegend irrte?
Der Heiler, der mit einem Teller voll gut bestückter Brote zu ihr zurück kam, lächelte zufrieden, als er sah, wie sich Anya langsam im Bett aufrichtete.
"Gut. Sieht so aus, als würden sich deine Kräfte wieder stabilisieren.", sprach er und stellte den Teller auf den Nachttisch, um ihr zu helfen und eine weitere Decke um die Schultern zu legen. Dann reichte er ihr den Teller, welchen die junge Frau dankend entgegen nahm. Gierig verschlang sie die ersten zwei und wurde dann gemächlicher.
"Langsam, Kind. Wenn du noch möchtest, kann ich dir noch welches holen.", ermahnte sie der Mann. "Ein gesunder Appetit ist ein gutes Zeichen dafür, dass du deinen Lebensmut da draußen nicht verloren hast."
Ob Anyas Körper nur wegen der Erschöpfung die Nahrung brauchte, oder ob sie tatsächlich mehrere Tage ohne Nahrung umhergeirrt war, konnte er nur schwer sagen. Auf jeden Fall erschien sie ihm in diesem Moment wie ein ausgehungertes Kätzchen. So reichte er ihr noch etwas von dem stärkenden Tee.
"Habt vielen Dank..", begann die junge Frau und stockte.
"Treoraí.", stellte er sich vor und schmunzelte leicht. "Die Leute nennen mich auch den Traumzauberer. Wegen meiner Fähigkeit, jeden in einen behüteten und erholsamen Traum zu schicken."
Anya trank ihren Tee aus und lächelte leicht. Diese Art der Magie war der ihres Gefährten sehr ähnlich.
"Natürlich tue ich das nur, wenn es erforderlich ist, oder ich darum gebeten werde.", versicherte der Heiler und sah auf den leeren Teller. "Möchtest du noch etwas?"
Seine Patientin schüttelte den Kopf.
"Nein danke. Es wäre nicht gut, wenn ich es übertreibe. Ich sollte warten. Die stärkenden Kräuter und die Medizin, die ihr mir wohl gabt, sollten fürs erste reichen."
Das ließ Treoraí überrascht drein blicken.
"Bist du selbst eine Heilkundige? Ich habe nichts von der Wirkung des Tees erwähnt."
Zaghaft nickte Anya und sah traurig zur Seite. Hatte sie Mona doch trotzdem nicht retten können..
"Nun vielleicht können wir deine Hilfe gut gebrauchen, wenn du wieder vollständig genesen bist und dich eingelebt hast. Vorausgesetzt, du bleibst hier.", schlug er vor und sie stimmte zu.
So könnte sie weiter den Menschen helfen, die ihre Hilfe brauchten. So wie sie nun ihre benötigte.
"Jetzt habe ich dich aber genug gestört.", sprach der alte Heiler zu der Magierin. "Ruh dich noch etwas aus, dass du wieder gesund wirst."
Als er im Begriff war, aufzustehen, hielt sie ihn jedoch zurück. Fragte nach ihren Sachen. Treoraí nickte und ging sie holen. Brachte ihr violettes Wollkleid, den bestickten Mantel und das Buch sorgsam gestapelt und offensichtlich gewaschen zu ihr. Die schwarzen Winterstiefel standen an ihrem Bettende.
"Das Buch scheint die Kälte und den Schnee besser überstanden zu haben, als du."
Er gab es ihr und Anya sah es sich eingehend an, ehe sie es an sich drückte.
Ein Glück, dass es noch da war.
Der Mann erkannte, dass es ihr viel bedeuten musste. Allein wegen der Tatsache, dass es das einzige war, das sie mitgenommen hatte. Doch legte er ihr die Sachen auf den Hocker und ließ sie fürs erste etwas ruhen. Anya legte sich mit ihrem Tagebuch wieder in das Kissen zurück und kuschelte sich in die weichen Decken. Schloss beruhigt die Augen. Ihr Körper war noch immer träge und schwer. Sie brauchte die Ruhe. Schließlich musste sie schnell wieder gesund werden.

So vergingen noch einmal zwei Tage, ehe sie sich gut genug fühlte, dass ihr Treoraí erlaubte, die Krankenstation eine Weile zu verlassen.
"Aber nur ein paar Stunden und wenn etwas sein sollte, kommst du sofort zurück. Ja?", bat er sie und Anya nickte.
"Versprochen. Ich möchte mir nur mal wieder meine Beine vertreten und die Stadt erkunden."
Schließlich hatte sie bisher noch nicht viel davon gesehen. Man hatte sie kaum allein aufstehen lassen. Umso neugieriger war sie nun, endlich raus zu dürfen. Mantel und Stiefel angezogen, begann sie ihre Erkundungstour.
Die Luft war noch immer eisig und der warme Atem der Heilerin bildete weiße Wölkchen in der Luft. Die aufkommenden verschwommenen Bilder der Nacht, in der sie hier her fand, zurückdrängend, atmete Anya tief durch. Das war nur ein kleiner Winterspaziergang in der Stadt. Kein Marsch durch endlosen Schnee. Dennoch zog sie den Mantel höher, als sie ging. Die frische Luft tat auch gut. Der Platz war zu dieser Zeit nicht besonders voll. Nur wenige Menschen waren unterwegs. Neugierig sah sie sich um. Ringsum waren verschiedene Häuser und Geschäfte, die stattdessen voller waren, als die Straßen. Was kein Wunder war, bei der Kälte. Ein Kräutergeschäft erregte ihre Aufmerksamkeit, doch wandte die junge Magierin schnell den Blick ab, als es ihr die Luft abschnürte. Es war dem von Mona und Benji zu ähnlich. So ging sie schnell weiter und wischte sich die Träne fort, die über ihre Wange lief. Eine Seitenstraße entlang folgte sie einfach weiter ihrer Intuition. Merkte sich, wo sie gewesen war. Die Stadt war groß und hatte viele schöne Orte. Anya war sich sicher, dass sie dort bleiben würde, um den Menschen während dieses Krieges zu helfen.
Ein lauter Knall, der von einer herabgefallenen Kiste kam, die sich um die Ecke von einem Karren gelöst hatte, ließ sie zusammenzucken. Wie festgefroren blieb sie stehen. Rührte sich nicht. Ihr Herz aber pochte plötzlich vor Angst und sie lief so schnell wie sie konnte fort. Durch Gassen und Straßen. Fort von der Ursache des Geräuschs. In einer kleinen Gasse blieb sie stehen und hielt sich an der Fassade eines Hauses fest. Keuchte.
Was war das? Doch nicht etwa..sie?
"Nicht..hier..!"
Sie bebte und sank an der Mauer hinab, zu Boden. Kauerte sich dort hin. Die Arme um die Beine geschlungen. Während ihrer Flucht hatte sie nicht auf den Weg geachtet. Wie sollte sie nun wieder zurück finden?
"Bleib stehen, du Zwerg! Wir sind noch nicht fertig mit dir!"
Eilige Schritte kamen auf sie zu und um die Ecke sauste ein kleiner Junge. Die Stimmen ließen die ängstliche junge Frau aufblicken. Der Junge kam direkt auf sie zu.
"Lasst mich in Ruhe! Ich hab nicht mehr!", rief er verzweifelt, ehe er sie erblickte.
Schnell versuchte er sich hinter ihr zu verstecken, was seine Verfolger jedoch nicht aufhielt. Anya streichelte dem Jungen kurz über das helle Haar wie Honig und erhob sich vom Boden. Ihre Panik war wie weggeflogen. Dieser Junge hatte bei ihr Schutz gesucht und den sollte er auch bekommen.
"Gibt es ein Problem, die Herren?", fragte sie die zwei größeren Jungs, die verärgert vor ihr stehen blieben.
So einfach kamen sie an ihr nicht vorbei. Das erkannten auch sie. Also brauchten sie eine Strategie.
"Ja, Miss. Die kleine Ratte hat uns beklaut!", log einer der beiden. Der andere nickte nur zustimmend.
Hinter Anya, in sicherem Abstand zu ihnen, protestierte der kleine.
"Das ist eine gemeine Lüge! Ihr habt mich verprügelt, weil ich mir mein Geld mit ehrlicher Arbeit verdiene, ihr Faulpelze!"
"Nimm das zurück!"
"Ruhe!", ging die junge Frau dazwischen. "Den Verletzungen nach zu Urteilen, sagt er ja wohl die Wahrheit. Oder nicht? Außerdem sehe ich da einen hübschen kleinen Beutel an deinem Gürtel."
Ertappt wich der Angreifer zurück. Doch Anya streckte die Hand aus.
"So, wie du reagierst, kann das dann auch wohl erst recht nicht deiner sein. Gibst du sie mir also freiwillig?"
"Von einer Heulsuse lass ich mir gar nichts sagen!", blaffte der Junge zurück.
"Hey, warte mal.. Ich glaube, sie ist..du weißt schon..", druckste sein Begleiter und zuppelte an seiner Jacke.
So viel Frechheit durfte nicht ohne Lehre davonkommen. So holte sie sich, was sie wollte per Apport und jagte den beiden einen kleinen Drachen hinterher.
"Möchtest du das nochmal wiederholen, kleiner?", grinste sie gespielt gefährlich.
Das reichte, um den beiden einen Schrecken einzujagen und sie suchten schnell das Weite. Schmunzelnd drehte sich Anya zu dem Jungen um, der ihren Schutz gesucht hatte. Hockte sich vor ihm hin.
"Hier bitte. Ich glaube, das gehört dir.", lächelte sie freundlich und hielt ihm den Beutel hin, den er höflich dankend annahm. "Wie heißt du denn?"
"Ben, Miss.", antwortete er.
Sein Gesicht war übersät mit Schrammen und Kratzern. Die zwei hatten sich wohl schon an ihm ausgetobt. Kein Wunder, dass er ihnen das Geld überlassen hatte. Aber..Ben.. Benjis Spitzname..
"Freut mich, dich kennenzulernen, Ben. Ich heiße Anya."
Vorsichtig untersuchte sie die Schrammen.
"Das sollte sich jemand ansehen.. Tut das weh?"
Ben schüttelte den Kopf und lächelte tapfer.
"Das geht schon. Aber ich kenne mich in diesem Teil der Stadt noch nicht aus.. Hilfst du mir, den Rückweg zu finden?", fragte er sie und die junge Heilerin nickte.
Der Junge war so verloren, wie sie vor ein paar Tagen. Natürlich würde sie ihn mitnehmen.
"Darf ich dich was fragen, Anya?"
Neugierig, aber vorsichtig sah er zu ihr auf, während sie die Straßen durchquerten. Da ihre Panik fort war, konnte sie sich wieder besser konzentrieren, wohin sie ging.
"Gern. Was gibt es denn?"
"Warum hast du vorhin geweint? Warst du einsam?"
Verblüfft sah sie auf den blonden Jungen hinunter. Woher wusste er das?
"Ja..und ich hatte Angst. Wie viele hier, habe ich die verloren, die mir wichtig waren..", antwortete Anya.
Der kleine Ben verstand nun ihre Tränen.
"Das ist wirklich schlimm.."
Sicher hielt sie die kleine Hand auf dem Weg zurück zur Krankenstation.
"Findest du von hier nachhause?", fragte sie, als sie ankamen. "Wir sehen uns noch deine Verletzung an."
Der Junge stimmte zu und grüßte freundlich den Heiler, der sie empfing. Es war Treoraí. Er war deutlich erleichtert, die junge Frau vor Einbruch der Dunkelheit wieder zu sehen.
"Da bist du ja, Kind. Ist etwas passiert?", fragte er besorgt.
"Nichts besonderes.. Ben hier hatte eine kleine Auseinandersetzung."
"Ja, aber Anya hat mir geholfen!", erklärte dieser stolz.
"Ohh. Na dann kümmern wir uns mal um euch zwei Kämpfer.", sprach der alte Mann und holte einen Kollegen, der sich um Bens Schürfwunden kümmerte.
Mit Anya wollte er lieber persönlich sprechen. So sah er ihr forschend in die Augen. Erkannte die noch frischen Spuren der Tränen auf ihrem Gesicht.
"Also. Was ist geschehen? Du hast geweint. Das sehe ich.", sprach er mit sanfter Stimme.
"Ich hörte einen Knall.. Wenn ich jetzt so darüber nachdenke, war es sicher nur eine gefallene Holzkiste, aber es hörte sich für mich an, wie der Gewittersturm..", erklärte die Magierin und trank an dem Wasser, welches er ihr reichte. "Ich habe Panik bekommen und bin einfach fort gelaufen.. Ich wusste nicht mehr, wo ich war und..dann habe ich den Streit mitbekommen. Der Junge hat bei mir Schutz gesucht und da war meine ganze Angst plötzlich verflogen."
Treoraí nickte bedächtig. Das war gut. Sehr gut.
"Interessant.. Der Junge musste wohl gemerkt haben, dass du eine starke Persönlichkeit hast. Trotz deiner Tränen.", stellte er fest. "Er brauchte deine Hilfe und das hat dich aus deinem Loch gezogen."
"Da habt ihr wahrscheinlich recht."
Kurz sah Anya zu Ben zurück. Der fing ihren Blick auf und schenkte ihr ein tapferes Strahlen, während man ihm ein Pflaster auf die Wange klebte. Sie erwiderte es leicht. Der Junge war zu knuffig.
"Hast du dir mittlerweile überlegt, ob du hier bleibst?", fragte der alte Heiler.
Anya sah ihn an und nickte.
"Ich bleibe in Longdale. Allerdings bin ich lieber für mich, also werde ich mir so bald es geht, eine Wohnung suchen. Wenn es keine Umstände macht, würde ich so lange hier bleiben."
Sie würde bleiben. Helfen. Kämpfen taten zu viele. Bis der Krieg vorbei war, wollte sie in dieser Stadt neu beginnen und auf ihren Gefährten warten.

I'm just trying to survive
Every day in my real life
Taking one step at a time
in real drawn out life
It's time to see...


Die Wochen und Monate vergingen und Anya lebte sich gut in ihrem neuen Zuhause ein. Sie bezog eine kleine Hütte am Meer, die genug Raum für ihre Bedürfnisse und ein Labor hatte. Die Menschen nahmen sie als eine von ihnen auf und achteten und respektierten die junge Frau. Wenn auch die Zeiten kamen, in denen sie sich einsam fühlte, so gab sie nicht auf und folgte den Worten, die Mona sie gelehrt hatte. Sie machte Pausen, wenn sie sich schlecht fühlte und und gab sich Zeit für sich selbst. Den Menschen gegenüber war sie freundlich wie immer. Selbst wenn sie nicht glücklich war, lächelte sie für die Patienten, die ihre Hilfe brauchten.
Doch auch als nach einigen Jahren kein weiteres Lebenszeichen ihres Gefährten kam, gab sie die Hoffnung trotzdem nicht auf. Ihr kam eine Idee. Die junge Magierin nutzte ihre Hoffnung, ihre Zuversicht und ihre ureigenste Magie Infinity, um einen mächtigen Zauber auf sich selbst anzuwenden. Ihr dreißigster Geburtstag. Dieser Krieg dauerte bereits zehn Jahre..
Anya stellte ihren Korb, mit dem sie vom Markt gekommen war, ab und holte die Bündel heraus. Kräuter, Gewürze, Wurst und Käse, einen Laib Brot, Milch, Butter, Eier, Zucker und andere Lebensmittel, die in ihrem Vorratsschrank zur Neige gingen. Aber auch ein Haarband. Dunkelblau und in einem purpurnen Säckchen verstaut. Ein Rezept herausgesucht, machte sich die junge Frau an die Arbeit. Mehl, Zucker, Eier, etwas Zitronensaft...
Nach etwa einer Stunde im Ofen holte sie das kleine Gebäckstück heraus und setzte die Kerze daruf. Damit ging sie zum Tisch. Entzündete die kleine Flamme auf dem Kuchen und ließ eine magische Nachbildung ihres Gefährten entstehen. Helle violette Funken sammelten sich neben ihr und die Gestalt lächelte. Seine Hand nahm ihre, die jedoch außer einem zarten Kribbeln kaum ein Gefühl der Wärme ausstrahlte. Doch ließ es sie trotzdem ebenfalls lächeln. Auch wen es nur eine Illusion war.
"Alles gute zum Geburtstag, Tinuviêl..", wünschte sie sich selbst und blies die Kerze aus. "Auf dass wir uns bald wiedersehen, mein Herz.."

Der Zauber war geglückt. Vielen war es erst nach einiger Zeit aufgefallen, dass sie nicht mehr alterte. Doch nun waren viele Jahre ins Land gezogen. Jahrzehnte waren vergangen. Trotzdem gab sie die Hoffnung nie auf. Sie war alles, was ihr blieb. Hoffnung und Erinnerung.
Sie war wie so oft in der Stadt unterwegs und besuchte ein paar ihrer Patienten, die das Haus nicht verlassen konnten. Anya wusste, dass um die Ecke ein neues Kräutergeschäft öffnete. So wollte sie dort einmal vorbeischauen. Auf dem Weg dorthin traf sie auf eine Gruppe von drei Männern.
"Habt ihr gehört? Die Dämonen sollen besiegt worden sein. Ist das zu glauben?", erzählte einer von ihnen. "Das könnte das Ende dieses langen Krieges sein!"
Kurz hielt die jung scheinende Frau inne. Wenn dieses Gerücht wahr war.. Was war dann mit Sensei? Und Gowther?
Als hätte er ihre Gedanken gehört, sprach der Mann weiter.
"Hinter ein Siegel wurden sie gesperrt. Da kommen sie nicht so leicht wieder raus."
"Sicher nicht. Aber was ist, wenn es ein paar geschafft haben, zu entkommen, bevor sie versiegelt wurden?", fragte ein anderer.
"Wenn du mich fragst, wird das kaum möglich gewesen sein. Wenn doch, werden auch sie nicht mehr lange hier verweilen. So wie dieser Verräter an der Spitze der Gebote. Der wurde doch hingerichtet."
Er lachte froh und dann waren sie um die Ecke verschwunden.
Die Magierin blieb allein in der Gasse zurück. Verräter? Sie wusste, dass Meliodas mit Eli gekämpft hatte, aber..von ihm war bekannt, dass er verflucht wurde. Als Strafe dafür. Genau, wie Eli. Wen meinten sie also mit Verräter? Doch nicht etwa.. Nein. Das hätte sie gespürt. Er konnte nicht tot sein. Wenn, dann war er hinter dem Siegel.
Sie schüttelte den Kopf, um das aufsteigende Gefühl zu verscheuchen und kam in das Geschäft. Es hatte etwas sehr vertrautes. Die kleine Messingglocke über der Tür kündigte laut klingelnd ihren Besuch an und ein brauner Schopf tauchte hinter dem Tresen auf. Lächelte freundlich.
"Guten Tag! Wie kann ich euch helfen, Mylady?", fragte die Frau ebenso freundlich. "Entschuldigt das Durcheinander. Wir haben gerade erst eröffnet."
"Kein Problem. Ich wollte mich erkundigen, ob ihr euch auf spezielle Gebiete spezialisiert habt. Ich suche Zutaten für meine Forschungen.", antwortete Anya und sah sich kurz um.
Durcheinander traf es recht gut. Überall standen Kisten und Körbe, Fässer und Säcke. Verbreiteten einen Duft, der für Anya ebenso vertraut war, wie das Rascheln der Blätter im Wind.
"Oh, wir verkaufen eigentlich alles an Kräuter und Gewürzen. Knollen und Wurzeln, Blüten und Blätter, frisch und getrocknet oder zu Pulver verarbeitet. Was immer ihr braucht, wir haben es sicher irgendwo.", erklärte die Frau stolz, ehe von hinten ein zarteres Stimmchen rief. "Oh, verzeiht.. Das ist meine kleine Tochter. So viel zu tun.. Da kommt sie oft zu kurz.. Mona! Kommst du bitte kurz nach vorne? Wir haben unsere erste Kundin!"
Damit verschwand die Frau in den hinteren Räumen und ließ die Magierin wieder allein im Verkaufsraum stehen. Mona? Perplex sah sie zu einer jungen Frau, die von weiter hinten mit einer Kiste zurück kam.
"So..verstaut. Guten Tag, Mylady!", grüßte sie Anya, die sie noch immer musterte.
Ihr Haar war von einem dunklen Erdbeerblond und hätte ihr wahrscheinlich bis zur Brust gereicht, wenn sie es nicht zu einem hohen Pferdeschwanz zusammengebunden hätte. Die leuchtend grünen Augen wurden von einer silbernen Brille mit halbrunden Gläsern eingerahmt.
"Mona..?"
Wenn auch eine junge Version von ihr. Die Gesichtszüge..die Augen..das Lächeln. Alles an ihr erinnerte an sie.
"Ja, das ist mein Name.", bestätigte die jüngere und sah sie stirnrunzelnd an. "Stimmt etwas nicht?"
Anya blinzelte verwirrt. Das konnte unmöglich sein.
"Verzeiht. Ihr habt verblüffende Ähnlichkeit mit jemandem, den ich kannte.", erklärte sie sich und hörte auf, die junge Dame anzustarren.
Die jedoch schien sich zu freuen. Nickte lächelnd.
"Wenn das so ist, dann fühle ich mich geehrt. Was kann ich euch denn gutes tun?", schmunzelte Mona und die Magierin nannte ihr die Heilkräuter, die sie benötigte. "Fieber. Was? Gerade die Kinder leiden zur Zeit öfter darunter."
Anya nickte.
"Ja. Ich komme gerade von meinen Hausbesuchen. Die Medizin, die ich ihnen gebe, hilft ihnen zwar, doch beschweren sie sich nur zu oft über den Geschmack. So arbeite ich daran."
Ein helles melodisches Lachen ertönte als Antwort, während die junge Frau die Bestände durchsah und fand, was sie suchte. Mit ein paar Bündeln kam sie zum Tresen zurück.
"Das ist sehr vorbildlich von euch. Da werden sich die kleinen freuen. Das macht dann fünfundzwanzig Kupferstücke."
Anya bezahlte die Wahre und legte sie sorgsam in ihren Korb.
"Dann wünsche ich euch einen schönen Tag.", verabschiedete sie sich und ging weiter ihres Weges.
Diese Ähnlichkeit konnte unmöglich ein Zufall sein. Nicht nur ihr Aussehen. Auch ihre Art zu reden, die Gestik, ihre Ausstrahlung.. So vertraut.. Es ließ sie hoffnungsfroh lächeln.
"Danke, dass du zu mir zurückgekommen bist, Mona.."
Weitere Jahre vergingen. Sommer wurde zu Winter, Schatten zu Licht, die Blätter fielen und ließen Platz für die neue Generation von Pflaumenblüten. Der Krieg war nun schon sehr lange Zeit vorbei. Aber trotzdem blieb die Magierin allein und wartete beharrlich weiter darauf, dass ihr Herz sie finden würde. Auch ohne ein Zeichen von ihm. Der Frühling war eingekehrt und so war auch bald die Zeit für das Osterfest. Wie jedes Jahr, hatte Anya alles vorbereitet. Kerzen, Kräuter, ein guter Wein und Öl für ein duftendes Bad. Doch bereits seit dem Morgen hatte sie das Gefühl, etwas in ihr war ruhelos. Als würde man ihr immer wieder etwas zuflüstern.
Es ist Zeit.. Geh und suche.. Du wirst es finden..
Was das wohl sein sollte? Seit einigen Stunden lief Anya durch die Stadt. Die Sonne schien und es wehte ein angenehm warmer Wind. Doch alles war wie immer. Auch auf dem Markt war nichts besonderes zu finden.
Was suchte sie nur?
Dass es das war, worauf sie so treu und sehnlichst wartete, damit rechnete die jung scheinende Frau noch nicht..

Well he's taking the steps and he's making a stand.
He's pulling down walls and doing all that he can.
He's through with black and white
And drawing the lines
Between make believe and real life.


Sein Kopf dröhnte von den Stimmen und Bildern, die seit Tagen auf ihn niederprasselten. Wo kamen sie her? Wem gehörten sie? Er wusste es nicht. Erinnerte sich nicht. Auch wusste er nicht, wohin er ging. Er lief einfach. Seine Beine trugen ihn. Er wusste, er musste zu ihr. Sie würde ihm helfen. Sie, die ihn ansah mit strahlenden Augen aus purem Gold. Das warme Lächeln auf den beerigen Lippen.
Wir werden uns wiederfinden..Immer.
Ihre Worte so klar und voller Ehrlichkeit gaben ihm die Kraft, weiter zu gehen. Auch wenn er nicht wusste, wer sie war. Nur, dass er zu ihr musste. Unbedingt. Man hatte ihn aus einem Schloss vertrieben. Hinaus gejagt, wie einen Schwerverbrecher. War er das nicht auch? Warum war er in diesem Verlies? Warum hatte man ihn gefoltert? Er wusste, dass er nicht so einfach sterben konnte und Schmerz war etwas, das ihm nichts bedeutete. Nur warum dröhnte sein Kopf so sehr? Wegen den Stimmen? Es musste so sein...
Aus mehreren Wunden quoll unaufhörlich Blut hervor. Wunden, die nicht heilen wollten. Warum? Man hatte ihm Soldaten hinterher geschickt. Auch wenn man ihn gehen ließ. Zwar konnte er sie abwehren, doch wurde er trotzdem von ihnen verwundet. Für einen Menschen..wären diese Verletzungen tödlich gewesen. Doch er ging einfach weiter. Tat einen Schritt nach dem anderen. Folgte dem Band, das ihn zu der Frau mit den schönen Augen führte. Ohne sich dessen bewusst zu sein. Dann schließlich..tauchte vor ihm eine Stadt auf. Er wusste, dass er dort in Sicherheit sein würde. Also schleppte er sich weiter voran. Getrieben von einem Gedanken.
"Ich muss..sie finden.."
Währenddessen lief Anya weiter umher. Suchte, ohne zu wissen, warum. Noch einmal ging sie die Marktstände durch. Ihr Band, das sie sich damals zu ihrem letzten richtigen Geburtstag gekauft hatte, zierte ihr schulterlanges nachtschwarzes Haar und flatterte leicht im Frühlingswind.
"Was tue ich hier eigentlich?", murmelte sie vor sich hin, schüttelte den Kopf und ging weiter.
Ihr Weg führte sie jedoch nicht zu ihrem Haus, sondern in Richtung Südtor. Stimmen waren dort in der Straße zu vernehmen. Keine freundlichen.
"Pass gefälligst auf!", rief ein älterer Herr.
Eine Frau mit zwei Kindern im Schlepptau machte mit argwöhnischem Blick den Weg für eine Gestalt frei.
"Was ist denn mit dem los?", meinte ein anderer.
Anya blieb stehen. Rührte sich nicht. Für ein paar Augenblicke glaubte sie, ihr Herz hätte seine Arbeit niedergelegt. Diese Gestalt, die dort aus der Menge auf sie zu stolperte.. Sie kannte sie. Oder besser gesagt..ihn. Das markante Magentahaar.. Die blassen weiblichen Gesichtszüge.. Der zierliche Körperbau.. Das lange Hemd, das er trug, war blutbefleckt. Seinem Zustand nach zu urteilen, war es sein eigenes. Die Magierin bekam kein Wort heraus. Blieb einfach fassungslos stehen und sah zu, wie er auf sie zu torkelte. Erst, als er direkt vor ihr stand. Sich an ihr fest hielt und sie ansah. In den hellen Augen hinter der Brille nichts, als Schmerz, Verwirrung und Angst. Da fand sie ihre Sprache wieder.
"Gowther..?"
"Bitte...Hilf..mir....", wisperte er, ehe er das Bewusstsein verlor.
Schnell fing sie ihn auf und sank mit ihm auf die Knie. Überprüfte seine Atmung. Sie war flach, aber regelmäßig. Er brauchte dringend ihre Hilfe. Was war nur passiert? Aber das konnte warten. Die umstehenden Leute beobachteten dieses Wiedersehen interessiert. Anya achtete nicht auf sie und hob ihren Gefährten auf ihre Arme. Er war noch immer so leicht.. Die Leute machten Platz und sie kehrte auf dem schnellsten Weg in ihre Hütte zurück. Dort legte sie ihn in ihr Bett und kümmerte sich zuerst einmal um seine Wunden. Sie mussten schwer sein, wenn sie nicht von selbst heilen wollten..
Nachdem sie fertig war und ihm ein frisches Hemd übergezogen hatte, saß sie nun bei ihm auf der Matratze. Hielt seine Hand. Sie konnte es nicht glauben. Er war es wirklich.
"Du hast mich gefunden.. Nach all der Zeit..", hauchte sie, ihre Stirn an seine gelegt. "Ich wusste, du kommst zurück.."
Ganz sanft küsste sie seine Stirn und seine Lippen. Kuschelte sich vorsichtig an seine Seite. Einfach überglücklich, ihn wiederzuhaben. Seine Wärme zu spüren und seinen ruhigen Atem zu hören. Das Lied seines Lebens. Wie früher, wenn sie so lagen, hüllte sie sein vertrauter Duft ein, wie ein Schutzmantel und langsam schloss sie die Augen. Doch was, wenn das nur ein Traum war? Sie wollte ihn nicht noch einmal gehen lassen. Schnell zwang sie sich wieder dazu, wach zu bleiben. Streichelte seine Wange. Seine Atemzüge wurden wieder tiefer. Die Wunden sollten bald verheilen. Wenn nicht, würde sich die Heilerin selbst darum kümmern. Egal, wie lange es nötig sein sollte. Doch für jetzt gab es erst einmal nichts für sie zu tun, außer zu warten. Das Lied seines Lebens zog sie erneut in ihren Bann und so gab sie ihm nach und schloss etwas die Augen. Wenn etwas sein sollte, würde sie es merken. Fürs erste war sie einfach nur unendlich dankbar dafür, dass sie endlich wieder so an ihn gekuschelt schlafen durfte.

I'm just trying to survive
Every day in my real life
Taking one step at a time
in real...


"Immer noch nicht wach.. Was ist denn nur passiert?"
An seinem Zustand hatte sich nach ihrem kleinen Mittagsschlaf nichts geändert. Ihr Gefährte war noch immer nicht bei Bewusstsein. Besorgt prüfte Anya die Verbände und fühlte, ob er Fieber hatte. Nichts. Vielleicht war er einfach erschöpft. Es wird schon nichts schlimmes sein, dachte sie sich und legte ihm ein kühles Tuch auf die Stirn. Deckte ihn etwas wärmer zu.
"Bitte wach bald auf, dass ich dich in die Arme schließen kann, mein Herz.", sprach sie leise und sah auf ihn hinab. Küsste seine Hand. Dann klopfte es.
"Kommt herein. Ich bin hinten.", rief sie nach vorne und die Tür öffnete sich.
Ein älterer Magier trat in ihre Hütte und Anya ging zur Schlafzimmertür. Lächelte freundlich, trotz ihrer Sorge.
"Was kann ich für euch tun?", fragte sie ihn. "Ich kann heute leider das Haus nicht verlassen."
Der Herr nickte langsam und sah mit argwöhnischem Blick an ihr vorbei zu ihrem Patienten.
"Ist mir bekannt. Dass du ihm hilfst.. Du bist wirklich zu gut für diese Welt, Anya.", meinte er und wischte damit das Lächeln aus ihrem Gesicht. "Du weißt, wer er ist. Warum also tust du all das für ihn?"
"Weil er mich darum gebeten hat. Es ist meine Pflicht, einem verletzten zu helfen. Willst du das bestreiten?"
Eine unterschwellige Drohung lag in ihren Worten und der Mann wendete seinen Blick nun ihr zu.
"Will ich nicht. Ich meine nur, dass es dein gutes Recht gewesen wäre, diesem Gesindel deine Hilfe zu verweigern.", antwortete er.
Gesindel.. Das war Anya fürs erste genug. Sie schloss die Tür hinter sich und trat auf ihren Gast zu.
"Mischt euch nicht in Angelegenheiten ein, die euch nichts angehen. Ich weiß, ihr habt allen Grund dafür, die Dämonen zu hassen, aber er ist mein Patient und damit steht er unter meinem Schutz als Heilerin. Wenn ihr das nicht akzeptieren könnt, dann steht es euch frei, euch jemand anderen zu suchen, der sich um eure Gelenke kümmert. Es gibt genügend Heilkundige und Apotheker in dieser Stadt."
Da hatte sie einen Punkt getroffen. Seit Jahren kam er damit nur zu ihr und sagte oft genug, wie zufrieden er mit ihrer Medizin war. So knickte er ein.
"Nein nein.. Schon gut. Es geht mich ja nichts an. Da hast du recht. Nur werden das die anderen auch nicht einfach übersehen. Pass auf dich auf, mein Kind."
Die Heilerin nickte nur knapp. Das war ihr klar gewesen. Sie ging kurz an ihren Schrank und holte ein Glas mit einer Salbe heraus, wonach der Magier mit hoher Wahrscheinlichkeit zu ihr gekommen war.
"Du weißt ja, wie du sie anwenden musst."
Dankend nahm er es an sich und ging zur Tür zurück. Hielt allerdings noch einmal inne.
"Eines noch, Anya.. Man sagt sich, er soll als Verräter gelten. Der dunkle König soll ihn eigenhändig mit einem Fluch belegt haben. Soweit ich weiß, mit dem seines früheren Gebotes. Sei also besser vorsichtig. Wer weiß, was das für Auswirkungen hat."
Nach einem letzten Blick verabschiedete er sich mit einem Kopfnicken und ging aus der Tür. Die Magierin sah noch eine Weile in die Leere. Der Fluch seines Gebotes? Wenn das stimmte, dann.. Aber wie konnte er dann nach ihr suchen? Schnell kam sie in ihr Schlafzimmer zurück. Noch immer lag Gowther bewusstlos in ihrem Bett. Leise trat sie näher zu ihm.
"Bitte..sag, dass das nicht stimmt.. Öffne deine Augen und sag mir, dass das eine Lüge ist..", wisperte sie. "Ich will dich nicht verlieren.."
Angst schnürte ihr die Kehle zu. Angst, dass es wahr sein könnte, was er sagte. Sie wusste nur zu gut, wie diese Flüche wirkten. Jeder einzelne von ihnen. Alle waren grausam, aber seiner..
"Nicht, wo wir uns nach all der langen Zeit wiedergesehen haben.. Bitte.. Wach auf und sag nur meinen Namen.. Nur ein Wort..ein Wort..und der Alptraum verblasst.."
Erneut nahm sie seine Hand in ihre. Hielt sie fest, als könnte er verschwinden.
Der Fluch der Selbstlosigkeit..löschte sämtliche Art von Gefühl für sich selbst..und andere. Sowie alle seine Erinnerungen. Wenn es stimmte, was der Magier sagte..dann war ihr Gefährte nicht mehr in der Lage, sie zu lieben..
Sie musste sich auf das schlimmste einstellen. So konnte sie nicht enttäuscht werden und ihr Herz zumindest etwas schützen. Anya hatte bis zum Abend an seiner Seite gewacht und seine Verbände gewechselt. Die Verletzungen waren fast geheilt. Ganz, wie sie es von ihm kannte. Er war schließlich nicht nur für sie etwas besonderes. Mit all ihrer Hingabe pflegte sie ihn gesund, doch selbst als die Sonne bereits hinter dem Horizont verschwunden war, blieben seine Augen geschlossen. Traurig sah sie vom Kamin zu ihm herüber. Sorge breitete sich in ihr aus, wie ein Waldbrand.
"Komm zurück zu mir.. Du bist hier.. Bei mir.. Ich bin für dich da, wie du es für mich gewesen bist.. Bitte..wach auf..", sprach sie leise und legte dann ihr Buch und die Feder zur Seite.
Es war spät geworden, doch blieb sie auf. Wollte da sein, wenn er zu sich kam. Ruhelos stocherte die jung scheinende Frau im Feuer und legte neues Holz nach. Auch wenn ihm Kälte nichts anhaben konnte, achtete sie trotzdem darauf, dass es im Zimmer schön warm war. Weitere Stunden später war sie doch an seiner Seite eingeschlafen. Der Mond stand hoch am Himmel und ihre Hand hielt sicher die ihres Gefährten. Den Kopf in das Kissen gebettet, atmete sie ruhig. Eine schwarze Haarsträhne hing ihr ins Gesicht, das sie ihm zugewandt hatte.
Er war zurück. Sie hatte ihn wieder. Das war alles, das zählte. Egal, ob er sie noch kannte oder nicht. Sie waren vereint und sie würde ihn beschützen.

My real dreams
And real love
Believe the things
That you can touch
This make believe
Is not enough
It's time to see
A real life...


Das Teewasser kochte und breitete den Duft nach Kamille in der kleinen Hütte aus. Die wärmende Frühlingssonne schien durch die Fenster. Anya war aufgestanden, nachdem in der Nacht nichts geschehen war. Noch immer war Gowther nicht aufgewacht. Gerade dachte sie darüber nach, ob es sein Magiefluss war, den ihn so lange schlafen ließ, als sie das Rascheln des Bettzeugs vernahm. Sofort drehte sie sich zu ihm um und sah, wie er sich regte. Endlich. Mit einem Glas Wasser und der möglichen Reaktion im Hinterkopf, kam sie vorsichtig zu ihm ans Bett. Setzte sich auf den Stuhl. Währenddessen setzte er sich auf und tastete etwas benommen nach seiner Brille. Als er sie fand sah er sich kurz im Raum um und dann zu ihr. Die Augen, die sie so strahlend in Erinnerung hatte, matt und verschleiert.
"Wie schön. Du bist endlich aufgewacht.", lächelte sie. "Du hast lange geschlafen. Wie fühlst du dich?"
Der Ausdruck des jung scheinenden Mannes änderte sich kaum, während er sie ansah.
"Fühlen.. Mir ist etwas schwindelig, wenn du das meinst..", antwortete er tonlos und bereitete sie damit auf den Schlag vor. "Wer..bist du?"
Es tat weh, das zu hören. Wie ein Stich mitten in ihr Herz. Drei Worte ließen ihre gesamte Welt zusammenfallen, wie ein Kartenhaus. Doch musste sie stark sein. Er brauchte sie. So schluckte sie den Schmerz hinunter und behielt das Lächeln. So wie all die Jahre zuvor bei ihrer Arbeit als Heilerin.
"Nenn mich Anya. Du bist gestern Vormittag in der Stadt vor mir zusammengebrochen. Ich habe dich zu mir nachhause gebracht und mich um dich gekümmert.", erklärte sie mit sanfter Stimme und reichte ihm das Glas. "Weißt du, wie du heißt?"
Er nahm das Wasser entgegen und sah nachdenklich in sein eigenes Spiegelbild darin. Schien nachzudenken. Dann trank er einen Schluck.
"Gowther. Mein Name ist Gowther.", antwortete er ihr.
Kurz atmete sie erleichtert auf. Zumindest das war ihm geblieben.
"Gut. Der Schwindel sollte bald vergehen. Das kühle Wasser hilft. Bleib so lange noch liegen. Ja?", wies sie ihn an und er nickte. "Ich bin kurz nebenan, wenn du etwas brauchst."
Die Tür offen stehen lassend, ging die Magierin in die Küche. Ein Kloß von der doppelten Größe ihrer nun geballten Faust steckte ihr im Hals und schnürte ihr beinahe die Luft ab. Das war einfach zu grausam.. Da sahen sie sich nach drei langen Jahrtausenden wieder und dann konnten sie das nicht einmal genießen. Der Appetit für das Frühstück war ihr nun ebenfalls vergangen. So holte sie sich nur ebenfalls ein Glas Wasser, um den Kloß loszuwerden. Doch ging das nicht so einfach. Erneut atmete sie ein paar Mal tief durch. Derjenige, der an diesem Desaster Schuld war, war in unerreichbarer Ferne. Sicherlich war das gut für den Frieden, aber.. Nein. Es gab andere Wege. Bessere Wege, um das loszuwerden. Mona hatte es ihr gelehrt. So ging sie in ihr Schlafzimmer zurück. Ihr Gefährte sah fragend zu ihr auf. Dass etwas nicht stimmte, spürte er und instinktiv dachte er, es war seine Schuld.
"Ich halte dich von der Arbeit ab.", stellte er seine Vermutung in den Raum.
Anya bedrückte etwas. Das sah er deutlich.
"Nein, das tust du nicht. Alles ist in Ordnung.", tat sie es ab, was ihn nur neugieriger machte.
"Warum..lügst du? Ich möchte dir nicht im Weg stehen."
Er durchschaute sie selbst jetzt. Genau wie früher. So setzte sie sich wieder zu ihm. Nahm zögernd seine Hand.
"Du stehst mir nicht im Weg. Du kannst bei mir bleiben, solange du möchtest.", versprach sie ihm. "Mir..geht es nur gerade nicht so gut. Das ist alles."
Trotzdem wollte sie gerade einfach nur fort. Einen klaren Kopf bekommen. Das war einfach zu viel. Es musste irgendwie weg. Diese Wut, die in ihrem Inneren kochte. Auf den, der ihnen das angetan hatte. Ihr Vater.
"Bitte..geh nicht weg.. Lass mich nicht allein..", meinte der weibliche Mann plötzlich und sah ihr bittend in die Augen.
"Ich gehe doch gar nicht weg.", antwortete sie überrascht.
Seine Hand hielt die ihre fest umklammert. Er hatte Angst. Angst, dass sie ging.
"Doch du willst es.. Verlässt du mich, weil ich eine Puppe bin..?"
Auch seine Stimme, die zuvor so tonlos war, bekam nun einen ängstlichen Unterton. Sanft streichelte sie ihm über das kinnlange Magentahaar.
"Nein.. Ich verlasse dich nicht. Ich passe auf dich auf.", antwortete Anya mit sanfter Stimme, ehe er sich überraschenderweise an sie schmiegte. "Ich habe nur daran gedacht, nach draußen zu gehen. Ich muss etwas los werden. Hilfst du mir dabei?"
Sehnsuchtsvoll drückte sie ihn an sich. Ihre erste Umarmung seit Jahrtausenden. Auch wenn er es aus Angst tat, so war es trotzdem so unglaublich schön, wieder in seinen Armen sein zu dürfen.
"Ich helfe dir. Wie du mir geholfen hast.", versprach er seinerseits und nutzte dafür unbewusst ihrer beider Versprechen. "Immer."
Das ließ sie wieder etwas lächeln. So sah sie ihn an mit dieser Mischung aus Freude, Trauer und Liebe und nahm seine Hand.
"Dann versuche einmal aufzustehen. Ich hab dich."
Er versuchte es. Stand vorsichtig auf und schwankte kurz. Anya hielt ihn sicher.
"Geht es?"
Gowther nickte.
"Dann sehe ich noch kurz nach den Wunden.", erklärte sie und wartete kurz auf eine Erlaubnis, die mit einem erneuten Nicken auch kam.
Vorsichtig hob die Magierin sein Hemd an und wickelte die Verbände ab. Alles war verheilt. So, wie es sein sollte.
"Sehr gut. Deine Verletzungen sind verheilt. Weißt du noch, was passiert ist?", fragte sie den zierlichen Mann und er schüttelte den Kopf.
"Nein.. Nur, dass ich hier aufgewacht bin. Zuvor war nur..Dunkelheit.."
Sein Blick blieb ruhig, als er sie ansah. Erneut ergriff sie seine Hand. Lächelte warm, wenn auch traurig.
"Das ist nicht schlimm. Lass uns etwas an die frische Luft gehen. Das tut uns beiden gut."
So taten sie es. Die Sonne schien noch immer und gab ein trügerisches Gefühl, dass alles gut sein würde. Dementsprechend aktiv waren auch die Menschen der Stadt. Kinder spielten auf dem Marktplatz, der am Morgen noch gesäumt war mit Marktständen aller Art.
"Bleib dicht bei mir. Und lass dich besser nicht von jedem ansprechen.", riet Anya ihrem Gefährten.
Gemurmel war zu hören. Doch wagte es niemand, etwas zu sagen, solange die Magierin dabei war. Ihr Ziel war das nächstgelegene Stadttor. Es war besser, wenn niemand in ihrer Nähe war, während sie sich um ihr Gefühlschaos kümmerte. Neben den passiven Formen, wie Singen, Lesen und schreiben, hatte sie seit der Zerstörung von Belialuin eine etwas aktivere Methode entwickelt, damit umzugehen. Im freien Feld blieben sie stehen. Das sollte weit genug weg sein.
"Warum sind wir hier, Anya?", fragte Gowther und sah sich um.
Die Sonne und die frische Luft taten wirklich gut und verscheuchten die letzten Reste der brennend kalten Finsternis in ihm. Seine Gefährtin sah ihm in die vom Fluch ermatteten Augen und nahm seine Hände in ihre.
"Ich möchte nicht, dass jemand etwas abbekommen könnte. Bleib besser ein Stück hinter mir.", erklärte sie ihm sanft und drehte sich um.
Gowther tat, wie sie sagte und sah interessiert zu, wie die jung scheinende Magierin ihre Arme hob und eine Art Schlingpflanze aus dem Boden wachsen ließ. Nein. Zwei. Beide so verschieden, wie Tag und Nacht. Die rechte dunkel und mit Dornen übersät, die linke bewachsen mit hellen, fast leuchtenden Blüten. Beide wuchsen nebeneinander in die Höhe. Auch sie stieg mit ihnen in die Lüfte hinauf. Ihr Blick eisig und von Wut und Trauer erfüllt.
Es waren für sie Symbole. Symbole ihres Hasses. Sie hatten all die Menschen getötet, die ihr ein Zuhause gegeben hatten. Er..hatte dem, dem sie ihr Herz geschenkt hatte..die Liebe zu ihr und alle Erinnerungen genommen. So nahm sie nun alle negativen Gefühle in sich zusammen und ließ sie durch ihre Hände fließen.
"Exterminate Ray!"
Der zierliche Mann sah erschrocken dabei zu, wie die Pflanzen vor ihm mit einem Blitz in Flammen aufgingen. Der Blitz war dunkel und trug eine Art von Energie in sich, die ihn dazu veranlasste, Abstand von ihr zu nehmen. Anya bemerkte es zuerst nicht. Sah dabei zu, wie die Ranken niederbrannten. Dass ihre Magie so ungewöhnlich dunkel war, gefiel ihr gar nicht.
"Ich gehöre euch nicht.. Und er auch nicht..", murmelte sie leicht gepresst vor sich hin. "Keiner von euch hat meine Hilfe oder Treue verdient.."
Tief atmete sie aus. Das Feuer erlosch allmählich. Langsam kam sie zum Boden zurück. Gowther stolperte weiter von ihr weg. Diese Magie.. Sie machte ihm Angst. Nur verstand er den Grund dafür nicht. Anya drehte sich zu ihm um und schwindelte leicht. Das war nicht gut.
"Warte..! Alles ist gut..", sprach sie zu ihrem Gefährten, als sie merkte, dass er Abstand nahm und zuckte kurz zusammen.
Gar nicht gut.. Überhaupt nicht gut..
"Was..war das..?", kam es vorsichtig von ihm.
Seine Züge ließen kaum nach außen dringen, was der Blitz in ihm ausgelöst hatte, doch merkte sie, dass es ihm Angst machte.
"Nur ein kleiner Gefühlsausbruch. Keine Angst. Ich tu dir nichts.", redete sie auf ihn ein und hielt sich den Kopf.
Das ließ ihn wieder näher treten. Ihr ging es nicht gut. Doch immerhin war nun das Gewirr an Emotionen aus ihr verschwunden. Er hatte ihr versprochen, ihr dabei zu helfen..es..loszuwerden. Was auch immer es war. So kam er zu ihr.
"In Ordnung.. Du hast Schmerzen. Nicht wahr?"
Es war mehr eine Feststellung, als eine Frage. Vorsichtig kam er ihr näher. Strich sanft über die Hand an ihrer Stirn.
"Ich helfe dir..", sprach er ebenso sanft.
Anya sah ihn an. Spürte, wie der Schmerz weniger wurde. Auch der Kloß in ihrem Hals löste sich und mit einem Mal drückte sie ihren verfluchten Gefährten an sich. Es tat einfach gut, ihn wieder so real bei sich zu haben. Ihn wirklich fühlen zu können. Er schien mit dieser Umarmung etwas überfordert, doch wich er nicht zurück und ließ es geschehen. Streichelte ihr weiter über das schwarze Haar und nahm ihr Schmerz und auch etwas Traurigkeit.
"Danke.."
In diesem einen Wort lag so viel..
"Gern doch.. Geht es jetzt besser?", fragte Gowther und die Magierin nickte.
Der Funke Finsternis, der zuvor hervorgebrochen war..das Erbe ihres Vaters..hatte sie wieder in die tiefsten Winkel ihres Seins verbannt. Sie wollte es nicht. Ebenso wie das Licht. Weniger, als das Licht. Sie hatte Angst, dass sie werden könnte, wie er. Für Anya selbst war sie weder das eine, noch das andere. Sie war einfach nur sie.
"Lass uns zurückgehen und frühstücken. Ich bin am verhungern.", lächelte sie.
Die Reaktion war nicht so, wie gedacht. Gowther sah sie an, legte den Kopf schief und hob sie überraschenderweise auf seine Arme, was der Heilerin die Röte ins Gesicht steigen ließ.
"Wa-was hast du vor?", fragte sie ihn etwas überfordert.
"Du sagtest, du bist am verhungern. Ich bringe dich zurück, dass du essen kannst. Du hast meinetwegen nichts essen können. Ich will nicht, dass du mich zurücklässt."
Schon war er los gesprintet, ehe sie etwas erwidern konnte. Sicher hielt er sie. Fast beschützend. Sie musste wohl besser aufpassen, was sie wie zu ihm sagte.
"Was? Warte, ich sterbe doch nicht! Ich meinte damit doch nur, dass ich großen Hunger habe.", stellte sie richtig und musste darüber lächeln. "Mir geht es bestens. Ich habe nur noch nichts gefrühstückt. Das ist alles."
Trotzdem kuschelte sie sich instinktiv an seine Brust, in der stets Stille herrschte. Dann sah er auf sie hinab.
"Nur hungrig?"
Anya nickte und vor dem Tor wurde er langsamer.
"Nur hungrig. Ich verhungere schon nicht. Alles in Ordnung.", lächelte sie zu ihm auf.
Er war einfach zu niedlich. Genau wie früher. Nur noch kindlicher. So ließ er sie wieder runter.
"Gut.. Du musst auch auf dich achten. Überanstrenge dich nicht.", wies er sie an und klang damit wie zu ihrer Zeit als Schülerin.
Gemeinsam gingen sie zurück. Machten Frühstück und lasen dann gemeinsam ein Buch. Seine Gewohnheiten und Vorlieben waren geblieben. Bücher faszinierten ihn beinahe noch mehr, als vorher. Besonders die über Liebe und Freundschaft.
Anya war doch glücklich, ihn bei sich zu haben. Er brauchte sie und würde für ihn da sein. Er war ihr Herz. Auch wenn er das nicht mehr wusste. Sie gab die Hoffnung nicht auf, dass es einen Weg geben musste, diesen Fluch zu brechen. Und diese Beharrlichkeit sollte belohnt werden. Wie und wann, würden sie erst einige Jahre später erfahren. Aber das lag für die beiden ewig suchenden noch weit in der Ferne.
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