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Meine Sagensammlung

GeschichteFantasy, Übernatürlich / P12 / Gen
06.04.2019
26.11.2020
11
9.722
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06.04.2019 2.293
 
Vor langer, langer Zeit lebte ein Mädchen. Seit es sich erinnern konnte, lebte es bei den Feen, Kobolden und Geistern im Wald. Es war ein fröhliches Leben, denn bei den Waldwesen gab es keine Sorgen, keinen Streit, keine Angst und keinen Hass. Und weil es bei den Feen lebte alterte es auch nicht. Viele Jahrzehnte vergingen, ohne dass sich etwas daran änderte, bis das Mädchen eines Tages beim Spielen an den Waldrand gelangte. Vor ihr erstreckte sich eine große Wiese, die vom morgendlichen Nebel überzogen war. In der Ferne konnte sie Gebäude sehen, aus denen Rauch aufstieg. „Was ist denn das dort in der Ferne?“, fragte sie die Feen. „Das ist ein Menschendorf Lucy“, antwortete eine der Feen ihr. „Ein Menschendorf?“, fragte Lucy nach und die Feen nickten. „Dort leben die Menschen.“ Mit großen Augen sah das Mädchen auf die Rauchsäulen. „Willst du es dir ansehen?“, fragten die Waldgeister. „Darf ich das wirklich?“, fragte sie erstaunt zurück. „Wenn du zurückkommst, sobald es dunkel ist, dann darfst du gehen“, befürworteten die Feen. Lucy lächelte erfreut und stimmte zu. Dann machte sie sich auf den Weg zu dem Dorf der Menschen.

Im Menschendorf spielten die Kinder gerade, als sie in einiger Entfernung jemanden sahen. Es war ein Mädchen mit feuerroten Haaren und einem weißen Kleid. Neugierig kamen die Kinder näher und begrüßten sie. „Hallo, wer bist du denn?“ „Woher kommst du?“ „Dich haben wir noch nie gesehen“, plapperten sie munter drauf los. Das Mädchen wirkte etwas erschrocken, weshalb der Älteste der Kinder vortrat und allen sagte, dass sie sie nicht so bedrängen sollten. „Mein Name ist Jack“, stellte er sich vor. „Und wer bist du?“ Das Mädchen betrachtete ihn neugierig. Nach einiger Zeit antwortete sie ihm jedoch: „Ich bin Lucy.“ Die Kinder lachten erfreut und begrüßten sie mit ihrem Namen. „Woher kommst du?“, fragten sie sie und Lucy zögerte erneut. Jack schmunzelte. „Du musst es nicht erzählen, wenn du nicht möchtest. Komm ruhig mit ins Dorf, du warst sicher lange unterwegs“, meinte er und machte eine einladende Handbewegung. Damit ging er voran, die anderen Kinder liefen ihm hinterher und Lucy folgte ihnen langsam.

Das Dorf war seltsamer, als Lucy gedacht hätte. Überall liefen Leute herum, die ganz anders waren, als die Waldgeister. Sie waren größer und sahen aus, wie sie selbst. Die Kinder, die sie willkommen geheißen hatten, gingen immer noch vor ihr her. Sie führten sie in die Mitte des Dorfes, wo viele kleine Konstrukte aus Holz aufgebaut worden waren. „Was sind das für Dinger?“, fragte sie und die anderen Kinder schauten sie ungläubig an. „Das sind Marktstände. Sag bloß, du hast noch nie welche gesehen“, antworteten sie ihr. Lucy schüttelte den Kopf, sagte jedoch nichts mehr. Hinter den Marktständen, wie die anderen sie genannt hatten, standen große Menschen, die laut herumriefen. „Heute nur der halbe Preis für all die Fische, die ihr hier seht!“ „Labt euch an dem feinsten Honig des Dorfes!“ „Schmuckstücke und andere Werkstücke!“ Lucy sah sich die Leute neugierig an. Sie verstand zwar die Sprache, die sie sprachen, doch viele Worte, die sie verwendeten, hatte sie noch nie zuvor gehört. Jack ging zu einem der Holzstände, wo Äpfel lagen und gab dem Mann, der dahinter stand, einen glänzenden Gegenstand. Kurz darauf kam er mit einem Apfel zurück, den er ihr gab. „Hier bitte, iss nur“, meinte er und sie nahm die Frucht an. Sie schmeckte genauso gut, wie die Äpfel im Wald. „Warum pflückst du sie nicht selbst?“, fragte sie ihn. „Wie denn? Die Apfelbäume gehören dem Mann hinter dem Tresen da“, erklärte er ihr und sie sah ihn verwirrt an. „Aber Bäume gehören doch niemanden. Sie sind für alle da“, widersprach sie. „Vielleicht ist das so, wo du herkommst, aber hier zahlen wir dafür. Warum glaubst du habe ich ihm das Goldstück gegeben?“ „Goldstück?“ Jack sah sie ungläubig an. „Jetzt sag bloß nicht, dass du noch nie von Geld gehört hast.“ Lucy schüttelte den Kopf.

Jack wurde mehr und mehr klar, dass Lucy kein normales Mädchen war. Im Laufe des Tages fragte sie ihn die absurdesten Dinge, die eigentlich jeder Mensch wusste. Der Junge musste ihr ständig die einfachsten Begriffe erklären. „Was tun die beiden da?“, fragte sie nun und Jack sah in die Richtung, in die ihr Finger diesmal deutete. „Sie streiten“, erklärte er, als er verstand, dass sie zwei Männer meinte, die sich gerade in die Haare geraten waren. „Das macht man so, wenn man sich nicht einig ist“, fuhr er fort, da er wusste, dass Lucys nächste Frage sein würde, was Streiten sei. „So ein Streit schaut manchmal böse aus, aber er hilft.“ „Mehr helfen würde es, wenn man sich gleich einig wäre“, murmelte Lucy. Jack wollte etwas erwidern, da wurde ihre Aufmerksamkeit auch schon von etwas Neuem abgelenkt. Es war der alte Baum, der in der Mitte des Dorfplatzes stand. Sie lief zu dem Baum und legte ihre Hand flach auf seine Rinde. „Er weint“, flüsterte sie. „Wie bitte?“ „Der alte Baum weint“, wiederholte sie. „Wenn du damit sagen willst, dass er krank ist, dann hast du recht. Er vermodert langsam, aber sicher“, meinte Jack. „Das ist der älteste Baum im Dorf. Früher sollen darin Feen gelebt haben, aber ich denke, das ist nur eine Legende.“ Lucys Augen wurden groß und sie sah so aus, als würde sie sich an etwas wichtiges erinnern. Ihr Blick fiel auf die untergehende Sonne und sie erschrak. „Es ist schon spät“, meinte sie aufgeregt. „Ich muss gehen.“ Jack sah sie überrascht an. „Gehen? Wohin denn?“, fragte er sie. „Nachhause. Ich habe versprochen, dass ich zurück sein würde, bevor es dunkel ist“, antwortete sie und lief los. Jack lief ihr hinterher, bis sie am Rand des Dorfes angekommen waren. Dort blieb sie plötzlich stehen, als sie bemerkte, dass er immer noch hinter ihr war. „Du kannst nicht mitkommen“, flüsterte sie. „Warum? Ich will dich nur nachhause bringen, alleine zu gehen ist bei der Dunkelheit gefährlich.“ Sie drehte sich um und lächelte ihn an. „Dorthin wo ich gehe, kannst du mich nicht bringen“, erklärte sie, dann lief sie weiter. Jack blieb alleine zurück und sah ihr nach, bis er weder ihr wehendes weißes Kleid, noch ihr feurig rotes Haar erkennen konnte. In diese Richtung gab es doch nichts. Nichts außer dem verwunschenen Wald. Und plötzlich verstand er, woher sie gekommen war und warum sie nichts von seiner Welt wusste.

„Und wie war es bei den Menschen?“, fragte die Feen neugierig und umschwärmten Lucy. Kaum hatte sie einen Fuß in den Wald gesetzt bestürmten die geisterhaften Wesen sie auch schon mit Fragen. „Es war seltsam“, antwortete sie schmunzelnd. „Die Menschen sind komisch. Sie denken, dass man Dinge gegen kleine Plättchen eintauschen muss, dass man sich anschreien muss, wenn man sich nicht versteht und dass man Bäume besitzen kann.“ Die Elfen und Kobolde kicherten. „Willst du noch mal zurück?“, fragten sie das Mädchen. „Leben will ich dort nicht“, gestand sie. „Aber trotzdem muss ich noch mal zurück.“ Die Waldgeister sahen sie erstaunt an. „Es gibt dort einen Baum, der bald stirbt. Es war einmal ein Feenbaum, darum will ich ihn retten“, murmelte sie. „Weißt du, warum keine Feen mehr dort leben?“, fragte nun einer der Kobolde und Lucy schüttelte den Kopf. „Als die Menschen kamen, da verließen sie den Baum. Die Menschen haben immer mehr vergessen, die Natur zu wertschätzen und nun zahlen sie den Preis. Sobald dieser Baum stirbt, werden auch die Bäume, die die Menschen ihr Eigen nennen sterben. Dann müssen die Menschen von hier weg“, erklärte das kleine Wesen. „Willst du den Menschen wirklich noch helfen, jetzt da du weißt, was sie getan haben?“ Lucy senkte den Kopf und überlegte. „Ich habe heute gesehen, wie komisch sie sind. Aber trotzdem. Ich glaube, dass sie sich bessern können“, meinte sie zögernd. Eine der Feen schwebte auf sie zu und legte ihre kleine Hand auf ihre Schulter. „Du tust gut daran, den Menschen zu vertrauen Lucy. Und wenn du ihnen helfen willst, wenn du ihnen eine zweite Chance geben willst, dann werden wir dir helfen“, versprach sie und alle anderen Waldgeister stimmten zu, woraufhin das rothaarige Mädchen ihre Freunde dankbar ansah.

Jack saß auf einer der Gartenmauern und kaute an einem Grashalm. Es waren mehrere Tage vergangen, seit Lucy da gewesen war. Er hatte viel das Mädchen nachgedacht,  seit es das Dorf verlassen hatte. Kam sie wirklich aus dem verwunschenen Wald? Und wenn ja, warum ist sie dann hierhergekommen? Er hatte Geschichten von dem verwunschenen Wald gehört und von den Wesen, die in ihm hausen sollten. War Lucy geschickt worden, um ihr Dorf zu prüfen? Sie hat sehr nachdenklich ausgesehen, als sie den alten Baum entdeckt hatte. Und auch die ganzen anderen Dinge, die sie ihn gefragt hatte, gingen ihm nicht mehr aus dem Kopf. Wahrscheinlich konnte sie kaum schlechter von den Menschen denken, nach allem, was sie gesehen hatte. Er seufzte und sah über die Landschaft. Plötzlich meinte er, in der Ferne etwas zu sehen. Es war eine Gestalt, die auf das Dorf zukam. Jack wagte kaum zu hoffen, dass es wirklich sie war, trotzdem kniff er seine Augen zusammen, um besser sehen zu können, wer da auf das Dorf zukam. Als die Gestalt näherkam gab es für ihn keinen Zweifel mehr. Die feuerroten Haare und das weiße Kleid waren unverkennbar. Der Junge sprang von der Mauer und lief Lucy entgegen. „Lucy!“, rief er. „Jack!“, rief sie erfreut, als sie ihn erkannte. Kurz vor ihr blieb er stehen, wobei er wegen dem hektischen Lauf laut keuchte. „Ich dachte, du würdest nicht mehr wiederkommen“, gestand er und sie lächelte. „Und den Baum sterben lassen? Unsinn!“, meinte sie. Erst jetzt bemerkte er, dass sie ein kleines Körbchen dabei hatte. „Was ist das?“, fragte er neugierig. „Das ist der Grund, warum ich nicht früher kommen konnte. Meine Freunde haben mir geholfen es zu machen“, antwortete sie ihm, während er sie ins Dorf führte. „Deine Freunde? Also wohnst du wirklich im…im verwunschenen Wald?“ Lucy nickte. „Hier drin ist eine Medizin für den alten Baum, damit er und euer Dorf weiterleben können“, erklärte sie. „A-aber…ich dachte, dass du von uns Menschen enttäuscht bist. Nach allem, was ich dir erzählt und gezeigt habe.“ Jack ließ den Kopf hängen und Lucy sah ihn mitfühlend an. „Ihr Menschen seid wirklich seltsam. Aber ich glaube daran, dass ihr trotzdem Gutes in euch habt. Du bist der beste Beweis dafür“, meinte sie und hob sein Kinn an. „Ich?“, fragte er sie erstaunt. „Du hast mir geholfen, du hast mir alles erklärt. Wenn nicht du, wer dann?“ Sie lächelte ihn an und zog ihn zu dem alten Baum. „Und jetzt komm, wir haben einen Baum zu heilen.“

An diesem Abend waren die Blätter des Baumes wieder so grün wie am ersten Tag. Die Sonne ging bereits unter und tauchte die Landschaft in rotes Licht, als Lucy an der Dorfgrenze von den Dorfbewohnern verabschiedet wurde. „Was du getan hast, das werden wir nie vergessen. Wir danken dir“, meinte ein alter Mann und das Mädchen nickte. Jack sah sie an und lächelte schwach. „Ich denke, jetzt heißt es wohl Abschied nehmen“, meinte er. Lucy schüttelte den Kopf. „Ich werde wiederkommen. Das verspreche ich dir“, flüsterte sie und umarmte ihn. „Von heute an werde ich mich um den Baum kümmern. Und ich werde bei dir sein, wenn du mich brauchst Jack.“ „Danke Lucy“, flüsterte der Junge zurück. Dann trennten sie sich voneinander und Lucy winkte ihnen noch einmal zu, bevor sie in Richtung Wald verschwand.



„Glaubt ihr, dass das wirklich so passiert ist?“, fragte ein Junge, der in der Gruppe war, die vor dem großen Baum stand. „Es steht hier so Phil“, antwortete einer seiner Freunde und deutete auf die Messingtafel, die vor dem Baum stand. „Der Sage nach kommt Lucy auch heute noch aus dem Wald und sorgt für den Baum. Darum errichteten die Menschen auch diese Statue.“ Der letzte Satz bezog sich offensichtlich auf die eiserne Statue, die vor dem Baum stand und ein Mädchen darstellte. „Sehr richtig James. Seit damals hat diese Stadt immer darauf geachtet, dass sie der Natur genug Platz ließen“, erklärte die Lehrerin den Kindern. „Damit hätten wir den letzten Punkt unseres Stadttrips abgeschlossen. Lasst uns zurück ins Hotel gehen.“ Die Kinder nickten und marschierten in einer Zweierreihe hinter der Lehrerin her.

Später an jenem Abend blickte Phil aus dem Fenster ihres Hotelzimmers. Die anderen schliefen schon lange. Der Junge seufzte. Die Legenden die sie heute gehört hatten, waren ja ganz schön, aber er bezweifelte, dass sie stimmten. Inzwischen reichte die Stadt bis zu dem Wald, der in der Geschichte auf der Messingtafel erwähnt wurde. Weiter hatte man nie in diese Richtung gebaut, das hatte er im Reiseführer gelesen. Er blickte auf die finsteren Baumreihen und verlor sich bald in seinen Gedanken. Doch dann sah er etwas. Es war ein Licht, das durch die Bäume flackerte und immer näher auf den Waldrand zukam. Die Straßenlaternen begannen zu flackern und fielen schließlich ganz aus. Langsam wurde Phil mulmig, doch er wollte unbedingt sehen, was das war. Aus dem Wald kam ein Mädchen mit feuerroten Haaren und weißem Kleid. In ihrer einen Hand hielt sie eine Laterne in ihrer zweiten einen kleinen Korb. Sie ging die Straße entlang, während die Lampen vor ihr weiterhin ausgingen, so dass ihr Licht das einzige war, das den Weg erleuchtete. Phil sah sie gebannt an, als sie plötzlich ihren Kopf zu ihm drehte und ihn anblickte. Der Junge zuckte zusammen, doch als er sah, dass sie lächelte entspannte er sich. Sanft führte sie die Hand mit dem Korb an ihren Mund legte einen Finger auf ihre Lippen. Dann zwinkerte sie ihm zu und ging rasch weiter. Die Straßenlaternen gingen wieder an, sobald sie hinter der nächsten Ecke verschwunden war. Phil brauchte kurz, um zu begreifen, was er gerade gesehen hatte. Vielleicht sollte man alten Sagen manchmal doch lieber Glauben schenken.
 
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