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The Suspicion

von Ravaari
Kurzbeschreibung
KurzgeschichteSchmerz/Trost, Sci-Fi / P16 / Gen
OC (Own Character)
06.04.2019
17.04.2020
4
17.732
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06.04.2019 3.742
 
Issrin war verdächtigt worden. Vor drei Wochen hatte Yaplin neun-Acht-Fünf Meldung gemacht.
Dem Yirk eines Freiwilligen, der Yaplin zumindest flüchtig kannte, war es zu Ohren gekommen und die Nachricht von dem niederrangigen Yirk der die Familie seines Wirtes verschonte und damit den Verdacht ein Sympathisant zu sein, so leichtfertig riskierte, hatte sich im Volontär-Bereich verbreitet wie ein Lauffeuer.
Ein Wunder, das der Sub-Nessirk mich erst jetzt sehen wollte.
Natürlich, sie wollten uns alle sehen.
Alle neuen Freiwilligen, ohne unsere Yirks und allein, um uns zu befragen.
Es war Routine in allen Einheiten.
Heute sollte es also nur um mich gehen. Nicht um Issrin oder sonst irgendwas.
´Geh da hin und sprich mit ihr, vertrau ihr und mach alles was sie von dir will. Sie ist nicht so wie du denkst und schwer in Ordnung für einen Yirk.´
Zeze hatte mir das gesagt, während sie mir hastig die rote Schleife über den Kopf gestreift hatte.
Sie hatte versucht, mir Mut zu machen, während wir gemeinsam zur Station nahe des Reinfestationspiers gingen, denn ausgerechnet dieser Yirk war in der oberen Welt auch sowas wie ihre "Pflegemutter".,  hatte Sara sozusagen von der Straße geholt.
Sie schien ihn wirklich gut zu kennen und hatte mir hoch und heilig versprochen, dass es auf keinen Fall so sein würde wie bei Issrins "erster Ermahung". Nicht so wie bei Sub-Visser Zweihundertdreiundsechzig, aber oh Gott...
Ich hatte trotzdem Angst und allein die Erinnerung an meinen letzten Besuch in der Containerstadt reichte, dass mir augenblicklich schlecht wurde.

Dann auf mich alleine gestellt mit der Yirk-Bahn zu fahren, umgeben zu sein von Controllern während sich die Lehne des harten weißen Sitz unangenehm in meinen Rücken presste, machte es da nicht besser.
Natürlich trug ich die Schleife.
Das Zeichen, das ich im Auftrag eines Yirks unterwegs war und die meisten von ihnen ließen einen so auch in Ruhe.
Aber trotzdem änderte das nichts an der Tatsache, dass es unangenehm war, besonders weil es immer wieder Yirks gab, die jede Gelegenheit nutzten um sich über "freie Wirte" zu beschweren, oder die Situation zu ihrem Vorteil zu nutzen.

Issrin hatte mir deswegen auch eingeschärft, mit niemandem sonst zu sprechen bis auf den Sub-Nessirk selbst. Verzweifelt sah ich mich um, um mich abzulenken, aber es gab nicht wirklich etwas wohin ich schauen konnte, ohne möglicherweise den falschen Yirk zu lange anzusehen, außer den rasend schnell an uns vorbei sausenden Poolkomplex außerhalb der Röhren oder die Spitzen meiner Schuhe.
Aber selbst wenn ich das tat, war alles um mich herum immer noch erfüllt von ihren Stimmen, die in meinen Ohren zu einem undefinierbaren Kauderwelsch verschwammen, dass eine bunte Mischung aus ihrer und meiner Sprache war.
Ich fühlte, wie ein paar von ihnen mich unverhohlen anstarrten, während ich nicht einmal einen Blick riskieren durfte.
Zumindest nicht offensichtlich, was mich allerdings nicht daran hinderte, es trotzdem zu tun.
Wenigstens ein bisschen und aus den Augenwinkeln.

Einige Plätze vor mir saß ein Junge.
Ich hatte ihn schon öfters gesehen, früher, in den Käfigen.
Er war schlank und hatte extrem helle, beinahe schon weiße Haare und Haut. Feingliedrige Finger und eine sehr schmale, hübsche Nase.
Mädchennase...
Jetzt gerade bebten seine Schultern, weil er lachte und abwechselnd mit einem langhaarigen Controller-Mädchen iin der Sitzreihe neben ihm redete.
Seine Stimme war hell und kühl und ich konnte hie und da Worte aufschnappen, die ich verstand.
Es ging unter anderem um uns Menschen, um unsere "Eignung" und die Fortschritte der amerikanischen Invasion.

Vorsichtig hob ich den Kopf ein bisschen und drehte mich leicht in ihre Richtung, auch wenn ich natürlich wusste, dass es nicht gut war.
Dass Zeze und Ben Ärger bekommen würden, wenn ich erwischt wurde und es "ihnen" nicht passte, von mir belauscht zu werden, aber ich konnte einfach nicht anders. Dieses Lachen... Es war einfach so anders...
So surreal und passte nicht zu ihm.
Nicht zu dem stillen ins Leere starrenden Teenagerjungen, dessen Namen ich nicht mal kannte, obwohl er öfter als einmal direkt neben mir im Käfig gewesen war. Nicht zu dem Kerl, der nie auf Fragen geantwortet hatte, auch dann nicht, wenn die anderen sie gestellt hatten und einmal sogar über zwei Stunden damit verbracht hatte, schweigend fünf Kieselsteine abwechselnd in eine Reihe auf den Käfigboden zu legen und wieder einzusammeln. Immer und immer wieder.
Es passte nur zu dem Yirk der gerade seinen Körper steuerte.
Zu diesem außerirdischen Wesen in seinem Kopf das gerade meine Sprache sprach, als wäre es hier geboren. Als hätte es das Recht dazu...

Glücklicherweise blieb mir nicht viel Zeit zu viel darüber nachzudenken oder wütend zu werden, die Yirkbahn war nämlich um einiges schneller als die Verkehrsmittel die Menschen normalerweise gewohnt waren und innerhalb weniger Minuten war ich wieder dort: Umgeben von in ordentlichen Reihen neben – hinter und teilweise auch übereinander aufgestellten Containern, die bis auf kleine, mit Nummern und Buchstaben versehenem Täfelchen alle vollkommen gleich aussahen: hellblau gestrichene Metallwände mit einem einzelnen kleinen Fenster und einer weißen schmalen Türe.
Es mussten bestimmt mehrere hundert Container sein, doch längst nicht alle dienten als behelfsmäßige Büros.
Manche waren auch viel größer, hatten andere Farben und waren soetwas wie Lagerräume.
Aber dank der Ordnungsliebe der Yirks und nicht zuletzt dank Zeze, die mir neben der richtigen Haltestelle auch die Buchstaben- und Nummernkombi SN-10093 auf einen Zettel geschrieben hatte, fand ich den richtigen Container relativ schnell, auch wenn die Kugelschreibertinte auf dem zerknüllten Papier durch meine verschwitzen Finger bereits nach Kurzem ein bisschen verwischt war.

Trotzdem zögerte ich und stand lange einfach nur davor, ohne irgendetwas zu tun und als ich mich schließlich doch dazu durchrang in meiner Verzweiflung zu klopfen, weil ich nicht wusste, was ich sonst tun sollte, schlug mir das Herz wirklich bis zum Hals, doch es meldete sich niemand.
Also klopfte ich nochmal, dieses Mal etwas fester und dachte für einen kurzen schrecklichen Moment ich wäre vielleicht zu spät oder zur falschen Zeit am falschen Ort, als mich plötzlich eine resolute Frauenstimme die aus dem Inneren kam, vor Schreck fast senkrecht in die Luft springen ließ.
"Herein!"
Zum Glück fasste ich mich relativ schnell wieder.
Musste, wenn ich wollte, dass alle die mir etwas bedeuteten, unversehrt blieben.
"Ja...äh ich... ich bin die Freiwillige. Mein Yirk hat mich hergeschickt. Die Bezeichnung ist...-"
"Issrin Ya-Terash Neun-Acht-Fünf, Sechshundertdreiundneunzig-Zwei-Zweiundvierzig-Hundertzweiundzwanzig-Achtzehn-Zweikommafünfunddreißig- Eins-Acht-Drei. Ja ich weiß, wer du bist und ich habe dir gerade gesagt, du sollst hereinkommen. Gespräche gestalten sich immer etwas kompliziert durch eine geschlossene Tür. "
"Ja...ja natürlich, Sub-Nessirk."
Sub-Nessirk oder besser gesagt Sub-Nessirk Tausenddreiundneunzig...
Ich verwendete diesen Titel, ohne eigentlich zu wissen, was ein Sub-Nessirk war oder tat, geschweigedenn was die lange Nummer am Ende dieser merkwürdigen Bezeichnung zu bedeuten hatte, ausser dem Umstand, dass es vermutlich noch mindestens tausendzweiundneunzig andere Sub-Nessirks gab...

Hastig drückte ich die Türklinke und trat ein, um den Yirk nicht zu lange warten zu lassen.
Auch wenn er, zumindest für Yirkverhältinisse grade ziemlich freundlich geklungen hatte, fast schon belustigt, denn ich wusste natürlich nicht, wie er reagieren würde, wenn ich ihn noch länger warten lassen würde und hatte in meiner Zeit als Wirt bereits mehr als einmal mitbekommen, dass höherrangige Kollegen von Issrin ihre Meinung schlagartig ändern konnten.

Drinnen sah es nicht viel anders aus als vor einigen Wochen im Büro von Sub-Visser Zweihundertdreiundsechzig: Metallener Schreibtisch und darüber schwebend der Holobildschirm.
Aber der Wirt des Yirks und die Atmosphäre wirkten vollkommen anders.
Es war nämlich erst einmal kein Mann, sondern eine ziemlich dünne, fast schon knochige Frau Ende vierzig.
Sie hatte schmale Lippen, dunkelbraune Augen und schulterlange schwarze Haare, die ihre helle Haut noch blasser wirken ließen.
Gekleidet war sie in einen eleganten knielangen Rock in Beige samt farblich passenden Strumpfhosen und hübschen flachen Schuhen.

Dazu trug sie eine langärmlige, creme weiße Bluse.
Das war an sich nichts Besonderes.
Ich hatte Yirks schon in allen möglichen Kleidungsstücken herumlaufen sehen.
Aber wirklich verstörend fand ich, dass sie mich richtig ansah und dabei lächelte.
Und vor allem die Kaffeetasse gut sichtbar mitten auf dem Tisch vor ihr.
Ich meine, dass Issrin ziemlich wahrscheinlich nicht der einzige Yirk war, der menschliche Dinge mochte, war irgendwo klar. Ich hatte es erwartet, aber nicht von einem hochrangigen Artgenossen und wenn schon, dann auf keinen Fall derart offensichtlich.
"Durstig?"

Fast als wären meine stummen Gedanken ein Stichwort, griff sich der Sub-Nessirk die Tasse und nahm einen kleinen Schluck.
Das Lächeln in ihrem Gesicht wurde breiter, während sie sich nur wenige Sekunden später, ohne eine Antwort abzuwarten bückte und in einer Handtasche am Boden neben ihr kramte um schließlich eine leuchtend rote Coladose  zu Tage zu fördern und vor mich hin zustellen.
Eine Coladose!
H i e r !


Der bloße Gedanke daran, dass ein Yirk anscheinend eine Cola in der Handtasche seiner Wirtin spazieren trug, schockte mich so, dass mir die Kinnlade runter klappte.
Vermutlich war mein Gesichtsausdruck dementsprechend auch nicht sonderlich intelligent.
Doch der Sub-Nessirk war bereits wieder in die Daten auf seinen Holo-Bildschirm vertieft und deutete lässig in die rechte Ecke des Containers, wo ein einfacher, wenn auch schon ziemlich zerschrammter Holzstuhl stand.
"Da. Nimm ihn und setz dich. Du bist keiner meiner Untergebenen, Lou. Deshalb verlange ich auch nicht, dass du Hab -Acht vor mir stehst."
Lou?!
Sie schien also sogar meinen Namen zu kennen und ich bekam einen Sitzplatz. Das wurde ja immer besser hier und schon jetzt war ich mir sicher niemand, absolut niemand im Voluntär-Bereich würde mir das glauben, wenn ich es erzählen würde.
Falls ich es überhaupt erzähle...
"Danke, Sub-Nessirk."

Artig hockte ich mich auf den Stuhl, doch das schien der Yirk nicht wirklich Recht zu sein, denn fast sofort schaute sie zu mir herüber und runzelte sichtlich verwirrt die Stirn.
"Nein, doch nicht dort in der Ecke! Nimm den Stuhl und komm hier her bitte."
Bitte...

Vor Verwunderung stolperte ich beim Aufstehen fast über meine eigenen Füße, aber ich nahm den Stuhl und ging damit zögerlich zu dem Schreibtisch hinüber.
Wie gesagt, Yirks änderten gerne ihre Meinung und vielleicht war das ein Trick.
"Du scheinst sehr höflich zu sein und Zeze hat dir alles gut erklärt. Viel zu gut wie immer, denn wie ich grade schon gesagt habe, unterstehst du nicht meinen Befehlen, also nenn mich nicht Sub-Nessirk. Shalif ist hierbei vollkommen ausreichend."
"Wie bitte?!"
Platzte es ungläubig aus mir heraus. Ich wusste, es war ein Fehler, aber leider konnte ich mich nicht mehr länger zurückhalten.
Ein Yirk, noch dazu ein hochrangiger Yirk der Kaffee trank, Coladosen in seiner Handtasche bunkerte, mich, einen Wirt bat sich direkt ihm gegenüber hinzusetzen und nicht nur meinen Namen kannte, sondern mir auch noch anbot seinen zu verwenden, obwohl ich ihm nicht als "Wirtskörper" zugeteilt worden war, fast so als wäre es das Selbstverständlichste auf der Welt … Das war einfach zu verrückt, um wahr zu sein und wäre meine Kehle vor Nervosität nicht so trocken gewesen, dass ich auch so fast schon keinen Ton herausbrachte, wäre ich bestimmt in lautes Gelächter ausgebrochen.
So beschränkte es sich nur auf ein heiseres Flüstern, aber meine Augen waren inzwischen sicher so groß wie Suppenteller
"Shalif."
Wiederholte der Yirk ungerührt von meinem Erstaunen. "Mit einem "Scha", wie in "Schale" und einem "lief" das klingt, wie das Präteritum von laufen." Mit einer kleinen, wischenden Handbewegung ließ sie den Holobildschirm endgültig verschwinden und sah mir das erste Mal direkt in die Augen.
"Unsere beiden Spezies haben Bezeichnungen für einzelne Individuen, da wäre es doch eine Schande sie nicht ab und an zu benutzen, nicht wahr?"
"J-ja, Sub..- ähm Shalif."

Hastig rang ich mir ein Nicken ab und setzte mich hin.
"Danke."
"Natürlich."
Wieder lächelte Shalif, allerdings nur für einen kurzen Moment, bevor sie wieder ernst wurde:
"Hm und du bist also der Wirt von Issrin Neun-Acht-Fünf und erst seit Kurzem freiwillig. Erzähl mir davon."
Erzähl mir davon…
Ich hatte mit wirklich allem gerechnet, als Zeze gemeint hatte, der Sub-Nessirk würde mir persönliche Fragen stellen, aber nicht mit so etwas hier.
Mein Verstand schien sich augenblicklich aufzulösen und saugte die letzten sinnvollen Gedanken gleich mit in ein mentales schwarzes Loch.
Ich blinzelte einmal.
Zweimal. Ungläubig und schockiert.
"Wie bitte?!"
"Ya-Noor." Shalif lachte jetzt wirklich und schüttelte amüsiert den Kopf.
"In deinem Akt steht nichts über eine Hörschädigung, daher bin ich mir sehr sicher, dass du mich verstanden hast. Wie ist es für dich, Wirt für einen von uns zu sein, oder noch besser: Wäre ich jetzt an Issrins Stelle in deinem Kopf, was würde ich sehen? Bitte, du kannst hier vollkommen frei sprechen."
Was würde ich sehen?
Beim bloßen Gedanken daran erschauderte ich während ich das menschliche Gesicht des Sub-Nessirks musterte.
Dieses allem Anschein nach freundliche Lächeln, das Vertrauen erwecken sollte.
Vertrauen zu einem ausserirdischen Ding, dass sich gerade in diesem Moment in die Vertiefungen des Gehirns seiner Wirtin schmiegte wie eine zweite Haut.
Wie eine hauchdünne eklige schleimige grüngraue zweite Haut.

Unwillkürlich dachte ich daran, wie dieser Yirk seine Neuronen an die Nervenzellen dieser Frau geheftet hatte und dabei eine spezielle Flüssigkeit in jede einzelne Furche eben dieses Wirtsgehirns sickern ließ.
Wie er jeden einzelnen Befehl des eigentlichen Körperbesitzers erfolgreich umging.
Dank Issrin wusste ich bestens Bescheid darüber.

Eines der wenigen Dinge, die sie mir nämlich gleich zu anfangs in aller Ausführlichkeit erklärt hatte, um mir die Sinnlosigkeit meines ersten Rebellionsversuches vor Augen zu führen, war der Infestationsprozess selbst gewesen.
Sie hatte meine Reaktion darauf amüsant gefunden, besonders meinen Ekel.
Nein, das hier war keine nette ältere Frau, die mir eine Cola spendierte, oder ein kleines, harmloses Gespräch führen wollte, sondern nur eine Alien-Nacktschnecke.
Ein widerwärtiger außerirdischer Wurm und bestimmt war diese ganze Freundlichkeit mir gegenüber auch nur Show um mir ein paar Informationen über Issrin zu entlocken.
Vielleicht stand mein Yirk dank Yaplin sogar schon auf der Abschussliste und ich würde jemand neuem "zugeteilt" werden, sobald sie erfolgreich aus dem Weg geräumt war.
Jemanden, der nicht so einfach mit sich handeln ließ und die "Protokolle" befolgte.
Sicher wollte sie jedes einzelne meiner Worte zu ihrem Vorteil nutzen und ihre Arbeit machen. Issrin ans Messer liefern.
Aus welchem Grund auch sonst sollte ein Yirk wie"Shalif" freundlich zu einem Wirt wie mir sein?...

"Ich...ich weiß nicht."
Sagte ich trotzdem nach einer gefühlten Ewigkeit, wo ich in meine Gedanken versunken nur auf Shalifs Stirn gestarrt hatte.
"Issrin sagt… Sie sagt, ich habe gelernt es zu akzeptieren und wahrscheinlich... Wahrscheinlich hat sie recht. Ich meine, wenn ich mich wehre dann… Dann…-"
"Dann bringt Issrin uns deine Angehörigen. Deine Familie und alle die dir etwas bedeuten. Ja, das habe ich auch schon in Erfahrung bringen können und viele Initianten…Yirks in Issrins Position, wählen diese Option um einen Wirt gefügig zu machen. Aber nur wenige Niederrangige riskieren eine Verdächtigung bereits nach so kurzer Zeit. "

Shalif beugte sich etwas zu mir nach vorn und musterte mein Gesicht intensiv bevor sie fortfuhr:
"So Lou, also jetzt mal ganz im Vertrauen: Yaplin ist ein Idiot.Er hat einen Freiwilligen verschwendet und mich vor drei Wochen belästigt, um Meldung zu machen. Meinte, der Nessirk wäre in diesem Fall nicht zuständig, weil es auf ihn selbst zurückfallen könnte und er Issrin vermutlich sogar decken würde. Natürlich muss ich einem solchen Fall nachgehen, aber wenn ich dich so vor mir sehe, fehlt mir schlicht alles, was ich von dem Wirt eines Sympathisanten erwarten würde und du kannst mir glauben, ich habe schon einige von ihnen aufgedeckt. Du bist zwar eine Freiwillige und Issrin hat dich gefügig gemacht. Da ist vielleicht sogar Dankbarkeit von deiner Seite und du hast dich mit der Situation arrangiert, aber mehr auch nicht."

Mit einer schnellen Bewegung öffnete Shalif die Coladose und schob sie mir ein wenig hin.
Vor Schreck über das unerwartete Zischen und die plötzliche Nähe zu diesem Yirk zuckte ich unwillkürlich zusammen, aber Shalif ignorierte es geflissentlich bevor sie sich wieder in ihren Stuhl zurücksinken ließ und mich fast schon enttäuscht musterte.
"Bedauerlich, aber wie auch immer. Das ist immerhin nur einer von den Gründen, warum du heute hier bist. Ein sehr kleiner Grund und der Yirk, dem du zugeteilt wurdest, hat von mir nichts zu befürchten. Um was es mir wirklich geht ist, deine Situation zu verbessern… Trink."
"Meine Situation?"
Gehorsam nahm ich die Dose in die Hand und nippte kurz, obwohl mir grade tausend kleine Schauer den Rücken runter liefen.
"Ja. Immerhin bist du freiwillig und es ist in unserem Interesse, dass du das auch bleibst. Es gibt genug andere Yirks in diesem Pool, die vermutlich alles dafür tun würden, einen Freiwilligen zu bekommen und einige davon würden ihre Wirte vermutlich auch um einiges besser behandeln, als so mancher niedere Initiant. Wenn du das möchtest, kann ich persönlich noch heute veranlassen, dass du an jemand anderen gehst."
An jemand anderen?!
Vor Schreck hielt ich mitten in der Bewegung inne und leerte mir dabei fast das Cola auf die Hose.
Es lief also wirklich ganz genau darauf hinaus.
Darauf und auf nichts anderes.
"Nein!" Sagte ich schnell.
Schneller als beabsichtigt und auch etwas zu heftig.
Tief atmete ich durch und versuchte meine Emotionen auf die Reihe zu kriegen, einen klaren Gedanken zu fassen und einen kühlen Kopf zu bewahren, bevor ich es noch mal versuchte.
"Ich... ich meine danke, aber nein. Issrin ist…Sie...sie behandelt mich gut und ich habe mich an sie gewöhnt."
"Gut, wie du willst."
Shalif seufzte und sagte mehr zu sich als zu mir: "Seltsamerweise scheint dein Yirk es anders zu sehen, aber es ist deine Entscheidung. Wenn du diesen Ort hier verlässt, wirst du nicht so schnell nochmal die Chance erhalten, deine Meinung zu ändern."

Der Sub-Nessirk legte den Kopf schief und musterte mich, als würde sie auf eine bestimmte Reaktion von mir warten, als die aber ausblieb, fuhr sie fort: "Dann jetzt noch zu meinem dritten und letzten Anliegen, bevor ich dich zurückschicke: Vermutlich weißt du nicht, was meine Aufgaben sind, aber das ist auch nicht von Belang. Wichtiger ist, dass ich in den nächsten Tagen eine Frist einhalten muss. Eine Frist, die ich unter anderem, weil ich den Verdächtigungen gegen Issrin Ya-Terash nachgehen musste, aber nicht einhalten kann, besonders da Susanne heute Abend, dank ihren Aufgaben in der oberen Welt längerfristig verhindert sein wird."
Es war ein sehr merkwürdiger Anblick, wie Shalif sich auf die eigene Brust deutete, als sie von ihrer Wirtin sprach und ein noch viel merkwürdigerer Gedanke, dass anscheinend manche Wirte den Poolbereich einfach so verlassen durften.
Ohne ihren Yirk.

Vermutlich bemerkte Shalif mein Starren und erriet meine damit verbundenen Gedanken, denn sie lächelte nur wissend und fügte schließlich hinzu:
"Aber egal, ob so oder so. Tatsache ist, dass es auch für Issrin, die im Gegensatz zu mir entbehrlich ist und noch dazu vor Kurzem von einem ihrer Kameraden verdächtigt wurde, von wirklich großem Vorteil wäre, mir seinen Wirt für diesen Abend bereitwillig zur Verfügung zu stellen. Es würde mir des Weiteren helfen, einen besseren Einblick in die Sache zu bekommen und somit diesen lästigen Verdacht vollends zu entkräften... Es würde dir eine Möglichkeit geben, zu verstehen, wovon ich vorhin gesprochen habe, denn auch wenn ich natürlich nicht weiß, wie Issrin Ya-Terash diese Dinge tatsächlich handhabt, genügt mir das an Information, was ich habe, um sagen zu können, dass ich Susanne vermutlch wesentlich besser behandele, als dein Yirk dich."

Shalif sagte dann noch irgendetwas.
Noch ein paar unwichtige Dinge.
Sie legte mir die Hand auf die Schulter, bevor sie mich wegschickte, aber ich bekam fast nichts davon mit.
Alles, was in meinem Kopf noch Platz hatte war, dass dieser Sub-Nessirk anscheinend alles daran setzte, um Issrin zu überführen.
Dass er in meinen Kopf hineinsehen wollte, wortwörtlich und dass ich nichts dagegen tun konnte, wenn Issrin zustimmte.

Dass auch Issrin nichts dagegen tun konnte, außer dieser perfiden Sache zuzustimmen, wenn sie sich nicht noch verdächtiger machen wollte, in dem sie Shalif diese "Bitte" verwehrte.
Ihr mich verwehrte ,weil mein Kopf voll war mit Dingen, von denen, wenn möglich niemand wissen sollte.
Mit Gedanken und Gefühlen, die ihr und meiner Familie den Kopf kosten konnten, ebenfalls wortwörtlich.

Die Yirkbahn kam und ich nahm nichts wahr.
Über allem hing ein Schleier , der meine Sinne betäubte.
Kalte Angst vereinnahmte mich vollkommen, mehr als in meinem ganzen bisherigen Leben als Wirt.
Erst als ich wieder am Ziel war, nahe dem Volontär Bereich und Zeze mir entgegenkam, mich in die Arme nahm, fiel ein Teil der Anspannung von mir ab und ich weinte.

Wie lang genau hätte ich im Nachhinein nicht sagen können, aber als es mir endlich gelang, sie anzusehen, war ihr T-Shirt an der Stelle, wo ich mich ausgeheult hatte, naß von meinen Tränen.
Ihr Gesicht war ein einziges Fragezeichen, aber trotzdem ließ sie mir Zeit, tief durchzuatmen und ein paar gefühlte tausend Tränen hochzuziehen, bevor sie fraagte.
"Scheiße, Mädel, du siehst ja echt schlimm aus. Hat dich irgendjemand blöd angemacht, oder was ist passiert?"

Ihre Stimme klang zwar ein bisschen unsicher, aber trotzdem auch zuversichtlich und freundlich.
Selbstsicher, weil sie wusste, dass sie nicht in Gefahr war.
Weil sie keine Famile mehr hatte, die sie beschützen musste.
Ganz im Gegensatz zu mir.

Wut staute sich in mir auf, Verzweiflung und dann, brach es einfach aus mir heraus:
"Issrin wird verdächtigt und Shalif will... Sie hält Issrin für einen Sympathisanten und will wissen, was in meinem Kopf vorgeht um...Um sie zu überführen!..."
"Okay"
Zeze atmete ebenfalls tief durch, allerdings sichtlich erleichtert und zuckte die Schultern.
"Und wo ist dann das Problem? Ich hab´ dir doch gesagt, sag´ ihr einfach alles was sie wissen will"
"Verdammt, Zeze, verstehst du denn nicht, was ich gerade sage? Das habe ich doch schon getan. Ich habe ihr alles gesagt, was sie wissen wollte. Alles was ich ihr sagen kann, aber das war nicht genug. Dieser Sub-Nessirk will mehr als nur das: Shalif will mich! "
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