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Fatale Verwechslung

von squint
GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P16 / Gen
06.04.2019
09.04.2019
4
10.091
 
Alle Kapitel
3 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
 
09.04.2019 2.458
 
Hier der letzte Teil. Viel Spaß! :)

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Geständnisse


Harry hatte die ganze Fahrt über Mads Hand fest in ihrer gehalten, hatte sich auf das Auf und Ab seines Brustkorbs konzentriert. Der Wagen kam zum Stehen und holte sie zurück in die Realität, in der die Trage, auf der Mads lag, aus dem Wagen geschoben wurde und seine Hand aus ihrer glitt. Sofort sprang sie aus dem Wagen, rannte dem Team aus Sanitätern und Ärzten hinterher in die Notaufnahme. Eine Schwester stellte sich ihr in den Weg. „Entschuldigung, ab hier dürfen Sie nicht mehr weiter.“ „Bitte, lassen Sie mich zu ihm.“ „Es tut mir leid. Sie dürfen da nicht rein. Sie können gerne hier warten.“ Dann ging sie und ließ Harry alleine und verloren im Flur zurück, auf die Tür starrend, hinter die Mads verschwunden war.

Sie weiß nicht wie lange sie so dort stand, als sie Pauls Stimme vernahm. Sie drehte sich um, konnte aber nichts sagen. Die Sorge um Mads hatte ihr die Kehle zugeschnürt. Nina nahm sie in den Arm, auch Paul drückte sie kurz, dass er immer noch ein wenig nass war, bemerkte sie nicht einmal. Dann setzten sie sich wortlos in den Wartebereich.
Nur ein paar Minuten später hörte man wieder Schritte im Flur und Daniel und Dirk standen vor ihnen. „Wie geht es Mads?“, fragte Daniel, bekam jedoch nur ein Schulterzucken als Antwort. Dirk sah in die Runde. „Ivanovic ist tot. Den anderen hat das SEK auch geschnappt. Er wollte flüchten. Hannes und die Küppers kümmern sich um alles.“, sagte er nur, stellte die Tasche, die er mitgebracht hatte vor Paul auf den Boden und setzte sich auf den freien Stuhl neben Harry. Ohne etwas zu sagen nahm er Harry's Hand in seine.  Daniel setzte sich neben Nina, die kurz darauf ihren Kopf an seine Schulte legte. Niemand sagte ein Wort. Sie konnten nur warten und hoffen. Einige Zeit später waren Nina und Daniel mit den Köpfen aneinander gelehnt eingeschlafen, Paul hatte sich umgezogen und lehnte jetzt genau wie Dirk mit geschlossenen Augen an der Wand. Ob sie schliefen wusste Harry nicht. Sie selbst konnte es nicht, musste verfolgen was auf dem Flur vor sich ging - redete sie sich jedenfalls ein. Aber in Wahrheit wurde sie wach gehalten von der Angst, dass er tot ist, wenn sie wieder aufwacht.  

Draußen war es stockdunkel. Es war lange nach Mitternacht als ein Arzt den Wartebereich betrat. „Wie geht es ihm?“, fragte Harry während sie aufsprang und die anderen weckte. „Er lebt. Aber setzen wir uns erst einmal.“, meinte er ruhig und führte Harry zurück zu ihrem Stuhl, bevor er sich zu der Gruppe setzte. „Herr Thomsens Zustand war sehr kritisch, doch nun ist er stabil. Sie haben ihn gerade noch rechtzeitig gefunden.  Er hat ein Schädel-Hirn-Trauma zweiten Grades, wahrscheinlich durch den Verkehrsunfall, so wie man mich informierte. Aber weitere Verletzungen des Gehirns sowie neuronale Aussetzer können wir weitgehend ausschließen. Das Problem war aber vor allem die Verletzungen im Thoraxbereich. Er hatte eine Milzruptur und starke innere Blutungen, vermutlich durch Schläge und Tritte. Dazu kommen 4 geprellte Rippen, 3 gebrochene. Ebenfalls erlitt ihr Kollege Knochenbrüche an Nase und Jochbein und unzählige Prellungen und Hämatome im Gesicht und am Körper. Dadurch, dass er im Wasser war, war er unterkühlt und seine Atmung hatte ausgesetzt. Inzwischen atmet er aber zum Glück wieder selbstständig. Das ist ein gutes Zeichen. Wir können nichts versprechen, doch wir denken er hat das Gröbste überstanden. Alles weitere werden wir morgen sehen.“ Beendete der Arzt seine Ausführungen und lächelte die Gruppe aufmunternd an.

„Kann ich zu ihm?“, wollte Harry wissen. „Jetzt? Es ist mitten in der Nacht. Ich denke Sie alle sollten nach Hause fahren und sich ausruhen.“ „Bitte.“ Sie stand mit hängenden Schultern vor ihm, die Augen flehend, glasig und von Schatten untersetzt. Wie könnte er sie so wegschicken? Er seufzte. „Okay. Ich werde eine Schwester schicken, die Sie abholt und zu ihm bringt. Es könnte noch ein paar Minuten dauern, er wird gerade noch in ein Privatzimmer verlegt.“ „Privatzimmer?“ Harry sah ihn verwundert an. „Ja. Eine...“, der Arzt warf einen Blick auf das Klemmbrett in seiner Hand, „... eine Frau Küppers hat sich darum gekümmert.“ Dirk war der einzige, der sich nicht wunderte. Wissentlich stahl sich ein kleines Lächeln auf seine Lippen. Der Pager des Arztes piepste und er warf einen Blick darauf. „So entschuldigen Sie, ich muss weitermachen. Ihnen und Ihrem Kollegen alles Gute.“, verabschiedete er sich schnell und die Gruppe stammelte noch ein „Danke.“ hinterher.

Als die Stille wieder über ihnen lag, konnten sie das erste Mal seit Stunden richtig aufatmen. Die Sorgen wichen einem Lächeln. Nur Harrys Kopf war weiterhin gesenkt. Ihre Schultern zuckten, als sie versuchte ihre Tränen zurück zu halten. Doch ein Schluchzen kam über ihre Lippen, „Harry.“, kam es von nur Dirk und sie lag ihrem langjährigen Freund weinend in den Armen. All der Stress, die Sorge, die Angst hatten die Tränen zurückgedrängt, doch jetzt brach alles aus ihr heraus.  Sie krallte sich in Dirk Uniform, zitterte in seinen Armen, die er beschützend um sie gelegt hatte. Es schien, als würde sie zwischen dem Weinen und dem Schluchzen kaum atmen können. Dirk streiche über ihren Rücken, drückte sie fest an sich. „Schon okay. Es ist alles gut. Er wird wieder gesund. Er hat's geschafft.“, murmelte er beruhigend, wieder und wieder und Harry wurde langsam ruhiger. Vorsichtig löste sie sich von Dirk und wischte sich die letzten Tränen aus dem Gesicht. Sie wollte sich entschuldigen, doch in dem Blick der anderen lag pures Verständnis. Nina kam auf sie zu und nahm sie kurz in dem Arm. Aus dem Augenwinkel sah sie eine Schwester auf sie zukommen. „Los, du solltest jetzt bei ihm sein. Wir sehen uns morgen. Wenn irgendwas ist, ruf uns an, okay?“ Harry nickte und Nina löste die Umarmung. Die Schwester stand bereits neben ihnen. Auch die anderen drückten sie zum Abschied. Harry drückte Paul noch einen Kuss auf die Wange. „Danke, dass du ihn gerettet hast.“
Dann folgte sie der Schwester über lange weiße Flure, bis sie vor einer Tür zum Stehen kamen. Sie atmete tief durch und drückte die Klinke hinunter.

Als sie ihn sah hielt sie für eine Sekunde den Atem an. Keine Ahnung warum genau. Er sah schlimm aus, doch deutlich besser als noch vor einigen Stunden. Sie wusste selbst nicht genau, was sie erwartet hatte. So leise wie möglich betrat sie das Zimmer und schloss die Tür. Nur ihre Schritte und dass regelmäßige Piepen des Herzmonitors durchzogen die Stille.
Mit leicht erhobenen Oberkörper lag Mads zwischen den weißen Laken. Im Kontrast dazu stachen seine rot-violetten Blutergüsse im Gesicht gerade zu hervor. Es kam ihr so vor, als wären die Schwellungen bereits etwas zurückgegangen, doch es konnte auch nur daran liegen, dass sein Gesicht nun von Blut und Dreck befreit wurde, die Cuts und Wunden versorgt.
Ihre Hand zitterte ein wenig, als sie vorsichtig eine Strähne von seiner Stirn strich. Doch die Wärme, die sein Körper ausstrahlte, beruhigte sie.

Unter seiner Nase verlief ein dünner Sauerstoffschlauch. Harry sah auf seine Brust, beklebt mit einigen Elektroden, doch sie hob und senkte sich ruhig und stetig. Auch sie hatte einige dunkle Blutergüsse, die meisten wurden jedoch von der Decke und dem Verband verdeckt, die bis zu seiner Brust reichten.
Weitere Kabel und Schläuche versorgen ihn mit Blut und Medikamenten.
Es war komisch. So surreal, dass Mads so ruhig und friedlich aussah nach allem was geschehen war. So ganz begriffen hatte Harry es noch nicht.
Erst nach einigen Augenblicken konnte sie ihren Blick von ihm lösen und zog sich den Stuhl heran. Sie hauchte Mads „Gute Nacht.“ und einen Kuss auf die Lippen, setzte sich und nahm seine warme Hand in ihre. Einige Minuten später war sie eingeschlafen, ihr Kopf an seine Schulter gelehnt.

Eine Hand an ihrer Schulter weckte sie sacht. Ein junger Pfleger, um die 30, stand vor ihr. „Entschuldigen Sie, dass ich sie wecke, aber ich müsste einmal die Infusion wechseln und an den Monitor.“, sagte er und lächelte freundlich. Harry zog ihre Hand, die noch immer unter Mads' gelegen hatte, zurück und stand schnell auf um Platz zu machen. Verschlafen und etwas verloren stand sie im Raum während der Pfleger allerhand Daten vom Monitor in der Akte vermerkte und den Infusionsbeutel wechselte. Eine neue Blutkonserve bekam Mads nicht. Ein gutes Zeichen.
„Wie geht's ihm denn?“, fragte Harry, ihre Stimme noch unsicher bei den ersten Worten am Morgen. „Seine Werte machen einen guten Eindruck. Er hat sich über die Nacht weiter stabilisiert. War er schon einmal wach?“, fragte er neugierig, doch Harry schüttelte den Kopf. „Achso. Naja, ist nicht ungewöhnlich. Da brauchen Sie sich keine Sorgen machen.“ Harry sah ihn nur an und nickte. „Ich werde trotzdem sein Frühstück bringen. Ihm wird es sicher nichts ausmachen, wenn Sie sich daran bedienen. Möchten Sie einen Kaffee?“ Harry war etwas überrumpelt und nickte. „Ja gerne. Danke.“ Harry sah auf dir Uhr. Kurz vor 7. Sie rieb sich die Augen und setzte sich zurück auf den Stuhl. Den Kaffee könnte Sie wirklich gut gebrauchen

Die Zeit verging langsam. Das Warten war nervig, aber Harry wollte auch nicht das Zimmer verlassen, weil sie bei Mads sein wollte, wenn er aufwacht. Der nette Pfleger hatte ihr neben dem Frühstück bereits schon einen zweiten Kaffee gebracht und eine alte Zeitschrift aus dem Schwesternzimmer. Sie nahm es dankend an. Ein bisschen Abwechslung vom Wände anstarren durfte dann doch sein.

Dann wachte Mads endlich auf. Harry saß an seinem Bett und las in der Zeitschrift, als sich die Hand unter ihrer bewegte. Sofort stand sie auf. Es dauerte ein paar Sekunden doch dann sahen sie zwei blaue Augen an.
„Hey.“, war alles was Harry herausbekam. „Du bist hier.“, stellte Mads mit leiser, brüchiger Stimme fest. Sie legte ihre andere Hand behutsam an seine Wange, eine Träne glitt über ihre. „Natürlich bin ich das.“ Er lächelte und drückte ihre Hand. „Hey, nicht weinen. Es ist alles gut. Ich bin nur etwas müde.“, murmelte er und konnte kaum die Augen offen halten. „Ist schon okay, schlaf dich aus. Ich bin da, wenn du wieder aufwachst“, versprach sie. Er nuschelte noch etwas Unverständliches, dann war er wieder eingeschlafen.

Harry wischte sich die Träne aus dem Gesicht und fuhr sich durch die Haare. Sie seufzte. Es ist vorbei. Der Horror hat endlich ein Ende. Das erste Mal seit ihnen klar wurde, dass Mads entführt wurde, hatte sie das Gefühl, dass alles wieder gut wird.
Harry vertrieb sich den Nachmittag so gut es ging. Paul und Dirk kamen vorbei, auch wenn Harry ihnen gesagt hatte, dass Mads wohl erst am nächsten Tag richtig ansprechbar sein würde. Doch sie bestanden darauf nicht nur kurz nach ihm, sondern auch nach ihr zu sehen, eine Tasche mit Wechselkleidung im Gepäck.
Auch Daniel und Nina schauten am Abend nach ihrem Dienst kurz rein, brachten ihr etwas zu essen mit. Ansonsten saß sie neben seinem Bett beobachtete das Auf und Ab seiner Brust und strich mit ihrem Daumen über seinen Handrücken. Die Zeit zog sich fast ins Endlose.

Es war bereits wieder dunkel als Mads langsam zu sich kam. Er wollte einen tiefen Atemzug nehmen, doch der Schmerz in seiner Seite unterbrach ihn dabei und ließ ihn aufstöhnen. Schlagartig spürte er, wie seine Hand gedrückt wurde und er öffnete die Augen. Harry saß neben ihm. Er brachte nur ein leises „Hey.“ zustande. Er bekam nicht mit, dass sie im antwortete, sah sich nur verwirrt in diesem fremden Zimmer um. Warum hatte er Schmerzen? „Hey, es ist alles gut. Du bist im Krankenhaus. Ivanovic. Erinnerst du dich?“, half Harry ihm, als sie seinen Blick bemerkte, bedacht darauf nicht sofort von der Entführung oder den Misshandlungen zu sprechen.
Mads brauchte einen Moment, doch dann waren alle Bilder wieder da. Gefesselt in der Ecke. Die Schläge. Das Telefonat. Sie. „Bist du okay?“, fragte er aufgeregt und griff ihre Hand fast schon zu fest. „Ja, mir ist nicht passiert. Dank dir. Was machst du nur für Sachen?“ Es lag kein Vorwurf in ihrer Stimme. „Ich war neidisch auf deinen blauen Fleck. Wollte mit dir im Partnerlook sein. Hab wohl etwas übertrieben.“, grinste er entschuldigend. „Du Idiot! Das ist nicht witzig.“, ermahnte sie ihn laut, dann brach ihre Stimme. „Ich hatte eine scheiß Angst um dich!“ Schnell wischte sie sich eine Träne aus dem Gesicht.
Er streckte seine Hand nach ihr aus, legte sie zärtlich an ihre Wange. „Ich auch um dich. Es tut mir leid. Ich bin nur so froh, dass sie dich nicht bekommen haben.“ Sie lehnte sich in seine Berührung. „Ich auch.“
Er ließ die Hand sinken und sah sie ernst an. „Warum hast du dich dann freiwillig eingetauscht? Ich habe alles versucht dich zu warnen.“ „Weil ich an deiner Stelle sein sollte.“ Harry stand auf, ging einen Schritt zurück. „Sie wollten mich. Es war meine Schuld, dass du bei mir warst und da mit reingezogen wurdest!“ Mads sah sie ungläubig an, er ahnte worauf sie hinauswollte. „Das ist doch Quatsch! Jetzt fang bitte nicht wieder damit an, dass wir nur -“ „Und weil ich kein Angsthase bin.“, unterbrach sie ihn und erntete einen verwirrten Blick. „Du hattest recht. Ich war ein Angsthase. Ich hatte Schiss mich darauf einzulassen, darauf wieder verletzbar zu sein. Aber das ist Schwachsinn, weil ich jetzt genauso angreifbar war. Sogar noch mehr, weil ich dir nie gesagt habe, wie viel du mir bedeutest. Du hast gesagt, ich hätte alle Zeit der Welt mich zu entscheiden, aber das stimmt nicht. Ich habe zu spät gemerkt, dass es viel zu schnell vorbei sein kann. Ich will die Zeit, die wir haben mit dir verbringen, mich nicht mehr verstecken. Es tut mir leid, dass ich das jetzt erst verstanden habe.“ Sie hatte sich völlig in Rage geredet und sah ihn jetzt überfordert an. Er war sprachlos. „Bitte sag' was.“, flehte sie. Doch er packte sie nur am Arm und zog sie zu sich herunter. Dann küsste er sie. Zärtlich, aber voller Leidenschaft. Voller Sorge und Erleichterung.
Völlig außer Atem trennten sich ihre Lippen, ihre Gesichter noch nah aneinander. Sie brauchten einige Sekunden, bis sie wieder ruhig atmeten. Nach einer gefühlten Ewigkeit trennen sie sich, blaue Augen trafen auf braune. Ein verdammt charmantes Lächeln.

Vorsichtig rückte Mads in seinem Bett zur Seite, hob seine Decke hoch. Harry legte sich neben ihn, bedacht an die Schläuche und Kabel, ihr Kopf auf seiner Brust. Er legte die Decke über sie und seinen Arm um ihre schmale Schulter. Ein Kuss. Und das Gefühl, endlich wieder Zuhause zu sein.

So schliefen sie ein und so fand Dirk sie lächelnd am nächsten Morgen.



Wer nichts hat, kann nichts verlieren - aber der hat auch nichts.

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