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Fatale Verwechslung

von squint
GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P16 / Gen
06.04.2019
09.04.2019
4
10.091
 
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08.04.2019 3.963
 
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Tauschgeschäft


Alle standen versammelt in Küppers' Büro. Daniel und Nina hatten sofort alles stehen gelassen, um ebenfalls zu helfen. „Was haben wir?“, fragte Frau Küppers in die Runde. „Laut den Zeugenaussagen sei der Reifen von Mads' - also Harrys Wagen geplatzt. Er kam von der Fahrbahn ab und knallte gegen die Säule. Soweit bestätigen es auch die Reifenspuren auf der Straße.“, berichtigt Paul, „Dann soll eine schwarze Limousine daneben geparkt haben. Ein Mann sei ausgestiegen, hätte Mads in sein Auto gezerrt und wäre weggefahren.“ „Und Herr Thomsen?“ „Laut den Zeugenaussagen passt die Beschreibung auf ihn.“ „Natürlich war er das!“, fiel Harry ihm ins Wort. „Die Zeugen waren sich recht sicher, dass er kaum bei Bewusstsein war. Wir sollten bald die Videos der Kameras aus der Umgebung bekommen.“
Daniel fuhr fort: „Der Fluchtwagen, vermutlich ein schwarzer Audi A4, wurde noch ein, zwei Straßen weiter gesichtet. Dann verliert sich seine Spur.“ „Verflucht.“, kam es ausgerechnet von Frau Küppers. Die anderen schwiegen. Bis Nina sich zu Wort meldete: „Harry, warum war Mads bei dir? Warum ist er deinen Wagen gefahren?“ „Wir haben gestern Abend zusammen gekocht. Er hat mich zum Arzt gefahren und sein Fahrrad hiergelassen. Es ist spät geworden, deshalb hat er bei mir geschlafen. Heute Morgen wollte er Brötchen und irgendwas für sein Fahrrad holen. Dann hat auch schon, Krabbe angerufen.“, fasste Harry kurz und diskret zusammen.
Wie auf Kommando kam Krabbe ohne anzuklopfen ins Büro. „Die KTU hat angerufen. Die ersten Ereignisse sind da. Das Blut im Innenraum ist wie erwartet von Mads. Glücklicherweise nicht genug, um von einer lebensgefährlichen Blutung zu stammen. Zudem wurde unter dem Wagen am rechten Vorderreifen Reste einer Zündvorrichtung gefunden, die den Reifen wahrscheinlich zum Platzen gebracht hat. Mehr können Sie bis jetzt nicht sagen.“ „Danke, Herr Krabbe.", sagte Frau Küppers und wandte sich wieder zu den Kollegen. „Wir gehen also von einem geplanten Attentat aus.“
„Harry, wann würde dein Auto gestern Abend das letzte Mal bewegt?“, fragte Paul.
„Wir waren gegen 18:30 Uhr bei mir. Danach ist keiner mehr gefahren, bis kurz vor halb 10 heute Morgen. Dazwischen muss es angebracht worden sein. Mads ist den Wagen gestern auch schon gefahren. Wahrscheinlich haben die Täter uns beobachtet und gedacht, es sei sein Wagen. Aber warum Mads? Wer würde ihn entführen wollen? Und warum? Er selbst hat kaum ausreichend Geld für eine Lösegeldforderung. Und zu seinem Vater hat er keinen Kontakt.“ Harry war verzweifelt. Was war hier nur los?

„Okay, unser weiteres Vorgehen: Matthies und Dänning schauen mit Frau Möllers Hilfe die Akten von Ihren Fällen an. Drohungen, Verhaftungen, meinetwegen auch nur Beleidigungen. Suchen Sie alles raus. Ich fordere währenddessen die Akten der dänischen Polizei. Wir können nicht ausschließen, dass es weiter zurück liegt. Zudem bin ich jederzeit in diesem Büro und überwache das Telefon, falls die Entführer anrufen.
Frau Sieveking, Sie werden noch einmal alle Zeugen befragen. Ich möchte jedes Detail wissen. Schirmer, Sie kümmern sich um Videobänder. Wir brauchen sie so schnell es geht. Machen Sie Druck. Ich informiere das LKA und die Techniker. Noch Fragen?“ Stille. „Gut. Dann an die Arbeit. Und setzen sie mich von jeder auch noch so kleinen Spur in Kenntnis. Verstanden?“  „Verstanden!“, kam es von allen, die darauf das Büro verließen, um sofort an die Arbeit zu gehen.

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Zusammengesunken saß Mads auf dem Stuhl, Arme und Beine noch immer gefesselt, den Kopf hängend. Er hatte innerlich kämpfen müssen, dass die Schmerzen ihn nicht übermannten und er ohnmächtig wurde. Er konzentrierte sich auf seine Atmung und auf das Gespräch, dass die beiden an der anderen Seite des Raumes führten seit Pavel wieder da war. Er war die letzte Stunde irgendwohin verschwunden.
„Hast du es weggebracht?“ „Klar, Chef. Alles wie du es gesagt hast. Aber wie willst du jetzt durch ihn an die kleine Polizistin ran? Eine Art Tauschgeschäft?“ „Ach quatsch, du Idiot. Die würden niemals einfach einen ihrer Leute herbringen. Nein, es muss so aussehen als wollten wir etwas anderes. Wir rufen an und locken sie zu einer Übergabe. Sie sollen uns Marakow bringen.“ „Der Typ, der deinen Bruder an die Polizistin verraten hat? Sitzt der nicht im Knast?“ „Eben. Mit dem habe ich eh noch eine Rechnung offen. Sie bringt Marakow her, doch anstelle von ihm nehmen wir sie mit. Und dann werde ich ihr genau das antun, was meinem kleinen Bruder im Knast angetan wurde! Und ihr Kollege darf zusehen.“ „Und was machen wir mit Marakow?“ „Dieser Ratte setze ich höchstpersönlich eine Kugel zwischen die Augen!“

Was ist das denn für ein besteuerter Plan?! Er musste etwas tun. Er durfte nicht zulassen, dass sie Harry bekamen. Das Telefonat war seine einzige Chance. Auch wenn er immer noch nicht wusste wo er war, er konnte sie wenigstens warnen.
„Los, Pavel, die Show beginnt.“, lachte der Chef und nahm ein Handy vom Tisch. Mads hob den Kopf. Jetzt musste er aufmerksam sein.

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Das Telefon in Frau Küppers Büro klingelte. „Polizeioberrätin Küppers.“
„Frau Oberrätin, so so, genau Sie wollte ich sprechen. Ich glaube, ich habe da etwas, was Ihnen gehört.“
Frau Küppers hielt für einen Moment den Atem an. Sie drückte auf die Lautsprechertaste, sprang auf und klopfte an ihre Scheibe, um die Kollegen zu alarmieren. Harry und Paul waren die ersten im Büro. Küppers signalisierte ihnen leise zu sein und wandte sich wieder dem Telefon zu. „Was wollen Sie?“ „Wissen Sie, Frau Oberrätin, es gibt da auch etwas, das ich haben möchte. Ich denke wir könnten ins Geschäft kommen.“ Nun standen auch die anderen im Büro und starrten das Telefon an.
„Wovon reden Sie?“ „Ich spreche von einem alten Freund. Igor Marakow, er sitzt in Hamburg Nord. Wenn Sie ihn mir bringen, lassen wir Ihren Kollegen frei.“ „Bei allem Respekt, woher wissen wir, dass Herr Thomsen bei Ihnen ist und dass er wohlauf ist?“ „Ich verstehe, Frau Oberrätin. Einen Augenblick.“ Der Chef kam auf Mads zu, dicht gefolgt von Pavel, der sich wachsam hinter Mads stellte.
Der Chef funkelte ihn böse an. „Sag ihnen, dass es dir gut geht. Ich warne dich, wehe du versuchst irgendwas!“, drohte er Mads leise und hielt ihm das Handy vors Gesicht. Er schenkte dem Chef noch einen verachtenden Blick und sah dann auf das Telefon. „Frau Küppers, es geht mir gut. Hören Sie ni -“, doch da hatte Pavel schon seinen Kopf gepackt und hielt ihm mit einer Hand den Mund zu. Verdammt!

„So Frau Küppers, wie Sie hören ist er in bester Verfassung. Ich will, dass sie mir jetzt genau zuhören! Sie haben zwei Stunden Marakow zu holen. Die Partnerin von unserem Blondie hier wird ihn dann zum Übergabeort bringen. Unbewaffnet, versteht sich. Und keine Tricks, sonst ist ihr Kollege tot! In einer Stunde gebe ich Ihnen den Ort bekannt.“ Shit. Mads muss sofort etwas tun, bevor er das Telefonat beendet!

Frau Küppers wurde nervös. „Wissen Sie was Sie da verlangen? Es steht nicht in meiner Macht die-“ „Ist mir scheißegal! Sie machen was ich sage. Vielleicht hilft unser kleines Geschenk vor der Wach-" Plötzlich schrie Pavel auf. Mads hatte ihn mit aller Kraft in die Hand gebissen, sodass er sie kurz von seinem Mund wegzog. „Nein! Es ist eine Falle! Harry -“ Pavel hatte ihn wieder gepackt und nun seinen ganzen Arm um den Mund gelegt. Mads wehrte sich, doch gegen diese Art Schwitzkasten hatte er keine Chance.
„Sie haben eine Stunde!“, brüllte der Chef noch ins Telefon und legte auf. Zitternd vor Wut drehte er sich um und ging zielstrebig auf Mads zu. Sogar Pavel zuckte zusammen, ließ Mads los und machte einen Schritt zurück. Scheiße!
„DU ELENDER BASTARD!“ Dann schlug der Chef Mads mit voller Wucht ins Gesicht. Mads hörte das Knacken seiner Nase mehr als dass er es fühlte. Etwas Warmes strömte ihm über Mund und Kinn. Eine weitere Faust kollidierte mit seinem Gesicht und brachte ihn aus der Balance. Er fiel seitlich auf den Betonboden. Dann ging jedes Gefühl in einem Gewitter von Schlägen und Tritten unter. Viel zu lange hatte es gedauert bis ihn die Dunkelheit erlöste.

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„Sie haben eine Stunde!“, brüllte der Anrufer. Dann knackte die Leitung. Alle starten erschrocken das Telefon an. Es war totenstill. Bis Harry plötzlich wie vom Teufel besessen aus dem Raum nach draußen rannte. Nina verstand und folgte ihr sofort, die anderen taten es ihr gleich.

Hektisch suchten Harry und Nina den Hof des PK14 ab, als die anderen dazu stießen. „Harry, was ist los?!“, fragte Dirk sie lautstark, damit sie zu sich kommt.
„Er hat gesagt, die haben vor der Wache ein Geschenk -“, Harry verstummte als ihr Blick auf den Mülleimer fiel, direkt gegenüber der Tür an einer Laterne. Sie sprintete hin und durchsuchte den Müll, bis sie einen braunen Umschlag entdeckte. Die Vorschriften längst vergessen riss sie ihn auf und zog ein Bild heraus. Ihr stockte der Atem. Es war ein Foto von Mads. Er saß auf einem Stuhl, die Arme hinter dem Rücken. Blutergüsse zierten sein Gesicht, vor allem die linke Seite war tief rot. Sein linkes Auge war blutunterlaufen und zugeschwollen und er hatte einen Cut über dem Auge. An seiner rechten Schläfe war eine Platzwunde zu sehen. Seine blonden Strähnen waren mit Blut verklebt.
Mads sah erschöpft in die Kamera. Eine Hand hatte sich in seine Haare gekrallt und schien seinen Kopf hochgezogen zu haben. Mehr als den Arm konnte man von der Person aber nicht erkennen.

Das Foto in Harrys Hand zitterte. Plötzlich legte sich eine große, warme Hand um ihre und nahm ihr vorsichtig das Bild aus der Hand. Dann zog Dirk sie in eine Umarmung. „Keine Sorge, wir finden ihn.“, sprach er leise aber bestimmt, während er Paul unbemerkt das Foto übergab. „Mach dir keine Sorgen, er ist ein zäher Kerl.“ Er drückte sie fest an sich. Lautlos wandten sich die Kollegen um, um den beiden etwas Privatsphäre zu geben und unter Hochdruck weiter zu arbeiten. Alle hofften, dass Dirk recht hatte.

Als die beiden ein paar Minuten später den Waschraum betraten, lief die Arbeit auf Hochtouren. Unzählige Beamte wuselten über die Gänge und Frau Küppers verteilte einen Befehl nach dem Nächsten. Bis sich Paul lautstark meldete: „Leute, ich glaube ich hab was!“ Nur Sekunden später standen alle um ihn herum. „Dieser Igor Marakow hat eine ziemlich dicke Akte, aber alles vor Mads Zeit. Da war er noch nicht einmal Polizist. Dafür hatte Harry einmal mit ihm zutun, und zwar ganz am Ende. Sie hat ihn verhaftet und er hat gestanden und seinen Komplizen verraten, dafür hat er dann ein paar Jahre weniger bekommen. Aber eins ist komisch. Der Typ sitzt seit über 8 Jahren und hat nur noch 15 Monate vor sich. Er hat anscheinend keine Kontakte mehr ins Milieu und auch keine Verwandten. Wer hat ein Interesse an ihm und warum erst jetzt?“
Jetzt schaltete sich Dirk ein. „Wen hat dieser Marakow denn verpfiffen?“ Paul blätterte in der Akte. „Einen gewissen Nicolaj Ivanovic. Hat 13 Jahre bekommen.“ Harry wurde hellhörig. „Der Name sagt mir irgendwas. Wartet mal eben...“ Auch Harry kramte jetzt in ihrem Schreibtisch nach einer Akte. „So hier. Ivanovic ist vor drei Monaten gestorben. Er wurde von seinen Mitinsassen totgeprügelt. Vielleicht will sich jemand dafür rächen. Aber was hat Mads damit zu tun?“
„Ja natürlich! Ich glaub ich hab's! Schaut mal!“ Daniel setzte sich an seinen Schreibtisch, die Kollegen im Rücken. „Ich bin die Überwachungsvideos durchgegangen. Und das hier hat mit stutzig gemacht... Also hier kracht der Wagen gegen die Säule. Dann hält der der Limousine daneben und der Typ steigt aus. Da! Habt ihr's gesehen?!“ Nina sah ihn ratlos an. „Was gesehen?“ Daniel spulte das Video zurück. „Hier. Als der Typ die Tür von Harrys Wagen öffnet, hällt er kurz inne und schaut sich um. Es wirkt ganz so als wäre er überrascht. Mads hatte vorhin im Telefonat gebrüllt, dass es eine Falle ist. Das hat mich stutzig gemacht. Was ist, wenn Mads gar nicht das Ziel war? Der Typ war überrascht, dass Mads in dem Wagen saß und stoppte deshalb kurz. Er hatte Harry erwartet, schließlich ist es ihr Wagen. Dann passt das auch, dass der Entführer alleine war. Harry zu entführen wäre für ihn sicher kein Problem. Aber bei Mads hatte er sichtlich Schwierigkeiten ihn ins Auto zu zerren. Mads ist deutlich größer und kräftiger. Es geht nicht um ihn, es geht um Harry!“


Harry saß auf den Stufen vor der Wache. Sie hielt es da drinnen nicht mehr aus. Sie starrte auf das Bild von Mads in ihrer Hand. Sie konnte ihre Tränen nicht zurückhalten. Sie schloss die Augen und musste an sein Grinsen denken. Das erste Mal hatte er sie so angesehen als sie damals in der Kneipe am Flipper standen - kurz bevor sie sich geküsst hatten. Sie hatte sich sofort darin verliebt, genauso wie in ihn. Jeder Kuss, jede Berührung löste dieses Kribbeln aus. Es gab nie einen Zweifel. Eigentlich. Warum konnte sie sich dann nicht darauf einlassen? Weil du ein Angsthase bist. Das hatte Mads vor ein paar Monaten zu ihr gesagt. Harry öffnete die Augen. Er hatte recht. Und nur wegen eines blöden Zufalls, wegen einer dummen Verwechslung könnte Mads sterben, obwohl sie an seiner Stelle stehen sollte.

Gerade als sie sich erhob kam Dirk an die Tür.
„Harry, die Stunde ist gleich um.“
Alle starrten angespannt auf das Telefon. Krabbe wippte nervös mit dem Fuß. Das letzte Telefonat konnte nicht zurückverfolgt werden - Prepaid-Handy, sofort ausgeschaltet nach dem Telefonat.
Nun waren sie schon 8 Minuten über der Zeit. Das Warten machte sie verrückt. Dann klingelte es endlich. Eine neue unbekannte Nummer. Frau Küppers nahm das Gespräch an und stellte es auf laut.
„Küppers.“ „Haben Sie was ich wollte?“ „Es tut mir leid. Ihre Forderungen sind nicht ganz einfach. Für brauchen mehr Zeit.“ Das war die abgesprochen Taktik. Zeit gewinnen. Zeit, die sie brauchten um Hinweise auf Mads Aufenthaltsort zu bekommen.
„Aber, aber, Frau Oberrätin, Sie sind nicht in der Position Forderungen zu stellen. Sie haben noch eine Stunde, dann will ich die Kollegin und Marakow am alten Flottenhafen sehen. Pier 16.“ „Aber wir brauchen mehr Zeit!“ Küppers würde nervös. „Na wenn Sie meinen. Für die Sicherheit Ihres Kollegen kann ich dann nicht mehr garantieren. Das ist Ihnen si-“ Harry hielt es nicht mehr aus. Sie griff sich das Telefon. „Schluss mit den Spielchen! Ich weiß, dass Sie mich wollen. Ich werde zum Hafen kommen. Allein und unbewaffnet. Im Gegenzug lassen Sie Mads gehen. Das ist es doch was sie eigentlich wollen!“
„Mutig, mutig. Aber der Deal gefällt mir. Halt dich sich an die Abmachung, sonst ist dein Partner tot.“ Dann war das Telefonat beendet. Entsetzte Blicke lagen auf Harry. Alle zuckten zusammen als Frau Küppers mit der flachen Hand auf den Tisch schlug. „Frau Möller, haben Sie völlig ihren Verstand verloren?! Was haben Sie sich dabei gedacht?!“ „Mads ist meinetwegen entführt worden! Wir haben keine Ahnung wo er ist, geschweige denn wie es ihm geht! Ich werde nicht warten bis er stirbt!“, entgegnete Harry ebenso laut. „Das hier ist keine persönliche Racheaktion, Frau Möller!“ „Doch! Genau das ist! Weil der Typ mich will und nicht Mads!“ Frau Küppers verstummte und Dirk funkte dazwischen. „Da hat sie nicht ganz Unrecht. So oder so ist es jetzt eh zu spät. Wir müssen es so machen.“ „Ich werde Frau Möller auf keinen Fall allein und unbewaffnet zu der Übergabe gehen lassen.“ „Aber Frau Küppers, Mads - “ „Kein Aber! Das kann und werde ich nicht verantworten! Weder für Sie noch für Herrn Thomsen.“ Wieder versuchte Dirk zu vermitteln. „Natürlich wird sie das nicht. Mindestens zwei von uns werden dabei sein, ebenso wie ein Team vom SEK, aber alles mit gehörigem Abstand.“ Die Chefin nickte. Auch Harry musste sich geschlagen geben. Das war ihre einzige Chance, Mads zurück zu holen.
Frau Küppers seufzte. „Einverstanden. Ich fordere unverzüglich das SEK und einen Wagen an. Haben wir inzwischen Informationen zum Täter?“
Paul schlug die Akte in seiner Hand auf. „Ja. Alles deutet darauf hin, dass es Viktor Ivanovic ist, Nikolajs großer Bruder. Man verbindet ihn mit allerlei kriminellen Machenschaften, doch nachweisen konnte man ihm nie etwas. Auf dem Kiez gilt er zwar nicht als der Hellste, dafür aber als äußerst brutal.“ Harry musste schlucken.
„Vielen Dank, Herr Dänning.“ Frau Küppers blickte in die Runde. „Lassen Sie die Köpfe nicht hängen. Wir schaffen das. Frau Möller, machen Sie sich bereit.“

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Immer wieder driftete Mads in und aus der Bewusstlosigkeit. Er konnte nicht mehr dagegen ankämpfen, wollte es nicht. Jede Minute in der er die unsagbaren Schmerzen, aus denen sein Körper nun zu bestehen schien, nicht ertragen musste, war ein Segen. Auch wenn er eigentlich wach bleiben wollte, so wie jetzt. Er lag zusammengekrümmt neben dem Stuhl auf dem kalten Boden. Er zitterte leicht. Ob wegen der Kälte oder den Schmerzen konnte er nicht genau sagen. Mads versuchte seine Augen zu öffnen. Sein verschwommener Blick glitt über den blutbeschmierten Beton vor sich hinein in den Raum. Pavel verteilte irgendetwas auf dem Tisch. „Schau mal, die Fotos haben ich bei Ratkos Sachen gefunden. Unser Blondie ist auf einigen zu sehen, aber nicht nur das...“. Er übergab dem Chef eines der Fotos. „Na, sieh mal einer an. Wir haben hier wohl nicht nur ihren Kollegen, sondern auch ihren kleinen Loverboy.“, schlussfolgerte der Chef grinsend. „Deswegen will sich die Bullenschlampe auch freiwillig gegen ihn eintauschen.“

Harry will was?! Nein, das kann nicht sein. Genau das wollte er doch verhindern.

„Das läuft ja fast besser als ursprünglich geplant. Wenn er ihr so wichtig ist, sollten wir ihn vielleicht doch behalten. Dann töten wir erst ihn und sie wird erleben, was ich durch machen musste. Und danach ist sie selbst dran.“, lachte der Chef durchtrieben. Und Mads vergaß für einen Augenblick jegliche Schmerzen.

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Harry steuerte den Wagen, den Frau Küppers organisiert hatte, auf das verlassene Hafengelände. Ihr Griff um das Lenkrad war so fest, dass ihre Knöchel weiß hervorstanden. Sie konnte sich nicht daran erinnern, jemals so angespannt gewesen zu sein. Das Wissen, dass sich irgendwo versteckt die Kollegen befanden, beruhigte sie auch nicht im Geringsten, eher im Gegenteil. Sie handelte entgegen der Abmachung und das machte sie nur noch nervöser. Neben einem SEK-Team wurden Paul und Nina ausgewählt worden dabei zu sein. Sie waren die Schnellsten und Fittesten unter ihnen.
Harry fuhr vorbei an den verlassenen Gebäuden. Bei den Hafenbecken wurde sie langsamer. Pier 14. 15. 16. Sie brachte das Auto zum Stehen und stoppte den Motor. Niemand war zu sehen. Sie sah auf ihre Armbanduhr, unter der ein Peilsender angebracht war - für den Notfall. 17:58 Uhr.
Noch einmal atmete sie tief ein und aus, dann stieg sie aus. Ungeduldig wartete sie am verabredeten Anleger. Ab jetzt musste sie sich zusammenreißen, wenigstens bis Mads in Sicherheit war.

Dann kamen drei Gestalten zwischen zwei alten Fabrikgebäuden hervor. Ein großer, bulliger Typ. Ivanovic. Daneben ein Schlankerer. Er hatten seinen rechten Arm um Mads gelegt und zog ihn eher mit sich, als dass er ihn stützte, so unkoordiniert wie Mads' Schritte waren. Je näher sie kamen, desto mehr sah sie in welchem schrecklichen Zustand Mads war. Es war schlimmer, viel schlimmer als das, was auf dem Foto zu sehen war. Schützend hielt er sich die Hand vor den Körper. Gefesselt war er nicht. Sein Kopf hing kraftlos herab. Sein Hemd war verdreckt und voller Blut. Und erst als Mads für einen Augenblick den Kopf anhob sah sie sein blutüberströmtes Gesicht. Völlig erstarrt sah Harry ihn entsetzt an.

Ivanovic hielt einige Meter vor ihr und richtete eine Waffe auf sie. Neben ihm sein Handlanger, der nun seinen Arm um Mads Hals legte und seinen linken Arm auf den Rücken drehte. Mads stöhnte auf und in Harry zog sich alles zusammen. Ivanovic schien Ihren Blick zu bemerken. „Ich weiß, ich weiß. Nicht ganz so, wie wir ihn euch versprochen haben, aber dein kleiner Loverboy wollte seine Klappe nicht halten.“ Harry sah ihn mit großen Augen an. Woher wusste er was zwischen Mads und ihr lief?
Ihre Gedanken wurden durch Ivanovic durchbrochen. Er fuchtelte mit der Waffe herum. „Los, Arme und Shirt hoch und umdrehen! Ich will sehen, dass du keine Waffe dabei hast.“ Harry tat wie befohlen. Ihr Blick wechselte währenddessen immer zwischen Ivanovic und Mads hinterher.
„So ich habe mich an die Abmachung gehalten, Ivanovic. Jetzt sind Sie dran. Lassen Sie ihn gehen.“ „Da muss ich dich leider wieder enttäuschen. Der Plan hat sich geändert. Wir wollen euch beiden Turteltäubchen so ungern trennen.“ Er lachte durchtrieben. „Das war aber nicht der Deal!“ Harry versuchte ihre Wut herunterzuschlucken, rational zu bleiben. „Das stimmt. Aber ich habe die Geisel und die Waffe, also mache ich die Regeln. Verstanden? Und jetzt schmeiß deine Autoschlüssel und die Uhr weg! Wir wollen doch heute Nacht keine ungebetenen Gäste.“
Er schien den Peilsender geahnt zu haben. Harry sah zu Mads. Der Griff um dessen Hals schien etwas lockerer geworden zu sein. Dennoch hielt er Mads Kopf aufrecht. Er sah sie an - regungslos - als hätte er gewusst, dass sie nicht vorhatten ihn gehen zu lassen. Dann bemerkte sie, wie sein Blick und ein winziges Nicken auf seinen rechten Arm deuteten, der frei an seinem Körper herunterhing. Seine Hand hielt er gespreizt. Dann zog er einen Finger ein, zeigte nur noch vier Finger. Kurz darauf nur noch drei. Harry verstand.
Sie schaute zu Ivanovic und griff langsam in ihre Hosentaschen und zog den Schlüssel heraus. „Gut, wie Sie wollen.“, sagte sie, hauptsächlich um ihn und seinen Komplizen abzulenken. Im Augenwinkel immer Mads Hand. Zwei Finger.
Sie begann das Band ihrer Uhr zu öffnen. Sie machte sich bereit. Ivanovic verfolgte die Bewegungen ihrer Hände genauer als ihrem Blick. Ein Finger. Kaum war der Verschluss geöffnet - Null.

Mads riss seinen Kopf nach hinten und traf Pavel mit voller Wucht ins Gesicht. Dieser taumelte zurück und fasste sich an die blutende Nase. Diese Freiheit hatte Mads genutzt, um sich mit aller Kraft, die er noch besaß, auf Ivanovic zu stürzen. Sie fielen zu Boden, genau wie die Waffe. Harry rannte zu ihr.
Mads und Ivanovic kämpften noch immer am Boden liegend, gefährlich nah an dem Rand der Kaimauer. Mads hatte seine Kraft überschätzt und er kassierte zwei Faustschläge ins Gesicht, die ihn Schwarz sehen ließen. Diesen Moment ausnutzend, schubste ihn Ivanovic von sich. Er rappelte sich auf und stürmte wutentbrannt auf Harry zu. Dann fiel ein Schuss. Ein Körper ging zu Boden. Doch sie hatte nicht geschossen. Schritte kamen auf sie zu gerannt. Hektisch schaute sie sich um. Sie konnte Mads nicht finden. Paul, der seine Deckung bereits verlassen hatte, als Mads Ivanovic zu Boden brachte, raste an ihr vorbei. Er schmiss noch die Jacke weg, bevor er mit einem Kopfsprung ins Wasser sprang.

Erst jetzt realisierte Harry was los war. „Mads!“ Sie rannte zu ihnen und war kurz davor zu springen, doch zwei Arme hielten sie auf. Nina war bei ihr. „Harry, lass Paul das machen!“ Harry schaute auf das aufgewirbelte Wasser. Die Sekunden verstrichen. Zu viele Sekunden, bis Paul wieder auftauchte und nach Luft schnappte. Mads hing leblos in seinem Arm. Zwei SEKler kamen ihnen zu Hilfe um erst ihn und dann Paul aus dem Wasser zu ziehen.
Zwei Sanitäter übernahmen Mads sofort. „Puls. Keine Atmung. Intubieren.“ Harry konnte nur zu sehen wie Mads an einen Beatmungsbeutel angeschlossen wurde. Seine Pupillen wurden überprüft, Zugänge gelegt, der Bauch abgetastet. „Lichtreflex vorhanden. Hartes Abdomen.“ Ein Sanitäter schnitt Mads Hemd auf und legte seinen Brustkorb frei. Harry stockte der Atem. Mads Brust hob und senkte zwar sich wieder, doch sein ganzer Oberkörper war übersät von Blutergüssen. Einige von ihnen tief violett. Harry wurde schlecht, sie taumelte nach hinten. Eine warme Hand legte sich auf ihre Schulter. Paul war hinter ihr, eine Wolldecke um seine Schultern. Sie beobachteten wie die Sanitäter Mads auf eine Liege legten. „Los, fahr mit. Lass ihn jetzt nicht alleine. Nina und ich fahren hinterher.“
Harry lief los und stieg dann zu Mads in den Wagen. Die Türen fielen zu und der RTW fuhr mit Blaulicht davon.

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