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Fatale Verwechslung

von squint
GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P16 / Gen
06.04.2019
09.04.2019
4
10.091
 
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07.04.2019 2.189
 
Fatale Verwechslung


Sie wurde von einem Kuss geweckt. „Hey.“, flüsterte sie verschlafen und bekam ein „Hey. “ als Antwort. Er lächelte. „Daran könnte ich mich gewöhnen.“ „Woran?“ „Neben einer schönen Frau aufzuwachen.“ Wieder dieses verdammt charmante Grinsen. „Mads...“, begann Harry. „Ich weiß, ich weiß.“, unterbrach Mads sie und stand auf.
„Ich hole uns beiden jetzt erstmal Frühstück, wenn wir schon mal einen freien Vormittag haben. Ich leih mir eben dein Auto, okay? Ich muss noch zum Fahrradladen. Die neuen Reifen für mein Rad sind da.“ Er setzte einen Hundeblick auf. Sie lachte nur. „Ich wusste du nutzt mich nur aus!“ „Oh, du hast mich durchschaut. Ich wollte nur das Auto. Sex ist der Preis, den ich zahlen muss.“, spielte er übertrieben dramatisch. „Idiot!“, lachte sie und warf ihr Kissen nach ihm. „Na dann los. Wenn ich in einer Stunde kein Frühstück habe, musst du wohl wen anders bezahlen.“
Mads zeigte tadelnd mit dem Finger auf sie. „Fies!“ Dann schnappte er sich Autoschlüssel und Portemonnaie, stahl sich noch blitzschnell einen Kuss und verließ mit einem „Bis gleich!“ die Wohnung.

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Mads hatte sich nichts dabei gedacht, als die schwarze Limousine kurz nach Harrys Haus als einer Querstraße bog und hinter ihm fuhr. Erst als er bereits einige Kilometer gefahren war und sich jetzt auf einer breiten Straße befand, hatte er ein komisches Gefühl. Für einen Augenblick wunderte er sich, dass der Wagen noch immer hinter ihm fuhr, mit unnatürlich viel Abstand. Ein metallisches Klicken durchbrach seine Gedanken. Ein Knall. Kurz darauf der Aufprall. Dann dachte er gar nichts mehr.

Der Wagen kam ins Schleudern und krachte gegen eine Litfaßsäule. Genau wie geplant.
Der Mann hielt mit neben dem Wagen der Polizistin, sprang aus seinem Wagen und riss die Tür des Unfallwagens auf. Zusammengesunken im Sitz saß ein blonder Typ, bewusstlos. Blut floss aus seiner Nase und einer Platzwunde an der Stirn.
Fuck! Was zur Hölle machte dieser Kerl in diesem Wagen? Wo ist diese scheiß Polizistin? Sie sollte doch auf dem Weg zum Sport sein, wie jeden Freitagmorgen!   Doch er hatte keine Zeit lange zu überlegen. Er zog den bewusstlosen Typen aus dem Auto, verfrachtete ihn auf die Rückbank und sprang ins Auto. Mit quietschenden Reifen raste er davon, noch bevor die wenigen Passanten realisierten was geschehen war.

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Als Harry aus der Dusche stieg schaute sie auf die Uhr und lächelte. Mads sollte so langsam wieder da sein. Gerade angezogen wollte sich Harry einen Kaffee machen, als ein Handy klingelte. Ein Blick auf ihr Handy auf dem Nachtschrank verriet ihr, dass es nicht ihr eigenes war. Sie hob die Decke hoch unter der sie das Klingeln vermutete. Mads hatte sein Handy hiergelassen. Mit einem kurzen Blick aufs Display ging sie ran. „Was gibt's, Krabbe?“ „Mads, komm sofort ins Revier. Wir haben gerade einen Funkspruch reinbekommen. Harry hatte einen Unfall. - Warte, Harry, bist du das?!“, Hannes überschlug sich fast. „Ja, ich bin's. Mads' Handy - ach egal. Was ist los? Mir geht's gut, ich bin zuhause. Ich hatte keinen Unfall.” „Wir haben den Autounfall gerade erst reinbekommen. Das Kennzeichen passt zu deinem Wagen.“, Krabbe war merklich verwirrt, doch nicht weniger aufgeregt.“ „Scheiße! Mads hat mein Auto, Hannes! Ich komme sofort ins Revier!“ „Nein! Paul und Dirk sind auf dem Weg dorthin. Ich sag ihnen Bescheid, dass sie sich abholen. Das liegt auf dem Weg. Sie müssten gleich da sein.“ „Danke, Hannes!“, hastig legte Harry auf, schnappte sich ihre Sachen und verließ die Wohnung.

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Gebrüll war das erste was Mads wahrnahm. Sein Kopf dröhnte jetzt schon höllisch und der laute Streit machte es nicht besser. Er öffnete kurz die Augen, wollte sehen, wer da so laut war, doch selbst das eher spärliche Tageslicht brachte seinen Kopf fast zum Explodieren. Sofort schloss er die Augen, atmete ein paar Mal tief durch. Er versuchte sich auf seine anderen Sinne konzentrieren. Zuerst waren da diese höllischen Kopfschmerzen. Der Unfall! Aber wo war er hier? Er lag seitlich auf dem Boden. Seine Beine und Arme waren gefesselt. Er spürte eine Art Seil an seinen Fingern. Fuck! Was war hier los?
Er legte seinen Fokus auf den Streit, den er hörte, auch wenn ihm die Stimmen nicht bekannt vorkamen.
„Ob du völlig bescheuert bist, habe ich dich gefragt! Warum zur Hölle schleppst du mir diesen Typen hier an?!“, brüllte der eine. „Ich war mir sicher sie wäre es.“, antwortete der andere leider, regelrecht eingeschüchtert. „Ich habe sie wochenlang beschattet, kannte genau ihren Plan. Sie hätte in diesem Wagen sitzen sollen!“
„Achja, und warum tat sie es denn nicht, verdammte Scheiße?!", wieder die Stimme vom ersten. "Ich weiß es nicht! Ich habe wie besprochen gestern Nacht den Zünder angebracht und in der Seitenstraße gewartet. Ich habe nicht gesehen, dass der Typ am Steuer saß!"
Zünder?  Es dämmerte Mads. Dieser Unfall war keiner.

"Du solltest mir diese kleine Polizistenschlampe bringen. Du hattest einen verdammten Job! Du bist selten dämlich!“ Der Typ kam gar nicht mehr runter. „Aber Chef -“ „Nichts aber!“, brüllte er, dann hallte plötzlich ein Schuss. Mads zuckte erschrocken zusammen hielt den Atem an. Sein Herz hämmerte so stark gegen seine Brust, dass er Angst hatte sie würden es hören. Hoffentlich hatten sie nicht gemerkt, dass er wach war. Doch er hörte keine Schritte näherkommen. Er hörte gar nichts. Bis der Mann wieder sprach: „Guck nicht so doof! Er ist selber schuld. Ist wahrscheinlich eh besser. Er wurde sicherlich gesehen. Eine Spur weniger.“ Er machte eine kleine Pause. „Und jetzt los, lass ihn verschwinden.“ „Aber wie denn?“, fragte eine dritte Stimme, die bis jetzt noch kein Wort gesprochen hatte. „Lass dir was einfallen. Verbuddel ihn oder schmeiß ihn in die Elbe. Ist mir doch egal! Und finde heraus wer der Typ ist, den Ratko uns da angeschleppt an. Wir treffen uns in 2 Stunden wieder hier.“
Schritte waren zu hören, etwas wurde über den Boden geschleift. Eine metallische Tür fiel zu. Dann war es still.
Nach und nach schlug Mads' Herz wieder in einem normalen Rhythmus. Er spürte wie das Adrenalin weniger wurde. Sein Kopf dröhnte jetzt nur noch mehr. Er merkte, wie ihm wieder schummrig wurde. Fuck! Das konnte er jetzt nicht gebrauchen. Er musste hier irgendwie raus. Sie wollen Harry...
Dann wurde wieder alles dunkel.  

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Am Unfallort angekommen schien alles normal - den Umständen entsprechend. Die Straße war abgesperrt, ein Krankenwagen und zwei Streifenwagen waren bereits da. Ein Kollege kam auf die drei zu, doch Harry ging sofort zum Krankenwagen, vorbei an ihrem Auto, das rechts an der Litfaßsäule stand. Die Heckscheibe war gesplittert und die Fahrertür stand offen. Blutflecken befanden sich an dessen Fenster und auf dem weißen Airbag. Nicht viel, trotzdem musste sie sofort sehen, ob es Mads gut ging.

Sie ging zum Krankenwagen, kletterte die Pritsche hoch, doch fand nur eine leere Liege. Der Rettungssanitäter sah sie fragend an.
„Wo ist der Unfallfahrer? In welches Krankenhaus haben ihre Kollegen ihn gebracht?“ Der Sanitäter wollte gerade antworten, als Dirk hinter ihr sprach: „Harry, er ist nicht hier. Die Kollegen haben bereits mit den Zeugen gesprochen. Sie sagen aus, dass ein Mann den Fahrer in sein Auto gezerrt hat und geflüchtet ist. Die Beschreibung des Fahrers passt auf Mads. Er wurde wahrscheinlich entführt.“ Harrys Gesichtszüge entglitten, entsetzt sah sie Dirk an. Er reichte ihr die Hand, half ihr von dem Krankenwagen herunter zu kommen und umarmte sie. „Es tut mir leid.“

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Seine Augenlider flackerten als er wieder zu Bewusstsein kam. Immer noch war es still. Sein Kopf brummte dumpf. Vorsichtig öffnete er die Augen. Er schaute sich um. Er lag in der Ecke einer Art Lagerhalle. Sie schien längst verlassen. In der gegenüberliegenden Ecke stand ein Tisch mit zwei Stühlen. Ansonsten war die Halle leer. Nur Steine, Dreck und Betonboden.
Durch einige hohe Fensterfronten aus Eisengittern und weißem Glas schien etwas Licht. Es war noch hell und er hatte nicht das Gefühl eine ganze Nacht bewusstlos gewesen zu sein. Es musste also noch der gleiche Tag sein.
Ein paar der Fensterscheiben waren eingeschlagen, doch von hier aus konnte er nur Himmel sehen
Sie hatten ihn nicht geknebelt. Sie schienen wohl keine Angst zu haben, dass ihn jemand hören konnte.
Mads beließ es dabei. Er rief nicht um Hilfe. Die Chance von Jemanden hilfreiches gehört zu werden war ziemlich klein, von den Gangstern gehört zu werden zu groß. Das Risiko wollte Mads nicht eingehen. Der Chef der Bande hatte bereits bewiesen wozu er im Stande ist. Der Typ war eiskalt.
Stattdessen setzte sich Mads langsam auf. Vielleicht schaffte er es zum Fenster, um zu erkennen wo er sein könnte. Doch der Versuch scheiterte schon beim Aufstehen. Nicht nur, dass die Fesseln an Händen und Füßen ihm jede Bewegung erschwerten, sondern auch, dass sie an Eisenhaken befestigt waren, die aus der Wand und dem Boden ragten. Toll, angekettet wie ein Hund. Super.

Nun versuchte er es an den Fesseln, doch auch da war nichts zu machen. Unter den Seilen entdeckte er auch noch drei dicke Kabelbinder. Also selbst wenn er die Knoten irgendwie lösen könnte, half es ihm wenig.
Mads setzte sich an die Wand und gab vorerst auf. Er musste seine Kräfte sparen und erstmal einen klaren Gedanken fassen. Was gar nicht so einfach war bei den Kopfschmerzen. Er rekapitulierte das Streitgespräch von vorhin noch einmal in seinem Kopf.
Okay, drei Männer. Naja, zwei. Sie hatten Harry beschattet. Lange schon. Sie wollten sie und nicht ihn. Das heißt sie sind unzufrieden. Shit. Das machst sie nicht nur wütend, sondern auch schlecht einschätzbar. Keine Ahnung was sie als nächstes tun. Aber egal was es ist, wenn ich es richtig anstelle, reiche ich ihnen vielleicht aus und sie brauchen Harry nicht mehr.

In Gedanken versunken hatte Mads die näherkommenden Schritte kaum wahrgenommen, doch er registrierte sie noch schnell genug um sich wieder zurück auf den Boden zu legen, das Gewicht dem Raum zugewandt. Doch er schloss die Augen. Es wäre besser, wenn sie nicht sahen, dass er wach war. Vorerst hatte er den größeren Vorteil, wenn er sie belauschen kann.
Die zwei Männer betraten die Halle. Mads hätte nur zu gerne einen Blick auf die Beiden geworfen. Doch er wollte nichts riskieren. Zurecht, denn Schritte kamen auf ihn zu. „Unser Blondie hier ist ja immer noch weggetreten.“ Mads erkannte die Stimme vom Chef wieder. Die Schritte kamen vor ihm zum Halten. Gar nicht gut. „Oder pennt er nur?“ „Probier's aus.“, schlug der andere vor und warnte Mads gerade noch vor, bevor er einen Tritt in den Bauch kassierte. Er gab alles dafür, bloß nicht seine Selbstbeherrschung zu verlieren, bloß nicht zu reagieren. Und doch konnte er ein kleines Stöhnen nicht unterdrücken.
Schläge wegzustecken war das eine, dass hatte er durch seinen Vater ziemlich gut gelernt, aber sich bewusstlos zu stellen, sich nicht anspannen zu können, die Augen geschlossen, war etwas ganz anderes. Doch die Männer gaben sich anscheinend zufrieden. „Hm, aber er lebt noch. Er wird schon noch zu sich kommen.“, meinte der Handlanger gleichgültig. Die Schritte entfernten sich wieder und Mads atmete zitternd ein und aus, um den Schmerzen Herr zu werden.

„Was hast du über ihn herausgefunden, Pavel?“ Mads öffnete seine Augen einen Spalt. Ein großer, stämmiger Mann setzte sich an den Tisch. Der Chef. Ein Schmalerer tat es ihm gleich. „Ein wenig. Er ist ihr Kollege. Mads Thomsen oder so. Ich habe mich ein wenig auf dem Kiez umgehört. Sie waren gestern noch zusammen im Dienst. Unser Püppchen hat sich da wohl verletzt. Vielleicht ist sie deshalb nicht gefahren.“ „Hm, möglich.“

Er musste irgendwas versuchen, Harry da raus zu halten. Vielleicht würde er den beiden genügen, für was auch immer sie vorhaben. Mads konnte nicht mehr länger nichts tun. Und alles war besser als rumzuliegen und sich tot zu stellen.
Also bewegte er langsam seinen Kopf, stöhnte.
„Ey Chef, er wird wach.“ „Mach ihn los.“, befahl der Chef, nahm einen Stuhl und ging auf Mads zu. Pavel löste das Seil, dass Mads an die Wand fesselte und schubste ihn auf den Stuhl. Mads blickte ihn böse an. „Na na, Blondie, nicht so unfreundlich! Du bist schließlich unser Gast.“ Der Chef tätschelte ihm unsanft die Wange. Gott, Mads hasste ihn jetzt schon.
„Wir wissen, dass du ein Bulle bist und eigentlich warst du nicht geplant, aber ein Bulle ist besser als keiner, oder? Und wie sagt man so schön? Die Polizei, dein Freund und Helfer. Du hilfst uns jetzt deine kleine Kollegin zu bekommen.“ Er sah Mads abschätzend an. „Wollen wir dich mal schick machen, Blondie.“ Schlagartig holte er aus und schlug Mads mit der Faust ins Gesicht. Sein Kopf schnellte zur Seite. Mads spuckte etwas Blut auf den Boden, dann drehte er seinen Kopf wieder zum Chef und schaute ihn stur an. So einfach wurde er es ihm nicht machen. Eine weitere Faust traf seinen Kiefer. Der Chef gab an Pavel ab, der noch zwei weitere Male zuschlug.
Mads' Kopf lag auf seiner Brust. Sein ganzes Gesicht brannte. Kaum hatte Pavel kurz von ihm abgelassen, zog er Mads Kopf an den Haaren nach hinten. „Und jetzt schön lächeln.“ lachte der Chef und drückte auf den Auslöser der Kamera.

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