Enderal - Die zweite Chance

GeschichteAbenteuer, Fantasy / P16
04.04.2019
22.02.2020
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Jetzt hieß es wieder warten. Aber einen Teilerfolg hatten sie schon mal gewonnen, indem die Herrscherin sie endlich angehört hatte. Und auch geneigt schien, ihnen Glauben zu schenken. „Dass es solche Diskussionen gibt, war zu erwarten“, meinte Jespar. „Ich würde auch nicht anders reagieren, wenn mir jemand so etwas erzählen würde. Sondern ihn eher fragen, ob er nicht doch eine Pfeife Friedenskraut zu viel geraucht hat.“ Er lächelte schief. „Das erinnert mich an meine erste Begegnung mit Demian. Aus irgendeinem Grund habe ich seine Geschichte sofort geglaubt.“ Und da sie jetzt nichts besseres zu tun hatten, erzählten sich die Beiden, was sie alles – auch außerhalb gemeinsamer Missionen – mit dem ungewöhnlichen Halb-Aeterna erlebt hatten. Und kamen zu dem Schluss, dass sie ihm viel zu verdanken hatten.
„Ohne ihn hätte ich mein „zweites Ich“ wohl nie akzeptieren können und würde stets Gefahr laufen mich zu vergessen“, sagte Calia. „Er hat mich von Anfang an so angenommen, wie ich bin. Selbst als ich ihm alles von mir erzählte, hat er sich nicht abgewendet, ganz im Gegenteil. Wahrscheinlich auch, weil er wusste, wie es ist ein Außenseiter zu sein“, fügte sie hinzu. „In Nehrim haben Aeterna immer noch einen sehr schlechten Stand.“ „Diese Tatsache habe ich auch nie verstanden“, antwortete Jespar. „Gut, bei ihnen ist Magie angeboren. Aber sind sie deshalb schlechter als die anderen Völker, die doch ausnahmslos selbst mehr als genug Magiebegabte hervorbringen? Demian hat mir mal erzählt, er hatte einige Male einfach nur Glück gehabt, sonst wäre er auch in der Sklaverei gelandet. Ein Leben als rechtloser Sklave stelle ich mir grauenhaft vor. Und wenn man bedenkt, welche Zustände in diesem isolierten Ostian durch diese komplett geisteskranken Schöpfertempel-Typen geherrscht haben müssen, dagegen waren die Lichtgeborenen wahrscheinlich die reinsten Engel. Und dann der Bürgerkrieg, da hätte ich an seiner Stelle auch das Weite gesucht. Es konnte ja nun wirklich keiner ahnen, welche Rolle er noch spielen sollte, er selbst schon gar nicht.“ Calia seufzte. „Und diese Rolle hat ihn letztlich sein quasi zweites Leben gekostet. Das hat er einfach nicht verdient!“ „Es war seine eigene  Entscheidung.“ „Ja, aber trotzdem!“ „Ich weiß was du fühlst. Ich vermisse ihn auch.“ Jespar legte tröstend einen Arm um sie. „Nach der Sache mit meiner Schwester war er es, der mir ins Gewissen geredet hat, als ich mich in der Silbernen Wolke gehen ließ. Ich glaube, da er selbst eine Schwester hatte wusste er genau, wie ich mich gefühlt habe und eigentlich immer noch fühle. Auch in meinem Fall hätte er aufgeben und mich mir selbst überlassen können. Aber er tat es nicht. Er konnte wirklich stur und hartnäckig sein.“ Der Söldner schüttelte lachend den Kopf. „Und dafür bin ich ihm dankbar.“ „Ich auch“, antwortete Calia. „Nach der Mission auf Schloss Dal´Galar habe ich ihn auch nicht gerade mit offenen Armen empfangen als er mich aufsuchte. Aber er ließ sich nicht abschrecken sondern blieb ganz ruhig und hat mir die Augen geöffnet.“ „Na dann, ein nachträgliches Hoch auf Hartnäckigkeit und Sturheit!“ grinste Jespar, hob seinen Kelch und beide brachen in Gelächter aus, das Erste seit Langem.  
Die nächsten zwei Tage vergingen für die Beiden mit weiterer Warterei, unterbrochen von Gesprächen über ihre Abenteuer und ab und an einem Besuch des Basars. Vor allem Calia fühlte sich hier recht wohl. Auf Enderal hatte sie trotz ihres Glaubens an Malphas immer so eine Art Zwang verspürt. Jede Kritik wurde im Keim erstickt und wer einmal als Wegeloser galt, war in den Augen manch ach so frommer Landsleute ein Nichts und nicht wert, überhaupt da zu sein. Hier hingegen war man offen für alles. Saldrin selbst hatte offenar keinen Widerspruch darin gesehen sich als Gott verehren zu lassen, aber gleichzeitig neue Ideen und Philosophien zu dulden. Jespar war ebenfalls der Meinung, Enderal hätten ein paar Reformen auch gut getan.

Am folgenden Abend lief das ausgeschickte Schiff im Hafen ein. Während der Hauptmann und die meisten der anderen Soldaten sich sofort auf dem Weg in den Palast machten, brachten zwei von ihnen ihren unbekannten Passagier zu denselben Heilern, die schon Jespar wieder auf die Beine gebracht hatten. In der Audienzhalle versammelten sich außer der Goldenen Königin alle, die Rang und Namen hatten und waren begierig darauf, zu erfahren was es mit den Gerüchten und der Geschichte der beiden Endraläer auf sich hatte. Auch Calia und Jasper wurden wie versprochen gerufen. Als der Bote die Nachricht brachte, sprangen sie vom Tisch, an dem sie gerade zu Abend gegessen hatten, auf und eilten dem Mann hinterher. Noch ganz atemlos standen sie bei den Beratern und hörten sich aufs äußerste gespannt die Erzählungen der Soldaten an. Der Hauptmann berichtete von einem verwüsteten Land und unzähligen, verbrannten Leichen. Sie waren in sämtlichen ehemaligen Siedlungen – natürlich auch per Teleportzauber, niemals hätten sie das sonst in der kurzen Zeit geschafft und die Schiffsfahrt alleine dauerte hin und zurück insgesamt mehrere Wochen – gewesen und auch in manchen Lagern oder alten Ruinen, doch überall dasselbe Bild, vor der Läuterung hatte es selbst hinter dicken, steinernen Festungsmauern kein Entkommen gegeben. Und die gewaltige Explosion, als Demian das Leuchtfeuer zerstörte, hatte dem Land den Rest gegeben. Die Bauernküste, Dünenheim, die Sonnenküste... alles war ein Ödland geworden, in dem selbst die genügsamsten Vertreter der überlebenden Flora und Fauna ihre Not hatten. Alle waren erschüttert. Vor allem da ihnen – und nicht nur ihnen sondern ganz Vyn – beinahe dasselbe passiert und keiner von ihnen noch am Leben wäre, hätte sich Demian für die Flucht in die Sternenstadt entschieden. Die Berater der Goldenen Königin sprachen leise miteinander und fragten den Anführer dann, ob er glaube, dass es sich um eine natürliche Ursache gehandelt hatte. Und der Soldat, der als ranghoher Hauptmann schon dabei gewesen war, als Calia den Beratern ihre Geschichte erstmals erzählt hatte, antwortete prompt. „Der ganze Kontinent ist fast völlig zerstört. Keine Naturkatastrophe würde meiner Ansicht nach ein solches Ausmaß erreichen, welches praktisch von einem Ende des Landes bis zum Anderen geht, zumal es beispielsweise meines Wissens nach keine Vulkane auf Enderal gibt. Wir haben auch selbst die Leichen und die Reste dieser Leuchtfeuer-Maschine gesehen. Ich habe lange darüber nachgedacht während der Rückreise. Und ich bin inzwischen völlig davon überzeugt, dass die Ordenshüterin die reine Wahrheit gesagt hat.“ Calia und Jespar blieben indessen stumm und ernst, sie hatten die Geschehnisse selbst noch lange nicht verarbeitet. Doch hegten sie beide unabhängig voneinander den Gedanken, in diesem Hauptmann wohl schon mal einen wichtigen Verbündeten zu haben. Bei dessen nächsten Worten aber blickten sie erstaunt drein. „In Ark waren wir zuletzt, von der Stadt ist nichts mehr übrig außer Bergen von Trümmern, Staub und Leichen. Aber trotz alledem gibt es anscheinend einen einzigen Überlebenden, was an ein Wunder grenzt.“, erzählte der Mann. „Neben der zerstörten Maschine im ehemaligen Sonnentempel fanden wir einen jungen Aeterna. Also zumindest in dem Maße noch jung, wenn man bedenkt, dass sie von Natur aus gut doppelt so alt werden wie wir. Verletzt aber lebend.“ Die Hüterin und der Söldner horchten auf und wechselten einen Blick. „Unmöglich...“ flüsterte Jespar, während Calia kein Wort hervor brachte. „Wer ist er?“, fragte die Goldene Königin.“ „Wir wissen es nicht, Herrin. Er war in einem schlechten Zustand und konnte uns nicht genau sagen was ihm passiert ist, nur etwas von einem heißen Licht. Nicht einmal seinen Namen konnte er uns nennen, er scheint das Gedächtnis verloren zu haben. Den größten Teil der Rückreise war er fiebernd und nicht ansprechbar. Wir haben getan was wir konnten und da es auch mit Heiltränken eher schlimmer als besser wurde, dachten wir schon, er schafft die Fahrt nicht. Zwei meiner Leute haben ihn nach unserer Ankunft sofort zu Heilern gebracht, während wir wieder in den Palast kamen.“ Die Goldene Königin nickte, schickte den Hauptmann fort und wandte sich an Calia und Jespar, die immer noch wie angewurzelt da standen, in ihren Gesichtern stand eine Mischung aus Ungläubigkeit, Sorge und Erleichterung geschrieben. Auf die Frage der Herrscherin äußerte der Söldner ihrer beider Verdacht, die Hüterin hatte damit zu tun sich zu beherrschen, um nicht vor allen Anwesenden zu weinen und damit Schwäche zu zeigen. Allgemeines Erstaunen breitete sich aus. „Bitte lasst uns nach dem Überlebenden sehen, Herrin“, sagte Jesper, konnte aber ein unsicheres Zittern seiner Stimme nicht unterdrücken. „Sicher. Geht und gebt mir nachher Bescheid.“

„Kann es wirklich möglich sein?“, fragte Calia leise auf dem Weg zum Haus der Heiler. „Beim Namen der Sonne, ich kann das nicht glauben!“ „Es gibt nur eine Möglichkeit, es herauszufinden“, meinte Jasper. Dann waren sie da, verlangten den obersten Heiler zu sprechen und baten ihn, sie beide zu dem mysteriösen Patienten zu lassen. „Wie geht es ihm?“, fragte Calia und begann immer mehr zu zittern. Der Heiler seufzte leise. „Nicht gut. Mich wundert es, dass er die Schiffsreise überhaupt überstanden hat. Er hat einige schwere Verbrennungen, ein paar andere Verletzungen, vermutlich Raubtiere und hohes Fieber. Wie soll ich sagen, eine Art Mischung aus Wund- und Arkanistenfieber, dass ihn sehr geschwächt hat. Wir versuchen es jetzt mit Ambrosia und anderen Kräuterextrakten. Das Bewusstsein hat er seit die Soldaten ihn hierher gebracht haben, nicht wieder erlangt.“ „Das klingt gar nicht gut“, murmelte Jespar. Der Mann ging und beide standen nun allein vor der Tür. „Ich habe Angst“, kam es von Calia, so hatte Jespar die sonst so stark und unnahbar wirkende Hüterin noch nie erlebt. „Wir müssen hinein“, sagte er. „Nur so erfahren wir, ob wir recht haben.“ Sie nickte und drückte eigenhändig die Klinke herunter, um den Raum zu betreten, der Söldner hinterher. Leise näherten sie sich dem Bett, standen dann davor und starrten auf die bleiche, reglos darin liegende Gestalt. Oberkörper und Arme in Bandagen, er atmete sehr flach und Schweißperlen standen auf seiner Stirn. „Beim weisen Eremiten!“, entfuhr es Jespar. „Er ist es!“ „Sa... Sa´Ira...“, keuchte Calia, sank auf die Knie und ergriff die eiskalte Hand. Ja, er war es wirklich. Demian, der junge Halb-Aeterna, den derSöldner mitten in der Wildnis aufgegabelt hatte, als Flüchtling nach Enderal gekommen. Auserwählt als Prophet um die Läuterung aufzuhalten, um dann zu erfahren, damals ertrunken und als „Fleischloser“ wieder von den Toten erweckt worden zu sein. Nur für den Zweck jenes auserwählt-seins, unwissend über die Manipulationen der Hohen. Und als alles dennoch, zumindest für Enderal, verloren war, hatte er sich entschlossen nicht zu fliehen, sondern das Leuchtfeuer zu zerstören, um dem Rest der Menschheit eine letzte Chance zu geben, den Zyklus doch noch zu durchbrechen. Was laut dem „Schwarzen Wächter“, diesem Maschinen-Mensch-Wesen, unweigerlich seinen eigenen endgültigen Tod zur Folge hatte, somit opferte er sich damit selbst. Wie um alles in der Welt war es also möglich, ihn jetzt hier vorzufinden? Jepsar schlug die rechte Faust in die linke, flache Hand. „Nenn mich einen schwangeren Leoren, aber wenn das nicht ein Zeichen der Hoffnung ist, dann will ich nicht mehr Jespar Dal´Varek heißen! Die Hohen werden sich schwarz ärgern!“ Er war gleich wieder optimistischer als die Hüterin. „Die Heiler verstehen ihr Handwerk. Die bringen unseren Propheten schon wieder auf die Beine. Und dann wird uns auch der letzte Zweifler glauben müssen!“ „Dein Wort in Malphas´ Ohr.“, gab Calia wesentlich ernster zurück.
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