Enderal - Die zweite Chance

von Neferure
GeschichteAbenteuer, Fantasy / P16
04.04.2019
05.04.2019
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Als er erwachte waren die ersten Empfindungen Nässe, Kälte und ein furchtbarer Verwesungsgeruch. Sein Kopf schmerzte und fühlte sich seltsam leer an. Er richtete sich zitternd auf und drehte den Kopf, nur um das im nächsten Augenblick zu bereuen. Der Anblick der halb verwesten Leiche war grausig und ihm drehte sich der Magen um. Gleichzeitig erfüllte der Körper ihn aus irgendeinem Grund mit tiefer Trauer, aber warum? Er kannte diesen Mann nicht. Blitzartig traf ihn die Erkenntnis und er sprang auf. Das war es, er kannte diesen Mann sehr wohl, aber er erinnerte sich nicht an dessen Namen und auch nicht daran, wo er selbst eigentlich war, wie lange er hier überhaupt gelegen hatte und was währenddessen passiert war. Und noch schlimmer, nicht einmal sein eigener Name wollte ihm einfallen. Er versuchte angestrengt, sich an irgendetwas zu erinnern, aber da kam nichts. Absolut nichts, alles war wie ausgelöscht. Zunächst wusste er nur eines, er musste einen Weg hier raus finden. Er ging aus der Ruine, in welcher er gelegen hatte heraus und fand sich in einer gefluteten Höhle wieder. Dieser Ort musste uralt sein, so ließen es die anderen Ruinen vermuten. Nun führten zwei schmale Wege nach oben, er entschied sich für den Rechten und gelangte in einen verfallenen Raum mit einer Statue. Ein Erdhaufen, der mit seinen zwei Kerzen nicht recht zum Rest der Umgebung passte und als er ihn näher betrachtete, entpuppte der Haufen sich als ein Grabhügel. Dann hörte der Halb-Aeterna schlagartig Stimmen. Beide hatte er schon einmal gehört, die Eine klang panisch-wirr-verzweifelt, die Andere versuchte zu beschwichtigen. „Sie hat es mir gezeigt!“ „Beruhigt euch!“ „Niemand sollte so etwas sehen müssen!“ „Nein! Steckt das weg! Das ist doch Wahnsinn!“ „... auch ihr, Fleischloser!“  Kampfgeräusche, dann mit einem Mal nichts mehr. Welche Tragödie war hier passiert, deren Nachhall er unerklärlicher Weise eben gehört hatte? Und wer auch immer unter diesem Grabhügel lag, allein die Tatsache, dass er dort lag, erfüllte ihn mit der gleichen Trauer wie der Leichnam, neben dem er aufgewacht war.
Er setzte seufzend seinen Weg fort, durch dunkle Höhlen und Räume mit noch intakten Fallen, wie er schmerzlich feststellte. Schließlich kam er durch eine Tür zu einer Statue mit Sockel, auf dem ihm fremde Schriftzeichen eingemeißelt waren. Es waren insgesamt drei Türen mit einem steinernen Kopf darüber. Er ging weiter und kam in einen riesigen Saal, der eindeutig schon bessere Tage gesehen hatte. Viel von seinem ursprünglichen Aussehen hatte er verloren und war zudem bedeckt mit Eis und Schnee. Eine Treppe führte durch ein großes Tor nach draußen.

Endlich wieder Tageslicht, dachte er. Aber die Erleichterung legte sich sehr schnell. Er sah sich um, während er über eine seltsame Brücke aus Licht ging, die dieses Gebäude aus dem er gekommen war, über eine Schlucht mit der anderen Seite verband. Er befand sich offensichtlich mitten in einem Gebirge, alles war schneebedeckt und er war nur mit einer alten, verschlissenen Hose bekleidet. Nicht einmal Schuhe hatte er an. Trotzdem war hier etwas anders. Es war sehr kalt, aber die Luft unerklärlicher Weise gleichzeitig so stickig wie in einer Wüste. Wie passte das zusammen? Nachdem er sich noch einmal nach diesem Tempel, jedenfalls glaubte er, dass es einst einer gewesen war, umgesehen hatte ging er weiter. Aus irgendeinem Grund hatte er ein bestimmtes Ziel, einen Ort, welchen er nicht einmal benennen konnte, aber zu dem er unbedingt gelangen musste. Warum, war ihm nicht klar. Und noch etwas fiel ihm auf, während er lief und lief. Es war seltsam still überall. Beim Klima dieser Berge eigentlich kein Wunder, was menschliches Leben anging, aber selbst Tiere waren kaum zu hören und wenn, dann waren es meistens nur ein paar Vögel. Er kam nach einer Weile auf eine befestigte Straße und folgte ihr immer geradeaus. Dabei kam er an einer uralten Ruine vorbei, wo hatte er diese Bauart schon einmal gesehen? Ihm wurde schwindelig und er musste sich an einem Baum festhalten, verschwommene Bilder von mechanischen Kreaturen und hörte die Stimmen eines Mannes und einer Frau. Besonders die der Frau versetzte ihm einen Stich ins Herz. Warum nur? Verdammt, wenn er sich doch nur erinnern könnte!

Als er sich etwas besser fühlte, ging er weiter. Immer diesen Ort im Sinn, aber er hatte eigentlich keine Ahnung in welche Richtung er dafür gehen musste. Vielleicht fand er auf dem Weg eine Siedlung, wo man ihm weiter helfen konnte. Kurz blieb er stehen und sah sich um. Schneebedeckte Wiesen und Bäume, dazwischen riesige rosafarbene Kristalle. Eigentlich ein schöner Anblick und er ging neugierig an einen heran. Plötzlich ein in seinen Kopf einschießender Schmerz, als er das Gebilde berührte. Ihm war heiß und kalt zugleich, keuchend sackte er in die Knie. Schreie, Stimmengewirr: „Es verbrennt uns!“ „Das Licht!“ Bilder weiterer Leichen, eine verwüstete Stadt, eine Maschine hoch oben auf einer auf dem Berg errichteten Anlage, ihr gleißend-heißes Licht stieg in den Himmel hinauf, davor stand jemand in Rüstung und wehendem Umhang. „Ich habe ihnen das Licht gebracht.“ So schnell wie sie gekommen waren verschwanden die Bilder und Stimmen wieder. Was um alles in der Welt war das eben gewesen? Und warum kam ihm dieser Ort und dieser Mann einmal mehr bekannt vor, doch so sehr er es versuchte, er erinnerte sich einfach nicht daran? Er wusste nur, das war sein Ziel. Der Halb-Aeterna verließ diesen Wald so schnell er in seinem Zustand konnte, etwas sagte ihm, dass er sich beeilen und vor allem von diesen Kristallen weg musste.

Inzwischen mussten mindestens eine oder gar zwei Stunden vergangen sein. Er fühlte sich fiebrig, hungrig und durstig dazu und sehnte sich nach einem warmen Feuer. Seine Füße schmerzten vor Kälte, die Zehen waren schon ganz rot und verfärbten sich allmählich ins Bläuliche, ebenso wie seine steif gewordenen Finger und gefühlt auch seine spitzen Ohren. Der Weg war noch weit, doch verbissen setzte er einen Fuß vor den Anderen, er durfte nicht ausruhen, noch nicht. So müde er auch wurde, die Gefahr war zu groß, dann einfach einzuschlafen und er wusste, in dieser Umgebung würde er nicht wieder aufwachen, sondern erfrieren. Da – endlich – erblickte er in der Ferne Gebilde, die wie Zelte aussahen. Langsam und vorsichtig ging er näher heran, es konnte sein, dass die Bewohner dieses Lagers hier keine Fremden willkommen hießen und er war ohne Waffen wehrlos. Doch was er dann sah, ließ ihn im ersten Moment entsetzt zurück weichen. Verbrannte Leichen, er zählte fünf Personen, teilweise in Haltungen, als hätten Sie sich zu schützen versucht. Aber wovor? Was war diesen bedauernswerten Leuten zugestoßen? Obwohl es ihn hier schauderte, er brauchte dringend eine Pause, deshalb fachte er das Lagerfeuer an und untersuchte die Zelte und Kisten. Er fand zwei Tische, die er irgendwoher kannte. Natürlich, diese Tische benutzten Magier um Tränke herzustellen und für Verzauberungen von Gegenständen. In einer Truhe fanden sich Kleidungsstücke, eine lange Robe und Stiefel, die er kurzerhand anzog, die Leichen brauchten sie jedenfalls nicht mehr. Auch nahm er sich ein noch scharf aussehendes Schwert, das neben einem der toten Körper lag. Etwas essbares fand er auch noch und setzte sich damit vor das Feuer. Die Wärme tat gut, sein Körper taute wortwörtlich wieder auf und der beißende Kälte-Schmerz verschwand. Er dachte darüber nach, wer und warum er hier war, über die Bilder und Stimmen, aber erfolglos. Es ließ sich kein Zusammenhang herstellen und das frustrierte ihn ungemein. Um sich abzulenken wollte er sich ein paar der Bücher und Schriftrollen anschauen, die hier verstreut herum lagen. Als er ein Buch aufschlug, war es ihm, als ginge alles Wissen, was darin stand auf ihn über. Er nahm nur noch das Wort „Feuer“ wahr und hörte ein Platzen um von dem eben in Händen gehaltenen Buch nur noch Fetzen zu finden. „Was zum Henker passiert nur mit mir“, stieß er aus und atmete schwer.

Plötzlich ein Knurren hinter ihm. Er fuhr herum und sah sich einem riesigen Bären gegenüber, der sich zum Angriff bereit machte, alles ging ganz schnell. Das Tier stürzte sich auf ihn, noch ehe er das Schwert heben konnte und versetzte ihm einen Prankenhieb, der eine lange blutige Schramme an seinem Arm hinterließ. Der junge Halb-Aeterna geriet in Panik und streckte unwillkürlich die Hand aus und dachte dabei noch, dass ihm das ohne das fallen gelassene Schwert nichts nützen würde. In derselben Sekunde spürte er ein Pulsieren, dass durch seinen ganzen Körper ging und aus der ausgestreckten Hand schlug ein so gewaltiger Feuerstrahl, dass der Bär in Brand gesetzt wurde. Brüllend nahm das Tier Reißaus, um nur wenige Schritte später tot zusammenzubrechen. Mühsam richtete er sich auf und starrte ungläubig auf seine Hände. „Wie habe ich das gemacht?“ Dann kam eine Erinnerung. Er meinte einmal gehört zu haben, dass Magiebegabte ihre Macht oftmals erst dann selbst entdeckten, wenn sie bedrängt wurden. Und er als Halb-Aeterna (wenigstens wusste er noch, welcher Rasse er angehörte)... man sagte doch, seinesgleichen hatte diese Fähigkeit quasi im Blut. War es das? Hatte er soeben unbewusst seine eigene Begabung frei gelassen, die tief in ihm geschlummert hatte? Dazu das Buch, dass er eine Minute zuvor noch gelesen hatte, irgendwoher wusste er plötzlich, dass gerade Zauberbücher einem Magiebegabten ihre Macht fast automatisch vermitteln konnten und dabei zerstört wurden. Kurz entschlossen suchte und las er sämtliche Bücher die er hier noch fand, einige davon zerstörten sich ebenso, nachdem er gerade das erste Wort gelesen hatte. Eins war „Wohltat“, verbunden mit Heilung. Klang nach genau dem, was er jetzt brauchte. Sogleich probierte er es aus und tatsächlich verheilte sein Arm binnen Sekunden. Gleichzeitig jedoch fühlte er sich danach sehr benommen, sein Kopf schmerzte und fühlte sich noch heißer an als zuvor. Er beschloss sich für eine Weile hinzulegen, nah am Feuer und hüllte sich in die Tierfelle die auf einem einfachen Strohlager ausgebreitet lagen. Ein paar Stunden schlief er tief und traumlos und setzte mit halbwegs frischen Kräften seinen Weg fort.

Doch es wurde nicht so leicht, wie er sich das vorgestellt hatte. Wieder wurde er nach kurzer Zeit angegriffen von seltsamen Wesen aus Eis, manche davon sahen aus wie blau-durchsichtige Raupen die behände durch die Luft schwirrten. Jetzt war dieser Feuerzauber seine Rettung. Nach etwa einer Stunde wich dieser „Kristallwald“ normalem Wald, der jedoch Schäden wie nach einem ungeheuer starken Sturm aufwies. Am Ufer eines Sees stand ein großes Haus, bis auf das fast völlig abgedeckte Dach noch halbwegs intakt. Er kam näher und fand Unterstand für Pferde und das schief hängende Schild über der Tür verkündete „Schneefelstaverne“. Eine Raststätte mitten im Gebirge also. Davor lagen wieder zwei verkohlte Leichen. „Was ist mit diesen Menschen nur passiert?“ Zögernd öffnete er die Tavernentür, schon ahnend, was ihn erwarten würde. Durch die Löcher im Dach war Schnee eingedrungen und bedeckte Tische, Bänke und jede Menge toter Körper. Er verstand das einfach nicht. Warum zum Teufel befanden sich in einer normalen Taverne, die keinerlei Anzeichen für ein verheerendes Feuer aufwies, völlig verkohlte Leichen und das in so ungewöhnlichen Haltungen? Aber etwas sagte ihm, dass er bald eine Erklärung dafür finden würde.
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