Phantom

GeschichteAbenteuer, Drama / P18
Black Widow / Natasha Romanoff Captain America / Steven "Steve" Grant Rogers OC (Own Character)
04.04.2019
15.06.2019
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„Das Programm lief unter dem Namen EXO-7 Falcon. Die Air National Guard hat die ersten beiden Prototypen gebaut. Riley und ich haben uns freiwillig für die Experimente und Missionen gemeldet. Wir wurden aufgrund unserer Erfahrung als Rettungsspringer ausgewählt“, vorsichtig langte Sam nach dem Bild, welches Riley und ihn zeigte. Sie schienen Freunde gewesen zu sein – sehr gute Freunde, denn Ivana erkannte die sich abzeichnende Trauer auf seinem Gesicht, als der die Fotografie langsam wieder auf den Tisch legte.

Sams Blick richtete sich auf Steve. „Man, er wäre so neidisch, wenn er uns jetzt hier sehen würde. Zwei Avenger in meinem Haus und davon ist einer auch noch Captain America selbst.“

Die ganze Aufmerksamkeit auf seiner Person schien Steve unangenehm zu sein, denn er überspielte seinen Kommentar mit einem leichten Lächeln und wandte beschämte den Blick wieder auf die vereinzelten Karten und Bilder, die sie auf dem hölzernen Küchentisch verteilt hatten. Nachdenklich beugte sich Natasha über den Tisch und zog die Satellitenaufnahme der Militäreinrichtung Fort Meade an sich heran. In der heutigen Zeit des Internets war es für sie keine Schwierigkeit, sämtliche nötigen Informationen für solch eine Mission herauszusuchen. Sie hatte schon viel gesichertere Einrichtungen infiltriert.

„Du meintest, dass sich das letzte Exemplar hinter drei bewachten Toren und einer dicken Stahlmauer befindet. Hat sich die NSA um die Verwahrung gekümmert oder sind sie im Militärstützpunkt untergebracht?“
Sie zuckte mit den Schultern, während sie sich wieder auf dem Stuhl neben Ivana fallen ließ. „Ist nicht so, als würde es ein Problem darstellen, aber in den Stützpunkt kommen wir leichter rein als bei der Nationalen Sicherheitsbehörde.“

„Soweit ich weiß, befinden sie sich in den Kellergeschossen der Air Force, die sind integriert an dem Gebäude der NSA, aber nicht direkt in der Nähe des Hauptgebäudes.“
Sam deutete auf zwei parallelgebaute Gebäude, die etwas abseits standen. Durch einen schmalen Gang schienen sie mit dem eigentlichen Sitz der NSA verbunden zu sein. „Es wird kein Problem sein bis auf dem Parkplatz zum Besucherzentrum zu kommen. Nur einmal eine kurze Kontrolle des Wagens, wenn die zuständigen Aufsichtspersonen am Eingangstor ihre Aufgabe ernst nehmen.“

Steve schien die Planung der Mission Natasha zu überlassen, denn er warf der Frau einen fragenden Blick zu und wartete auf einen Vorschlag ihrerseits. Diese scannte die ausgebreiteten Bilder und Informationen erneut, als sich Ivana zu ihrer Rechten räusperte und zu Wort meldete: „Die Frage ist, wie wir an die Sache rangehen wollen? Eher offensiv oder defensiv?“

„Defensiv wäre natürlich vorsichtiger, dafür aber anstrengender und komplizierter“, murmelte Natasha leise, während Steve Sam nur einen fragenden Blick zuwarf. „Offensiv ginge schneller, ist aber riskanter.“

„Und das soll heißen?“, warf der Captain schließlich ein, worauf Ivana ihre Augen von den ausgebreiteten Karten wieder anhob und Steve kalkulierend betrachtete. Er wirkte etwas hilflos, während diese Mission für Natasha ein Kinderspiel darstellte – es war eine der leichtesten Aufgaben für sie, eine der besten Spione S.H.I.E.L.D.s.

„Defensiv wäre, wenn wir uns möglichst unauffällig in das Gebäude einschleichen würden. Hieße, wir benötigen falsche Ausweise, müssen Undercover unterwegs sein und unsere Tarnung aufrechterhalten“, begann Ivana zu erklären. Sie warf Natasha einen kurzen Blick zu.

„Das wäre komplizierter, weil wir beide nicht gerade unauffällig unterwegs sein können. Die Nationale Sicherheitsbehörde kennt uns und wird uns daher auch erkennen, sobald wir das Gebäude betreten wollen“, beendete Natasha Ivanas vorangegangene Erklärung, ehe sie ihre eigene hinzufügte, „aber wenn wie offensiv arbeiten, können wir unseren Status als Avenger und die damit einhergehende Sicherheitsstufe nutzen. Das ginge schneller und würde uns einige Kopfschmerzen ersparen. Das einzige Problem hierbei ist, dass wir dann vermutlich wieder auf S.H.I.E.L.D.s Radar auftauchen und wir nur ungefähr vierzig Minuten Zeit haben, bis sie in Fort Meade ankommen.“

„Aber wenn wir schnell und effizient arbeiten, dürfte das kein Problem darstellen“, endete Ivana, noch während Steve über ihre gesagten Worte nachdachte. Dieser hob nur eine seiner Augenbrauen; seine Augen huschten erst zu Sam, dann zu Natasha, mit welcher er einen vielsagenden Blick wechselte. Er wollte bereits zu einer Antwort ansetzten, als Ivana ihn mit einer erhobenen Hand stoppte; den kurzzeitigen Austausch zwischen den Erwachsenen ignorierte sie dabei gekonnt.

„Wir gehen rein, holen Sams Sachen und gehen wieder raus. Das alles in unter 40 Minuten und falls wir erkannt werden sollten, schalten wir die betroffenen Personen aus. Sollte an sich kein Problem für uns darstellen.“

„Für uns nicht“, ein resignierter Ausdruck lag auf Natashas Gesicht, als die Frau von sich auf Steve deutete. Die unausgesprochenen Zweifel und das Misstrauen war ihr anzusehen; der Captain war es schließlich, welcher sie in Worte fasste: „Die Frage ist, warum wir dich mitnehmen sollten? Ich denke, dass diese kleine Aufgabe schneller und einfacher von statten geht, wenn du uns nicht im Weg bist und Probleme machst.“


Die sich ausbreitende Stille zwischen ihnen schien auf ihren Schultern zu lasten; die drei Erwachsenen musterten sie wie die Richter einen schuldbewussten Angeklagten. Doch dem war nicht so – sie war sich keiner Schuld gegenüber einem von ihnen bewusst. Vielmehr standen Steve und Natasha nach all dem Chaos, welches die beiden für sie verursacht hatten, in ihrer Schuld.

„Ich vertraue keinem von euch. Dieses Gefühl beruht vermutlich auf Gegenseitigkeit“, sie ließ den Blick ihrer stechend grünen Augen über die drei Anwesenden schweifen, bevor sie sich in ihrem Stuhl zurücklehnte. Die kalte Maske verdeckte sämtliche unerwünschten Emotionen auf ihrem Gesicht; selbst Natasha schien nicht mehr in der Lage zu sein, die junge Assassinin zu durchschauen und zu deuten.

„Aber trotzdem sitzen wir jetzt alle hier an diesem Tisch, ohne dass wir versuchen einander umzubringen. Wir sitzen hier, weil wir das gleiche Ziel verfolgen“, sie deutete auf die vielen Karten und Fotografien, welche auf dem Tisch verteilt wurden, „wir alle wollen eine Erklärung. Eine Erklärung für das, was passiert ist. Und Sitwell kann uns Antworten geben.“

Ihr ausdrucksloser Blick haderte für den Bruchteil einer Sekunde. Für einen so kurzen Moment, dass es ihnen beinahe entgangen war. Doch sie alle hatten es gesehen – der stechende Schmerz des Verrates, dessen Klinge Ivana so tief getroffen hatte.

Das Mädchen brauchte Antworten. Und diese würde sie bekommen, egal auf welche Art und Weise.

„Ihr seid wütend. Immerhin haben eure eigenen Leute noch vor wenigen Stunden eine Rakete auf euch abgefeuert.“ Ein leises Seufzen entglitt ihren Lippen, als sie ihre Hände auf den Küchentisch fallen ließ; abwesend vergrub sie ihre Fingernägel in ihre weiche Haut. Sie senkte ihren Blick und betrachtete die hölzerne Maserung. Doch trotz des offensichtlichen Unbehagens, erklang ihre Stimme noch entschlossener als zuvor: „Aber ich bin auch wütend. Auch meine Leute haben versucht mich zu töten. Und ich möchte wissen, warum.“

Es war eine Schwäche. Ein Fehler, ihre verworrenen Gedanken so ungeschützt mitzuteilen. Aber ihre Worte entsprachen der Wahrheit. Sie brauchte Antworten, um all die vergangenen Ereignisse verstehen zu können. Um sie akzeptieren zu können. Doch sie suchte nach mehr. Sie sehnte sich nach mehr.

Ihr war es gleich, welche Entscheidungen ihre Vorgesetzten der Organisation HYDRA von nun an für sie treffen würden. Man hatte sie betrogen; im vollen Bewusstsein aller Konsequenzen hatte man sich gegen sie entschieden. Ohne jeglichen Grund hatte man sie mit Verrätern gleichgestellt und töten wollen – doch das bedeutete keineswegs, dass die Madame ebenso entschieden hatte.

Es war dieser kleine Schimmer der Hoffnung, welcher sie aus ihrem benebelten Zustand erweckt hatte – sie wachgeschüttelt hatte. Nur weil ein Wissenschaftler in Form einer Maschine ihr von dem Verrat der Akademie berichtet hatte, musste dies nicht der Wahrheit entsprechen. Es könnte auch nur eine von vielen Lügen sein, die HYDRA – die Alexander Pierce – ihr glaubhaft machen wollte. Eine seiner vielen Manipulationen, welche sie seit Jahren wie eine Marionette tanzen ließen.

Sie brauchte nur eine Absolution. Und das war die der Madame. Der Frau, dessen Vertrauen sie ihr Leben lang angetrieben hatte. Die ihr einen Sinn gegeben hatte.

„Also gut“, mit einem leichten Nicken seinerseits, verschränkte Steve die Arme vor der Brust und ließ sich in seinem Stuhl zurückfallen. Sein Blick schweifte über den hölzernen Tisch und die darauf liegenden Papiere. Letztendlich endeten seine Augen auf Natasha, welche ihn abwartend musterte.

„Wie lautet der Plan?“


Das NSA-Hauptgebäude in Fort Meade war tatsächlich nicht schwer zu erreichen; die Eingangskontrollen an den breiten Toren waren so spärlich, dass selbst Steves bekannte Gestalt keine Aufmerksamkeit erweckt hatte.

Vor ihnen erstreckte sich der weite Parkplatz, auf dessen Gelände bereits unzählige Autos von den vielen Mitarbeitern der Nationalen Sicherheitsbehörde abgestellt worden waren. Die bläulich-schwarze Glasfassade der beiden benachbarten Gebäude reflektierten das trübe Licht der Morgensonne, welches sich nur spärlich einen Weg durch die tiefhängenden Wolken erkämpfen konnte.

Langsam wandte Ivana ihre Augen von dem gläsernen Gebäude ab und betrachtete das auffällige Schild, auf dessen blauen Untergrund die goldenen Wappen der verschiedenen Behörden angebracht waren. Neben dem vergoldeten Adler der National Security Agency, waren noch die beiden Siegel des Central Security Service und des U.S. Cyber Command zu erkennen. Sie wirkten noch so neu und feinpoliert, als wären sie erst vor kurzem angebracht worden.

„Den Mann, den ihr sucht, heißt Lieutenant General L. Scott Rice. Er ist der Direktor der Air National Guard. Solltet ihr unerkannt bleiben, wird er euch helfen können.“
Während Sam ihnen die letzten Informationen gab, ließ Steve seinen wachsamen Blick über den breiten Parkplatz schweifen. Ihm war keinerlei Anspannung anzusehen; er wirkte gelassen, als er sich an Natasha und Ivana wandte.

„Wir gehen rein und wieder raus, wir sollten das ganze hier in dreißig Minuten hinter uns haben. Sam, du wartest hier, damit wir direkt losfahren können“, seine blauen Augen richteten sich auf das Mädchen; diese konnte bereits erahnen, was er als nächstes sagen würde, „wir greifen nicht an. Nicht, solange es nicht notwendig ist. Hast du das verstanden, Ivana?“

„Ich hab’s auch schon bei den letzten Fünfmalen verstanden“, entgegnete sie und rollte mit den Augen. Ihr Blick richtete sich wieder auf das spiegelnde Gebäude und sie zuckte mit den Schultern. „Ich denke nicht, dass das hier so eine große Sache sein wird. Bis auf ein paar Wachposten und den pro forma angebrachten Sicherheitskameras, scheint das Gebäude nicht wirklich gesichert zu sein.“

„Hoffen wir’s.“ Mit einem leisen Knall schlug Natasha die Klappe des Kofferraumes zu und verstaute dabei ihre schmale Waffe in einer der Innentaschen ihrer Jacke. „Überlasst mir einfach das Reden.“

Sie hatten sich erst ein paar wenige Schritte von dem kleinen Besucherzentrum entfernt, als sie bereits von einem Mann in Uniform aufgehalten wurden. Mit einer kurzen Geste erweckte er ihre Aufmerksamkeit und brachte sie zum Stehen, ehe er einen seiner Kollegen zu sich heranwinkte und auf sie zutrat. Beide hielten ein schweres Gewehr in den Händen, welches normale Besucher vermutlich einschüchtern sollte.

Noch bevor die beiden Männer sie erreicht hatten, holte Natasha ihren alten S.H.I.E.L.D.-Ausweis aus einer ihrer Jackentaschen hervor und hielt diesen in die Höhe. Ein Schmunzeln breitete sich auf ihren Lippen aus und sie trat an die zwei Wachmänner heran. Mit einer ausschweifenden Geste deutete sie auf sich und ihre beiden Begleiter. „Ich bin Agent Romanoff und das hier sind Captain Rogers und Junior Agent Carter. Wir sind hier im Auftrag der Strategischen Heimat-, Interventions-, Einsatz- und Logistik-Division, kurz auch S.H.I.E.L.D. genannt.“

Einer der Männer nahm ihren Ausweis entgegen und ließ seinen Blick über das kleine Foto schweifen, als sich Erkennen auf seinen Zügen ausbreitete. Er reichte die kleine Karte seinem Kollegen, während der Enthusiasmus sich in seinen Gesichtszügen ausbreitete; vermutlich hatte er die beiden international bekannten Avenger erkannt. Doch er zwang sich zur Professionalität und räusperte sich. „Wie kann ich Ihnen helfen, Agent Romanoff?“

„Wir würden uns gerne mit dem Direktor der Air National Guard, Lieutenant General L. Scott Rice, unterhalten“, noch bevor der Mann etwas erwidern konnte, räusperte sich Steve zu ihrer rechten; auch seine Lippen zierte ein freundliches Lächeln, als er hinzufügte: „Wir haben es eilig.“

Der Wachmann schien seine unterschwellige Bitte verstanden zu haben, denn er nickte ihnen nur kurz zu und wandte sich von ihnen ab; mit seiner freien Hand langte er nach einem Funkgerät, welches an seinem Gürtel befestigt war.

„Hey Will, ich hab hier drei Leute von S.H.I.E.L.D., die nach General Rice gefragt haben“, ein leiser Signalton war zu hören, gefolgt von einer genuschelten Antwort des anderen Gesprächspartners. Der Mann hielt sich das Funkgerät näher ans Ohr und lauschte der Antwort, ehe er erneut zum Sprechen ansetzte: „Eine von ihnen kenne ich nicht, irgendein Junior Agent. Aber die anderen beiden sind von den Avengers. Captain America und die Rothaarige.“

Natasha ließ ein leises Schnauben vernehmen und warf Steve einen unbeeindruckten Blick zu. Letzterer kämpfte gegen das breite Grinsen auf seinen Lippen, worauf Natasha nur die Arme verschränkte und den Kopf schüttelte. „Das ist also der Dank dafür, dass ich mich von Aliens habe verprügeln lasse. Ich bin ‚die Rothaarige‘.“

Mit einem breiten Lächeln auf seinen Zügen, wandte der Wachmann sich den drei wartenden Personen wieder zu. Während er sein Funkgerät wieder an dem Gürtel befestigte, riefen sich Steve und Natasha gleichzeitig einen identisch freundlichen Ausdruck auf ihre Gesichter und warteten augenscheinlich geduldig die Antwort des Mannes ab.

„Ich hab drinnen Bescheid gesagt“, er deutete hinter sich auf das hohe Gebäude, dessen Spiegelglasfenster den weiten Parkplatz reflektierten, „ein Mitarbeiter der NSA wird euch erwarten und zu General Rice bringen. Einfach geradeaus über den Parkplatz, ihr könnt den Eingang gar nicht übersehen.“

„Vielen Dank“, entgegnete Steve und nickte dem Wachmann zu, welcher kopfschüttelnd abwinkte; ein Ausdruck des Stolzes zeichnete sich ab und er reichte dem Captain die Hand. „Nichts zu danken, Captain America.“

Der blonde Mann zögerte einen kurzen Augenblick. Letztendlich erwiderte er den Händedruck, ehe er mit schnellen Schritten zu den beiden Damen aufholte, welche sich bereits einige Meter von ihm entfernt hatten. Natasha warf ihm nur einen kurzen, abschätzigen Blick über die Schulter zu, während Ivana ein Schnauben vernehmen ließ. „Keine Zeit für die Fans, Captain.“

Ihren Kommentar ignorierend, versuchte Steve sich Natashas Tempo anzupassen und ließ seinen wachsamen Blick über den weiten Parkplatz schweifen.

„Wie ich dir bereits zuvor gesagt habe, Steve. Die wichtigste Regel beim Davonrennen: Nicht rennen, sondern gehen“, Natasha warf ihm einen kurzen, vielsagenden Blick zu, worauf er sein Tempo wieder drosselte. Er richtete seine Augen nach vorne auf die breite Glastüre, welche sich durch ihre Annäherung automatisch öffnete und den Weg in die große Haupthalle des Gebäudes freigab.

Ivana ließ ihre Augen umherschweifen; durch das äußerlich schwarzwirkende Spiegelglas fiel das getrübte Licht der Sonne und erleuchtete die hohe Halle in einem kalten Blau, während zusätzliche Lampen die schattenhaften Plätze unter breiten Treppen und in engen Ecken ausleuchteten. Unzählige Menschen tummelten sich in der Halle und eilten in verschiedenen Richtungen, doch bevor Ivana ihnen mit ihrem prüfenden Blick folgen konnte, trat ein großgewachsener, braunhaariger Mann an ihre kleine Gruppe heran. Seine blauen Augen huschten von Natasha zu Steve; er schien Ivanas Anwesenheit nicht einmal bemerkt zu haben, bis sie neben dem Captain zum Stehen kam.

Mit einem leisen Räuspern überbrückte er die restlichen Meter und reichte ihnen energisch seine rechte Hand – zu energisch, als das seine Reaktion als normal gewertet werden konnte.

„William Andrews“, stellte er sich vor, während er von Natashas Hand abließ und die von Steve umfasste, „ich werde euch zu Lieutenant General L. Scott Rice führen. Er wird sicherlich auch kurzfristig einen Termin für euch freimachen können.“

Seine freie, linke Hand deutete auf eine breite Türe, welche von der großen Aufschrift Air National Guard beschildert wurde, wobei seine rechte Ivanas Arm abwesend schüttelte. Das Mädchen entwand sich seinem unangenehm festen Griff, doch er schien sie kaum zu beachten. Stattdessen wandte er sich eilig von ihnen ab. Mit schnellen Schritten näherte er sich der Türe auf der anderen Seite des Raumes. Schweigend warf Steve Natasha einen kurzen Blick zu; Ivanas Augen hefteten sich auf den vorlaufenden Mann, dessen Körperhaltung angespannt und nervös wirkte.

„Sie wissen Bescheid“, murmelte Natasha nur leise, ehe sie sich langsam in Bewegung setzte und dem fremden Mann namens William Andrews in das parallel anliegende Gebäude der Air National Guard folgte.


Er führte sie einen breiten, klinisch wirkenden Gang entlang, dessen geflieste Wände einen noch kälteren Eindruck erweckten. Ivana, welche dem Mann als nächste von ihnen folgte, verschränkte die Arme hinter dem Rücken und beschleunigte ihr Tempo, um sich seinen Schritten anzupassen.

„General Rice erwartet uns schon?“, sie rief sich ein Lächeln auf ihre Lippen; ihre grünen Augen bohrten sich in die des Mannes, welcher ihren durchdringenden Blick unsicher erwiderte, „denn wir haben es etwas eilig.“

„Er wurde sicher bereits von einer meiner Kollegen informiert“, entgegnete er. Seine Stimme klang gefasst, doch ihnen entging das leichte, unsichere Zögern nicht. Es war die einzige Bestätigung, die Ivana von ihm brauchte – und der kurze Blick über ihre Schulter, zeigte ihr Natashas Zustimmung.

In einer schnellen Bewegung ließ sie sich zu Boden fallen und holte mit ihrem freien Bein aus; ihr harter Tritt brachte ihn aus seinem Gleichgewicht und er stolperte auf die kalten Fliesen, wo ihn Ivanas Knie in die Schläfe traf. Ohne einen Laut von sich zu geben, sackte er bewusstlos in sich zusammen und blieb regungslos auf seiner Seite liegen. Schweigend hockte Natasha sich neben den bewusstlosen Körper des Mannes und durchsuchte sein ordentlich gebügeltes Jackett, bis sie eine weiße Schlüsselkarte hervorholte.

Sie betrachtete diese für einen kurzen Moment, bevor sie sich an Steve wandte. „Wir sollten ihn beiseiteschaffen und uns dann aufteilen, bevor sie hier in Lockdown gehen. Wir gehen hoch zum Kontrollraum und deaktivieren die Sicherheitssysteme und du gehst in den Keller und holst das Ding. Mit der Wegbeschreibung von Sam dürfte das nicht lange dauern, also Rendezvous in dreißig Minuten bei Sam.“


Mit einem leisen Grunzen sackte der Wachmann vor ihren Füßen zu Boden; seine fallengelassene Waffe schlitterte über den weißen Boden und verursachte ein leises Klappern. Mit lautlosen Schritten trat sie über den bewusstlosen Körper hinweg und holte zu Natasha auf, welche am Ende des langen Ganges vor einer schmalen, unscheinbaren Türe zum Stehen kam. Durch ein eingelassenes Fenster erhaschte sie einen kurzen Blick in den kleinen Kontrollraum, welche die Systeme der Air National Guard beherbergte.

„Insgesamt vier Agenten, jeder übernimmt zwei“, ohne auf eine Antwort zu warten, zog Natasha die entwendete Schlüsselkarte eines anderen Wachmannes durch das Lesegerät und mit einem Klicken öffnete sich der automatische Verschlussmechanismus.

Die vier Agenten verstummten in ihrer angeregten Unterhaltung und wandten sich ihnen zu, doch bevor einer von ihnen auf ihre unautorisierte Anwesenheit reagieren konnte, hatte Natasha bereits zum Angriff angesetzt. Ein leichtes Schmunzeln zuckte an Ivanas Lippen, als sie es ihr gleichtat.

Sie trat auf ihre beiden Agenten zu und rammte dem ersten Mann ihr Knie in den Bauch, bevor sie sich an den anderen wandte und sein Handgelenk in seiner Schlagbewegung abfing. Mit einem geübten Griff verdrehte sie den Arm so, dass es dem Agenten einen Schrei entlockte und auf die Knie zwang; ihr fester Tritt traf ihn am Kopf und knockte ihn augenblicklich aus. Sie ließ seinen Arm los und wandte sich an den anderen Agenten, welcher seine Waffe hervorholte und mit sie mit einem nervösen Griff anvisierte. Noch bevor er eine Chance zum Schießen bekam, holte sie die kleine, metallene Disk hervor, welche sie von Natasha erhalten hatten.

Sie warf diese dem Mann entgegen; obwohl sie den Zweck bereits kannte – immerhin hatte Natasha versucht, sie selbst damit zu betäuben – war es dennoch faszinierend mitanzusehen, wie der elektrische Strom durch den Körper des Agenten pulsierte. Die hohe Spannung entlockte ihm einen gequälten Schrei, ehe er mit einem lauten Aufprall zu Boden fiel.

„Die sind echt nicht schlecht“, kommentierte sie nur.

Schulterzuckend stieg sie über den Mann hinweg und gesellte sich zu Natasha, um ihr bei der Deaktivierung der Sicherheitssysteme zu helfen.

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A/N: Ein Dank für das neue Review :)
Schöne Woche noch!
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* insecure security - unsichere Sicherheit
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