Trägheit des Herzens

GeschichteAllgemein / P12
Mycroft Holmes
31.03.2019
31.03.2019
1
1.647
3
Alle Kapitel
1 Review
Dieses Kapitel
1 Review
 
 Datenschutzinfo
 
 
31.03.2019 1.647
 
Wettbewerb: Pfuhl der Sünde

Trägheit des Herzens


Torpor circa præcepta


Das dunkle Holz seines Schreibtischs ist so glatt und ebenmäßig wie eh und je. Jeden Morgen wird es in der Früh von den Bediensteten poliert, sodass, wenn endlich Mycroft Holmes sich zu erscheinen bequemt, sein Büro in einem möglichst inspirierenden und intellektuell stimulierenden Zustand ist, und für Angestellte der britischen Krone gehört dazu eben auch ein besonders glänzender Schreibtisch. Nicht, dass es je jemand wagen würde, sich über seine Unpünktlichkeit zu beschweren! Selbst wenn würde Mycroft wahrscheinlich entgegnen, dass seine Unpünktlichkeit doch so regelmäßig war, dass sie einer eigenen Pünktlichkeit gleicht, und dass somit jeder, der ein bisschen mitdachte, keinerlei Schwierigkeiten haben sollte, sein Erscheinen punktgenau vorauszusagen.

Doch selbst der genaueste Denker hätte nicht damit rechnen können, dass Mycroft eines Tages einfach nicht erscheint. Und das, ohne sein Fernbleiben zu entschuldigen. Das sieht selbst einem Mann, der sich seiner Unentbehrlichkeit, und all der damit verbundenen Vorzüge, so bewusst ist wie Mycroft, nicht ähnlich. Natürlich würde es den anderen Angestellten, nicht einfallen, miteinander über ihn zu tratschen, auch als sie im Laufe des voranschreitenden Tages langsam aufgeben, an die schwere Eichenholztür zu pochen, und stattdessen die Dokumente, bei denen sie Rat benötigen, auf seinem Schreibtisch zu stapeln, dessen polierte Platte sich fast nur noch erahnen lässt. Stattdessen werfen die, die unverrichteter Dinge aus seinem Büro kommen, einander nur mit hochgezogenen Augenbrauen schadenfrohe Blicke zu. Man freut sich, dass der vorgeblich unfehlbare Mr. Holmes sich einen solchen Fauxpas leistet, doch diese Freude ist nichts, was jemand laut auszusprechen wagt. Schließlich kennt Mycroft jeden und weiß alles, und dieses Bild hält sich auch bei der gleichzeitigen Abwesenheit des Mannes.

So vergeht der Tag, und nie sind es Mycrofts Schritte, die um die Ecke über die Kopfsteinpflaster angelaufen kommen.

Erst am nächsten Tag sitzt er plötzlich wieder da und sortiert mit derartig lustlosem Blick die Dokumente, die sich in nur vierundzwanzig Stunden seines Fernbleibens angesammelt haben, dass keiner es wagt, ihm Vorhaltungen zu machen.

Rancor


Ob Mycroft seine Arbeit genießt, ist von außen schwer zu beurteilen. Wahrscheinlich stellt sich eine solche Frage überhaupt nicht, wenn man einen der wichtigsten, verantwortungsvollsten Posten des Landes innehat. Der Genuss besteht darin, einer der wichtigsten und fähigsten Männer des Königreiches zu sein, so müsste man meinen.

Meint Mycroft aber nicht. Er, der sonst alles weiß, kann sich keiner Worte entsinnen, um die Mischung aus beinahe angewiderter Verachtung und schmerzhafter Langeweile zu beschreiben, die ihn überkommt, als er wieder und die selben Probleme für die selben kleingeistigen Wichtigtuer lösen muss. Er blättert durch den soeben noch sorgfältig geordneten Stapel. Das Papier ist spröde und knickt unter seinen schweren Händen ein, die ehemals glänzend schwarze Tinte stumpft ab, das Feuer des Kamins prasselt in seinem Ohren und seinem Gemüt. Mycrofts Blick bewegt sich träge zwischen der Feuerstelle und den Papieren hin und her. Hätte er die Energie dazu, er hätte vielleicht gelächelt, doch die Tragenden Schritte mit denen er sich über den teuren Teppich schleppt, sind wie die eines kranken Mannes, und die Bewegungen, mit denen er Faust um Faust zerknüllter Dokumente zwischen die Flammen bettet sind so langsam und zäh wie in einem Traum.

Malitia


Die Männer, die gekommen sind, Mycroft zu befragen und zu tadeln, betrachten ihn, wie man vielleicht ein exotisches Tier im Zirkus betrachtet. Einen Elefanten, der, nachdem er dem Dompteur folgend auf Stufen kletterte, Bälle fing und brav seine Aufgaben erfüllte, nun plötzlich bemerkt hat, dass er Stoßzähne hat.
Das ist es, was Mycroft sich vorstellt, als er die geschniegelten und geschniegelten Männer ihrer Majestät betrachtet, die sich um seinen Schreibtisch scharen, von dem fortzubewegen er sich geweigert hat, wohl wissend, dass eine Aufgabe seines Büros einer Aufgabe seines Reviers gleich käme. Ein Mann, der ihn gestern im Club noch schamvoll und unterwürfig grüßte, rückt sein Monokel zurecht und tritt einen Schritt näher.

Mycroft lächelt, plötzlich trunken von Macht und Schrankenlosigkeit, doch seine Euphorie ist zu faul für mehr als ein fast unmerkliches Heben des Mundwinkels. Er lässt die anderen reden, zunächst wohlgeordnet, einer nach dem anderen. Dann, als Mycroft nicht reagiert, nur weiterhin so seltsam und lässig lächelt, durcheinander und zunehmend aufgewühlt.
Mit einem Heben der Hand gebietet er ihnen, zu schweigen. Sie gehorchen sofort, natürlich. „Meine Herren,“ sagt er, mit einer Stimme so erschöpft und schleppend, dass sie hätten Mitleid bekommen können, wäre da nicht das todmüde wie entgrenzte Lächeln gewesen. „Ich bin ein Mensch, vor dem niemand Geheimnisse hat, weil mein Wert genau darin liegt, alles zu wissen und alles verbinden und verknüpfen zu können. Nun, mit meiner Enzyklopädie der Geheimnisse kann ich Gutes tun wie Schlechtes. Mir ist es gleich – und Sie wissen doch alle, dass ich Dinge über sie weiß, die, sollten sie an die Öffentlichkeit kommen, Ihnen nicht nur Ihre Posten kosten würden, sondern auch in einigen Fällen die Liebe ihrer Frauen, das Vertrauen ihrer Freunde, den Respekt der Bevölkerung.“

Vagatio mentis circa illicita


Sie haben nach seinem Bruder geschickt. Natürlich. Doch es müssen noch drei Tage vergehen, bis Sherlock auftaucht, als haben er und die Welt hoffnungsvoll verharrt und gewartet, dass Mycroft von alleine wieder zur Vernunft kommt. Stattdessen hatte er nur gesessen, an einem Schreibtisch an dem er nicht mehr arbeitete, in einem Sessel, in dem er nicht mehr las, sogar in Restaurants, in denen er zwar noch immer aß – ein Körper braucht, was ein Körper braucht – doch in dem ihm immer öfter schon nach dem zweiten Gang der Antrieb fehlte, sich weiteren Köstlichkeiten zu widmen.

Mit einer schlaffen Geste der Hand bietet Mycroft Sherlock einen Platz an, den dieser aber nicht annimmt. Er bleibt stehen, als wolle er seinen Bruder daran erinnern, dass andere Menschen auch Zeit auf den Beinen verbringen. Oder aber er will einfach den Größenvorteil nicht aufgeben, mit dem er so ernst und anschuldigend auf den Älteren herabblickt. Ein unbeteiligter Beobachter hätte in seinem starren Blick und dem zusammengepressten Mund nur stillen Vorwurf gesehen, doch Mycroft kennt seinen Bruder und kann das Alphabet seiner Gesichtzüge so mühelos lesen wie die meisten anderen der im britischen Reich bekannten Sprachen. Er liest die Sorge und für einen kurzen Moment nur treffen ihn Scham und Verwirrung wie heiße Dolche in die Brust und er wendet den Blick ab.

Doch es ist ein Sekundenbruchteil nur, dann richtet er sich wieder auf und lässt den Blick vom ernsten Gesicht Sherlocks auf die drückend gemusterte Tapete an der Wand hinter ihm weiterwandern. Die dunkelgrünen Blumen auf schmutzig-roséfarbenem Brokatstoff ranken ihre Dornen und Zweige um seine sich entfernenden Gedanken und er muss von Sherlocks scharfer Stimme in die Wirklichkeit zurückgeholt werden.

Statt auf dessen Frage einzugehen stellt Mycroft selbst eine: „Du zählst noch immer den Kokainkonsum zu deinen kleinen Lastern, nicht wahr?“
Sherlock nickt, sein Blick nun lauernd und auch ein kleines bisschen spottend. Selbstverständlich, die Klarheit und Energie, die Kokaininjektionen verschaffen, passen so wenig zu dem Bild der puren Lethargie, das sich ihm gerade bietet, wie die Droge, nach der sein Bruder nun fragt, zu ihm, Sherlock, selbst passen würde:
„Ich spiele mit dem Gedanken, mir ein ähnliches Laster zuzulegen, jedoch ein etwas … gemächlicheres. Ich weiß, dass deine Recherchen dich schon in die Opiumhöhlen des East Ends getrieben haben. Ich möchte, dass du mich in diese Kreise einführst. Was ich brauche, ist ein wenig Entspannung. Das Geld, das ich verliere, ist mir egal. Und das Ansehen? Nun ja …“ Der massige Körper, der im Sessel hingefläzt daliegt zuckt mit den Schultern und Sherlock überrascht sich selbst als er die Bitte ausschlägt.

Noch vor Wochen hätte er alleine aus Experimentierfreude zugestimmt – sein rationaler Bruder im Opiumrausch, nur zu gern hätte er sich Notizen über dessen jegliche Regungen und Gedanken gemacht! Doch Mycroft vor sich zu sehen, wie er ihn jetzt sah, von derartiger Apathie ergriffen, wie er sie in diesem schon immer trägen Mann noch nie erlebt hatte, traf ihn auf eine nie gekannte Weise. Sherlock musste kurz überlegen, bevor er das so unbekannte Gefühl zuordnen konnte: er sorgte sich tatsächlich um seinen großen Bruder – etwas, das ob dessen zwar genussvollen doch immer vernünftigen und bemessenen Lebenswandels noch nie nötig gewesen war.

Desperatio


Nachdem Sherlock seiner Bitte, ihn in die Szene der Opiumraucher einzuführen, nicht nachgekommen war, hatte Mycroft sich kurz bemüht, wütend zu sein, bevor er erkannte, dass er dafür schlicht zu müde war. Für eine große Szene fehlten ihm die Energie und das Interesse. Bei näherem Betrachten schwächte auch sein so plötzliches wie Zufälliges Interesse an Opium schon wieder ab. Wieso in einer ruckelnden Kutsche ins East End fahren, wenn man auch hier in einem gemütlichen Sessel liegen konnte? Und dabei vielleicht ein wenig dösen. Unter halb geschlossenen Augenliedern sah er, wie sein Bruder begonnen hatte, deklamierend im Zimmer auf und ab zu gehen. Dessen Worte erreichten Mycrofts Bewusstsein jedoch nur wie auf Umwegen, es wahr, als würden sie durch die plüschige Stickigkeit des Raumes, die dichte Stofftapete, der weiche Sessel, festgehalten werden wie in einem klebrigen Spinnennetz.

Mycroft wollte die Hand heben um den Jüngeren zum Schweigen zu bringen, doch nein. Ehrlich gesagt, war dieser unverständliche Wortfluss keine Geste wert. Ehrlich gesagt war gar nichts eine Geste wert, oder ein Wort, oder überhaupt irgendetwas.
Seine eigenen Gedanken mit wachsendem Entsetzen beobachtend stand Mycroft der kalte Schweiß auf der Stirn, obwohl sich der Schreck gleich darauf von der Erkenntnis ablösen ließ, dass keinerlei Gedanken einen Schrecken wert waren.

Nun schloss Mycroft die Augen vollständig. Nur ein kleiner Schlummer und er würde vielleicht wieder Aufwachen mit dem Willen, etwas zu tun. Und wenn nicht – nun, wäre das nicht so egal wie es alles andere war?

---
--
-

Es hat ganz schön gedauert, bis ich mich für eine der sieben Todsünden Wurzelsünden/Hauptlaster entschieden hatte, doch als ich auf Acedia klickte (danke, Wikipedia!), stellte dieses Laster, das mir bisher ganz einfach nur als "Faulheit" bekannt war, sich als so viel interessanter und komplexer heraus, als ich je geahnt hatte, und ich war schlagartig sehr inspiriert.
Review schreiben