Ein echter Brief für Tristan 2.0

GeschichteRomanze, Schmerz/Trost / P12
31.03.2019
31.03.2019
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Lieber Tristan,

auch wenn Du Dich bestimmt darüber wunderst, warum ich Dir einen Brief schreibe und ich mir auch nicht sicher bin, ob Du ihn lesen wirst, so möchte ich dies heute trotzdem tun.
Der Grund, warum ich es schriftlich mache ist, dass ich ganz einfach besser schreiben kann als reden – und es mir auf diese Weise leichter fällt, Dir das, was ich sagen möchte mitzuteilen.
Es mag sich sicherlich feige anhören, doch im persönlichen Kontakt finde ich einfach nicht den Mut dazu, Dich anzusprechen und eine Unterhaltung mit Dir zu beginnen.
Das habe ich gerade beim letzten Treffen im März gemerkt, als ich die Gelegenheit bekam, direkt neben Dir zu sitzen – und es mir trotzdem nicht gelungen ist, Dich anzusehen oder wenigstens nachzufragen, wie es Dir geht.
Ich hoffe, Du nimmst es mir nicht allzu übel, dass ich nichts gesagt habe – und ich möchte auch, dass Du weißt, dass es absolut nichts mit Dir zu tun hatte.
Es lag – wie eigentlich immer – nur an meiner Schüchternheit, die mich dazu veranlasste zu schweigen, anstatt wenigstens ein paar Worte mit Dir zu wechseln.
Eigentlich wollte ich Dir diesen Brief beim letzten Treffen schon geben, doch ich fand keine passende Gelegenheit dazu – und selbst, als sie sich kurzzeitig ergab, fehlte mir der Mut dazu, es einfach zu tun, weil ich mir nicht sicher war und bin, was Du letztendlich von dieser Aktion halten wirst.
Daher werde ich es beim nächsten Mal noch einmal versuchen – und falls Du dann diese Zeilen hier in den Händen hältst, weißt Du, dass es mir gelungen ist, mich zu überwinden.
Bevor ich mich nun noch länger in Ausschweifungen verliere, möchte ich zum eigentlichen Grund meines Schreibens an Dich kommen. Vorneweg möchte ich gerne noch schicken, dass ich absolut nichts von Dir erwarte – und auch, ob Du diese Zeilen zu Ende liest, sie zerreißt oder in den Müll wirfst, liegt ganz in Deiner Hand. Ich schreibe Dir nicht, weil ich mir irgendetwas davon verspreche, sondern weil ich grundsätzlich ein Mensch bin, der immer mit offenen Karten spielt, ganz gleich, ob es sich zu seinem Vor- oder Nachteil auswirkt.
Zwar ist mir bewusst, dass ich dies nicht tun müsste, dass ich Dir keinerlei Rechenschaft schuldig bin – und letztendlich bin ich mir auch gar nicht sicher, ob es für Dich überhaupt von Interesse ist.
Jedoch habe ich das Gefühl, es mir selbst schuldig zu sein, um Dir offen begegnen zu können und mich Dir gegenüber nicht falsch zu verhalten.
Der Grund übrigens, warum dieser Brief nicht handschriftlich verfasst ist, ist der, dass Schönschrift nicht gerade zu meinen Stärken zählt – und Du, falls Du Dich dazu entscheidest, ihn zu lesen, das Geschriebene auch entziffern können sollst.
Bevor ich nun beginne, möchte ich vorweg noch folgendes schicken: Falls ich in den nachfolgenden Zeilen zu ausführlich werde oder Dir damit zu nahe trete, dann tut es mir aufrichtig Leid. Das liegt nicht in meiner Absicht. Es ist lediglich meine Perspektive, die ich hier wiedergebe.

Mittlerweile ist es über ein Jahr her, seit wir uns das erste Mal begegnet sind – und wenn ich ehrlich bin, habe ich damals bei unserem ersten Zusammentreffen nicht damit gerechnet, dass daraus eine Sache entstehen würde, die mich über einen so langen Zeitraum hinweg beschäftigt.
Im Grunde genommen war auch gar nichts Außergewöhnliches daran. Ich erinnere mich, dass Du irgendwann hereinkamst und den anderen aus der Gruppe ein freundliches Lächeln geschenkt hast, darunter auch mir.
Zu einem Gespräch zwischen uns ist es gar nicht gekommen, denn ich war viel zu schüchtern dazu, Dich anzusprechen – und selbst Deinen Namen erfuhr ich nur durch reinen Zufall. Nichtsdestotrotz hast Du mich bereits an jenem Abend fasziniert, auch wenn ich mir selbst nicht genau erklären kann, womit oder warum. Du hattest irgendetwas an Dir, was mich ansprach – und genau deshalb habe ich beim Abschied auch gehofft, Dich beim nächsten Mal wiederzusehen.
Diese Hoffnung wurde dann auch tatsächlich erfüllt, denn Du warst beim darauffolgenden Gruppentreffen wieder dabei – obwohl wir abermals nicht mehr miteinander gesprochen haben als ein freundliches, knappes „Hallo“ zur Begrüßung.
Meine Faszination war nach wie vor vorhanden – und so versuchte ich, irgendwie mit Dir ins Gespräch zu kommen, was im Grunde genommen ein Leichtes gewesen wäre, denn Du saßt am selben Tisch wie ich, sodass ich eigentlich nichts weiter hätte tun müssten als das Schweigen zu brechen und Dich anzusprechen.
Doch mir fehlte irgendwie der Mut dazu, so wie eigentlich jedes Mal, wenn ich auf neue Menschen treffe, mit denen ich vorher noch nichts zu tun hatte. Also schwieg ich stattdessen und hörte Dir nur zu, ehe ich mich auf ein paar andere Leute konzentrierte, mit denen ich bereits vertrauter war. Meine leise Hoffnung war, dass Du vielleicht mich ansprechen würdest – doch dazu kam es an diesem Abend leider nicht, weshalb ich erneut einfach zugehört habe und mir auf diese Weise zum zweiten Mal die Chance dazu entging, etwas über Dich zu erfahren.
Ohne dass ich mir dessen richtig bewusst war, konzentrierte ich mich fast nur auf Dich und Deine Worte – und langsam aber sicher merkte ich, dass meine anfängliche Faszination in ein stärkeres Gefühl umschlägt, das ich zu Anfang nicht richtig deuten, geschweige denn, benennen konnte.
Erst beim Abschied, der ebenso unspektakulär verlief und mit einem kurzen, freundlichen „Ciao“ Deinerseits vonstatten ging, wusste ich, was passiert war und hatte ein Wort für das Gefühl, das sich in mir regte: Zuneigung.
Genau das war es, was ich empfand, als ich ging: Schlicht und ergreifend Zuneigung. Sowie natürlich die erneute Hoffnung darauf, Dich beim nächsten Mal wiederzusehen.
In den darauffolgenden Tagen kreisten meine Gedanken immerzu um Dich, kehrten zu dem Abend zurück, an dem ich Dich kennenlernte und ließen mir keine Ruhe, ganz gleich, womit ich mich auch abzulenken versuchte.
Aus diesem Grund vertraute ich mich schließlich jemand anderem vom Stammtisch an und erzählte, worüber ich nachdachte und was ich empfand. Und mir wurde ziemlich rasch der Wind aus den Segeln genommen, als ich erfuhr, dass Du nicht frei bist.
Spätestens nach dieser Erkenntnis wäre es vielleicht das Vernünftigste gewesen, einen Haken darunter zu setzen und mir keine Hoffnungen mehr zu machen. Schließlich war das ein klarer Umstand, der dagegen sprach und für den niemand verantwortlich ist – Du nicht und ich nicht.
Und ich habe auch lange Zeit versucht, damit umzugehen und letztendlich auch abzuschließen. Ich versuchte, mich abzulenken, auf etwas anderes zu konzentrieren und nicht mehr über Dich nachzudenken. Doch je mehr ich mich bemühte, es zu verdrängen, desto erfolgloser blieb die ganze Aktion.
Besonders kompliziert war es fortan natürlich, wenn ich Dir begegnen musste, ganz gleich, ob sich zwischen uns eine Unterhaltung ergab oder nicht. Es reichte schon Deine Anwesenheit aus, um mich nervös zu machen, weshalb ich auch kurzzeitig mit der Überlegung spielte, überhaupt nicht mehr zum Treffen zu gehen und die Situation auf diese Weise zu vermeiden.
Andererseits kam ich mir schlecht und feige dabei vor, ganz besonders deshalb, weil ich mich innerhalb der Gruppe sehr wohlfühlte und -fühle, weswegen ich mein Vorhaben auch direkt wieder verwarf.
Denn im Grunde genommen machte es keinen Unterschied: Ob ich Dich nun sah oder nicht – an Dich denken musste ich sowieso. Die Angst davor, mich Dir gegenüber peinlich zu verhalten, etwas Falsches zu sagen oder zu tun schwang natürlich jedes Mal mit – ebenso wie auch die Überinterpretation Deiner Gesten und Worte.
Mir war und ist klar, dass sie mir wesentlich mehr bedeuten als Dir und Du im Grunde nur höflich bist, mehr aber auch nicht. Und deshalb hoffe ich auch, dass Du in der Lage bist, mir das nachzusehen und zu verzeihen.

Mit der Zeit habe ich nach verschiedenen Wegen gesucht, die Sache zu verarbeiten, da mir bewusst war, dass es nicht ewig so weitergehen kann. Also habe ich unter anderem mein Hobby, das Schreiben, dazu genutzt und verschiedene Texte zu Papier gebracht – in der Hoffnung, auf diese Weise damit abschließen zu können.
Damit hatte ich allerdings auch nur sehr bedingt Erfolg, denn obwohl ich so alles ausdrücken konnte, was mir durch den Sinn ging, ebbten meine Gefühle für Dich deswegen nicht einfach so ab. Sie waren nach wie vor vorhanden – auch wenn es tausend Gründe und Fakten gab, die eindeutig dagegen sprachen, wenn man es vernünftig betrachtet.
Aber Tristan, vielleicht verstehst Du, wenn ich sage, dass Gefühl und Vernunft zwei Dinge sind, die man nur schwer miteinander in Einklang bringen kann. Ganz besonders dann, wenn es sich um sehr starke Gefühle handelt und man ein so emotionsgesteuerter Mensch ist wie ich es bin.
Schlicht und ergreifend gesagt: Es hat nicht funktioniert. So sehr ich es versucht habe – es wollte einfach nicht klappen.
Also musste ich eine Alternative suchen – und diese bestand nach langem Überlegen, sowie Rücksprache mit Freunden darin, Dir gegenüber ehrlich zu sein und klar auszusprechen, was Sache ist.
Lange habe ich darüber nachgedacht, ob ich damit das Richtige tue, dabei immer die Tatsache bedenkend, dass selbst ein offenes Gespräch mit Dir nichts an der Situation verändern würde.
Trotzdem kam ich letztendlich zu der Entscheidung, dass dies vermutlich der richtige Weg ist, aus dem schon genannten Grund, dass ich ein Mensch bin, der immer mit offenen Karten spielt, egal wie gut oder schlecht die Chancen stehen. Und so beschloss ich, es durchzuziehen. Mit allen möglichen Risiken und Konsequenzen.
Anfangs wollte ich es in der Form tun, die ich jetzt anwende, nämlich Dir einen Brief schreiben – allerdings empfand ich das als unfair Dir gegenüber. Es wäre schlicht und ergreifend feige gewesen, es Dir auf so unpersönliche Art mitzuteilen. Daher war es unvermeidlich, mit Dir zu reden – und Dir nicht einfach einen Brief hinzuknallen und Dich völlig unvorbereitet damit zu konfrontieren.
Wobei – unvorbereitet war es vermutlich trotzdem, denn ich glaube nicht, dass Du mit so etwas gerechnet hast, als ich Dich um ein Vier-Augen-Gespräch gebeten habe. Und ich kann mir auch gut vorstellen, dass Du überrascht und auch überfordert gewesen bist, noch dazu, weil wir uns ja kaum kennen und so wenig voneinander wissen. Du hast sicher mit vielem gerechnet – aber nicht damit.
Und das kann ich absolut verstehen, denn mir würde es in so einer Situation vermutlich nicht anders gehen. Offen gesagt komme ich mir immer noch komisch vor, weil ich mir denken kann, wie seltsam das für Dich gewesen sein muss. Und noch weniger will ich mich daran erinnern, welchen Quatsch ich sonst noch von mir gegeben habe.
Und trotzdem habe ich es nicht klar auf den Punkt gebracht. An Deiner Reaktion konnte ich zwar ablesen, dass Du verstehst, was ich meine – aber ausgesprochen habe ich es dennoch nicht. Soweit ich es richtig in Erinnerung habe, sagte ich nur „Ich mag Dich“.
Das stimmt zwar auch, trifft aber das Eigentliche nicht so ganz, da das, was ich für Dich empfinde, deutlich über „mögen“ hinausgeht. Du hast es zwar sicher bereits verstanden und gemerkt – und auch wenn ich mich damit noch mehr vor Dir blamiere als ohnehin schon, möchte ich es jetzt und hier trotzdem klar und deutlich festhalten:
Tristan, ich mag Dich nicht nur. Ich habe Dich gern.
Seit diesem Abend, an dem Du Dich völlig unspektakulär von mir verabschiedet hast, schlägt mein Herz jedes Mal schneller, wenn wir uns sehen. Und wenn ich eines ohne Scham und mit Recht behaupten kann, dann, dass ich noch nie für einen Mann so empfunden habe wie jetzt für Dich.
Auch möchte ich mich an dieser Stelle noch einmal dafür bedanken, dass Du trotz der ungewohnten Situation so entspannt geblieben bist und so offen auf meine Worte reagiert hast. Wenn ich ehrlich bin, hatte ich tatsächlich Bedenken, ob Du mich nach dieser Bekanntgabe für seltsam halten wirst. Wobei ich Dir das keineswegs übel nehmen würde. Ich glaube, dass es mir in so einer Situation nicht anders gehen würde.
Trotzdem war und ist es mir wichtig, offen zu Dir zu sein – deshalb entschuldige bitte auch, dass dieser Brief so lang ist. Aber wenn schon, dann möchte ich nichts auslassen oder vergessen.
Daher sei an dieser Stelle auch die Umarmung erwähnt, mit der Du mich völlig unvorhergesehen überrascht hast. Auch wenn es für Dich sicherlich nur eine Geste der Höflichkeit (oder eventuell auch des Mitleids) war, so kann ich eines mit Gewissheit sagen – nämlich, dass ich noch nie einem Menschen so nah war wie Dir in diesem Augenblick. Jedenfalls keinem, den ich mehr als nur mag.
Verzeih mir bitte, wenn das kitschig klingt, aber wie gesagt möchte ich offen zu Dir sein. Weil Du genauso offen zu mir warst.
Du bist ein besonderer Mensch für mich, Tristan. Zwar habe ich schon so manchen Mann kennengelernt – aber es hat mich noch keiner so fasziniert wie Du. Sicherlich war das nicht Deine Absicht – aber Du hast ganz einfach mein Herz berührt. Du hast mich berührt. Vom ersten Moment an.

Meine Hoffnung ist, dass wir es trotz dieses Briefes schaffen, weiterhin offen miteinander umzugehen und dass es nicht zwischen uns steht. Vielleicht ergibt sich für uns die Möglichkeit, uns näher kennenzulernen, auszutauschen – und möglicherweise auch Gemeinsamkeiten festzustellen. Ich würde Dich wirklich gerne näher kennenlernen und etwas über den Menschen herausfinden, der Du bist. Und ich hoffe, dass es dazu vielleicht eine Möglichkeit gibt.
Du darfst an dieser Stelle gern lachen, denn mir ist bewusst, wie das nun klingt. Doch nichtsdestotrotz versichere ich Dir, dass ich es ernst meine – so wie alles, was in diesen Zeilen hier steht.

Abschließend bleibt mir nicht mehr viel zu sagen, denn was ich Dir mitteilen wollte, habe ich getan. Ich möchte nur noch einmal zum Ausdruck bringen, dass ich mich sehr freuen würde, wenn unser Kontakt nicht gänzlich abreißt. (Was voraussetzt, dass es mir gelingt, endlich einmal das Schweigen zu brechen und ein Gespräch mit Dir zu beginnen).
Und ich erwarte wie gesagt nichts von Dir, sondern lege nur dar, worüber ich mich freuen würde. Und ich hoffe auch sehr, dass Du mich für das, was ich hier geschrieben habe, nicht verurteilen wirst.
Dass ich Dich mit anderen Augen betrachte als Du mich, daran kann ich – zumindest im Augenblick – nichts ändern. Und daran, dass Du immer ein besonderer Mensch für mich sein wirst auch nicht.
Ich kann nur hoffen, dass Du und ich weiterhin entspannt miteinander umgehen können. Mit dem Wissen, dass es diese „Sache“ nun einmal gibt – und mit der Akzeptanz ebendieser.
Denn auch wenn es Dir vielleicht gar nicht so bewusst ist, hast Du trotzdem einen festen Platz in meinem Leben. Ich hoffe, Du kannst das so annehmen – unabhängig davon, ob Du diesen Platz nutzen möchtest oder nicht.

Zuletzt möchte ich mich noch einmal entschuldigen, falls ich Dir mit etwas zu nahe getreten bin oder Du Dich beim Lesen unwohl gefühlt hast. Das lag und liegt nicht in meiner Absicht. Ich wollte Dich nur wissen lassen, wie mein Standpunkt ist und dass Du immer ein besonderer Junge für mich sein wirst.
Der erste, der es geschafft hat, mich von Beginn an zu faszinieren und mein Herz zu erreichen.

Alles Liebe,
Deine R.
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