Schattenblatt

von Hotte
GeschichteDrama, Romanze / P18
30.03.2019
05.11.2019
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Annika sah Matt und den Vollblüter aus der Halle kommen – ein bisschen früher als sie erwartet hatte. Er blieb kurz stehen und warf einen ziemlich kritischen Blick auf sein nächstes Pferd. Passte etwas nicht? Sie hatte sich sehr bemüht, seine Vorgabe genau zu beachten – den gern sehr verspannten Lipizzaner sollte sie nur vorwärts-abwärts lösen. Ihn nachher „in Haltung“ zu bringen, wäre eine Sache von wenigen Minuten, hatte er gesagt. Und Amareno ging schnaubend, in ruhigem Tempo und locker federnd mit der Nase fast im Sand. Trotzdem änderte sich Matts Gesichtsausdruck kein bisschen. Was um alles in der Welt passte ihm nicht? Sie parierte das Pferd direkt vor ihm zum Halt, sprang aus dem Sattel, klopfte den Schimmel liebevoll am Hals. Matt war ebenfalls abgesessen und sie nahm ihm die Zügel seines Vollblüters ab, als er unvermutet mit einem gemurmelten „bin gleich wieder da“ verschwand.

Als er zurückkam, begrüßte und streichelte er sein nächstes Pferd kurz, prüfte dann Sattellage und Gurt. „Zwölftes Loch“, sagte er und wandte sich dem Steigbügelriemen zu.

„Passt schon, kannst gleich aufsitzen.“

Er stockte kurz in der Bewegung, stellte fest, dass die Bügellänge tatsächlich passte, und saß geschmeidig auf. Sie drehte ihm den rechten Bügel passend auf den Fuß und reichte ihm ihre Gerte an.

„Danke, die hätte ich jetzt fast vergessen“, murmelte er, warf ihr einen Blick zu, aus dem sie nichts herauslesen konnte, und ritt dann los. Annika schob die Bügel am Sattel seines Vollblüters hoch, lockerte den Gurt und führte das Pferd Richtung Stall, während sie ihren Zettel aus der Hosentasche zog und sich noch einmal vergewisserte, dass Astino das nächste Pferd war, das er brauchen würde. Sarah hatte ihr vorhin im Vorbeigehen mit erst verständnisloser, dann überheblicher Miene bestätigt, dass das Pferd in der Box mit dem Namensschild „Astino“ auch tatsächlich Astino war.

„Mist, verdammt!“, rief Mechthild, als sie ihr vom Stall her entgegenrannte. „Perry hat einen fetten Wespenstich genau in der Gurtlage. Der lässt sich da nicht mal hingucken, geschweige denn hinfassen.“

Der trug also heute sicher keinen Sattel mehr, dachte Annika, während sie den Vollblüter absattelte, abzäumte und in seinen Stall brachte. Mit dem Sattelzeug für Matts nächstes Pferd im Arm führte sie der Weg an dem Offenstall vorbei, in dem ihre eigenen beiden Pferde seit vorgestern standen. Schimmi döste neben einem der stalleigenen Schulpferde ziemlich entspannt in der Mittagssonne, während Blacky leicht genervt am Auslaufzaun hin und her tigerte und förmlich jedes Besucherauto zu analysieren schien.

Sie rief nach Mechthild, die Sekunden später prompt neben ihr stand. „Was hast du gerade zu tun?“

„Nichts Wichtiges.“

„Könntest du dann meinen Schimmel durchputzen, einflechten und das Sattelzeug aufrüsten?“ Mechthild schluckte. „Er ist wirklich ganz brav, aber nimm ihn raus auf die Stallgasse. Blacky ist manchmal ein bisschen fies, wenn er sich aufregt.“ Mechthild nickte zögernd. „Meinen Schrank weißt du? Der schwarze Sattel ist seiner und die Trense mit dem Lederstirnband.“

Mechthild nickte erneut und machte sich sofort an die Arbeit. Sobald das Schaubild vorbei war, saß Annika vor dem Hallentor von Astino ab. Matt sprang von Amareno, drückte ihr schnell die Zügel in die Hand, murmelte: „Ich muss erstmal für kleine Jungs“ und war schon verschwunden.

Hui, der war verdammt nervös, dachte Annika, hielt Astino und Amareno am Zügel und drehte sich dem Lipizzaner zu, um ihn zu versorgen.

„Ach, hier bist du!“ Sarah kam mit vorwurfsvollem Gesichtsausdruck auf sie zu und fuhr ohne Pause fort: „Weißt du, wo Mechthild steckt?“

„Die bereitet gerade die Pas-de-deux-Pferde vor.“

„Hast du ihr das angeschafft? Seit wann hast du was mit der Orga zu tun?“, kam reichlich pikiert von gegenüber. „Außerdem muss die jetzt Perry für dich satteln. Na, dann muss das eben Basti machen.“ Gerade wollte Sarah sich wieder umdrehen.

„Sarah, ich weiß nicht, ob du es mitbekommen hast“, setzte Annika in aller Ruhe an. „Aber der Chef hat den Schaubilderplan ziemlich durcheinandergewirbelt und Perry fällt aus. Basti ist hoffentlich in der Halle, weil er da gebraucht wird. Mein Pferd kann ich schon selbst satteln, so versnobt bin ich nicht, dass ich einen Kammerdiener brauche.“

„Kammerdiener ist gut!“, schnaubte Sarah amüsiert. „Derweil gibst du ja hier grad’ Matts Kammerdiener!“ Dann sah sie sich kurz um und schob mit genervtem Augenrollen nach: „Mann, ist der schon wieder auf’m Klo?“

Einen Augenblick musterte Annika die Kollegin. Nicht dass sie noch nie über Kollegen oder Chefs gelästert hätte – aber in dem Ton? Zu so einem Thema? Und gleich am zweiten Arbeitstag? Warum genau sie die Bemerkung nicht einfach überging, wie es sonst ihre Art war, wusste sie nicht. „Das geht uns wohl nichts an, ich habe jedenfalls nicht gefragt.“

Sarah verdrehte erneut die Augen. „Mein Gott, bist du empfindlich! Stell dich nicht so an, hier geht’s ein bisschen burschikoser zu als im Verlag.“

Diesmal ignorierte sie Sarahs Ansage. „Der aktuelle, gültige Plan einschließlich Kathrins neu verteilter Aufgaben hängt übrigens an der Stalltür, vielleicht solltest du dich lieber an den halten, damit wir nicht alle gegeneinander arbeiten?“, schlug Annika vor.

„Willst du mir hier jetzt vielleicht schon Vorschriften machen? Fängst ja früh an!“ Angepisst sah Sarah ihr ins Gesicht und reckte ihr Kinn angriffslustig vor.

Das Streitgespräch wurde unterbrochen, als Matt mit genervtem Gesichtsausdruck auf die beiden Frauen zutrat, Astino kurz abklopfte, den Gurt prüfte und mit einem leisen „Bügel?“ auf Annikas Nicken wartete. Annika beförderte eine Flasche Apfelschorle aus ihrem „Servicegürtel“ und hielt sie Matt fragend hin, während sie mit einem Lappen in der anderen Hand Astinos schaumbedeckte Maulspalte kurz abwischte.

„Oh, danke – mir klebt die Zunge grad’ so am Gaumen“, nahm er das Angebot an und stürzte fast den halben Inhalt runter.

„Perry fällt aus“, klärte sie ihn dann kurz auf.

„Fuck! Und jetzt?“ Er fuhr sich genervt durch die Haare, weil er die Kappe noch nicht wieder aufgesetzt hatte. „Verdammt blöde Idee!“, ranzte er dann richtig sauer in ihre Richtung.

„Ich könnte meinen Schimmel nehmen“, schlug Annika völlig ungerührt vor. „Dann müssen wir bloß ein bisschen umdisponieren. Der springt keinen Wechsel durch – kannst du als Werbung für klassische Dressurausbildung nicht bringen. Dafür piaffiert er sicher.“

Matt stieß kurz schnaubend den Atem aus und warf ihr einen Blick zu, der ihr durch Mark und Bein ging. Verachtung traf es wohl am ehesten. „Hm, klar“, murmelte er spöttisch. „Grundschule kann er noch nicht, aber an der Uni hat er schon das zweite Examen.“

Getroffener als sie sich selbst eingestehen wollte, schob sie Matt den rechten Bügel unter den Fuß und bemerkte, dass er keine Sporen angelegt hatte. Einen ganz kurzen Moment war sie versucht, ihn mit dem Problem allein zu lassen, entschied sich dann aber, das Ganze erwachsen anzugehen. Sie zog sich ihre Stecksporen von den Absätzen, bog sie ein wenig auf, weil sie für Männerschuhe zu schmal waren, und steckte sie ihm an die Stiefel. Verblüfft musterte er sie dabei.

Amareno war rasch aufgeräumt, das Sattelzeug für Corleone ebenso schnell geholt. Annika öffnete gerade die Boxentür, als Sarah vorbeischlenderte. „Übrigens, Corleone ist der in der Box daneben“, ließ sie beiläufig fallen.

Annika sah sie verwundert an, war doch der Fuchs, zu dem sie gerade wollte, adrett hergerichtet. Sein Boxennachbar war zwar auch Fuchs, aber weder eingeflochten noch geputzt. „Ja, manchmal stellen wir halt auch Pferde um und so schnell ist das Boxenschild nicht mitgewandert.“

Sarah machte keinerlei Anstalten, Annika jetzt zu helfen. Also packte sie sich rasch eine Bürste und ein Zopfgummi, säuberte das Pferd, das glücklicherweise nicht vor Dreck strotzte, und flocht schnell einen Mozartzopf in die Mähne. Matt würde sich über die „Mädchenfrisur“ freuen, dachte sie augenrollend.

Entgegen ihrer sonstigen sorgfältigen Art trabte Annika relativ rasch an und verzog das Gesicht. Ja, Corleone stand als Programmpunkt „junges Pferd“ in der Liste, aber ein so offenbar unerfahrenes Pferd hätte sie selbst niemals bei einem öffentlichen Auftritt gezeigt. Der fühlte sich an, als hätte er noch keine Handvoll Male einen Sattel auf dem Rücken gehabt.

Matt schnappte entsetzt nach Luft, als er von Astino abgesessen war und sich seinem nächsten Pferd zuwandte. „Bist du verrückt? Du solltest mir Corleone bringen“, fauchte er. Annika blieb die Spucke weg, als sie realisierte, dass Sarah sie an der Nase herumgeführt hatte. Betreten blickte sie zu Boden, während Matt nach kurzem Überlegen vorsichtig in den Sattel stieg und etwas murmelte, was sich verdächtig nach „aufpassen wie auf ein Kleinkind“ anhörte.

Während sie Astino aufräumte, stiegen ihr die Tränen in die Augen. Eigentlich war sie nicht empfindlich, insbesondere nicht in Stresssituationen. Dazu war sie während ihrer Ehrenamtler-Karriere bei solchen Veranstaltungen schon zu häufig für den Frust der Alphamännchen als Blitzableiter missbraucht worden. Aber so offensichtlich verachtet zu werden – noch dazu von dem Kerl, der in Zukunft ihr Chef war?

Glücklicherweise wartete noch Arbeit, Mechthild hatte Schimmi bereits gesattelt und kam ihr schüchtern lächelnd mit dem Pferd entgegen. Sie wusste, dass Schimmi Trubel nicht gewohnt war und ein wenig längeres Abreiten brauchen würde, um sich zu entspannen. Also saß sie gleich auf, bat Mechthild um den Hilfsdienst kurz vorm Einreiten und konzentrierte sich auf ihr Pferd. Wenn Matt sie beide für das Pas de deux brauchen wollte, sollte er eben kommen. Sie würde ihm nicht nachlaufen.

Als sie den Schimmel schließlich auf den Punkt hatte, im Hinterkopf immer die Anweisungen ihres Trainers, setzte sie ihn tief in die Piaffe und ließ ihn nach wenigen Tritten kraftvoll in einen großen Trab losschießen. Gut war er drauf, dachte sie zufrieden und bemerkte im nächsten Moment, dass Matt im Sattel von Kato ein paar Meter entfernt stand und sie beobachtet hatte. Rasch kritzelte er etwas auf einen Zettel und ritt dann zu ihr herüber.

„Können wir das so reiten?“, fragte er mit völlig neutraler Stimme, reichte ihr den Zettel und sah ihr ins Gesicht. Annika überflog die Choreografie, die er mit handschriftlichen Änderungen versehen hatte. Sieh mal einer an – mit Piaffe, aber ohne Galoppwechsel für sie … Sie nickte und versuchte sich die Abfolge einzuprägen. Fünf Minuten hatten sie noch, in denen sie die schwierigsten Knackpunkte noch einmal nebeneinander probierten. Mechthild reichte ihnen schließlich Jacken und Kappen, während Annika die Abfolge halblaut vor sich hin murmelte.

„Du gibst das Tempo vor“, raunte sie ihm beim Reinreiten in die Halle zu. Er zögerte kurz, schließlich wusste er ja, dass Kato verdammt eklig werden konnte, wenn er unter Tempo gehen musste. Bevor die Musik einsetzte und die beiden Paare mit Applaus begrüßt wurden, blieb ihm nur noch Zeit für ein kurzes „okay“. Wie gerade draußen geübt, federten beide Pferde absolut zeitgleich und Steigbügel an Steigbügel mit Einsetzen des Schlagzeugs geradeaus in den Trab.

Einmal musste sie Matt auf die Sprünge helfen, als er sie hilflos-fragend ansah, weil er nicht mehr wusste, wie es weiterging, und einmal war bei ihr im Hirn Amnesie und er musste ihr zuraunen, wo sie hinreiten sollte. Ein Patzer unterlief ihr bei der nächsten Figur dann doch, sodass sie für den Galopp unplanmäßig auf derselben Hand landeten, was mit einer improvisierten Einlage wieder korrigiert werden musste. Wie gut, dass die Musik nur zur Begleitung diente und nicht perfekt auf die jeweiligen Lektionen und Gangarten abgestimmt war!

„Bereit?“, raunte Matt ihr zu, als sie dicht aneinander vorbeiritten. Sie nickte, parierte zum Schritt, ritt einen kurzen Weg und setzte Schimmi dann zur Piaffe, während Matt Kato von oben auf die Diagonale abwendete und ihn fliegende Galoppwechsel in Serie springen ließ. Jemand begann zu klatschen, allmählich stimmten die anderen ein und frenetischer Applaus begleitete ihre Schlussaufstellung mit Gruß. Wolfe trat mit dem Mikrofon wieder in die Mitte der Halle, gab den beiden mit strahlendem Lachen ein Daumenhoch. Geschafft!

Während die Gäste das Buffet stürmten und sich angeregt über das Gesehene austauschten, machten sich Annika und Mechthild daran, den Pferden die Zöpfchen zu öffnen. Von Astinos Box aus hörte Annika Wolfe und Matt heftig diskutierend auf der Stallgasse näher kommen. „Verdammt, Matt, jetzt hör auf zu hadern und alles schlechtzumachen!“

„Ich hasse diese Hauruck-Aktionen! Für’n Arsch vor allem. Daran war nichts besser als das, was wir ausgearbeitet und eintrainiert hatten. Und die ganze Geschichte in der Halle war viel zu lang, die Zuschauer sind schon unruhig geworden. Außerdem, drei Pferde hintereinander, so ein Blödsinn! ’n falsches Pferd, kannst von Glück sagen, dass der zu perplex war, um irgendeinen Blödsinn zu machen. Und ein Pas de deux mit dreimal verritten, dazu zwei Pferde, die noch nie …“

„Hör a-hauf! Du kannst das nicht ändern, die Masche zieht Lehmann jedes Mal ab, das ist so. Und ich habe eure ganze Warmblut-Tour hautnah gesehen, die war einwandfrei. Deine Pferde sind super gegangen …“

„Hätt’ auch anders sein können …“

„War’s aber nicht. Im Übrigen war das Sondhauser, die den Szenenapplaus angefangen hat und das garantiert nicht nur, weil ihr Kato da lief. Du weißt, dass sie ein verdammt gutes und sicheres Auge hat.“

Matt fuhr sich mit den Fingern durch die Haare, biss auf seiner Unterlippe herum und sah dann Wolfe fragend an. „Echt? War sie das? Oder willst du mich bloß beruhigen?“

Die beiden Männer standen jetzt direkt vor Astinos Boxentür. Während Wolfe nickte, griff Matt ohne hinzusehen nach dem Halfter des Pferdes – und ins Leere. „Verdammt nochmal, ist das so schwierig, das Zeug wieder da hinzuhängen, wo es hingehört? Alles Hohlköpfe!“

Annika presste die Lippen aufeinander und musste ein paarmal kräftig schlucken. Von der Seite bemerkte sie Mechthilds erschrockenen Blick aus der Nachbarbox. Ganz unvermittelt spürte sie ein Gefühl in sich aufsteigen, das sie den ganzen Tag schon schmerzlich vermisst hatte. Wut. Richtige Wut. Der öffentliche Teil war vorbei, sie musste nicht mehr aufpassen, dass alles nach außen harmonierte und perfekt funktionierte. Sie atmete tief durch, straffte die Schultern, schob die Boxentür auf und trat nach draußen. Rasch nahm sie das Halfter von dem Haken, den sie für den rechtmäßigen Platz gehalten hatte, drehte sich um und knallte ihm das Ding auf die vor der Brust verschränkten Arme. „Entschuldigung, dass ich mich am zweiten Arbeitstag noch nicht so auskenne, als ob ich hier schon zwanzig Jahre zu Hause wäre.“ Damit drehte sie auf dem Absatz um und ließ einen völlig verblüfften Matt mit offenem Mund einfach stehen.

Bevor sie hinter der Schiebetür zum Offenstall ihrer Pferde verschwand, hörte sie ihn noch hinter ihr herrufen. Sie ignorierte es und wartete, bis die Männer in der Halle verschwunden waren, wo heute noch abgebaut werden sollte, so lange Basti und Freddy noch helfen konnten. Mit Mechthild und Matts Reitschülerin zusammen machte sie sich daran, den Pferden den Schweiß abzuwaschen, dann ans Ausmisten und holte in der längst hereingebrochenen Dämmerung die Pferde, die noch draußen auf den Weiden waren.

Als die drei Frauen gerade begannen, die Nachtration Heu zu füttern, tauchte Wolfe im Stall auf. „Ach, hier seid ihr! Ich dachte, ihr wärt schon nach Hause ge…“ Einen langen Moment stutzte er, ließ seinen Blick über Boxen und Pferde gleiten. „Sagt nicht, ihr habt den ganzen Stall schon fertig?“

„Doch.“ Mechthild nickte und zählte dann brav auf, was alles bereits erledigt war.

Bevor Wolfe überhaupt den Mund aufmachen konnte, setzte Annika nach: „Mein Fehler, wir waren zu spät dran, um die Weiden noch abzumisten. Sobald wir hier das Heu gefüttert haben, gehe ich mit der Taschenlampe raus und mache das noch.“

Wolfe fasste sie am Arm und sah ihr fest in die Augen. „Den Teufel wirst du tun! Du hast dir dieses Wochenende mehr als genug Beine ausgerissen und uns hier, verdammt noch mal, den Arsch gerettet! Und falls dir das immer noch niemand gesagt hat: Danke!“

Annika spürte, wie ein wenig ihrer Anspannung nachließ. Zugegeben, Wolfes Worte taten einfach gut. Ein kleines Lächeln stahl sich auf ihr Gesicht. „Gerne.“

„Ähm, ich wollte dich eigentlich um einen Gefallen bitten. Aber wenn du … also wenn es dir zu viel ist, sag’ es bitte ehrlich! Matt und ich, wir sind beide nicht so die großen Talente am Bleistift. Und da dachten wir, du … also, so als Verlagsmensch, dir würde es vielleicht leichter fallen, Berichte über die Veranstaltung abzufassen. Die Fotografin hat nämlich schon ganz gute Ausbeute geschickt.“

Einen Tausch ihrer leeren, schmutzigen Salatschüsseln und Kuchenformen gegen ihren Laptop später saß sie in der hinteren Ecke des Stüberls, nahe der Steckdose, denn der Akku des mobilen Computers schwächelte noch vom letzten Einsatz, nach dem sie ihn nicht geladen hatte. Wolfe hatte sie mit den Worten „wir lassen dich mal in Ruhe denken und arbeiten, ja?“ verlassen und sich an den großen Tisch zu Matt gesetzt. Annika schloss kurz die Augen und tippte dann routiniert je einen langen und einen kurzen Bericht für die Fachpresse und für die lokalen Blätter in die Tastatur.

Ein lautes Auflachen veranlasste sie dazu, hochzusehen. Ihr Blick blieb an Matts Gesicht hängen, das gerade von der schräg über ihm hängenden Lampe ziemlich gut ausgeleuchtet wurde. Müde und fertig sah er aus. Kein Wunder, der Tag war wirklich stressig gewesen und die Zeit der Vorbereitung zuvor auch kein Spaziergang. Jedenfalls für einen Perfektionisten mit Nerven wie ihn. Trotzdem fand sie, dass die tiefen Ringe unter den fast schon trüben Augen und der immer wieder verkniffene Mund nicht allein dem Tag geschuldet sein konnten.

War aber nicht ihr Bier, beschloss sie und konzentrierte sich wieder auf ihre Texte, die sie wenige Minuten später für rund und gelungen befand. Ein leichtes Grinsen zog sich über ihr Gesicht, als beide Männer synchron an ihre rechten Gesäßtaschen griffen und die summenden Handys hervorzogen ...

… was Annika Zeit für ein Resümee ließ. Ein echter Tag zum Wegschmeißen. Und eine richtige Rosskur zum Einstand. Warum konnte sie auch ihre verdammte Klappe nicht halten? Annika und ihr Helfersyndrom! Sie hätte Basti Samstagmittag frech angrinsen und ihm einen schönen Sonntag wünschen sollen. Dann hätte sie ein Wochenende Entspannung gehabt, hätte ihre Wohnung fertig einrichten können. Und ausschlafen. Stattdessen musste sie natürlich gleich ihre Hilfe anbieten und sich wieder einen Nachmittag, eine Nacht und einen verdammt langen Tag in etwas reinknien, was nicht ihr Job war.

Sie ließ ihren Kopf an die Sprosse des Fensters fallen. Dank der Stüberlbeleuchtung spiegelte ihr Gesicht sich in der Scheibe. Einen Augenblick fokussierte sie ihren Blick auf das eigene Gesicht. Müde, klar. Die Enttäuschung war ihr anzusehen. Die Wirkung, die Sarahs Spielchen und Matts verletzende Worte auf sie hatten, auch. Ein paar Tränen lösten sich und rannen die Wangen herunter. Alte Heulsuse!, schimpfte sie sich selbst. Davon wurde es schließlich auch nicht besser.

Vier Bilder hatten die Herren ausgesucht, die der Presse zur Auswahl zur Verfügung gestellt werden sollten. Die Fotografin hatte wirklich gute Arbeit geleistet, alle Akteure hervorragend getroffen. Scharf und perfekt belichtet waren die Aufnahmen auch. Die vier Isländer nebeneinander im Fullspeed gerade auf den Betrachter zu, mit den Reitern in Norwegerpullis und den kleinen Standarten in den rechten Händen fanden sofort ihren Gefallen. Auch die Quadrille der jungen Reitschüler, von denen zwei gerade über das Kreuz aus Cavaletti sprangen, spiegelte die Atmosphäre des Schaubilds perfekt wider.

Ein hartes „Nein“ und ein zur Maske dichtgemachter Gesichtsausdruck waren allerdings Annikas sofortige Reaktion, als das nächste Foto auf ihrem Bildschirm erschien. Schimmi und sie in der Piaffe. Im bestmöglichen Moment abgelichtet, das Pferd mit zufriedenem Gesichtsausdruck. Ein Traum, sie würde die Fotografin kontaktieren und ihr das Bild abkaufen, es groß ziehen lassen und in der Wohnung aufhängen, das stand mal fest.

„Ihr wollt doch Werbung machen, aber ganz sicher nicht mit einem Hohlkopf, die zu blöd ist, sich in fünf Minuten die Choreographie eines Pas de deux einzuprägen und die Schwächen und Stärken ihres Pferdes einzuschätzen“, gab sie scharf auf Wolfes verdutzte Frage zurück. Matts Lippen waren zu einem dünnen Strich verkniffen, sein Blick bohrte sich förmlich in den Tisch. Wolfe ließ es auf sich beruhen – dann gab es eben nur drei Bilder …

Kurz nach zehn waren alle Redaktionen mit Text und Bildern sowie mit Daten und Logo des Stalls versorgt. Geduscht und im Schlafoutfit machte Annika es sich auf der Couch gemütlich und ließ mit einem Glas Rotwein den Tag sacken. Leise Angst machte sich in ihrer Brust breit. War es die richtige Entscheidung gewesen? So begeistert sie am Samstagmorgen noch war von der Arbeit in der Halle, so ernüchtert war sie jetzt.

Ein Gefühl des Neids bahnte sich seinen Weg durch ihre Hirnwindungen. Wolfe, der Fels in der Brandung, der souverän alles im Griff hatte, der immer ruhig und freundlich war. Kathrin – gut, die hatte sie nicht unter Stress erlebt, aber sie war offen, fröhlich, engagiert. Und mit Basti konnte man lachen, auch wenn der die Arbeit wahrlich nicht erfunden hatte. Tja, das war aber das andere Team.

Was hatte sie erwischt? Einen chronisch miesgelaunten Teamleiter, dem man jedes Wort aus der Nase ziehen musste und der außerdem ganz schön Nerven hatte. Eine Kollegin, die nichts konnte, sich aber für den Nabel der Welt hielt und ständig verletzend stichelte. Und eine zwar unheimlich liebe, aber total verschüchterte Maus, die Annika am liebsten den halben Tag in den Arm und an die Hand nehmen würde.

Sollte sie die zwei morgen zur Rede stellen? Sie hatte ja bei ihren Ehrenamtseinsätzen nicht nur einmal gehört, dass sie sich gefälligst wehren sollte.

© Hotte 2019
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