Schattenblatt

von Hotte
GeschichteDrama, Romanze / P18
30.03.2019
05.11.2019
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Dieses Kapitel
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Hallo, Ihr Lieben!

Hier ist nun mein neuestes Baby. Die Geschichte von Annika und Matthias ist ganz sicher kein „Schnellzünder“. Es gibt explizite Sexszenen und es wird nicht nur eine sein – weshalb ich diese Geschichte auch mit Alterskennzeichnung P18 in Erotik poste. Aber lasst den beiden Zeit, sich kennenzulernen!

Es wird also nicht so sein, dass die beiden schon im zweiten Kapitel Laken zerwühlen und ab dann in jedem Kapitel Sexszenen zu lesen sein werden. Dies nur als Vorwarnung für die, die sich auf sowas gefreut hätten …

Und dann noch der – leider notwendig gewordene – ausdrückliche Hinweis, dass die Geschichte und ihre Charaktere meinem Kopf entsprungen sind. Will heißen: Alles hier Geschriebene ist mein geistiges Eigentum und darf ohne meine vorherige schriftliche Einwilligung nirgends veröffentlicht werden! Link auf die FF-Story gern, aber nicht kopieren und womöglich noch unter anderem Titel und Autorennamen anderweitig veröffentlichen – weder auf ähnlichen freien Plattformen noch bei Anbietern, denen man das Lesen oder Herunterladen bezahlen muss!

Genug der Vorrede! Ich wünsche euch viel Spaß mit Annika, Matt und dem Rest der Truppe – und freue mich natürlich immer über Feedback …


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Ein Blick auf die Uhr verriet ihr, dass sie noch fünf Minuten hatte. Sie stieg aus, griff nach ihrer kleinen Tasche, ihren Stiefeln und ihrer Jacke, warf noch einen prüfenden Blick an sich herab und sah sich kurz im Außenspiegel ins Gesicht. Sollte passen, befand sie. Sie straffte ihre Schultern und machte sich energischen Schrittes zu ihrer neuen Wirkungsstätte auf, folgte dem Stimmengewirr und fand ihre neuen Kollegen im Stüberl. Jedenfalls vier davon.

Mit strahlendem, ehrlich offenem Lachen kam ihr eine quirlig wirkende Mittzwanzigerin mit blonder Kurzhaarfrisur entgegen. „Hey, guten Morgen! Du musst Annika sein?“

Annika nickte und ergriff die dargebotene Hand. „Ich bin Kathrin“, stellte sich ihr Gegenüber vor, drehte sich dann leicht und wies auf den Kollegen ganz links, den einzigen Mann der Runde. „Und das ist Sebastian.“

„Basti heiße ich“, brummte der unwillig, reichte Annika die Hand und ergänzte: „Du bist ja pünktlich wie die Maurer.“

Kathrin zwinkerte ihr zu. „Nichts draus machen. Der kann auch nett, aber erst ab Mittag.“ Annika schmunzelte und erfuhr dann, dass Kathrin und Basti für die Isländer zuständig waren.

„Sag’ mal“, unterbrach Basti die Vorstellungsrunde. „Du bist jetzt keine knusprigen 18 mehr, denke ich. Wie kommst du zu so einem Teilzeitjob?“

Anscheinend hatte der Kaffee aus dem vor ihm stehenden riesigen Becher geholfen, ihn ein bisschen wacher zu machen. Annika zuckte mit den Schultern. „Pferdemädel halt. Ich reite mit Begeisterung, seit ich acht oder neun war. Allerdings weniger zur Begeisterung meiner Eltern“, gab sie bereitwillig Auskunft. „Beruflich ging’s also einen anderen Weg, seit einigen Monaten im Verlagshaus eures Stallbesitzers. Und der hat mir jetzt halt angeboten, mich zwischen Ernährungsredaktion und Pferdeausbildung aufzuteilen. Da konnte ich nicht »nein« sagen.“ Dass sie den Jobwechsel ins Verlagshaus von Wilhelm Lehmann ihrer Scheidung mit radikal neuen Lebensmittelpunkten verdankte, verschwieg Annika lieber erstmal.

Kathrin räusperte sich, um mit den Mitgliedern des Teams Warmblut weitermachen zu können, schließlich sollte Annika dort mitarbeiten. „Mechthild“, stellte sie vor und legte den Arm aufmunternd um ein junges Mädchen. Höchstens sechzehn oder siebzehn, schätzte Annika und lächelte die schüchterne Jugendliche freundlich an, während sie die zaghaft ausgestreckte Hand ergriff.

„Bist du Auszubildende?“, fragte sie interessiert, erntete aber nur ein Kopfschütteln, bevor Kathrin fortfuhr.

Ein knappes Nicken war alles, was Sarah für sie übrig hatte. Bei ihrem Anblick musste Annika sich die hochgezogene Augenbraue heftig verkneifen. Sie schätzte die künftige Kollegin auf dreißig, sie trug einen kreischbunten Schlabberpulli, eine ziemlich ausgeflippt gemusterte Reithose, bei deren Betrachtung Annika fast schwindelig wurde, und war stark geschminkt.

„Kannst du denn außer pünktlich noch was?“ Aufgesetzt hatte sie zu dieser Frage ein schiefes Lächeln und eine Miene, aus der Annika wahrlich nicht herauslesen konnte, ob das ein Scherz sein sollte oder ob Sarah sie jetzt schon nicht ausstehen konnte.

Leise meldeten sich ihre Befürchtungen wieder zu Wort: Ob die Kollegen jemanden wie sie – also ohne richtige Berufsausbildung – so einfach akzeptieren würden? Sie hoffte inständig, dass es kein böses Erwachen aus ihrem gerade in Erfüllung gehenden Lebenstraum gäbe …

„Sind die Chefs beim Kindermachen, oder was?“, maulte Basti, schlug sich aber fast im selben Moment beim Blick auf die Tür die Hand erschrocken vor den Mund. Im Türrahmen stand ein Mittdreißiger, dessen linker Mundwinkel belustigt nach oben wanderte. Um ein Haar wäre Annika Bastis Beispiel gefolgt und hätte ihre Hand entsetzt vor den Mund geschlagen, als er sich jetzt dem vorlauten Burschen zuwandte und damit seine rechte Gesichtshälfte ins Licht drehte. Eine große, hässliche Narbe verunstaltete das Gesicht des Mannes und verlieh ihm ein geradezu bedrohliches Aussehen.

„Nee, wir überlegen, mit welchem Wochenenddienst wir dich am meisten ärgern.“ Die angenehme, dunkle Stimme und das schiefe Grinsen mochten so gar nicht zu seinem verwegenen Gesicht passen.

„Ihr kennt euch wahrscheinlich schon?“, fragte Kathrin unsicher und ihr Blick huschte zwischen Annika und ihm hin und her. Beide schüttelten den Kopf, sie war einen Tick schneller als er, streckte ihm mit ihrem Namen auf den Lippen und einem offenen Lächeln die Hand entgegen.

„Matthias“, gab er zurück, schlug ein und ließ seinen Blick einmal rasch prüfend über sie gleiten.

„Sie sind dann also mein Teamleiter?“

„Ja, bin ich. Und wir duzen uns hier alle. Nenn’ mich einfach Matt, wie alle anderen.“

Mit ganz offensichtlich schmerzbedingt zusammengebissenen Zähnen kam nun auch Wolfgang ins Stüberl, zog sein linkes Bein deutlich nach. Den kannte sie, der war beim Vorstellungsgespräch dabei gewesen. Und offenbar hatte er sich bei Lehmann auch ziemlich stark dafür gemacht, dass Annika angestellt wurde. So hatte es Lehmann ihr jedenfalls mit verschmitztem Grinsen erzählt, als sie den Vertrag unterschrieben hatte. Ein Lächeln huschte über Annikas Gesicht, als sie ihn begrüßte.

„Willkommen im Team, Annika! Ich hoffe, du fühlst dich wohl hier. Und wenn’s Probleme oder Fragen gibt, immer raus damit! Ach ja, mich kannst du, wie alle anderen, gern Wolfe nennen. Wir haben’s nicht so mit der Langversion.“

Die übliche kurze Tagesbesprechung reichte und jeder wusste, was zu tun war. Annika trat aus dem Verbindungsgebäude zwischen dem Boxen- und dem Offenstall, in dem die Wirtschaftsräume untergebracht waren. Ein kleiner Schauer durchfuhr sie, der Morgen war noch empfindlich kühl und im gemütlich eingerichteten Stüberl hatte ein uriger Dauerbrandofen für mollige Wärme gesorgt.

Gerade tauchte der aufgehende rote Sonnenball im Osten das gesamte Gebäudeensemble in ein fast unwirklich gelboranges Leuchten. Linkerhand lagen die Offenställe, in denen die Pferde in Gruppen lebten und nach Lust und Laune drinnen oder draußen sein konnten. Das kleinere Gebäude auf der rechten Seite war der Stall für die Beritt- und Ausbildungspferde, die nur kurz hier blieben, um etwas vom Ernst des Lebens zu lernen. Etwas abseits lag die Reithalle, direkt davor der große Sandplatz, wo die Pferde geritten wurden. Die schmale Straße hinunter säumten große Weiden für die Pferde. Noch herrschte idyllische Ruhe, wahrscheinlich fraßen die Tiere in den Ställen gerade ihr Morgenheu.

Annika bekam gleich einen bunten Reigen an Arbeiten zugewiesen, hatte zuerst mit Sarah ein ganz junges Pferd zu longieren, hatte dann zwei recht angenehme Pferde aus dem eigenen Bestand des Stalles unter dem Sattel und holte schließlich mit Mechthild zusammen die Pferde von den Weiden in den Stall, die „Frühschicht“ hatten. Dafür kamen die bereits fertig gearbeiteten Pferde der „Spätschicht“ raus. Als letztes Pferd für sie vor der Mittagspause und damit ihrem Feierabend stand Donna auf ihrer To-do-Liste. Matt hatte ihr in kurzen Worten die Vorgeschichte, den Ausbildungsstand und die Eigenheiten der Rappstute geschildert, die vor wenigen Wochen als Korrekturpferd hergekommen war, Mechthild zeigte ihr rasch, wo das Sattelzeug hing. Als sie in die Halle kam, arbeitete Wolfe gerade zusammen mit Kathrin einen jungen Isländer. Auf dem anderen Zirkel longierte Matt einen Vollblüter, der direkt von der Rennbahn gekommen war, um „umzuschulen“. Mit stoischer Ruhe brachte er das ziemlich hibbelige Tier dazu, sich wenigstens kurze Phasen auf eine kleine Aufgabe zu konzentrieren, um ihn dann überschwänglich zu loben.

Annika lächelte versonnen in sich hinein. Was herrschte hier eine himmlische Ruhe in der Halle! Sie kannte es ganz anders. In den meisten Ställen hatte niemand die Zeit, sich so geduldig mit einem solchen Pferd zu befassen. Dem hätte man wohl schon längst mit mehr oder minder legalen Zwangsmethoden Gehorsam und Mitarbeit eingetrichtert. Oder ihn eben abgeschrieben als untauglich. Gab ja genügend andere Pferde, die bei weitem nicht so viele Probleme machten.

Annika führte Donna noch länger im Schritt und zog den Sattelgurt nur ganz langsam nach und auch nur so fest, wie es unbedingt sein musste. Das hatte man bei der Stute wohl mal gründlich versaut – bei zu schnell oder zu stramm angezogenem Gurt konnte sie sich schon mal unkontrolliert auf den Boden werfen. Im Moment machte Donna jedoch einen recht entspannten Eindruck, lauschte interessiert Annikas Worten und ließ sogar – entgegen Mechthilds Warnung – problemlos aufsitzen. Donna machte ihre Sache ausnehmend gut, sodass Annika zwischendrin ganz kurz auch Ansätze zu etwas schwierigeren Übungen einbaute. Sie war sehr zufrieden mit der Stute und lobte sie nach der Arbeit ausgiebig, während sie sie im Schritt noch verschnaufen ließ. Natürlich war ihr nicht entgangen, dass Matt sie die ganze Zeit über beobachtet hatte.

„Kurze Manöverkritik“, hielt er sie auf, als sie Donna wieder zurück in den Stall gebracht hatte. „Keine schwierigen Sachen! Ich will nicht, dass sie durch eine unüberlegte Überforderung das Vertrauen verliert, das sie in den letzten Wochen gewonnen hat. Vorwärts-abwärts, an Takt und Losgelassenheit arbeiten, aber nicht mehr.“

„Sorry dafür. Sie hat sich angeboten und ich wollte ihr ein Erfolgserlebnis …“

„Keine Rechtfertigung“, unterbrach er sie. „Fragen gern, aber ansonsten strikt nach Plan.“ Er musterte sie eindringlich und sie stellte zum wiederholten Mal an diesem Tag fest, dass sein Gesichtsausdruck recht verschlossen war. Mochte er sie nicht? Oder war das seine Art? Besonders gesprächig war er ja auch nicht, hatte sie schon festgestellt. Wenn er korrigierte, waren das ziemlich kurze Ein- oder Zwei-Wort-Anweisungen, bei denen sie sich nicht immer sicher war, ob sie sie richtig interpretierte oder verstand. Erneut blieb ihr Blick an der auffälligen, wulstigen, großen Narbe hängen, die sein Gesicht verunstaltete – sie begann oberhalb der rechten Augenbraue fast in Stirnmitte, sparte das Auge aus und verlief dann diagonal über die gesamte Wange bis hinunter zum Kieferknochen. Eine unangenehme Gänsehaut lief ihr über den Rücken, als sie daran dachte, was für ein schwerer Unfall das verursacht haben musste.


„Du Glückspilz“, grinste Basti sie mit unverhohlenem Neid an, als Annika sich im Spind ihre Tasche holte und gerade verabschieden wollte. Sie blickte ihm fragend ins Gesicht.

„Na, erwischt für den ersten Arbeitstag gleich einen Samstag und hat Mittag schon aus. Wir dürfen uns jetzt hier noch volle Kanne krummlegen, damit uns morgen die Begeisterungsstürme überrollen.“

Den Seitenhieb im ersten Teil des Satzes hatte sie wohl verstanden, aber morgen? Begeisterungsstürme? Von was redete er da? Sie musste wohl sehr verdutzt ausgesehen haben, denn Basti setzte ungefragt zu einer Erklärung an. „Tag der offenen Tür – wusstest du nicht?“

„Morgen? Nee, davon hat Lehmann nichts gesagt.“ Sie warf einen kurzen Blick über die Runde. „Wenn ihr noch zwei helfende Hände brauchen könnt – ich hab’ dies Wochenende nichts Dringendes vor.“

Matt und Wolfe sahen überrascht von ihrer Unterhaltung auf, blickten beide kurz zu Annika und dann wieder einander an. „Gerne“, nahm Matt das Angebot an.

„Ist zwar alles eingeteilt, aber es wird schon etwas knapp und stressig werden – gegen ein Helferlein mehr hat sicher niemand was einzuwenden“, ergänzte Wolfe. „Müsstest du dann allerdings mit Lehmann klären, ob und wie er dir die Arbeit zahlt.“

Annika winkte ab und zuckte mit den Schultern. „Sehen wir dann.“

Es war schon wirklich ein ziemliches Paket Arbeit, was auf sie wartete. Die Halle musste abgezogen und gewässert, der Zuschauerbereich abgetrennt, die Spiegel mit Bannern und Transparenten verdeckt werden. Stangen und Fahnen, die für die Schaubilder benötigt wurden, mussten versteckt paratgelegt werden, die Bande abgekehrt und die Bierbänke im Zuschauerbereich aufgebaut werden. Zu guter Letzt kam der Blumenschmuck noch zum Aufbau. Die Außenanlagen mussten noch einmal sorgfältig nachgekehrt oder -geharkt werden, Absperrbänder gespannt, Parkplätze ausgeschildert werden. Die vierbeinigen Akteure des kommenden Tages bekamen die Schweife gewaschen, verlesen und geschnitten, wurden schon mal grundgeputzt und die Mähnen wurden verzogen und eingeflochten. Das Sattelzeug bekam noch seinen letzten Hochglanz, unter die Sättel kamen die passenden Schabracken, an die Trensen kleine Blüten und Schleifchen. Büro und Stüberl wurden zur Schmankerlgasse umgebaut. Fünf ehemalige Ausbildungspferde würden morgen zu Gast sein und die Boxen für diese Pferde mussten noch hergerichtet und eingestreut werden.

Nebenbei wollten die normalen Arbeiten auch noch durchgeführt werden. Die nicht für den großen Tag eingesetzten Pferde brauchten ihre Bewegung und Weidegang, gemistet wollte werden, gefüttert und natürlich alles für den kommenden Tag gleich vorbereitet. Fehlte noch, dass jemand in der ganzen Hektik und bei dem Lampenfieber erst noch Heu in die Vorratskammern packen musste.

Für Annika war es sehr interessant zuzusehen, wer sich wie in die Arbeiten einbrachte. Basti schien jemand zu sein, der eher Dienst nach Vorschrift schob. Sarah drückte sich um alles, was mit Arbeit zu tun hatte, und sah ihre Aufgabe eher in Organisation und Einteilung der anderen, was für einige genervte Blicke von Matt und Wolfe sorgte. Kathrin war mit vollem Ehrgeiz und Einsatz dabei, hatte auch ihren Freund mitgebracht – Freddy machte sich beim Aufbau in der Halle nützlich. Mechthild glühten förmlich die Wangen, so eifrig war sie bei allem dabei. Im Gegensatz zu Kathrin, die durchaus ein Auge dafür hatte, was noch nicht fertig war, wartete das Küken des Teams allerdings stets darauf, von den Chefs eingeteilt zu werden.

Wolfes Frau Caro kümmerte sich in bewundernswert ruhiger und souveräner Art um die Küche und alles Drumherum, baute mit einer Freundin sowie Kathrins und Mechthilds Mutter den Gastrobereich auf, zog Hussen über die kleinen Bistrotische, schmückte die mit ganz kleinen, aber wirkungsvollen Accessoires, richtete die Küche ein und verstaute die ersten Kuchen. Es war schon kurz vor zehn, als schließlich alle aktiven Helfer im Hallenzugang standen und ihre To-do-Listen checkten. Halle, Stall und Außenbereich konnten nach kurzer Prüfung abgehakt werden.

„Trockenkuchen müssten jetzt wirklich genug sein, aber mit Gabelkuchen sieht es noch mager aus“, resümierte Caro mit Blick auf ihre Liste. „Und ob die Salate reichen?“ Plötzlich riss sie ihre Augen erschrocken auf. „Verdammt, wir haben bei den pikanten Sachen überhaupt nichts dabei für Vegetarier oder Veganer.“

Annika überschlug im Kopf kurz den Inhalt ihres Kühlschranks und der immer noch nicht vollständig eingerichteten Vorratskammer. „Wenn jemand meine Vorräte noch ergänzen kann – ich könnte ’ne Kühlschrank-Torte beisteuern und je einen veganen Nudel- und Kartoffelsalat. Das schaff ich heute Abend und morgen früh noch.“

Caro sah sie genauso überrascht an wie die beiden Männer, die alarmiert auf die Aussage der Küchenchefin hochgeblickt hatten. „Kühlschrank-Torte?“, fragte Caro.

Annika setzte zu einer Erklärung an, winkte dann aber ab. „Die ging bei unseren Zuchtschauen immer gut weg. Braucht aber Kühlung.“

„Kein Problem“, versicherte Caro, „und wann willst du das alles schaffen?“

„Mit Einkaufen kann ich dienen“, warf Kathrins Mutter ein. „Meiner Nachbarin gehört der Supermarkt in Ortsmitte – die sperrt dir garantiert für so einen Notfall schnell auf. Weißt du, was du brauchst? Warte, ich ruf sie gleich an …“

Annika stand auf und klatschte in die Hände. „Auf geht’s!“ Sie warf Matt und Wolfe einen kurzen Blick zu. „Reicht es, wenn ich um sieben mit Menschenfutter antrete, oder braucht ihr mich für den Stall vorher?“ Immerhin wusste sie, dass man für so ein Ereignis den vierbeinigen Akteuren morgens garantiert noch einmal die nun ganz anders aussehende Halle zeigen würde.

„Nein, sieben reicht“, kam es unisono von gegenüber und Annika entgingen die Blicke zwischen Matt, Wolfe und Caro nicht. Sie war sich sicher, dass sie – und ihre Zuverlässigkeit – jetzt Gesprächsthema zwischen den dreien war.

***

Mit einem fröhlichen „Guten Morgen“ bugsierte Annika um zehn vor sieben ihre Fracht in den Küchenbereich, lugte dabei vorsichtig an ihrem Turm vorbei, um nirgends anzuecken.

„Wow“, kam sofort von Caro, die einen genauen Blick auf die Lieferung warf. „Oh, gleich mit Deckel, Namensschild und Salatbesteck, super! Du machst sowas nicht zum ersten Mal, oder?“

„Habt ihr eure Kü…“, ertönte in dem Moment von der Tür und Matt verschluckte beim Anblick von Annika den Rest seiner Frage. Sie grinste in sich hinein, wohl wissend, dass er sich erkundigen wollte, ob die Neue ihre vollmundigen Versprechen auch gehalten hatte.

Ein markerschütternder Schrei aus der Stallgasse ließ sie zusammenfahren und alle stürmten in Richtung des Geräusches. Kathrin lag vor der Tür der Sattelkammer auf der Stallgasse und atmete pumpend. „Scheiße, verdammte, ich kann null auftreten, komm nicht mal hoch.“

„Mei, Mäuschen, was ist denn passiert? Wie hast du das angestellt?“, fragte ihre Mutter besorgt und versuchte sie zu stützen.

„Aus der Sattelkammer raus und umgeknickt“, murrte sie und schüttelte nur den Kopf. „Lass das, Mama, ich bin viel zu schwer.“

Matt stand schon neben ihr, murmelte nur: „Lassen Sie mich mal“ und hob Kathrin an, stellte sie dann vorsichtig mit dem gesunden Fuß auf den Boden. Gestützt auf Matt und ihre Mutter humpelte Kathrin zum Auto. Annika pfiff Freddy, der noch in der Halle stand und Blumentöpfe umrangierte, aber sofort auf den Pfiff hersah. Sie winkte ihm. Bevor die beiden Richtung Krankenhaus verschwanden, holte Annika sich geistesgegenwärtig noch den To-do-Zettel von Kathrin. Irgendjemand musste ja auch diese Arbeiten erledigen …

***

„Lehmann at his best“, knurrte Wolfe mit verdrehten Augen und Annika musste grinsen. „Dem fällt doch immer auf die letzte Minute noch dies, das und das Highlight des Tages ein.“

„Ja, so kennen wir ihn doch, oder? Der hat da keinen Blick fürs Machbare oder so. Ist im Verlag dasselbe.“

Der Besitzer des Stalles war gerade mal eine halbe Stunde vor dem planmäßigen Beginn der Veranstaltung ins Haus geschneit, hatte bestens gelaunt alle Mitarbeiter begrüßt, wobei ihm weder aufgefallen war, dass Kathrin fehlte, noch dass Annika mitten im Gewusel steckte. So mal eben ganz spontan hatte er den Plan der Schaubilder gewaltig aus den Angeln gehoben. Matt und Wolfe hatten ziemlich geschwitzt, bis sie alles auf der Reihe hatten, Mechthild hatte sich mit Basti zusammen darum gekümmert, dass die eigentlich nicht eingeplanten Pferde Zöpfchen bekamen, geputzt wurden und das Sattelzeug ausstaffiert wurde.

Annika würde zum einen – ebenso wie Mechthild – die Isländer-Quadrille mitreiten, was ihr doch ziemliches Bauchgrimmen bereitete, schließlich hatte sie noch nie in ihrem Leben auf einem solchen Pferd und in einem solchen Sattel gesessen, geschweige denn eine Ahnung, wie sie den kleinen Irrwisch unter ihrem Hintern dazu bewegen sollte, sich in die Isländer-Spezialgangart Tölt zu begeben. Zudem würde sie Matt drei seiner Pferde nicht nur aufsatteln, sondern auch warmreiten müssen, weil er die nacheinander in die Halle zu bringen hatte. Allzu lange Pausen zwischen den Schaubildern gingen nicht und Wolfe saß schon daran, stichpunktartig seine Texte zusammenzubauen, die er als fachkundiger Ansager für die Überbrückung der Pausen brauchte.

„Ach, da sind Sie ja!“ Lehmanns Laune nahm ja beängstigende Ausmaße an, dachte Annika noch, bevor er sofort, an sie gewandt, fortfuhr: „Ich hätte da noch eine tolle Idee für ein Highlight vor dem Abschlussbild.“ Oh, nee, bitte nicht! „Matthias und Sie könnten doch ein Pas de deux reiten. Denn unser Schwerpunkt ist ja die klassische Ausbildung und da könnten wir ein bisschen Werbung vertragen, finde ich. Kato und Perry sind doch beide fähig, eine M-Kür zu gehen, oder? Und ’ne Choreografie hat Matthias sicher noch vom vorletzten Jahr, da hat er doch sowas Ähnliches schon mal gemacht.“

„Herr Lehmann, der kommt ja jetzt schon kaum aus der Halle – wie soll der sich da noch einen Kopf um eine M-Kür machen und das Pferd vorbereiten?“, gab Annika zu bedenken, aber Lehmann grinste nur und schlug ihr jovial auf die Schulter.

„Das hält der schon aus, und Sie beide schaffen das, da bin ich mir sicher.“ Und weg war er.

Bevor Annika auch nur einen Ton rausbrachte, flitzte Mechthild um die Ecke und rief: „Wo sind denn die Heunetze für die Gastpferde? In den Boxen hängt noch nichts.“ Das war einer der Jobs auf Kathrins Zettel – und ganz offensichtlich war sie noch nicht dazu gekommen.

© Hotte 2019
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