Donner und Dorian

von Sour
GeschichteHumor, Romanze / P18
29.03.2019
10.05.2019
4
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A/N:
Vielen Dank fürs Reinschauen.
Ursprünglich war diese Geschichte als Oneshot gedacht, doch dafür wurde sie dann etwas zu lang. Jetzt sind vier handliche Kapitel geplant, an denen ihr hoffentlich Spaß haben werdet.
Über Meinungen würde ich mich freuen. ;)

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Ich glotzte wie eine Kuh bei Donner aus dem Wohnzimmerfenster. Wortwörtlich. Draußen war die Hölle los. Orkanartige Böen rauschten vor dem Glas, rissen Laub mit sich und schleuderten sogar Zeitungspapier vom Gehweg hoch in den fünften Stock. Dünne Äste hämmerten beim Vorbeiflug ans Fenster und bestimmten den Takt der gigantischen Regentropfen, die sich im Kampfschrei des Windes gegen die Scheibe stürzten. Die Welt verschwamm im Unwetter. Dennoch sah ich sie klar und deutlich:
Blitze jagten über den nachtschwarzen Himmel, krümmten sich von links nach rechts, platzten und zischten und sausten hinter dem gegenüberliegenden Wohnblock ins Nichts. Ich biss die Zähne zusammen und zählte stumm. Einundzwanzig, zweiundzwanzig -

Rums!

Der Donner fuhr mir durch die Knochen. Ich zuckte zusammen. Verflixt, das Gewitter war so nah, als würde es direkt vor der Scheibe lauern und nur darauf warten, mich endlich fertig machen zu können. Fensterglas vibrierte. Bedrohlich rumpelten Echos durch die Altbauwände. Dielen knarzten unter meinen Socken.
Dann schnellte ein weiterer Blitz übers Firmament wie ein Pfeil, der auf mich persönlich abgeschossen worden war.
Genug! Ich zerrte die Vorhänge vor die Scheibe und bildete mir ein: Was ich nicht sehe, sieht mich auch nicht. Also konnte mich das Gewitter nicht mehr finden, oder? Oder? Sich zu verstecken war bestimmt eine gute Idee, musste es einfach sein, da ich genau das immer machte, sobald die meteorologische Apokalypse ausbrach. Bisher hatte ich so überlebt, dann sollte das diesmal gefälligst auch der Fall sein!

Durchatmen.

Gut, mein Puls sank minimal unter die lebensbedrohliche Grenze und erlaubte es mir, mich an meine typische Anti-Unwetter-Strategie zu erinnern. Diese sah folgendermaßen aus: Gegen die gleißenden Blitze wehrte ich mich mit den Vorhängen - check! - und zusätzlich mit allen verfügbaren Leuchtmitteln innerhalb meiner Festung. Ich linste zum Beistelltisch neben dem Sofa und knipste die Messinglampe an. Check, nun brannte wirklich jede Glühbirne, selbst in der Küche und im Bad, obwohl ich nicht mal plante, überhaupt in die Nähe von Wasserhähnen zu geraten, solang draußen die Welt unterging. Schließlich wusste man nie, aus welcher Leitung die 100.000 Ampere als nächstes schießen würden, um einen in einen Krustenbraten zu verwandeln.

Rums!

"Ieks!" Mein Quieken übertönte den Donner kaum, also machte ich mich daran, Teil Zwei meiner Strategie anzugehen: Bekämpfe Lärm mit rhythmischem Lärm. Gedacht, getan. Wie ein angefahrenes Reh schwankte ich zur Stereoanlage im Regal hinter der Couch. Normalerweise posaunte das Ding eine auf die Nervenbahnen meiner Nachbarn angepasste Playlist, nur momentan fehlte mir für derlei Sperenzchen die Geduld. Daher hämmerte ich auf den Startknopf des CD-Laufwerks und ließ mich überraschen. Ach, Metallica, wie beruhigend.
Ich lauschte Hetfields Sandmännchen-Song und rieb mir die Augen, um sie zu trocknen. Ja, ich gestehe: Mir kullerten Tränchen über die Wangen, aber, hey, über der Stadt herrschte das Armageddon und ich war allein. Da war es doch wohl erlaubt, kurz die Fassung zu verlieren. Taff sein konnte ich am nächsten Morgen wieder - vorausgesetzt da gab's mich noch; als Mensch und nicht als Grillkohle, in die mich ein hereingeschlichener Blitz verwandelt hatte, oder als Aschehaufen, nachdem das ganze Haus abgebrannt war.
Wurde ich paranoid? Gewiss. War mir das egal? Definitiv. Mich plagten nun mal andere Sorgen.

Rums!

Verdammt, ich musste mich ablenken, sonst wäre ich am Ende an einem simplen Herzinfarkt krepiert und das widerstrebte mir ehrlich.
"Entspann dich", mahnte ich mich und straffte die Schultern, um mir Mut vorzugaukeln. Dabei fiel mein Blick aufs überfüllte Regal, aus dem ich einen Pratchett-Roman zupfte, der mich sowohl ablenken, als auch aufheitern sollte. Genau das brauchte ich jetzt: Licht, laute Musik und ein hervorragendes Buch. Damit würde ich die folgenden Stunden bestimmt einigermaßen überstehen.
Ich überzeugte mich mit einem Nicken und stakste zurück zum Sofa, ließ mich ins Polster plumpsen und mummelte mich zusammen. Ein Schmusekissen landete auf meinen Knien, darauf die fast zerlesene Ausgabe von Ab die Post. "Alles wird gut", seufzte ich beim Aufschlagen des Buchdeckels, "alles wird -"

Dunkel.

Kollektiv erloschen alle Lampen. Vor Schreck schleuderte ich den geliebten Pratchett über die Rückenlehne.

Rums!

Donner grollte wie eine Lawine durch die Wohnung und begrub mich in Finsternis. Panisch starrte ich in den Raum, der sich für einen Sekundenbruchteil im Blitzlicht zeigte und dann sofort wieder verschwand.

Rums!

Das durfte nicht wahr sein! Nicht jetzt! Krampfhaft krallte ich mich ins Kissen und wollte es mir gerade auf die Ohren pressen - oder auf den Mund, um den nahenden Schrei zu ersticken -, als meine Eingangstür so heftig bebte, dass nun auch das Kissen durch die Luft segelte und hinter mir ins Nirwana verschwand. Was zum Henker?
Jemand verzichtete auf den Brauch des Klopfens und hämmerte lieber wie ein Berserker gegen das Holz, was mich genug provozierte, um das Gewitter kurzzeitig zu vergessen. Perplex gaffte ich in Richtung Flur, aus dem mich zusätzlich handbetriebener Donner terrorisierte. Viel fehlte nicht, bis ich geglaubt hätte gleich den Typen aus Shining durchbrechen zu sehen, doch die Axt blieb aus, also wagte ich es, mich dem Krawallmacher zu stellen. Mit einem Satz fegte ich vom Sofa, krachte mit dem Schienbein gegen den Tisch und jaulte auf, als der nächste Blitz flackerte. Wahrscheinlich machte ich mit der Szene jedem Werwolf im Horrorstreifen Konkurrenz.
"Ich sollte weniger Filme gucken", ächzte ich und rieb mir das Bein, ehe ich weiterhumpelte, um demjenigen die Leviten zu lesen, von dem ich einfach wusste, dass nur er da draußen stehen konnte. Wer sonst würde mich bei dem Unwetter heimsuchen? Niemand, der dafür einen Schritt ins Freie setzen musste.
Ich tastete mich durch die Finsternis, bis ich endlich die Wohnungstür fand. Schwungvoll riss ich sie auf. Und war blind. Grelles Licht brannte sich von meiner Netzhaut direkt ins Hirn.
"Was zum Teufel!" Stöhnend kniff ich die Lider zusammen. "Gehörst du neuerdings zu den MIB oder warum blitzdingst du mich, Blödmann?"

Der Blödmann schnaufte: "Du solltest weniger Filme gucken, Merle", und nahm die Taschenlampe herunter.

Mehrfach blinzelte ich, in der Hoffnung irgendwann wieder sehen zu können, doch erfolglos. Vor mir blieb der Hausflur schwarz.

"Bei dir ist der Strom also auch ausgefallen", stellte der Blödmann plötzlich hinter mir fest. "Dann hat's echt das ganze Haus erwischt."

Ich fuhr herum und fragte mich, wie er so schnell in meine Wohnung huschen konnte, bevor ich ihn fragte: "Stromausfall?"

Die vornehme Blässe des Blödmanns tauchte im Schein der Taschenlampe auf, wodurch ich sicher sein konnte, dass es sich tatsächlich um meinen Nachbarn von gegenüber handelte, der mich hier behelligte. "Ja, Stromausfall, du Nuss. Sonst wär ich wohl kaum mit einer Taschenlampe hier angereist." Dorian griente überheblich und sah dabei natürlich wieder teuflisch gut aus. Ein Mundwinkel ragte spitz in die Höhe, der andere zuckte. Aus seinen blauen Augen sprang mir unverholener Schalk entgegen und die schulterlangen, weizenblonden Haare tarnten ihn auch nicht unbedingt als Unschuldsengel. Mehr erkannte ich nicht, da er in seinem schwarzen Shirt regelrecht mit der Dunkelheit verschmolz.

"Klugscheißer", maulte ich milder als beabsichtigt. Zwar hätte ich es nicht mal unter Folter eingestanden, aber ja, ich freute mich, ihn zu sehen. Aus vielerlei Gründen, doch vorrangig, weil seine Anwesenheit bewies, dass da noch jemand war, der mit der Schlechtwetterfront klarkommen musste. Wenngleich das Dorian scheinbar überhaupt nicht juckte.

Er hob die Achseln und murrte: "Wie du meinst. Mehr wollte ich eh nicht, also Tschüss."

Rums!

Mit dem nächsten Donnerschlag knallte ich die Tür vor seiner Nase zu. Ein Reflex, redete ich mir ein, während ich meinen Rücken ans Holz presste, um den Ausgang zu blockieren, was garantiert dumm aussah und zudem auch ziemlich dumm war, da Dorian mich um einen halben Kopf und auch kräftemäßig definitiv überragte. Mich beiseite zu schubsen oder plump in die Ecke zu stellen, wäre für ihn kein Problem gewesen. Dennoch tat er nichts dergleichen, sondern musterte mich eingehend wie einen Verbrecher mithilfe der Taschenlampe, bevor er spottete: "Kann es sein, dass du froh bist, mich hier zu haben?"

Mit der Lampe stimmte was nicht! Sie brachte meine Wangen zum Kochen. "Schwachsinn!" Auch die Stimmbänder versengte mir das Mistding, denn ich quietschte viel zu hoch. "Als ob!"

"Wirklich?" Man konnte sein arrogantes Grinsen regelrecht hören. "Dann kann ich ja gehen." Dorian schob sich neben mich und griff nach der Klinke. Der Duft von Hugo Boss mischte sich mit Duschbad und dem typischen Aroma von mich kriegst du nicht, das Dorian umhüllte seit ich ihn kannte. Dabei wollte ich ihn auch gar nicht, hatte ihn nie gewollt. Auch nicht, nachdem ich vor gut zwei Jahren zum ersten Mal seine harsche Stimme im Hausflur gehört, ihn beim Möbelschleppen beobachtet und irgendwann diese kristallblauen Augen erblickt hatte, die einem, binnen eines Wimpernschlags, das Gefühl gaben, man wäre es nicht wert mit Dorian im gleichen Haus zu wohnen. Oder im gleichen Land. Nein, diese wandelnde Unnahbarkeit interessierte mich überhaupt nicht.

"Geh doch", motzte ich endlich und verschränkte die Arme vor der Brust. Meine Beine blieben stur wo sie waren und stemmten mich weiterhin gegen die Tür. Zugegeben: Was mich an Dorian vielleicht ein klitzekleines bisschen interessierte, war die Tatsache, dass er sich von meinen Zickereien nie beeindrucken ließ.

Auch jetzt prallten sie an ihm ab. "Gut, ich gehe", schnaufte er und drückte die Klinke hinab. Wie auf Kommando flackerte mein Wohnzimmer unter wetterbedingter Stroboskopbeleuchtung. Dorians Zähne blitzten aus einem wölfischen Grinsen. Ich kniff die Lider zusammen.

Rums! Rums! Rums!

"Andererseits", keifte ich nach der Donnerwelle, "schadet es auch nicht, wenn du bleibst. Mir war eh langweilig, so ohne Licht und Musik und mit leerem Handyakku." Ganz gelogen war das nicht, abgesehen vom Langeweile-Part.

"Ach", sagte Dorian und ging auf Abstand, "Langeweile? Das erklärt es natürlich. Du hattest ja offensichtlich nichts vor." Er inspizierte mich von Kopf bis Fuß und machte mimisch keinen Hehl daraus, was er meinte. Nach jemandem, der noch Pläne für den Abend hatte, sah ich allerdings wirklich nicht aus, in meiner schwarzen Schluderhose, dem ausgeleierten Shirt und einer Frisur, die man bloß Zopf nannte, wenn man Mopp meinte. Als Brückentroll hätte ich eine tolle Figur abgegeben.

Apropos Hose: Dorian steckte in einer dunklen Jeans, wie ich erkannte, als er weiter ins Innere der Wohnung schlenderte. "Meinetwegen bleib ich noch. Bei dem Mistwetter treibt mich sowieso nichts vor die Tür, also kann ich mir hier durchaus ein bisschen die Zeit vertreiben."

Ich sah ihm nicht auf den Hintern. "Mann, bist du gnädig." Vorsichtig, mit kurzen Schritten wühlte ich mich durch die Dunkelheit und folgte dem Strahl der Taschenlampe, die Dorian natürlich nicht nutzte, um mir Licht zu spenden, sondern dafür, mein Reich unter die Lupe zu nehmen. In aller Seelenruhe leuchtete er an den Wänden entlang, über die verrammelten Bade- und Schlafzimmertüren und schließlich über das Bücherregal, als gäbe es dahinter eine Geheimtür, durch die er noch fliehen könnte.
Derweil kämpfte ich mich mit eingeklappten Zehen voran. Vermutlich sah ich aus wie ein eingerosteter Zinnsoldat, doch das war mir ziemlich schnuppe, da mir meine körperliche Unversehrtheit mehr bedeutete als mein Auftreten. Nochmal wollte ich mich nämlich nicht unbedingt stoßen und schon gar nicht mit dem kleinen Zeh in irgendeinem Möbelstück einrasten, was definitiv schmerzhafter war als ein blauer Fleck am Schienbein. Ruckartig stoppte ich vor dem Fernsehschrank, der soeben im Blitzlicht aus den Schatten auftauchte.

Rums!

Mein Herz krachte gegen meine Rippen und ich biss mir auf die Zunge, um den Aufschrei zu unterdrücken, der mir vor Dorian peinlich gewesen wäre und ihm bloß Munition für neue verbale Spitzen geliefert hätte, von denen er eh ausreichend im Repertoire hatte.
Verflixt, ich war momentan viel zu schreckhaft und musste dringend was dagegen unternehmen. Daher bog ich ab und stakste so hochkonzentriert in Richtung des nächstgelegenen Raums, dass mir sogar meine Manieren einfielen: "Willst du auch was trinken? Ich hab Wasser, Eistee und Cola." Unversehrt schaffte ich es in die Küche, wo es glücklicherweise kaum Stolperfallen gab. Einzig Tisch und Stühle waren gefährlich, aber die standen weit genug entfernt unter dem verhüllten Fenster. Mein Ziel befand sich jedoch direkt vor mir, also entspannte ich die Füße auf dem Linoleum und ging auf den Kühlschrank zu. "Wenn du nett bist, bekommst du vielleicht auch ein Gläschen von dem Billigwein mit Schokonote. Ab und an ist der ganz lecker, muss ich sagen. Man wird vor allem nicht total benebelt." Ernüchterung traf mich beim Öffnen des Kühlschranks, aus dem mir ein laues Lüftchen entgegen wehte. Verständnislos gaffte ich hinein wie in den Eingang einer düsteren Höhle. Ach ja, Stromausfall. Seufzend fischte ich an der Innenseite der Tür entlang, um schnellstmöglich den Wein zu finden, bevor meine paar Lebensmittel vor meiner Nase vergammeln konnten. "Ah!" Gerade spürte ich den Flaschenhals, als er mir abrupt entglitt. Der Kühlschrank knallte zu. Licht reflektierte auf Edelstahl.

"Kein Wein", bestimmte Dorian hinter mir und räusperte sich, "für mich. Und du solltest auch nichts trinken."

"Weil?", wollte ich langgezogen wissen.

"Weil", imitierte er, "vielleicht ein Blitz ins Haus einschlägt, es anfängt zu brennen und wir dann hier raus müssen, ohne zu torkeln."

Damit hatte er mich. So abwegig war das Szenario schließlich nicht, oder? Gewitter waren fies und unberechenbar, wenn man so mancher Reportage Glauben schenkte. Was ich tat. Sonst wäre ich ja kein nervliches Wrack, sobald nur ein Wetterleuchten am Himmel zu sehen war.

"Ich nehm Cola."

"Wie du willst." Nach einem Schulterzucken hangelte ich mich an der Küchenzeile zum Vorratsschrank. Gefahrenzone Tisch und Stühle! "Kannst du vielleicht mal leuchten?", blaffte ich.

Überraschung, er tat es. Ein Lichtkegel begleitete mich zum Schrank, half mir, die Glasflaschen zu finden, und lotste mich zurück zu Dorian, dem ich eine Cola in die Hand drückte. Statt eines "Danke" erntete ich ein: "Hast du keine eigene Taschenlampe?"

"Klar, ich fand es nur praktischer, meine Fledermausfähigkeiten zu trainieren. Gleich hätte ich mit Sonar die Umgebung erforscht, weißt du?" Die Antwort schien mir einfacher als ein Hab vergessen, Batterien zu kaufen.

"Was du nicht sagst", murmelte Dorian und schnalzte mit der Zunge. Sein Blick schweifte durch die Küche, ehe er sich noch finsterer als sonst auf mich legte. Schauer tippelten über meine Wirbelsäule, während ich den Hals reckte, um Dorian die Stirn zu bieten, falls er mir wieder was an den Kopf werfen wollte. Doch darauf verzichtete er. Stattdessen kam er auf mich zu.
Irritiert wich ich zurück, bis sich die Arbeitsplatte in meinen unteren Rücken bohrte, ohne von mir bemerkt zu werden. Meine alarmierte Aufmerksamkeit lag einzig auf Dorian, der sich gemächlich näherte und mich dadurch in die Enge drängte. Ungewohnte Körperwärme strömte an meine nackten Arme. Nur ein Hauch trennte uns voneinander. Ein tiefer Atemzug hätte genügt, um Dorians Oberkörper mit meinem Busen zu streifen, also hielt ich die Luft an, obwohl ich nicht wusste warum. Bewahrte ich Dorians persönliche Zone oder meine? Es spielte keine Rolle, denn Dorian ignorierte beide, als er sich vor beugte. Erneut wich ich aus. So gut es ging, hielt ich Abstand, indem ich mich zurücklehnte und vergebens Halt auf der Arbeitsplatte suchte. Die Colaflasche behinderte meine rechte Hand, ein nervöses Zucken meine linke. Krampfhaft bog ich mich übers Holz, bis mein Rücken streikte und meine Arme einfach nachgaben. Allein meine Ellenbogen hielten mich aufrecht. Doch wie lang? Meine Muskeln verwandelten sich nämlich in Wackelpudding, als Dorians Gesicht zu mir schwebte. Bedrohlich aufreizend tanzte seine Silhouette im Licht der Taschenlampe, von der ich gar nicht mehr wusste, wo er sie versteckte, während er seine Cola neben mich stellte. Kaltes Glas streifte meinen Oberarm und säte Gänsehaut wie Eisblumen auf meiner Haut. Ich warnte die verräterisch aufgestellten Härchen mit einem Blick und bemerkte dadurch erst Sekunden später, dass Dorians freie Hand auf der anderen Seite an mir vorbei wanderte. Gefangen zwischen Kälte und der Wärme seiner Arme rang ich nach Luft und erhaschte diese Brise von Hugo Boss und Unnahbarkeit und Nähe und Nähe und Nähe. Der Abstand verringerte sich immer noch. Hätte ich mich auch nur einen Zentimeter bewegt, hätten sich unsere Körper berührt, was es tunlichst zu vermeiden galt. So dachte mein Hirn in weiser Voraussicht auf schlaflose Nächte. Mein Herz schien da anderer Meinung und raste lieber als wolle es Dorian direkt anspringen. Sei tapfer, Hirn!, mahnte ich und schloss die Augen, um mich zu sammeln. Sofort riss ich sie wieder auf, als etwas Weiches meine Haut kitzelte. Weizenblondes Haar schlängelte sich über meine Schulter. Dorians Gesicht stoppte neben meinem. Heißer Atem floss in meinen Nacken. "Weißt du was, Merle", brummte Dorian so unerwartet tief, dass ein Schwarm Hummeln in meinem Bauch erwachte, "irgendwann könntest du deine dummen Kommentare bereuen." Er schluckte hörbar. Ich ebenfalls. "Vielleicht sogar früher als du denkst. Du machst mich damit nämlich wahnsinnig."

Klack. Zisch. Schneller als ich verarbeiten konnte, hatte Dorian den Flaschenöffner vom Haken hinter mir geschnappt und den Kronkorken von der Cola gezupft. Ein dumpfes Lachen gluckerte in seiner Kehle, als er trank und wieder auf Abstand ging. Zentimeter dehnten sich zwischen uns zu einem halben Meter, zu einem ganzen, zu so vielen, dass mich die fehlende Nähe frösteln ließ. Wie bestellt und nicht abgeholt blieb ich allein in der Küche stehen und begaffte Dorian, der sich die Taschenlampe aus der Hosentasche zog und damit zufrieden ins Wohnzimmer schlenderte. Er vertreibt sich die Zeit, erinnerte ich mich und rieb mir den Nacken. Mir blieb nur zu hoffen, dass ich diese Zeit unbeschadet überstand.

Rums!
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