Eyes On Fire

von Wichita
GeschichteDrama, Angst / P18
Effie Trinket Finnick Odair Gale Hawthorne Haymitch Abernathy Katniss Everdeen OC (Own Character)
29.03.2019
30.09.2019
8
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Eyes On Fire

Er betrat den fein gepflegten Hausflur, nickte kurz dem übellaunigen Portier am Eingang zu und klappte den Kragen seines dunklen Stoffmantels gegen die unangenehme Kälte und den Schneeregen empor, bevor er die Straße betrat und kalte Luft in seine Nase stieg.

Mit langen Schritten durchquerte er die Wasserlacken am Boden, umrundete die Hausecke, blieb am Straßenrand stehen und blickte die geschäftstüchtige Madison Avenue hinab. Seine Limousine war nicht zu sehen und missmutig zückte er sein Mobiltelefon, tippte die Kurzwahl einer wohlvertrauten Nummer, während seine Gedanken weiter zu der bevorstehenden Veranstaltung am heutigen Abend wanderten.

In weniger als zwei Stunden würde das Verlagshaus in dem er arbeitete seinen neuen Bestseller präsentieren und er hatte vor, für sich und sein Team, ein gewaltiges Stück vom Kuchen abzubekommen.

Wer heute Abend wusste das Spiel richtig zu spielen und sich mit den einflussreichsten Kollegen auf der Vorstandsetage verbündete, würde im kommenden Jahr aufsteigen. Für alle anderen hieß es auf der Karriereleiter zu stagnieren oder im schlimmsten Falle von jüngeren, dynamischeren Mitstreitern überrundet zu werden.

“Zeitung, Mister?” Brüsk wurde er aus seinen Gedanken gerissen und er blickte auf.

Es war lächerlich, fast schon pathetisch, aber ihre Augen erinnerten ihn an jemanden anderen, jemand der schon vor lange Zeit zu Staub zerfallen war, und für einen kurzen Moment wurden seine Bewegung fahrig, als er sich mit der Hand über die Stirn fuhr und probierte seine Gedanken wieder zu fokussieren.

“Wieviel?” Fragte er unwirsch.

“Vier Dollar.”

Er schnaubte, die Zeitung in ihren Händen hatte den Wert von ein paar Cents, nicht mehr. Trotzdem griff er in die Innentasche seines Mantels und kramte einen Schein heraus, weit mehr als sie verlangt hatte und drückte ihr diesen in die Hand.

Vollkommen ungläubig starrte die Fremde darauf bis ein lautes Rufen die vermeintliche Stille zerriss. Der Mann blickte auf, erkannte seine Assistentin und rasch ergriff er die Zeitung, bevor er mit schnellen Schritten die stark befahrene Straße überquerte.  

Die Augen seiner aparten Kollegin schienen ihn förmlich aufzuspießen, als er sich ungraziös auf den ledernen Rücksitz der schwarzen Limousine fallenließ. Missbilligend blickte sie ihn über den breiten Rändern ihrer modisch geschnittenen Designerbrille an, während ihre fein manikürten Hände ein altmodisches Klemmbrett mit Notizen in den Händen hielt.

“Bist du nüchtern?” Zischte sie ihm kühl entgegen.

Wohl wissend, dass er ohne ihre Hilfe sein Ziel nicht erreichen würde, blitzen seine Augen gefährlich auf und gekonnt parierte er den Schlag.

“Nüchtern genug, um als Sieger vom Parkett zu gehen, Eff.”

Achtlos warf er die Zeitung in seinen Händen zur Seite, wandte seinen Blick ab und lies diesen über den endlos erscheinenden Verkehr jenseits der getönten Glasscheiben wandern, als ihn plötzlich die Erinnerung einholte.

Es war ihr Todestag.

Exakt 20 Jahre zuvor.

Schließlich schüttelte er den Kopf, probierte die Vergangenheit wie einen alten Handschuh abzustreifen und den Fokus auf den heutigen Abend zu legen, was auch immer passieren mochte, nichts würde sie wieder lebendig machen.

***

Wie erwartet war der Abend ein voller Erfolg. Mit Geschick und Raffinesse hatte er den Vorstand auf seine Seite gebracht, er war sich sicher, dass er nur eine Frage der Zeit war und er würde die Position des Chefredakteurs übernehmen.

Keiner hätte je gedacht, dass er im Leben soweit kommen würde, am allerwenigsten er selber. Aber wie es schien war Haymitch Abernathy der geborene Sieger. Doch so gut er darin war Strategien zu erarbeiten, seine Pläne umzusetzen und Menschen für sich einzunehmen, so unfähig war er eine Beziehung zu führen.

Die schmerzhafte Vergangenheit hatte ihn geprägt und bewiesen, dass es falsch war sich an Menschen zu binden oder gar die Schwäche zu zeigen, sich zu verlieben.
Die Limousine kam zum Halt und eine schlanke Hand legte sich auf den feinen Stoff seines Mantelärmels. Ihre blutroten Fingernägel waren ein starker Kontrast zu dem fast schwarzen Stück Stoff, doch er schüttelte nur den Kopf, wünschte seiner Begleitung einen angenehmen Abend und trat in den Schneeregen hinaus.

Gedankenverloren blickte er dem Wagen hinterher bis er nur noch die roten Rücklichter sah. Schließlich drehte er sich auf seinem Absatz um, bog um die dunkle Hausecke seines düsteren Appartementblocks, als er plötzlich einen Schrei vernahm.

Nichts Ungewöhnliches in New York City, man lernte schnell wegzuhören oder noch besser wegzusehen, wenn man nicht mit einem Messer im Bauch enden wollte. Doch auf den ersten Schrei folgte ein zweiter, unschwer der einer Frau und er hob die Augen, blickte in einen kleinen Hinterhof hinein, erkannte zwei dunkle Gestalten, welche in einem Handgefecht verwickelt waren.  

Heldenmut und ein langes Leben gingen selten Hand in Hand, somit war sein Verstand scharfsinnig genug sich nicht einzubringen, dennoch erkannte er im Lichtschein der Laterne die junge Frau von Stunden zuvor, erinnerte sich an ihre dunklen Augen und zückte sein Mobiltelefon, um die Cops zu holen, als der Angreifer plötzlich von ihr abließ.

In der Hand ihren abgegriffenen Rucksack, probierte der Mann an Haymitch vorbeizulaufen, doch bevor er die Straße erreichte, verlor er über einem ausgestreckten Bein das Gleichgewicht, kam in das Straucheln, taumelte und stürzte. Dabei ließ er die Tasche fallen und Haymitch ergriff diese, bevor sich der fremde Mann wieder aufrappelte und die Straße hinunterrannte. Gefolgt von den verwunderten Blicken der nächtlichen Passanten.

Außer Atmen und mit blutender Nase erschien das Mädchen neben ihm, bereit ihre Tasche zu ergreifen und ebenfalls in der kalten Nacht zu verschwinden, als sie ihn wiedererkannte, der Mann mit der generösen Dollarnote, weit mehr Geld, als sie die letzten Monate gesehen hatte.  

“Bist du okay?” Brachte er über die schmalen Lippen, als er ihr die Tasche aushändigte und sich seine Hände am Stoffmantel abwischte. Die Fremde nickte nur knapp und rieb sich mit ihrem verschlissenen Jackenärmel über die Nase, verschmierte dabei das tropfende Blut über ihr blässliches Gesicht.  

Suchend griff Haymitch in die Innentaschen seines Mantels, in der Hoffnung ein Taschentuch zu finden, während sein Blick von ihrem schmerzhaft verzogenen Gesicht weiter zu ihrer verdreckten, schäbigen Kleidung wanderte. Ihre abgewetzten Turnschuhe waren von Nässe durchdrängt, das dunkle, lange Haar hing wie leblos auf ihre schmalen Schultern herab. Es war unschwer zu erkennen, dass sie auf der Straße lebte, ihre einzige Habe in einen kleinen Rucksack gepfercht.

Ein Tropfen Blut folgte auf den nächsten, lief unablässig auf den dreckigen Asphalt vor ihren Füßen, als er resigniert die Suche nach einem Papiertaschentuch aufgab und ein Ruck durch ihn ging.

“Los, komm mit…”

Die Fremde zuckte merklich zusammen und ihr Körper spannte sich an, bereit zu kämpfen oder zu fliehen, und mit der Hand fuhr sie in Richtung ihres Ärmels, fing an daran zu spielen, während ein müdes, zynisches Grinsen Haymitchs schroffe Gesichtszüge umspielte. Er musste kein Prophet sein, um zu erahnen was die Kleine darin verbarg.

“Lass das Messer stecken, Mädchen." Erklang seine raue Stimme gedehnt, kaum fähig den Schmerz in seinen Worten darin zu verbergen. „Ich hänge seit über 20 Jahren an der Flasche..." Setze er nach, sich sicher, dass Sie scharfsinnig genug war den Sinn seiner Worte zu verstehen.



***


Mit zwei Schritten Abstand folgte die junge Frau dem dunkelgekleideten Fremden. Sich nicht sicher ob sie ihm trauen konnte oder doch einem kranken Meuchelmörder in die Falle gegangen war.  

Schließlich betraten beide den unscheinbaren Apartmentblock und stiegen schweigend in den glasgetäfelten Fahrstuhl ein. Stoisch starrte das Mädchen neben ihm auf den glänzenden Marmorboden, ihren alten, dreckigen Rucksack wie ein Schutzschild vor die Brust gepresst, während sie aus den Augenwinkeln seinen müden, ausgelaugten Blick und die markante Falte zwischen seinen Brauen wahrnahm.

Oben angekommen, blieben sie vor eine der unzähligen gepflegten Haustüren stehen und umständlich suchte Haymitch nach dem Haustürschlüssel, bis er diesen unter Fluchen in der Innentasche seines Mantels fand und geräuschvoll die Tür aufschloss.

Unsicher betrat das Mädchen die Wohnung und blieb abwarten in der Nähe des Türrahmens stehen, während der Mann seinen schweren Mantel auszog und in Richtung Garderobe warf.

“Du kannst deine Sachen in die Ecke stellen.” Zeigte er ihr mit einer knappen Handbewegung an, bevor er den obersten Knopf seines Hemdkragens öffnete, welches ihn langsam zu ersticken drohte. Doch als er sah, dass sich das Mädchen nicht rührte zuckte er lapidar mit den breiten Schultern. “Oder du bleibst die ganze Nacht dastehen, ganz wie es dir beliebt.”

Mit diesen Worten bog er um die Ecke und erleichtert atmete sie auf. Schließlich besann sich eines Besseren und legte den nassen Rucksack in die Ecke neben der Garderobe ab. Ihre kalten, klammen Fingerspitzen fuhren in ihren Jackenärmel und sie spürte das beruhigende Gefühl eines scharfen Klappmessers darin. Mit Bedacht nahm sie dieses heraus und versteckte es sorgsam in den Ärmel ihres abgetragenen Sweatshirts.

In den letzten Monaten war die spitze Klinge zu ihrem besten Freund geworden. Sollte der Fremde eine Dummheit wagen, dann würde er das scharfe Messer schmerzhaft an seiner Kehle spüren.

Wie auf der Jagd, richtete sich das Mädchen langsam wieder auf und ging lautlos ein paar Schritte den Flur entlang, hörte, wie der Wohnungsbesitzer die Schränke in der Küche absuchte, bevor sie zögerlich das großzügig angelegte Wohnzimmer betrat.

Alles war ausnahmslos in minimalistisches Dunkelgrau gehalten, geradlinig ohne jeglichen Schnörkel. Glas und Chrom dominierte anstatt warmen Holzes. Ein orientalisch anmutender Teppich mit aufwendigen Verzierungen lag in der Mitte des Raumes, diente als Zierde, genauso wie die meterhohen, abstrakten Gemälde an den Wänden des großen Raumes.

Doch all dies wurde durch das funkelnde Lichtermeer Manhattans überboten. Vor ihren Augen erstrahlte die einzigartige Skyline der Stadt und funkelte mit den Abendsternen um die Wette und bevor sie wusste was sie tat, drückte sie ihre blutverschmierte, pochende Nase an der großzügigen Fensterfront platt.

“Pass auf, dass du nicht runterfällst.” Erklang es leicht amüsiert und das Mädchen erschrak bis ins Mark, bereit das Messer zu werfen, falls der Mann eine falsche Bewegung wagen würde.

Doch weit gefehlt.

Ihr Gastgeber lehnte entspannt im Türrahmen, während sich in seiner rechten Hand ein schweres Kristallglas mit einer klaren Flüssigkeit befand. In der anderen hielt er eine Flasche Wodka sowie ein kleines Handtuch.

“Ich habe kein Eis gefunden, Kleine.“ Entschuldigend zuckte er die Schulter. „Hier, die lag im Eisschrank, halt sie dir einfach gegen die Nase.“ Auffordernd schritt er langsam auf sie zu und streckte er ihr die Glasflasche entgegen.

Ungläubig starrte sie ihn an, nicht sicher ob seine Worte ernst gemeint waren oder ob er sie zur Närrin hielt. Doch schließlich griff sie nach dem hellen Handtuch, wischte sich umständlich das Gesicht damit ab, bevor sie die Flasche hochprozentiges nahm und gegen ihr schmerzendes Gesicht presste.

“Hast du auch einen Namen?” Fragte er schließlich, während er sie im matten Schein des Deckenlichts eingehend musterte.

Ihre Gestalt war hager und ausgezerrt, die Kleidung abgetragen, verschlissen ohne jede Qualität und ihre schwarzen, ungepflegten Haare spotteten jeder Beschreibung. Trotzdem erinnerten ihn ihre strahlenden, dunklen Augen an vergangenes und unsanft fühlte er sich wieder vom Schicksal eingeholt.

Schließlich vernahm er das Zucken ihrer Augenlieder, aber eine Antwort blieb aus, und bei näherer Betrachtung war es ihm egal wie sie hieß. Er hatte für dieses Jahr eine gute Tat vollbracht, er war mit der Welt dort draußen quitt.

“Gut, Fremde, ohne Namen.” Raunte er ihr schließlich entgegen, während er langsam anfing ein unangenehmes Pochen hinter seiner Stirn zu spüren. “Du kannst die Nacht auf meiner Couch verbringen.”

Defensiv zog sie die Schultern nach oben und starrte ihn unverblümt an, abwägend ob seine Worte bedrohlich gemeint waren, sich nicht sicher, was er als Gegenleistung für seine Freundlichkeit von ihr verlangen würde.

Doch ohne ein weiteres Wort zu verlieren, drehte sich der Mann auf dem Absatz seiner teuren Schuhe um, ging zur Wohnzimmertür hinaus, nur um kurze Zeit später mit einem Satz Kissen und einer angenehm warmaussehenden Decke wieder im Türrahmen zu erscheinen.

Mit schnörkellosen Worten erklärte er ihr wo sie Bad und Küche finden würde, dass sie alles Essen durfte was sie fand, solange sie seinen Schnaps in Ruhe ließ und dass es im Bad genügend Gästebademänteln gab, welche er vom früheren Mieter übernommen hatte.

“Nur versprich mir eines, Mädchen.” Seine Augen blitzen kurz auf, bevor ein leichtes, spöttisches Lächeln seine Lippen zierte. “Massakriere mich heute Nacht nicht mit deinem Messer, Blutflecken gehen so schwer wieder raus.“

Ohne die Miene zu verziehen nickte sie leicht beschämt, die Flasche immer noch gegen ihr Gesicht gepresst, während sie langsam ihre Fingerspitzen vor Kälte nicht mehr spürte, und als er müde aus dem Wohnzimmer schlurfte, seine Schlafzimmertür lautstark hinter sich verriegelte, atmete das Mädchen erleichtert auf.

Es fühlte sich an, als wäre ein Mühlstein von ihrer Brust genommen. Wie betäubt stellte sie die Flasche Wodka auf den Couchtisch und vergrub ihr Gesicht in den Händen, bevor heiße Tränen ihre Wangen benetzten und sie sich aus tiefsten Herzen wünschte, dass ihre kleine Schwester an ihrer Seite wäre.
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