Hamato Ninjas

GeschichteFamilie, Sci-Fi / P16 Slash
Donatello Leonardo Michelangelo OC (Own Character) Raphael
29.03.2019
12.05.2019
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In der New Yorker Kanalisation lebten sie: Die großen Helden dieser Stadt. Vier Brüder, die von klein auf dazu trainiert wurden, im Namen der Gerechtigkeit zu handeln und die Menschen auf diesem Planeten zu Beschützen. Doch nur die wenige Auserwählte wussten über ihre Existenz Bescheid.
Und dafür gab es genau zwei Gründe.
Der erste war, dass sie Jahre lang in der Kunst des Ninjutsu und das Leben eines Ninjas spielte sich grundsätzlich im Schatten. Die erfahrenen Ninjas erlernten diese Kampfkunst von ihrem Mentor und Ziehvater Hamato Yoshi, oder auch Splinter, wie sie ihn gerne genannt hatten. Leider traf den großen Ninjutsu-Meister ein trauriges Schicksal. Der Tod holte ihn ein und hinterließ eine bleibende Lücke im Leben der vier Brüder. Doch sie wussten, dass ihr Ziehvater sie geliebt hatte, auch wenn sie keine Menschen waren.
Denn bei unseren vier Helden, handelte es sich um vier sprechende Schildkröten. Einst waren sie gewöhnliche Schildkröten gewesen, doch die Berührung mit dem sogenannten Mutagen, ließ sie human werden. Es war nur ihr ungewöhnliches Aussehen gewesen, dass sie von den Menschen unterschied.
Und genau dies war der zweite Grund gewesen, warum sie sich vor den Augen der Menschen versteckten. Sie wussten, dass die Menschen sie fürchten würden, sollten diese sie jemals erblicken dürfen. Auch die meisten ihrer menschlichen Freunde hatten damals bei ihrer ersten Begegnung Furcht gezeigt.
Doch trotz dieser Tatsache, hatten sie den Verbrechern dieser Stadt die Stirn geboten und die Welt nicht nur einmal gerettet.

Angeführt wurde diese Kleingruppe von dem Ältesten der vier Brüder. Er hörte auf den Namen Leonardo, doch von seinen Brüdern wurde er stets Leo oder manchmal Fearless genannt. Letzteres weil ihm der Titel „Furchtloser Anführer“ zugeschrieben worden ist. Er war zwar nicht der stärkste oder schlauste seiner Brüder gewesen, dafür aber besaß er die Fähigkeit selbst in brenzligen Situationen einen kühlen Kopf zu bewahren und schwere Entscheidungen treffen zu können und gerade diese zwei Sachen waren die Basis gewesen, die einen guten Anführer ausmachten.
Den Platz des Schlaukopfes verdiente sich Donatello. Er war der zweitjüngste der vier Brüder, doch er bevorzugte es als Drittältester bezeichnet zu werden. Er liebte es neues Wissen aufzusammeln und andere mit seinem brillanten Wissen voll zu tüten, die meist nicht einmal die Hälfte des Fachvokabulars verstanden. Doch Leo wusste wie nützlich die Informationen seines intelligenten Bruders sein konnten.
Michelangelo, aber wusste dies nicht wirklich zu schätzen. Er war der jüngste der Brüder gewesen und die Rolle in seinem Team war mehr als fragwürdig gewesen. Kindisch und Naiv, das waren die Begriffe die ihn definierten. Er nahm vieles nicht ernst und konzentrierte sich viel lieber darauf anderen Streiche zu spielen. Er war sowas wie der Sonnenschein der Truppe und auch wenn seine laute und aufbrausende Art jeden den letzten Nerv kostete, brachte er allen doch ein Lächeln auf die Lippen.
Der übrig gebliebene Turtle hieß Raphael. Er war leider nur der zweitälteste von seinen Brüdern gewesen, dafür prahlte er aber öfters mit seinen Muskeln, denn er war der stärkste von seinen Brüdern und von diesem Thron würde ihn keiner so schnell runterstürzen. Doch trotzdem war er oft von Eifersucht geprägt. Es war ihm oft nicht genug, dass er nur der Stärkste seiner Brüder war. Er sehnte sich oft nach der Anführerrolle, doch leider musste er sich eingestehen, dass er nicht dafür gemacht war. Sein Temperament und die Tatsache, dass er oft lostürmte ohne vorher nachzudenken standen ihm dafür im Weg.
Streitigkeiten unter den Brüdern, besonders nach dem Tod ihres Vaters, gehörten fast schon zum Alltag. Doch wenn es hart darauf ankam, kämpften sie bis zum Tod Seite an Seite und jeder von ihnen wären bereit für den jeweils anderen zu sterben.
Sie hatten viele Kämpfe geführt, nicht in allen gingen sie mit einem Sieg raus, aber sie taten alles, um den Planeten auf dem sie lebten zu beschützen.

Aber so groß ihre Taten auch waren, die Zeit blieb nicht stehen und auch unsere vier Helden blieben nicht ewig jung. Seit dem Tag, wo sie die Kanalisation zum ersten Mal verlassen hatten, waren nun fast dreißig Jahre vergangen. Viel passierte in diesem Zeitraum und alle vier hatten sich verändert und an Reife dazugewonnen. (Ja, sogar auch Michelangelo)
Nun waren sie in der Rolle des Mentors und hatten Schüler in der erlernten Kampfkunst zu unterrichten.

Da sich das Alter des Nachwuchses von unter 1 Jahr bis 19 Jahre streckte, hatte Leonardo die Idee gehabt, seine Schüler in zwei getrennten Gruppen zu unterrichten. Natürlich war das jüngste der Kinder, Hachiro, der mal grade sechs Monate auf dieser Welt war, noch viel zu jung um mit seinem Training anzufangen. Frühestens mit 5 Jahren würden Leonardo und seine Brüder ihn in die Lehre des Nunjutsu einweihen.
Zunächst aber sollte er erst einmal sein erstes Lebensjahr erreichen und das wäre erst im August diesen Jahres der Fall. Unsere Helden aber standen noch am Anfang des Jahres. Um genau zu sein es war der 27. Januar des Jahres 2039. Und dieser Tag war ein ganz besonderer Tag für einen andern Angehörigen des Nachwuchses.

Annie hatte lange auf diesen Tag gewartet, vielleicht sogar länger als alle anderen, denn in allen Kalenders, die man in ihrem Zuhause nur finden konnte diesen einen Tag ganz fett markiert und mit Glitzer beklebt (wofür sie natürlich Ärger bekommen hatte, denn die Wohnung sah selbst nach der dritten Runde „vorgezogenen Frühjahrsputz“ immer noch wie in ein Paradies für ein Einhörner aus). Denn für alle die es immer noch nicht verstanden hatten, dieser Tag war ihr Geburtstag, aber nicht nur ein Geburtstag, sondern ein ganz besonderer, denn sie ist endlich 15 Jahre alt geworden. Für manche gab es vielleicht wichtigere Geburtstage, wie zum Beispiel den 21sten oder den 30sten aber für Annie war es der 15te, denn ab jetzt durfte sie zwei Sachen, die die jüngeren noch nicht durften. Zum einen gehörte sie jetzt zu den „Großen“ und durfte mit ihnen mit trainieren und zum anderen durfte sie endlich die Kanalisation verlassen und zum ersten Mal die Oberfläche betreten. Sie kannte die Oberfläche, wo die Menschen lebten nur von Erzählungen und Bildern, doch nun durfte sie alles mit eigenen Augen erkunden.
Wie auch ihr Vater Raphael, hob sich Annie wegen ihrem ungewöhnlichen Aussehens von anderen ab. Im Gegensatz zu ihrem Vater, war sie keine Schildkröten Mutantin, sondern sah ihrer Mutter Y´Gythgba, oder auch Mona Lisa genannt, viel ähnlicher. Der ungewöhnliche Name lässt sich damit erklären, dass Y´Gythgba nicht von diesem Planeten stamm. Sie wurde auf dem Planeten Salamandria geboren, welcher von der amphibischen Spezies Salamandrianer bevölkert wurde. Raphael lernte sie auf ihrem Abenteuer im Weltall kennen. Zwar war ihre erste Konfrontation holprig gewesen, aber sie entwickelten im Laufe der Zeit gegenseitigen Respekt voneinander, der schnell in eine Romanze umgeschlagen war. Seitdem lebte sie auf dem Planeten Erde und zog mit ihrem Ehemann ihre gemeinsamen Kinder groß. Wie ihre Mutter, sah Annie wie der Name schon sagt einem Salamander ähnlich. Die grüne Hautfarbe hatte sie aber ihrem Vater zu verdanken. Von wem sie aber die dunkelbraunen Haare hatte, war ein Rätsel, das bis heute noch ungeklärt blieb, denn Raphael als auch Mona Lisa waren beide Kahlköpfig.

Annie aber befasste sich eher wenig mit dieser Tatsache, denn im Moment hatte sie andere Sachen im Kopf. Wie zum Beispiel das allererste Training mit den Großen.
Zappelnd, betrat sie das Dojo. Ich großen gelben Augen funkelten beim Anblick des Trainingsraumes, fast so als wäre sie zum ersten Mal hier. Aber dass stimmte nicht. Sie kannte das Dojo wie ihre eigene sechs Finger. Sie kannte die zwölf japanischen Teppiche, die auf dem Boden lagen und Polsterung baten und der große Baum in der Mitte des Raumes war nichts Besonderes für sie. Sie wusste dass Halterungen für die ganzen Waffen erneuert werden sollten, den sie sahen so aus als würden sie bei nur einem Atemzug ineinander klappen. Auch das Regal, wo verschiedene Rahmen mit Familienfotos ihren Platz fanden, sah ein wenig spärlich aus. Aber so war das Dojo nun Mal. Es war schon immer so gewesen und doch sah es um diese Uhrzeit einfach anders an. Vielleicht sogar besser, was Annie sich vielleicht auch nur einbildete. Sie schob diese Wahrnehmung ihrer großen Aufregung zu. Sie konnte es kaum erwarten bis es endlich losgehen würde.

Nur eine einzige Sache bescherte ihr ein kleines Problemchen.
Zwei Stunden früher aufstehen als man es eigentlich gewohnt war, war wohl leichter gesagt als getan.
Auch wenn Annies Kopf von Aufregung und großen Vorstellungen gefüllt war, wünschte sie sich, dass ihr Körper genauso viel Enthusiasmus bereithielt. Aber sie musste sich eingestehen, dass sie am liebsten wieder in ihr Bett gegangen wäre. Und das sah man ihr auch an, denn den lauten Gähner konnte man nicht überhören.
„Oh, machen wir etwa schon vor dem Training schlapp? Willst etwa du wieder zu den Kleinen?“
Annie drehte sich erschrocken und gleichzeitig verwirrt zum Eingang des Dojos, wo ein schwarzhaariger junger Mann stand und das Mädchen angrinste. Er war in Sportklamotten gekleidet, jedoch schien der schwarze Seidenzylinder ein wenig fehl am Platz. Aber jeder, der diesen jungen Mann näher kannte, wusste, dass dieser Hut ein Markenzeichen von ihm war. Sofort zog Annie eine beleidigte Miene. „Du bist gemein!“, sagte sie verärgert und der junge Mann, dessen Name Ronin lautete, gab ein Kichern von sich. „Ach, das war nur ein Witz!“
Ja ein gemeiner Witz!
Ronin legte einen Arm um ihren Nacken und schenkte ihr ein charmantes Lächeln, das sie aufmuntern sollte. „Ach, Geburtstagskind ich bin doch froh, dass du hier bist.“
Warte, gleicht kommt‘s!
„Schließlich bin ich dank dir nicht mehr der Jüngste.“ „Ach, du…“
Sofort stieß sie ihn von sich weg und boxte ihn ein paar Mal gegen seinen Oberarm, was den Schwarzhaarigen in ein Gelächter brachte. Selbst nachdem sie aufgehört hatte ihn zu schlagen, kriegte er sich nicht mehr ein und Annie hätte ihm am liebsten aus aller Kraft eine gescheuert. Aber bevor es so weit kam, passierte etwas ganz anderes.
„YV’UOTSA!“
Ein schwarzhaariges Mädchen stürmte auf Annie zu und schloss diese sofort in eine Umarmung. „Alles Gute zum Geburtstag!“, schrie das schwarzhaarige Mädchen und drückte das jüngere Mädchen so lange, bis es sich wegen Luftmangel beklagte und die Umarmung endlich aufgelöst wurde. „Das nenn ich mal eine Gratulation.“, lachte Ronin und zeigte den Daumen hoch. „Natürlich, heute ist schließlich ein besonderer Tag! Unsere kleine Yv’uotsa darf heute nämlich mit uns auf Patrouille kommen!“, sprudelte die Schwarzhaarige vor Freude. Dabei legte sie ihre Hände auf Annies Schultern und schüttelte diese ein wenig. Annie gab ganz leise Hilferufe von sich. Natürlich meinte sie diese nicht ernst und die Schwarzhaarige würde Annie niemals etwas Böses wollen. Nur war es ihre aufbrausende Art, die Annie manchmal zu viel war. Aber eine Sache die sie sehr an dem Mädchen schätzte war, dass sie sie bei ihrem richtigen Namen nennen konnte. Annies Mutter gab ihr den Namen Yv’uotsa, doch außer ihr, ihrer Mutter und sie selbst konnte niemand Annies Namen richtig aussprechen. Aus diesem Grunde gab sie sich den Spitznamen Annie und alle waren sehr glücklich darüber, denn nun konnten sie das Mädchen rufen ohne über die eigene Zunge zu stolpern. Warum sie aber ausgerechnet diesen Namen ausgewählt hatte, konnte Annie selbst nicht beantworten. Das würde wohl ein genauso großes Mysterium bleiben wie das Vorhandensein ihrer Haare.

„Ähm, was ist hier los?“
Alle Blicke wendeten sich zum Eingang des Dojos, wo noch eine verwirrte Ava stand, die nervös eine schwarze Haarsträhne um ihren Finger drehte. Sie war Ronins Zwillingsschwester.
„Raiko hat mal wieder ihre fünf Minuten.“ „Jou, die hab ich und zwar sowas von.“ Noch bevor Ronin reagieren konnte, hatte Raiko ihm seinen Hut vom Kopf gezogen und ihn sich selbst aufgesetzt. (Eigentlich hieß das Mädchen Kuraiko, Raiko war nur ihr Spitzname gewesen.)
„Hey!“, rief Ronin empört und versuchte sich seinen Hut zurück zu holen. Leider nur war Kuraiko mehr als nur zweiköpfe größer als er. Und selbst wenn er sprang konnte er den Höhenunterschied einfach nicht ausgleichen. Knurrend gab er sich geschlagen, während Kuraiko triumphierend lachte und Ava immer noch wie bestellt und nicht abgeholt im Türrahmen stand. Annie währenddessen legte tröstend eine Hand auf Ronins Schulter und sagte: „Jetzt weißt du wie ich mich gefühlt hab.“
Dieser Aussage war aber keines Wegs tröstend gewesen und erreichte das komplette Gegenteil, was Annie auch beabsichtigt hatte. „Jajaja, Karma schon verstanden. Jetzt gib mir den Hut zurück! Der ist empfindlich!“
Leider wusste er, dass Kuraiko nicht so leicht nachgeben würde. Trotzdem versuchte er weiterhin nach seinem Hut zu greifen, auch wenn er sich dabei zum Affen machte. Annie betrachtete das Geschehen mit einem Grinsen auf den Lippen und wartete bis noch etwas passieren würde.

Ava, die sich immer noch nicht vom Fleck gerührt hatte, hatte inzwischen Gesellschaft bekommen. Schweigend hatte sich August zu ihr gestellt und die Augenbrauen hochgezogen. Das Fragen ersparte er sich, denn sein Blick war Frage genug gewesen. „Das Chaospärchen hat wieder zugeschlagen.“, sagte Ava und steckte sich ihre Haarsträhne hinters Ohr.
„Solange daraus kein Chaostrio wird ist alles in Ordnung.“
Auf einmal stand Leiko hinter den beiden, was ihnen einen kleinen Schrecken eingejagt hatte. „Wo kommst du denn auf einmal her? Warum haben wir dich nicht gehört?“, wollte Ava von Leiko wissen. Diese schmunzelte. „Ich bin ein Ninja und wohne irgendwie hier?“
Ava schüttelte den Kopf. Nicht wegen Leikos Antwort, sondern eher wegen ihrer Fragen. Sie meinte diese eigentlich anders, aber hatte sie ein wenig dumm formuliert, sodass auch Leiko dumm geantwortet hatte. Sich selbst sagte sie, dass sie wirklich aufhören sollte überflüssige Fragen zu stellen, auf die sie die Antwort bereits kannte. Zumindest wurden Avas überflüssige Fragen immer mit Humor genommen und nicht als nervend empfunden.
Die nächste dumme Frage musste sie nicht aussprechen, denn die Antwort kam ihr schon zu vor. Leonardo kam auf die drei Jugendlichen zu und sofort schenkten sie ihm eine höffliche Begrüßung. Der Turtle wunderte sich über ihren Aufenthalt im Türrahmen, doch zu fragen war nicht nötig gewesen. Er hörte bereits wie Annie Ronin anfeuerte und sah wie Kuraiko Ronins Hut in die Höhe hielt und diesen wie ein Katzenspielzeug wedelte. Schon wieder stellten die beiden Blödsinn an. Und es gefiel ihm ganz und gar nicht, dass Annie da auch noch mitmachte. Die zwei waren anstrengend genug gewesen und jetzt hatten sie einen potenziellen Unruhestifter mehr. Er konnte nur hoffen, dass Annie sich doch mehr ein Beispiel an seinen ruhigeren Schülern nehmen würde.

„Na gut. Genug rumgestanden. Fangen wir mit dem Training an.“, forderte der Schildkröten Mutant seine Schüler auf. Mit einem „Hai, Sensei.“ betraten sie den Raum und Leonardo schloss die Tür hinter sich. „Genug rumgealbert!“, wies er seine anderen drei Schüler hin. Annie reagierte sofort, hörte mit dem Anfeuern auf und begrüßte ihren Mentor, genauso höfflich wie die anderen es vorhin getan hatten. Kuraiko und Ronin ließen sich aber nicht sonderlich beeindrucken. „Kuraiko! Ronin!“, ermahnte er die beiden strenger. „Ich will doch nur meinen Hut zurück haben, Sensei.“, rechtfertigte er sich. „Du weißt schon, dass man Kopfbedeckungen nicht im Innenraum trägt.“ „Ich wollte den auch weglegen. Gib ihn jetzt zurück!“
Fast so als hätte sie Leonardos Worte überhört, hielt sie den Hut weiter in der Höhe.
Na gut, vielleicht mussten andere Methoden her.
„Klingt so als hättet ihr Lust auf eine Runde Randori.“, lächelte Leonardo und verschränkte seine muskulösen Arme vor seinem Brustpanzer. Sofort schrien alle wie aus einem Munde „Nein“.
Alle außer Kuraiko.
Denn auch dies beeindruckte sie nicht wirklich.

„Oh, jetzt hab ich aber Angst“

Am liebsten hätte sie diese Worte laut ausgesprochen. Nur zu gern hätte sie sein Blut zum Kochen gebracht und den Streit, den sie schon unzählige Male im Kopf geprobt hatte, in die Realität umgesetzt. Aber ihr war klar, dass es niemals so weit kommen würde, denn Leonardo würde all ihre Worte im Mund umdrehen und am Ende wäre sie die Böse.
Zudem wollte sie Annie nicht den Geburtstag vermiesen. Sie wusste wie lange sich das Mädchen auf diesen Tag gefreut hatte. Annie zu Liebe gehorchte sie den Worten Leonardos und gab Ronin seinen teuren Hut zurück. Nur konnte sie es nicht sein lassen, doch ein wenig Trotz zu zeigen. Sie warf den Zylinder auf Ronins Kopf, sodass der Ruck diesen bis zu seiner Nase rutschten ließ und Ronin temporär erblinden ließ. Laut beschwerte er sich, während er seinen geliebtem Hut richtete, dann aber nachdem er sich beruhigt hatte, ergriff Leo das Wort: „Gut, stellt euch dann auf.“
Annie zuckte zusammen.
„Wie aufstellen? Für was? Was genau meint er?“, schossen ihr die Fragen durch den Kopf. Fast schon panisch, suchten ihre großen Augen nach der Antwort. Jeder schien irgendwie zu wissen was er zu tun hatte, nur Annie wusste es nicht.
‘Okay, ruhig bleiben. Mach einfach genau das was auch die anderen machen.‘
Die anderen stellten sich nebeneinander in einer Reihe auf, und als Annie dies verstanden hatte, hätte sie sich am liebsten ihre Hand gegen die Stirn geklatscht.
In einer Reihe aufstellen.
Natürlich!
So schwer von Begriff war Annie doch gar nicht. Doch trotzdem wusste sie vor wenigen Sekunden gar nicht was gemeint war. Schnell eilte sie zu den anderen. Sie beobachtete wie seelenruhig sie alle standen und darauf warteten, dass das Training anfangen würde. Sie merkte wie ihre Finger anfingen zu beben und sofort versteckte sie ihre Fäuste hinter ihrem Rücken. Sie wollte nicht, dass jemand das Zittern sah.
Leonardo trat vor seine Schüler.
„Als Aufwärmrunde möchte ich, dass ihr jeweils zu zweit gegeneinander kämpft. Der erste der auf dem Boden liegt, schreitet aus und der andere sucht sich seinen nächsten Gegner. Und das so lange bis nur noch einer steht.“

„Oh Nein!“, dachte sich Annie. Schon sofort sollte sie gegen einen der anderen kämpfen? In der anderen Gruppe war sie die älteste gewesen und allen immer überlegen, aber jetzt war sie die jüngste. Annie ging durch gegen wen sie am liebsten kämpfen würde, aber egal wer ihr gegenüberstehen würde, sie würde als Verliererin rauskommen. Gegen Kuraiko oder Leiko hatte sie gar keine Chance. Das waren die zwei ältesten und die zwei mit der meisten Kampferfahrung. Und gewinnen würde sie auch keiner lassen. Leiko war eine ehrliche Person. Sie schummelte nicht und ließ auch anderen keinen Vorsprung. Und Kuraiko…
Annie wusste, dass ihr Stolz zu groß war, schließlich gab die Schwarzhaarige immer damit an, noch nie eine Niederlage erlitten zu haben. Zwar wusste Annie nicht ob das stimmte, aber bestreiten wollte sie es nicht. Vielleicht würde August sie gewinnen lassen, aber das würde Sensei Leonardo merken. Denn wie Kuraiko, war auch August ein Riese und zudem war er muskelbepackter als alle anderen. Auch wenn es eigentlich nicht auf die Größe ankam, war es dann doch zu auffällig wenn sie ihn zu Boden befördern würde. Blieben nur noch Ava und Ronin übrig. Nein, Ava war eine genauso große Herausforderung, wie die älteren. Zwar war  ein schüchternes und zerstreutes Mädchen, aber wenn es ums Kämpfen ging war sie ein Biest. Sie konnte es mit Leiko aufnehmen deswegen würde sie ausscheiden. Und Ronin? Er war hinterlistig. Zwar klappten seine Tricks nicht bei jedem, aber bei Annie ganz bestimmt. Vielleicht würde er sogar dafür sorgen, dass Annie über ihren Schweif stolpern würde.
Nein, egal wer ihr Gegner war, die Niederlage war ihr sicher…

„Leiko du kämpfst gegen Ava.“
Puh, Annie war erleichtert, dass sie nicht gegen einen der beiden kämpfen musste. Blieben nur noch August, Kuraiko und Ronin übrig.
„August, du gegen…“
Annie schluckte.
„…Kuraiko.“
Man konnte beobachten wie August die Farbe aus dem Gesicht entwich. Er sollte gegen die Älteste und beste Kämpferin unter ihnen kämpfen. Annie war erleichtert, trotzdem hatte sie aber Mitleid mit ihm. Kuraiko würde ihn so fertig machen. Diesen Satz konnte man aus ihrem Grinsen rauslesen.
Aber das hieß, dass Annies Gegner Ronin war.
Auweia, der Geschmack der Blamage lag ihr schon auf der Zunge.

„Da Annie heute zum ersten Mal mittrainiert, möchte ich dass ihr eure Waffen ablegt.“, fügte der Schildkrötenmutant noch hinzu, worauf er sofort enttäuschte Seufzer zu hören bekam.
„Keine Wiederworte!“
Wiederwillig taten alle was ihr Mentor ihnen befohlen hatte. Und Annie ließ das Gefühl nicht los, als würde jeder sie mit vorwurfsvollen Blicken anschauen. Aber dann kam ihr ein anderer Gedanke in den Sinn. Sie sollten ohne ihre Waffen kämpfen. Zwar konnte Ronin seine Waffe ausgezeichnet handhaben, aber ohne wusste er einfach nicht was er mit seinen Händen tun sollte. Er war kein Faustkämpfer und Annie schon. Mit anderen Worten sie hatte eine Chance!

Jeder stellte sich vor seinen zugeteilten Gegner und begab sich in Kampfposition. Es wurde nur auf das Stichwort gewartet und als es dann endlich kam, konnte Annie sich ein Grinsen nicht verkneifen.
Alle begangen ihren Trainingskampf, nur Annie und Ronin blieben auf ihren Plätzen.
„Na komm, ich überlasse dir den Vortritt.“, sagte Ronin und steckte gemütlich die Hände in die Hosentaschen. Er provozierte sie? Dabei wusste er dass sie doch besser- oh… Er wollte sie reinlegen!
„Nette Masche, aber nicht mit mir!“, dachte sie sich und setzte sich in Bewegung. Sie schlug nacheinander mit beiden Fäusten nach ihm, jedoch fiel es dem Jungen leicht, jeden ihrer Schläge auszuweichen. Er machte sich noch nicht einmal die Mühe, seine Hände aus den Hosentaschen zu holen. Annie vergrub ihre Fingerspitzen tiefer in ihrer Hand. Sie musste ihre Taktik ändern. Am liebsten würde sie seinen Fuß mit ihrem Schweif umklammern und mit einem Ruck von den Füßen reißen, aber sie war sich nicht sicher, ob ihr die Szene, die sie im Kopf ausgemalt hatte, auch wirklich so gelingen würde. Deswegen versuchte sie ihn zunächst mit einem Tritt zu überraschen. Ihr Plan war es gewesen, direkt von vorne anzugreifen, in der Hoffnung mit genug Kraft ihn nachhinten fallen zu lassen.
Der Tritt war ihr gelungen. Die Überraschung eher weniger.

Ronin zog endlich seine Hände aus den Hosentaschen und hielt sie gekreuzt vor sich, um Annies linken Fuß abzublocken. Leider war er somit nur von vorne geschützt und Annie erkannte ihre Gelegenheit. Vielleicht würde sie ihn mit einem Angriff von der Seite zum Fall bringen.
Sie warf ihr hochgehaltenes Bein zur Seite, damit sie genug Schwung hatte, mit ihrem anderen Bein nach ihm auszuholen. Leider war sie nicht schnell genug gewesen, denn Ronin rettete sich durch Ducken und Zurückweichen. Da sah Annie ihre nächste Chance. Gerade als Ronin wieder in das Gesicht des Mädchens aufschauen wollte, sah er nur eine Faust auf ihn zu kommen. Der plötzliche Schmerz in seiner rechten Wange, ließ ihn auf keuchen. Annie gab ihm keine Sekunde, wieder standfest auf den Beinen stehen zu können. Stattdessen ließ sie Fäuste auf ihn hinab regnen, die er gerade so abwehren konnte. In ihren letzten Schlag legte so viel Kraft, um ihn endgültig den Boden küssen zu lassen, aber Ronin wusste sich zu helfen. Zwar bekam er auch diesen Schlag ab, aber mit einer etwas ungeschickten Drehung konnte er etwas Platz zwischen sich und Annie gewinnen.
Ronin wünschte sich, er hätte seine Waffen in den Händen, denn so wäre ihm der Sieg hundertprozentig sicher gewesen, aber im Moment war ihm das Mädchen überlegen und er musste sich dringend etwas einfallen lassen, damit er diesen Kampf gewinnen würde. Er musste darauf warten bis sie einen Fehler machen würde, dann würde er im Vorteil sein. Leider war das wohl schwerer als gedacht, denn er schien aus dem letzten Hieb nichts gelernt zu haben, denn schon wieder als er sich Annie zuwenden wollte, sah er erneut eine Faust auf sich zu fliegen, der er nicht ausweichen konnte.
Sie schlug von oben und das so stark, dass Ronins Knie gegen den Boden prallte. Ronin konnte noch nicht einmal Aufatmen, schon kam die nächste Faust auf ihn zu geflogen. Dieses Mal von unten und katapultierte ihn in die Höhe.
Leider musste Annie enttäuscht feststellen, dass das nicht ausreichend gewesen war, denn selbst danach stand Ronin immer noch. „War das schon alles was du kannst?“, neckte er sie. Ihre Miene wurde ernster. Und Ronin freute sich innerlich. Das war der Fehler, der Annie zum Fall bringen würde. Sie würde sich jetzt nur noch auf ihre Angriffe fokussieren und dabei ihre Verteidigung vernachlässigen.
Wie vorher gesagt, rannte sie wütend auf ihn zu und wollte ihn den nächsten Faustschlag spüren lassen. Aber Ronin merkte einen kleinen Unterschied. Dieser war nicht gerade präzise gesetzt und Ronin konnte ihn problemlos auffangen. Ihr wütendes Gesicht nahm geplättete Zuge an und ehe sie auch nur mit einer Wimper zucken konnte, zog er an ihrem Arm und sie stolperte an ihm vorbei. Nun waren sie sich mit dem Rücken zueinander gedreht und beide wollten diese Tatsache so schnell wie möglich ändern. Annie entschied sich dies mit einem Angriff zu schaffen und hier kam ihr ihr langer Schweif gelegen. Mit Hilfe einer Drehung schleuderte sie diesen gegen Ronins Füße, nur traf sie diese nie, weil Ronin mithilfe eines Saltos ausgewichen war.
Gut, er würde wieder etwas Zeit brauchen um sich aufzurichten, deswegen wollte Annie wieder einen Kick einsetzten, weil das beim letzten Mal so gut geklappt hatte. Nur würde das auch ein zweites Mal funktionieren?
Gerade als Annie mit rechts zutreten wollte, wich Ronin nach links aus, holte aus einer Drehung genug Schubkraft um Annie zu Boden zu kicken.

Wie war das nochmal? Ah ja, nicht austricksen lassen… Hat ja super funktioniert!

Annies Lippen entwich ein Keuchen, denn ihr Rücken schmerzte vom Aufprall. Sie seufzte und hoffte sie war nicht die erste die rausgeflogen war. Doch als sie zu den anderen aufschaute, sah sie, dass noch alle vier auf den Beinen waren.
Sie war die erste, die auf dem Boden lag…

Kichernd ging Ronin auf die deprimierte Mutantin zu und reichte ihr seine Hand. „Hey, du hättest mich fast gehabt!“ „Ja, genau.“ Der Junge half ihr auf.
„Komm schon. Du hast dich länger gehalten als ich’s erwartet hab.“, versuchte er sie zu trösten, aber er hätte eindeutig eine andere Wortwahl treffen sollen. Annie zuckte nur mit den Schultern und begab sich zur Wand, wo sie sich hinkniete und die anderen beobachtete. Es wunderte sie nicht das Kuraiko die letzte war, die stand. Vielleicht war an der ununterbrochenen Siegesfolge doch was dran?
Auch das restliche Training hatte Annie nur noch deprimierter gemacht. Für ihren Geschmack hatte sie viel zu viele Korrekturen über sich ergehen lassen müssen und auch zu sehen, dass die anderen manches mit Leichtigkeit machten, während Annie schwer zu kämpfen hatte, schenkte ihr nicht gerade viel Motivation.
Sie war dann doch froh als Leonardo die Stunde endlich beendete. Als dieser aber kurz vorm Rausgehen Annie zu sich gerufen hatte, war ihre Erleichterung wie weggeblasen.
Oh-oh

„H-hai… Sensei…“ Annie schaute zu Boden.
„Ich dachte, du würdest mehr Freude nach dem Training zeigen.“
Annie wusste nicht was sie antworten sollte und inspizierte weiterhin schweigend die bunten Teppiche.
„Soll ich dir etwas verraten?“
Das Mädchen schaute auf.
„Das nächste Mal, kann es nur besser werden.“
Annie guckte verdutzt. Das war wahrscheinlich nicht das was sie hören wollte.
„Soll ich dir auch sagen warum?“ Leonardo pausierte kurz und als Annie nicht wirklich eine Reaktion zeigte fuhr er fort. „Weil jede Erfahrung eine Erfahrung ist. Selbst eine schlechte.“
„Ich weiß, Seinsei…“, seufzte Annie. „Nur war das ein wenig zu viel schlechte Erfahrung auf einmal…“
„Jetzt übertreibst du ein wenig.“, lachte Leonardo.
„Als kleiner Tipp für das nächste Training. Konzentriere dich auf die wichtigeren Sachen, wie zum Beispiel deine Ausführung.“
„Ähm…“
„Je mehr du gegen Ronin gewinnen wolltest, desto weniger Acht hast du auf deine Bewegungen gegeben.“
„Oh, verstehe…“
„Jetzt lass den Kopf nicht hängen. An seinem Geburtstag bläst man kein Trübsal. Komm her.“
Daraufhin schloss er das Mädchen in eine Umarmung. Dann verließ auch sie das Dojo.
Annie dachte auf dem ganzen Weg zum Badezimmer über ihre Fehler nach. Dort angekommen, stellte sie sich kurz unter die Dusche, um den Schweiß von der Haut zu waschen, dabei achtete sie darauf, nicht ihr Haare zu erwischen, denn sie hatte keine Lust diese nachher zu föhnen. Nachdem sie fertig geduscht hatte, sich ihren typischen Pferdeschwanz gebunden hatte und frische Kleidung, bestehend aus einem pinken Pulli, mit dem Logo des Hamato-Clans auf dem Rücken, einer dunklen Hose und gemütlichen Wintersocken, angezogen hatte, ging sie ins Wohnzimmer, wo sie schon von ihrer Familie erwartet wurde.

Einem Salamander ähnelnder Junge lief auf Annie zu und umarmte sie. Es war Takeo gewesen, ihr fünf Jahre jüngerer Bruder. Er hatte, wie seine Mutter, eine dunkelblaue Lederhaut, auf der sich viele große, ovale Flecken ausbreiteten. Besonders auf seinem Gesicht waren viele wie Sommersprossen verteilt. Seine gestreiften Augen funkelten Annie an und Annie musste geschmeichelt lächeln. „Alles Gute zum Geburtstag!“, gratulierte er ihr und Annie bedankte sich bei ihrem kleinen Bruder.
Die Geschwister hörten jemanden auf sich zu kommen, weswegen Takeo die Umarmung auflöste.

Eine große Schildkröte kam auf die Kinder zu. Spätestens nach Erblicken des roten Bandanas, wussten alle um wen es sich handelte. Es war Raphael, der offensichtlich seiner Tochter zum Geburtstag gratulieren wollte.
Er legte seine großen Arme um das Mädchen, die ihre weniger großen Arme um ihn schlang und ihre Wange gegen seine Brust presste. „Alles Gute zum Geburtstag, meine kleine Prinzessin.“
Ihre Wangen nahmen die gleiche Farbe an, wie das Bandana, das ihr Vater um seinen Kopf gebunden trug. Sie nahm ihm diese Bezeichnung übel und zeigte ihm das auch, in dem sie ihm mit einem Schmollmund ansah. Raphael hob seine nicht vorhandenen Augenbrauen. „Was ist denn?“
Okay Annie, ruhig bleiben…

„Ich bin nicht klein…“, gab das Mädchen beleidigt von sich. Raphaels Mundwinkel hoben sich und er schloss sein Auge. „Auch wenn du erwachsen wirst, wirst du immer meine kleine Prinzessin bleiben.“, antwortete er.
Oh nee… und da wären wir wieder bei diesem Thema…
Es war nicht das erste Mal gewesen, dass Annie diesen Satz zu hören bekam. Immer hieß es sie wäre zu klein oder würde immer klein bleiben… Aber nun war Schluss damit, schließlich war sie seit dem heutigen Tag 15 Jahre alt!

Nachdem auch diese Umarmung geschafft war, ging Annie zu ihrer Mutter, die auf dem Sofa saß und den ganz kleinen Hachiro in den Händen hielt. „Alles Gute, Schatz.“, beglückwünschte Mona Lisa ihre Tochter, doch diese schien ihre Aufmerksamkeit dem Kind zu widmen. Böse konnte sie ihr dafür nicht sein, denn wer schmolz nicht beim Anblick von diesem kleinen Kerlchen dahin? Sie wusste dass jeder gerne Babysitter für Hachiro spielen wollte und auch jeder wollte ihn einmal auf den Arm genommen haben. Aber Mona Lisa war das schon gewohnt, schließlich war das schon ihr drittes Kind.
Annie streichelte Hachiros grüne Wange. Das Baby verstand wohl aber nicht so ganz, was Annie dort machte, denn er drehte seinen Kopf zu ihrem Finger, ergriff diesen mit den Lippen und fing an darauf zu kauen.
„Ähm, ist das seine Art mir Alles Gute zu wünschen?“, stellte Annie die Frage, die alle in ein herzhaftes Lachen versetzte. Und es wurde herzhafter, als Annie versucht hatte ihre Hand freizubekommen, aber Hachiro seine kleinen drei Finger um ihr Handgelenk klammerte. „Na, schmeckt’s dir, hm? Willst du vielleicht auf was anderem rumbeißen, weil langsam tut’s ein bisschen weh…“, versuchte sie ihren Bruder zu erklären, aber das Baby verstand kein Wort.
Letzten endlich wurde dem Kind sein Schnuller angeboten, den er ohne zu zögern annahm.
„Wie war dein Training?“, fragte Takeo, der von einem Bein auf das andere hüpfte und seine Fäuste vor seiner Brust hin und her wedelte. „Oh, lass uns bitte ein weniger deprimierendes Thema bereden.“, antwortete sie mit hängenden Schultern. „So schlimm?“, die Stimme der Salamandrianerin klang verwundert und Annie beantwortete die Frage mit einem wortlosen Nicken. Mona tauschte mit ihrem Mann kurze Blicke aus und forderte ihn still auf, ihre gemeinsame Tochter aufzuheitern. In diesen Dingen war Raphael ein wenig besser als sie gewesen.

„Hey Annie, schau mich an.“, forderte der Schildkröten Mutant und Annie schaute auf, in sein giftgrünes Auge. Sein anderes Auge konnte man nicht sehen, weil ein Loch in seinem Bandana zugenäht war und das linke Auge bedeckte, wobei das nicht ganz richtig formuliert war. Er hatte nur noch ein Auge. Und er wollte nicht, dass andere dieses Loch sahen. Deswegen hatte er den Ausschnitt versucht zusammen zu flicken. Den Grund, wie es eigentlich zu dem Verlust seines linken Auges kam, hatte Raphael seinen Kindern nie enthüllt und schien es auch nicht ändern zu wollen. Nur die Erwachsenen wussten Bescheid, weil sie sich an den Vorfall erinnern konnten.
Einmal hatte ihn Takeo gefragt, warum sein Auge nicht mehr da war und Annie hatte aus Spaß geantwortet, dass er unbedingt Pirat werden wollte. Danach hatten alle gelacht und sie hatten sich einen alten Piratenfilm angeschaut. Aber schon damals hatte Annie genug Grips gehabt, um den traurigen Gesichtsausdruck ihres Vaters zu bemerken.
Und jetzt zog Annie das gleiche lange Gesicht, nur war ihr Grund dafür keine Tragödie gewesen.
„Das war das erste Mal, dass du mit den Älteren mit trainiert hast und zu dem mit Leonardo als Lehrer und er ist ein ziemlicher Perfektionist. Deswegen lass dich nicht davon entmutigen. Aller Anfang ist schwer. Okay?“
Annie lächelte.
„Okay…“
„Indianerehrenwort?“, fragte Raphael und hielt ihr seinen kleinen Finger entgegen.
„Für wie alt hältst du mich eigentlich?“

Mit verschränkten Armen stand sie da und schaute ihren Vater verdutzt an, der die Sache mit dem Indianerehrenwort todernst meinte. Verdammt, sie war fünfzehn Jahre alt, nicht fünf. Warum behandelte er sie dann immer noch wie ein Kleinkind?
„Jaja, schon gut…“
Sie seufzte und gab ihm das Indianerehrenwort. Dabei fühlte sie sich etwas peinlich berührt und hoffte, dass niemand sonst diese Situation miterlebt hatte. Sie hatte schon genug Blamage beim Training erlebt, da brauchte sie nicht noch mehr Gründe, im Erdboden versinken zu wollen.

„Hab ich dir nicht gesagt, dass jaja eigentlich was ganz böses bedeutet?“, ertönte auf einmal eine Frage hinter Annie. Sie erkannte sofort die weibliche Stimme. Es war Nyoko, ihre Cousine. Sie stand da, mit ihren Händen in den Hosentaschen und hielt sich für ganz cool, weil selbst Mona Lisa, die am weitesten von Nyoko entfernt war, die Bässe und E-Gitarren, die aus Nyokos großen Kopfhörern kamen, hören konnte. Wie Ronin hatte auch Nyoko eine komische Vorliebe zu ihrer Kopfbedeckung, einer Kappe, wo ihr Pseudonym „NY.K.“ drauf genäht war. Annie erinnerte sich wie Nyoko damals für ein paar Tage nichts von sich zu hören gab und danach nur noch mit dieser Kappe auf dem Kopf zu sehen war. Annie glaubte sogar, Nyoko würde diese auch im Schlaf tragen. Diese Tatsache traute sie aber auch Ronin zu.
„Hehe, Gewohnheiten wird man nicht so schnell los.“, erklärte Annie und kratzte sich am Kopf. Aber Nyokos verärgerte Mimik änderte sich nicht und Annie verstand dass da ein anderer Grund dahinter stecken musste. Also fragte sie sofort danach.

„Du Verräterin!“
„Was?“
Annies Muskeln spannten sich an und ihre Finger fingen wieder an zu zittern. Gleichzeitig ging sie im Kopf durch, wie oder womit sie Nyoko hätte verärgern können, aber nichts fiel ihr auf. Annie schluckte.
„Du lässt mich einfach mich einfach mit den Jungs allein!“
„Hey, so schlimm bin ich nicht!“, verteidigte sich Takeo sofort, aber viel Betrachtung bekam er nicht entgegen. Die Erwachsenen hielten sich raus, schließlich war das eine Sache, die die Kinder unter sich klären mussten. Sollte es aber dazu kommen, dass ein Streit entstehen würde (was hier aber eindeutig nicht der Fall war) würden sie natürlich eingreifen.
Annie war doch etwas erleichtert, denn für das Erreichen eines bestimmten Alters konnte sie nun wirklich nichts für. Aber trotzdem fühlte sie sich mies, das Mädchen alleine mit den zwei Plagegeistern namens Takeo und Usagi alleine zulassen.
Nyoko seufzte. Schließlich musste sie dem gegenüberstehenden Mädchen noch gratulieren. Bis Nyoko selbst in die größere Gruppe wechseln durfte, musste sie sich bis zum Ende Juni nächsten Jahres gedulden. Bis dahin würde sie sich mit den Kleinen abgeben müssen…
Nachdem sie auch von Nyoko Glückwünsche zugesprochen bekommen hatte, ruhte auf Annies Lippen ein Grinsen, aber dies verschwand schnell, als sie einen verärgerten Turtle mit einem lila Bandana auf sie zukommen sah. Oh-oh…
„Junge Dame!“, sprach Donatello streng aus und Nyoko drehte sich desinteressiert zu ihm. Auch wenn er zu seiner Tochter sprach, fühlte Annie sich irgendwie angesprochen. Oh Man, sie mochte es nicht, wenn die Erwachsenen einen lauteren Ton annahmen.
„Was habe ich dir über die Lautstärke deiner Musik erzählt? Oder soll ich dir erneut einen Vortrag halten?“
Nyoko schaute zur Seite und hob abwertend die Hand. „Bitte nicht. Das letzte Mal war schon genug Folter gewesen!“

Schockiert, hielt sich Annie die Hände vor den Mund. Sie verstand einfach nicht, wie Nyoko als auch Kuraiko immer so mit ihren Eltern reden konnte. Na gut, bei Kuraiko war das eine andere Sache gewesen, schließlich war Leonardo „nur“ ihr Adoptivvater gewesen. Nyoko aber war Donatellos leibliche Tochter und trotzdem kam sie ihm manchmal mit Desrespekt entgegen.
Donatello atmete zur Beruhigung ein und aus. Raphael betrachtete das Geschehen mit einem Grinsen. Jetzt wusste sein Bruder wie er sich gefühlt hatte, wenn sie Raph auf die Palme gebracht hatten.
Am liebsten hätte seine Zunge einen Kommentar abgegeben, aber damit würde er nur noch mehr Öl ins Feuer kippen. Und Außerdem hatten die Brüder ausgemacht, sich nicht in die Erziehung des jeweiligen anderen einzumischen, auch wenn Leonardo manchmal nur zu gerne seine Kritik äußern würde.

„Würdest du bitte die Lautstärke deiner Musik kleiner machen, sodass niemand anderes jedes einzelne Wort verstehen kann.“, bat er seine Tochter und hofft nicht allzu streng oder genervt rüber zu kommen. Nyoko verdrehte ihre Augen und drückte auf ihrem Handy einen Knopf, so lange bis niemand ihre Rockmusik hören konnte.
„Zufrieden?“
„Mir gefällt dein Ton ganz und gar nicht.“
„Mir doch egal.“ Mit diesen Worten machte Nyoko kehrt und entfernte sich von der Runde.
„Wo willst du hin?“
„Ich hab gleich Training!“, rief das Mädchen und war danach Richtung Dojo verschwunden.

Donatello seufzte und vergrub sein Gesicht in seinen Handflächen. Annie war sich nicht sicher ob sie was sagen sollte, und selbst wenn, sie wüsste nicht was sie sagen sollte. Also schwieg sie lieber.

„Ah ja, Kinder… Manchmal können sie anstrengend sein, doch man hat sie immer noch lieb.“, unterbrach Mona Lisa diese unangenehme Stille und kitzelte Hachiro, der sofort anfing zu lachen. Donatello hob seinen Kopf und schaute seine Schwägerin an. „Ja, aber manchmal lassen sie es aussehen, als wären Standpauken halten mein Hobby.“, antwortete Donatello. Natürlich mochte er es nicht Nyoko strenge Anweisungen zu geben, aber die nette Art verstand sie einfach nicht, denn schließlich war auch nach der millionsten Bitte Donatellos Geduld am Ende.
„Tja, jetzt können wir nachempfinden, wie Splinter sich mit uns gefühlt hatte.“, versuchte Raphael seinen Bruder aufzuheitern.
„Wohl eher mit dir.“, korrigierte ihn Donatello, wofür er sofort einen Knuff von seinem älteren Bruder bekam. Mona schüttelte den Kopf. Auch wenn sie erwachsen waren, konnten sie es nicht lassen, sich gegenseitig zu necken. Das wird wohl selbst im hohem Alter der Fall sein.

Donatellos Blick fiel auf Annie, die sich gerade in ihr Zimmer begeben wollte, weil es ihr zu langweilig wurde.
„Warte Annie.“, hielt er sie auf.
„Ich bin noch gar nicht dazu gekommen dir zum Geburtstag zu gratulieren.“, sagte er zu ihr und umarmte sie. Annie bedankte sich und hopste zu ihrem Zimmer. Takeo machte es ihr gleich, aber verschwand stattdessen im Dojo, weil es höchste Zeit fürs Training war.
„Mensch, was habe ich in meiner Erziehung nur falsch gemacht.“, gab Donatello kopfschüttelnd einen Kommentar ab. „Deiner Tochter muss man wirklich nichts zwei Mal sagen.“, fuhr Donnie fort und Raph zuckte mit den Schultern.
„Das stimmt nicht. Manchmal benimmt sie sich auch daneben. Der Glitzer hier ist Beweis genug.“, bot Raphael seinem Bruder eine andere Perspektive an, aber Donatello überzeugte dies nicht sonderlich.
„Würde sie es nochmal wagen?“
Raphael öffnete seinen Mund, doch ihm fielen keine passenden Worte ein.
„Annie kennt die meisten ihrer Grenzen und Nyoko scheint diese noch auszutesten.“, meldete sich nun Mona zu Wort. Vielleicht war es genau das gewesen…
Donatello wusste sich nicht zu helfen. Mit seinem älteren Sohn August hatte er nie solche Probleme gehabt. Er und Nyoko waren wie Tag und Nacht. Während Nyoko gerne im Mittelpunkt stand, war August jemand, der alles dafür tat, um nicht aufzufallen. Er war einfach schon immer von ruhiger Natur gewesen.
„Ich werde mit ihr wohl noch einmal reden müssen…“, seufzte Donatello, ehe er seinen Brüder mit seiner Frau alleine lies. Er überlegte wann er am besten mit ihr sprechen sollte. Das Annie heute Geburtstag hatte verkomplizierte die Sache ein wenig. Er würde sicher erst nachdem Annie mit den anderen die Kanalisation verlassen hatte, mit Nyoko das Gespräch suchen. Und vielleicht wäre es besser, wenn noch ihre Mutter April anwesend war. Ihr trotzte sie erheblich weniger als Donatello.

Die richtige Feierlichkeit würde erst anfangen, nachdem Ronin und Ava von der Schule zurück gekehrt waren, schließlich waren die Zwillinge Menschen und konnten deswegen am Leben an der Oberfläche teilnehmen. Ob das gut oder schlecht war, war wohl Ansichtssache, denn Annie fragte sich manchmal wie die beiden das Training, Schule, Patrouille und ihre Freizeit unter einen Hut bekamen.
Auch wenn es hieß, dass Annie ein wenig warten musste, wollte sie trotzdem nicht ohne die beiden die Feier starten. Schließlich waren sie Teil der Familie. Und insgeheim hoffte sie ihr Onkel Casey würde vielleicht vorbeischauen. Zwar war er nicht ihr „richtiger“ Onkel gewesen, aber Er und seine zwei Kinder gehörten einfach zur Familie dazu. Nur in letzter Zeit ließ er sich nicht gerade häufig blicken und alle fragten sich nur warum…

Naja, bis die Geschwister wieder zurück waren, dauerte es noch eine Weile und deswegen musste Annie bis dahin die Zeit tot schlagen. Sie überlegte sich eine Beschäftigung, aber das hatte sich schnell erledigt, denn das Knurren ihres Magens erinnerte sie daran, dass sie das Frühstück verpasst hatte. Stimmt, sie frühstückte immer nach dem Training, weil sie der Übelkeit aus dem Weg gehen wollte. Jetzt aber wo das (nicht gerade gut verlaufene) Training vorbei war, machte Annie sich sofort in die Küche, wo sie ihrem Onkel Michelangelo begegnete.
„Guten Morgen, Geburtstagskind!“, lächelte der Turtle Annie an. „Guten Morgen.“, grüßte sie zurück und nach der Beglückwünschung vom orangemaskierte Turtle, wechselten er und das Mädchen kein weiteres Wort aus. Annie fand das nicht schlimm, den ihr Onkel gab nie mehr Worte als nötig von sich. Es war eher die Erzählungen seiner Brüder, die ein Fragezeichen in Annies Gesicht hervorriefen. Manchmal wollte sie dem keinen Glauben schenken, denn sie konnte sich einfach nicht vorstellen wie ein Krawallmacher eine bescheidene Persönlichkeit entwickeln konnte, aber gleichzeitig konnte sie nicht glauben, dass ihr Vater die Geschichten über Mikeys Streiche nur ausdachte. Komische Tatsache, aber man konnte nicht viel tun.
Nachdem Annie zu Ende gefrühstückt hatte, begab sie sich in ihr Zimmer, wo sie die Zeit mit Vokabeln lernen verbrachte. Manch einer wurde sie deswegen komisch beäugen, weil wer lernte schon gerne freiwillig eine neue Sprache? Annie tat es. Und das mit großer Freude. Seit Donatello ihr ein Buch über verschiedene Kulturen ausgeliehen hatte, hatte sie ein unglaublich großes Interesse dazu entwickelt und hatte sich als Ziel gesetzt, alle Sprachen auf ihrer Liste zu erlernen. Das hieß aber nicht, dass sie eine Runde Zocken mit ihrem kleinen Bruder ablehnen würde oder zu einer anderen Tätigkeit mit den anderen nein sagen würde.

Ehe sich das Mädchen versah, hatten sich alle schon im Wohnzimmer versammelt. Dort war ein riesiger Tisch aufgestellt worden, damit auch jeder Platz nehmen konnte. Nur war ein leerer Stuhl noch übrig geblieben, was Annie doch ein wenig kränkte.
„Kommt euer Vater nicht vorbei?“, wurden Ava und Ronin gefragt. Doch die Zwillinge mussten April erklären, dass dieser heute keine Zeit gefunden hatte, um an der Feier teilnehmen zu können. Die Erwachsenen tauschten kurz besorgte Blicke aus und Donatello brachte daraufhin den leeren Stuhl in die Küche. Und Annie versuchte nicht allzu enttäuscht zu wirken. Da sie niemand darauf ansprach, schien das wohl zu klappen.

Am Tisch versammelt genossen alle das von Michelangelo angerichtete Essen. Hastig aß Annie dieses auf, denn sie wollte so schnell wie möglich den Nachtisch bekommen: Ihren Geburtstagskuchen!
Doch zuvor musste sie das kleine Ständchen über sich ergehen lassen (was wirklich seine Zeit in Anspruch nahm und Annie zappeln ließ, weil sie einfach nicht wusste, was sie in dieser Zwischenzeit tun sollte). Danach durfte das Mädchen die fünfzehn Kerzen auf dem Schokokuchen auspusten. „Und auch schön etwas Gewünscht?“, fragte Raphael seine Tochter. „Ja!“, grinste das Mädchen, woraufhin der Kuchen zerschnitten und jedem ein Stück davon ausgehändigt wurde. Ihren Wunsch behielt Annie jedoch für sich.
Nachdem alle den Teller leer hatten, außer die Kleinen die keine Lust hatten das Stück Kuchen aufzuessen, weil sie Gründe dafür hatten, die die Erwachsenen nicht verstanden, kamen sie zum Geschenke austeilen. Doch das Geburtstagskind schien sich eher darauf zu freuen, endlich die Patrouille antreten zu dürfen, weswegen sie das Auspacken schnell beenden wollte. Sie würde sich sicher erst später die Sachen näher inspizieren, doch im Moment konnte sie nur an diese eine Sache denken.

„Es tut mir so leid! Du bekommst mein Geschenk sofort, sobald es fertig ist! Versprochen!“
Ava hätte wirklich heulen können. Sie hatte erwartet noch vor Annies Geburtstag mit ihrem Projekt fertig zu werden, aber sie hatte sich leider Gottes verrechnet und diesen Fehler nahm sie sich übel. Annie aber hingegen konnte ihr nicht böse sein. Lieber wartete sie noch ein wenig, als ein unfertiges Geschenk zu bekommen. Das teilte sie ihr auch so mit und nachdem alles geklärt, jedes Geschenk weggebracht und aufgeräumt wurde, konnte Annie endlich eine wichtige Frage stellen.
„Können wir dann endlich los?“
Annie schaute jeden mit ihren kugelrunden Augen an.
„Da hat es aber jemand eilig.“, kommentierte Leiko lächelnd und die Braunhaarige kratzte sich verlegen am Kopf. „Komm.“, zwinkerte die Ältere und die Jugendlichen machten sich bereit für ihre Patrouille.
Annie sprudelte vor Vorfreude! Gleich würde sie die Stadt New York mit ihren eigenen Augen sehen und nicht immer nur auf diesen doofen, langweiligen Bildern.

Doch bevor ihr Ausflug an die Oberfläche endlich beginnen konnte, konnte Raphael es nicht unterlassen, die Truppe mit einigen, ihnen bereits bekannten Hinweisen zu belehren. Leiko konnte seine Sorge verstehen, aber bei allem Respekt, sie gab Acht auf die Gruppe und es war zwar Annie erster Ausflug in dieser fremde, neu Welt aber Leiko kannte diese schon. Vielleicht nicht so lange wie ihr Vater und seine Brüder es taten, aber fast drei Jahre war schon ein ordentliches Stück gewesen. Da konnte er ihr ruhig schon mehr Vertrauen schenken…
„Jetzt lass sie gehen. Es bleibt nicht ewig dunkel.“, unterbrach Michelangelo seinen Bruder und die Jugendlichen waren ihm dafür sehr dankbar. „Ja, aber-“ „Lass das. Du musste mir keine Präsentation über etwas halten, was ich schon lange weiß. Was du machen solltest ist lernen loszulassen.“, unterbrach Michelangelo seinen Bruder. Gerade Mike musste er nichts davon erzählen, schließlich hatte der Orangemaskierte das schon alles hinter sich. Er war doch der erste von seinen Brüdern gewesen, der Vater geworden war. Dementsprechend war er auch der erste gewesen, der seine Tochter in die Welt da oben entlassen musste, denn er wusste wie verlockend das Erkunden dieser war. Und Raphael wusste das genauso. Mit seinen anderen zwei Kindern würde er es sicher leichter haben, nur musste er gerade jetzt richtig handeln und die Clique nicht länger aufhalten.
Raphael seufzte.
„Na gut. Dann viel Spaß noch.“, gab er ihnen seine Zustimmung und weg waren sie. Raphael ließ die Schultern hängen.
„Ist es normal, hinterher laufen zu wollen?“
„Ja ist es, aber das machst du nicht.“, antwortete Michelangelo und legte seinem Bruder eine Hand auf die Schulter. Die Brüder lachten und gingen ihren Beschäftigungen nach; naja, Raphael bemühte sich zumindest, das zu tun.

Inzwischen waren die Jugendlichen an dem Ausgang des Abwassersystems angekommen. Sie kletterten die Leiter hoch, schoben den Gullideckel zur Seite und betraten den Betonboden. Annie war die letzte die oben ankam und sie war gleich von der, sagen wir mal, Schönheit der Stadt überwältigt.
„Jou!“
Annie drehte ihren Kopf zu Kuraiko.
„Spar dir das Wow für gleich auf.“, sagte sie und folgte den anderen, die eine Feuerleiter hoch kletterten. Annie machte es ihnen gleich und als sie auf dem Dach eines Hochhauses angekommen war, wusste sie was Kuraiko vorhin gemeint hatte.
Alles, was sie sah, war nun wirklich ein Wow wert gewesen.
Die riesigen Gebäude, die die Skyline prägten, waren geschmückt mit bunten Werbereklamen, die so hell leuchteten, dass man fast schon vergessen konnte, dass der Himmel eigentlich dunkel war.
Stimmt, sprach man New York nicht den Titel „Die Stadt, die niemals schläft“ zu?
Jetzt verstand Annie auch warum.
Sie war überwältigt von den vielen bunten Farben der Anzeigetafeln, aber es gab da noch etwas, was sie viel mehr interessierte. Es war das kulturreiche und künstlerische Stadtbild, das sie sehen wollte. Sie wollte die Freiheitsstatue erblicken, sich den Broadway anschauen, wo sich etliche Theater befanden, einen Abstecher zur Brooklyn Bridge, welche Brooklyn und Manhattan verband, machen. Es gab noch viel mehr was sie sich anschauen wollte, nicht nur diese weltberühmten Sehenswürdigkeiten. Aber sie war sich nicht sicher, ob ihr Dasein als Halb-Alien-Halb-Mutant ihr das auch gewährte. Aber aus dem Schatten würde sie sich bestimmt vieles besichtigen können.

„Wo gehen wir zuerst hin? Vielleicht zur Freiheitsstatue?“, fragte Annie ihre ältere Cousine. Leiko seufzte daraufhin, wobei die kalte Luft ihren Atem sichtbar machte. Eigentlich hatte sie andere Pläne gehabt…
„Komm schon, es ist ihr Geburtstag! Die Night Force rennt uns schon nicht weg.“, meldete sich Kuraiko zu Wort. Annie aber horchte sofort bei dem Wort „Night Force“ auf und fragte nach den Details.
„Ach nur eine komische Bande, die Leute angreift oder entführt und Läden ausraubt. Leider wissen wir weder wer hinter der Sache steckt noch warum sie das alles machen.“, erklärte Ronin grob.
„Uff, das klingt ja heiter…“, kommentierte Annie. „Und was war der eigentliche Plan für heute Abend?“
„Ihren neuen Hauptsitz zu finden…“ „Warum neu?“, wollte Annie wissen.
„Wir sind denen seit Monaten auf der Spur und als wir endlich ihr HQ gefunden hatten… Ähm sagen wir mal so, es ist nicht alles nach Plan verlaufen und die sind ganz schön davon gekommen und haben jetzt ein neues Versteck.“
Kuraikos Erklärung erinnerte Annie an den einen Tag, wo alle ganz mies gelaunt nach Hause gekommen waren. Nur die Erwachsenen bekamen zu hören, was die Ursache für ihr Trübsal war. Vielleicht war das aber der Grund dafür gewesen...?

„Habt ihr denn eine Spur oder so…?“, fragte Annie ganz, ganz vorsichtig, aber jeder wünschte sich, dass sie die Frage für sich behalten hätte. Denn sie mussten diese leider verneinen.
„Tja, dann würde ich sagen, dass mit dem Ausflug zur Freiheitsstaue steht?“, blickte Kuraiko Leiko fragend an. Leiko schaute zu Annie, die sie wie ein Welpe ansah. Jaja, der Hundeblick. Den beherrschte Annie gut. Leiko gab ihren Zuspruch und Annie sprang daraufhin vor Freude in die Luft. Auch wenn Leiko die Anführerin war, sie mochte es viel lieber mit fröhlichen Augen als mit genervten Blicken angeschaut zu werden. Und deswegen gab sie auch manchmal nach. Leider funktionierte diese Masche nur bei den Jüngeren. In ein paar Jahren würde Leiko sie nicht mehr so einfach durchkommen lassen. Also genoss sie es, so lange sie es noch konnte.
Mit einem weiten Grinsen auf den Lippen, folgte das Mädchen den Älteren, die den Weg kannten. Es war aufregend von einem Dach zum nächsten zuspringen, während unten auf der Straße lauter Autoverkehr herrschte. Es war lauter als Annie erwartete hatte. Ganz tief in der Kanalisation bekam man ganz nichts von der lärmlustigen Welt hier oben mit. Es war wirklich als wäre sie auf einem fremden Planeten, den sie kaum abwartend erforschen wollte, aber das musste wohl leider ein wenig warten, denn als August auf einmal zum Stillstand kam, hielten auch alle anderen irritiert an. Der Junge hielt sich mit geschlossenen Augen den Kopf. Er sah aus als hätte er ganz plötzlich Kopfschmerzen bekommen, aber Annie wusste es besser.
Er hatte von seiner Mutter telekinetische Kräfte vererbt bekommen und konnte diese natürlich auch kontrollieren. Nur kam er schon im Kindesalter zum Einsatz dieser Kräfte, während seine Mutter April, erst als ein Teenager von ihren Fähigkeiten erfuhr. Erst als erwachsene Frau glaubte sie diese vollständig ergründet zu haben und als sie erkannte dass ihre Kinder August und Nyoko, ähnliche Fähigkeiten vorweisen konnten, begann sie sie zu unterrichten, denn in manchen Situationen war die Telekinese äußerst hilfreich gewesen.
Ein anderer Bestandteil von den Kräften war ein äußerst gut ausgeprägter sechster Sinn. August merkte oft schnell wenn jemand ihn beobachtete oder auch wie in diesem Fall, dass sich in der Nähe eine mögliche Gefahr oder ähnliches abspielte. Auf jeden Fall war es etwas gewesen wo die Ninjas eingreifen mussten. Leider konnte diese Fähigkeit nicht bewusst benutzt werden sondern ähnelte viel eher einem Reflex, der sich darin äußerte, dass August eine kleine Schmerzwelle überkam, die aber nur von kurzer Dauer war.
Als diese dann vorbei war, brauchte August gar nicht mehr antworten, denn jeder konnte trotz dem lauten Verkehr die verzweifelte Stimme eines Ladenbesitzers wahrnehmen.
„Haltet den Dieb!“, schrie der Mann. Der Dieb war in den Gassen verschwunden und der ältere Herr konnte diesem nicht nacheilen, weil sein Alter ihm dies nicht länger gewehrte. Aber genau für solche Fälle waren die Ninjas da.
Es war ein leichtes Spiel gewesen den Banditen einzuholen und Leiko schaffte es sogar ihn zu überholen. Als sie sich sicher war, genug Platz zwischen sich und dem Schuft geschafft zu haben, stieß sie sich von der Dachkante ab und landete nach mehreren Saltos geschickt auf dem Boden.


Henry kam sofort zum Stillstand als er etwas auf sich zufliegen sah und als er die Schwerter, der vor ihm gelandeten Person erblickt hatte, drehte er sich sofort um, nur um festzustellen, dass fünf weitere Personen ihn umzingelt hatten. Es gab also kein Entkommen.
Er richtete seinen Blick erneut zu der Schwertträgerin.
„Wohin den so eilig?“, fragte auf einmal einer von denen und Henry drückte die Tüte so gegen seine Brust, als würde er ein Kuscheltier halten.

Er antwortete nicht.
Denn er war viel zu beschäftigt damit gewesen, sich zu fragen, wer diese maskierten Leute überhaupt waren.
Sie trugen dunkele Anzüge mit genauso schwarzen Mänteln darüber. Grund war wahrscheinlich die kalte Jahreszeit gewesen. Und ihre Gesichter verbargen sie hinter Stoffmasken. Sie wollten wohl nicht erkannt werden.
„Warum hab ich das Gefühl, dass die Sachen, die da drin sind“
Die ihm gegenüberstehende Person deutete auf die Papiertüte in seinen Händen.
„Nicht dir gehören?“, fuhr diese fort und auch diese Frage blieb unbeantwortet.
Natürlich wusste er, dass der Inhalt der Tüte nicht ihm gehörte, schließlich hatte er die Sachen bewusst entwendet und es ließe sich auch nicht bestreiten, dass er bewusst nach einem Laden geschaut, wo es sich sicher war, dass die Mitarbeiter ihn nicht so schnell schnappen würden, aber er hatte Gründe für seine Tat und er war sich sicher, dass niemand sonst seine Tat nachvollziehen können würde. Alles was die anderen in ihm sahen, war ein Dieb, ein Verbrecher, nicht mehr und nicht weniger.
„Scheint wohl kein gesprächiger Genosse zu sein, was?“, meldete sich eine dritte Stimme. Dies schien auch ein Mädchen zu sein und auch sie trug ein Schwert bei sich. Sie war so ziemlich eine der großen von der Truppe, jedoch nicht größer als Henry. Trotzdem verschaffte ihm dies keinen Vorteil, denn er hatte nur eine Papiertüte bei sich, während die sechs nicht nur in der Überzahl waren, sondern auch noch bewaffnet waren. Was sollte er denn gegen die ausrichten können?
Genau: Gar nichts!

„Hör zu!“
Der Junge erschrak. Sein Herz begann härter gegen seine Brust zu klopfen. Die Schwerträgerin vor ihm hatte das Wort erhoben.
„Gib die Sachen einfach zurück. Ich bin mir sicher das kann man auch auf eine vernünftige Art und Weise klären.“
Die Person vor ihm streckte ihre Hand aus.
Moment es ging also nur um die Tüte? – Mehr nicht?
Der Dieb hätte sich vielleicht freuen können, dass es sich bei den sechs scheinbar um jemand anderes handelte, als er befürchtet hatte, jedoch befand er sich jetzt in einer ausweglosen Situation. Würde er das Diebesgut zurück geben, hätte er die Sachen nicht mehr und noch einen weiteren Haufen darauffolgender Probleme. Und würde er sich weigern, würde er bestimmt einen Kampf anzetteln, den er nur verlieren konnte. Was sollte er nur tun…?


Leiko war ein wenig genervt, dass der Junge immer noch keine Handlung einzuleiten schien. Sie begann sogar schon mit der Hand zu wedeln, um zu zeigen, dass er sie warten ließ. Ihre Geduld war nicht grenzenlos und am liebsten hätte sie (und sicher auch die anderen) zur harten Tour gegriffen, aber auch wenn die große und breite Statur des jungen Diebes darauf hinwies, dass er recht muskulös gebaut war, Kuraiko ließ die Tatsache nicht los, dass in der Tüte Nahrung drin war, schließlich kannte sie diesen älteren Herren von vorhin. Vielleicht nicht bei Namen, aber sie hatten ihn öfters im Lebensmittelladen angetroffen, wenn er dort gearbeitet hatte.
Egal was dieser Typ vor ihr entwendet hatte, es war Essen gewesen und welchen Grund auch immer er hatte, es musste ein guter gewesen sein, denn wer klaute heutzutage schon essen? Diejenigen die sich keine Nahrung leisten konnten, aus irgendwelchen Gründen auch immer.
„Langsam wird das hier echt langweilig.“, beschwerte sich Ronin und Ava hätte ihm dafür einen sachten Klatscher gegen den Hinterkopf gegeben, aber sie stand dafür zu weit von ihm entfernt. Seine Beschwerden wollte niemand hören und manchmal konnte man glauben, dass diese Unglück mit sich brachten, denn auf einmal schlug Augusts sechster Sinn wieder Alarm, was jeden ablenkte. Der Dieb nutzte natürlich seine Chance und ergriff sofort die Flucht.
Aber er war nicht der einzige der vom Ort floh. Jemand unbekanntes hatte sie scheinbar beobachtet und August hatte dies durch seine Fähigkeiten bemerkt. Das teilte er auch sofort mit und Leiko gab den Befehl, die Gruppe zu splitten, sodass jeder Flüchtige einen Verfolger hatte. August, Ava und Ronin eilten dem unbekannten Beobachter hinterher, nur leider bog dieser in eine Gasse ein, die zu einer befahrenen Straße führte und verschwand unter den Menschen, ehe die Drei auch nur einen Blick auf ihn erhaschen konnten. Klar, Ava und Ronin hätten ihm hinterher eilen können, aber unter den ganzen Leuten hätten sie ihn bestimmt nicht wieder gefunden und außerdem konnten sie in ihrem Aufzug ganz bestimmt nicht unter die Leute treten, besonders nicht mit den Waffen. Da dies ein kompletter Reinfall gewesen war, gingen die drei zu dem Rest ihrer Gruppe zurück und hofften dass diese mehr Glück hatten.

Und das hatten sie in der Tat.
Die drei hatten sich noch einmal aufgeteilt und suchten einzeln in den Gassen nach dem Dieb. Dieser hatte sich hinter einem Müllcontainer versteckt, naja er glaubte zumindest sich versteckt zu haben. Schließlich erkannte Kuraiko das Stück Kleidung, das nicht von dem Container bedeckt wurde. Jep, auch von weitem erkannte sie die Ecke von der Jacke, selbst den Reißverschluss konnte sie erkennen.
„Hast du als Kind überhaupt Verstecken gespielt?“, fragte Kuraiko ihn gedanklich und schüttelte den Kopf.
Dann ging sie einige Schritte zurück und rief ihren Kameraden folgendes zu: „Hier ist er nicht. Bei euch etwas?“
„Nein.“, antwortete Annie und Leikos Fluchen deuteten wohl daraufhin, dass sie die gleiche Antwort hatte. (Was anderes hätte Kuraiko schwer gewundert.)
Da beide Gruppen Misserfolg mitbrachten und auch feststellen mussten, dass es wenig Sinn machte sich weiter darüber zu ärgern, beschlossen sie ihr eigentliches Vorhaben fortzusetzten und danach sich auf den Heimweg zu machen.
In die Kanalisation wurden sie nur von Kuraiko begleitet. Ava hatte sich nach der Besichtigung verabschiedet, weil sie noch spontan einer Verabredung zugesagt hatte und Ronin kam nicht mit, weil er bei sich zuhause noch etwas zu erledigen hatte.
Somit waren sie zu viert als sie in dem Versteck ankamen, wo sie einen besorgten Raphael begegneten, der sofort seine Tochter in den Arm nahm. Ein Rotschimmer zeichnete sich auf ihren Wangen ab, während sie ihn daran erinnerte, dass noch weitere Personen anwesend waren…
„Oh wie süß!“, schrillte Kuraiko ihre Wangen haltend und Annie hatte das Gefühl, dass nun ihr ganzes Gesicht so rot war, wie eine Tomate.

„Jetzt lass das arme Kind doch mal in Ruhe.“, sagte Leonardo zu seinem jüngeren Bruder. Auch wenn seine Aussage an Raphael gerichtet war, fühlte Annie sich trotzdem gekränkt.
Pff, Kind…
Wenn ihr Respekt vor Leonardo nicht im Weg stehen würde, hätte sie ihm ganz sicher ihre Meinung aufgetischt und zwar so richtig! Aber diese Worte würden wohl nur ihn ihren Träumen ausgesprochen werden…

Im Hintergrund bemerkte Michelangelo das lange Gesicht seiner Tochter und fragte diese sofort nach der Ursache. Leiko erzählte ihm von ihren Misserfolg. „Ach Schätzchen, das ist noch lange kein Grund niedergeschlagen zu sein.“, versuchte der orangemaskierte seine Tochter aufzuheitern, aber dies überzeugte sie nicht sonderlich.
Kuraiko bekam das Gespräch mit und meinte ihren Senf dazugeben zu müssen.
„Komm schon, schau dir an wie wir Annie am Strahlen ist.“, sagte sie grinsend und deutete auf das Mädchen. „Ähm, na gut… am Strahlen war….“, berichtigte die Schwarzhaarige sich selbst, als sie das beschämte Gesicht der Fünfzehnjährigen sah, die von ihrem Vater mit Fragen bombardiert wurde.
August wollte auch mithelfen, Leiko aufzumuntern, aber stattdessen schwieg er, weil ihm kein guter Rat einfallen wollte.
Leiko wollte wirklich nicht mehr niedergeschlagen sein, aber dennoch vergrub sie ihr Gesicht vor Scham in ihren Händen. „Man!“, jammerte sie.
„Sieh’s so: Noch einmal wird er es nicht wagen in dem Laden was zu klauen.“
„Ja, aber wo anders schon.“
„Kannst du dich nicht einfach aufmuntern lassen?“, fragte Michelangelo seine Tochter und alle mussten nach Leikos „Nein“ lächelnd den Kopf schütteln. Dass Leiko so nach einem Misslingen drauf war, war nun wirklich nichts neues gewesen. Sie machte sich nun mal gerne zu viele Gedanken über so manche Sachen.
Sie war aber nicht die einzige, die im Moment ihre Gedanken abgeschaltete hätte.
Kuraiko plagte ein schlechtes Gewissen, schließlich war sie ja irgendwie für Leikos miese Laune verantwortlich. Es war aber das gleiche Gewissen gewesen, dass sie zu dieser Lüge gezwungen hatte. Sie konnte vorhin einfach diese Verzweiflung in diesen kastanienbraunen Augen nicht ignorieren. Verdammt, was hatte diesen Typen dazu veranlasst einen alten Besitzer eines Lebensmittelgeschäfts zu bestehlen. Warum konnte er sich kein Essen leisten? Warum war er nicht zu diesen Tafeln gegangen, die Essen für Obdachlose anboten? Oder versucht auf legalem Wege an das Essen ranzukommen?
Wenigstens hatte sie die Antwort auf eine Frage.
Warum sie das getan hatte. Genau, warum hatte sie ihn geschützt obwohl sie ganz genau von dem lächerlichen Versteck gewusst hatte?
Ganz einfach, weil es sich richtig angefühlt hatte.
Für Kuraiko machte es einfach einen Unterschied, ob jemand ein Verbrechen begann um seine Gier zu stillen oder um seine Bedürfnisse zu befriedigen. Und manchmal wollte sie sich für diese Moralvorstellung selber eine scheuern.
Wenn Leiko jemals davon erfahren sollte, würde sie sich ganz schön was anhören dürfen. Kuraiko betete dass ihr das erspart bleiben würde. Und auch dass dieser Typ, wer auch immer er war, sich fern von weiterem Ärger halten würde.

Oh, wenn sie nur wüsste, dass der Ärger eigentlich ihn verfolgte…

Henry wusste nicht wie lange er in dieser Starre verweilt war, aber er wagte sich erst zu bewegen, als eine bestimmte Zeit nach dem Verschwinden dieser seltsamen Gestalten verstrichen war. Dass die gerade dann auftauchen mussten, war wirklich vom Schicksal gewollt gewesen, denn er wusste das seine Tat keine gute gewesen war und es hatte sich auch nicht gut angefühlt das höhere Alter des Ladenbesitzers auszunutzen. Das würde Henry sich selber sicher nie verzeihen können, aber sein knurrender Magen zwang ihn zu Sachen, die er nicht ausführen wollte. Aber er hatte keine Wahl und ein Zurück gab es auch nicht mehr. Das einzige was er jetzt noch tun konnte, war in das verlassene Gebäude, das bis zu seinem Abriss ihm eine Unterkunft bot, zurückzukehren und dort endlich seinen Hunger zu stillen. Nur beim bloßen Geruch des Brotes sammelte sich der Speichel auf seiner Zunge. Mit jedem Bissen nagte immer mehr sein Gewissen an ihm und erschwerte ihm das Schlucken. Am liebsten hätte er es wieder ausgespuckt, aber sein Überlebenswille hinderte ihn daran.
Irgendwie war er dann doch erleichtert, als er meinte satt zu sein. Ob man hier von Glück reden konnte, wusste Henry nicht, aber er hatte noch etwas für die nächsten paar Tage übrig und würde somit nicht wieder so schnell hungern müssen.
Als sein Magen endlich Ruhe gab, merkte er wie müde er doch war. Das wunderte ihn nicht, denn es war immerhin schon lange dunkel draußen, also beschloss er sich hinzulegen und etwas schlaf zu finden.
Aber wie vorhin schon erwähnt, suchte der Ärger ihn nun mal gerne ein.
Als Henry gerade davor stand einzuschlafen, hörte er ein Schnarren und war wieder hell wach. Er suchte die Gegend mit seinen Augen ab, aber außer den Schrott, der hier rumlag, fand er nichts auffälliges. Er befand sich im zweiten Stock des Gebäudes, weil der Wind hier nicht reinkam. Vielleicht hatte ja ein Streuner unten an der Treppe etwas von dem Müll bewegt?
Das Geräusch wiederholte sich zumindest nicht.
Als er sich wieder hinlegen wollte, hörte er etwas anderes. Er versuchte ein passenden Vergleich zu finden und als ihm eine Idee in den Kopf geschossen kam, wünschte er sich niemals darüber nachgedacht zu haben. Es klang als hätte jemand mit einem Messer oder ähnlichem über eine Wand gekratzt und als dann auch noch Schritte ertönten nahm der Gruselfaktor erheblich zu.

Jemand kam die Treppe hoch!
Dieser Gedanke ließ ihn aufspringen, um diesen Ort so schnell wie möglich verlassen zu können. Doch praktisch im selben Moment, bevor er sich verstecken konnte, stürzte sich eine Person auf ihn und sein rechter Oberarm begann zu schmerzen. Seine Augen weiteten sich, als er sah, dass der Ärmel seines Pullovers aufgerissen war und da drunter aus mehreren Schnitten auf seiner dunklen Haut Blut rausquoll und seinen Ärmel, oder eher was davon übrig geblieben war, rot tränkte . Mit zusammengebissenen Zähnen hielt er sich die Verletzung mit seiner linken Hand, um die Blutung zu stoppen und danach schaute er auf seinen Angreifer.
„Nein…“, sprach er zitternd aus, nachdem er sein Gegenüber erkannt hatte.
„Hallo Henry. Lang nicht mehr gesehen.“, sagte Dario mit einem teuflischen Grinsen während er dem anderen einen guten Blick auf die drei blutigen Nadeln in seiner Hand gewährte. Henry wich zurück. Na toll, schon wieder war er in eine ausweglose Situation geraten und dieses Mal würde er sicherlich keine Runde Verstecken gewinnen.
„Wie hast du mich gefunden?“
„Wir haben überall unsere Ohren und Augen in der Stadt.“, antwortete Dario und leckte das Blut von  seiner Waffe. Henrys Magen zog sich zusammen und vor Furcht begann sein ganzer Körper zu zittern.
„K-Können wir nicht darüber reden?“, stotterte Henry und versuchte auch weiterhin Platz zwischen sich und Dario zu gewinnen, doch als er eine Wand hinter sich spürte, war dies nicht mehr möglich. Panik machte sich in ihm breit. Er wusste, dass Dario ein besserer Kämpfer war und auch dass er sich nicht scheute seine Hände dreckig zu machen. Dario hatte schon so einiges angerichtet und hatte damals Henry ganz stolz alle Details verraten. Dieser Assassine wusste wie man Leuteumbringen genießen konnte. Und Henry? Klar er hatte Muskeln wie ein attraktiver Gewichtheber, aber im Kampf war er nun wirklich für nichts zu gebrauchen. Dafür konnte er gut wegrennen, aber dies musste er sich eingestehen, klappte nicht immer.

„Klar.“, stimmte Dario zu.
„Du kommst einfach mit und kannst dann ein nettes Gespräch mit dem Boss führen und ich werde dir nicht deine Halsadern aufschlitzen müssen.“
Okay, beide Optionen waren miserabel. Es machte keinen Unterschied was er wählen würde. Denn Henry wusste wofür die Worte „nettes Gespräch mit dem Boss“ standen. Er wusste, dass dieser ihm ohne zu zögern eine Kugel zwischen die Augen verpassen würde und die andere Option sprach wohl für sich…
Nur die Idee ans Wegrennen oder Kämpfen erzeugte Bilder vor seinem Auge. Schreckliche Bilder, die er nicht sehen wollte. Bilder von seinem eigenen Tod. Und Dario würde ihn sicher auf die schlimmste Art und Weise verrecken lassen.
„Dario bitte, ich will nicht sterben.“
Henry merkte wie sich Tränen in seinen Augenwinkeln ansmmelten, doch auch dies ließ Dario kalt und er reagierte auf Henrys Anflehen nur mit einem aufgesetzten Schmunzeln.
„Darüber hättest du nachdenken sollen, bevor du dir die Night Force zum Feind gemacht hattest.“
„Das wollte ich nie!“
„Was du wolltest interessiert mich nicht!“
Mit diesen Worten stürzte sich Dario auf Henry, der grade so noch zur Seite ausweichen konnte. Die spitzen Nadeln, die die Größe eines Stiftes hatten und eigentlich für Henry bestimmt waren, steckten jetzt in der Wand. „Lauf!“, schrie Henrys Verstand ihm zu. Er verlor keine Sekunde länger, stand wieder auf und wollte über den Balkon, der hinter ihm lag flüchten. Leider nur erreichte er niemals die Balkontür, weil der Assassine schneller gewesen war. Ein weiteres Mal wich Henry knapp den Nadeln aus. Nur hatte Dario das natürlich schon geahnt. Mit der anderen Hand übte er einen Schlag aus, der Henry mitten ins Gesicht traf. Daraufhin rammte Dario die Nadeln in Henrys rechte Schulter und fuhr diese seinen kompletten Oberarm runter. Auf die Knie gerissen, schrie Henry vor Schmerzen auf. Dann spürte er einen Schlag gegen den Nacken und er fiel zu Boden.
Dario hockte sich vor Henry hin. „Du bist wirklich erbärmlich.“
Erneut stach er mit seiner Waffe zu. Dieses Mal malten die Nadelspitzen entlang Henrys linken Oberschenkels. Erneut verließ ein verzweifelter Schrei Henrys Kehle. Wieder aufstehen war spätestens jetzt unmöglich. Er war Dario hilflos ausgeliefert. Und als eine Hand sich um Henrys Kiefer legte, begann Henry flach zu atmen. Dario drückte Henrys Kopf gegen den Boden und nahm ihm so jegliche Bewegungsfreiheit. Henry flehte Dario an, dies nicht zu tun. Doch seine Bitten ließen Dario kalt. Stattdessen sagte er etwas was Henry nur noch mehr Angst bereitete.

„Du hast ja keine Ahnung, wie oft ich mir das hier vorgestellt hab… Endlich ist dieser Tag gekommen…“, grinste Dario und tauschte die Nadeln in seiner anderen Hand gegen ein Jagdmesser aus. Flachatmend, beobachtete Henry wie die Messerspitze seinem Hals immer und immer näher kam… bis er die kalte Klinge an seiner Haut spürte…
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