Happy Birthday

KurzgeschichteAllgemein / P6
28.03.2019
28.03.2019
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Vielleicht ist es nicht richtig, vielleicht ist es seltsam und egoistisch und einfach nur falsch, aber jedes Jahr, wenn der März sich nähert, wirft Lily einen Blick auf den Kalender an der Wand seines Zimmers und kann nicht anders, als zu lächeln. Ein Tag ist umkreist, herzförmig und in pink – der 14. März, sein Geburtstag.

Er ist selbstsüchtig, und er ist sich dessen bewusst. Leute… Kreaturen wie er sollten ihren Geburtstag nicht feiern. Wie er in diese Welt kam ist kein Ereignis, an das man gute Erinnerungen haben sollte. Der Schmerz und das Leid, die ihn hervorbrachten sind nicht etwas, über das man glücklich sein sollte; genauso wenig über all das, was er mitgebracht hat. Wenn er besser wäre, würde Trauern das einzige sein, womit er seinen Geburtstag verbringt.

Aber er ist ein Vampir, und damit prinzipiell nicht besonders gut. Er denkt an die Party, welche die Aliceins jedes Jahr für ihn feiern, seit Jahrzehnten, wenn nicht seit Jahrhunderten; an den Kuchen und die Geschenke und die Blumen; und er kann nicht anders, als zu lächeln. Alles wird weiß und rosa und vermutlich mit Schmetterlingen dekoriert sein. Alles wird für ihn ausgesucht und vorbereitet werden, nur für ihn!

Er denkt daran, wie glücklich alle sein werden. Das ist das Beste an seinem Geburtstag. Die Angestellten arbeiten hart, während irgendjemand versucht, ihn abzulenken, mit einem vergnügten, hinterlistigen Glänzen in den Augen (sie versuchen jedes Jahr, ihn zu überraschen, als würde er nicht von jedem Schritt wissen, der in diesem Haus getan wird). Seine Kinder lieben Überraschungen und Partys, alles vom Dekorieren bis zum Kampf um das letzte Kuchenstück. Sie sind so viel glücklicher, so viel lebhafter in den ersten Märztagen, voller Kichern und Lachen.

Er denkt an die Familie, die er so liebt, so klein sie jetzt auch ist. Auch sie freuen sich darauf, seinen Geburtstag zu feiern. Er kann ihre Vorfreude, ihr Glück fühlen, nach so vielen Jahren, die er an ihrer Seite verbracht hat. Sie sind froh, dass es ihn gibt; und manchmal, wenn er ihnen zuhört, wie sie mit dem Koch über sehr geheime Macarons reden, freut er sich auch über seine Existenz.

Wie kann er all das sehen und nicht lächeln und sich geliebt und einfach… richtig fühlen? Er darf selbstsüchtig sein, wenigstens einmal im Jahr; solange es die anderen auch glücklich macht. Er wird sich das wieder und wieder sagen, bis er es glaubt und niemandem die Laune ruiniert.
Er beobachtet Misono, wie er an ihm vorbeirennt und versucht, die Plakate, die er trägt, hinter seinem Rücken zu verstecken. Er vergisst, dass Lily sie sehr gut lesen kann, sobald er ihm den Rücken zukehrt, um in die andere Richtung weiterzugehen.

Er fühlt sich leicht und warm. Er lächelt.

~

Die Sonne geht am 14. März um etwas vor sieben Uhr auf, also ist es draußen noch dunkel, als das Geraschel von winzigen Füßchen Lily weckt. Kleine Vampirkinder brauchen schließlich Dunkelheit, das Sonnenlicht ist gefährlich für sie.

Er unterdrückt ein Grinsen und tut so, als würde er noch tief und fest schlafen. Bald ist der ganze Raum erfüllt mit Getrippel und wispernden Stimmen, bis sich Stille ausbreitet – spannungsgeladene Stimme. Lily presst sein Gesicht noch etwas tiefer in sein Kissen, um sein Kichern zu dämpfen.

Die Explosion kommt schnell und ist laut genug, um sogar die Vögel draußen im Garten zu wecken. Mehrere Dutzend Kinder singen sich die Kehle aus dem Leib; eine Trommelfell zerstörende aber absolut perfekte Version eines Liedes, das entfernt an „Happy Birthday“ erinnert. Lily schießt hoch und freut sich laut und überschwänglich über die wundervolle Überraschung. Einige unter ihnen, wie Julie und Marie, sehen sich seine Vorstellung schon seit Jahrzehnten an, aber es bringt sie immer noch zum Lachen und Kreischen.

Lilys Herz fühlt sich voll und warm an, genau wie seine Arme, als er vier oder fünf Kinder auf einmal in einer festen, aber liebevollen Umarmung einfängt.

„Ihr habt daran gedacht!“, jubelt er. „Wie süß von euch, kommt her!“

Er ist schon lange aus dem Bett gesprungen und dabei, seine fünfte Gruppe Kinder zu umarmen, als Misono hereinstolpert, immer noch mit wirren Haaren und verschlafenen Augen. Der Junge kommt jedes Jahr zu spät zum traditionellen Geburtstagssingen, in der Hoffnung, das tatsächliche Singen zu vermeiden. Ihn dazu zu kriegen, es doch noch zu tun, ist Lilys Lieblings-Party-Spiel. Der Tag ist noch jung, er wird noch etliche Chancen kriegen.

„Alles Gute zum Geburtstag, Snowlily“, grüßt Misono ihn, als er sich seinen Weg durch Horden an überdrehten Abkömmlingen gebahnt hat. Es klingt fürchterlich formal dafür, dass seine Stimme noch so müde klingt, wie er aussieht. Allerdings heißt das, dass er sich nicht rechtzeitig aus dem Weg schmeißen kann, als Lily ihn ebenfalls einfängt und umarmt. Er wehrt sich nicht wie sonst; stattdessen fühlt der Vampir, wie sein Mensch seine Arme um ihn legt und zurückdrückt und sein Gesicht in seiner Schulter vergräbt.

Es fühlt sich vertraut an und gleichzeitig tut es das nicht. Misonos Umarmungen sind ein seltenes Gut geworden, also genießt Lily diese hier; warm und komfortabel und all der Liebe und Anerkennung, die jemand braucht, der sich „All of Love“ nennt. Bisher ist dies sein bestes Geburtstagsgeschenk und er bezweifelt, dass jemand es übertreffen kann.

~

Außerhalb der Wände der Villa ist der 14. März ein Tag wie jeder andere. Misono muss immer noch zur Schule und Lily wird ihn selbstverständlich begleiten. Er muss jedes Jahr darauf bestehen, Misono verpasst sowieso zu viele Stunden und sein Geburtstag ist lange nicht so wichtig. Es wäre ihm unangenehm, wenn das alltägliche Leben nicht so weitergehen würde wie immer – er verlangt nicht, im Mittelpunkt zu stehen und er mag es nicht, sich aufzudrängen.

Er verbringt ein wenig mehr Zeit vor dem Spiegel als sonst, während Misono in seine Uniform schlüpft und hastig sein Frühstück herunterschlingt, bis der Junge ihn anbrüllt, er möge sich beeilen, sonst würden sie zu spät kommen. Auf dem Weg zum Auto wünschen ihm die Hausmädchen einen schönen Geburtstag.

Als sie die Garage erreichen, hat Misono ihm bereits mitgeteilt, dass er wie ein Idiot grinse. Er strahlt Dodo, der auf sie wartet, trotzdem an.

„Herzlichen Glückwunsch!“, grüßt Dodo ihn, selbst mit einem Lächeln in der Stimme, und er klingt nicht einmal so sarkastisch wie sonst! „Beeil dich, Haarantenne, du bist du spät.“

Misono faucht ihn an, Lily lacht. Alles ist genau, wie es sein sollte, nur etwas glücklicher als sonst. Wenn das sein Geburtstag ist, sollte er sich nicht schuldig fühlen müssen, nicht wahr?

~

Der Salon ist vollgestopft mit allem, was Lily liebt. Mit Dodo und Hattori und den Angestellten und seinen Abkömmlingen, und mit Misono, der sich weggeschlichen hat, als sie von der Schule nach Hause kamen, um mit allen anderen hier zu stehen und laut „ÜBERRASCHUNG“ zu schreien, als ob auch nur einer von ihnen glauben würde, dass Lily tatsächlich überrascht ist. Er lacht trotzdem und applaudiert und umarmt jeden, den er erwischt. Er weiß, dass sie alle hart gearbeitet haben. Sie haben alles in Weiß und Rosa eingekleidet und überall Papierschmetterlinge aufgeklebt und Poster aufgehängt, die ihm gratulieren. Es ist so lieb, dass er gerne in Tränen ausbrechen würde, wenn das die Stimmung nicht killen würde.

Als sie für ihn singen, muss sich trotzdem diskret über die Augen wischen, während er seinen Griff um Misono verstärkt, der sich heimlich davonmachen wollte. Jetzt verlangtder Gruppenzwang, dass er mitsingt, und er sah nicht glücklich darüber aus.

Alles, was Lily liebt, beinhaltet auch Kuchen, besonders Macarons. Die Tische sind überladen mit Haufen davon. Welches Personal die Villa auch immer aufzubieten hat, es ist offensichtlich komplett in die Küche geflossen während er mit Misono in der Schule war. Die Tradition verlangt ein Kaffeetrinken bevor es Geschenke gibt, also akzeptiert er seine Tasse schwarzen Kaffee von einem der Hausmädchen. Weiter unten am Tisch kebbeln einige Kinder um eine Platte Cupcakes, Misono ist genervt, dass das Schokoladenfondue genau außerhalb der Reichweite seiner kurzen Arme steht, und die Macarons schmecken nach Zucker und Mandeln und Glück, wie immer.

Das Kaffeetrinken kann gar nicht lang genug dauern, denn die Geschenke sind der Teil des Tages, den Lily am wenigsten mag. Er freut sich, natürlich, aber… er freut sich mehr darüber, am Tisch zu sitzen und zu sehen, wie alle Spaß haben. Plötzlich steht er wieder im Zentrum der Aufmerksamkeit. Normalerweise würde ihm das gefallen, aber heute ist das Gefühl bittersüß.

Er kriegt einen Stapel Bilder von seinen Kindern, von glücklichen Menschen und Schmetterlingen in Buntstift. Einige von ihnen haben zusammengearbeitet und eine Papierkrone gebastelt, aus echter Goldfolie und echten Plastikjuwelen, und er muss sie für den Rest des Tages tragen. Auch seine Freunde finden jedes Jahr etwas Neues für ihn, obwohl er Jahrhunderte in diesem Haus verbracht hat und in etwa so viele Geburtstage gefeiert – ein Buch, das er noch nicht gelesen hat; ein Shampoo, das er noch nicht ausprobiert hat.

Misono reicht ihm ein kleines Geschenk, ungeschickt in violettes Papier gewickelt.

„Es ist nicht so groß“, sagt er, und wenn Misono sich jemals für irgendetwas entschuldigen würde, hätte Lily schwören können, dass er genau das versucht.

„Aber wie man sagt, die besten Dinge kommen in kleinen Portionen.“

„Es würde mit Sicherheit deine Größe erklären!“, antwortet Lily und schnappt sich das Geschenk schnell, bevor Misono es ihm wieder wegnimmt.

Es ist eine DVD, ein kitschiger romantischer Film, garantiert gefüllt mit einer Menge einfach zu klärender Missverständnisse und unrealistischen Mengen an Drama, Küssen im Regen und jedem anderen existierenden Klischee. Misono kennt Lily wirklich gut.

~

Der Nachmittag wird zum Abend. Die Sonne geht unter und die Kinder treibt es in den Garten, jetzt, da sie nach draußen gehen können. Die Angestellten müssen wieder an die Arbeit gehen und fangen damit an, den übrig gebliebenen Kuchen wegzuräumen. Er wird die Nacht nicht überleben.

Misono hat noch eine Stunde, bevor er einschlafen wird. Normalerweise würde er eine Zeit mit etwas Sinnvollem verbringen, einem guten Buch und Tee beispielsweise, aber heute grinst Lily ihn an und hält seine neue DVD hoch.

„Auf keinen Fall.“

„Ach, komm schon! Sei nicht so. Das wird witzig!“, bettelt er. Jeder Film, den er von Misono bekommt, beinhaltet einen Filmabend, damit sie seine Qualität gemeinsam beurteilen können. Warum nicht jetzt? Er ist in der Stimmung.

„Er wird genauso dämlich sein wie jeder andere in deiner Sammlung von bescheuerten Schnulzen die es wagen, sich als „Filme“ zu bezeichnen“, schnaubt Misono. Lily tut so, als sei er verletzt.

„Würdest du mir wirklich etwas geben, von dem du so wenig hältst? Bin ich dir so wenig wert?“

Er weicht einem Buch aus. Es mag sein Geburtstag sein, aber Misonos Mission, den perfekten Treffer zu landen, ruht nie.

„Du wirst dir nur wieder die Augen ausheulen und mein Hemd nass machen.“

„Keine Sorge, bevor es so weit ist, wirst du schon lange eingeschlafen sein.“

Misono sträubt sich noch ein wenig, aber offensichtlich hat er den Filmabend bereits eingeplant. Ansonsten hätte Lily die Debatte nie gewonnen. Sie machen es sich auf einem Sofa gemütlich, und als der Film beginnt, kann er sehen, wie Misonos Züge sich im warmen Licht des Bildschirms weicher werden, als glaube er, Lily sei zu abgelenkt, um es zu bemerken.

Letzten Endes schafft er es nicht einmal durch den ersten Akt bevor seine Augen zufallen, sein Körper ganz schlapp wird und er auf Lilys Schoß gezogen wird. Er scheint es gemütlich zu haben und kuschelt sich in das pinke Hemd seines Vampirs, und Lily verliert sich langsam in seiner Wärme gegen seinen Körper, und der spärlich vorhandenen Handlung des Films, und seinen eigenen Gedanken.

~

Je mehr er darüber nachdenkt, desto weniger richtig kommt es ihm vor, seine Geburt zu feiern; zu feiern, dass er in dieser Welt existiert. Denn auch wenn er vorgibt, sanft und süß und nicht gefährlicher als der Schmetterling zu sein, in den er sich verwandelt, in seinem Kern ist er ein Monster, das es besser nicht geben sollte.

Aber, je mehr er darüber nachdenkt, muss er sich auch eingestehen, dass er die Familie nie davon abhalten wird, Parties für ihn zu organisieren. Er kann sich nicht über seine Geburt freuen, aber in seinem Leben gibt es Dinge, welche diese Wertschätzung verdienen.

Er möchte das Haus Alicein feiern, und dass er hier immer willkommen war, und wie selbst der Alltag in diesen Wänden voller Freude ist. Er möchte seine Abkömmlinge feiern, und ihre Niedlichkeit und Unschuld. Er möchte seine Freunde feiern, so fantastisch und wundervoll wie sie sind, und er möchte Misono feiern für all die Liebe, die er in Lily entfacht.

Er ist immer noch selbstsüchtig, aber er kann über sein Leben nicht so unglücklich sein, wie er es sollte, wenn die Alternative wäre, sie alle nie getroffen zu haben. Dieser Tag ist wirklich für sie, entscheidet er, als der Abspann über den Bildschirm flackert. Seine Wangen sind nass, als der Bildschirm schwarz wird.

Der Raum ist dunkel und still, nur das Gelächter seiner Abkömmlinge draußen im Garten ist zu hören. Misono murmelt etwas im Schlaf und kuschelt sich enger an Lily.

Er fühlt sich warm und leicht. Er lächelt.

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Warum wird eine Geschichte, die am 14. März spielt, am 28. März hochgeladen? Warum klingt sie so komisch? Weil ich sie zuerst auf Englisch geschrieben und dann das Übersetzen vergessen habe. Wenn das Konzept aufgeht, sollte ich Sakuyas Geburtstag pünktlich schaffen, yay.

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