Hinter den Kulissen

von LiCaJa
GeschichteFantasy / P18
Gretel Hänsel
28.03.2019
29.07.2019
20
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Zu behaupten, dass ich meinen Beruf liebte, wäre übertrieben. Aber es war nicht nur mein Beruf, sondern meine Berufung. Wäre dies nicht der Fall, so hätte ich auf dem Hacken wieder kehrt gemacht, als ich die Tore von Augsburg sah. „Ich hasse Städte.“, murrte ich und sah zu Gretel hinüber. Sie lächelte mich an. „Das kannst du laut sagen. Ständig dieses: ‚Oh, Hilfe, eine Hexe hat mein Kind gefressen! Lasst uns alle Leute verbrennen, die irgendwie anders sind!‘ und wenn man dann kommt und helfen will: ‚Irgh, nein, geht weg! Ein großer, grimmiger Typ mit einer großen, noch grimmigeren Waffe und – Was ist denn das? – Eine Frau! Eine Frau, die eine Hose trägt! Das muss auch eine Hexe sein! Die wollen wir hier nicht!“ Theatralisch hatte Gretel mit zänkischer Dorfweibstimme genau das nachgestellt, was uns in fast jeder Stadt erwartete. Sie rollte die Augen und zuckte dann mit den Schultern. „Der Bürgermeister zahlt gut. Und wir können wieder eine Hexe umlegen. In ein oder zwei Tagen sind wir wieder zuhause.“
Ich zügelte mein Pferd. „Ich habe kein Problem damit, länger unterwegs zu sein. Nur diese dummen Bewohner mit ihrer eingeschränkten Sicht gehen mir tierisch auf die Nerven. Alles, was außerhalb ihrer Stadtmauern liegt, übersteigt doch schon ihr Fassungsvermögen.“
Gretel lachte auf, was auch mich zum Lächeln brachte. Ich liebte ihr Lachen. Es hatte eine Zeit gegeben, in der ich gedacht hatte, es nie wieder zu hören.
Sie band die Zügel ihres Pferdes an den dafür vorgesehenen Pflock und band ihren Revolver und die Armbrust vom Sattel. Ich stellte mein Pferd neben ihres und warf dem Knecht, der in der Nähe stand und für die Versorgung der Pferde zuständig war eine Münze zu. „Wenn sich irgendjemand an unseren Taschen zu schaffen macht, werde ich dich dafür zur Verantwortung ziehen.“, sagte ich ernst und zog, wie um meine Aussage zu unterstreichen, meine Flinte vom Sattel. Der Knecht erbleichte und nickte hastig.
Gretel warf mir ein wissendes Grinsen zu und gemeinsam machten wir uns auf, den Bürgermeister zu suchen.
Auf dem Marktplatz, der vor dem Rathaus lag, hatte sich eine Menschenmenge versammelt, die scheinbar dabei war, eine Frau in einem Fass zu ertränken. Ich tauschte einen schnellen Blick mit meiner Schwester aus. Wortlos verständigten wir uns über das weitere Vorgehen. Ich sah noch, wie sich Gretel in eine strategisch günstige Position hinter den vermutlichen Amtsrichter brachte, bevor ich mich in die Menge mischte. Ich drängte mich nach vorne und versuchte, dabei nicht allzu viel Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen. Aber die Leute waren so von dem Geschehen gefangen, dass niemand auf mich achtete.
Ich kam gerade noch rechtzeitig, um zu sehen, wie Gretel ihren sechsläufigen Revolver an den Hinterkopf des Amtsrichters drückte. Ihre Stimme war ruhig und deutlich, als sie sagte: „Lasst die Frau laufen oder ich blas dir dein Amtsrichterhirn über diese verfluchten Hinterwäldler.“ Mit Stolz nahm ich das Bild in mir auf: Ihre gerade, stolze Körperhaltung, den Finger am Abzug und das Kinn nach vorne gereckt. Ihre Ausstrahlung allein reichte, um einige der Bewohner einzuschüchtern. Innerlich lachte ich kurz auf. Es hatte sie Jahre gekostet, diese Rolle zu perfektionieren. Im Gegensatz zu mir hatte sie mehr Schwierigkeiten damit gehabt, ernst genommen zu werden. Sie war eine Frau. Und nicht nur das, sie war eine attraktive Frau. Schon oft hatten wir Nasen oder Fingerknochen gebrochen, weil einige Männer nicht verstanden hatten, dass sie keine Hure war. Gretel war sogar das genaue Gegenteil. Mein Mädchen, schoss es mir durch den Kopf und zu meiner Verwirrung bemerkte ich, wie mein Schwanz anschwoll und es eng in meiner Hose wurde.
Beinahe hätte ich den richtigen Zeitpunkt verpasst, die beiden Wachen von der Frau wegzustoßen. Reiß dich zusammen, Mann!, dachte ich mir.
„Weg da! Wird’s bald? Verschwinde. Du auch!“, knurrte ich die Männer an und drohte ihnen mit der Flinte. Tatsächlich wichen sie zurück. Ich hätte sie dümmer eingeschätzt.
Gretels Stimme wehte über den Platz. „Guck nach.“ Ihre Anweisung war klar und deutlich, der Tonfall dominant. Die Leute sollten nicht denken, dass sie nichts zu sagen hatte, nur, weil sie eine Frau war.
Ich stellte mich vor die Frau und überprüfte ihr Gesicht. Zunge, Zähne, Haut, alles schien in Ordnung zu sein. „Wie heißt du?“, fragte ich sie.
„Mina.“ Ihre Stimme zitterte, aber vielleicht lag das auch an der Kälte. Ihre roten Haare und das Kleid langen eng an ihrem Körper an und Wasser tropfte an ihr herunter. Während ich sie weiter untersuchte, versuchte ich den Leuten, und vor allem dem Amtsrichter, zu erklären, woran man eine Hexe erkennen konnte. Normalerweise stießen wir dabei auf taube Ohren, aber die Leute hatten nur selten den Mumm, uns zu konfrontieren. Ich erklärte Mina für sauber und hielt die Schergen des Richters in Schach, während Gretel erklärte, weshalb wir hier waren. Ich sah das Misstrauen in ihren Gesichtern, dass sich leicht mit Angst mischte, als sich meine Schwester vorstellte und sich die Armbrust über die Schulter legte. Ich spiegelte ihre Geste, um zu zeigen, dass wir nicht die Absicht hatten, auf Unschuldige zu schießen, aber auch, um gleichzeitig die eindrucksvolle Wirkung unserer Waffen zu unterstreichen. Wie erwartet, fingen die Bürger an zu pöbeln. Es war immer das Gleiche… Wir wollen euch nicht hier haben!, Verschwindet wieder!, Die ist doch selbst eine Hexe! Immer das gleiche Theater. Ungeduldig fiel ich ihnen ins Wort: „Das Böse ist schon da, ob es euch gefällt oder nicht! Also falls eure Kinder noch leben, werden wir sie finden. Aber wenn irgendjemand diese Frau angreift, dann kriegt er es mit mir zu tun. Jetzt geht nach Hause. Los!“ Ich sah zu, wie die Menschenmasse sich auflöste und wandte mich wieder an die Frau. Mina, rief ich mir in Erinnerung. „Ich würde sagen, du kannst gehen.“, erklärte ich ihr. Sie bedankte sich und ging. Ich sah ihr hinterher, dieser triefendnassen Erscheinung. Sie war ein hübsches Ding. Hatte ein ebenmäßiges Gesicht, glatte Haut und das nasse Kleid hatte nichts von ihrem Körper verbergen können. Dennoch durchzuckte mich die Erinnerung, wie ich bei Gretels Anblick hart geworden war. Ich drängte den Gedanken und die Empfindung, die damit einherging, zurück und wusch mich in dem Fass, in dem eben noch Mina hatte ertränkt werden sollen.
Mit einem Ohr hörte ich dem Streit zwischen meiner Schwester und dem Amtsrichter zu. Ich wusste, dass Gretel ihn provozieren wollte, als sie sagte: „Jeder Schwachkopf konnte doch sehen, dass diese Frau keine Hexe ist!“ Sie wollte ihn aus der Reserve locken, damit er ihr einen Grund gab, ihre Überlegenheit zu demonstrieren. Der Bürgermeister wollte vermitteln und den Streit schlichten, doch er wurde vom Amtsrichter unterbrochen: „Sie sollten mir lieber zuhören! Ich lasse mir nicht bieten, dass diese Schlampe und dieser Schuft von ihrem Bruder in meine Stadt kommen und mir sagen, was ich zu tun habe!“
Nun hatte dieser Streit meine volle Aufmerksamkeit. Scheinbar gelassen beobachtete ich die Situation und seufzte unmerklich, als der Amtsrichter Gretel und mich beleidigte.
Der Amtsrichter hatte Glück, dass er mich nur einen Schuft genannt hatte, sonst wäre Gretels Reaktion wohl noch viel heftiger ausgefallen. Ich sah zu, wie sie ausholte und dem Amtsrichter die Stirn vor den Kopf schlug. Dieser ging keuchend zu Boden und spuckte das Blut aus, dass ihm von der Nase in den Mund lief. Seine Männer griffen sofort zu ihren Waffen, jedoch waren sie zu langsam. Blitzschnell zielte ich mit der Flinte in ihre Richtung. „Aus. Lasst es einfach.“
Der Bürgermeister legte seine Hand an Gretels Ellenbogen und führte sie von den Männern weg. Sie warf mir einen kurzen Blick zu, in dem ich lesen konnte, wie aufgebracht sie war.
Sie hatte das Gefühl, wie eine Wölfin ihr Revier verteidigen zu müssen. Wie bereits gesagt, war ihre Reaktion verhältnismäßig milde ausgefallen. Hätte der Amtsrichter zu derberen Schimpfworten gegriffen, hätte sie ihm vermutlich mit bloßer Hand die Eier abgerissen und sein vorlautes Mundwerk damit gestopft. Nur mit äußerster Mühe zwang sie sich dazu, dem Bürgermeister nicht ihren Arm zu entreißen und auf den am Boden liegenden Mann einzutreten, das sah ich ihr deutlich an.
Der Bürgermeister brachte uns in unser Quartier. Er bestand darauf, sich für den Zwischenfall zu entschuldigen und uns erst morgen mit den Details unseres Auftrags vertraut zu machen, da bald die Dämmerung hereinbrechen würde. Er ließ uns eine Flasche Wein da und zog sich, nach einer erneuten Entschuldigung, zurück.
Ächzend ließ ich mich auf das Bett fallen. Es war ein Doppelstockbett- wie tugendhaft. Aber vermutlich würde den spießigen Bürgern hier ohnehin das Herz stehen bleiben, wenn sie mehr über uns wussten. Gretels Hose allein reichte ja schon, um einige in Empören zu versetzen. Ich ließ meinen Blick durch den Raum schweifen. Zwei Tische, ein Stuhl und ein Schrank waren die einzigen weiteren Möbelstücke im Raum. Gretel stapfte von einer Ecke zur anderen und murmelte Wörter wie „Hurenbock“ und „Schwachkopf“ vor sich hin.
Ich packte sie am Handgelenk. „Gretchen. Du wirst dich doch nicht wegen einem Trottel wie dem aufregen?“
Ihre blitzenden Augen verengten sich, als sie mich ansah. „Der wird uns noch Schwierigkeiten machen, ich sag’s dir.“ Dann atmete sie tief durch, um sich zu beruhigen. „Es ist noch etwas hell. Ich werde unsere Taschen von den Pferden holen.“
Ich zog die Augenbrauen hoch. „Du willst allein da wieder raus, nachdem du dem Amtsrichter die Nase gebrochen hast?“
„Er hat Glück, dass ich ihm nicht noch mehr gebrochen hab.“, murmelte sie.
„Gretel, du wirst jetzt sicher nicht allein da raus gehen. Wir lassen jemanden schicken, der das übernimmt.“
Sie stemmte die Hände in die Hüften. „Sicher. Einen Fremden. An unsere Taschen. In denen dein Medikament ist. Und unsere weiteren Waffen. Natürlich lasse ich das von irgendeinem dahergelaufenen Idioten erledigen.“
Ich rollte mit den Augen. Ich kannte diese Laune nur zu gut. Es gab nichts, was sie davon abhalten konnte, jetzt nach draußen zu gehen. „Nimm den Revolver mit.“, sagte ich also nur.
Ein zartes Lächeln zuckte über ihre Mundwinkel. „Mach ich. Ich bin in einer halben Stunde wieder da.“ Sie beugte sich zu mir runter und gab mir einen Kuss auf die Wange. Ihre Haare streiften mein Gesicht, der Ausschnitt ihrer Bluse hing direkt vor meinen Augen in der Luft und dann drehte sie sich um und ging. Mein Blick glitt über ihre langen Beine zu ihrem Hintern. Ich wurde wieder hart. Und ich hatte nur eine halbe Stunde, um das in den Griff zu kriegen.
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