Hinter den Kulissen

von LiCaJa
GeschichteFantasy / P18
Gretel Hänsel
28.03.2019
29.07.2019
20
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Es war die nackte Angst, die sich durch meine Adern fraß. Es hatte alles so gut ausgesehen. Nach Stunden im Wald war mir dieses Haus erschienen wie ein Geschenk des Himmels. Die bunten Farben der Süßigkeiten hatten so sehr gestrahlt und so vertrauenserweckend ausgesehen… Neben dem Hunger fühlte ich eine überwältigende Erschöpfung. Ich wollte mich einfach nur in mein Bett legen und schlafen. Doch mein Bett war irgendwo, viele Stunden Fußmarsch hinter mir. Vielleicht konnte ich mich in diesem Häuschen ausschlafen. Mit einem Blick zu meinem Bruder vergewisserte ich mich, dass er dieselben Gedanken hatte. Ich nickte ihm zu, ehe ich langsam die Tür öffnete. Dunkelheit empfing mich. Stille. Ich hatte den Geruch von Lebkuchen erwartet. Oder nach etwas süßlichem. Stattdessen stank der Raum. Zwar auch irgendwie süßlich, aber überhaupt nicht in einem positiven Sinne. Zögernd setzte ich einen Fuß über die Schwelle. Ich hörte ein seltsames Geräusch, das beinahe wie etwas klackerndes klang. Wie ein Tier, das Warngeräusche von sich gab, ehe es angriff. Unvermittelt packte mich eine kalte Hand am Arm, fest und schmerzhaft. Ich hatte das Gefühl, mein Oberarm würde allein durch den Druck brechen wie ein trockener Zweig.
Der Gestank kam mir immer näher, bis sich das hässlichste Gesicht in mein Blickfeld schob, das ich je gesehen hatte. Mit einem grässlichen Grinsen sagte es: „Knusper knusper Knäuschen, wer knuspert an meinem Häuschen?”
Ich tat das Einzige, was ich in diesem Moment tun konnte- ich schrie.

„Gretel! Es war nur ein Traum. Ist schon gut. Schon gut.”
Schweißgebadet kam ich zu mir. Ich brauchte einen Moment, um meine Gedanken zu ordnen und zu verstehen, wo ich war. Wann ich war. Bei wem ich war. Und dass meine Kehle tatsächlich von einem lauten Schrei schmerzte.
„Hänsel.”, flüsterte ich und streckte meine Arme nach ihm aus. Prüfend sah er mich an und hörte auf, meine schweißnassen Haare zu streicheln und zog mich in eine Umarmung. „Du bist in Sicherheit, Gretchen. Ich pass auf dich auf.”
„Ich weiß.”, murmelte ich gedämpft an seiner Schulter. „Ich wünschte, diese Träume würden aufhören.”
Mein Bruder lehnte sich zurück und sah mir in die Augen. „Sie sind doch schon weniger geworden. Immerhin träumst du nicht mehr jede Nacht davon.”
Ich nickte. Ich hatte uns bereits so oft schreiend geweckt, dass Hänsel nicht einmal mehr fragen musste, was ich geträumt hatte. Es gab nur einen Traum, der mich so vor Angst lähmen konnte. Ironischerweise war die Hexe damals nicht einmal die schlimmste gewesen. Natürlich sah sie scheußlich aus wie jede andere Hexe auch, aber zumindest war ihr Haus sehr ästhetisch gewesen. Manche von ihnen lebten in runtergekommenen Drecksbaracken. Aber diese Hexe war nun mal die erste gewesen. Sie hatte den Stein losgetreten, der daraufhin ins Rollen gekommen war. Und sie hatte uns so viel gekostet… Hänsel musste für den Rest seines Lebens mit dieser Krankheit leben. Meine Träume sahen dagegen lächerlich aus.
„Bist du bereit, morgen loszuziehen?”, riss mein Bruder mich aus meinen Gedanken.
„Selbstverständlich.”, erwiderte ich und versuchte, wieder Herr über die Angst in meiner Brust zu werden.
Hänsels ohnehin schon prüfender Blick wurde noch skeptischer. „Du musst dich nicht verstellen.”, sagte er und zog mich wieder in eine feste Umarmung. „Hier darfst du Angst haben, Gretchen.”
Tränen schossen in meine Augen. „Ich sehe immer noch jedes Detail ihrer hässlichen Fratze vor mir.”, gab ich wimmernd zu und vergrub meine Hand in Hänsels Hemd. Ich spürte, wie sein Griff um meine Hüfte fester wurde.
„Ich weiß.”, flüsterte er. „Bei jeder Spritze muss ich an die Geschehnisse denken.”
„Tut mir leid, ich jammere hier über ein paar schlechte Träume, während du-”, wollte ich das Thema beenden und mich von meinem Bruder lösen, aber das ließ er nicht zu. Fest griff er meinen Nacken und lehnte seine Stirn an meine. „Entschuldige dich nicht, Gretel. Morgen brauche ich dich bei klarem Verstand, voll einsatzfähig, aber jetzt ist es in Ordnung, wenn du einknickst.”
„Ich will nicht einknicken.”, widersprach ich. „Ich habe genug davon, ständig daran erinnert zu werden. Ich wünschte, ich könnte die Vergangenheit ungeschehen machen.”
„Lieber nicht.” Ich hörte das Lächeln in seiner Stimme. Ich wusste, dass ich mich wie ein trotziges Kind benahm, aber es war mir egal. Nur im Schutz unseres Zuhauses, das wir liebevoll Bau nannten, konnte ich meine Schutzhüllen fallen lassen. Da draußen war ich stets fokussiert, unnahbar, ungnädig, eine kalte Jägerin. Aber hier, in unserem Zuhause, konnte ich schwach sein. Konnte mir Zeit nehmen, meine Verletzungen zu heilen, statt sie zu ignorieren. Konnte die Geschehnisse der Jagd verarbeiten. Hier konnte ich Gefühle zeigen, ohne Angst haben zu müssen, damit einen Schwachpunkt zu offenbaren.
Wenn die Hexen wüssten, wie nahe mein Bruder und ich uns standen, hätten wir große Schwierigkeiten. Bisher dachten sie, dass wir Partner seien. Geschwister, die ein gemeinsames Ziel hatten und im Kampf gut harmonierten und damit nicht zu unterschätzen waren. Tatsächlich war mein Bruder aber alles für mich. Er war die andere Hälfte meiner Seele. Er war mein Gegenpart, die Stärke für meine Schwäche. Niemand kannte mich so gut wie er und ich kannte niemanden so gut wie ihn. Ich würde über Leichen für ihn gehen und ich wusste, dass es für ihn genauso war.
Wenn es einen Ort gab, an dem ich Schwäche zeigen durfte, dann hier. In unserem Zuhause, unserem Schlafzimmer, geschützt von seiner Umarmung. Wir hatten viel verloren, daran gab es keinen Zweifel. Aber wir hatten uns. Und für diese Verbindung würden wir bis zum bitteren Ende kämpfen.
Ich schloss sein Gesicht in meine Hände. „Ich danke dir.”
„Keine Ursache.” Er presste seine Lippen auf meine Stirn und legte sich auf seine Seite des Bettes. „Versuch, noch etwas zu schlafen, Gretchen. Wir müssen morgen ein gutes Stück reiten.”
„Ich weiß.” Ich suchte mir eine bequeme Position und schob meinen Fuß unter seinen Unterschenkel. Niemals würde ich mich so hinlegen, dass einer von uns nicht notfalls seine Waffe ziehen konnte. Wenn wir Körpernähe brauchten, taten wir dies im Wachzustand. „Schlaf gut.”
„Du auch, Schwesterherz.”
Und tatsächlich lullte mich das leise Klicken seiner Uhr in einen traumlosen Schlaf.

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Ich lag noch lange wach, nachdem Gretel eingeschlafen war. Es fiel mir schwer zu akzeptieren, dass ich diese Träume nicht von ihr fernhalten konnte.
Nachdem wir akzeptiert hatten, dass wir unsere Eltern nie wiedersehen würden, wurde meine Schwester zum Dreh- und Angelpunkt meiner Welt. Ich wusste, dass ich mich stets auf sie verlassen konnte und dass sie mir den Rücken freihielt. Im Gegenzug wurde ich alles tun, was nötig war, um sie zu schützen.
In all den Jahren hatte ich langsam gemerkt, dass Gretel ein ziemliches Genie war. Sie entwickelte nicht nur die Pläne für unsere Waffen, sondern hatte auch ein umfassendes Wissen über die Wirksamkeit verschiedener Pflanzen. Egal, ob Verbrennung, Verstauchung oder Vergiftung- irgendwie schaffte sie es immer, eine Salbe oder einen Trank herzustellen, der uns wieder auf die Beine brachte. Ohne sie wäre ich vermutlich schon längst an den Folgen des Hexenhauses gestorben. Die Zuckerkrankheit würde ich nie überwinden, aber ich würde nicht daran sterben.
Ich spürte, wie sich meine Miene verfinsterte, als ich an die Gefangenschaft im Haus der Hexe dachte. In diesen kleinen Käfig gezwängt, war ich gezwungen zuzusehen, wie dieses hässliche Miststück meine Schwester schuften ließ. Mir wurde noch heute schlecht, wenn ich daran dachte, wie ich immer mehr hatte essen müssen, damit ich fett genug für einen Braten wurde. Dieses widerwärtige Stück Dreck hatte nichts anderes verdient, als zu brennen, nachdem sie Gretel geschlagen hatte. Ich fühlte einer Welle der Hilflosigkeit über mich rollen, als ich daran dachte. Nie wieder würde ich zulassen, dass meine Schwester ungestraft geschlagen wurde.
Ich konnte vielleicht nicht verhindern, dass die alten Albträume sie heimsuchten, aber ich würde verhindern, dass neue hinzukamen.
Seufzend streichelte ich Gretel über die verschwitzten Haare. Ich sollte mir meinen eigenen Rat zu Herzen nehmen und auch noch etwas schlafen. Denn tatsächlich mussten wir morgen ein ordentliches Stück Weg zurücklegen.
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