intra muros

von Nuxe
GeschichteFreundschaft, Schmerz/Trost / P18 Slash
Dr. John Watson Mycroft Holmes Sherlock Holmes
28.03.2019
10.10.2019
40
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Dieses Kapitel
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Hey,

ich danke Mücke, Lady Serenity und Peppermintnetti für die lieben Kommentare. Ich kann gar nicht beschreiben wie sehr es mich freut von euch zu lesen :-)

Viel Spaß heute!
Nuxe




Junia sah auf das dunkle Meer.
Die Wellen brachen sich in einem langsamen Rhythmus, die Sterne funkelten und die Luft roch warm und aromatisch. Ihre kleine Bucht war perfekt und im Wagen hatte sie eine sehr flauschige Decke gefunden die sich sehr gut auf ihrer Haut anfühlte. Weich von außen und von innen.

Sie fühlte sich fantastisch. Das Heroin hatte all ihre Schmerzen verschwinden lassen. Ihr Körper tat nicht mehr weh, ihre Seele hatte ebenso aufgehört zu schmerzen und da, wo sie ihr gebrochenes Herz vermutete, war nur noch weiche, warme, fluffige Watte.

Sie seufzte genüsslich, hielt das Feuerzeug unter die Alufolie und zog den bitteren Rauch erneut tief in die Lunge, hielt ihn fest, schloss die Augen so lange es ihr möglich war.
Eine neue Welle der Entspannung überflutete sie.
Sie liebte es.
Diesen friedlichen, sinnlichen, watteweichen Zustand in dem einfach alles perfekt war. Dafür hatte sie eine Schwäche und deshalb hatte sie sich immer von Heroin fern gehalten.

Es machte sie weich. Noch weicher. Schwach. Noch schwächer.
Weich und schwach war nicht gut.

Junia hatte daher schon früh gelernt, das Adrenalin zu bevorzugen. Sie liebte diese Art von Rausch, auf natürliche und auf chemische Art.
Der Zustand der wachen, aufgepeitschten Sinne, die schneidende Aufmerksamkeit ihres Geistes, die untrüglichen Instinkte, der tobenden Dunkelheit in ihr, das Lebensgefühl im Moment. Sie genoss den Adrenalinrausch alleine und mit anderen. Besonders mit Matteo, der sie über jede Grenze stieß. Immer und immer wieder.

Doch je häufiger sie auf natürlichem Weg diesen Adrenalinkick suchte, desto weniger aufregend wurde er. Und so half sie nach. So lange bis nichts mehr gut genug war. Sie konnte sich nicht mehr höher bringen.

Selbst ein Teil oder das Opfer von Matteos Gewaltexzessen zu sein befriedigte sie nicht mehr.
Der Schmerzreiz löste das Adrenalin ab, doch die Befriedigung war nur kurz. Zu wenig. Zu schnell vorbei.

Ab einem gewissen Punkt war es ein leichtes, die Grenze an psychischer und physischer Gewalt gegen sich selbst und andere zu überschreiten – und ab da gab es nie wieder eine Grenze – für nichts mehr.

Von all dem, was sie bisher in ihrem Leben verloren hatte, vermisste Junia diese Grenze am meisten.


Phils Handy blinkte hell und bunt neben ihr.
Sie nahm es in die Hand und beobachtete lächelnd das Display. Phil wurde häufig angerufen. Es war nicht nett von ihr einem Dealer das Handy zu klauen. Phil war offenkundig ein Idiot.
Sie starrte das blinkende Telefon an.

In ihr regte sich ein Gedanke, ein Gefühl. Etwas was sie noch erledigen wollte. Die letzte Sache. Bald würde die Sonne aufgehen. Bald hätte sie genug geraucht. Bald würde sie ins Meer gehen und einfach aufhören dürfen zu kämpfen.

Doch davor gab es noch etwas. Eine letzte Sache. Ihre letzte Sache. Minutenlang starrte sie stirnrunzelnd in die Dunkelheit und die Sterne, hörte zu, wie die Wellen sich am Strand brachen und wartete geduldig ab.
Dann war er wieder da, der verlorene Gedanke.
Sherlocks John.
Die letzte Sache.
Sie musste sicher gehen dass Sherlocks John bei Mycroft angekommen war.

Sie lachte über sich selbst und spürte ihr gebrochenes Herz, gerade schmerzte es sogar durch die weiche, warme Watte des Heroins hindurch.
Vor gar nicht allzu langer Zeit hätte es nichts auf der Welt gegeben, bei dem sie Mycroft nicht vertraut hätte.

Sie war so dumm gewesen.

Doch die Zeiten hatten sich geändert. Junia hatte sich ein Versprechen gegeben und es seit ihrer Entführung immer und immer wieder widerholt.
Sie würde dafür sorgen das Sherlock seinen John zurückbekam.

Sie hatte Alex nicht beschützen können, weil sie Mycroft vertraut hatte. Bei John würde ihr nicht der gleiche Fehler passieren.

Junia wählte die Nummer. Das Freizeichen war unglaublich laut und blechern, klang in ihrem Kopf nach und sie musste die Augen schließen und verzog gequält das Gesicht.

„Ja?“, hörte sie Sherlocks John.

Er hörte sich so unglaublich müde an. Es lag vielleicht an der Uhrzeit. Vielleicht aber auch daran, das Mycroft wirklich gerne und ausführlich redete. Er neigte zum ausschweifen. Sie hatte das immer gemocht, sie konnte Mycroft stundenlang zuhören. Doch für John wäre es wahrscheinlich ermüdend, schließlich war er ein Mann und daher redete er naturgemäß lieber selbst, statt zuzuhören.
Sie bemitleidete John etwas.

„Hallo?“, Johns Stimme war nun fester, nachdrücklicher. Eindeutig wach und aufmerksam.

Natürlich. Bisher hat dieses Telefon immer nur versucht Sherlock zu erreichen.

Sie räusperte sich. „John. Ich bin es“.

„Fuuuck!“, zischte John leise im Hintergrund, sie sah ihn förmlich blinzeln, sich gerade aufsetzen.

„Hey John“, nahm sie ihm die Arbeit ein wenig ab. „Ich wollte nur… hören ob es dir gut geht?“

John klang nun sehr wach und sehr bedacht: „Das ist lieb, danke. Wie geht es dir? Ist alles okay? Du klingst… anders“.

Junia warf den Kopf zurück. Sie wusste dass sie anders klang. Das lag an dem vielen, vielen ungewohntem Heroin. An der warmen, watteweichen Wolke. Aber das ging Sherlocks John nichts an. Sie hatte den Rausch ihres Lebens. Es war schließlich der letzte. Und ihre Privatsache.

Er würde es sowieso wissen. Mein Gott, er war Arzt und wohnte mit Sherlock zusammen. Und der war noch mehr Junkie als sie.

„Hat dich Mycroft gefunden?“, sie musste sich konzentrieren. Sie durfte nicht den Faden verlieren, sich nicht von Johns freundlicher Stimme vom Ziel des Telefonats ablenken lassen.

John. London. Sherlock. Fertig.

„Ja. Ja, natürlich hat er das“, versicherte John in vorsichtigem Ton.

„Bist du in London?“, sie war sich unsicher wie spät es war, doch sicher gegen frühen Morgen.

„Ähm. Nein. Nein, das sind wir nicht“, erklärte Sherlocks John.

Junia legte den Kopf schief. Blinzelte. Das war nicht gut. Sie musste jetzt vorsichtig sein. Sich konzentrieren.
Warum war Mycroft nicht gemeinsam mit John auf dem Weg nach London und zu Sherlock?
Warum war der Mann so verdammt kompliziert? Warum war er eigentlich immer, immer, immer, so verdammt sperrig?

„Warum nicht, verdammt?“, brüllte sie und erschrak über ihre eigene Lautstärke, zuckte überrascht zusammen weil sie nicht mit der Heftigkeit ihrer Stimme gerechnet hatte.

„Beruhige dich, entspann dich“, redete sie sich selbst gut zu. Ihre Augen fixierten das Feuerzeug. Sie würde gleich noch etwas rauchen müssen. Mycroft killte einfach jede Stimmung.  

„Junes, wo bist du?“, Johns Stimme war ganz sanft.

Sie musste daran denken wie gut es sich anfühlte, an John gekuschelt einzuschlafen. Wie gut er das alles mit ihr gemacht hatte. Sie war beileibe nicht einfach. John war ein wirklich guter Mann.

„Warum bist du nicht in London, verdammt? Wo ist Mycroft?“, fragte sie zurück, immer noch aufgebracht.

„Mycroft schläft. Wir sind in eurer Wohnung“, erklärte John ruhig.

Junia schwieg.

„Junes, warum bist du heute Nacht gegangen?“, wollte Johns warme Stimme wissen.

„Ich… weil du Sherlocks John bist“.

Junia blinzelte verwirrt. War das nicht richtig gewesen? Hatte sie doch einen Fehler gemacht? Nein, das konnte nicht sein. Sherlocks John musste in Sicherheit gebracht werden und Mycroft war die schnellste, sicherste, verlässlichste Lösung.

Mycroft würde Sherlocks John auf keinen Fall verlieren, beschädigen oder misshandeln. Mycroft liebte Sherlock und er wusste nur zu gut wie sehr Sherlock John liebte und brauchte.

Zu spät, viel zu spät kämpfte sie sich aus ihren watteweichen Gedanken und versuchte Sherlocks John zuzuhören, der anhaltend zu sprechen schien mit seiner mitfühlenden, entschiedenen, verständnisvollen Stimme. Sherlocks John konnte sehr gut mit ihr sprechen. Viel zu gut.

„… Junes? Bist du noch da?“

„Ja. Ja klar“.

Eine kurze Pause.

„Hast du gehört was ich gesagt habe?“

„Nein“, gab sie zu. Das tat ihr auf einmal furchtbar leid.

„Ist in Ordnung. Alles ist gut. Glaubst du, du kannst jetzt zuhören? Es ist wichtig“.

„Ja“. Sie schloss die Augen und konzentrierte sich. Den Gefallen wollte sie John tun, für ihn schien es wichtig zu sein. Reden. Immer wieder wollte John reden.

„Junes, alles ist okay. Hörst du? Alles ist gut. Doch Mycroft und ich können nicht nach London fahren. Nicht ohne dich, verstehst du das?“

Junia legte misstrauisch den Kopf schief. „Warum?“

„Sherlock ist bei dir zu Hause. Bei Matteo. Er sucht uns. Matteo lässt Sherlock erst nach London, wenn du wieder bei Matteo bist“. John klang immer noch souverän, an seiner ruhigen, gelassenen Art hatte sich nichts verändert.

Doch Junia spürte Johns Angst.

Sie schwieg uns schloss die Augen. Johns Angst war berechtigt. Wenn Sherlock bei Matteo war… das war nicht gut für Johns Sherlock. Gar nicht gut. Auch nicht gut für sie. Gar nicht gut.

Fuck.

Warum konnte sich keiner der verdammten Holmes Brüder ein einziges Mal zurückhalten?

„… würdest du das für mich tun? Mir sagen wo du bist? Oder hierher kommen? Es ist wirklich sehr wichtig“.

Sie öffnete die Augen und starrte auf das dunkle Meer und den heller werdenden Himmel.

Das war nicht der Plan. Sie wollte es beenden. Sie wollte nicht weiter machen.

Doch in ihrem betäubten, warmen Körper wohnte ein Geist, dem es plötzlich erschreckend egal war was sie vor ein paar Stunden noch wollte. Sie war verwirrt. Der Gedanke fühlte sich gut an.

Ja, sie könnte zu John kommen. Das würde sie tun. Das wäre egal. John war freundlich, lustig, warm. Es würde sich gut anfühlen jetzt neben John im Bett zu liegen. Zu spüren wie John atmete.
Für Sherlocks John würde sie das tun.

Doch Mycroft war bei John. Sie durfte Mycroft nicht begegnen. Auf keinen Fall. Mycroft war ihr überlegen, in allem. In Worten, Taten, Plänen. Das war gefährlich. Sie konnte Mycroft nicht vertrauen. Sie bedeutete ihm nichts. Sie durfte auf keinen Fall in Mycrofts Nähe kommen.

„Junes? Hörst du mich?“

Sie räusperte sich. „Ja“, seufzte sie.

„Mycroft… es tut ihm sehr leid. Er hat mit mir geredet, weißt du. Er hat es mir erzählt. Er bereut alles ganz furchtbar. Es war ein großes Missverständnis, verstehst du?“

Sie musste lachen. Selbst in ihrem Zustand konnte John nicht glauben, dass sie ihm das abnahm.

„John. Willst du mich verarschen?“, hörte sie sich selbst fauchen.

John machte ein undefinierbares Geräusch und Junia sah geradezu vor sich wie er sich mit der freien Hand durch das Gesicht wischte.

„Er… er wird es dir selbst sagen. Es dir erklären. Das verspreche ich. Er meint es ernst, Junes. Wirklich“.

Sie wusste nicht was sie sagen sollte, daher schwieg sie und suchte nach Sternbildern. Sie glaubte gerade den großen Wagen erkannt zu haben, als John wieder das Wort ergriff.

„Darf er dich anrufen? Unter dieser Nummer?“

„Nein! Ich lege jetzt auf John“.

„Nein! Nein, bitte nicht. Sag mir noch wo du bist!“, forderte Johns Stimme. Die Ruhe war völlig aus ihr verschwunden, ebenso die Wärme.

Ihr Herz begann zu rasen. Das wurde zu viel.
Sie war sich sicher dass es der große Wagen war. Irgendwo in der Nähe musste der kleine Wagen sein. Sie legte den Kopf schief.

„Kann ich dich anrufen? Unter dieser Nummer? Nicht Mycroft. Nur ich“.

Sie blinzelte, unterdrückte die Angst, spürte sich schneller Atmen und versuchte sich zu bremsen. Konzentrierte sich wieder auf John.

„Nein. Ich melde mich bei dir“.

John schrie jetzt. „Wann?“

Sie beendete das Gespräch. Legte das Handy beiseite und vergrub das Gesicht in den Händen, biss sich auf die Lippen.

Fuck.

Sie war eine verdammte Versagerin.

Sie wählte eine weitere Nummer.




Der Whiskey hatte dafür gesorgt, das Sherlock irgendwann die Augen schloss.
Als er sie wieder öffnete realisierte er, dass er ein paar Stunden geschlafen hatte. Er lag, immer noch nackt, immer noch in die Decke gewickelt, auf dem Sofa.
Robert saß ihm immer noch gegenüber, hatte die Augen geschlossen und beide Hände auf den Oberschenkeln abgelegt.
Doch sobald Sherlock sich bewegte schlug er die Augen auf.

Robert erinnerte ihn immer mehr an einen dressierten Hund.

Robert versorgte den gereizten, wortkargen Sherlock mit stoischen Ruhe und großer Sorgsamkeit.
Wasser, Schmerzmittel, Tee, Kekse. Er brachte unaufgefordert erst Taschentücher und sah dann zu, wie Sherlock den Rest des Kokains durch die Nase zog.

Später saß Robert wieder ruhig und aufmerksam in seinem Sessel und sah Sherlock einfach zu.

Der wurde langsam unruhig. Alex´s Tablette hatte aufgehört zu wirken und all die unnötigen Gedanken und Gefühle lösten ungebremste Emotionen in ihm aus.
Ja, für jemanden der so tat, als hätte er keine Emotionen, war er unerträglich sensibel.

Was Sherlock sah, wenn er die Augen schloss, ließ ihm keine andere Wahl als sie offen zu halten.

Er würde wohl nie wieder schlafen können.


Sherlock stand, in seine Decke gewickelt, auf dem Sofa und malte eine Mindmap an die Wand hinter sich, als es klopfte.

Das klopfen interessierte ihn nicht. Er hatte zu tun. Er würde herausfinden wer John und Junia entführt hatte und er würde sich nicht wieder ablenken lassen. Auf keinen Fall. Er war hier um zu ermitteln.

Das Kokain half ihm sich zu konzentrieren, es dämmte den Kater ein und sorgte dafür das sein Gehirn raste. Ein sehr willkommener Zustand.

Robert war ein akzeptabler Assistent. Er war natürlich nicht John.
Er war eher wie der Schädel, nur besser dressiert. Der Schädel hatte Sherlock weder mit Drogen noch mit Tee versorgt. Robert schon. John kochte Tee, das musste Sherlock zugeben, aber mit anderen Dingen stellte er sich furchtbar an.

Gereizt fauchend wandte Sherlock sich nun um. Das klopfen an der Tür irritierte ihn. Robert sah ihn fragend an.

„Mach schon!“, blaffte Sherlock.

Robert erhob sich sofort und wandte sich eilig der Tür zu.

Ein fremder Mann, in der gleichen dunklen Kleidung wie alle hier sie trugen, stand hinter der Tür und verlor sichtlich die Fassung als er Sherlock halbnackt auf dem Sofa stehen sah, nur in eine Decke gehüllt, den Stift in der Hand.

Er sah einige Male zwischen Robert und Sherlock hin und her. Sherlocks Blick verfinsterte sich. Rasch schloss er den Mund, schluckte und nahm Haltung an.  

„Entschuldigen Sie die Störung, Sir“, nickte er zu Sherlock, bevor er sich an Robert wandte.

„Ein Anruf für Sie, Robert“.

„Wer?“, blaffte Sherlock gereizt und unwillig. Es gab im Kloster keinen Handyempfang, doch scheinbar eine andere Leitung. Er hatte keine Lust auf ein Gespräch mit Matteo und Robert brauchte er jetzt als Schädel.

Er war mittendrin in einem Gedanken. Diese Störung passte ihm gar nicht.

„Junia, Sir“.

Innerhalb einer Sekunde war Sherlock bei der Tür und schubste den Fremden grob mit einem gefauchten „Los!“ in den Gang. Der konnte sich kaum auf den Beinen halten, legte dann aber ein akzeptables Tempo vor.

Sherlock zerrte Robert hinter sich her, hielt mit der anderen Hand die Decke an Ort und Stelle. Warum, verdammt, war er eigentlich nicht bekleidet? Er warf Robert einen wütenden Blick zu und beobachtete wie dieser sichtbar blass wurde.

Sie kamen in dem leeren, großen Raum an, den sie bereits kannten. Die Computerarbeitsplätze waren verweist, draußen war es noch stockdunkel. Sherlock schoss zu dem Tisch mit dem altmodischen Telefonapparat.

„Du! Raus!“, fauchte er den Fremden an, der neben der Tür stehen geblieben war.

Fluchtartig verließ der Mann den Raum und schloss die Tür.
Sherlock schluckte kurz und atmete tief durch.

„Junes?“

Eine Weile war es still. Sherlock schloss die Augen um sich besser konzentrieren zu können. Er hörte sie flach atmen. Er leckte sich über die Lippen.

„Junes? Hörst du mich?“

„FUCK! Was machst du da?“, brüllte sie plötzlich.

Sherlock unterdrückte wenig erfolgreich ein zusammenzucken und sah Robert im Augenwinkel wachsam und ruckartig den Kopf heben.

Er hörte sie heftiger Atmen. Beunruhigt presste er die Lippen zusammen.

„Junes, geht es dir gut? Wo ist John?“

Sie atmete tief ein und aus. „Wir sind raus. Es ist alles gut“.

Sherlock schloss die Augen. Würde er nicht genau wissen dass hier etwas ganz und gar nicht stimmte, wäre dies der glücklichste Moment in seinem Leben. Er spürte sein Herz in seiner Brust. Auf eine gute Art.

Doch irgendetwas an Junia war furchtbar falsch. Es bestand die Möglichkeit dass sein Herz dieses Gespräch nicht überlebte.  

„Wo seid ihr?“

„Die Frage ist, warum bist du, wo du bist?“, gab sie müde zurück.

Sherlock nickte mit geschlossenen Augen. Jetzt war er sich sicher. Sie war high. Der klang ihrer Stimme, der flache Atem, er kannte sie zu gut.

Er öffnete die Augen, fixierte Robert und legte eine Hand über den unteren Teil des Hörers.

„Ich will wissen von wo sie anruft!“, befahl er bevor er sich wieder auf Junia einstellte.

„Junes“, Sherlock bemühte sich um eine weiche Stimme, eine sanfte Tonlage. Er zwang sich ruhig zu bleiben. Junia war high sehr emotional und gleichzeitig leicht reizbar. Letzteres kannte er sehr gut von sich selbst – und auch er war derzeit alles andere als klar.

Er zwang sich das Tempo völlig aus der Stimme zu nehmen und hoffte dass er den erforderten Ton traf. Er dürfte jetzt auf keinen Fall scheitern.

„Seid ihr in Sicherheit?“

Es dauerte eine Weile, in dem er ihrem Atem zuhörte, doch dann antwortete sie.

„Ja. John geht es gut, Sherl“.

Sherlocks Herz zitterte erneut, schmerzte auf eine unbekannte Art, gleichzeitig löste sich ein Gewicht von seiner Brust.

„Aber du bist alleine?“, fragte er sanft.

Er funkelte Robert an, der sich immer noch nicht bewegt hatte und machte eine eindeutige Geste.

Am anderen Ende der Leitung hörte er geradezu, wie Junia mit sich selbst um jedes Wort rang. „Ja“.

Er atmete tief ein und aus und änderte seine Strategie. „Was hast du genommen, Junes?“

Er hörte sie atmen, hörte sie geradezu überlegen, während er selbst den Hörer erst in die linke Hand wechselte und dann an das linke Ohr hielt. Er hoffte die Frage würde ihm genug Zeit verschaffen.

Seine rechte Hand schnellte vor, krallte sich in Roberts Haar. Mit einem Ruck zog er den Mann grob nah vor sein Gesicht.

Robert hatte die Augen vor Schmerz und Angst weit aufgerissen. Seine Stimme war nur ein flüstern, kaum hörbar. „Es ist mir nicht erlaubt Junia zu orten“.

Sherlocks verzog keine Miene, als er Robert mit dem Gesicht voran auf die Tischplatte knallte und sofort wieder an den Haaren hochzog.

„Shore“, hörte er Junias Stimme leise.

Sherlock schloss die Augen und blendete Robert aus, der vor Schmerz keuchte und dem das Blut aus der Nase schoss.

„Mhmmm… und, ist es wie früher?“, brummte er mit einem sanften lächeln.

Er hielt den Hörer beiseite. Das lächeln verschwand aus seinem Gesicht, ein zweites Mal schlug er Roberts Kopf auf die Tischplatte bevor er ihn los lies und sich zu Roberts Ohr beugte.

„Wenn sie dieses Gespräch beendet ohne dass ich weiß von wo sie anruft, wird dir niemand helfen können“.  

„Ja, ist es. Nur du fehlst irgendwie“, er hörte das lächeln in ihrer Stimme. Erleichtert atmete er aus. Das war gut.

Sie atmete tief ein und aus. „Ich habe Mycroft angerufen. Er hat John abgeholt. Es geht John gut“, wiederholte sie.

Er sah aufmerksam zu wie Robert einen der Computer startete. Einen Arm hielt er unter die blutende Nase.

„Das ist gut. Ich weiß gar nicht wie ich dir danken kann. Wie geht es dir, Junes?“

„Ich bin so unglaublich müde“.

Er nickte stumm und trat hinter Robert, beobachtete wie er Zugangsdaten eingab und ein Programm öffnete.

„Warum bist du nicht bei John und Mycroft geblieben?“

„Warum bist du high?“, wollte sie wissen.

Überrascht blinzelte Sherlock. Aus der Richtung hatte er nichts kommen sehen. Eine kurze Stille folgte.

„Merkst du selbst, was?“, hörte er Junias resignierte Stimme.

Sherlock musterte mit zusammengekniffenen Augen das geöffnete Programm. Die Karte verengte sich kontinuierlich, das angezeigte Gebiet wurde immer kleiner.

„Junes. Du bleibst wo du bist. Ich komme und hole dich, hörst du?“, er versuchte den richtigen Ton zu treffen.
Entschieden, klar, autoritär, aber nicht zu bestimmend.

Offenkundig nicht die richtige Strategie.

Sherlock hörte nur noch ein knacken in der Leitung. Dann das Freizeichen.




In ihrer kleinen Bucht stand Junia mit beiden Füßen im nassen Sand. Welle für Welle umspielte ihre Knöchel. Mit einem zornigen Schrei warf sie das Handy ins Meer.
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