intra muros

von Nuxe
GeschichteFreundschaft, Schmerz/Trost / P18 Slash
Dr. John Watson Mycroft Holmes OC (Own Character) Sherlock Holmes
28.03.2019
09.12.2019
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Hallo ihr Lieben,

ich bin wieder da :-) und somit geht es auch hier weiter. Vielen Dank für eure lieben Kommentare, ich freue mich über jeden einzelnen!

Ich war übrigens vor ein Paar Tagen in der Baker Street... ich kleines Fangirl :-)

Viel Spaß mit Sherlock!


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Die Dämmerung hatte eingesetzt und die Gruppe Männer um den Tisch auf der Dachterrasse wurde von dezenten, warmen Leuchten aus den großen Pflanztöpfen illuminiert. Die offenen, bodentiefen Bogenfenster waren zum Wohnbereich geöffnet, auch im Wohnzimmer sorgen viel kleine, verteilte Lichtquellen für eine angenehme und wohnliche Stimmung.

Der stetige Wind war heiß und brachte keinerlei Abkühlung, es wirkte als würde Gott persönlich von oben mit einem Föhn einen warmen Strahl Luft auf die Männer um den Tisch richten.

Sherlock schwitzte. Er neigte eigentlich nicht zum Transpirieren, doch jetzt liefen ihm kleine Schweißtropfen den Nacken hinab, verließen die dunklen Locken, flossen unter seinen Hemdkragen, von dort tiefer, er spürte sie unter den Schulterblättern ebenso wie an den Handinnenflächen.

Der Abend verlief holpriger als er geplant hatte. Trotz seines Charismas. Trotz seines scharfen Verstands. Trotz der Vorbereitung mit Matteo – Sherlock log schamlos und riskant um nicht aufzufliegen und sein Herz raste.

Er wusste einfach noch zu wenig. Viel zu wenig.

Odd, Sergej und Arthur hatten glücklicherweise irgendwann (wie von Sherlock erwartet, doch leider unangenehm spät) ihr Interesse nicht mehr ausschließlich Sherlock gewidmet sondern waren zu anderen Themen gewechselt, nicht ohne ihn immer wieder ins Gespräch einzubeziehen, nach seiner Meinung und seiner Erfahrung zu fragen.
Die natürlich nicht vorhanden, ausschließlich theoretisch und vollständig phantasiert war.

Sherlock fühlte sich wie ein Kaninchen in einer unbekannten Versuchsreihe.

Das einzige was ihn etwas beruhigte war die mittlerweile recht offene und vertrauensvolle Atmosphäre zwischen den Männern.
Alle drei waren zweifellos mächtig und ohne Frage gefährlich, trotzdem war mehr Wärme an diesem Tisch zu spüren als Sherlock gewohnt war -Familientreffen bei den Holmes verliefen dank ihm und Mycroft nie so harmonisch.  

Odd berichtete von mal mehr, mal weniger guter Zusammenarbeit mit einer Partnerorganisation in Russland. Sergej klagte über seine Probleme mit Ländern, die das Schengen Abkommen nicht unterzeichnet hatten im allgemeinen und über Rumänien im Besonderen. Arthur war still und schweigsam, bis er irgendwann von einem Transportproblem berichtete, was er nicht erfolgreich lösen konnte. Es wurde still am Tisch, als Arthur den Blick senkte. „Nun, ich bin nicht weiter gekommen. Alex und Junia wollten sich darum kümmern. Sie haben von mir die notwendigen Luftaufnahmen erhalten, die Geländepläne und alle Koordinaten. Junia wollte sich ein persönliches Bild machen, Alex plante nachzukommen. Doch dann… kam der Unfall.“

Alle schwiegen. Sherlock hörchte interessiert auf. Kurz haderte er mit sich, doch er konnte die Frage nicht zurückhalten. „Wäre sie alleine gereist?“

Arthur schaute Sherlock überrascht an und überlegte. „Keine Ahnung. Wahrscheinlich nicht, nein. Robert wäre wohl dabei gewesen.“

„Matteo?“

„Nein, eher nicht. Warum fragst du?“

„Nur so“, Sherlock zwang seine Mimik in ein freundliches Lächeln.  

Ein vierstimmiges Piepen ertönte, unterbrach die nachdenkliche Stille. Odds Handy lag neben seinem Teller, er drehte es um auf das Display sehen zu können. Arthur nestelte seines aus der Hemdtasche, Sergej aus der Innentasche seines Jacketts, wo auch Sherlock sein Handy aufbewahrte.

Sherlocks Handy gab ein weiteres Geräusch von sich. Kurz darauf noch eines.

Drei Nachrichten.

Die erste Nachricht war von Matteo und scheinbar an alle vier Männer gesendet worden:

„E.R. aufgegriffen. Überführung nach B. bereits organisiert. Voraussichtliche Ankunft morgen Mittag. Hamish und Sergej werden erwartet.“

Die zweite Nachricht war ebenfalls von Matteo, doch augenscheinlich hatte nur Sherlock sie erhalten.

„Unglückliches Timing. Nimm Robert mit. Versau es nicht und flieg nicht auf. Viel Erfolg.“

Die dritte Nachricht war von einer anderen Nummer. Sherlock hob eine Augenbraue.

„Sherlock, raus da. Sofort. Ich meine es ernst. Wenn du jetzt nicht gehst kann ich dir nicht mehr helfen. MH“

Sherlock schloss einen Moment die Augen, stellte beide Füße fest auf den Boden, lehnte sich betont ruhig im Sessel zurück. Er schmunzelte zufrieden in die Runde. „Sergej, ich freue mich auf die Gelegenheit Sie besser kennen zu lernen.“

Auch Sergej hob die Mundwinkel für einen Augenblick, eine Geste die nicht seine Augen erreichte. Er klang gelangweilt und kalt. „Es wird mir sicherlich eine Freude sein.“

Plötzlich löste sich die Runde schnell auf. Hände wurden geschüttelt, Schultern geklopft und dann war Sherlock alleine.


Er ließ auf der Dachterrasse alles so wie es war, schloss lediglich die Glastüren. Auch die Lichter im Wohnzimmer löschte er nicht, nachdem er sich aus dem Kühlschrank in der Küche noch eine Flasche Wasser genommen hatte.

Er stieg die Treppe in den persönlichen Bereich hinauf und öffnete entschieden die Tür zu Matteos Räumen.

Das Zimmer war in dunklen Tönen eingerichtet. Matteo schien Farbe zu mögen, die Polstermöbel waren in schwerem, fast dunkelblauem Samt bezogen, ein riesiges, dunkelrotes Gemälde bedeckte fast eine gesamte Wand. Zwei der Wände waren in einem dunklen Grauton gehalten. Bett, Schreibtisch und Ankleide waren, ähnlich wie in Sherlocks Zimmer, aus dunklem Holz.

Sherlock stöberte über den aufgeräumten Schreibtisch und hielt vor einem gerahmten Zitat inne.
„Um Liebe zu machen, ist sehr viel mehr Genie nötig, als um Armeen zu kommandieren.“ Ninnon de Lenclos, Briefe“
Sherlock schmunzelte.

Er ließ seine Finger über Bücherregale und durch Kleidung gleiten, beäugte Bad und sah sogar unter das Bett, wo er zu seiner Überraschung einen Baseballschläger vorfand.
Sherlock schmunzelte als er Matteos Nachttischschublade öffnete und neben Ladekabel und Handcreme auch eine Handfeuerwaffe, mehrere Wurfmesser und einen offensichtlich alten Schlagring fand. Der Mann schien sich verteidigen zu müssen.

Eine Tür zwischen der begehbaren Ankleide und dem Badezimmer weckte Sherlocks Aufmerksamkeit. Er hatte an dieser Stelle keine Tür. Er öffnete sie und ein kleines, amüsiertes Grinsen entfuhr ihm. Sherlock stand zweifellos in Junias Zimmer. Ihre Räume waren ähnlich geschnitten wie Matteos und seine eigenen, jedoch weitaus heller eingerichtet.

Sherlock drehte sich um sich selbst als er durch ihr Schlafzimmer ging. Oh ja, das hier war Junia. Alles erinnerte ihn an ihre Wohnung in London. Moderne Kunst, doch nicht so düster wie bei Matteo, kräftiges pink, gelb und blau. Ihre Möbel waren ebenfalls leichter als bei Matteo, weiße Wände, weißes Holz, verspiegelte Kommoden und Nachtschränke, viel Glas.

Sherlock sah vor seinem inneren Auge das lichtdurchflutete Wohnzimmer in London, in seiner Erinnerung hörte er ihr warmes lachen, das klirren von Gläsern, sah die überall verteilten Bücher, ihre Kleidung, seine Geige auf der Kommode und das Tablett mit dem Kokain auf dem niedrigen Wohnzimmertisch, neben einer Vase mit frischen Rosen. Er selbst, high und grinsend, mit geschlossenen Augen auf dem hellen, wolkenweichen, flauschigen Teppich, den Kopf in Junias Schoß, ihre Finger in seinen Locken, sie streichelte kleine, sanfte Kreise Er brummte genussvoll. Freundschaft, Stille, Leichtigkeit. Ihre Stimme. „Sherl, hörst du mich?“.

Einige Minuten stand Sherlock so im Raum, berührte die weiße Bettwäsche, die verspiegelten Möbelstücke, fuhr über Gegenstände.

Automatisch trugen ihn seine Schritte zur Ankleide und er konnte ein dunkles Lachen nicht verbergen. Oh, die Schuhe. Er hatte die Schuhe immer gemocht.

Er riss sich los, beäugte auch ihren Schreibtisch, doch persönliches war nicht zu finden. Was hatte er erwartet?
Eine Fotografie seines Bruders?
Er zog Schubladen auf, schob seine langen Finger unter kühle Seide und zwischen warmen Cashmere. Er fand Wäsche, Bettwäsche, Handtücher. Er fand Schmuck, Hüte, Schals, einen ganzen Schrank voller Handtaschen. Er fand nichts Persönliches.

Sherlock legte die Hände zusammen, setzte sich auf Junias Bett, dachte nach. Die Abwesenheit von persönlichen Erinnerungen irritierte ihn. Junia war nicht unsensibel. Sie interessierte sich nur für kaum jemanden. Aber sie war durchaus feinfühlig, sie schätzte Erinnerungen, das wusste er. Doch wo waren diese Erinnerungen? Augenscheinlich nicht hier. Interessant. Wo fühlte sie sich wohl sicher genug diese aufzuheben, wenn nicht zu Hause?


Sherlock wurde einige Stunden später von kontinuierlichem klopfen aus seinem Gedächtnispalast gerissen. Er hatte sich dort in Johns Raum aufgehalten, dort wo er seine Erinnerungen sorgsam archivierte. Eine nach der anderen hatte er angesehen, gefühlt, genossen. Das hätte er nicht tun sollen, es machte ihn traurig, verwundbar, unkonzentriert. Sah er jetzt auch so, doch vor einigen Stunden war es ihm wie eine großartige Idee erschienen.

Desorientiert fuhr er auf.  

„Hamish?“

Er seufzte, schob erst die Füße aus dem Bett, dann den Rest. Wickelte sich in seinen Morgenmantel bevor er seine Zimmertür aufriss.

Robert beäugte ihn. „Entschuldigung. Ich wusste nicht das du schläfst.“

„Ich habe nicht… egal.“ Er sah den anderen Mann auffordernd an. Robert wirkte offenkundig besorgt.

„Wir müssen abreisen. Willst du vorher etwas essen?“

„Tee.“, er knallte die Tür mit Schwung vor Roberts Nase zu.

Als er kurze Zeit später, geduscht und angezogen, die Treppe herunterkam brauchte er einen kleinen Moment seinen neutralen, gelassenen Gesichtsausdruck nicht zu verlieren.

Das Untergeschoss war voller Menschen.
Sergej thronte auf einem der Sofas, hatte den großzügig bemessenen Wohnzimmertisch sowohl mit Frühstücksutensilien als auch mit Papier, Akten, drei Laptops und irgendwelchen Plänen bedeckt. Er diktierte einem jungen Mann irgendetwas, dieser kritzelte hektisch auf einen Block.

Weitere Männer befanden sich auch rauchend und leise schwatzend auf der mittlerweile wieder aufgeräumten Dachterrasse, im Flur sowie im Küchenbereich, wie er mittlerweile feststellte.
Jeder schien mit etwas beschäftigt. Sie standen in Gruppen zusammen und besprachen Zeitpläne auf Listen, telefonierten, unterhielten sich angeregt.

Eine warm lächelnde, ältere Dame schob ihm ein kleines Tablett mit schwarzem Tee, Milch, Keksen und einem großen Glas Wasser über die Küchentheke zu. Sie zwinkerte ihm freundlich zu, doch bevor er ein Gespräch beginnen konnte unterbrach ihn Robert.

„Kommst du?“

Sherlock nickte und folgte Robert in die Büroräume. Hier war die Lautstärke gedämpfter, das Chaos verschwand hinter der sanft ins Schloss fallenden Tür. Sie waren alleine.
Robert wies auf die beiden Sessel in denen sie bereits am Vortag gesessen hatten, bevor sie durch die anderen unterbrochen worden waren.

„Okay. Was ist hier los?“, fragte Sherlock unverblümt.

„Ja. Ich dachte das du fragst.“, während Sherlock sich setzte suchte Robert einige Papiere am Schreibtisch zusammen, brachte sie dann zum Sitzplatz und setzte sich Sherlock gegenüber.

„Matteo sagte mir ich soll dich auf den Stand bringen. Es ist so. Wir stellen seit längerer Zeit gewisse Ungereimtheiten fest. Zuerst dachten wir es handelt sich um einen Fehler, doch es ist mittlerweile klar: jemand betrügt uns. Es hat fast zwei Jahre gedauert bis wir eine gewisse Kontinuität, ein Muster feststellen konnten.“

„Warum so lange?“

„Nun, in manchen unserer Geschäfte ist es einfacher so etwas auszumachen als in diesem speziellen. Nehmen wir zum Beispiel Drogen oder Waffen so haben wir exakte Mengen, der Transport ist genau kalkuliert und natürlich lässt sich dies alles bei der Ankunft der Ware leicht überprüfen. Alles konstant und, im Rahmen des Möglichen, sicher. Bei dieser Ware können Schwankungen nur auf einem Weg entstehen. Jemand bedient sich unbefugt an der Ware, nimmt es mit der Menge nicht so genau… solche Dinge.“

Sherlock nickte.

„Gut. Im Gegensatz zum Handel mit Ware ist die Beschaffung, der Transport und die weitere Vorgehensweise bei Menschen deutlich schwieriger.
Vor allem im Transportbereich kam es zu den genannten Unstimmigkeiten, die jedoch gewisser Weise gewöhnlich sind. Menschen sterben, Menschen verschwinden, laufen weg. Nun, auffällig wurde es als immer wieder junge Frauen nicht an ihrem Zuführort ankamen. Du musst wissen, wir sind nicht am klassischen Menschenhandel beteiligt, unser Modell ist ein etwas anderes. Die Details sind für dich an dieser Stelle nicht wichtig – letztlich konnte zweifellos festgestellt werden dass auf dem Transportweg etwas nicht läuft wie es soll. Das bedeutet wir werden betrogen und das wiederrum ist schlecht.
Wir haben lange und geduldig gewartet um zweifellos an den Kopf der Sache zu kommen. Er wurde identifiziert, aber nicht gefunden. Wir suchen ihn seit einem Jahr. Gestern wurde er gefasst.“

„Menschenhandel.“, resümierte Sherlock tonlos.

Robert schüttelte den Kopf. „Nein, das ist so nicht korrekt. Nenn es gar nicht erst so, Junia mag das nicht.“

„Wo liegt der Unterschied?“, murrte Sherlock.

„Nun“, Robert hob beide Augenbrauen „an der Freiwilligkeit der Ware. Wir entführen nicht, wir kaufen nicht. Wir arbeiten transparent. Die Menschen kennen die Bedingungen und erhalten die Möglichkeit ihre Unkosten die durch Transport, Unterkunft, Verpflegung und ähnliches entstehen, abzuarbeiten. Sie wissen worauf sie sich einlassen. Wir sind verlässlicher als Schmuggler oder Schleuser, die vorher abkassieren und die Menschen dann ihrem Schicksal überlassen. Wir bieten die Gelegenheit die Kosten abzuarbeiten, was den Menschen eine gewisse Sicherheit garantiert. Wir würden schließlich nichts verdienen wenn alle auf dem Transportweg sterben.“

„Und wo landen sie?“

„Je nachdem wo man sie einsetzen kann. Prostitution und Tätigkeiten in durch uns organisierten Clubs, Restaurants und Bars sind ein Teil. Ein anderer wird in Privathaushalten eingesetzt oder nach diversen Bedarfen weitervermittelt.“

„Was ist wenn es sich jemand anders überlegt?“

Robert sah Sherlock intensiv an. „Keine Option. Wer zusagt muss da durch oder wird unschädlich gemacht. Anders überlegen gibt es hier nicht, das wäre zu gefährlich für die Transportwege, die Leute die wir bestechen, das gesamte System.“

Sherlock nickte knapp. „Wie geht es jetzt weiter?“

„Nun, du kommst ins Spiel, Hamish. Betrug wird auf höchster Hierarchieebene bearbeitet und wir müssen alles erfahren. Alex ist der Verhörspezialist gewesen. Doch Matteo versicherte mir heute Morgen das du ihm in nichts nachstehst. Daher brechen wir gleich in einen unserer Stützpunkte auf. Unser Kopf des Betrugs wird dort auf dich warten. Brauchst du etwas Bestimmtes?“, Roberts Ton war professionell geworden, erwartungsvoll blickte er Sherlock an.

„Nein“, beeilte sich Sherlock zu sagen. „Wird schon gehen. Ich improvisiere im Notfall.“
Verdammt. Ja, er hatte schon unschöne Dinge getan um an Informationen zu kommen. Doch immer im Jagdfieber, aufgeputscht und impulsiv – geplant gefoltert hatte er noch nie und wenn er ehrlich war ging ihm der Arsch auf Grundeis.

Er verdrängte dunkel und drängend aufsteigende Erinnerungen an sich selbst in einem dunklen Keller tief in ein Zimmer seines Gedächtnispalasts und Schlug die Tür zu.

„Gut. Ich habe dir alle Fragen zusammengestellt.“, Robert hielt Sherlock mehrere sorgfältig beschriftete Papiere hin. Sherlock wedelte verdrießlich mit der Hand, was Robert dazu veranlasste die Unterlagen bei sich zu behalten.

„Was hat Sergej damit zu tun?“, verlangte Sherlock zu wissen, bemüht um den kühlen, autoritären Tonfall den Robert gut annehmen konnte.

„In seinem Zuständigkeitsbereich sind die Unstimmigkeiten aufgetreten. Er ist somit offiziell verantwortlich. Du bist höher gestellt und somit ihm gegenüber weisungsbefugt. Er wird die Exekution durchführen, wenn du das willst, mit dir die weiteren Schritte absprechen und für inhaltliche Fragen zu Verfügung stehen. Er kennt sich zudem intensiv mit der Thematik aus und kann hoffentlich beurteilen ob der Gefangene die Wahrheit sagt.“

Sherlock nickte knapp. „Ich will dass du mich begleitest.“

„Ich?“, Robert verbarg seinen Schreck nicht. Er wurde blass. Er schluckte. „Hamish, ich bin nur der Assistent…“ – Sherlock unterbrach ihn grob.

„Irrelevant!“, fauchte er den jüngeren an. „Matteo und Junia sind nicht hier, du hast nichts zu tun. Du stehst mir zu Verfügung. Los!“

Sherlock sprang auf, zerrte den nun blassen Robert Grob auf die Beine. Dieser griff hektisch nach den Unterlagen.

Wortlos zerrte Sherlock Robert durch Flur, Küche und Wohnbereich. Sergej und sein junger Mitarbeiter stellten die Unterhaltung ein, einer der Sicherheitsmänner riss hektisch die Wohnungstür auf. Sherlock schlug auf den Aufzugknopf.

Wenige Minuten später quälten sie sich durch den dichten Verkehr stadtauswärts. Während Robert immer noch etwas verdattert und unnatürlich blass wirkte, doch ruhig den Wagen lenkte, hatte sich Sherlock entspannt in den tiefen Ledersitz sinken lassen und atmete tief und ruhig, schien völlig abwesend aus dem Fenster zu schauen.

Als er das Wort an Robert richtete, zuckte dieser merklich zusammen.

„Was wolltest du mir gestern Abend sagen?“

Robert zog den Kopf etwas mehr zwischen die Schultern. „Es ist nichts, Hamish.“, murmelte er.

Sherlock rollte die Augen „Lass das jetzt. Na los doch!“, blaffte er den verschreckten Mann an.

Sherlock sah Robert schlucken. Er sah den leichten Schweißfilm auf der Stirn, das nervöse blinzeln. Die angespannten Knöchel um das Lenkrad. Er sah alles, wie immer. Roberts Anzug war ebenso neu wie seine Schuhe und sein Hemd, er legte Wert auf einen guten Eindruck. Modisch und gepflegt, er passte perfekt zu Junia und Matteo. Keine Kinder, keine Haustiere, keine anderweitigen Verpflichtungen. Loyal und bisher kein allzu großer Idiot. Robert wusste einiges und er würde es ihm jetzt sagen, ob er wollte oder nicht. Sherlock hatte sehr wenig Zeit und war sehr, sehr ungeduldig.

Sherlock zog bedrohlich die Augenbrauen zusammen, lehnte sich über die Mittelkonsole des Sportwagens bis er sehr nah an Roberts ängstlichem Gesicht war.

Der Mann warf Sherlock einen schnellen, angsterfüllten Blick zu, wirkte als hätte sein letztes Stündlein geschlagen.

Innerlich grinste Sherlock belustigt. Matteo scheute sich sicherlich nicht selbst Hand an seine Angestellten zu legen, seine bedrohliche, gewalttätige Aura hatte Sherlock noch allzu gut vor Augen. Es war ein großer Vorteil wenn man den Führungsstil eines anderen so gut kannte, somit wusste man mit welchen Methoden Mitarbeiter funktionierten.
„SOFORT!“ brüllte er herrisch.

Robert hatte sich keinen Zentimeter bewegt, die Augen auf die Fahrbahn gerichtet. Er war lediglich noch eine Nuance blasser geworden, atmete eine Spur hektischer, schwitzte jetzt, doch versuchte die Angst immer noch mit allen Mitteln zu verbergen.

Sherlock ließ sich wieder in seinen Sitz sinken.

Sofort holte Robert tief Luft. „Hamish, du sagtest du bist ein Freund von Junia. Daher fühlte ich mich befugt dir meine persönliche Sorge mitzuteilen. Wie du weißt arbeite ich schon lange für Junia und Matteo.“, voller Sorge wagte er einen Seitenblick zu Sherlock.

„Weiter“, brummte dieser herrisch, den Blick aus der Frontscheibe gerichtet.

Robert nickte hastig. „Die Natur meiner Aufgabe bringt es mit sich das ich Einsichten in private und persönliche Belange habe. Ich verbringe viel Zeit mit Junia auch Matteo. Ich sorge für ihr Wohl und habe daher über die Jahre natürlich auch gewisse Vorlieben und Gewohnheiten erfahren. Du sagtest… du sagtest Junia sei das erste Mal Witwe… und du hast natürlich recht, selbstredend… und doch… und doch… komme ich nicht umhin daran zu zweifeln das es ihr gut geht… denn… denn…“, Robert stockte, stotterte und stammelte unsicher.

Sherlock seufzte tief, rollte die Augen und wünschte sich er hätte ihn nicht allzu grob angefasst. Das hatte er nun davon. Wie nervig.
Er versuchte seinen Tonfall dieses Mal ein wenig ermunternder klingen zu lassen, stellte sich vor wie John in einer solchen Situation mit einem Klienten sprechen würde. Er hasste es. John war gut darin. Tief atmete er aus bevor er beide Mundwinkel ruckartig nach oben zog.  
„Ja?“, versuchte er John zu imitieren.

Kurz blinzelte ihn Robert aus den Augenwinkeln an. „Es sind… für dich sind es sicher alberne Kleinigkeiten… doch ich weiß das es Junia wichtig war, jedes Jahr. Ich habe einfach das Gefühl… sie hätte es nicht vergessen. Das… es passt so gar nicht zu ihr.“

Erneut zwang sich Sherlock zu einer freundlichen Imitation von John, einem leicht aufmunternden Tonfall. „Nein, das ist tatsächlich interessant. Welche Kleinigkeiten zum Beispiel?“

„Nun… vor zehn Tagen war der Geburtstag ihres Großvaters. Sie hat ihn gefeiert, jedes Jahr, egal wo sie war. Sie hat ihn nicht einmal vergessen. Sie hat immer Blumen bestellt und zum Grab liefern lassen. Dieses Jahr… dieses Jahr gab es keine Blumen. Das hätte sie nicht vergessen.“

Sherlock schloss die Augen. Ja. Natürlich. Das war verdächtig. Doch im Gegensatz zu Robert wusste Sherlock natürlich warum das Grab auf Blumen verzichten musste. Junia weilte unfreiwillig irgendwo mit John und wenn er Pech hatte waren die Entführer nun dazu übergegangen blutige Namen von Fremden auf seinem Freund zu hinterlassen.

Sherlock knirschte mit den Zähnen.

„Wie hast du diesen Job bekommen?“, quetschte er heraus. Er erschrak selbst über seine gequälte Stimme.

Robert schüttelte sofort hektisch den Kopf. „Nein, darüber kann ich nicht reden.“

Sherlock knurrte gereizt. Der andere schauderte, biss sich auf die Lippen. „Hamish, nein, ich kann wirklich nicht. Ich darf nicht.“

Genervt seufzte Sherlock. Er musste hier langsam weiter kommen. Er griff zu seinem Handy. Matteo meldete schon nach kurzem klingeln.

„Ja?“

„Matteo, ich bin mit Robert auf dem Weg zum Stützpunkt. Ich stelle unser Gespräch jetzt auf die Freisprecheinrichtung um.“

„Gut.“, Matteo klang völlig desinteressiert, nun hallte seine Stimme im ganzen Wagen.

„Ich will wissen wie Robert zu seinem Job gekommen ist. Er sagt er darf darüber nicht sprechen.“

Matteo schwieg. Lange.

Doch dann antwortete er. „Gut. Robert, beantworte seine Fragen.“

Wenn es möglich war schien der junge Mann gerade noch erschrockener als schon zuvor.

„Noch etwas?“, fragte Matteo gereizt.

„Nein. Danke.“, blaffte Sherlock knapp bevor er das Gespräch beendete und sich Robert zuwandte.

„Jetzt rede endlich.“

Sherlock sah zu wie Robert tief atmete um sich zu beruhigen. Er zwang sich zur Geduld. Nach Minuten, die sich für Sherlock endlos anfühlten, schien er sich ausreichend gesammelt zu haben. Langsam begann er zu erzählen.
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