intra muros

von Nuxe
GeschichteFreundschaft, Schmerz/Trost / P18 Slash
Dr. John Watson Mycroft Holmes Sherlock Holmes
28.03.2019
12.07.2019
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John lag nur wenige Minuten wach neben Junia im Bett bevor sein Körper seinen Geist überwand und er in einen tiefen, traumlosen Schlaf fiel.
Jahre als Arzt und Soldat hatten ihn genau für solche Situationen trainiert und John konnte den Schlaf immer noch abrufen, wenn die Gelegenheit sich bot und ein gewisses Maß der Erschöpfung erreicht war. Diese Art der Ruhe war nie besonders lang oder tief, lediglich essenziell was das weitere Existieren anging.

Dementsprechend öffnete er auch schon einige Stunden später die Augen. Da er die Vorhänge zugezogen hatte war der Raum noch leicht verdunkelt, doch draußen schien eindeutig die kräftige Mittagssonne.
John schwitzte, es war heiß, feucht und stickig in dem kleinen Zimmer. Seine Kleidung klebte unangenehm verschwitzt an seiner Haut, er zog sich den klammen Stoff von der Brust. Eklig. Doch was hätte er tun sollen? Nackt neben Junia schlafen? Keine Alternative. Dafür war John eindeutig zu konservativ und Junia eindeutig zu… traumatisiert.

Während er vollständig bekleidet auf der Decke, nah am Rand des Bettes, geschlafen hatte, hatte Junia selbst sich offensichtlich nicht nur des Shirts sondern auch der Jogginghose entledigt, schlief auf dem Bauch, hatte sich scheinbar nicht bewegt seit er die Wunden behandelt hatte.
John betrachtete den nackten Rücken, die Salbe war eingezogen. Er konnte ihre Rippen zählen, die Wirbelsäule und Schulterblätter zeichneten sich deutlich ab. Verdammt, sie mussten mehr essen.
Überhaupt essen.
Appetit war eine weit entfernte Erinnerung, momentan war er im Überlebensmodus und er ging davon aus das es Junia ähnlich ging. Ein geteilter Drang weiter zu existieren in einer erzwungenen Gemeinschaft.
John seufzte als er noch einmal die Schnittwunden mit Medizinerblick inspizierte und wandte die Augen entschieden ab. „Dieses Thema bringt dich jetzt nicht weiter, John“, befahl er sich innerlich entschieden. Er wollte es vermeiden an all das momentan Unaussprechliche zu denken.
An ein Motiv für ihre Entführung. An die Gründe für ihre Namen in Junias Rücken. Ihm war klar, bald würde er sie dazu bringen müssen mit ihm darüber zu reden, schon wegen der gemeinsamen Sicherheit.

John konzentrierte sich gedanklich lieber auf den vergangenen frühen Morgen.
Seine Startversuche der Kommunikation waren von Junia überraschend gut aufgenommen worden. Sie schien sich auf einen spielerischen Ansatz einlassen zu können. Er sprach sich selbst Mut zu weiter in dieser Form fortzufahren und begab sich unter die Dusche.

Unter dem warmen Wasser wurde John bewusst dass er an Gewicht verloren hatte. Sein Körper wirkte definierter, schmaler als zuvor. Jedoch konnte er ein paar Kilo weniger gut verkraften während Junias schlanker, starker Körper, der John zu Beginn ihrer Begegnung an eine Tänzerin erinnert hatte, derzeit bedenklich ausgezehrt wirkte. Sie mussten raus aus dieser Wohnung und unbedingt die notwendigen Einkäufe erledigen und Nahrung zu sich nehmen.
Während das warme Wasser seine Muskeln entspannte und lockerte erstellte John eine imaginäre To Do Liste.

Planen und durchführen, das war sein Ziel für heute. Im Idealfall ohne einen Nervenzusammenbruch – der mit Sicherheit eher aufschoben als aufgehoben wäre. John kannte sich aus. Sie waren in einer Extremsituation, schon sehr lange. Über kurz oder lang würde Junias und seine Psyche reagieren, eine Frage der Zeit.
Er betete dass er nicht der erste sein würde.  

Das erste Mal seit langer Zeit sah sich John einige Minuten später bewusst im Spiegel an, fuhr sich über den Bart. Ein ungewöhnlicher Look für ihn, nie hätte er es in Erwägung gezogen Vollbart zu tragen. Doch für seine aktuelle Situation war diese äußerliche Veränderung vielleicht gar nicht so schlecht. Zumindest würde er nicht so einfach zu erkennen sein. Auch sein Haupthaar war länger geworden und John befürchtete auch grauer… doch damit wollte er sich lieber nicht aufhalten.

Als er, wieder vollständig angezogen, aus dem Badezimmer trat traf er Junia wach an. Sie stand vor dem Fenster und sah konzentriert in den Himmel, trug, wie John, Shirt und Jogginghose, beides viel zu groß für sie. Die verworrene, blonde Mähne hatte sie zu einem Knoten im Nacken geschlungen.
John musterte sie seufzend. Sie würde so richtig auffallen. Die ungekämmten Haare waren eine Sache, die blauen Flecken und dazu die unpassende Kleidung eine ganz andere. Oh Gott. Die missbilligenden Blicke der Menschen auf ihnen konnte er sich schon vorstellen.

„Du brauchst dringend etwas zum Anziehen“, sprach er sie an, worauf sie sich zu ihm umwandte. Nicht erschrocken, wie er zufrieden registrierte, sondern gefasst und fast wieder in ihrer ehemaligen Eleganz. Ihre grünen Augen leuchteten. Auch ihr hatte der Schlaf gut getan, sie wirkte erholter, doch John erkannte die latente Nervosität in dem trommeln der Finger auf dem Fensterbrett.

„Mhm. Du auch.“  

„Was sonst noch?“, fragte John. Fragen war schon vorhin erfolgreich gewesen und Junia schien erneut ein wenig aufgelockert werden zu müssen.

„Haarbürste, ein Paar Pflegeprodukte, Zahnbürsten. Eine Drogerie reicht.“

„Also los.“

Junia nickte nur knapp.

John packte noch die Verbandssachen und die Waffe in die schwarze Sporttasche. Er registrierte das Junia während seiner Zeit im Bad Schmerztabletten eingenommen hatte und setzte Nachschub auf seine mentale Einkaufsliste.

Entschieden zog er die Wohnungstür hinter sich ins Schloss. Fasziniert beobachtete er wie Junia innehielt und die flache Hand kurz an die Tür legte. Er meinte sie „Ciao Wohnung“, murmeln zu hören, doch das war sicher ein Irrtum.

Er folgte ihr die Treppe hinunter und konnte mit jedem Schritt, jeder Stufe die zunehmende Veränderung spüren.
Sie richtete sich noch gerader auf, straffte die Schultern, schien plötzlich eine Welle kalter Unnahbarkeit auszustrahlen und als sie vor der Haustür, die auf die ruhige Straße führte, unerwartet zögerlich inne hielt und sich zu ihm drehte, war ihr Gesicht eine kalte Maske. Verwunden war der warme Ausdruck in den Augen.
Ihr Blick flog hektisch zu John, dann wieder zu Tür. John. Tür. John. Tür.

John musterte Junia. Mittlerweile war er schon vertrauter mit ihr, konnte die kurzen nonverbalen Signale besser deuten. Zögern und starrer Blick bedeutete Angst.

Er warf sich entschlossen die Tasche über die Schulter, sie war nicht schwer. Entschieden griff er mit einer Hand nach Junias Hand und öffnete mit der anderen die Haustür.
Sie entzog ihm ihre Hand nicht. Sie wies ihn nicht zurück. Er sah sie nicht an und trat auf die Straße. Sie folgte ihm wie ein Schatten.




John fand relativ schnell ein Einkaufzentrum und zog Junia beherzt in eine Filiale einer internationalen Modekette die für ihre erschwingliche Kleidung bekannt war. Sie hatte kein Wort gesagt seit sie die Wohnung verlassen hatten, war John still und fügsam gefolgt und hatte ihn keine Sekunde losgelassen.

John sah sie prüfend an und löste dann seinen Griff. „Such dir zusammen was du brauchst, ich begleite dich. Wenn du fertig bist gehen wir in die Herrenabteilung.“ Sie nickte und lies ihren Blick über die Verkaufsfläche schweifen.

Junia war erfreulicherweise schnell und effektiv. Systematisch und völlig konzentriert stöberte sie durch die Gänge. John folgte ihr durch den Laden, die Umgebung wachsam im Blick. Ihm war nicht entgangen das sie beide, wie erwartet, durchaus Blicke auf sich zogen.

Sie gaben ein schräges Paar ab und während er in Jogginghose und Shirt, je nach Betrachter, von verwahrlos über leger bis zu exzentrisch zu wirken schien, machte Junia einen eindeutig hilfebedürftigen Eindruck. Sie trug viel zu große Flip Flops, Männershirt und Jogginghose machten es nicht besser. Glücklicherweise zeigte sie nicht viel Haut, doch auch die nackten Unterarme waren nicht frei von blaugelbgrünen Hämatomen, die jeder mit ein bisschen Ahnung als das Erkennen würde was es war: Halte- und Griffspuren.
John wurde von den wenigen anderen Kunden nicht gerade wohlwollend gemustert.

Kurze Zeit später durchwühlte John auf ähnliche Art, jedoch weit weniger souverän, die Herrenabteilung. Sie zahlten und ließen alle Schilder von einer desinteressierten jungen Frau entfernen bevor sie in den Toiletten des Einkaufscenters verschwanden.

John war in Sekundenschnelle in eines der schwarzen T-Shirts, die er im Fünferpack erstanden hatte, und eine blaue Jeans geschlüpft und wartete auf Junia.

Die Veränderung überraschte selbst ihn. Als sie aus dem Toilettenbereich auf ihn zukam hätte er sie fast nicht erkannt. Sie trug zu goldfarbenen, flachen Sandalen ein weißes T-Shirt mit langen, leicht aufgerollten Ärmeln, dazu eine enge blaue Jeans. Eine große Sonnenbrille steckte in ihrem Haar, was noch immer im Nacken geknotet war, nun aber statt verworren eher aufregend wild wirkte.
John blinzelte. Von der leicht wahnsinnigen, leicht paranoiden und definitiv merkwürdigen Frau von eben war nichts mehr zu sehen. Im Gegenteil, die schlichten Kleidungsstücke standen ihr gut und komplimentierten ihre attraktiven Gesichtszüge.

„Oh wow, du siehst super aus. So… normal.“, brachte John hervor.

Sie grinste ihn an. „Ich bin mir nicht sicher ob „normal“ ein Kompliment ist. Trotzdem danke - shoppen ist eines meiner größten Talente.“

„Was gehört sonst noch dazu?“, grinste er.

„Liebäugelst du mit einem Wechsel auf die dunkle Seite John?“, grinste sie zurück.

„Fürs erste wäre mir die nahrhafte Seite genug.“

John erstand zuerst ein Prepaid Handy und kurz darauf in einer Bäckerei eine wilde Auswahl an Gebäck und belegten Brötchen, weil Junia außer „Kaffee“, keinen Ton sagte und inzwischen erkennbar mit leichter Panik kämpfte.
Besorgt musterte Johns sie. Er ging davon aus das die unruhige Umgebung und die vielen Menschen, die auch ihm zusetzten, die Ursache sein könnten.

Er zwang sich innerlich entspannt und ruhig zu bleiben, führte Junia schnellstmöglich aus dem Einkaufszentrum in den kleinen, gegenüberliegenden Park den sie bereits auf ihrem Hinweg durchquert hatten, und drückte sie auf eine ruhige Bank, die abseits der Wege unter einem schattigen Baum stand.

„Du musst essen.“, John hielt ihr auffordernd zwei Sandwiches hin. „Käse oder Lachs?“

Junia katapultierte sich nach einigen Sekunden aus ihrer reglosen Starre, schien John zu registrieren und griff nach dem Lachssandwich, wickelte es aus dem Papier und starrte es missmutig an.

John schüttelte den Kopf, vertilgte zwei Sandwiches, einen Muffin und einen Tee bevor er zufrieden die Augen schloss. Auch Junia hatte ihr Sandwich bewältigt.

Zufrieden hakte John auch diesen Punkt von seiner imaginären To-Do Liste ab. Kleidung besorgt, sich zurück in normale Menschen verwandelt, Mobiltelefon erstanden, gegessen. Unbewusst nickte er mit dem Kopf, drehte das Handy in der Hand. Nächster Punkt:
Sherlock anrufen.

„Was wirst du ihm sagen?“, riss Junia ihn aus seinen Gedanken.

„Ähm… ich denke das es uns gut geht… fürs erste.“, murmelte John. Plötzlich überraschte ihn die Unsicherheit. Was würde er Sherlock sagen? Ein Teil von John, ein sonst sehr gut versteckter Teil, hatte einige Botschaften für Sherlock.

Ich liebe Dich.
Ich hatte so Angst Dich nie wieder zu sehen.
Ich habe furchtbare Dinge getan.
Ich habe Dich mit Junia gesehen.
Warum, Sherlock? Warum?
Ich habe verwirrende Gefühle.
Ich habe Angst.
Ich will Dich.
Ich will uns.
Ich will uns nicht zerstören.
Ich will Dich nicht verlieren.
Willst Du mich?
Oder willst Du Junia?

Fest presste John die Lippen zusammen und wischte energisch all diese Gedanken zurück an ihren dunklen, sandigen Ort, versuchte sich zusammen zu reißen, die Gewalt über sich zu behalten.

Im Augenwinkel sah er Junia, die ihn nicht aus den Augen lies. Natürlich. Wenn er sie mit den Gedanken gerne gottweißwo hätte, weggetreten und desinteressiert, war sie hellwach. Fantastisch.

Einige Male atmete er tief durch.
„Ich sage ihm wo wir sind und das es uns gut geht. Das wir uns auf den Weg nach Hause machen. Ich sage ihm dass wir vor den Geheimdiensten gewarnt wurden und er mit niemandem über unseren Anruf sprechen soll.“

John sah Junias kaum sichtbares nicken. „Gut.“

John atmete entschieden durch und wählte die Handynummer, die er so gut kannte.
Sofort ertönte Sherlocks dunkle Stimme, knapp und ohne jegliche Emotion. Die Mailbox traf ihn wie ein Eimer kaltes Wasser. Johns Herz raste unangebracht. Er legte auf. Er unterdrückte die Tränen und schämte sich sofort.

Er sah in Junias grüne Augen. Sie wirkte… betroffen. John hoffte er sah nicht so erbärmlich aus wie er sich fühlte. Warum fühlte er sich so? So… enttäuscht?




Junia zwang sich zu einem tiefen, beruhigenden Atemzug. Die verdammte Mailbox. Wo war Sherlock?

Unsicher versuchte sie von Johns Gesicht die Gefühle abzulesen, seine Reaktionen korrekt zu deuten. John war auch diesbezüglich verwirrend, einerseits emotional und sehr offen, andererseits aber auch durchaus wechselhaft. Oft wurde Johns vorherrschender Gemütszustand gut verborgen unter einer Schicht aus Freundlichkeit, Optimismus, Entschlossenheit. Doch das waren nicht seine wirklichen Empfindungen. Die lagen tiefer, viel, viel tiefer. Stille Wasser waren tief. Und oft dunkel, wie sie nur zu gut selbst wusste. Kannte John seine eigene Dunkelheit?

Junia sah einem kleinen Hund nach, der über die Wiese tobte. Sie hatte sich damit abgefunden das John Sherlock über ihre Befreiung informieren wollte. Es war ihr völlig egal, denn sie konnte sowieso nicht einschätzen oder beeinflussen wie Sherlock mit dieser Information umgehen würde und wenn Junia eines konnte dann war es die Gegebenheiten, die sie nicht ändern konnte, zu akzeptieren.

Es war durchaus im Bereich des Möglichen, dass Sherlock umgehend Mycroft informierte.
Es war aber ebenso möglich dass er es nicht tat.

Sherlocks Reaktion hing davon ab, was in Johns und ihrer Abwesenheit vorgefallen war. Mit Sicherheit hatte Johns und ihr Verschwinden Trubel verursacht. Ein bunter Strauß an Möglichkeiten.
Sie machte sich keine Illusionen.
Sherlock, Mycroft und Matteo waren eine Kombination die nur eskalieren konnte.

Während John scheinbar nur die Geheimdienste, vor denen sie gewarnt worden waren, fürchtete, war Junias Liste an unbekannten, potentiellen Feinden weitaus umfassender.
Ihr war klar das Matteo sie suchen würde, rasend vor Sorge und Wut und doch wahrscheinlich nur sehr dezent, im geheimen. Er würde niemals öffentlich zugeben dass sie entführt worden war. Das würde sie zum Freiwild machen, eine begehrte Trophäe jedes Schwerkriminellen, jeder Organisation und ein Zeichen seiner Schwäche.
Mycroft würde John und sie ebenso suchen, auch er würde sich Sorgen, zweifellos.

Doch das wirkliche Rätsel war ihre Befreiung. Ein recht paranoider Teil in ihr bildete sich immer wieder kurz ein dass es ein Trick gewesen war, ein Teil der Folter. Nur vordergründig befreit um wieder eingesperrt zu werden. Der Gedanke machte ihr Angst. Entschieden schüttelte sie den Kopf.

Oh nein, sie musste sich auf ihr derzeitiges Problem konzentrieren. Auf Sherlocks John.
Der oberflächlich ruhig wirkte, doch sie ließ sich nicht täuschen. Sie spürte seine Unsicherheit, seine Angst, Zweifel. Eine ungute Kombination die John irgendwann wohl ausleben musste – das wollte sie vermeiden.

Denn es ging ihr wirklich nicht gut. Ihr Körper schmerzte, doch auch emotional fühlte sie sich alles andere als wohl. Sie war für sich noch nicht weiter gekommen. Ihr Plan bestand darin John nach London zu schaffen, zu Sherlock und in Sicherheit.
Doch dann?
Sie könnte wieder verschwinden. Verschwinden und ihre Wunden lecken.

Und wo verdammt war eigentlich Sherlock?  




Der Nachmittag schritt voran und John und Junia hingen gemeinsam inmitten des Parks ihren Gedanken nach, sprachen nicht, sahen sich nicht an.

Sie saßen nebeneinander auf ihrer schattigen Bank, John hatte eine Hand auf der Sporttasche, Junia saß still wie eine Statue, ihre Augen verfolgten aufmerksam die Passanten.

Als John schließlich zum Aufbruch drängte hatte er noch nicht die Energie gefunden weitere Punkte seiner inneren Liste anzusprechen. Dafür hatte er noch drei Mal die vertraute Nummer gewählt. Ohne Erfolg.

Am Bahnhof erstanden sie am Automaten zwei Tickets für den Nachtzug nach Split und John deckte sich noch einmal umsichtig mit Proviant ein.
John beobachtete Junia, die ein kleines Sortiment an diversen Pflegeprodukten und Bürsten erstand und vertrieb die skurrile Erinnerung wie er als kleiner Junge seiner Schwester Harry das lange Haar gekämmt hatte. Vor dem Regal mit den Rasierern hielt Junia inne, griff sich ein Exemplar und zwinkerte John kurz zu. „Der ist für mich. Du bleibst genauso. Steht dir.“
John lächelte nur unsicher und gab ein kleines Vermögen in einer Apotheke am Bahnhof aus.

Er war lange genug Arzt die Schmerzen, die Junia hatte, einzuschätzen. Dass sie nicht litt oder sich beklagte konnte mehrere Ursachen haben und eine war erschütternder als die andere.
Doch sie waren nun bereits einige Stunden unterwegs und langsam hinterließen die Wunden Spuren auf dem weißen Stoff auf ihrem Rücken. Junia wurde langsamer, müde, die Erschöpfung war ihr deutlich anzusehen.

„Alles klar?“, erkundigte sich John, während sie am belebten Bahnsteig das richtige Gleis suchten. Junia war in den letzten Minuten immer blasser geworden.

„Geht schon.“, hörte er sie leise.

John schüttelte den Kopf.

Entschlossen schob er Junia wenige Minuten später in den Zug und in ihr gemeinsames Abteil, verschloss die Tür sorgfältig hinter ihnen.

Der Raum war beengt und mit dunklem Holz verkleidet. Zwei schmale, bezogene Betten, die ein sehr schmaler Gang von nicht mal einem Meter trennte. Ein winziges Bad, trotzdem die teuersten Tickets des Zugs.

John musterte Junia und runzelte besorgt die Stirn. Das hier war eng. Sehr eng. Sie hätten gleich in einem Bett schlafen können. Für ihn würde es nur unangenehm sein, für sie wahrscheinlich zu nah. Himmel, sie hatte die letzte Nacht auf dem Dach verbracht, nur um nicht mit ihm in einem Raum sein zu müssen.

John war nicht entgangen wie sich Junia immer wieder überwand um seine Nähe zuzulassen, wie sie immer wieder mich sich rang was nun das kleine Übel war: John oder andere Menschen – John oder die Straße – John oder eine unbekannte Gefahr.

John war völlig klar dass es nur eine Frage der Zeit war bis Junias Psyche entschied das nicht John die sichere Wahl wäre. Und dann hatten sie ein Problem, in diesem winzigen Abteil, in einem fahrenden Zug.

Er setzte sich auf eines der beiden Betten, ignorierte Junia um ihr zumindest einen Hauch von Privatsphäre zu suggerieren und versuchte erneut Sherlock zu erreichen.
Es setzte ihm zu das dieser nicht an sein Telefon ging. Dutzende verwirrende Gedanken quälten John, langsam setzte auch eine lähmende Angst um seinen Freund ein, begleitet von Wut und Frustration, Hand in Hand. Fuck.

John machte sich nichts vor, auch um sein Nervenkostüm war es schlecht bestellt.

Er sah vorsichtig zu wie Junia sich schließlich wortlos auf dem gegenüberliegenden Bett einrollte, so nah das er einfach die Hand ausstrecken und sie berühren könnte, wenn er wollen würde. John sah die Verletzungen unter dem weißen T-Shirt, an einigen Stellen hatte sie geblutet. Er sollte das desinfizieren. Er sollte die Salbe auftragen. Doch er entschied sich dafür sie schlafen zu lassen, seine Angst Junia zu sehr zu bedrängen war zu groß.

Sie lag auf der Seite, das Gesicht der Wand zugewandt, die Beine an den Oberkörper gezogen. Die Hände ineinander gefaltet, beide Handgelenke berührten sich, ebenso die Unterarme bis zu den Ellenbogen. In dieser Position legte sie beide Unterarme an die Stirn. Schon nach kurzer Zeit wurde ihr Atem tiefer und regelmäßig.
Auch er selbst hatte Tage und Nächte in dieser Position verbracht. Der einzig möglichen Schlafposition mit gefesselten Händen. Er knirschte mit den Zähnen. So eine verdammte Scheiße. Wann war das hier endlich vorbei?

John löschte das Licht im Abteil, lediglich die kleine Lampe über der Tür ließ er für ein wenig Orientierung eingeschaltet.
Er selbst nahm noch die Waffe und ihre Fahrscheine aus der Tasche, bevor er diese unter sein Bett schob. Er ließ sich auf den Rücken fallen, streckte bewusst beide Arme durch und legte sie auf beiden Seiten des Körpers auf der Matratze ab. In ihrem Abteil war es nun fast dunkel, die konstanten Geräusche des Zugs wirkten beruhigend. Erst jetzt bemerkte er wie erschöpft und Müde er eigentlich war. John schloss die brennenden Augen und war schon bald eingeschlafen.


Als es ruhig klopfte stand er auf beiden Beinen bevor er einen einzigen klaren Gedanken gefasst hatte. Mit kurzem Blick auf Junia überzeugte er sich das sie noch ruhig schlief, doch sie schien sich keinen Zentimeter bewegt zu haben.

Er entsicherte die Waffe, hielt sie in der rechten Hand. Ein tiefer Atemzug, dann öffnete er mit der linken Hand die Abteiltür, gerade soweit das es nicht verdächtig wirken würde.

Ein junger, blonder Schaffner lächelte ihn freundlich an. John zögerte nur einen kleinen Moment, dann reichte er ihm die Tickets. Sie wurden geprüft, abgezeichnet und nach einem kurzen Wortwechsel wieder zurück gereicht.
John schloss die Tür, verriegelte sie und wandte sich um.

Junia saß aufrecht im Bett und sah John mit schreckgeweiteten Augen an, pure Angst lag in ihrem Gesicht, ließ sie schmerzhaft jung und verletzlich wirken.
Auch im Nachhinein wusste John nicht was es ausgelöst hatte. War es das Geräusch der sich schließenden Abteiltür? Seine Silhouette im Licht des Ganges? Das Klicken des Schlosses? Das Halbdunkel des Schlafwagens? Oder war es schon das entsichern der Waffe gewesen? Die Stimme des jungen Schaffners?

Junia schrie. Laut. Durchdringend. Völlig von Sinnen.

Fuck.

In einer Bewegung hatte John sich der Waffe entledigt und war bei ihr, über ihr, presste entschieden seine Hand auf ihren Mund.

„Shhhhhh, alles gut, ich bin es. Junia. Junia. Fuck. Ich bin es, John. Hör auf. Nicht schreien. Shhhhhhh.“, flüsterte John.

Sie weinte jetzt auch, atmete zu schnell, war völlig panisch. Ihr Brustkorb hob und senkte sich schnell, voller Angst starrte sie ihn an, erkannte John offenbar nicht. Sie versuchte seine Hand von ihrem Mund zu ziehen, sie war stärker als er angenommen hatte und vor allem immer noch laut. Viel zu laut.

John fluchte ungehalten. Sie konnten jetzt beide keine Panikattacke gebrauchen. Verdammt, sie würden den ganzen Zug wecken und mehr Menschen würden Junia noch mehr verängstigen. John kniete sich neben sie auf das Bett, zog sie fest an sich heran, verstärke den Druck seiner Hand auf ihrem Mund.

„Okay. Alles okay. Alles ist gut.“, er legte die freie Hand in ihren Nacken. Ein letzter Versuch der Beruhigung, letztes Mittel um zu ihr durchzudringen.

„Junes.“, bewusst wählte John Sherlocks Spitznamen. „Nicht schreien. Ich bin es, John. Dir passiert nichts. Niemand tut dir etwas.“

Sie schrie wenigstens nicht mehr.

„Junes. Sieh mich an. Alles ist gut. Nichts los. Du hast dich erschrocken, okay? Nichts passiert. Alles ist gut.“

Junia reagierte auf ihn. Ihre Atmung verlangsamte sich, sie zitterte weniger, blinzelte, die Spannung verließ ihren Körper. John seufzte erleichtert auf, sprach weiter auf sie ein, versuchte seine Stimme beruhigend klingen zu lassen, das eigene Herzrasen zu unterdrücken. So saßen sie einige Minuten da.

„Geht’s wieder?“, fragte er.

Junia hatte die Augen geschlossen, sich kraftlos an seine Brust sinken lassen. Sie nickte.

John nahm die Hand von ihrem Mund. „Entschuldige. Ich… ich hatte Angst du schreist den ganzen Zug zusammen.“

„Alles okay John.“, ihre Stimme klang rau und tonlos. John löste den Griff um sie, Junia rückte sofort von ihm ab, fuhr sich mit beiden Händen durch das Gesicht, stand fahrig auf und verschwand im kleinen Bad.

Sie lies die Tür offen. John hörte das Wasser laufen. Er wartete. Das Wasser lief nicht mehr. Nach einer Weile entschied John sich nachzusehen.

Junia stand vor dem Spiegel, beide Hände fest um den Rand des Waschbeckens gelegt. Im kalten Licht des Spiegels wirkten ihre Gesichtszüge noch schärfer.

„Alles klar? Kann ich etwas für dich tun?“

Sie sah nicht auf. „Ich bin so kaputt John“

Er schüttelte den Kopf, zog sie am Arm vorsichtig mit sich aus dem Bad, schob sie auf ihr Bett, setzte sich ihr gegenüber. Ihre Knie berührten sich fast, John konnte sie im halbdunkeln gut sehen.
John lehnte sich vor, die Unterarme auf die Oberschenkel gestützt, sah sie aufmerksam an. Junia wirkte wieder gefasst, ihre Atmung hatte sich normalisiert, sie erwiderte ruhig Johns Blick.
„Hör mal. Du hast schlimme Dinge erlebt. Furchtbare Dinge. Du bist nicht kaputt. So etwas dauert, der Körper braucht Zeit, die Psyche auch. Die Panikattacken sind normal in deiner Situation.“

Junia saß John gegenüber, sah auf ihre Hände. Sie schwieg lange, bevor John ihre leise Stimme hörte. „Du hast keine Ahnung John.“

Langsam nickte er. „Stimmt. Erzähle es mir. Reden hilft. Du kannst mit mir darüber reden.“

Junia blickte John an und John fühlte dass er jetzt mit der echten, wahren Junia sprach. Hinter den Mauern, dem Schweigen, der kalten Fassade. Er sah in ihr offenes Gesicht, die traurigen Augen. „Reden ist gefährlich. Reden tötet. Willkommen in meiner Welt.“  

John schwieg, löste den Blickkontakt nicht. Er wollte die Gelegenheit nicht ungenutzt lassen und ein kleiner Teil in ihm fühlte sich sehr unwohl dabei. Die suggestive Hand im Nacken hatte wahrscheinlich diese Stimmung ermöglicht, oder es waren die heruntergefahrenen Barrieren nach der Panik, die Erschöpfung. Diese Offenheit war eigentlich nicht für ihn bestimmt, diese Ehrlichkeit galt nicht ihm. Er sollte die Klappe halten. Doch er tat es nicht. John brauchte das jetzt.

„Warum, Junes? Warum das alles?“

Sie zuckte leicht die Schultern, legte sich mit angezogenen Beinen auf die Seite, hielt weiter den Blickkontakt.

John spiegelte die Bewegung auf seinem Bett, schob einen Arm unter seinen Kopf. Er wartete bis Junia sprach. „Ich weiß es nicht John. Wirklich. Ich denke wir wurden benutzt. Vielleicht um etwas zu erpressen. Höchstwahrscheinlich Mycroft oder Matteo.“

John nickte bedächtig. „Ich weiß was Mycroft beruflich macht. Erpressung kann ich mir durchaus vorstellen, wäre ein gutes Motiv. Was hat Matteo zu bieten?“

„Genug. Beide haben ausreichend Feinde und Freunde die eine Gelegenheit sofort nutzen würden.“

„Der… der Mann. Er hat von drei Männern geredet. Ich kenne Mycroft, wer sind die anderen?“

Junia drehte sich auf den Rücken, zog die Decke über die Beine, brach damit den Blickkontakt. „Matteo ist mein Cousin. Alex war mein Mann.“

„Was ist mit ihm eigentlich passiert?“

Junia schlug entschieden auf den Schalter zwischen ihren Betten, löschte damit auch das kleine Licht über der Tür. Das Abteil lag im Dunkeln. „Ein Autounfall.“

„Du glaubst nicht dass es ein Unfall war?“, John hatte die Frage gestellt bevor er nachgedacht hatte. Erschrocken zuckte er zusammen.

Er hörte Junia seufzen. „John, pass mal auf. Es gibt Dinge die ich dir nicht erzähle. Nicht jetzt und nicht in Zukunft. Nicht weil ich dich nicht mag oder dir nicht vertraue. Glaub mir einfach, du willst es nicht wissen.“

John starrte lange in die Dunkelheit bevor er leise antwortete. „Ich will nichts… Verbotenes wissen. Nichts Unangebrachtes. Es ist mir einfach wichtig mich mit dir auszutauschen um uns nicht in noch größere Gefahr zu bringen. Aber ich habe auch Erfahrung mit… Situationen dieser Art. Weißt du, als Soldat habe ich gelernt dass es ist immer von Vorteil ist seine Kameraden kennen zu lernen. Das macht alles angenehmer. Es fällt Menschen leichter Verständnis für die schlechten Seiten oder Angewohnheiten eines Menschen zu empfinden. Es macht es einfacher viel Zeit miteinander zu verbringen. Auf beengtem Raum zu leben. Sich zu vertrauen. Es macht schlimme Situationen ein bisschen leichter. Und wir sind irgendwie doch in einer… schlimmen Situation.“

„Was hast du als Soldat gemacht?“

John war kurz überrascht. Das war die erste persönliche Frage die Junia ihm stellte, abgesehen von ihrem Spielchen am frühen Morgen. Eine Frage aus Interesse. Selbst gewähltem Interesse.

„Nun, ich war natürlich Arzt, die meiste Zeit. Doch ich wurde auch als Scharfschütze eingesetzt.“

„Das heißt du hattest einen Spotter?“

John riss die Augen auf. Das kam jetzt unerwartet. Die wenigsten Zivilisten wussten das Scharfschützen im Zweierteam arbeiteten, das es neben dem Sniper auch immer einen Spotter gab, der die Umgebung im Auge behielt.

„Ähm… ja.“

„Hast du mit denen auch geredet?“

John dachte an seine Kameraden. Ein bittersüßes Gefühl flutete ihn. Erinnerungen an Frank, der immerzu von seiner Frau und seiner kleinen Tochter erzählte. An Alan, der ein Faible für die französische Küche hatte und stundenlang über Kochrezepte referieren konnte. Er dachte sogar an Marc, einen komischen Kauz der John verstörende, surreale Romane vorlas bis dieser ihm irgendwann einen Krimi besorgte. Dann wurde es besser.

Er seufzte. „Ja. Habe ich. Ich.. ich bin wohl diese Art Mensch. Ich rede. Ich tausche mich aus. Das ist wohl wichtig für mich.“

Er hörte ihre warme Stimme. „Danke John. Du machst das sehr gut… das alles. Du weißt schon. Mit mir.“

Dann hörte John lange nichts mehr von Junia.

„Gut. Für dich.“, murmelte sie irgendwann leise.

John riss die Augen auf. Er hatte angenommen sie schliefe bereits. Doch nun hörte er sie tief einatmen.
„Ich kalkuliere wie intelligent ein Mann ist indem ich beobachte für wie dumm er mich hält.
Ich habe meine Eltern nie kennen gelernt.
Ich vertrage keinen Alkohol.
„Fuck it“ ist der letzte Gedanke bevor ich die meisten Entscheidungen treffe.
Ich esse zu unregelmäßig.
Ich bin misstrauisch und leichtsinnig.
Ich lebe von Koffein und unangebrachten Gedanken.
Ich finde Punks irgendwie heiß.
Ich bin ein Snob.
Ich mag Green Day.
Ich bin gerne alleine.
Ich habe eine Schwäche für Schuhe.
Ich bin emotional unstabil und versuche das mit Sport abzufangen.
Ich langweile mich schnell.
Ich liebe das Meer.
Ich bin unmoralisch, wenn etwas dreckig, verdorben, pervers oder einfach falsch ist – finde ich es reizvoll.
Du bist der einzige fremde Mann mit dem ich bisher eine Nacht verbracht habe ohne… mehr zu haben.
Ich bin gerne alleine, ich habe keine Freunde.
Deshalb bin ich wahrscheinlich so schlecht darin. Tut mir leid John. Liegt nicht an dir.“

In der folgenden Stille runzelte John die Stirn. „Wow… das war… wow. Danke.“

Sollte er tiefer dringen? Wenn nicht jetzt… wann dann? Er räusperte sich. „Was ist mit Sherlock? Ist er… kein Freund?“

John hatte Angst vor der Antwort, das realisierte er selbst überrascht. Der Gedanke Sherlock könnte mehr für sie sein verursachte Rasen in seinem Herzen und einen Druck in seinem Magen.

Dann hörte er ihre leise Stimme. „Sherlock ist… jemand um den ich mich sorge und für den ich nur das Beste will, obwohl er weit weg und nicht Teil meines Lebens ist. Vielleicht ist er das, was einem Freund am nächsten ist.“

John fiel ein Stein vom Herzen. Ein großer, unangebrachter Stein. Er grinste belustig. „Du stehst also auf Punks?“

Er hörte Junias amüsierte Stimme. „Ja… keine Ahnung warum.“

„Hast du Erfolg bei ihnen?“

„Neee. Sie finden mich in der Regel furchtbar.“

John lachte leise. „Kann ich mir lebhaft vorstellen. Aber ich muss zugeben... mich beeindruckt vor allem dein Verhältnis zu Mycroft. Er kann so... gruselig sein. Die halbe Nation hat Angst vor ihm. Und du... kommst gleich mit zwei Holmes Brüdern augenscheinlich bestens klar. Wie machst du das nur?“

Er hörte Junias belustigte Stimme, gespielt verzweifelt. "Es ist als würde ich Katzen dressieren."

John lachte prustend in der Dunkelheit und er realisierte das ein Teil von ihm Junia durchaus mochte. Diese Junia. Die witzig, klug und angenehm war.

Nach einer Weile hörte John nur noch Junias müdes Gähnen. „Gute Nacht John.“

„Schlaf gut.“
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