intra muros

von Nuxe
GeschichteFreundschaft, Schmerz/Trost / P18 Slash
Dr. John Watson Mycroft Holmes OC (Own Character) Sherlock Holmes
28.03.2019
09.12.2019
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Hallo liebe Leser*innen,

ich möchte mich bei euch noch einmal bedanken. Ich freue mich über jeden Klick, jeden Aufruf, jede Nachricht und Review. Danke :-)

Dies ist für die nächsten beiden Wochen wahrscheinlich das letzte Kapitel (und auch ordentlich lang, merke ich gerade selbst überrascht). Sommerliche Verpflichtungen rufen…

Übrigens möchte ich gerne zwei Songs mit euch teilen die „den verliebten Damals- Mycroft“ sehr inspiriert haben.

https://www.youtube.com/watch?v=2uwjsG0cRf0
https://www.youtube.com/watch?v=yw62QVLKOcs

Und jetzt wünsche ich euch allen viel Spaß mit Junia,
bis bald!



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Es war dunkel als sich die Tür zu ihrem Schlafzimmer öffnete.
Junia erkannte Matteo in einem Herzschlag, ohne ein Auge zu öffnen. Sein Gang, seine Energie, sein Duft. Matteo roch nach getrockneten Tabakblättern, tiefem grün und ein wenig nach reifer Zitrone. Nach Kuba.
Junia ließ jedes Jahr bei einer kleinen Parfümerie diesen Duft anfertigen und schenkte ihn Matteo zu Weihnachten.

Er war noch warm und feucht von der Dusche als er sich vorsichtig neben sie unter die Decke schob. Sie hörte ihn leise seufzen.
Sie drehte sich mit geschlossenen Augen, näher zu dem warmen Körper. Matteo brummte leise, legte seinerseits einen Arm um sie, verlagerte sein Gewicht, drückte fest seine warme Brust an ihren Rücken. Sie spürte seinen Herzschlag.
Muskeln, Härte und Geborgenheit.

„Alles gut?“, hörte sie ihn leise an ihrem Ohr.
„Mhmm“, brummte sie.
„Willst du dass ich gehe?“, so viele Nächte und noch immer fragte er sie jedes Mal. Matteo war kein sensibler Mann und Junia rechnete es ihm daher hoch an das er sich die Mühe machte ihr auf diese Art immer wieder die Entscheidung zu überlassen.
„Nein… bleib.“

Warm spürte sie seinen Atem im Nacken, seine sanften Lippen auf ihrer Haut. Junia blinzelte und drückte sich enger an den warmen Mann hinter sich, spürte die Härte. Ihr Körper reagierte, ebenso wie seiner. Was sie gemeinsam taten war fast immer falsch, dreckig und illegal doch sie genoss jede Sekunde und es gab ebenso die warmen, liebevollen Momente. Nachts, wenn sie alleine waren.
Sie würde Matteo auch noch lieben wenn er beide Hände um ihren Hals legen und fest zudrücken würde. Sie hatte es erst kürzlich überprüft.

Matteo schob sich schließlich auf sie, seine Küsse wurden leidenschaftlicher, gieriger. Als sie träge die Augen öffnete blickte er sie aus müden Augen an, dennoch hing ein siegessicheres Grinsen in seinem Mundwinkel.
Es war das erste Mal seit London das er zu ihr kam.

„Ich will dich…“, seine Stimme war rau und dunkel. Er schmeckte nach Zahnpasta und Whiskey.
Junia schloss die Augen und öffnete den Mund, erwiderte den Kuss. Matteo begann sie zu streicheln, sie genoss es. Stöhnte leise vor Lust als er sich ihren Hals herab küsste, leckte, biss. Schultern, Brüste, Bauch, Seiten.
Er schob sich tiefer. „Schon bereit?“, grinste er.
„Oh ja…“

Matteo glitt langsam in sie, ließ sie nicht aus den Augen, sein Gesicht nah an ihrem. Sie spürte seinen heißen Atem und drückte sich ihm entgegen. Zu wenig, zu lange her. Er hielt inne, bewegte sich nur minimal, ließ ihr einen Moment Zeit sich an ihn zu gewöhnen.

„Nur falls es irgendwelche Verwirrung gegeben habe sollte – du gehörst verdammt nochmal mir.“, raunte er, bevor er fest in sie stieß.
Junia stöhnte auf, zog ihn zu sich, presste die Lippen an seine, biss ihm leicht in die Unterlippe. Ihre Art der Zustimmung.

Dreckig grinste Matteo und schlug ein schnelles Tempo an. Er fickte sie hart, wie sie es beide mochten und bereits nach kurzer Zeit lagen sie verschwitzt nebeneinander, er hielt sie fest im Arm.
Sie keuchte noch, leicht benebelt von Lust und Orgasmus, als Matteo sanft über ihre Haut fuhr, die blaugrünen, bereits fast verblassten Flecken nachzeichnete.

„London, mhm?“, brummte er.

„Ja“, sie küsste ihn und kuschelte das Gesicht auf seine Brust.

„Es gab Zeiten in denen nur ich das tun durfte.“

„Es war ein Unfall. Ich war high.“, seufzte sie.

„Hab davon gehört. Werde nicht leichtsinnig, Ciccina.“

Sie erwiderte einen liebevollen Kuss, bevor sie sich wieder an seine Brust schmiegte. „Nein.“

„Hast du mich vermisst?“, hörte sie ihn fragen.

„Natürlich.“

Er brummte zufrieden, streichelte ihren Rücken, küsste ihr Haar. „Wie läuft es mit Alex?“

Sie zögerte. Gefährliches Terrain. „Ich finde ihn sympathisch.“

Sie spürte wie er tief atmete, seine Brust hob und senkte sich, ein wenig fester wurde sein Griff um sie. „Gut.“

„Mhm.“

„Was?“, er hatte es gespürt. Schob sie nachdrücklich ein wenig höher, umgriff ihr Gesicht um Blickkontakt herzustellen, sah sie aufmerksam an.

Sie senkte den Blick. „Er braucht deine Unterstützung.“

Matteo schnaubte abfällig, lies sich zurück in die Kissen fallen. „Nein.“

Das wird sich noch herausstellen.
Junia biss sich auf die Unterlippe. küsste sich dann eine Weile über Matteos Brust, biss sanft in seine Nippel, streichelte seinen halbharten Schwanz. Matteos Atem ging bald schneller und tiefer, immer wieder unterbrochen von lustvollem keuchen. Wohlig seufzte er als ihre Lippen über seine Bauchmuskeln fuhren, ihre Zunge immer tiefer glitt.
Sein Schwanz lag hart aufgerichtet auf seinem Unterbauch, sie vermied ihn aufmerksam bis er gequält ächzte.

„Du kleines…“

„Bitte?“, hauchte sie.

Matteo stöhnte auf. „Was willst du?“

Sie grinste. Langsam leckte sie über die empfindliche Spitze, ließ Matteo ungeduldig mit dem Becken zucken und zischen „Fuck! Mach endlich!“.

Sie stellte die Bewegungen ein. Matteo fluchte leise.

„Nimm Alex mit zu deinen Jungs. Stell ihn vor. Geht gemeinsam aus.“, sie strich über den harten Schaft, benutzte Lippen und Zähne.

„Arrrgh… muss das sein?“

„Ja. Wenn du willst komme ich mit.“, sie ließ ihn in den Mund gleiten, spürte wie weit er schon war. Sie sog ein Mal, tief und fest.

„Fuck - Oh Gott, ja… Nein!... nein, nicht mitkommen. Ich… ich…  mache es.“, sein Blick war glasig, er schwitzte.

Sie entließ ihn aus ihrem Mund. „Du bringst ihn heil zurück?“

„Ja doch…“, keuchte er und sie lächelte ihn zufrieden an bevor sie ihn erneut in sich gleiten lies, mit der Zunge die Spitze umfuhr und ihn tief aufnahm. Matteo warf den Kopf zurück und stöhnte laut.  




Sie wurde vom aufheulen eines Motors geweckt. Sie kannte das Geräusch, das sich schnell entfernte, sie selbst beschleunigte gerne genau auf diese Weise sobald sie das Grundstück verlassen und auf der wenig befahrene Landstraße angekommen war.

Im Zimmer war es fast hell. Noch früh. Wie jeden Morgen in den letzten Tagen. Ein beklemmendes Gefühl machte sich in ihr breit, drückte auf Herz und Magen. Leo fuhr in die Klinik. Jeden Morgen, bevor alle anderen wach waren. Das war nicht gut.  

Sie hörte noch eine Weile zu wie Matteo langsam und tief atmete, dann schob sie sich vorsichtig aus seinen Armen und verschwand im Bad.




Kurze Zeit später saß sie mit einem Kaffee auf der Terrasse in der schon starken Morgensonne. Sie trug kurze Jeansshorts und ein rotes Bikinioberteil. Nur die Geräusche von Vögeln und das leise Zirpen von Insekten, irgendwo startete ein Rasensprenger, Wasser spritze leise auf morgendliches Gras.
Friedlich, still und leise.

Stirnrunzelnd starrte sie auf die Nachricht auf ihrem Handy, biss sich nachdenklich auf die Unterlippe. Mycroft lud sie mit knappen Worten ein das Wochenende mit ihm zu verbringen. Sie runzelte angestrengt die Stirn. Zusagen oder absagen? Ignorieren?  

Sie wusste es vom ersten Tag an. Wie er sie ansah, wie er sprach, wie er ihre Nähe suchte. Wie eine Motte das Licht. Sie erkannte Begehren, Interesse, Lust. Das war ihr Spielfeld. Doch sie sah auch Abwehr, Widerwillen, das Ringen um Beherrschung. Mycroft war ein sehr interessanter Mann. Etwas ganz neues.

Sie mochte ihn auf den ersten Blick. Seine besonnene und ruhige Ausstrahlung. Sie fühlte sich wohl bei ihm, beschützt und sicher, auf eine ruhige, natürliche Art. Er war amüsant. Geradezu witzig wenn er sich dazu durchrang mit ihr zu sprechen. Süß, wirklich niedlich in seiner Schüchternheit. Doch er war auch souverän, entschlossen und besorgt. Um Sherlock, um sie. Zuverlässig und vertrauenswürdig.

Er war nicht wie Leo und Matteo, die sich fest entschlossen hatten sie in jede schwierige Situation zu bringen die ihnen einfiel und ihr interessiert beim Kämpfen zuschauten. Nein, Mycroft war der Typ Mann der eine Frau beschützten würde. Der vielleicht sogar Schwäche erlauben würde.

Sie hatte ihn mit sich selbst ringen sehen, im inneren Dialog. Sie hatte bei weitem keine Ahnung über was er sich Gedanken machte, doch sie hatte herausgefunden dass es durchaus um sie ging und das gefiel ihr. Mycroft versuchte jede wache Sekunde des Tages eine undurchdringliche Maske zu zeigen und Junia nahm an das es ihm gut gelang. Doch sie konnte er damit nicht beeindrucken, sie hatte keine Angst vor ihm. Es störte sie nicht im Geringsten das er alles über sie zu wissen schien, jedoch im Gegensatz zu seinem jüngeren Bruder schweigen konnte.

Junia mochte seine sanfte Art. Seine ruhige, amüsante Gelassenheit. Sie mochte sehr viel an Mycroft. Vielleicht zu viel. Und zu sehr.
Sie fragte sich ob sie es irgendwann einmal richtig machen könnte.  




Alex setzte sich, leicht ächzend, zu ihr an den großen Tisch. Auch er hatte eine Tasse Kaffee bei sich, dazu Toast und einen Berg Rührei. Er sah noch müde aus, sein blondes Haar verstrubbelt, doch er hatte Farbe bekommen. Auch er trug nur ein Muskelshirt und eine kurze Shorts.

„Guten Morgen“, sie lächelte. So schlimm war Alex nicht mehr, sie gewöhnte sich langsam an seine Anwesenheit, seine angenehme Art, sein entspanntes, offenes und fröhliches Naturell.  

„Morgen“, grinste er überrascht. „Was ist denn los?“, er nickte zu ihrem Handy.

Junia nahm einen Schluck Kaffee, legte die Füße auf einen der anderen Stühle und blickte desinteressiert in die Ferne. So nah standen sie sich bei weitem noch nicht.

Sie sah ihn leise seufzen und zum Sprechen ansetzen als Matteo zu ihnen stieß. Im Gegensatz zu Alex und ihr war er bereits angezogen, trug Anzughose und Hemd, die dunklen Haare waren noch feucht und streng zurückgekämmt.
Junia sah ihn kurz einen Mundwinkel heben, bevor er Alex ignorierte und Junia fest am Kinn griff, seine Lippen auf ihre legte. Sie schloss automatisch die Augen und öffnete den Mund. Der Kuss war lang und liebevoll. Als Matteo sich löste bemerkte sie Alex verlegen gerötete Wangen.

„Alex“, grüßte Matteo dunkel und kalt.

„Guten Morgen“, kam es neutral von Alex.

Matteo musterte Alex eindringlich und unübersehbar abgeneigt bevor er wortlos wieder im Haus verschwand.

Alex seufzte leise und schwer. „Er hasst mich.“

„Schwachsinn. Dann würdest du nicht mehr hier sitzen.“, antwortete sie, ohne ihn anzusehen.

„Der Typ mit dem Motorrad?“ nahm Alex erneut das Gespräch wieder auf und warf einen pointierten Blick auf das Handy, was sie immer noch in der Hand hielt.

Junia starrte ihn kurz verwirrt an, ihr fehlte völlig der Kontext. Doch dann erinnerte sie sich. Richtig, vor ein paar Tagen hatte Alex gesehen dass sie die Nacht mit jemanden verbracht hatte.

Okay. Sie atmete tief ein und aus, drehte sich entschieden zu Alex und blickte ihn fest an. Alex blickte überrascht zurück, ihm war deutlich anzusehen das sie ihn gerade verwirrte.

„Ich möchte etwas klar stellen.“

„O… okay?“

„Ich werde keine Affären mehr haben. Zumindest nicht… so. Nicht in deiner Nähe.“

„Ähm… okay“, wiederholte sich Alex perplex. „Darf ich fragen… warum? Ich habe nichts gesagt…“

Sie seufzte. „Du musst hier respektiert werden und ich würde dich in unnötige Schwierigkeiten bringen.“  

Alex schwieg, presste die Lippen zusammen und wirkte unzufrieden. Trotzig. „Ich schaffe es auch alleine. Ich bin gut in meinem Job, ich brauche keine Hilfe.“

„Natürlich nicht, doch du brauchst auch keine offensichtliche Erniedrigung durch mich.“

„Hast du es… erzählt?“

„Was?“

„Na das ich… schwul bin.“

„Alex… von mir erfährt niemand etwas. Was wir reden, tun oder nicht tun… bleibt grundsätzlich zwischen uns. Ich mag dich und ich versuche nur dir die Situation ein wenig angenehmer zu machen.“
Die kurze Zeit, die sie bisher miteinander verbracht hatten, waren kein gutes Beispiel für ihr wirkliches Leben. Alex hatte keine Ahnung was auf ihn zukommen würde, wenn sie wieder beginnen würden richtig zu arbeiten. Er würde sich durchsetzen müssen, sich Respekt in einem System erarbeiten in dem er ein Außenseiter war.
Für Alex würde Leos detailgenaue Einarbeitung nicht ausreichen, seine Aufgabe war eine andere. Alex würde es auch nicht helfen wenn er mit ihr auftauchte. Matteo war für die dreckige, grobe Arbeit zuständig, für die Straßen. Vor allem seine Männer mussten Alex respektieren.

„Und… Matteo?“, fragte Alex und musterte sie nervös.

„Nicht dein Problem. Mach dir keine Gedanken.“

Sie schwiegen bis sie den Sportwagen auf der Straße sahen. Es war ein Vorteil dieses Grundstücks die Umgebung genau im Blick haben zu können und daher waren sie jetzt hier. Für die Hochzeit, die Verlobungsfeier davor.
Als Gastgeber war es immer ratsam die Kontrolle über die Party zu haben. In ihrer Branche betraf dies vor allem die Gäste und war unbedingt notwendig.

„Leo“, stellte Alex das offensichtliche fest.

Junia nickte nur.

„Sag mal, wenn diese ganzen Gäste kommen…“

„Ja?“

„Wie wird es sein? Wirst du mich behandeln wie eine Verlobte ihren Verlobten? Oder bleibt es so wie jetzt?“, Alex wirkte unsicher.

Sie ließ ihre Stimme warm werden. „Willst du wissen ob wir so tun werden als ob wir ein Paar sind?“

„Ja.“

„Würdest du das bevorzugen?“

Er biss sich auf die Lippe, dachte nach. „Ja, schon. Zumindest zu Beginn.“

Er hatte recht damit. Junia verstand seine Sorge, die Unsicherheit in seinem Blick. Er hatte sie bisher von ihrer schlechtesten Seite erlebt. Misstrauisch, kalt, arrogant.
Zeit für eine Demonstration.
Sie stand auf, stellte ihre Tasse auf dem Tisch ab und legte das Handy daneben. Mit einer fließenden Bewegung setzte sie sich rittlings auf Alex Schoß, hörte ihn überrascht Luft holen.

Alex fühlte sich gut an. Stark und männlich, obwohl er sich erstaunt in den Stuhl presste, die Augen aufriss und überrascht keuchte. Sehr amüsant, aber da ging noch mehr.
Sie beugte sich vor, küsste ihn auf die Lippen, langsam und ruhig, nachdrücklich. Ließ die Hände über seine Schultern wandern, die muskulösen Arme entlang, malte spielerisch kleine Kreise auf seiner Brust, sah in von unten tief in die Augen.

„Keine Sorge mein Schatz, niemand simuliert Liebe so exzellent wie ich.“

Alex starrte sie perplex an bevor er tief Luft holte und kicherte, heiter und gelöst. Auch Junia grinste, vor allem über die Erleichterung die von Alex ausging.
Sie nahm sich vor ein wenig netter zu sein, für ihn war die Situation sicher ebenso unangenehm wie für sie. Vielleicht würden sie ja wirklich miteinander auskommen.

Als Leo auf die Terrasse trat musterte er die beiden desinteressiert.

„Schön, ich sehe ihr lernt euch kennen.“

Alex grinste. „Oh ja, ich denke wir lieben uns.“

Leo zog missbilligend eine Augenbraue nach oben „Davon würde ich dir entschieden abraten.“




Den restlichen Tag verbrachte Junia relativ ungestört in ihrem Büro, wie sie es am liebsten mochte. Doch am Abend begannen ihre Gedanken zu rasen. Sie fühlte sich immer unwohler, immer drängender wurde das Verlangen nach Stille, das Gefühl unter Druck zu stehen nahm zu. Unruhig und fahrig ging sie in ihrem Büro auf und ab.
Es war zu viel.
Mycrofts Einladung, Alex, die bevorstehende Hochzeit, Leo der scheinbar begonnen hatte täglich die Klinik aufzusuchen.
Zu viel. Zu intensiv.

Sie scrollte durch die Kontakte in ihrem Handy. Ihr Finger schwebte über die Namen. Männer die sie ablenken würden. Die sie unterhalten würden. Verdammt. Wie hatte sie nur so dumm sein können? Keine Affären mehr – sie war eine Idiotin. Sie knallte das Handy zornig auf den Schreibtisch.

Sie hatte es nie zugegeben, vor niemanden, doch seit der Nacht mit Sherlock hatte sie Angst. Sie war bei weitem nicht für ihre offene Natur bekannt, doch jetzt gerade konnte sie sich nicht vorstellen jemals wieder mit einem fremden Mann alleine zu sein. Wenn Matteo oder Leo jemals herausfinden würden wie knapp es gewesen war... wenn Mycroft nicht gekommen wäre...

Sherlock hatte sie völlig überrascht. Sie hatte ihm vertraut, nicht nur seiner Person sondern auch seinen Berechnungen hinsichtlich der Dosierung und der Drogencocktails die sie konsumierten.
Es war ihr bewusst dass es nicht Sherlocks Schuld war. So dumm war sie nicht. Doch trotzdem hing es ihr nach.
Ja, Drogen wären eine schnelle Linderung für ihren Zustand, doch gerade kam diese Lösung nicht in Frage - "lass uns  high werden und Sex haben" - nicht mehr möglich. Es war ihre liebste Lösung gewesen.
Ein Rausch alleine war ausgeschlossen, Leo und Matteo ließen sie nicht aus den Augen.
Verdammt, sie musste irgendetwas unternehmen.




Entschieden schlug sie die Tür des Fitnessbereichs im Keller zu, verriegelte sie hinter sich, stürmte in das Badezimmer, zog sich die ärmellose Seidenbluse hektisch über den Kopf, stieg aus dem passenden Rock und der Unterwäsche, löste die Riemen ihrer hohen Sandalen.
Nun nackt drehte sie fahrig ihr Haar erst zu einem hohen Pferdeschwanz, dann zu einem festen Knoten. Sie begann zu schwitzen, ihr Herz raste. Zu viel. Zu intensiv.

Sie riss die Glastür zur Dusche auf, stellte sich unter das kalte Wasser und spürte wie ihr Herz immer schneller raste, die Gänsehaut den ganzen Körper überzog. Kurz lehnte sie sich an die kalten Fliesen, doch es wurde nicht besser.
Sie spritzte sich Wasser ins Gesicht, verließ die Dusche und machte sich nicht die Mühe sich abzutrocknen, fast völlig nass zog sie sich die kurze Laufshorts und ein Sportbustier über, schob die nackten Füße hastig in die Laufschuhe.

Auf dem Laufband kamen die Tränen mit den Erinnerungen. Stumm weinte sie. Deshalb hatte sie schließlich geduscht. Nass wie sie war würde niemand bemerken können dass sie weinte.  

Sie stellte das Tempo des Laufbands ein, hielt sich nicht im mittleren Tempobereich auf. Sie begann sofort zu sprinten.

12 km. Mycroft. Wie gerne wäre sie gut. Gut und normal. Aber das ist sie nicht. Das ist sie nicht. Das ist sie nicht.

14 km. Alex. Alex mit seiner ruhigen, freundlichen Art. Alex, der besorgt Matteo
beobachtete. Alex, den sie bald heiraten würde. Alex, für den sie sich verantwortlich fühlte.

16 km Leo. Leo, der so krank war. Keine Chemo. Keine Behandlung. Leo, der alleine sein wollte.

18 km. Stille.

Nur noch ihr Herz das raste und das Geräusch ihrer Schritte, die fest auf das Laufband trafen. In schnellem Tempo. Mehr Herzrasen. Ihr Atem pumpte. Die Muskeln arbeiteten. Immer wieder zogen sich Bauch- und Beinmuskeln zusammen um das hohe Tempo zu bewältigen.
Schneller, schneller, schneller.
Nur noch das Blut pochte in ihren Ohren. Dann hörte sie auch das nicht mehr. Alles drehte sich, kurz und heftig, die Stille setzte ein.
In ihrem letzten wachen Moment schlug sie auf das Sicherheitsseil des Laufbands.

Endlich.

Sie schmeckte Blut. Schluckte. Als sie die Augen öffnete blickte sie direkt in die kalten, blauen Augen über sich. Leo hatte eine Hand an ihre Wange gelegt. Hatte er sie geschlagen? Oder war sie alleine aufgewacht?

Sie lag quer auf einer Matte im Trainingsraum, Leo lehnte mit dem Oberkörper an der Wand, die Beine ausgestreckt, hatte ihren Kopf auf seinen Oberschenkeln abgelegt, auf der weichen Anzughose, seine Hand auf ihrer Wange. Er sah aufmerksam auf sie hinab. Sein weißes Hemd hatte kleine Blutflecken. Es roch nach Gummi und Stahl, ihre nackte Haut klebte an der Matte. Kurz spürte sie in Arme, Beine – nein, alles gut. Nichts verletzt.

Ihr Bruder wirkte alles in allem recht ruhig, doch sie erkannte die Anspannungen in dem harten Zug um seinen Mund und die kleine Falte zwischen seinen Augenbrauen. Sein blondes Haar wirkte zerzaust.

„Du machst das immer noch?“, sein Stirnrunzeln vertiefte sich.

Sie schloss die Augen und seufzte. „Nicht immer noch. Wieder. Nur wenn ich alleine bin. Ich hatte die Tür abgeschlossen.“

„Als ob eine verschlossene Tür irgendjemanden hier aufhalten würde. Sieh mich an.“, blaffte er gereizt.

Brav öffnete sie die Augen. „Ich genieße eben die Illusion.“

Leo nickte. Eine Weile sah er sie nur ruhig an, dann schüttelte er leicht den Kopf. „Warum machst du das?“

Sie biss sich auf die Unterlippe. „In Ermangelung der anderen Möglichkeiten.“ Keine Drogen, kein Sex, keine Ausflüge. Das Laufband war der letzte Ausweg und sie wusste dass dieser Kick durchaus nicht ungefährlich war. Aber was sollte sie sonst tun?

Leo nickte erneut, doch sein Ton war entschieden und scharf. „Du lässt das ab sofort. Abgesehen davon das es ungesund ist zu rennen bis man in Ohnmacht fällt kannst du keine frischen Verletzungen gebrauchen.“

Richtig. Mit grünen und blauen Hämatomen kam sie als Braut sicher nicht an wie Leo geplant hatte.

Junia wollte sich aufzusetzen, doch Leo hielt sie entschieden zurück, machte ein missbilligendes Geräusch. Er streichelte langsam die nackte Haut des Oberarms, der Schulter bevor er entschieden zurück zu ihrer Wange kam, ihr Kinn umfasste. „Hiergeblieben. Ich will mit dir reden und dich dabei sehen.“

Sie sah ihn an, wie er es wollte. Ihren Bruder. So verantwortungsvoll, so weitsichtig, so besorgt.
Er hatte ein Ziel, zweifellos. Sie versuchte ruhig zu atmen. Dieses Gespräch war eindeutig gefährlich, alles in ihrem Innern warnte sie.
Es war ungewöhnlich dass Leo sie zu dieser Zeit suchen ging, Er war ein strukturierter Mensch und wich ohne triftigen Grund nicht von seinen Gewohnheiten oder seinem Terminplan ab.
Wenn er etwas Persönliches wissen oder sich mit ihr unterhalten wollte, was mindestens einmal pro Woche vorkam, suchte er sie abends in ihrem Zimmer auf oder holte sie in sein Zimmer. Während ihr Wein völlig egal war brachte Leo gerne zu diesen Anlässen eine Flasche mit. Manchmal brachte er ihr auch morgens Kaffee ans Bett und sie unterhielten sich, während sie sich anzog, wie früher, als sie noch zusammen in einem Bett geschlafen haben.
Es war aber auch nichts berufliches, das hätte er tagsüber besprochen, wie sie selbst hatte er den ganzen Tag in seinem Büro verbracht, im Raum direkt nebenan. Es war gleichzeitig dringend, denn er war eigentlich heute Abend verabredet.

Er hob ein wenig das Kinn. „Mycroft Holmes.“, seine Stimme war ruhig und sanft. Er taxierte sie.

Junia bemühte sich um absolute Ausdruckslosigkeit in ihrem Gesicht. Sie schwieg abwartend.

„Er hat vor einiger Zeit um ein Treffen mit mir gebeten.“

Junia bemühte sich keine Regung zu zeigen.

„Er hat Interesse an dir. Ernsthaftes Interesse. Er hat sich verliebt.“, Leos forschende, kalte Augen lagen auf ihr, bereit jede Reaktion zu deuten.

Sie holte Luft, wollte gerne Abstand zwischen sich und ihn bringen, sich aufsetzen, doch sein Griff war fester geworden. Er hielt sie entschieden wo er sie haben wollte – wehrlos mit dem Kopf auf seinen Oberschenkeln. Sie schnaufte abwehrend.

„Und? Verheiratest du mich jetzt mit ihm?“, überrascht realisierte sie Druck im Magen. Sie hatte gerade angefangen Alex zu mögen. Schade. Er war ein netter Kerl. Zu jung um zu sterben.

Leo lächelte sanft. „Komm schon, bist du mir immer noch böse deswegen?“

Sie sah ihn nur an.

Er seufzte und lockerte seinen Griff. „Nein, niemals. Das habe ich ihm auch gesagt. Er selbst war durchaus interessiert an einer langfristigen Verbindung, doch ich habe ihm klar gemacht dass dies nicht in Frage kommen wird und er hat es akzeptiert.
Mycroft ist sicher ein einflussreicher Mann und er wird sehr schnell sehr mächtig werden, wenn ich ihn richtig eingeschätzt habe, aber für uns und vor allem für dich ist Alex der passendere Kandidat.“

Leo lehnte sich ein Stück nach vorne, kam ihr näher.

„Bitte, hörst du? Bitte. Hör endlich auf mir deshalb böse zu sein.“, Leos Blick wurde wärmer und trauriger.
„Du weißt ganz genau das ich niemals… ich habe es immer als meine wichtigste Aufgabe als dein Bruder gesehen dass du niemals einen anderen Mann brauchst. Ich kann nichts für meine Krankheit, ich kann nichts dafür dass ich sterben werde. Ich kann es nicht verantworten dich alleine mit Matteo zu lassen, das musst du doch verstehen.“  

Traurig lächelte sie. „Leo, ist dir klar das auch Matteo seine Aufgabe daran sieht das ich keinen anderen Mann brauche?“

Leo presste die Lippen zusammen, lehnte sich zurück an die Wand, brachte wieder mehr Abstand zwischen sie. Brach kurz den Blickkontakt, er schien zu überlegen.

„Ich will dass du dich mit Mycroft triffst.“, der Ton duldete keinen Widerspruch.

Sie blinzelte kurz. „Warum? Ihr arbeitet doch bereits zusammen und es läuft gut?“

„Darum geht es nicht. Er mag dich und du magst ihn doch auch. Junia, wenn du eine Chance auf Liebe in diesem Leben bekommst solltest du sie nutzen. Du kannst so nicht weitermachen.“

„Was meinst du damit?“, fauchte sie.

Leo schnaubte verächtlich. „Das weißt du doch. Die unbedeutenden One Night Stands. Die kurzen Affären. Die Drogen. Du gehst irgendwann kaputt wenn du jedes Gefühl unterdrückst.“

Sie sah ihren Bruder fest in die Augen. „Du bevorzugst mich kaputt.“

Leo erbleichte augenblicklich, ließ sie los, sah zur Seite. Er fuhr sich mit beiden Händen durch das Gesicht, die Haare, rang sichtbar mit sich.

„Gut. Du hast Recht. Das ändert jedoch nichts daran das du… der Liebe eine Chance geben solltest.“

„Woher willst du wissen dass es Liebe ist?“

Leo grinste kurz. „Schau ihn dir doch an. So ein Mann ist er nicht.“

Oh. Sie blinzelte verwirrt. In ihr drehte sich plötzlich alles. Das Rauschen in ihren Ohren war zurück. Ihr wurde übel. Schon wieder zu viel, zu nah, intensiv. Vielleicht war das Laufband eine schlechte Idee gewesen.
„Leo… „

Sie hörte ihn beruhigend brummen. Sie spürte seine Finger an ihrem Hals, sie wanderten zu ihrem Puls.
Leo ließ ihr kurz Zeit, dann fragte er weiter. „Warum regt dich das so auf, Süße? Du hast doch sonst nichts gegen Spaß und Sex. Du hast dich eben verliebt.“, wissend grinste Leo.

Junia biss sich auf die Unterlippe, unterdrückte den Schwindel und die Übelkeit, konzentrierte sich auf das Atmen.

Das reichte Leo offensichtlich als Antwort. „Warum ignorierst du ihn? Was ist dein Problem?“

Zu viel. Die gerade abschwellende Angst stieg wieder in ihr auf, Panik rauschte durch ihr Blut. Sie wollte nicht sprechen. Nicht über Gefühle, nicht über ihre Angst, mit niemanden, schon gar nicht mit Leo.
Sie blinzelte heftig, atmete flacher.
Spürte die Dunkelheit, den leichten Schwindel.
Sehr gut.
Gerade richtig. Sie schloss sie Augen, ließ sich in die helle Stille fallen. Spürte die Ruhe.

„Oh nein Süße, vergiss es. Komm sofort wieder zurück.“, hörte sie Leo böse raunen.

Sie hätte damit rechnen müssen dass er reagieren würde. Er schätzte es nicht wenn etwas nicht verlief wie er bestimmte. Sie fühlte seine Hand auf ihrer Kehle. Er drückte zu.

In Junia stieg die Panik, sie riss die Augen auf. Sie bekam keine Luft. Leo lockerte den Griff nicht. Sah sie kalt an. Ihr wurde schwindelig, auf eine ungute Art. Sie zappelte. Er ließ sich Zeit.

Seine Stimme war leise, es war einfach für ihn sie mit einer Hand an Ort und Stelle zu halten. Sie hatte keine Chance. Er kam näher. „Willst du atmen?“

Tränen stiegen ihr in die Augen, sie versuchte zu nicken.

„Wirst du mir die Wahrheit sagen?“

Ihr Blick flackerte. Schnellerer Schwindel. Oh scheiße. Er ließ nicht los. Sie versuchte zu nicken, zuzustimmen. Leo sah zu wie ihre Lippen hell und ihre Haut weiß wurde.

Sein Griff löste sich. Sie ächzte panisch. Tief zog sie die Luft in ihre Lungen, ihr Herz schlug laut, ihr Hals brannte.

Die Hand lag schwer und beruhigend in ihrem Nacken. Die Entspannung setzte sofort ein. „Alles gut Süße. Jetzt ist alles wieder gut. Beruhige dich.“

Er zog sie höher, an seinen Oberkörper, sie schob ihren Kopf auf seine Brust. Er ließ ihr ein paar Minuten Zeit während er sie fest an sich gepresst hielt.

Dann hörte sei seine leise, freundliche Stimme. „ Okay, noch einmal. Ich will dich reden hören, verstanden?“

Junia nickte hastig. Unterbewusst verstand sie was Leo tat. Er wusste wie sie funktionierte, kannte jede ihrer verwirrenden Reaktionen. Ihm war bewusst dass etwas in ihr diese Demonstration von Macht benötigte um sich öffnen zu können. Um Schwäche zugeben zu können.

„Was ist dein Problem? Wovor hast du Angst?“

Sie schloss die Augen. „Du fragst mich ernsthaft nach meinem Problem? Du? Jeder Mensch den ich Liebe ist in Gefahr.
Und was glaubst du soll ich mit einem Mann wie Mycroft tun? Glaubst du es gibt eine Welt für uns in der wir morgens gemeinsam aufwachen und über eine Einkaufsliste reden? In der wir uns mit Freunden zum Grillen treffen? Nachdem ich vormittags mit Drogen und Waffen handele und nachmittags mit den drei Männern, mit denen ich zusammen lebe das Militär des Westens im Nahen Osten besteche? Während Mycroft wasauchimmer bei der britischen Regierung macht?“

Leo seufzte. „Nein. Nein, natürlich nicht. Aber du weißt ganz genau dass das, was Mycroft tut, nicht weniger moralisch fragwürdig ist als das was wir tun. Es mag teilweise legal sein weil er es nicht als Privatperson, sondern für sein Land tut, doch faktisch ist es das gleiche.
Du bist außerdem genau darüber informiert was ich mit Mycroft tue. Du bist ebenso bei diesen Dingen dabei wie ich es bin, wie Matteo und Alex und auch Mycroft.
Glaube bloß nicht das der Mann nur hinter einem Schreibtisch sitzt, Süße. Ich habe mich gut informiert. Er ist in jede einzelne dreckige Sache involviert gewesen die ich in den letzten Jahren finden konnte. Überschätze ihn nicht, er hat keinerlei moralische Skrupel. Was du tust stört ihn nicht. Ihr passt gut zusammen.  
Junia, so wenig wie du ein Leben mit Einkaufszetteln und Grillpartys führen wirst, wird Mycroft das. Wenn jemand diese Art einer Beziehung dauerhaft eingehen können wird ist es doch jemand wie er. Er ist Manns genug um damit umzugehen. Mit dir. Mit uns.
Was seine Sicherheit angeht… er ist ein Kontrollfreak. In seinem Leben gibt es nichts was er dem Zufall überlasst. Das Bedeutet er ist in Sicherheit. Wenn nicht jemand wie er, wer denn dann? Und er will. Er will wirklich. Gib ihm eine Chance.“

„Er arbeitet für die britische Regierung.“

„Er arbeitet auch für uns und wir halten uns aus England raus. Das weißt du doch!“

„Das meine ich nicht. Er hat sicherlich einen Haufen Leute die er auf die Füße getreten hat und die es ihm heimzahlen wollen.“

„Du auch. Er kann damit umgehen. Er genießt es. Es wird ihm Spaß machen mit dir gemeinsam Verstecken zu spielen.“

„Matteo…“

„Ich kümmere mich um Matteo. Du triffst dich mit Mycroft. Lernt euch kennen, gib ihm eine Chance.
Wir machen hier weiter wie geplant. Solltest du Mycroft in einem halben Jahr immer noch mögen werde ich es Matteo sagen. Ich sage ihm dass es meine Entscheidung war und mache ihm klar dass es so weiter gehen wird. Er wird nicht begeistert sein, aber er wird es akzeptieren, das weißt du. Er… er wird sich für dich Mühe geben.“

„Das meinte ich nicht. Wie soll ich Mycroft erklären das es Matteo gibt? Was wenn er es nicht versteht?“

„Ich denke er weiß es. Mycroft ist ein selbstbewusster Mann. Er tut nichts ohne vorher nachzudenken und er hat erneut sein Interesse bekundet. Er weiß es und er wird es akzeptieren. Versuche doch ihm ein bisschen zu vertrauen.“

„Das ist es ja… ich vertraue ihm jetzt schon. Es ist… gruselig. Es macht mir Angst.“

„Süße, du bist verliebt.“

„Es ist nicht schön.“

„Es wird besser werden.“

„Warst du schon einmal verliebt?“

„Oh ja. Doch sie hat nicht gefühlt wie ich. Daher weiß ich wie wichtig es ist wenn eine solche Chance genutzt wird. Wenn beide so fühlen. Ich werde es nicht mehr erleben, doch ich wünsche es mir für dich.“

Leo hielt sie noch eine Weile. Sie genoss es. Irgendwann wurde er unruhig. "Hey. Du stehst jetzt auf und ziehst dich um. Ich bin verabredet und du wirst mich begleiten. Ich brauche eine gute Ausrede für meine Verspätung und sie werden begeistert sein dich zu treffen."

Sie nickte.





Sie lenkte ihren Wagen vor das hohe, helle Tor, schob sich die Sonnenbrille in die Haare und blickte in die Kamera.
Nach einem leichten „klack“ setzte sich der Motor des Tors rollend in Bewegung. Junia atmete tief durch und fuhr langsam die mit Kies bestreute Auffahrt den Hügel herauf.

Sie sah Mycroft an der Tür stehen und musste lächeln. Dieses Haus, dieser Ort, dieses Treffen war so Mycroft, die ihm eigene Sorgfalt, den Hauch Drama, die liebevolle Fürsorge.

„Hallo Mycroft“, strahlte sie ihn an. Sie freute sich wirklich ihn wieder zu sehen.

„Hallo“, grüßte Mycroft, deutlich verhaltener, „schön dass du es einrichten konntest.“

Er nahm ihr die kleine Reisetasche ab und sie folgte ihm den flachen Bungalow. Das Haus
war mediterran eingerichtet, viel Holz, helle Wände, blaue Akzente. Mycroft führte sie direkt einen kleinen Gang entlang. „Ich war so frei dir ein Zimmer vorzubereiten. Vielleicht möchtest du auspacken und dich ein wenig einrichten… ich warte in der Küche auf dich…“, er hatte sie nicht angesehen und verschwand beinahe fluchtartig.

Junia grinste. Mycroft war so süß.
Sie bemerkte die frischen, pinken Pfingstrosen auf der Kommode und musste schmunzeln. Sehr aufmerksam. Aus ihrem Zimmerfenster sah sie das Meer, Hügel und Zypressen. Nach einer kurzen Dusche machte sie sich auf die Suche nach Mycroft.

Auch die Aussicht aus den Wohnräumen war wunderschön. Der Garten, der Pool, die Blumen. Das Haus lag an einem Steilhang mit Blick auf das Meer.

Sie fand ihn in der Küche. Er und drehte sich zu ihr um als er ihre Schritte hörte. Er sah nervös aus, wirkte in seiner hellen Leinenhose und mit den aufgekrempelten Hemdsärmeln viel legerer als in London. Jünger.

„Ich… ich hoffe du magst später Pasta mit Krebs?“

Sie lächelte ihn an. „Oh ja.“

„Möchtest du vielleicht… erst einen Tee?“, er deutete auf einen liebevoll gedeckten Tisch.

„Gerne.“

Mycroft schenkte ihr und sich ein, wirkte fahrig und nervös als er sich schließlich setzte. Er erschreckte sie fast als er plötzlich beherzt nach ihrer Hand griff, sie konnte ein überraschtes zurückzucken gerade noch unterdrücken. Mycroft, sonst so sensibel, schien es nicht zu merken, er schien mit etwas völlig anderem beschäftigt.

„Junia, ich möchte gerne vorab offen mit dir sprechen, wenn ich darf? Mir ist durchaus bewusst das mein Vorgehen nicht das… gefühlsbetonteste… ist, doch es… wäre mir wichtig...“

Sie sah wie schwer es ihm fiel das Wort zu ergreifen, diesem eloquenten und selbstsicheren Mann und entdeckte überrascht dass es sie nicht amüsierte wie er sich quälte. Das war neu an ihr. Doch sie konnte diese Erkenntnis nicht weiter verfolgen, denn Mycroft, schwitzend und nervös, hatte sich durchgerungen und konnte offensichtlich weiter sprechen.  

„Du musst verstehen… ich bin herausragend im Denken. Mein Intellekt ist ohnegleichen. Leider kann ich nicht das gleiche über meine emotionalen Fähigkeiten sagen. Daher habe ich mich primär auf die Fakten konzentriert um größtmögliche Gewissheit zu erlangen, du wirst mir sicher Recht geben, Gefühle sind nur sehr ungenau messbar und sollten daher nur ergänzend relevant sein. Ich habe natürlich alle durch mich einkalkulierten Parameter schriftlich aufgeführt und jeweils begründet, für den Fall das du sie nachvollziehen möchtest?“
Mycroft löste den Blick vom Boden, sah sie an und schien auf eine Antwort zu warten.

Junia war sich unsicher ob er mit einem Nein oder einem Ja glücklicher wäre und beschränkte sich daher darauf den Kopf leicht schief zu legen, ihn mit leicht geneigtem Blick von unten kurz anzustrahlen und ein interessiertes Lächeln aufzusetzen. Ein wortloses „erzähl mir mehr“, was bei den Männern in der Regel sehr gut ankam.
Mycroft war immerhin diesbezüglich keine herausragende Ausnahme. Zu ihrer Erleichterung sprach er weiter.

„Ich möchte dir gerne anvertrauen dass ich in diesem Rahmen lange über mich und dich nachgedacht habe. Ich bin zu dem Resultat gekommen das wir, folglich du und ich, auch ohne die emotionale Verwicklung und biologische Betrachtungsweisen zu berücksichtigen, durchaus harmonieren. Ich bin nicht für eine althergebrachte… Beziehung zu einer Frau... geeignet und wohl auch nicht hinlänglich darin interessiert mich häuslich niederzulassen, oder was man im Allgemeinen darunter versteht. Wie du weißt fordert mich meine berufliche Verpflichtung außerordentlich und zudem sehe ich ergänzend mehrere Vorzüge in einer… diskreteren Verbindung. Natürlich beiderseits. Da wäre erstens….“

Junia entschied sich einzuschreiten. Mycroft verkannte es. Das Unglaubliche, das sie und ihn betraf, für sie beide wahrscheinlich neu, mit Sicherheit ungeplant und daher wichtig. Das war es, was er erkennen musste. Sie würde es ihm jetzt zeigen, ob er wollte oder nicht.

Sie beugte sich vor, legte ganz langsam ihre Hand an Mycrofts Wange, sah ihm tief in die Augen. Mycrofts Augen wurden groß und rund. „Weiter, Mycroft.“

„Nun… erstens…“, er räusperte sich, „es sind siebzehn Punkte… willst du… deine Hand?“, sein Blick wirkte panisch.

Sie lächelte. „Fass dich kurz.“, die Hand blieb.

„Ich…“ er schluckte panisch. Seine Augen irrten umher. „Ich würde dir somit gerne, nach reiflicher Überlegung und mit der Einverständnis deines Bruders, anbieten –„

Sie bewegte federleicht den die Hand, ließ ihre Finger über die Linie des Kinns, den Unterkiefer fahren. Mycroft seufzte auf.

„Kürzer.“

„Ich…“, Mycroft versagte die Stimme. Sie sah die leichte Furcht in seinen Augen, seine ungerührte Maske der souveränen Überlegenheit war verschwunden. Verwundbar, offen.

Sie lächelte ihn an, sah ihm fest in die Augen, nahm die Hand sanft von seiner Wange und legte sie auf seine. „Fühlst du etwas, wenn ich dich berühre?“

Mycroft schlug die Augen nieder. Sie kannte die Antwort, er kannte die Antwort. Doch sie wollte es hören. Mycroft rang sichtbar mit sich. Er sah sie nicht an.
„Ja, natürlich.“

„Ist es ein besonderes Gefühl?“

„Nun… es… es ist leider nicht zu unterdrücken, es ist hormonell bedingt und eigentlich neige ich nicht dazu…“ – sie unterbrach ihn.

„Fühlst du das gleiche wenn jemand anderes dich berühren würde? Dein Chauffeur? Deine Assistentin?“

„Nun…. nein…“, er presste die Lippen fest zusammen.  

„Ich fühle mich auch so.“

Mycroft starrte sie an.
„Oh.“

„Und deshalb würde ich es, wie du, gerne versuchen. Ich würde dieses Mal ebenfalls wirklich gerne richtig machen, Mycroft. Auch ich glaube dass wir gut harmonieren würden. Doch ich habe Bedingungen.“

„Ja?“, Mycroft blinzelte hektisch. „Bedingungen?“, langsam fing er sich, sah sie aufmerksam an. Er schien wieder sicheren Boden erreicht zu haben, plötzlich wirkte er wach und selbstbewusst.

Junia blickte Mycroft ruhig an, ließ sich ganz auf ihn ein. Entspannte sich um nichts zu verpassen. In diesen Dingen verließ sie sich vollständig auf ihr Gefühl, ihren Instinkt. Sie täuschte sich nie.

„Du wirst mich niemals für dich alleine haben.“

Mycroft nickte knapp. „Das ist mir bewusst.“

„Keine Besitzansprüche.“

Erneut ein Nicken. „Gut.“

„Du wirst niemanden zu keiner Zeit etwas Intimes oder Persönliches über mich oder meine Familie berichten, ich werde ebenso verfahren. Nichts was zwischen uns geschieht, was wir miteinander teilen, wird jemals Gegenstand oder Inhalt eines Gesprächs mit Dritten werden.“

„Einverstanden.“

„Wenn du dich daran nicht hältst werde ich keine Rücksicht nehmen. Nicht auf deine Person, deine Karriere, deinen Ruf. Ob in einem halben Jahr und oder wenn du achtzig bist, ich werde dich vernichten. Mit mir darfst du tun was du für notwendig erachtest.
Willst du darüber nachdenken?“

„Das… das wird nicht nötig sein.“

„Gut.“

Sie schob ein Bein über Mycrofts Hüfte und ließ sich langsam und vorsichtig auf seinen Schoß nieder. Mycroft schoss das Blut in die Hose, Schwindel setzte ein und seine Wangen röteten sich. So unschuldig.

Langsam ließ sie ihr Becken kreisen, nur minimale Bewegungen. Mycroft stöhnte auf.
Sie beugte sich vor, die Lippen nah an seinem Ohr. „Was würdest du gerne tun?“

Mycroft wand sich. „Du… du wirst es niemanden erzählen?“

„Niemals.“

Junia beobachtete Mycroft. Er schwitzte leicht, er zitterte sogar, er schreckte immer wieder kurz aus seinen Gedanken auf. Doch er riss sich auch eindeutig zusammen. Überwand sich, wieder und wieder. Er vertraute ihr. Sie vertraute ihm. Freiwillig.
In ihr zerbrach etwas. Ein völlig neues Gefühl flutete ihren Körper, jede Zelle. Sie schloss die Augen.

Junia hatte in den letzten Jahren mehr Sex als gut für sie war. Sie genoss ihren Körper, den Körper des Partners, die Nacht und die Leidenschaft. Für sie ging es nicht um Gefühle, doch es gab seltene Ausnahmen.

Sex mit Matteo war ein Schlachtfeld und ihr zu Hause. Matteo war bisher ihre Welt, ihre Sicherheit und ihr Untergang. Er war immer da, immer da gewesen, in ihren dunkelsten Momenten.
Wenn Matteo seinen Körper fest in sie rammte, fühlte sie dass sie noch lebte.

Sex mit Sherlock war Sucht auf einem körperlichen Level. Lust und Genuss, für beide Seiten, nie mehr. Ein körperlicher Rausch, mit viel Phantasie und noch mehr Verzweiflung, Dunkelheit, Wahnsinn. Ihre Freundschaft, ihre emotionale Beziehung, hatte damit nichts zu tun. Sherlock war an ihr als Frau durchaus nicht interessiert, das war von Anfang an klar. Die Sucht, die Gier, den Kick, den sie sich gegenseitig ermöglichten wussten sie beide jedoch über alle Maßen zu schätzen.

Alle anderen Männer in ihrem Leben waren ein Mittel gegen Langeweile, Angst, Schmerz, Frustration. Ablenkung, Zerstreuung. Sex war ein kurzes High ohne Droge. Nichtssagend und unbedeutend.

Doch Mycroft… oh Gott. Das war neu. Eine völlig neue Ebene der Hingabe. Er war so unschuldig, so begeistert. So aufrichtig.
Und sie?
Verliebt.
Sie hatte sich wirklich verliebt.
Fuck.
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