intra muros

von Nuxe
GeschichteFreundschaft, Schmerz/Trost / P18 Slash
Dr. John Watson Mycroft Holmes Sherlock Holmes
28.03.2019
25.09.2020
100
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Dieses Kapitel
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01.04.2019 1.706
 
Sherlocks Kopf schnellte herum. Er sah Greg, der freundlich winkte, nur ein paar Meter entfernt, flankiert von John, der etwas gequält aussah.

Innerlich seufzte er laut. Musste das jetzt sein? Den ganzen Tag schon war er schon unglaublich nervös gewesen und jetzt lief es so gut… und dann wurde er ausgerechnet von den beiden gestört.

Greg steuerte jetzt durch zwei Pflanzkübel zielstrebig mit begeistertem Gesicht auf ihn zu, er versuchte offensichtlich seine Neugier nicht allzu deutlich zu zeigen, doch seine Augen schnellten zwischen ihm und seiner Begleitung hin und her. John folgte in einigem Abstand, zögerlicher. Verdammt.

Sherlock spürte wie sich Junia neben ihm versteifte. Er konnte geradezu fühlen wie sie eine energetische Mauer um sich zog und sich von ihm distanzierte. Na wunderbar. Er seufzte entschuldigend und warf ihr einen kurzen Blick zu.

„Sherlock“ Greg grinste in erfreut an. „Mann, ich habe dich so lange nicht gesehen.“ Er schien sich wirklich zu freuen. Nun war auch John am Tisch angekommen.
Sherlock verdrehte die Augen. Nun war er quasi gezwungen die Vorstellungsrunde zu geben. Junia hatte ein freundliches Lächeln aufgesetzt und schob ihre Sonnenbrille auf den Kopf. Große, grüne Augen lächelten Greg und John freundlich an.
„Junia, darf ich vorstellen, mein Freund John Watson und DI Greg Lestrade.“ maulte er. „Freut mich sehr“ hörte er von Junia. Er wartete das allgemeine Händeschütteln ab und und ignorierte seine unhöflich knappe Vorstellung der Beteiligten. Die Bedienung kam im richtigen Moment und fragte ob ihre Runde sich erweitert hätte was Sherlock so entschieden verneinte das John zusammenfuhr und selbst Greg mit „hat mich gefreut“ und „einen schönen Abend noch“ abzog. Wobei John immer noch recht peinlich berührt wirkte.

„Das ist also dein John.“ grinste Junia.  
„Das ist mein John.“ Bei dieser ungewohnten Anrede wurde Sherlock ganz warm und verwundert wurde ihm klar wie er es genoss sich bei diesen Worten so wohl zu fühlen, so sicher. Sein John.
„Gratuliere Sherlock. Er ist ganz wunderbar.“
Sherlock seufzte tief und nahm einen großen Schluck Wein, bevor er seine alte Freundin mit schiefgelegtem Kopf ansah. „Ist er. Aber ich bin…“ er senkte den Blick, schüttelte den Kopf. Wie konnte er nur seine Gefühle erklären? Alles in Worte fassen? Seine unglaubliche Angst letztlich alles falsch zu machen, John zu verlieren, ihre Freundschaft. Und doch hatte er sich in den letzten Wochen genau darauf vorbereitet. Er hatte einen Plan und sich entschieden diesem zu folgen.

Traurig lächelte er seine alte Freundin an. Sherlock erinnerte sich genau an den Sommer mit ihr, in dem er wohl am glücklichsten war. In der „vor John“ Zeit. „Vor John“ gab es nur wenig schöne Erinnerungen und Junia war definitiv eine davon.
„An was denkst du?“ ihre warme Stimme riss ihn aus seinen Gedanken.
„Ich denke nicht, ich erinnere mich. An uns.“
Jetzt lächelte sie traurig „Bereust du irgendetwas?“
„Oh, ich wäre gerne noch einmal jung und würde unser Leben auf andere Art ruinieren. Ich habe jetzt neue Ideen.“ witzelte Sherlock und freute sich über Junias lautes, offenes Lachen.
Dann schüttelte er den Kopf. Nein, er bereute nichts. Er neigte nicht dazu sich mit der Vergangenheit zu beschäftigen, das war sinnlos. Außerdem war er relativ glücklich. Mit John. Seinem Beruf. Seinen Freunden. In letzter Zeit sogar mit Mycroft. Was er ihn natürlich niemals wissen lassen würde. Wie dankbar er für dieses Leben und die Menschen darin sein musste wurde ihm immer wieder schmerzlich Bewusst – eine sehr unangenehme Seite des Lebens ohne Drogen. Er riss sich von dem Gedanken los und gab die Frage zurück. „Und du?“

Er beobachtete interessiert wie Junias schönes Gesicht überschattet wurde. Plötzlich wirkte sie müde, erschöpft. Sherlock hatte sich diese Frage gestellt seit er sich entschlossen hatte Junia zu kontaktieren. Er wusste durch seine Recherche einige Details der letzten Lebensjahre. Es war nicht einfach gewesen Informationen zu erhalten, doch natürlich war es ihm letztlich gelungen. Seine Freundin hatte kurz nach dem gemeinsamen Sommer geheiratet und war ins Ausland gezogen. Soweit er es rekonstruieren konnte hatte sie in verschiedenen Ländern gelebt und war häufig umgezogen, ob der Ausschlaggebende Grund dafür Junias schwieriges Verhältnis zu ihrer eigenen Familie war oder eine intrinsische Motivation war ihm unerschlossen geblieben. Beruflich schien sie nicht Erscheinung getreten zu sein, ihr Privatleben hielt sie privat. Nun war sie also Witwe.

War es bei Junia wie bei John? Dieser Schmerz? Diese Verzweiflung? Junia hatte nicht aus Liebe geheiratet sondern aus purem Pflichtgefühl gepaart mit kalter, berechnender Kalkulation. Beides hatte Sherlock damals nicht verstanden. Mittlerweile hatte Sherlock eine Vorstellung von der Liebe, doch die Gefühle aus denen seine alte Freundin damals gehandelt hatte konnte er immer noch nicht nachvollziehen. Sie hatten damals immer wieder darüber geredet, doch Junia war stolz und starrköpfig. „Weil es mein Leben ist, und das ist die einzige Erklärung die du brauchst.“ hatte sie ihn immer wieder drohend angezischt.

Junia holte tief Luft, „Wir haben alle unsere Dämonen. Nicht jeder bekämpft sie wie du, Sherlock. Ich habe mich entschieden meine zu füttern.“
Vorsichtig lächelte Sherlock. Sie lächelte zurück.



John hatte sich nach ein paar Bier, ein paar Whiskey und einem guten Essen fluchtartig von Greg verabschiedet. Dieser war, nach einigen Bier, immer wieder auf Sherlocks „Date“ zurück gekommen und konnte gar nicht damit aufhören laut zu überlegen wo Sherlock eine solche Frau kennen gelernt haben mochte oder wie überrascht der DI war das Sherlock überhaupt Interesse an einer Frau hatte – gespickt von zahlreichen Zwinkern und Seitenblicken auf John.

Auf dem Rückweg in die Baker Street ärgerte sich John dass seine Gedanken sich mit dem gleichen Thema beschäftigten. Er hatte Sherlock schon mit Irene Adler und Janine gesehen und doch ergriff ihn ein fast körperlicher Widerwillen wenn er daran dachte das Sherlock eine Beziehung eingehen könnte, obwohl er es selbst Sherlock doch immer wieder mal ans Herz gelegt hatte. Es beunruhigte ihn, dass er dieses Verhalten von sich selbst in Bezug auf keinen seiner anderen Freunde jemals beobachtet hatte. Im Gegenteil, er hatte sich immer aufrichtig gefreut wenn seine Kumpel Glück in der Liebe hatten.

Er musste zugeben das Sherlock und Junia optisch ausgesprochen gut harmonierten. Sie waren optisch ein beeindruckendes Paar, gegensätzlich und doch irgendwie ähnlich. Der hoch gewachsene Lockenkopf mit dem ausdrucksstarkem Gesicht und der arroganten, überheblichen, kühlen Aura und die stolze, schlanke Frau mit den beeindruckenden Kurven, den intensiven grünen Augen, den vollen Lippen und hohen Wangenknochen, der langen, hellblonde Mähne und der warmen, leicht gebräunten Haut. John schnaubte verärgert und steckte die attraktiven Attribute seines Freundes zu seinen unklaren Gefühlen in die letzte, sandige Ecke seines Bewusstseins. Zu all den anderen verwirrenden Empfindungen von denen er hoffte sie blieben noch lange unentdeckt.

Die Wohnung war verlassen und John entschied sich sofort zu Bett zu gehen. Er hatte genau den richtigen Alkoholpegel um schnell einzuschlafen und das war kein Zufall.



Als John am nächsten Morgen gerade den Tee auf den fertig gedeckten Frühstückstisch stellte flog die Tür auf und Mycroft Holmes schoss geradezu in die Wohnung. John verdrehte die Augen. „Drama Queen“, dachte er, während Sherlock die Zeitung ein kleines Stück sinken ließ und theatralisch seufzte.

Sherlock war erst wenige Minuten zuvor aus seinem Schlafzimmer gekommen, hatte ein „Guten Morgen“ in Johns Richtung gemurmelt und sich dann in seinem Sessel verzogen. John plante nicht Sherlock auf das gestrige Zusammentreffen anzusprechen. Er wollte von Sherlock selbst informiert werden, sollte dieser es für nötig halten. John würde sich auf keinen Fall die Blöße geben und sich nach Sherlocks Abend erkundigen.

„Guten Morgen Mycroft. Tee?“ fragte John gereizt, denn der jüngere Holmes schien sich wieder auf gewohnt unkommunikative Art mit seiner Zeitung zu beschäftigen und seinen Bruder zu ignorieren.

„Danke John, nein. Ich habe leider keine Zeit für Familienidylle. Ein Land will regiert werden. Sherlock, ich will dich sprechen. Allein und sofort.“
Unbeeindruckt, ohne den Blick aus der Zeitung zu nehmen, verkündete Sherlock emotionslos: „Mycroft, du bist die Pest. Wie oft soll ich es dir noch sagen, ich habe keine Geheimnisse vor John. Entweder du sprichst oder du gehst.“

In John breitete sich ein warmes, triumphierendes Gefühl aus, was er sofort als unangebracht unpassend deklarierte. Er lenkte all seine Aufmerksamkeit auf sein Toastbrot.

Mycroft verzog ärgerlich das Gesicht verzog und schnaubte gereizt. Er baute sich vor Sherlock auf.
„Sherlock, mir ist klar das dies alle meine Verfehlungen betrifft. Doch trifft es auch auf deine zu?“ fragte er in spitzem Tonfall und warf einen bedeutsamen Blick zu John in die Küche.
Sherlock regte sich nicht. Johns Blick hob sich langsam vom Toast und suchte Sherlocks.
Mit einem gereizten Aufstöhnen zog Mycroft Sherlock schwungvoll die Zeitung aus der Hand und zischte seinen Bruder an.
„Junia ist in London. Was soll das?“

Sherlocks Gesichtsausdruck war völlig neutral, keine Regung war auf dem Gesicht des großen Mannes zu sehen. “Ich weiß. Ich habe gestern Abend mit ihr gegessen. Doch woher weißt du es, Mycroft? Läuft meine Überwachung wieder? Oder hat sie auch dir einen Besuch abgestattet? Nach all den Jahren…“ Sherlocks Ton war bei den letzten Sätzen provozierend und süffisant geworden.
„Oh Schwachsinn!“ blaffte Mycroft. „Seit ihr werter Gatte verstorben ist habe ich ein Auge auf sie. Wir beide wissen dass sie keinen Urlaub in der Stadt macht. Was soll das Sherlock? Warum hast du sie kontaktiert?“
„Warum interessiert dich das?“ gab der Lockenkopf zurück und blitzte seinen Bruder herausfordernd an.
Mycrofts Blick wanderte von seinem Bruder zu John und wieder zurück.
„Sie wohnt im Savoy.“
Mit einem Nicken zu John und einem unergründlichen Blick war er in schnellen Schritten bei der Tür „Ich will dass du das klärst und sie wieder verschwinden lässt Sherlock. So schnell wie möglich.“ sein Ton war alarmierend drohend, selbst für Mycrofts Verhältnisse.

Laut knallte die Wohnungstür ins Schloss während Sherlock genervt aufstöhnte, John nur kurz musterte und dann in sein Zimmer stürmte.

John blieb irritiert zurück. Dieser Auftritt war selbst für Mycroft ungewohnt geheimnisvoll. Noch mehr irritierte ihn Sherlock. Woher kannten die beiden Holmes Brüder Junia? Und was brachte Mycroft, der sonst die Arroganz selbst war, dazu derart nervös zu sein?

Abgesehen von Phasen während ihres Aufenthalts in Sherringford hatte John Mycroft noch nie anders als kühl, distanziert und überlegen erlebt. Johns Stirn legte sich in Falten.
Nun, auch darauf würde er eine Antwort erhalten, so Gott will, dachte er resigniert und beeilte sich, nach einem Blick auf die Uhr, um rechtzeitig seine Schicht im Krankenhaus anzutreten.
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