intra muros

von Nuxe
GeschichteFreundschaft, Schmerz/Trost / P18 Slash
Dr. John Watson Mycroft Holmes Sherlock Holmes
28.03.2019
20.08.2019
31
99624
12
Alle Kapitel
65 Reviews
Dieses Kapitel
5 Reviews
 
 
Hey ihr Lieben,

ich möchte bei Lea, Juko, Peppermintnetti und wie immer John Snape und Muecke49 von ganzem Herzen bedanken. Eure Kommentare und Nachrichten motivieren mich sehr. Es tut wahnsinnig gut von euch zu hören. Grazie!

Heute geht es mal wieder zurück in die Vergangenheit. Viel Spaß und darf ich vorstellen - Alex!




Ich sah mich beeindruckt in meinem neuen zu Hause um. Leo hat mich gestern Nacht von einem kleinen, privaten, Flughafen abgeholt, eine knappe Stunde in verstörendem Tempo durch Nacht chauffiert und nach den Stunden voller qualvoller Turbulenzen in dem fliegendem Grab bin ich erschöpft direkt ins Bett gefallen.

Jetzt ist heller Morgen, ich bin geduscht, angezogen und starte guter Dinge in mein neues Leben. Ich kann diese Chance noch gar nicht fassen. Gut, eine beeindruckende Militärkarriere kann ich vorweisen, doch mehr nicht. Und immerhin habe ich die unehrenhaft beendet. Ich konnte keine Beziehungen, keinen Einfluss, keine mächtige Familie im Hintergrund nutzen.
Trotzdem bin ich jetzt hier, mit einem Gehalt was meine kühnsten Vorstellungen sprengt und werde für eine, man kann es nicht anders sagen, legendäre Familie arbeiten. In Mafiakreisen natürlich.

Ich habe Leo de Meo bereits vor einem Jahr kennen gelernt und der Mann hat mich schwer beeindruckt. Sympathisch, authentisch, klug.
Wir haben zufällig einige Geschäfte in meinem Zuständigkeitsbereich gemeinsam bearbeitet und er schien von mir genauso begeistert zu sein. Denn er machte mir ein Angebot was ich nicht ablehnen konnte.

Das Erdgeschoss ist ein großer Raum. Hell, geräumig und ideal für Partys. Große, offene Küche, Esszimmer, Wohnzimmer, die Einrichtung modern und doch mit einem gewissen entspannten Vibe den die italienischen Designer einfach drauf haben. Jedenfalls glaube ich in Italien zu sein, für mich als Amerikaner ist Europa sowieso ein Rätsel.
Die riesige Terrasse mit einer beeindruckenden Aussicht auf grüne Weinberge gefällt mir besonders. Schön hier und doch ein wenig einsam.
Eigentlich schade dass sie scheinbar häufiger umziehen, Leo erzählte mir etwas von schnell einsetzender Langeweile. Gut, mir soll es egal sein und für einige Monate werden wir wohl hier blieben.
Schon gestern Abend ist mir der interessante Schnitt des Hauses aufgefallen, denn mein großzügiges Schlafzimmer hat ein angrenzendes Bad und die drei anderen Schlafzimmer im ersten Stock ebenfalls.
Im Erdgeschoss gibt es zudem Büroräumlichkeiten, die ich sicher nachher noch kennen lernen werde.

Jetzt konzentriere ich mich erst einmal auf den großen blonden Mann im Anzug vor der Kaffeemaschine, der mich pünktlich um 8 in der Früh in die Küche geordert hat.
Ich bin froh dass ich mich ebenfalls für einen Anzug entschieden habe, auch wenn der ungewohnt ist, nach all den Jahren in Uniform. Zudem ging mein Einsatz hier schneller los als Gedacht und ich hatte wirklich nicht mehr allzu viel Zeit für Stilfragen.

Leo lächelt mich etwas verhalten an.
Tja, an seiner Stelle wäre ich auch nervös, der Arme hat es sicher nicht leicht. Ich selbst bin natürlich ebenfalls aufgeregt, versuche mir aber nichts anmerken zu lassen und weiß dass ich darin gut bin. Gelernt ist gelernt. Ich weiß wie ich auf andere wirke und nutze das auch bewusst. Ich bin quasi der Prototyp des Kalifornier-Klischees. Blond, gebräunt, gut trainiert und freundlich. Der harmlose, gutmütige Kumpeltyp. Ich wurde aufgrund meiner freundlichen und offenen Ausstrahlung schon oft unterschätzt und jeder einzelne hat es furchtbar bereut.  

Wir haben geplant dass ich erst einmal mit ihm das „Familienleben“ aus der Nähe ansehe, die anderen kennen lerne und mich gründlich umsehe.
Leo wird mich dabei schrittweise einarbeiten und beginnt damit auch schon, er ist ein gründlicher und strukturierter Mann, ohne Frage. In der nächsten halben Stunde werde ich die privaten familieninternen Sicherheitsvorschriften eingewiesen.
Ich nicke konzentriert, stelle ab und an eine Frage und bin letztlich sehr beeindruckt bezüglich der nahezu pedantischen Professionalität. Das kenne ich durchaus auch anders. Doch es wird mir meinen Job wahrscheinlich erleichtern. Klare Absprachen sind immer gut.

Den Papierkram haben wir schon Monate hinter uns, ich habe Verschwiegenheitserklärungen ohne Ende unterzeichnet, bedrohliche Anwälte und sogar Ärzte getroffen und Stunden unter Leos fordernden Fragen verbracht. So leicht wird mich nichts mehr schocken.  
Mein Aufgabenbereich ist speziell, gelinde gesagt. Ich werde Teil der strategischen Führung der Organisation, wobei mir meine Militärkenntnisse sicher nicht schaden, ein Aufstieg in der Hierarchie der mir zu Hause niemals möglich gewesen wäre.

In gleichem Maße bin ich für Junias Sicherheit verantwortlich, wobei mir immer noch nicht ganz klar ist wie das praktisch ablaufen soll.
Leo ist bei der Entscheidung zur Eheschließung mit seiner Schwester jedoch unerbittlich, er will unbedingt jemanden der alle Befugnisse und gesellschaftliche Rechte eines Ehegattens hat.
Mir ist immer noch nicht ganz klar warum, andererseits überwiegen für mich die Vorteile einer Ehe mit Junia de Meo ganz entschieden, daher bin ich der letzte der ihn davon abhalten wird. Niemand wird mich jemals wieder degradieren können, ich bin in dieser Position unanfechtbar. Ich bin fest entschlossen mir diese Chance nicht entgehen zu lassen.
Nicht das ich noch eine Wahl hätte. Ich habe zugesagt, den Job angenommen. Hier gibt es keine Möglichkeit es sich anders zu überlegen oder auszusteigen.
Man ist drin oder tot.

Ich bin drin. Sowas von drin.

Ich bin gespannt, vor allem wegen der Gerüchte die ich gehört habe. Da war schon einiges wirres dabei, doch ich mache mir gerne selbst ein Bild.
Gestern Nacht habe ich lediglich herausbekommen das die Beteiligten schon von mir wissen, jedoch nicht das ich schon anwesend sein werde, dies hat sich wohl eher spontan ergeben. Während Leo sich, mitten in der Nacht, in Junias Zimmer verabschiedet hat, bin ich erschöpft und gleichzeitig nervös nur noch ins Bett gefallen.

Leo hat den Zeitplan geändert, meine Anreise, die Hochzeit, alles findet früher statt als ursprünglich geplant.
Warum ist mir nicht erläutert worden, ist mir jedoch auch völlig egal, hat aber gleichzeitig dafür gesorgt dass ich in den letzten Tagen und Nächten kaum geschlafen habe weil noch so viel zu tun war.
Wie ich erfahren habe ist auch Matteo noch im Ausland und wird heute morgen ankommen und auch Junia ist erst gestern Abend aus London angereist während Leo mit mir in der letzten Woche in New York beschäftigt war.

Leo reicht mir noch einen Kaffee, ich hätte gerne was zu essen, doch das wird mir nicht angeboten und auch Leo bleibt nüchtern. Dankend lehne ich Milch und Zucker ab. Er lehnt sich neben mir an die Küchentheke.
„Nervös?“ fragt er.
Ich zucke nur mit den Schultern. Er schmunzelt, schaut auf die Uhr und dann höre ich ein leises „und los geht’s.“

Auch ich höre jetzt das Klappern von Absätzen auf der Treppe und kurze Zeit später kommt meine Zukünftige auf uns zu, versunken den Blick auf ihr Handy in der Hand gerichtet. Obwohl eindeutig in das Gerät vertieft hält sie plötzlich abrupt inne, als hätte sie mich gespürt, bleibt wachsam stehen als sie mich sieht.
Ihr Blick wandert prüfend über mich, keine Regung ist in ihrem schönen Gesicht zu sehen. Wow, interessante Frau. Sie wirkt beeindruckend kühl und irgendwie arrogant, doch auch vorsichtig. Auch ich sehe sie neugierig an, immerhin kenne ich sie noch gar nicht. Ich muss sagen, ich bin begeistert, sie sieht fantastisch aus in ihrem dünnen, weißen Shirt und der rehbraunen Lederhose. Dazu trägt sie hohe Sandalen, die offenen, blonden Haare reichen ihr in leichten, seidigen Wellen bis zur Taille und ihre Haut ist zart gebräunt und strahlt. Eine Göttin. Leider stehe ich nicht auf Frauen, doch den Anblick weiß ich durchaus zu schätzen.

Kurz zuckt ihr Blick zu Leo. Sie sieht aus als ob sie den Raum sofort wieder verlassen will, doch ihr Bruder interveniert. Er drückt den Knopf der Kaffeemaschine hinter uns und ich grinse in mich. Er hat unseren Platz an der Küchentheke also nicht zufällig gewählt.

„Guten Morgen. Komm Süße, Kaffee.“ Lockt er sie dann auch gleich freundlich. Nach einigen Atemzügen und einem eindeutig misstrauischem Blick zu mir setzt sie sich tatsächlich wieder in Bewegung, umrundet, mich ignorierend, die Kücheninsel von der anderen Seite und schnappt sich die dampfende Tasse, die er ihr hinhält.
Jetzt, wo sie näher gekommen ist, sehe ich die dunklen Flecken. Deutliche, fast verblasste Würgemale am Hals, auch auf den nackten Unterarmen erkenne ich noch Spuren von Gewalt. Interessant.

„Alex.“ Begrüßt sie mich knapp nickend mit meinem Namen.
Ich lächle freundlich „Schön dich kennen zu lernen.“
Noch während ich spreche dreht sie sich herum und verschwindet mit ihrem Kaffee auf die andere Seite des großen Raumes, bringt so viel Abstand wie möglich zwischen uns. Ich genieße ihren Anblick von hinten und gebe mir Mühe ihre Abwehrende Art nicht allzu persönlich zu nehmen.
Sie setzt sich, vertieft sich in ihr Handy und ignoriert uns. Sie erinnert mich an ein wildes Tier und finde das auf merkwürdige Art ganz reizend.

Mein forschender Blick zu Leo bleibt unerwidert, so stehe ich einfach weiter neben ihm und nehme ebenfalls einen Schluck Kaffee.

Wieder Schritte auf der Treppe. Ein aufgekratzter Typ in Jeans und Shirt schießt ins Zimmer, einen Motorradhelm unter dem Arm. Ihm gehört also die Maschine die ich gestern Nacht noch gehört habe, denke ich.
Er nickt mir und Leo kurz zu und steuert, zu meiner Verwunderung, zielstrebig auf Junia zu die ihn offen anlächelt. Laut verkündet er „Sorry, bin nochmal eingeschlafen. Kommt nicht wieder vor.“ strahlt er. Er küsst sie leidenschaftlich und nimmt dann einen tiefen Schluck aus ihrer Kaffeetasse. Dann grinst er sie an. „Melde dich, ja?“. Sie sagt etwas ich nicht verstehe. Und schon ist er Richtung Haustür verschwunden.

Ich höre Leo leise neben mir. „Sie hat Affären, was gut ist. Hauptsache sie langweilt sich nicht. Du musst darauf achten das die Typen morgens früh genug verschwinden und Matteo hier nicht über den Weg laufen, verstanden?“ Ich nicke. Skurril, aber okay, geht mich nichts an.

„Was macht sie denn wenn sie sich langeweilt?“ will ich dann doch wissen. Leo verzieht das Gesicht. „Blödsinn. Drogen, Partys, Fallschirmspringen, riskantes Fahren von Autos, Motorrädern, Booten… klassisches Risikoverhalten. Alles ungleich gefährlicher als Liebhaber, ist das klar?“
Ich ziehe die Augenbrauen hoch und nicke. Okay, so hätte ich sie wirklich nicht eingeschätzt. Sollte an den Gerüchten doch etwas dran sein?

Wieder hören wir die Haustüre und Matteo, einen kleinen Rollkoffer hinter sich herziehend, erscheint. Geht ja Schlag auf Schlag auf einmal. Er zieht Jackett und Sonnenbrille aus und wirft beides auf eines der Sofas.

Er wirkt nur kurz überrascht als er mich neben seinem Bruder sieht, hat sich sofort wieder im Griff. Alles an ihm wirkt gereizt und gefährlich, seine ganze Körpersprache offen provozierend. Er ist ein attraktiver Mann, Leo nicht unähnlich, nur etwas dunkler. Groß, muskulös, sportlich.
Ich kenne ihn bereits, habe ihn einige Male gesehen, doch natürlich noch nie mit ihm geredet. Wie auch, er steht weit über mir in der Hierarchie und ist deutlich weniger menschenfreundlich als sein Cousin Leo. Im Gegensatz zu Leo, der durchaus seine zugänglichen Augenblicke hat, wirkt Matteo offen arrogant und unnahbar.

Er taxiert mich genau, wirft Leo neben mir einen undefinierbar finsteren Blick zu und steuert nun auf Junia zu, die nicht von einer Zeitung aufsieht. Überrascht verfolge ich wie er eine große Hand sanft auf ihre Wange legt und ihr einen langen Kuss gibt. Keinen der verwandtschaftlichen Sorte. Ich glaube ich werde rot als ich sehe wie sie den Kuss erwidert.
Er flüstert ihr kurz etwas ins Ohr, lässt dann von ihr ab und kommt zu mir, baut sich provozierend vor mir auf. Überrascht greife ich nach einem kurzen Zögern seine ausgestreckte Hand und bringe ein hoffentlich nicht allzu klägliches „Alex. Freut mich.“ heraus.

Er lächelt süffisant und schenkt sich einen Kaffee ein. „Willkommen in der Familie.“ Es hört sich an wie eine Drohung.
„Mein Flug war furchtbar. Ich gehe kurz duschen, kann können wir.“ Lässt er Leo in unverbindlichem Tonfall wissen, der nur nickt. Matteo verschwindet mit seinem Kaffee die Treppe hinauf und ich stocke. Er wohnt auch hier? Das kann ja heiter werden.

Ich spüre einen drohenden Blick auf mir. „Problem?“ fragt Leo mit hochgezogenen Brauen und angepisstem Gesichtsausdruck. „Nein.“ Beeile ich mich zu sagen und sortiere meine Gesichtszüge.

„Dann komm schon Mal mit ins Büro.“

Ich sitze Leo an seinem Schreibtisch gegenüber und unterziehe mich einer seiner unangenehmen Musterungen der ich ungerührt standhalte. Leo scheint zufrieden zu sein, denn er lässt von mir ab. „Wir beginnen Arbeitstage um 8 Uhr. Wir nutzen gemeinsame Zeit effektiv. Wenn du zukünftig bei Junia bleibst werden Matteo und ich häufiger weg sein, derzeit wechseln wir uns aus Sicherheitsgründen ab.“ Ich nicke. Klar.
„Darf ich etwas fragen?“ werfe ich ein.
„Natürlich.“ Er lehnt sich zurück und blickt mich prüfend an.
„Ähm.“ Jetzt werde ich doch verlegen. „Kannst du mir näheres zu den vertrauenswürdigen Personen und Risikofaktoren in Junias Leben erzählen?“ Ich drücke mich bewusst fachlich aus und hoffe ihn damit nicht vor den Kopf zu stoßen. „Ich habe die Würgemale gesehen. Das hätte ungut ausgehen können. Ich muss genau wissen worauf ich achten muss.“ ergänze ich noch.

Kurz seufzt er, dann antwortet er aber in neutraler Tonlage. „Sicher. Weißt du, die damaligen Umstände haben erfordert dass wir in ihrer Kindheit sehr isoliert gelebt haben. Daher ist sie mit mir und Matteo am engsten Vertraut. Vielleicht haben wir es übertrieben. Ist jetzt nicht mehr zu ändern. Besonders eng und… speziell… ist ihre Beziehung zu Matteo. Misch dich da keinesfalls ein, dann geht alles gut.“
Er hält inne, ich nicke.

„Dein Job ist es allerdings sein ein Auge auf sie zu haben und im Notfall einzugreifen. Du bist für sie zuständig, nicht für Matteo, verstanden? Manchmal kommt es zwischen den beiden zu Unstimmigkeiten. Wenn er… übertreibt greifst du ein.“
„Definierst du bitte „Übertreiben“?“ unterbreche ich ihn „Das kann alles bedeuten. Sind die Würgemale von ihm?“  
„Nein. Ein kürzlicher Unfall in London und nicht dein Problem.“ Er blickt an mir vorbei, ich sehe wie er nachdenkt.
„Weißt du Alex, aus Liebe und Sorge, in dem Bestreben das richtige und notwendige zu tun, haben Matteo und ich gewisse Fehler begangen. Wir haben Grenzen überschritten, ihre und unsere. Wir sind letztlich alle zu dem geworden was wir jetzt sind. Matteo und Junia… . Es besteht kein Grund dich einzumischen so lange sie nicht ernsthaft verletzt wird oder längere Zeit verschwindet. Es darf einfach nur nicht eskalieren.“
„Mhm.“ Ich bin ein wenig ratlos.
„Du wirst es verstehen wenn du die beiden besser kennen lernst. Junias Affären wechseln, Sorgen musst du dir eher machen wenn sie die einstellt. Das heißt das sie eine andere Beschäftigung gefunden hat und das ist in der Regel schlecht.“

„Mehr Menschen gibt es in ihrem Leben nicht?“ wundere ich mich. Das ist wirklich wenig.
„Nun, vielleicht doch. Es gibt da seit kurzem einen Mann in London, Mycroft Holmes. Wir müssen abwarten wie sich die Sache entwickelt.“
„Keine Affäre?“
Leo verzieht das Gesicht. „Ich fürchte dafür ist er nicht der Typ. Warten wir’s ab.“


Was ich in der weiteren Stunde erfahre entspricht dem Ruf der Familie de Meo. Extravagant, exzentrisch, unkonventionell und gleichzeitig professionell, effektiv und Qualitativ herausragend. Ich staune nicht schlecht. Ich werde hier einiges lernen können.

Nach einiger Zeit höre ich Junia im Nebenraum ihre Telefonate beenden und folge Leo in ihr Büro. Auch Matteo sitzt dort und geht konzentriert einige Unterlagen durch. Wir machen es uns in einer Sitzecke gemütlich und Leo führt mich in die unterschiedlichen Aufgabenbereiche ein.
Die Stimmung ist deutlich entspannter als am Morgen. Matteo ist eindeutig runter gekommen und Junia hat ihre kühle Distanziertheit ein wenig abgelegt. Ich bin überrascht wie kompetent und eloquent sie logistische Details erläutert und mögliche Lösungen, Risiken und damit verbundene Kosten darstellt. Alle drei wirken unglaublich fachkundig in ihren jeweiligen Arbeitsbereichen und scheinen ein eingespieltes Team zu sein.
Entscheidungen werden schnell getroffen, die notwendigen Schritte professionell geplant. Dinge die bei meiner alten Organisation stundenlange Diskussionen nach sich gezogen hätten werden hier effektiv bearbeitet. Man merkt deutlich dass alle drei die Organisation als ihre eigene begreifen und keinerlei Machtgerangel im Weg steht.  

Der Tag vergeht. Ich lerne ein Hausmädchen und die Köchin kennen, es gibt tatsächlich doch noch etwas zu essen und ich bin vollauf mit meinen neuen Eindrücken beschäftigt. Leo bleibt bei mir, erklärt und erläutert, Matteo und Junia machen ihr Ding.

Ich mache mich am späten Abend noch einmal auf den Weg in die Küche. Überrascht halte inne als ich Junia auf der dunklen Terrasse sehe. Sie scheint völlig in den dunklen Nachthimmel versunken. Ich kann die warme, aromatische Luft Nacht fühlen. Das wäre eine Gelegenheit für ein persönliches Gespräch. Trotzdem kann ich mich nicht entscheiden ob ich mich nicht doch einfach zurückziehen soll.

„Komm schon her.“ Höre ich sie.
Ich zögere einen Moment, doch dann betrete ich den warmen Steinboden der Terrasse und setzte mich auf einen der anderen Sessel. Sie dreht sich zu mir. „Wein?“ Ich nicke, stehe kurz auf, schenke mir ein Glas ein, trinke einen Schluck.

„Es wäre wohl angebracht wenn wir uns ein bisschen kennen lernen, was?“
„Ja.“ Jetzt bin ich doch etwas überrascht. Ich warte, doch sie sagt nichts mehr. Ich mustere ihr Gesicht, schön und ohne jede Regung starrt sie knapp an mir vorbei. Nun gut. Ich hole Luft.
„Ich erzähle dir ein Geheimnis.“ Beginne ich.
„Ich denke nicht das…“ beginnt sie abwehrend, doch ich unterbreche sie.
„Ich denke schon den ganzen Tag daran das mein Vater sich im Grab umdrehen würde wenn er erfahren würde das sein verstoßener, schwuler Sohn eine wunderschöne, intelligente, geheimnisvolle Europäerin heiratet.“ Ich beobachte sie aufmerksam um keine Reaktion zu verpassen. Was ich sagte war die Wahrheit und sie war schmerzhaft für mich.
Sie sagt nichts, doch sie sieht mich direkt an und dieses Mal wirkt sie lebendig. Ich sehe Anteilnahme in ihrem Blick bevor sie fragend den Kopf schief legt.
„Schwul?“
Ich räuspere mich. Es fällt mir nicht leicht so offen zu sein. „Ja. Ich… ich wollte das du es weißt. Vorher. Ich habe es Leo nicht erzählt, er hat jedoch genaugenommen auch nicht gefragt. Nun, wenn ich ehrlich bin habe ich es noch niemanden erzählt. Doch du wirst… nunja… meine Ehefrau. Auch wenn das hier-„ ich mache eine kreisende Armbewegung „- nicht so ist wie… normal… ist es mir wichtig das du mir vertraust, das ich ehrlich zu dir bin. Das du auch das von mir weißt. Ich will da kein Geheimnis daraus machen, du sollst wissen worauf du dich einlässt. Ich würde dich wirklich gerne besser kennen lernen. Für mich ist das nicht nur ein Job, weißt du?“
Sie beißt sich auf die Unterlippe, wendet den Blick ab. „Für mich ist das auch kein Job. Es ist mein Leben, Alex.“
Ich warte.
Sie wendet sich mir wieder zu, diesmal mit einem kleinen Lächeln. „Für mich ist das okay. Danke für dein Vertrauen. Ich kann dir versprechen dass ich dir nicht im Weg stehen werde, du solltest Lieben wen du willst. Das sollte jeder Mensch dürfen. Das mit deinem Vater tut mir leid. Es ist nicht richtig jemanden dafür zu verurteilen.“  
Auch ich lächle ein wenig und bin grenzenlos erleichtert. „Danke. Wirklich. Aber das mit meinem Vater muss dir nicht leidtun. Er war ein gewalttätiger, jähzorniger Mann. Er hat meiner Mutter, meinen Geschwistern und mir das Leben sehr schwer gemacht.“
Sie grinst plötzlich und tippt auf ihrem Handy herum. „Du kannst allen zu Hause Fotos senden. Von der Hochzeit und wenn du willst auch so etwas.“ Ich schaue auf das Display und sehe Junia im Schneidersitz auf dem Deck einer weißen Yacht sitzen. Sie trägt einen knappen, gelben Bikini und strahlt gelöst in die Kamera. Die langen blonden Haare wehen im Wind und ihr Körper… wow. Fast erröte ich. Wir lachen beide.
Ich atme tief ein. Jetzt oder nie. „Hör mal… musst du das hier tun?“
Sofort ist sie wieder kalt, ernst und distanziert. „Nein.“
„Du wirst also nicht gezwungen?“
Sie schnaubt und mustert mich jetzt abschätzend. „Mach dich nicht lächerlich.“
Ich weiß nicht was ich sagen soll, doch mir ist klar dass ich jetzt nichts mehr von ihr hören werde. „Gab es denn mehrere Männer zur Auswahl?“
„Ja, durchaus. Ich hatte mehrerer Lebensläufe zur Verfügung.“
„Warum hast du mich ausgesucht?“ das interessierte mich jetzt wirklich.
Sie ist kurz still und denkt nach. „Ich habe gesehen was du im Krieg getan hast und warum du entlassen wurdest.“
Ich senke den Blick. Ich vermeide es daran zu denken. „Und du wolltest jemanden der dich auf diese Art beschützt?“ frage ich.
Sie lacht, warm und sinnlich. Doch dann sieht sie mich an und ich meine Nackenhaare stellen sich auf. „Nein. Ich wollte jemanden der sich auf diese Art gegen mich wehren kann.“
Review schreiben