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intra muros

von Nuxe
GeschichteFreundschaft, Schmerz/Trost / P18 / MaleSlash
Dr. John Watson Mycroft Holmes Sherlock Holmes
28.03.2019
11.06.2021
132
421.047
45
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Dieses Kapitel
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11.06.2021 4.425
 
Sherlock saß am Steuer des geliehenen Sportwagens – wenn sie schon aufs verdammte Land mussten, dann auch richtig – und beäugte angepisst die ruhige Landstraße und den provozierend schönen Sommertag.

Es war schön, ja.
Sah sogar er.
Trotzdem.
Er wäre am liebsten im Bett geblieben.
Zu Hause.
Mit John.

Denn Sherlock hasste es abgrundtief – und selbstverständlich ohne jemals ein Wort darüber zu verlieren - ohne John zu sein.

Es war ein furchtbares Gefühl.  

Er fühlte sich ohne John, als sei er ohne Hose unterwegs. Oder im Pyjama. Sein trotziger Auftritt im Buckingham Palace im Bettlaken war nichts dagegen, wie unwohl er sich ohne seinen John fühlte.
Am liebsten wollte er Tag und Nacht bei ihm sein. Doch selbst Sherlock war klar, dass dies ein wenig obsessiv war.  

Ohne seine Fälle und John als Assistent hatte er bald einen anderen Katalysator für sein forderndes Hirn benötigt und dass, was er jetzt tat, war… gut.

Akzeptabel.

Spannend, abwechslungsreich, fordernd und maximal wenig tödlich. Kaum Gewaltdelikte in der Archäologie.
Gut, bei den ganzen Steinen und Ausgrabungswerkzeugen war das eine oder andere Mordwerkzeug dabei, doch Sherlock hatte sich persönlich davon überzeugt, dass keiner der ihm bisher bekannten Wissenschaftler in der Lage war, ihm auch nur annähernd gefährlich werden zu können. Er hatte es ausprobiert. Beeindruckende Friedfertigkeit.
Nahezu unnormal.

Aber er machte den Job ja auch nicht wegen den Menschen. Sondern weil er gerne forschte. Und weil er ein Leben wollte, in dem John im Mittelpunkt stand. Und nicht im Visier des nächsten verrückten Killers.
Genaugenommen war sein neuer Beruf für ihn wie sein alter. Hauptsächlich eine Möglichkeit, seine Energie in mehr oder weniger sinnvolle Bahnen zu lenken.

Was sich verändert hatte, war Sherlock selbst.

Er war nicht mehr permanent getrieben von seinem Verstand, nicht mehr besessen von seinen rennenden Gedanken. Das Gefühl des Getrieben seins, der unendlichen Langeweile war verschwunden. Sein nervöses, überreiztes, stets alarmiertes Hirn hatte sich beruhigt.
Es war, als ob sein Verstand, sobald er erkannt hatte, dass er John wirklich hatte, ihn wirklich bei sich behalten würde, endlich zur Ruhe gekommen war.
Durch John, Johns Präsenz, Johns Zuneigung, waren Sherlocks Gedanken nicht mehr wie ein Schwarm Vögel, die von einer Richtung in die andere stoben, abstürzten und aufstiegen und niemals, niemals Ruhe gaben.
Nein, sein Verstand war nun eher wie ein zufriedener Hund. Ein Setter, vielleicht. Er jagte, natürlich. Er verfolgte Spuren, konzentriert und effektiv und hellwach. Er arbeitete.

Doch nicht immer. Nicht vierundzwanzig Stunden am Tag.

Nein, oft lag er auch einfach an seinem Lieblingsplatz, vielleicht in der Sonne oder vor dem Kamin, ausgestreckt auf der Seite. Zufrieden und entspannt öffnete er vielleicht mal ein Auge oder spitzte die Ohren. Doch mehr war nicht nötig.

Ja, Sherlocks Glück und Zufriedenheit hatte ein Level erreicht, was ihm vor einigen Jahren noch unerreichbar vorgekommen war. Er war so glücklich, manchmal konnte er sich selbst nicht leiden. Er wusste genau, der Vergangenheits-Sherlock hätte seine heutige Version zum kotzen gefunden.  

Dass John sich weigerte, Sherlock auf seinen wenigen und kurzen Reisen im Namen der relevanten, innovativen Grundlagenforschung, die er betrieb, zu begleiten, war sehr, sehr bedauerlich und insgeheim war Sherlock froh, dass er derjenige war, der das gemeinsame Haus verlies. Er wollte keinesfalls mit John tauschen, alleine in der Baker Street und auf ihn wartend.

Das hätte ihn umgebracht.

Ernsthaft.

Und wenn Sherlock dann wieder zu Hause war, wollte er eigentlich nicht mehr von Johns Seite weichen. Er wollte bei John sein, jede Sekunde und jede Minute und nicht mal ein Zimmer von ihm getrennt.

Und schon gar nicht wollte er so kurz nach seiner Heimkehr schon wieder irgendwo hin fahren und John mit anderen Teilen.  

Himmel, manchmal fühlte er sich wie ein Vierjähriger.  

Doch ja, er war ein erwachsener Mann und er tolerierte schweren Herzens, dass er nicht immer tun konnte, was er wollte.

Abfällig schnaubte Sherlock.

Ihre Umgebung war nahezu kitschig schön. Die Vögel zwitscherten, der Himmel war blau und der englische Sommer hatte einen seinen wenigen, nahezu magischen Tage im Programm.  
Sherlock warf einen Blick auf den kräftig schnarchenden John im Beifahrersitz und konnte nicht anders – er grinste breit.

John hatte ihn heute bereits in den sehr frühen Morgenstunden geweckt. Das musste ihn einige Mühe gekostet haben, denn Sherlocks Schlaf war, in der ersten Nacht zu Hause, tief und erholsam und fast komatös.

Doch John hatte es natürlich geschafft.

Eben noch hatte Sherlock schlafend auf dem Bauch gelegen, mit lang ausgestreckten Beinen, im nächsten Moment war er von Johns Fingern aus dem Schlaf gerissen worden und sehr kurze Zeit später hatte John schon über ihm gekniet, eine Hand neben Sherlocks Kopf auf der Matratze abgestützt, die andere auf Sherlocks Schulter und war, fordernd und drängend, in ihn eingedrungen.

Sherlock, halbwach und doch erregt, hatte ins Kissen geschrien und sich ins Laken gekrallt.  Johns fordernde Stöße waren schmerzhaft, man konnte es nicht anders sagen. Doch der Schmerz war ihm willkommen, bittersüß und verwandelte sich irgendwann in eine merkwürdige Art Lust, die Sherlock unglaublich genoss und gleichzeitig besorgte, denn er bevorzugte es definitiv, sich nicht allzu genaue Gedanken über das Ausmaß seiner vielleicht masochistischen Neigungen zu machen.

Doch dann war der Schmerz vollkommen vergangen, er hatte sich an John gewohnt und bald drückte er sich ihm, so weit er sich bewegen konnte, lustvoll und stöhnend entgegen und genoss es, von John geritten zu werden.

Johns Angriff war besitzergreifend, leidenschaftlich und kurz gewesen und hatte damit geendet, dass John, leise fluchtend, tief in Sherlock gekommen war. Sherlock, noch unbefriedigt, hatte einen kurzen Moment der drängenden Frustration verspürt, war John doch einfach auf seinem Rücken zusammen gebrochen, hatte in seinen Nacken gekeucht und war langsam in seinem brennenden Arsch erschlafft.

Doch John hatte nicht allzu lange gebraucht.

Sherlocks desorientierter, erregter, müder Körper wurde von John entschieden in eine kniende Position gezogen, John hatte seine Finger tief in Sherlock versenkt und ihn gleichzeitig so raffiniert gewichst, dass Sherlock schon nach kurzer Zeit hilflos zuckend über Johns Hand gekommen war.

Verschwitzt, überhitzt und atemlos waren sie beide in das dreckige Bett gefallen, John hatte ihn an sich gezogen und sie waren wieder eingeschlafen.

Und obwohl sie selbstverständlich verschlafen hatten, hatte es sich gelohnt.

Natürlich hatte es sich gelohnt.

Sherlock liebte diese Seite an John – und auch an sich selbst. Er mochte es, von John genommen zu werden. Es war ein aufregender, merkwürdiger Genuss, eine Befriedigung für Körper und Geist, die ganz anders war, als in John einzudringen.
Es war ihm ein Bedürfnis, sich auf diese Art in Johns Hände zu begeben, sich derart auszuliefern, nichts zu tun und doch gleichzeitig der Grund und das Ziel für Johns brennende Lust zu sein. Und ja, er genoss John mit ganzem Herzen, mit Körper und Seele.

Die eher ungewohnten Male, in denen John einen Rollenwechsel initiierte, waren für Sherlock gleichzeitig aufregend und immer noch ein wenig beängstigend. Er fand es spannend und gleichzeitig beklemmend, welche Gefühle und Emotionen mit diesem Rollenwechsel einhergingen und er war John unglaublich dankbar, dass sie nicht die Art einer Beziehung führten, in der darüber gesprochen werden musste, in der diese animalischen, triebhaften, wundervollen Gelüste durch Worte und Sätze, die stets nicht genug oder nicht das richtige bedeuteten konnten, entweiht wurden.

Nein, das war definitiv nichts, was Sherlock wissen wollte. Nichts, was er analysieren oder deduzieren wollte. Nichts lag ihm ferner, als sich analytisch damit auseinander zu setzen, oder gar John darauf anzusprechen, wann und warum dieser zeitweise das Verlangen danach hatte, von Sherlock genommen zu werden um dann, jedes Mal, noch innerhalb vor Ablauf der darauf folgenden 6 Stunden, Sherlock grob in die Matratze zu vögeln.

Sherlock genoss es, John genoss es. Das war es. Sie führten keine Partnerschaft, in der jede ihrer Phantasien, jeder dreckige Wunsch verbalisiert werden musste und Sherlock war darüber sehr dankbar – und er war sich sicher, John ebenfalls.
Sie trieben es, wie sie es brauchten und wollten. Im Bett und in ihrer Beziehung.

John war unglaublich und er war Sherlock immer noch ein Rätsel. Manchmal war er unbeschreiblich sanft und behandelte ihn, als sei er kostbar und zerbrechlich, manchmal war er verzweifelt und drängend oder grob und animalisch.

Und Sherlock liebte es.

Während sein tapferer John heute Morgen ein schnelles Frühstück zubereitet und Tee gekocht hatte, hatte er bereits ihr Gepäck ins Auto gebracht.
Egal was John behauptete, seine passiv aggressive Art sagte Sherlock nonverbal, dass Johns Rücken – und wahrscheinlich auch sein ungeübter Hintern - die letzte Nacht noch nicht so ganz verdaut hatten. Doch John war diszipliniert wie immer und so saßen sie natürlich fast pünktlich im Wagen, der mehr sportlich als Rückengerecht war.

Auch das war, laut John, natürlich gar kein Problem.

Wenigstens waren die Sitze bequem gepolstert. Das gefiel ihnen wohl beiden.

Sherlock war trotzdem froh, dass John nach kaum zwanzig Minuten friedlich schlief. Das gab ihm die Gelegenheit, alles aufzunehmen, was er in den letzten 5 Tagen verpasst hatte. Er war gerade dabei, abzuwägen ob John die Rasierklingenmarke gewechselt hatte, als dieser die Augen aufschlug.

„Oh, schon so spät. Schön hier“, sagte John undefiniert und riss ihn aus seinen Gedanken.

Sherlocks Augen zuckten nur einen minimalen Moment von der leeren, ruhigen Landstraße nach links und rechts.

„Landschaftsrasen Standard für Trockenlagen ohne Kräuter“, antwortete er irritiert.

Auch nach all der gemeinsamen Zeit war John ihm immer noch ein Rätsel.

„Ich dachte du willst nicht mehr von Rasen sprechen?“, fragte er dann doch vorsichtig. Denn, wenn John heute doch über Rasen sprechen wollte, hatte Sherlock ihm definitiv einiges zu sagen. Sie fuhren schon den halben Vormittag durch die britische Landschaft, bei ihm hatten sich Erkenntnisse für wenigstens dreißig Minuten Redezeit angestaut.  

„Ich meinte nicht den Rasen“, erläuterte John lächelnd und schob seine Hand in Sherlocks, die entspannt auf seinem Oberschenkel lag. „Die Landschaft ist schön.“

Sherlock brummte neutral.

Die Landschaft war ihm vollkommen egal.

Doch Johns Hand in seiner war schön. Johns zufriedener, ausgeruhter Gesichtsausdruck war schön. Die kleinen Lachfalten, die blauen Augen, die ihn glücklich musterten.

John war mittlerweile vollständig ergraut. Sherlock wusste, dass John damit ein wenig haderte, doch er selbst fand, dass er fantastisch aussah. Vor allem wenn er sein Haar länger trug und nach hinten gekämmt, wie jetzt gerade. Als John ihn nun breit anlächelte, lächelte er sofort zurück.

Sherlock reduzierte die ohnehin schon gemütliche Geschwindigkeit des Wagens und setzte sich etwas gerader hinter das Lenkrad. Suchend scannte er die Landstraße.

„Wir müssten bald angekommen.“

John neben ihm streckte sich herzlich. „Nervös?“, fragte er grinsend.

Sherlock schüttelte nur den Kopf, entdeckte im nächsten Moment die halbhohe Steinmauer, setzte den Blinker und bog ab.
Sie fuhren eine hübsche Allee entlang, die zu einem ebenso aparten Haus führte. Sherlock gefiel es. Die Architektur und Anlage war entsprach dem typischen, britischen Landhausstil. Das liebevoll angelegte und gepflegte grün wirkte einladend, er meinte schon aus dem inneren des Wagens den gepflegten, sorgsam angelegten Garten riechen zu können. Das Haus selbst war gemauert, an den Hauswänden wuchs der Efeu stellenweise bis unter das Dach. Die Fensterläden waren grün gestrichen und trotz seiner Gemütlichkeit sorgten zahlreiche Erweiterungen und Anbauten dafür, dass aus dem Häuschen über die Jahrhunderte ein stattliches Haus geworden war.

„Dann wollen wir mal“, machte John optimistisch.

Sherlock nickte, warf die langen Beine aus dem Auto und freute sich einen Moment später, als er sein Gesicht in die Sonne hielt, von ganzem Herzen, wieder in England zu sein. Es war noch nicht einmal Mittag und der Tag war heiß, doch nichts im Vergleich zu  der Temperatur die er in den Tagen zuvor ertragen hatte.

John angelte ächzend ihre Jacketts von der Rückbank und lächelte Sherlock an, als der ihm den Kragen richtete. Sherlock küsste John sanft auf die Lippen.
Tief atmete er den grünen, saftigen Duft ein, während er John hinterher ging, der seinerseits dem hübschen Hinweisschild folgte, was die beiden um das Gebäude herum in den dahinter verborgenen Garten führte.
Sie passierten gerade beeindruckende Rosenspaliere, die ihn an Alice im Wunderland erinnerten, als John plötzlich stehen blieb.
Der Garten lag, parkähnlich und leicht abfallend vor ihnen und Sherlock konnte nicht anders als lächeln.
Wie John und er waren auch die anderen Gäste hell gekleidet und gaben in den hochsommerlichen Grüntönen ein fast malerisches Bild ab. Eine kleine Band spielte dezent im Hintergrund, die Gäste plauderten und lachten, Gruppen von Kindern rannten kichernd durch den entfernteren Teil der Anlage und Sherlock sah die hoch aufgerichtete Statur seines Bruders – natürlich am Buffet.

John hatte ihn auch gesehen und gemeinsam schritten sie Mycroft entgegen. Sherlock aus echtem Interesse – irgendetwas war heute anders bei seinem Bruder, dass sah er auf 20 Meter Entfernung – John wohl vielmehr, um der Gruppe schnatternder, älterer Damen mit Dauerwellen auszuweichen, die sich zielgerichtet, aber langsam, in ihre Richtung bewegten.
Sherlock verengte die Augen und scannte Mycroft aufmerksam, als sie näher kamen. Etwas hatte sich an ihm verändert, doch er konnte nicht sagen, was es war.
Sherlock klappte schon den Mund auf, sie waren nur noch wenige Schritte entfernt, als eine etwas derangiert wirkender Greg aus dem nichts erschien und Mycroft ansprach. Der runzelte die Stirn und schüttelte den Kopf.

„Hallo Greg, hallo Mycroft“, grüßte John freundlich, als sie zu den beiden stießen.

„Hallo ihr beiden, wir reden später“, antwortete Greg fahrig, schon wieder im gehen. Sein silbergrauer Anzug wirkte zerknittert, ein wenig Erde klebte an seinem Jackett, seine Krawatte saß schief und er schwitzte.
„Sie sind zwar schnell gemacht, aber es ist doch ärgerlich, wenn eins weg kommt.“

Mit suchendem Blick stürzte er sich wieder zwischen die Gäste.

„Er sucht eines der Kinder. Schon wieder“, teilte Mycroft mit und nippte an seinem Champagner.

„Oh“, John machte sofort ein besorgtes Gesicht und reckte den Hals. „Weiß Molly das schon?“

Mycroft schüttelte grinsend den Kopf. John lachte leise.

Dass Molly und Greg mittlerweile Eltern von zwei hyperaktiven Söhnen unter fünf waren und Molly gerade das dritte Geschwisterkind erwartete, war für Sherlock immer noch irgendwie befremdlich, obwohl John und er sogar Patenonkel von ihrem Ältesten waren.
John, der sein Patenkind vergötterte, hörte nicht auf, sich suchend umzuschauen und da er eher den Boden im Visier hatte, ahnte Sherlock nichts Gutes.

„Wo ist Junia?“, erkundigte sich Sherlock schnell bei Mycroft, um nicht von John dazu verdonnert zu werden, in seinem cremefarbenen Tom Ford Anzug den kleinen Theo unter den Tischen und Büschen zu suchen.
Er mochte das Kind auch, doch es gab Grenzen.  

„Mit Mrs. Hudson im Haus“, leierte Mycroft süffisant, bevor er hastig ebenfalls einen suchenden Gesichtsausdruck aufsetzte, als die hochschwangere Molly mit einem niedlichen kleinen Jungen an der Hand in ihre Richtung kam.
Sherlock wollte zwar immer noch wissen, was mit seinem Bruder los war, doch jetzt nahm er die Beine in die Hand und flüchtete Richtung Haus.

Ja, er würde maßlos übertreiben wenn er behaupten würde, die Veränderungen in den letzten fünf Jahren seien ihm leicht gefallen. So war er einfach nicht. Doch Junias Freundschaft zu Mrs. Hudson war eine Veränderung gewesen, an der er und John nicht unschuldig waren.  

Es hatte ihn nicht gewundert, dass die beiden Frauen sich mochten. Selbstverständlich nicht. Wie konnte man Mrs. Hudson nicht mögen? Mrs. Hudson war eben Mrs. Hudson und hatte, neben Neugier und Teedurst, einige Charakterzüge, die sie zu einer sehr leidensfähigen Gesprächspartnerin machten.

Sherlock hatte die Annäherung von Mrs. Hudson an Junia im heimischen Wohnzimmer verfolgt, wie andere Menschen Sportereignisse verfolgten. John hingegen war stets wachsam geblieben, bereit jederzeit einzugreifen, als versuche er, eine Katze an einen Hund zu gewöhnen.

Doch Junia fremdelte, wie Sherlock erwartet hatte, nicht besonders lange mit Mrs. Hudson. Zu faszinierend war die ältere Dame für Junia, zu liebevoll und aufmerksam und gesprächig.
Sherlock und John hatten nachsichtig gelächelt, als Junia irgendwann selbstständig begonnen hatte, Mrs. Hudson regelhaft zum Tee aufzusuchen. Sie hatten das Gefühl, etwas gutes getan zu haben.

Ihnen war das Lächeln vergangen, als sie eines Nachmittags nach Hause kamen und in Mrs. Hudsons plüschigem, überheiztem Wohnzimmer nicht nur Junia beim Tee vorfanden, sondern auch Robert, der stoisch eine kompliziert aussehende Bedienungsanleitung vor Matteo de Meos gerötetes Gesicht hielt. Der große Mann kniete, ohne Jackett, schwitzend und mit hochgekrempelten Hemdsärmeln auf Mrs. Hudsons Wohnzimmerteppich und baute augenscheinlich ehrgeizig das neue Home-Fitnessgerät der alten Dame zusammen.

Es war kein guter Nachmittag gewesen.

Sherlock hatte vollkommen die Beherrschung verloren, Mrs. Hudson hatte sich nichts sagen lassen wollen und John hatte vermitteln müssen.

Mrs. Hudson hatte letztlich irgendwann hoch und heilig versprochen, Junias gut aussehende, hilfsbereite Familienmitglieder nicht mehr für Tätigkeiten im Haushalt einzuspannen.
Doch Mrs. Hudson und Junia trafen sich weiterhin. Auch weil Junia ihrerseits Sherlock und John versprach, ihre mörderische Familienbande zukünftig von Mrs. Hudson fern zu halten.

Im vorletzten Frühjahr hatte Mrs. Hudson den seit 17 Jahren verwitweten Henry, einen pensionierten Architekten, bei einer Party ihrer Freundin Ursula kennen gelernt. Henry war seit 34 Jahren Ursulas Nachbar und Sherlock brachte John dazu, vier Mal in Folge bei Henry einzubrechen, um vollkommen sicher zu gehen, dass Henry, von Keller bis zum Dach, ein sauberer, ehrenhafter Gentleman war.  
Sie fanden nichts Verdächtiges und Sherlocks Sorge legte sich für eine Weile.
Als Mrs. Hudson verkündete, Henry zu heiraten und ankündigte, die Baker Street zu verlassen, flammte jedoch sein Misstrauen wieder auf.
Er hatte seinen Beruf gewechselt, er hatte ein ruhiges Leben, einen Partner den er Liebte, er hatte Freunde und ein Patenkind – doch ohne Mrs. Hudson unter seinen Füßen zu leben, konnte er sich nicht vorstellen.

Wenn der alten Dame etwas geschehenen würde… er würde nicht wissen, was er tun würde.

Sherlock steigerte sich in die Sache herein. Er spielte mit dem Gedanken,  Mycroft auf Henry anzusetzen. Er wurde misstrauischer und misstrauischer, John gereizter und gereizter und als er eines Abends John vorschlug, das Problem von Matteo de Meo regeln zu lassen und überschlug, was ihm wohl blühen würde, wenn Mycroft davon erfuhr, sprach John eines seiner seltenen Machtworte.

Und jetzt saß Sherlock hier, am frühen Abend eines wundervollen Sommertags, auf Mrs. Hudsons zweiter Hochzeit.

Die Trauung war wundervoll gewesen, die Reden ergreifend und der Garten warf lange Schatten. In den Bäumen und auf dem Boden erleuchteten Fackeln und Lampions die Szenerie, leise wehte die Musik über die runden Tische.
John neben ihm seufzte, satt und zufrieden und als Junia sich entschuldigte um Mrs. Hudson zu Begleiten hielt es Sherlock, endlich alleine mit Mycroft und John, einfach nicht länger aus.

Er musste herausbekommen, was anders an Mycroft war.

„Was ist los mit dir?“, fuhr er seinen Bruder über den Tisch hinweg an.

John neben ihm hob interessiert den Kopf.

Mycroft zuckte die Schultern, doch einer seiner Mundwinkel bewegte sich für einen Sekundenbruchteil nach oben. „Es ist nichts, Sherlock“.

Sherlock senkte die Stimme und lehnte sich über den Tisch. „Verarsch mich nicht! Irgendetwas ist anders.“ Zum sicher hundertsten Mal heute deduzierte er jedes Detail an seinem Bruder, doch er konnte nichts erkennen. Er hatte gehofft, etwas aus Junia heraus zu bekommen, doch die verhielt sich, im Rahmen ihrer üblichen Störungen, vollkommen unauffällig.

„Er hat recht“, kam John ihm unerwartet zu Hilfe. Sherlock sah aus dem Augenwinkel, wie auch John sich vorlehnte und den Kopf schief legte, während er Mycroft aufmerksam ansah.  „Du bist heute wirklich anders als sonst.“

„Ha!“, machte Sherlock.

Mycroft schnaubte blasiert. „Ich bitte euch!“

„Er hat sich heute nicht ein Mal beschwert“, begann John.

Sherlocks runzelte die Stirn. „Keinerlei abfällige Kommentare“, ergänzte er.

„Ich habe ihn bei der Zeremonie lächeln sehen“, sinnierte John. „Er sah… glücklich aus.“

„Macht euch nicht lächerlich“, fauchte Mycroft.

„Er hat bei den Eheversprechen nach Junias Hand gegriffen“, murmelte Sherlock mit gerunzelter Stirn.

John schnappte aufgeregt nach Luft. „Er ist vorhin mit dem Trauredner vors Haus gegangen!“

„Um zu rauchen“, zischte Mycroft mit verengten Augen.

Sherlock klappte der Mund auf. „Ich weiß es! Du… du willst heiraten! Du planst Junia einen Antrag zu machen“, keuchte er atemlos.

John neben ihm grinste breit.

„Klappe halten, alle beide! Sofort!“, zischte Mycroft plötzlich bedrohlich und mit gesenkter Stimme, sah sich besorgt um und beugte sich ihnen über den halben Tisch entgegen. „Sie weiß von nichts, also haltet euch gefälligst zurück!“

John lachte laut auf und Sherlock schüttelte perplex den Kopf. „Ich glaube es einfach nicht!“

„Was?“, blaffte Mycroft aggressiv. „Ich bin erwachsen, wir sind einen absolut ausreichenden Zeitraum in einer Beziehung und-„

Sherlock sah sich um, doch der Tisch der ihnen am nächsten Stand war voll älterer Herrschaften, die sich laut unterhielten. „Hast du etwa vergessen wer du bist und wer sie ist?“, unterbrach er ungeduldig die lächerliche Argumentation seines Bruders. „Wie stellst du dir das vor? Die britische Regierung ehelicht in eine Familie deren Blutlinie grausamer ist als alles was wir in England so haben? Und wie stellst du dir das überhaupt vor? Matteo wird dich platt machen!“

„Schluss damit!“, zu Mycrofts finsterer Miene gesellte sich ein selbstzufriedenes Lächeln. Sherlock wurde ein bisschen schlecht. „Ich bin Politiker und Matteo ist in erster Linie ein Geschäftsmann. Ich habe ihm selbstverständlich ein Angebot gemacht, was er nicht ablehnen konnte. Wir haben uns kürzlich geeinigt.“

„Das hört sich sehr falsch an“, verkündete John sofort und runzelte misstrauisch die Stirn.  

„Himmel, so ist es nicht gemeint, dass wisst ihr genau. Wir haben eine zivilisierte Unterhaltung geführt.“

„Was will er dafür?“, platzte Sherlock heraus.

Mycroft lächelte zufrieden.

„Sag schon!“

Mycroft schaute sich noch einmal um.

„Ich werde lediglich einen kleinen Gefallen arrangieren.“

„Und wenn du diesen Gefallen arrangierst, darfst du um Junias Hand anhalten?“, fragte John irritiert.

„Richtig John.“

„Was will er?“, widerholte Sherlock besorgt. Er hatte schließlich keine besonders guten Erfahrungen mit Mycrofts Geschäftsbeziehung zu Matteo de Meo gemacht.

„Nun, nichts was irgendjemanden wehtut“, Mycroft betrachtete kurz die Nägel seiner Hand. „Das Vereinigte Königreich tritt nur aus der EU aus. Letztlich ist das im Interesse aller. Und vor allem in meinem Interesse, denn für mich – und auch für Junia – hat das einige Vorteile.“

John klappte der Mund auf. „Das… das geht?“

„Mach dich nicht lächerlich, natürlich geht das“, blaffte Mycroft. „Es wird ein wenig dauern, aber letztlich ist auch das nur eine Verhandlung am grünen Tisch und immerhin durchaus den kleinen Aufwand wert.“

Sherlock blinzelte überrascht. Damit hatte er nicht gerechnet. Er fühlte Johns warme Hand, auf seiner Schulter. „Ich hole uns kurz mal was zu trinken. Darauf müssen wir doch anstoßen.“

Sherlock blickte Johns Rücken nach, als dieser Richtung Bar verschwand. Mycroft neben ihm schwieg.
Er atmete tief durch. Irgendwas musste er schließlich sagen. „Ist eine gute Entscheidung.“

Mycroft schnaubte leise, bevor er Sherlock ansah. „Ich befürchte, ich werde drei Premierminister brauchen. Aber danke.“

Sherlock zuckte mit den Schultern. Seiner Meinung nach gab es Premierminister wie Sand am Meer und Mycroft würde schon ein ausreichend dummes Exemplar finden. „Wenn es sich lohnt…“

„Auf jeden Fall.“ Die Stimme seines Bruders klang zufrieden und entschlossen.

„Und jetzt, nachdem du dich derart ungefragt in mein Privatleben eingemischt hast -“, Mycroft stand auf, ging um den Tisch herum und setzte sich auf Johns Platz, nah zu Sherlock.
Er spürte die ungewohnte Wärme und Präsenz seines großen Bruders.

„Sprechen wir darüber, warum du vor acht Wochen einen Ring käuflich erworben hast, der scheinbar immer noch unter der losen Bodendiele in Johns ehemaligem Schlafzimmer versteckt ist.“

Sherlock spürte, wie er sofort errötete und war dankbar, dass die Abenddämmerung bereits weit fortgeschritten war. Er presste fest die Lippen zusammen. Einerseits wollte er wirklich nicht mit Mycroft über diese Angelegenheit sprechen. Andererseits…

„Sherlock… du kannst dein Glück greifen. Dir steht nichts mehr im Weg. Ich wüsste nicht, dass du in einer Position bist, in der du irgendjemand oder irgendetwas berücksichtigen müsstest. Steh dir nicht selbst im Weg. John ist ein… guter Mann.“

„Ich… es gab… noch nicht den richtigen Zeitpunkt“, flüsterte er mit gesenktem Blick und verbot seinen Händen, verlegen mit dem Besteck zu spielen.

Mycroft schnaubte. „Ach Schwachsinn. Rede dir nichts ein. Ihr beide könnt schon den ganzen Tag kaum sitzen und seid vollkommen voneinander besessen. Es ist eine Qual euch nur zuzuschauen. Rede dich nicht mit dem richtigen Zeitpunkt raus.“

Sherlock presste die Kiefer zusammen und senkte verlegen den Blick. Dazu sagte er besser nichts. War ja klar, dass Mycroft sehen würde, was sie in der letzten Nacht getan hatten.

Zwei Mal.

„Mach es einfach. Du wirst John damit glücklich machen, glaub mir“, Mycroft hob das Kinn und rückte noch ein Stück näher. „Und du solltest dich verdammt beeilen, wenn du der erste von euch beiden sein willst, der in dieser Art auf die Knie geht. Denn ich habe deinen Doktor in letzter Zeit häufiger mit der Nase am Schaufenster einschlägiger Goldschmieden gesehen.“

In Sherlock wurde es warm, sein Herz schlug und sein Magen schien aufgeregt zu hüpfen. Er unterdrückte ein aufgeregtes blinzeln und ein grenzdebiles grinsen.  

„Du verfolgst uns immer noch?“

„Nur öffentlich. Und ich behalte euch lediglich bisweilen im Auge.“

„Du hast echt ein Problem“, protestierte er halbherzig. Er gab sich alle Mühe, nicht allzu glücklich zu klingen.

Ja, er würde es tun. Er hatte diesen Schritt schon zu lange im Kopf – und er würde durchdrehen, wenn John ihm zuvor kommen würde.

„Wir haben beide dass eine oder andere Problem“, er hörte Mycroft neben sich lächeln. „Aber um nichts in der Welt würde ich irgendetwas daran ändern wollen.“

Auch Sherlock lächelte. Nein, würde er auch nicht.

Als Sherlock den Blick hob, sah er John und Junia auf sie zukommen. Beide trugen zwei Gläser in den Händen.

Er lächelte und beide lächelten zurück.








So ihr Lieben,

das war Intra Muros.

Ich möchte euch ganz herzlich Danken, dass ihr mich dabei begleitet habt. Wie viele von euch wissen, ist Intra Muros meine erste Geschichte und sie hat mich zwei Jahre und drei Monate begleitet.
Eine Pandemie lang, viele Stunden vor dem PC, permanent in meinem Kopf und ja - es war schön. Mit Intra Muros und mit euch.
Jeder eurer Kommentare hat mich motiviert und bestätigt, ich habe mich über jedes Sternchen und jeden Klick gefreut. Ich habe durch Intra Muros tolle Menschen kennen gelernt und wenn ihr auch nur halb so viel Spaß und Freude mit dieser Geschichte hattet wie ich, habe ich alles richtig gemacht.

Ich kann mir gerade nicht vorstellen, nicht mehr zu schreiben. Andererseits habe ich „meinen John“ und „meinen Sherlock“ mit diesem Ende irgendwie an einem (ja, ich weiß, kitschigen, aber sehr schönen) Ort hinterlassen und will sie dort aktuell auch nicht wieder rauszerren.
Ich schließe nicht prinzipiell aus, dass es irgendwann einen zweiten Teil geben könnte, doch  dazu braucht mein Hirn erst mal ein bisschen was anderes.

Ich habe schon eine weitere Geschichte im Kopf und noch steht sie ganz am Anfang. Falls jemand von euch Lust dazu hat, findet ihr sie hier:

https://www.fanfiktion.de/s/60c33083000a5c7f306a515f/1/Herzlich-willkommen-im-falschen-Film

Ich würde mich freuen, weiter gemeinsam mit euch zu schreiben. Danke, dass Ihr Intra Muros mit mir geteilt habt.

Eure Nuxe
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