Heavens Guard

von Minouche
GeschichteAbenteuer, Romanze / P16
27.03.2019
15.04.2019
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A special place

Principal MacAngelus ließ den Blick über die bunte Quilt-Decke gleiten, welche sorgsam auf dem Bett ausgebreitet war. Ja, sie freute sich auf die neuen Schüler. Die Zimmer waren perfekt hergerichtet und warteten nur darauf, mit neuem Leben, neuen Hoffnungen und Träumen gefüllt zu werden. Durch die bogenförmigen Sprossenfenster fiel das sanfte Abendlicht, wie Feenstaub tanzten kleine goldene Staubfunken in dem Sonnenstrahl. Die alten Holzdielen knarrten sacht als sie sich abwandte und die Tür hinter sich zuzog.
Einem schmalen Pfad aus unebenen Marmorplatten, welcher sich durch das hohe Gras hügelaufwärts schlängelte, folgend machte sich die Direktorin der Heavens Guard University auf den Weg zum Haupthaus. Der Duft nach feuchter fruchtbarer Erde, nach Salz und Wind lag in der Luft, die Äste der Bäume auf dem Campus waren schwer von Knospen, die nur darauf warteten aufzubrechen und den Frühling willkommen zu heißen. Schon bald würden die älteren Studenten die Hügel rum um Heavens Guard wieder durchstreifen und das Lachen der jungen Menschen würde sich unter das entfernte Raunen des Meeres mischen. Dies war ihre Welt, dieser Campus hatte einen ganz eigenen Zauber. An Abenden wie diesen war Guinivere MacAngelus mehr als bereit den alten Sagen ihres Volkes glauben zu schenken. Wer wollte auch an der Existenz von Feen und Kobolden, Dryaden und Nymphen zweifeln, wenn diese fremde Präsenz einer magischen Welt so zum Greifen nah schien?
Sie schüttelte den Kopf und lächelte still über sich selbst. Schon als kleines Mädchen hatte sie es geliebt die Ferien bei ihrem Großvater, dem Direktor der Universität hier auf der Isle of Skye zu verbringen. Damals war sie sicher gewesen, zwischen den Zweigen der Weiden schimmernde Portale zu sehen. Aus den eifrig sprudelnden Wirbeln des Flusses sah sie tiefgründige Blicke blitzen. Sie war immer sicher gewesen, auf dem Campus von Heavens Guard gäbe es den Zugang zu dieser so sehnsuchtsvoll herbeigewünschten Welt der gälischen Sagen, dass es für sie immer außer Frage gestanden hatte, etwas anderes als den Posten der Direktorin anzustreben. Mit den Jahren kam allerdings die Erkenntnis, dass nichts weiter als die übermütige Fantasie eines Kindes die Portale und Feenwesen herbeigeträumt hatte. Heavens Guard war ein ganz irdischer Ort, wenn auch von außergewöhnlicher Schönheit und beträchtlichem Prestige in ganz Europa. Sie war stolz auf ihre Universität, auf das, was sie geschaffen hatte. Noch immer lächelnd eilte sie die Treppe hinauf und verschwand im Inneren von House Heavensgate, wo sich ihre eigenen Räume befanden.

Unbemerkt von den Augen der Menschenfrau huschte ein Schatten über den Campus. Hektisch sah die Gestalt sich immer wieder um, sie war außer Atem, ihr Herz schlug wild. Als die Gestalt sich in den Schatten einer alten Weide duckte, bauschte der Wind einen mitternachtsblauen Umhang auf und schlug dem Eindringling den spitzen Hut fast vom Kopf. An die raue Rinde des Baumes gepresst hielt der Schatten inne, lauschte. Und sank schließlich zitternd ins nasse Gras. Mit zunehmender Dunkelheit wurde es kalt in den Hügeln an der schottischen Küste und Nebel sammelte sich in den Tälern. Langsam schlossen sich die gehetzten, grünen Augen des Fremden, in groben Handschuhen steckende Finger tasteten nach dem zerfransten Saum des Umhangs und innerhalb eines Augenblicks war die zusammengesunkene Gestalt in tiefen, erschöpften Schlaf gefallen.
Unter dem klaren, kalten Nachthimmel lag der Campus von Heavens Guard augenscheinlich unberührt da. Selbst dem aufmerksamsten Beobachter wären wohl die ungewöhnlichen Bewegungen über den Dächern der Universität entgangen. Lautlos glitten drei Wesen durch die Luft, ihre langen dunklen Umhänge schlugen im Wind hin und her, perfekt aufeinander abgestimmt stoben sie auseinander und fanden wieder zusammen, suchten das Gelände systematisch ab. Es dauerte nicht lange, bis zwei der Kundschafter abdrehten, eine wandte sich dem offenen Meer zu und schoss in die Nacht, die andere verschwand zwischen den Bergen im Inland. Nur eine blieb zurück, glitt immer tiefer, rot behandschuhte Klauen eisern um den Stiel eines einfachen Besens geschlossen, den forschenden Blick aus kalten Augen fest auf den Boden gerichtet. Wiederum lautlos setzte sie auf. Achtlos warf sie den Besen von sich, welcher sich einfach auflöste. Mit brüskem Schritt eilte sie durch den Nebel, verschwendete nicht einen Gedanken an die jungen Schneeglöckchen, die ihren spitzen Stiefeln zum Opfer fielen.  Immer wieder blieb sie stehen, warf den Kopf zurück und witterte, ihre Zunge strich dabei über ihre Lippen als wolle sie die Umgebung mit den gespaltenen Enden sondieren. Schließlich schien sie ihre Suche aufzugeben, ein gezischtes Wort, der erste Laut den sie seit ihrem Auftauchen verursachte, und der Besen erschien in ihrer ausgestreckten Hand. In dem Moment, in dem sie sich auf den Besen schwang, raschelten die Zweige einer alten Weide, öffneten sich dem auffrischenden Wind und offenbarten einen langsam verblassenden Schatten. Augenblicklich stürzte die Gestalt vorwärts, die Zähne gebleckt, das Gesicht zu einer Maske der Grausamkeit verzerrt. Sie schlug nach dem schwindenden Schatten, doch zu spät. Wutentbrannt schlug sie ihre Klauen in die Rinde der Weide, ein hohes, unirdisches Kreischen zerriss die Nacht. Sie wirbelte herum und raste in die Nacht davon. Noch einmal erscholl der markerschütternde Schrei des Wesens und sandte düstere Alpträume in den Schlaf all jener, die sie hörten.

Mrs MacAngelus runzelte die Stirn. Vorsichtig strich sie mit dem Finger dicke, tränenförmige Harztropfen von der aufgerissenen Rinde des ältesten Baumes auf dem Campus. Der Morgen war noch jung, Tau tropfte von den herabhängenden Zweigen der Weide, als weine sie still. Eine Wunde wie diese konnte einem so alten Baum gefährlich werden. Die Direktorin wandte den Blick zum Wolkenverhangenen Himmel und sandte ein stummes Gebet an die Engel des Herrn. Der Begründer der Universität hatte diesen Baum gepflanzt an dem Tag als der Grundstein von Heavens Guard gelegt worden war. Das mächtige Gewächs, dessen Kuppel im Inneren fast zwanzig Meter Maß war seit jeher ein Symbol für die Kraft und das Wachstum der Universität gewesen. Unter ihrer Leitung sehen zu müssen, wie die Weide starb würde Guineveres Herz brechen lassen. Während ihre Finger den Konturen des Risses folgten fragte sie sich, welches Tier in der Lage war solche Schäden hervorzurufen und warum es den Baum attackiert haben mochte. Flüsternd sprach sie dem Baum Mut und Kraft zu, bevor sie seufzend den Rückweg zum Heavensgate antrat.
Was ihre besorgten Blicke nicht gesehen hatten, waren vier schwach glühende Knospen in den Zweigen der Weide. Sanft vom Wind gewiegt schimmerten sie zwischen den Blättern, jede in einer Himmelsrichtung, sich langsam öffnend.
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