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Das Haus der Lügner

GeschichteThriller, Sci-Fi / P18 / MaleSlash
26.03.2019
31.01.2021
41
166.229
25
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Dieses Kapitel
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02.04.2019 4.016
 
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Track No. 1
W e l t   o h n e   L ü g e n


And the beat goes on, drone drone like a metronome
Day in and day out I know how the story gonna go
Typical, typical, tongue tied and weak willed
Stuck on the sedative, evidently to sleep well
But I haven't slept in days, I haven't dreamt in nights
I've been busy building theories I just can't wait to try
See, I think the beat's made to drown out the sound of the boom boom
While they shoot our last hope down […]
I'm not like you, I'm immune, I'm immune
Say it over and over until it comes true […]
Counting down the minutes 'til my heartbeat stops
Fooling myself is a full-time job […]

(Icon For Hire - Pop Culture)



7 Jahre später…




Der Geschmack des lauwarmen Kaffees ließ Sora angeekelt den Mund verziehen.
Skeptisch setzte er den Pappbecher von seinen Lippen ab und betrachtete die dünnflüssige Brühe, die sich großkotzig ‘Arabische Bohne’ schimpfte.

»Wir leben im Zeitalter des brisanten Fortschrittes und bekommen es immer noch nicht hin, vernünftigen Kaffee in die Automaten zu füllen. Ist das zu fassen?« Mit einem Seufzen beförderte er den Becher in den nächstbesten Papierkorb und konzentrierte sich wieder darauf, die Daten auf seiner E-File durchzusehen. Ihm entging dennoch nicht das amüsierte Schmunzeln seiner Kollegin Alessia Skully, die neben ihm herging.

»Manche Dinge ändern sich eben nie, Sora«, erwiderte sie gelassen. »Der Kaffee des Police Departments war schon damals drittklassig und wird es wahrscheinlich auch immer sein. Ich hab sogar eine Theorie dazu. Das Gesöff soll verhindern, dass beim Morddezernat Kaffeekränzchen stattfinden, die uns von der Arbeit abhalten.«

»Sehr witzig«, brummte er augenrollend. Er wischte über den Bildschirm der elektronischen Akte, markierten hier und da mit einem leichten Fingerdruck Passagen, die ihm wichtig erschienen.

»Es zwingt dich ja niemand dazu, den Kaffeeautomaten zu nutzen«, gab ihm Alessia zu denken. »Du könntest auch auf Tee umsteigen. Ist eh viel gesünder.«

Sora blähte gespielt empört die Wangen auf. »Und somit auf meine tägliche Dosierung Koffein verzichten? Nein, danke!«

Alessias Lachen erklang daraufhin herzlich durch die Flure und zog die Blicke einiger Kollegen auf sich.
Sie war eine gutaussehende Frau Anfang dreißig, vom südländischen Schlag mit dunklen, lockigen Haaren und braunen, warmen Augen. Ihre Wurzeln lagen irgendwo in Sizilien, was ihr ungestümes, aber auch sehr liebenswürdiges Temperament erklärte. Die Männer lagen ihr reihenweise zu Füßen und dessen war sie sich auch bewusst.

Sie schenkte einen der vorbeigehenden Police Officern einen koketten Blick, der daraufhin deutlich beschämt den Kopf abwandte und sich beeilte an ihnen vorbeizukommen.

»Alessia«, ermahnte Sora sie seufzend. »Hör auf mit den Männern zu schäkern und konzentrier dich lieber auf unseren Fall!«

»Du bist ja nur neidisch, weil ich auf reifere Kerle stehe und nicht auf so ein Junggemüse wie dich«, zog sie ihn auf und knuffte ihn leicht in die Seite. »Außerdem ist der Fall eh schon so gut wie abgeschlossen. Wir haben unseren Verdächtigen bereits geschnappt und jetzt steht bloß noch das Verhör an. Das Ganze ist praktisch schon in trockenen Tüchern.«

Insgeheim musste Sora ihr zustimmen.

Ihr Verdächtiger Marcus Böhmer stand im Verdacht einen Mord an der Sekretärin eines bedeutenden Firmenangestellten verübt zu haben.
Man hatte ihn auf mehreren Überwachungskameras in der Nähe des Tatortes registriert, woraufhin das Morddezernat auf ihn aufmerksam geworden war. Zudem hatte eine Augenzeugin bestätigt ihn zur Tatzeit nahe der Firma gesehen zu haben, in der das Opfer beschäftigt gewesen war.

Inzwischen befand sich Böhmer in Untersuchungshaft. Heute Morgen hatten Kollegen ihn in eines der Verhörzimmer gebracht, zu dem sie nun unterwegs waren, um seine Aussage aufzunehmen.

Gedankenverloren schloss Sora seine E-File, auf der sämtliche laufenden Ermittlungen festgehalten waren, und klemmte sie sich unter dem Arm. Nicht zum ersten Mal seit Beginn seiner Karriere beim Redwood Criminal Police Department, dachte er darüber nach, wie einfach die Verbrechensbekämpfung mittlerweile geworden war.

Seit das Liar-System vor gut fünfzig Jahren ins Leben gerufen worden war, hatte die Polizei einen gewaltigen Schritt in Richtung Fortschritt getan.
Angefangen hatte alles mit der Entwicklung des sogenannten Electronic Neuronal Effective Control Chip, kurz E-NECC.
Der E-NECC war das Ergebnis jahrelanger Hirnforschung und Analyse neuronaler Vorgänge beim Lügen.
Herkömmliche Lügendetektoren erkannten lediglich die typischen, körperlichen Reaktionen beim Lügen, wie zum Beispiel vermehrte Schweißbildung und andere Formen der Nervosität. Diese Reaktionen konnten jedoch genauso gut durch Angst ausgelöst werden oder gar durch enorme Selbstbeherrschung völlig unterdrückt werden. Das Resultat waren haufenweise Fehlsignale, die laufend zu schwerwiegenden Falschauswertungen geführt hatten. Die wenigen Gelegenheiten, bei denen ein Lügendetektor bei einem Gericht als tragendes Beweismittel genutzt wurden, waren ein unsicheres Pflaster gewesen.

Bei Ermittlungen wie Beispielsweise dem Fall zu Melvin Foster, der 1982 als Verdächtiger in den Green-River-Morden zu einem Lügendetektortest vorgeladen wurde und er diesen nicht bestand, versagte diese altmodische Methode. Jahrelang sah man Foster aufgrund den Ergebnissen als Mörder, konnte ihm jedoch nichts nachweisen. Erst sehr viel später, im Jahre 2001 konnte anhand einer DNA-Untersuchung bewiesen werden, dass er unschuldig war und in Wahrheit ein damaliger, anderer Hauptverdächtiger hinter der Mordserie steckte.
Gary Ridgway. Ironischerweise hatte er den Lügendetektortest bestanden und war somit von den Ermittlern nicht weiter von Interesse gewesen. Es waren insgesamt 49 Morde, die er nach seiner Festnahme zugab, von der Dunkelziffer mal ganz abgesehen.
Solche Fälle waren es, die den Lügendetektortest in ein schlechtes Licht rückten und zusätzlich ungenau und manipulierbar dastehen ließen.

Irrtümer dieser Art wurden durch den modernen Chip gänzlich ausgeschlossen. Der E-NECC ließ sich nicht austricksen. Seine Datenauswertung erfolgte direkt aus dem Teil des Gehirns, den man inzwischen als Ursprung jeglicher Lügen ermittelt hatte. Diese technische Errungenschaft bildete die Grundlagen des gegenwärtigen Liar-Systems.

»Willst du den Lügenscan vornehmen?«, riss Alessias Stimme Sora aus seinen Überlegungen. »Ich lass dir gern den Vortritt.«
Sie durchschritten mittlerweile die engen, nur vom schwummrigen Deckenlicht beleuchteten Flure, die sich im unteren Teil des Polizeigebäudes befanden.

Er zuckte gleichgültig mit den Schultern. »Von mir aus. Viele Fragen müssen in diesem Fall ja nicht beantwortet werden.«

Sie waren fast beim Verhörraum angekommen, als Sora plötzlich eine bekannte Gestalt ausmachte. Ein freundliches Lächeln stahl sich auf sein Gesicht.
»Sharon«, begrüßte er die zierliche Person. »Pünktlich, wie ein Uhrwerk.«

»Detective Greer, Detective Skully.« Die Angesprochene nickte ihnen beiden trocken zu. Ihre Mimik hatte etwas monotones, das unverändert blieb, selbst, wenn sie mit ihren Vorgesetzten sprach. »Es ist bereits alles vorbereitet. Wollen Sie nun den Lügenscan vornehmen?«

»Danke Sharon. Ja, lass uns anfangen«, stimmte Sora zu. Je eher sie den Fall abschlossen, desto schneller konnten sie sich dem nächsten zuwenden.

Sharon ließ Alessia und ihn in den Verhörraum eintreten und folgte ihnen anschließend stillschweigend.
Das fensterlose Zimmer war lediglich mit einem Tisch und vier festgeschraubten Stühlen möbliert. Auf einen davon saß Marcus Böhmer.

Böhmer gehörte zu der Art Verbrecher, denen man ihre Missetaten bereits an ihrem Äußeren ablesen konnte. Sein Blick hatte etwas Hinterhältiges und Kaltes an sich, als er die Beamten musterte. Er war ein grobschlächtiger, ungepflegter Kerl, dem man besser nicht im Dunkeln begegnete.
Nachdem die Überwachungsvideos ausgewertet worden waren, hatte man ihn gestern in einer zwielichtigen Bar nahe der Stadtgrenze ausfindig gemacht, wo er sich hemmungslos betrunken hatte. In dem Rucksack, den er bei sich gehabt hatte, waren sein Reisepass und fünftausend Dollar in Bar gewesen. Alles hatte auf eine überstürzte Flucht ins Ausland hingewiesen, was den Verdacht der Mordkommission nur bestätigt hatte.

»Guten Morgen, Mister Böhmer.« Sora nahm gegenüber von ihm Platz, genauso wie Alessia. Sharon hielt sich im Hintergrund und blieb in einer der schwach ausgeleuchteten Ecken stehen.
Böhmer musterte sie skeptisch, während Sora sich und seine beiden Begleiter namentlich vorstellte.  

»Was soll denn das?«, grunzte Böhmer mit unverhohlenem Misstrauen. Seine Stimme hatte etwas raues, kratziges und erinnerte Sora unweigerlich an das Geräusch, das Schmirgelpapier verursachte. »Stellt ihr jetzt schon schmächtige Schulmädchen ein? Läuft die Beamtenschiene wirklich so scheiße?«

Sharon ließ seine beleidigenden Äußerungen unkommentiert.
Es stimmte, sie sah jung aus, nicht älter als siebzehn. Ihre verspielte Art sich zu kleiden tat da sein übriges, ebenso wie der puppenhafte Pixiecut, der ihre großen braunen Mandelaugen hervorhoben. Grob konnte man ihr Erscheinungsart mit dem Wort ‘süß’ zusammenfassen.

Böhmer schnaubte verächtlich. »Der reinste Kindergarten ist das hier! Ich werde gegen meinen Willen festgehalten! Das ist doch sicher gegen die Menschenrechte!«

»Wir werden Sie nicht lange aufhalten und kommen gleich zum Punkt«, erwiderte Sora mit einem beschwichtigendem Lächeln.
Er klappte seine E-File auf und aktivierte die Hologrammfunktion. Es erschien die in Blautönen umgewandete Videodatei einer der Überwachungskameras.
»Das hier sind Sie, Mister Böhmer, wie Sie am 27.10.2116 um 11:47 Uhr den Eingang zur Gremium GmbH betreten, den Arbeitsplatz von Susanna Clark.« Er wischte flüchtig übers Touchpad, um das Video etwas vorzuspulen. »Um 12:15 Uhr sieht man, wie sie das Gebäude wieder verlassen. Nur wenig später wurde Miss Clark tot in einer der Toilettenkabinen aufgefunden. Eine der Mitarbeiterinnen hat ausgesagt, Sie zuvor mit Miss Clark zusammen auf einen der Flure gesehen zu haben. Können Sie uns das erklären?«

»Sie haben keine handfesten Beweise. Dieses Video beweist gar nichts! Ich kannte Clark, das ist ja kein Geheimnis. Ich hab mit ihr gesprochen, na und? Ich wette, es wurden an ihren Leichnam nicht einmal DNA-Spuren gefunden, die auf mich zurückzuführen sind, oder?«

Sora unterdrückte ein genervtes Schnauben.
Der Kerl war nicht der Erste, der modernste Technik anwandte, um seine Spuren zu verwischen. Würde es nicht das Überwachungsvideo geben, wäre es schwer gewesen ihn als potenziellen Mörder ausfindig zu machen. »Sie haben Recht«, meinte er bemüht ruhig. »Wir konnten Ihre DNA am Opfer nicht ausfindig machen. Jedoch brauchen wir das auch gar nicht. Das Video ist Grund genug einen Lügenscan durchzuführen.«

»Ich werde nichts sagen«, knurrte Marcus Böhmer angriffslustig. »Kein Wort bekommt ihr von mir zu dieser Sache, verstanden?!«

Alessia beugte sich mit ernster Miene über die Tischplatte zu ihm. »Sie wissen, dass Sie sich strafbar machen, wenn Sie die Aussage verweigern? Sie sind gesetzlich dazu verpflichtet der Polizei jede Auskunft zu geben, die von Ihnen verlangt wird, sobald auch nur der Verdacht auf eine Straftat besteht.«

Böhmer verschränkte zähneknirschend die Arme vor der breiten Brust. Sora registrierte den Schweiß, der sich allmählich auf seiner Stirn bildete und das nervöse Trommeln der Finger auf seinem Oberarm. Anzeichen von großer Nervosität. Und dazu hatte er auch allen Grund.
»Mister Böhmer?« Er schnipste mit den Fingern vor seinem Gesicht, um sich seine Aufmerksamkeit wieder zu sichern. »Sie kennen die Konsequenzen für Ihr Schweigen. Sollten Sie nicht kooperieren und sich nicht einem Lügenscan unterziehen, wird eine Gefängnisstrafe gegen Sie verrichtet. Gut, Sie würden so zunächst etwas Zeit gewinnen, dem Gericht zu entgehen.« Er machte eine bedeutende Pause, damit sich die nachfolgenden Worte besser in Böhmers Kopf materialisieren konnten. »Aber letztendlich wird man spätestens dann einen richterlichen Beschluss zu einem Zwangscan gegen Sie erwirken. Und dann wird Ihnen nichts anders übrig bleiben, als uns zu antworten.«

Die Rede war von einem Verhör unter dem Einfluss chemischer Substanzen, die im allgemeinen unter dem Begriff “Wahrheitsserum” bei der Bevölkerung bekannt waren. Eine letzte, harte Maßnahme, um Straftäter die Zunge zu lockern. Das war zudem auch schon alles, was es bewirkte. Es machte gesprächig. Ob die betroffene Person unter den Einfluss der Mixtur die Wahrheit sagte oder nicht, das ließ sich weiter nur über den E-NECC und einem zugehörigen Lügenscanner ermitteln.

Böhmer wurde nun noch unruhiger. Seine Hände begannen zu zittern. »Das… das könnt ihr nicht mit mir machen!«

»Mister Böhmer, ich werde Sie nun bitten, den Anweisungen für den Lügenscan zu folgen«, begann Sora. Seine Textsicherheit war das Resultat zahlreicher Scans, die er bereits durchgeführt hatte. Alessia trug ihren Teil zum Geschehen bei und holte den Lügenscanner hervor, während er in seinen Ausführungen fortfuhr. Es handelte sich dabei um einen metallenen Armreif, der über intelligente, elektronische Drähte Kontakt zu den Nervenbahnen unter der Haut des Handgelenkes herstellte, um so eine Verbindung zum darunterliegenden, eingepflanzten E-NECC zu ermöglichen.
»Wir werden ihnen nun den Scanner umlegen. Bitte strecken Sie dafür den linken Arm aus.«

»Den Teufel werd ich tun!«, brüllte Böhmer wild.

Sora ließ sich nicht beirren. »Mister Böhmer! Wenn Sie nicht kooperieren, sind wir gezwungen andere Maßnahmen aufzuziehen. Unangenehme Maßnahmen.«

»Was ist das für eine scheiß Welt, in der man gegen seinen Willen reden muss?! Früher hatte man wenigstens noch das Recht auf einen Anwalt!« Er redete sich immer weiter in Rage, die Beamten hasserfüllt fixierend.

Sora bemerkte wie Alessia, einem Reflex folgend, unter dem Tisch nach ihrer Dienstwaffe tastete. Er selbst war ebenfalls angespannt, bereit jederzeit zu reagieren, wenn nötig. Sie beide ließen es sich vor Böhmer nicht anmerken, der die Hände nun zu Fäusten ballte und damit wütend auf die Tischplatte schlug, aber sie ahnten, dass es wohl zur Komplikation kommen würde.

»Ihr Schweine!«, keifte er völlig außer sich. »Ihr dreckigen Schweine durchleuchtet uns mit diesen verfluchten Scannern und meint so alles verstehen zu können?! Da habt ihr euch aber geschnitten! Ihr wisst rein gar nichts, habt ihr kapiert?! Gar nichts! Ihr könnt euch euer widerliches Liar-System sonst wohin stecken!«

Alessia hob abwehrend die Hand mit dem Scanner, um ihm zu signalisieren, dass Sie nicht vorhatte ihm jetzt damit nahe zu kommen. »Schon gut, beruhigen Sie sich!« Ihr Vorhaben ging nicht auf.
Die befürchtete Eskalation erfolgte umgehend.

Böhmer schnellte nach vorne, drohte Alessia mit einer seiner breiten Pranken zu packen. Bevor dies jedoch geschah, sprintete Sharon in einem kurzen Satz zu ihnen.
Ehe sich Böhmer versah, packte sie ihn unsanft im Nacken und beförderte seinen Oberkörper mit einer Kraft auf den Tisch, die man ihr äußerlich niemals zugetraut hätte. Der laute Knall des Aufpralls ließ Sora kurz unwillkürlich zusammenzucken.

»Fuck!«, stöhnte Böhmer schwerfällig. Seine Stirn war bei dem Aufprall unsanft auf die Platte getroffen, woraufhin ihm nun das Blut aus einer Platzwunde lief und runter aufs dunkle Holz tropfte. Ungläubig schielte er hoch zu seiner Angreiferin, die ihn immer noch unnachgiebig am Nacken runtergedrückt hielt. »Was… soll das?!«

»Sie haben versucht gegenüber einem Beamten des Dezernats handgreiflich zu werden. Aus diesem Grund sah ich mich gezwungen einzugreifen«, klärte Sharon den Verdächtigen mit monotoner Stimme auf.

Erst jetzt schien Böhmer ein Licht aufzugehen. »Du… du bist ein Androide! Ein scheiß Roboter!«

»Korrekt, Sir«, bestätigte sie knapp. Mit einem kräftigen Ruck hievte sie seinen Körper wieder zurück auf den Stuhl. Ihre Hand verweilte danach weiterhin warnend auf seiner Schulter, als Zeichen dafür, dass sie nicht davor zurückschreckte das Ganze zu wiederholen, sollte er erneut drohen Ärger zu machen.

In Fällen wie diesen war Sora immer sehr erleichtert, dass dem Department seit ungefähr sieben Jahren künstliche Intelligenzen wie Sharon zur Verfügung standen. Menschlich wirkende Roboter mit einer Stärke, wie sie kein Mensch je aufbringen konnte.
Sharon gehörte zur Betaversion einer verbesserten Modellreihe, die die unausgereifte Roboterversion ersetzte, die als erstes ihren Weg in die Verbrechensbekämpfung gefunden hatte. Letztere erinnerte von ihrer Konstruktion eher an die intelligente Maschine aus dem Film “Nummer fünf lebt”, als an einen Menschen und war mit ihren Programmierfehlern nicht in der Lage gewesen sich dauerhaft durchzusetzen.
Sharons Einheit hingegen war ausgereifter und nahezu perfekt in ihrem Verhaltenskodex, ihre zugewiesenen Kollegen zu beschützen, koste es was es wolle.
Hilfen wie sie waren in Zeiten wie diesen Gold wert.

Vorsichtig beugte sich Sora zu Böhmer runter, um ihn ins Gesicht sehen zu können. Er verspürte einen Andrang von Genugtuung als er das unsichere Flackern in seinen Augen las. »Wie sieht es aus, Mister Böhmer? Sind Sie bereit, nun endlich mit uns zu kooperieren und sich weitere Regelungsmaßnahmen zu ersparen?«





»Puh, meine Güte! Was für ein Aufstand für einen einfachen Lügenscan!« Erschöpft ließ sich Alessia in ihren Schreibtischstuhl sinken. Sie schob mit dem Absatz einer ihrer Highheels ihr Notebook beiseite und legte ihre Füße mit einem zufriedenen Seufzen auf den Tisch ab.

Sora speicherte die Auswertung von Böhmers Scan auf seiner E-File unter dem betreffenden Ordner und tat es seiner Kollegin gleich, indem er sich ebenfalls schwer ausatmend auf seinem Platz niederließ. Der Scan war natürlich wie zu erwarten positiv ausgefallen. Böhmer hatte nach der Aktion von Sharon nicht einmal versucht ihnen eine Lüge aufzutischen. Nicht, dass das irgendetwas gebracht hätte, aber in den meisten Fällen versuchten Straftäter dennoch das System auszutricksen und mit einer Unwahrheit davonzukommen. Ein hundertprozentig erfolgloses Unterfangen.
»Na ja. Mag sein, dass die Überführung von Straftätern vereinfacht wurde. Doch die Typen, mit denen wir es dabei zu tun haben, werden es definitiv nicht«, gab er auf Alessias Kommentar hin zurück.

»Lächerlich ist es trotzdem«, beharrte sie. Ihre Finger zupften nachdenklich ihre Bluse zurecht. »Ich stell mich ja auch nicht so an, wenn ich einen Kredit von meiner Bank fordere und die mich dann darauf hinweisen, dass ich mich zuvor einem Scan zu unterziehen hab. Oder wenn das elektronische Sicherheitssystem vom Department mich darum bittet, mich zu erkennen zu geben und dabei meinen E-NECC überprüft, bevor ich ins Hauptgebäude stürme.«

Amüsiert lachte Sora auf. »Ist doch kein Wunder! Du hast ja auch kein Verbrechen begangen, für das man dich verurteilen könnte. Du hast nichts zu befürchten.«

»Nein, aber ich verstehe einfach nicht, was diese Irren glauben, wenn wir sie zu uns aufs Revier holen. Allein, wenn wir sie aufgreifen, müssten sie doch eigentlich checken, dass es vorbei ist und sie eine Fahrkarte direkt in den Knast bekommen. Der Lügenscan ist fester Bestandteil unserer Arbeit. Schluss und aus! Trotzdem veranstalten sie ein so unnötiges Drama wie dieser Böhmer.«

»Mag sein, dass es uns logisch erscheint, dass ein Mörder aufgibt, sobald er hier landet«, gab er zu bedenken. »Aber auf viele davon kannst du eben genau das nicht anwenden. Logik. Das sind geistesgestörte Psychopathen und Soziopathen, die ticken völlig anders als wir.«

»Wie philosophisch. Du kleiner Voltaire«, zog ihn Alessia mit einem ihrer breiten Honigkuchenpferdgrinsen auf.
Es gefiel ihr, sich wie die große Schwester aufzuführen und ihn zu necken. Sora nahm es ihr nicht übel. Er mochte Alessia, sie gehörte zu den wichtigsten Menschen in seinem Leben.
Auch außerhalb des Arbeitstrottes trafen sie sich häufig zu einem Drink in eine Bar oder zum Fernsehen eines wichtigen Footballspiels bei einen von ihnen zu Hause.
Sora wollte auch jetzt den Vorschlag machen, zur Feier des abgeschlossenen Falls heute Abend gemeinsam einen Trinken zu gehen, als ihn sich nähernde Schritt aufhorchen ließen.

Die klangtypisch federnde Gangart, die Sharon an sich hatte, war unverkennbar. Der weibliche Androide trat an seinen Schreibtisch und salutierte in einer Art, die zugleich ernst als auch unweigerlich niedlich wirkte. Wer auch immer diese Robotereinheit entworfen hatte, hatte eindeutig einen ausgeprägten Faible für Lolitas, so viel stand für Sora fest.

»Detective Greer, Chief Moore möchte Sie sprechen.«

Verwundert hob Sora die Brauen. »Oh, was gibt es denn, Sharon?«

»Der Chief wollte Ihnen selbst dazu Auskunft geben«, entgegnete sie mit gewohnter Wortkargheit.

Interessiert begann Alessia damit eine ihrer dunklen Haarsträhnen um den kleinen Finger zu wickeln. »Vielleicht hat es was mit den Gerüchten zu tun, die heute morgen schon überall durch die Gänge gegangen sind?«, überlegte sie laut.

»Du meinst… den Klatsch über diesen entlassenen Detective?«, fragte Sora zweifelnd. Auch er hatte etwas in der Richtung aufgeschnappt, als er sich heute morgen zum Dienst gemeldet hatte.

Seine Kollegin zuckte mit den Achseln. »Warum nicht? Ich mein klar, es ist unwahrscheinlich, dass so jemand überhaupt erst ins Gebäude gelassen wird… gerade wenn es sich um eine unehrenhafte Entlassung handelt. Aber wohlmöglich gibt dir unser Chief gleich eine Erklärung?«

‘Unehrenhaft’ hallte es in Soras Kopf leise nach.
Allein dem Wort haftete ein unangenehmer Nachgeschmack an, der einem unweigerlich auf der Zunge zurückblieb, wenn man es in den Mund nahm.
Seit Sora vor vier Jahren hierher versetzt worden war, hatte es keine unehrenhafte Entlassung mehr gegeben. Alessia war erst nach ihm nach Redwood gekommen und konnte ihm demnach auch nicht sagen, um wen es sich bei diesem Ex-Detektive handelte.

»Wenn Sie mir folgen möchten?« Sharon umschrieb eine offene Geste in Richtung des Chief-Büros.

Er schenkte Alessia noch einen letzten skeptischen Blick und kam der Aufforderung des Androiden nach. Unterwegs richtete er flüchtig seine Krawatte und fuhr sich noch einmal ordnend durch das dunkle, seitlich gescheitelte Haar.

Sharon machte halt vor der Bürotür des Chiefs und klopfte gut erzogen erst an, ehe sie diese öffnete und Sora den Vortritt überließ. »Nach Ihnen, Detective.«

Dankend nickte er ihr zu, auch wenn er wusste, dass dies eigentlich nicht nötig war. Androiden gaben nichts auf sie selbst bezogene Höflichkeitsfloskeln. Dennoch; sie sah so echt aus, so menschlich, dass es ihm schwer fiel sie nicht genauso wie jeden anderen im Department zu behandeln.
Einmal hatte er ihr sogar etwas von seinem Essen angeboten, ehe er realisiert hatte, wie sinnlos das war. Sharon hatte das genauso gesehen. Mit emotionsloser Stimme hatte sie freundlich abgelehnt, ohne ihn peinlicherweise darauf hinzuweisen, dass Androiden niemals menschliche Nahrung zu sich nahmen und dass das nun wirklich jeder wusste.

Sora war immer etwas aufgeregt, wenn er dem Büro des Chiefs einen Besuch abstattete.
Der Raum war durch die zwei großen Fensterfronten immer hell beleuchtet, wirkte durch die weißen, hauptsächlich kahlen Wände aber immer ein wenig kalt. Die Möbel waren modern, alle ebenfalls in strahlendes Weiß getaucht. Auf dem Boden lag schwarzes Parkett als Kontrast, der die eigenen Schritte leise widerhallen ließ.
Die Inneneinrichtung passte, wenn er es recht bedachte, eigentlich ziemlich gut zum Chief.

Terencia Moore war eine starke Frau lateinamerikaischer Abstammung, deren alleinige Präsenz Respekt hervorrief. Die Strenge ihres meist nur aus Hosenanzügen bestehenden Kleidungsstils fand sich auch in ihren Gesichtszügen wieder und gab offen preis, dass man sich jemanden wie sie lieber nicht zum Feind machen sollte.

Gemächlich hob sie den Blick von ihrem Notebook, als er und Sharon den Raum betraten.

»Chief Moore, Sharon hat mir gesagt, Sie wollten mich sprech-« Sora ließ seinen Satz unbeendet, als er erkannte, dass sein Boss keineswegs alleine war.

Neben ihrem Schreibtisch, gegenüber der offenen Fensterfront stand ein Mann, der allen Anschein nach die Aussicht auf die belebte Straße tief unter ihnen betrachtete.
Von seiner derzeitigen Position aus erkannte Sora Einzelheiten seines Profils. Ein markant geschnittenes Gesicht mit einer geraden Nase und hohen Wangenknochen. Schmale Lippen und ein gepflegter Dreitagebart, der genauso wie die leicht zerzaust wirkenden Haare einen dunklen Braunton besaß. Seine Augen waren wie tiefgraue Kieselsteine, als er den Kopf hob und Sora entgegenblickte.

»Detective Greer«, erhob Chief Moore das Wort. »Das ist Amis Pax. Ein Ex-Detective.« Sie sprach das letzte Wort warnend in Soras Richtung und gab ihm somit unmissverständlich zu verstehen, zu diesem Thema keine Fragen zu stellen.

Die Gerüchte im Department waren also wahr.

Zögerlich näherte sich Sora dem Fremden und reichte ihm zum Gruß die Hand. »Freut mich Sie kennenzulernen, Mister Pax.«

Amis' Händedruck war fest und alles andere als nachgiebig. Er war groß, größer als Sora, ein wahrer Hüne. Er schätze ihn mindestens auf ein Meter neunzig. Neben ihm kam er sich mit seinen hundertfünfundsiebzig Zentimetern geradezu winzig vor.
Er erwiderte auf Soras Begrüßung hin nichts. Er schwieg ihn einfach weiter an.

Komischer Kerl, entschied Sora gedanklich.
»Warum bin ich hier, Chief?«, wandte er sich an Moore.

»Eine ernste Angelegenheit, wenn ich ehrlich sein soll, Mister Greer«, antwortete sie mit sorgenvoller Miene. Ihre zusammengefalteten Händen tippten immer wieder leicht gegen ihr Kinn, eine kleine Macke, die sich immer dann bei ihr hervor stahl, wenn ernsthafte Probleme drohten. Ihre Stimme war fest, als sie mit ihren Ausführungen fortfuhr. »Zu aller erst muss ich Sie darüber informieren, dass das, was wir gleich mit Ihnen besprechen werden, der Geheimhaltung unterliegt. Was Sie hören, bleibt ausschließlich unter Ihnen, Mister Pax und mir. Vorläufig darf sonst niemand aus dem Department davon erfahren.«

Verwirrt sah Sora zwischen Moore und Pax hin und her. »Jetzt machen Sie es aber wirklich sehr mysteriös. Aber natürlich werde ich mich daran halten und Stillschweigen bewahren, wenn Sie das wünschen, Chief.«

»Gut.« Zufrieden berührte sie das Touchfeld ihres Notebooks, um es aus dem Stanby zu holen. Sie gab etwas auf dem Tastenfeld ein, tippte eine Kombination an Befehlen. Als sie gefunden hatte, wonach sie gesucht hatte, schob sie ihm den Bildschirm hin.
»Dann bitte ich Sie, sich das hier anzusehen.«



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TW: Gewalt, Polizeiverhör
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