Das Haus der Lügner

GeschichteThriller, Sci-Fi / P18 Slash
26.03.2019
20.09.2020
35
136.881
20
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Dieses Kapitel
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26.03.2019 1.715
 
Willkommen bei meiner neuesten Hirn-Kreation.
'Das Haus der Lügner' ist eine Mischung aus verschiedenen Genres, deshalb habe ich mich auch dieses Mal schwer getan, sie zuzuordnen. Thriller, Sci-fi oder Romanze? Alle drei lassen sich hier wiederfinden, doch weil es besonders um die Beziehung der beiden Hauptcharaktere und deren Entwicklung geht, habe ich mich für letzteres entschieden. Wer mich und meine Werke kennt, weiß dass auch ein Touch Drama nicht fehlen darf.
Da Musik eine wichtige Rolle in der Geschichte hat, wird jedes Kapitel mit Ausschnitten eines Liedtextes beginnen, der thematisch passend zum jeweiligen Inhalt ist.
Gleich vorweg noch ein paar Triggerwarnungen:
Blut, Gore, Mord (bereits in diesem Intro enthalten), Gewalt, Sexueller Übergriff, emotionaler Missbrauch, Alkohol, Depressionen.
Bei den folgenden Kapiteln wird (sofern vorhanden) am Anfang des Kapitels lediglich der Vermerk TW erscheinen und am Ende des Kapitels wird aufgeführt, worum genau es sich dabei handelt.
Viel Spaß beim Lesen!
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Intro


It's like your standing over me
With a match and a bottle of kerosine
Never knew you'd bloom into a psycho
Getting ready to set me aflame
I won't forgive and I won't forget
You killed the cause of compassion
You hypocrite you counterfeit
I'm done with this because I can see what you are
Liar and you burn me worse than fire
It happens every time
We burn […]
I should've known you were a liar […]
You are the scars all over me
The mess left from the secrets that you keep
Didn't know you were slowly going psycho
I am the ash of your blaze […]
The smoke has cleared away
Along with all my fame
Nothing to believe in
You choke on things you say
Because all your words are fake
Nothing to believe in […]
(Egypt Central - Liar)



Es gab viele Monster auf dieser Welt.

Das war kein Geheimnis. Den meisten Menschen war klar, dass sie da waren, bewusst, dass sie existierten.
Das Heimtückische war, dass man sie nicht immer direkt als solche identifizieren konnte.

Monster waren geschickt darin sich unter die Massen zu mischen.
Unauffällig schwammen sie mit dem Strom. Sie benahmen sich wie die anderen. Sie aßen, sprachen und gaben sich wie sie. Sie hatten Freunde, Familien und eine Arbeit wie jeder andere. Sie boten nur wenig Anhaltspunkte, die auf ihr grausames Wesen schließen ließen, darin unterschieden sie sich von den üblichen schlechten Menschen.
Wie eine Schlange schlüpften sie in die Haut der Unauffälligkeit und der allgemeinen Sympathie, immer darauf bedacht nicht unnötige Aufmerksamkeit zu erregen.
Doch im Verborgenen schlummerte ihr wahres Wesen. Eine Bestie, die hungernd darauf lauerte endlich losgelassen zu werden.
Manch einer spielte seine Rolle zu überzeugend, als dass man ihm je auf die Schliche kam.

Amis hatte in seiner jungen Laufbahn als Detective schon mit einigen Verbrechen zu tun gehabt, bei denen genau solche Monster involviert gewesen waren. Frauen und Männer, die dem Klischee des Ottonormalverbrauchers entsprachen und ihn gelehrt hatten, dass der Schein oft trügerisch war.
Liebevolle Väter entpuppten sich als wahnsinnige Serienmörder, gut erzogene Töchter als geisteskranke Psychopathen. Selbst Angehörige oder Ehepartner durchschauten ihr Spiel nur selten.

Amis hatte viele Statistiken im Laufe seiner schulischen Ausbildung bei der Kriminalpolizei gelesen und zusammengefasst. Doch immer, wenn er der Meinung war, den Kreis auf eine bestimmte Personengruppe eingrenzen zu können, tauchten Sonderfälle auf. Ausreißer bezüglich Verhaltensdiagnose und Menschengruppe, die das ganze Bild wieder zunichte machte. Als ob sich diese Wesen weiterentwickeln würde, lernten noch kreativer und geschickter in ihrem Vorgehen zu werden.
An manchen Tagen war es so frustrierend in seinem Beruf, dass er drohte unter der bedrückend Last der sich anhäufenden Grausamkeiten zusammenzubrechen. Manche Fällen waren nah dran gewesen ihn innerlich zu zerreißen.

Der Fall “Bolton” war einer davon.
Er war noch nicht völlig abgeschlossen und doch wusste Amis bereits zu diesem Zeitpunkt, dass er ihn wesentlich verändern würde. Am Ende würde er nie wieder derselbe sein können.
Die Gräueltaten, die er gesehen hatte, die Monster, die ihm bislang begegnet waren, hatten ihre Tribute gefordert und Narben in seinem Denkmuster hinterlassen. Sie erlaubten es ihm nicht, den unbekümmerten Blick auf die Menschheit und seine Umgebung beizubehalten, wie sie die meisten aus der Bevölkerung besaßen. Seine Naivität und sein Glauben an das Gute im Menschen, waren schon lange getrübt. Aber mit diesem Fall hatte er das Gefühl, auch noch sein letztes bisschen Unschuld endgültig zu verlieren.

Und Schuld daran war nur ER.

Langsam fanden Amis’ Gedanken wieder ins Hier und Jetzt zurück.
Stück für Stück wurde er sich wieder seiner derzeitigen Umgebung gewahr. Seine Sinne fassten die Situation, in der er sich befand, so gut es ging zusammen.

Das Zimmer, in dem er sich befand, gehörte zu einem kleinen, schlichten Apartment nahe der Stadtgrenze. Die Häuser in dieser Gegend standen dicht an dicht und hockten wie Hühner auf der Stange beieinander. Sie verliehen den Straßen eine beengende Atmosphäre, die sich bis durch die Fenster der Häuser hinein in die Zimmer der Bewohner schlich.
Der Abend war im Begriff von der Nacht abgelöst zu werden. Fahles Licht schien in den Raum und malten sanfte Schatten. Fast könnte man geneigt sein, es als idyllisch zu bezeichnen.
Es täuschte jedoch nicht über den Schrecken hinweg, der hier vor wenigen Augenblicken noch stattgefunden haben musste.

Amis’ Hände umfassten krampfhaft seine Waffe.
Der Anblick, der sich ihm geboten hatte, als er das Zimmer vor wenigen Minuten betreten hatte, hielt ihn immer noch gefangen. Er konnte seine Augen einfach nicht abwenden.

Der Boden war überseht von Blut.
Es war überall im Zimmer verteilt, in Form von Lachen am Boden und als Spritzer an den Wänden und den billigen Möbeln. Es weichte den Holzboden auf und tränkte den cremefarbenen Teppich, tauchte alles in tiefes, dunkles Rot.
Der metallische, süßliche Geruch lag schwer in der Luft. Es gehörte zu den Dingen, an die er sich wohl niemals gewöhnen würde, egal wie sehr er es auch versuchte.

Es waren insgesamt drei Leichen.
Amis kannte alle ihre Namen, musste nur einen kurzen Blick auf ihre entstellten Körper werfen, um sie benennen zu können.
Benjamin, Audrey und Natalie Kyle. Ein Ehepaar und seine erwachsene Tochter.
Die beiden Frauen waren besonders übel zugerichtet worden. Ihre langen Haare waren unsauber abgeschnitten worden und lagen überall um die leblosen Körper verteilt. Ihre Köpfe zierten nur noch unregelmäßige Büschel und erinnerten Amis grotesker Weise an die Puppenköpfe seiner Cousine, deren Kunsthaare er als Kind  einmal mit seiner Bastelschere aus einer boshaften Laune heraus bearbeitet hatte. Das hier hatte jedoch rein gar nichts von einem kindlichen Wutausbruch. Dafür war es zu grausam.
Die Augen der Frauen waren weit aufgerissen, die Lippen zu einem stummen Schrei geöffnet. Das Blut stammte unter anderem aus den tiefen Schnittwunden an ihren Kehlen. Ihre schmalen, schlanken Hälse waren durch und durch rot gefärbt, was einen starken Kontrast zu der hellen Porzellanhaut bildete, die beide besaßen. Zusätzlich waren ihre Oberkörper von zahlreichen Schnitten überseht, die kreuz und quer über die Haut liefen und sie schier verwüstet hatten. Die Wut und der unbändige Hass ließen sich aus jedem einzelnen Schnitt herauslesen, die die Leichen regelrecht zerfetzt hatten.

Der Mann - das dritte Opfer - wies dieselbe Verletzung am Hals auf wie die beiden Frauen. Ansonsten schien sein Körper unberührt von Verstümmelungen oder Wunden.
Es gab jedoch etwas, das alle Tote miteinander verband.
Ein Puzzleteil, das darauf hindeutete, dass ein Zusammenhang zwischen diesem und einem anderen Mordfall bestand.

In den Händen der Toten, fein platziert zwischen ineinandergefalteten Fingern, lag jeweils eine etwa zwanzig Zentimeter lange Scherbe, herausgebrochen aus einem herkömmlichen Spiegel. Auf dem Glas war nur ein Wort zu lesen, das zuvor mit Blut darauf geschrieben  worden war:


L Ü G N E R



Endlich verstand Amis, wie alles zusammenhing und es fiel ihm förmlich wie Schuppen von den Augen.
Wie hatte er nur so dumm sein können?!
Er hätte die Wahrheit sehen müssen, sie hatte sich immerhin die ganze Zeit über direkt vor seiner Nase befunden!
Schuldgefühle bahnten sich an, nagten an seinem Gewissen. Er hätte das hier verhindern können. Er hätte nur die Augen nicht vor dem Offensichtlichen verschließen dürfen. Nun war es zu spät. Sein Fehlverhalten hatte drei Menschen das Leben gekostet.
Hasserfüllt blickte er nach vorne, fokussierte die Ursache für all das Übel.

In der Mitte des Raumes stand der Junge.

Er wirkte völlig deplaziert im Geschehen, wie ein Fremdkörper, der von seinem ursprünglichen Weg abgekommen und unfreiwillig hier gelandet war.
Auf seinem Gesicht hatte sich ein nahezu gleichgültiger Ausdruck geschlichen. Seine hellen Augen lagen auf den leblosen Körpern zu seinen Füßen. Beinahe als könnte er selbst nicht glauben, dass sie tot waren.
An seiner Kleidung befand sich überall Blut, ein Bild, das Amis schon einmal gesehen hatte. Damals, als er den Jungen das erste Mal getroffen hatte. Schon da hatte er auch diese spürbare Zerbrechlichkeit ausgestrahlt, die Amis auch in diesem Moment wieder registrierte. Seine schmale Gestalt, die weichen Züge… all das rief ein Gefühl von Mitleid hervor, den Drang ihn beschützen zu wollen. Immerhin war er noch so jung, gerade mal fünfzehn.

Aber dieses Mal ließ Amis sich davon nicht täuschen!
Nicht noch einmal würde er auf sein abgekartetes Spiel hereinfallen und sich einlullen lassen!

Mit entschlossenem Blick zielte Amis mit seiner Dienstwaffe auf die Brust des Jungen.
»Was hast du getan?!« Seine Stimme geriet ins Stolpern, wurde entgegen seinem Vorhaben unsicher. »Scheiße, du hast mit mir gespielt!«

Der Junge wandte langsam den Kopf in seine Richtung, schien sich erst jetzt seiner Anwesenheit gewahr.
Sein Blick durchbohrte Amis förmlich, so eindringlich, wie er es zuvor noch nie bei einem anderen Menschen gespürt hatte. Schon gar nicht bei einem Kind.
In seinem Gesicht klebte Blut. Es tropfte ihm in einem dünnen Faden von den Lippen, als er sie zu einem unergründlichen Lächeln verzog.

»Tja. Ich denke… jedes Spiel findet irgendwann sein Ende. Unseres hört hiermit wohl auf«, erwiderte der Junge mit seiner hellen Samtstimme. »Nicht wahr, Detective?«

Ein Spiel.
Nichts weiter war es für ihn gewesen das Leben mehrerer Menschen auszulöschen und die Mordkommission an der Nase herumzuführen.
Amis lief es bei dieser Art der Herzlosigkeit eiskalt den Rücken runter.

Er hatte schon viele Monster gesehen.
Die zahlreichsten Facetten von ihnen, die man sich nur vorstellen konnte.
Doch von all den Monstern, die Amis je begegnet waren, war für ihn der junge Lucil Matuschka mit Abstand das bestialischste.
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