The Path We Chose - Oneshot-Sammlung

KurzgeschichteAllgemein / P16
26.03.2019
18.09.2019
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The Path We Chose  - Oneshot-Sammlung



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Hallo ihr Lieben~

Willkommen bei meiner Oneshot-Sammlung zu The Path We Chose, meiner MMFF.
Der Grund für diese Sammlung liegt wohl in der großen Anzahl an OC's begründet - es gibt viele Facetten der Charaktere oder bestimmte Dinge, die ich in der Story nur schwer einfügen kann. Es würde einfach langatmig werden und es wäre wirklich schade, wenn Informationen wegfallen würden.

Daher die Sammlung für das Beleuchten bestimmter Hintergründe, Pairs, Stand Alones und sonstigem Kram ausser der Reihe <3
Wann welche Oneshot's kommen, kann ich nicht genau sagen. Die Ideen kommen spontan und werden dann umgesetzt. Natürlich könnt ihr mir auch gerne eure Ideen für die OC's und Szenen mitteilen, sowohl Ersteller, als auch Leser :)

Hells Gate brachte mich auf die Idee für eine Sammlung, die sie selbst auch bereits für ihre MMFF - Ascend of the Fallen - durchgesetzt hat ~

Auch hier wieder die Link's zur eigentlichen MMFF-Seite, sowie dem Discord-Server.

Viel Spaß beim Lesen~


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Eden's End



Es war sicherlich keine Seltenheit, dass der Stützpunkt der Inquisitoren - Eden - desöfteren vom Platzregen heimgesucht wurde. Durch die Gebirgsketten und die tiefe Lage der Stadt sammelten sich gerne viele, schwarze Regenwolken, die sich irgendwann dazu erbarmten, den Schmutz aus den korrumpierten Straßen Eden's zu spülen. Es wirkte danach so, als würde die aus feinstem Marmor erbaute Stadt mit ihren unzähligen Türmen in ihrem alten Glanz, ihrem reinen Weiß erstrahlen, doch wer genauer hinsah, erkannte schnell, dass man nicht sonderlich tief graben musste, um den Sumpf aus Intrigen und Verrat erneut zum Vorschein zu bringen.
Verdorbenheit und Erpressung lauerten an jeder Ecke, versteckten sich in jedem Winkel dieses dreckigen Ortes.
So war es schon immer, daran würde sich auch nichts ändern - nicht in tausend Jahren. Das war Eden - erhaben und königlich, doch im Kern verrottet.

Ebenso schwer war es, sich in dieser Gesellschaft zu behaupten - zwischen all den Niemanden und Würdenträgern herauszustechen wie ein leitendes Licht, als jemand Besonderes. Akane Yamato kannte diesen Machtkampf nur zu gut, war selbst darin verwickelt - aber nicht aus Selbstsucht, wie man es ihr nur zu gerne angedichtet hatte.
Nein, ihre Beweggründe, sich in diesen internen und aussichtslosen Krieg zu stürzen waren Andere - viel simpler, viel reiner und ehrlicher.
Yamato war ein Emporkömmling - unermüdlich hatte sie gearbeitet, es zur Kommandeurin gebracht, jeder in Eden kannte ihren Namen - einzig die Generäle und der zentrale magische Rat Pergrandes konnten sie befehligen. Bedingt, so lenkte sie die Geschicke stets so, dass sie möglichst die besten Karten in der Hand hatte. Es war ein gefährliches Spiel, dass sie trieb, so zog sie damit doch oft die Missgunst ihrer Vorgesetzten auf sich, war ein unberechenbarer Faktor, ein Risiko. Doch sie ließ sich Nichts zu schulden kommen, niemals. Sie war unersetzlich, zeigte bahnbrechende Erfolge. Sie war Eine der Wenigen, die sich um die tödlichsten Aufträge kümmerte - Kategorie Null. Und eben diese Unersetzlichkeit nutzte sie zu ihrem Vorteil: sie ließ nicht zu, das man sie von ihrem Thron stürzte - eher hätte sie Eden selbst in Brand gesteckt und alles in Asche verwandelt.

13. September, Jahr X782
Eden - Königreich Pergrande


Unerbittlich, fast schon erbarmungslos peitschte der reißende Wind die dicken Regentropfen gegen die breite Fensterscheibe, begleitet von einem gelegentlichen, tiefen Donnergrollen, der Horizont von tanzenden Blitzen erhellt.
Wie oft hatte Akane wohl schon auf die Uhr gesehen? Vier, fünf Mal? Ein weiterer, leerer Blick, purpurne Augen trafen auf die Zifferblätter. Die Zeit schien nicht verfliegen zu wollen, so, als wäre sie eingefroren - erst Ein Uhr in der Nacht.
Normalerweise war Akane ein Gewohnheitstier, sie ging um Zehn ins Bett und Stand um Sieben wieder auf. Sie war wie ein Uhrwerk, routiniert und durchdacht. Doch heute durchbrach etwas ihre Routine, hinderte sie am schlafen. Es war selten, doch manchmal plagte sie etwas ganz Bestimmtes. Ihre Gedanken kreisten unaufhörlich und zugleich schien ihr Kopf völlig leer zu sein - ein Zustand innerer Paralyse, emotionale Regungslosigkeit. Zu schnell verschwanden die aufkommenden Erinnerungen, Gedanken und Gefühle, als das sie sie hätte greifen können. Ein quälender Kreislauf, der scheinbar nicht enden wollte. Langsam ließ sie ihren Blick wieder zu der dunkelblauen Decke über ihr schweifen. Warum, fragte sie sich innerlich - warum fühlte sie sich so, warum kam es immer so unverhofft? Doch zeitgleich wusste sie auch, das es einfach bestimmte Dinge waren, die irgendwann an die Oberfläche traten, wenn sie allein war. Das, was sie seit Jahren leugnete, in sich begraben hatte, kam an Tagen wie diesen zum Vorschein, suchten sie heim - ohne, dass sie dem etwas hätte entgegensetzen können.

Ihre Finger krallten sich von ihr unbemerkt in die Bettdecke, als sie an damals dachte. An ihr Leben vor der Inquisition. An den Tag, an dem sie Yura und Yerin kennenlernte, an ihr Schicksal und wie sie letztlich in diesem verkorksten, goldenen Käfig einer Stadt endeten.
Wie machtlos sie eigentlich gewesen waren, wie gering ihr Wert war - wie Bauern auf einem Schachbrett.
Doch Akane nahm dieses Schicksal nicht kampflos hin. Es war nicht nur das Versprechen, das sie gegeben hatte, sondern ihre eigenen Gefühle, die sie dazu veranlassten, die Karriereleiter hochzusteigen.
Nicht für sich selbst, sondern für...

Ein schnelles Kopfschütteln, gekonnte Verleugnung und die junge Kommandeurin erhob sich mit einem Mal, setzte sich an die Bettkante. Ihre tallienlanges Haar waren offen, ein wenig wellig - nicht in den strengen, ordentlichen Haarkranz geflochten, den man sonst von ihr kannte. Auch ihre Kleidung ließ niemals darauf schließen, dass es tatsächlich Akane war, die dort saß. Sie trug eine schwarze Leggins und ein einfaches, weißes T-Shirt. Nichts an ihrem aktuellen Erscheinungsbild erinnerte an ihre unnahbare, penible und arrogante Art, die man sonst von ihr gewohnt war. Menschen, die sie nur flüchtig kannten, hätten sie wohl niemals so wiedererkannt - wäre da nicht ihre in Eden einzigartige, weinrote Haarfarbe.
Ein leises Seufzen entwich ihr, als sie schließlich aufstand und in ihre schwarzen Stiefel schlüpfte, ihren braunen Mantel griff, der immer an ihrer Schlafzimmertür gehangen hatte. Ein, zwei routinierte Handgriffe und Yamato verließ schließlich den Raum.

~*~


Nolan Iverest - ein früherer Inquisitor und mittlerweile Besitzer einer Bar - konnte nur resigniert mit dem Kopf schütteln, als die völlig durchnässte Gestalt hinter sich die Tür schloss. Er wusste trotz Kapuze, wer sie war - er kannte sie gut. Jedesmal, wenn sie ihr eigenes Gefühlsleben plagte, tauchte sie im Eden's End auf, um ihren Kummer mit Alkohol zu ertränken.
Da Eden der exakte Nachbau einer Stadt war, gab es natürlich auch solche Etablissements, die die Inquisitoren vom Alltag ablenkte. Eden's End war jedoch recht verrufen und befand sich in einem Teil der Stadt, der gerne Probleme bereitete. Dem Stadtteil, in dem die rangniedersten Kämpfer lebten und oft die Templer auf den Plan gerufen werden mussten - die Einheit, die in der Stadt für Recht und Ordnung sorgte.
"Akane." rief der junge Mann ihr zu, während er ein Bierglas polierte "Das Übliche?".
Ein kurzer Schulterblick, purpurne Iriden trafen auf Goldbraune "Das Übliche.".
Die Kommandeurin hing ihren Mantel auf, vereinzelte Blicke fielen auf sie - es war selten, das sich ein hochrangiger Inquisitor hierher verirrte, doch Akane war den Meisten mittlerweile bekannt - und sie ließen sie in Ruhe. Es wäre nicht das erste Mal gewesen, das man sie wegen ihres Rang's oder ihres Aussehen's provozierte oder anmachte, so kam es den entsprechenden Personen doch jedesmal teuer zu stehen. Yamato war wie das Feuer selbst, das sie nutzte. Wunderschön, doch gleichzeitig zerstörerisch und schnell um sich greifend, ausufernd.
Die Rothaarige schlenderte zu ihrem Stammplatz - einem Barhocker neben der Wand, ignorierte die paar Anwesenden, die in der kleinen Spelunke an den anderen, runden Tischen ihren Platz gefunden hatten. Das gedimmte Licht ließ ihr Haar in einer Farbe schimmern, die an die eines Garnets erinnerte. Der Zigarettenrauch, der die ohnehin schon stickige Luft erfüllte, ließ sie völlig kalt. Sie war fixiert - fixiert darauf, ihren geliebten Barhocker zu erreichen und endlich ihren Martini genießen zu dürfen - so wie sie es immer tat, wenn sie hier her kam.

Endlich ließ sie sich auf dem abgenutzten Lederpolster des Hockers nieder und griff direkt nach dem dünnen Stiel ihres Glases, das der Iverest ihr vor ein paar Sekunden auf die Theke gestellt hatte.
"Wie ich sehe, kannst du nicht einmal in deinem Urlaub entspannen." lächelte Nolan sie kokett an und lehnte sich etwas zu ihr vor, fixierte die Kommandeurin "Wieder depremiert?".
"Mh." kam es desinteressiert von ihr und sie stellte das leere Glas vor sich ab "Noch einer.".
Er nickte ihr schmunzelnd zu, eher ihr den Rücken zuwandte und ihre Bestellung zubereitete. Tatsächlich war Nolan einer der wenigen Personen in Eden gewesen, die Akane respektierte. Der große, schlanke Mann mit dem rotbraunen, chaotischen Haar hatte sich freiwillig dazu entschieden, in die Dienstleistungen zu gehen. Oft hatten er und die Kommandeurin über das Elend gesprochen, das Einem als Inquisitor auf dem Fuße folgte, wie ein Schatten. Er war nicht besonders stark, schaffte gerade so seine Prüfung und hatte sich am Ende doch dazu entschieden, eine Bar zu betreiben und ein friedlicheres, sicheres Leben zu führen - es war nämlich kein Geheimnis, dass die Lebenserwartung bei Inquisitoren recht gering war.
Nolan servierte ihr den nächsten Martini und erkannte, das er wohl besser für die nächste Zeit schweigen sollte. Akanes Kopf ruhte auf der Theke, während sie buchstäblich Löcher in die steinerne, vergilbte Wand neben ihr starrte.

Sie fühlte sich so leer, innerlich erstickt. Es war immer so, wenn Yura nicht bei ihr war, so war er doch der Einzige, für den sie lebte, den sie beschützte... wofür sie all das auf sich genommen hatte. Der Kampf um Macht, um etwas zu Sagen zu haben, all diese Intrigen - alles nur, um ihre schützende Hand über ihn halten zu können.
Es war eine merkwürdige Beziehung: Sie lebte nur für ihn und er lebte nur noch wegen ihr.
Schicksal? Zufall? Ein grausamer Spaß der Götter? Egal, was es war, es änderte nichts an ihrem Willen, ihn vor dem Tod zu bewahren.
Wie gerne hätte sie ihn einfach mit sich genommen und hätte Eden für immer hinter sich gelassen. Wie sehr sehnte sie sich nach der Freiheit, diesen Käfig endlich verlassen zu können? Yuras gequälte Seele heilen zu können? Doch Eden selbst verwehrte es ihr - diese Stadt hat sie zu Etwas gemacht, dass sie niemals werden wollte. Etwas, das ihrem Wesen völlig widersprach. Dieses Drecksloch von einer Stadt hatte sie dazu gezwungen, sich anzupassen, sich einzufügen - in eine Welt, die sie zutiefst verabscheute, die sie so sehr hasste.
Doch sie machte sich darum nie Gedanken, weder um ihr wirkliches Wesen, ihr eigenes Wohl, noch über die Maske, die ihr Gesicht und ihr Herz im Laufe der Jahre fast völlig vereinnahmt hatte. Würde sie das tun, würde sie nach kurzer Zeit daran zerbrechen.
Nie dachte sie daran - bis auf Tage wie Diese. Einige wenige, seltene Tage, an denen sie an das 'hätte, wäre, wenn' dachte. Ein quälender Gedanke, sich schmerzend auf ihre Brust legend. Ja, es waren Tage wie Diese, an denen Akane's Maske ein paar Risse bekam und ihre wahren Gefühle ihr Denken beherrschte.
Es war eine bittere Erkenntnis - von ihr Selbst ist schon seit Jahren nichts mehr übrig geblieben. Einzigst der tief verwurzelte Wunsch, Yura zu beschützen zeugt noch von dem letzten Rest der Ehrlichkeit und Sanftmut, der von ihr zurückgeblieben ist. Vereinzelte Bruchstücke ihrer Selbst, an denen sie verzweifelt festhielt, sie niemals loslassen würde - für kein Geld der Welt.

Eine Gedankenschleife, beginnend damit, dass sie Yura niemals berührte. Niemals. Zumindest nicht aus eigenem Antrieb, obwohl sie es sich so sehr gewünscht hatte. Ihm zu zeigen, dass sie immer an seiner Seite war, dass sie für ihn da war, wieviel er ihr bedeutet hatte, seine Wärme zu fühlen - doch sie konnte es nicht.
Nicht nachdem, was vor 16 Jahren vorgefallen war. Als sie ihr alles verschlingendes Feuer nicht unter Kontrolle hatte und ihn fast getötet hat, Yerins Versprechen brach - doch sie versuchte, es mit allen Mitteln wieder gutzumachen. Das tat sie noch immer, stumm und ohne sein Wissen, nicht fähig, mit ihm darüber sprechen zu können. Nicht mit Yura.

Gedankenversunken trank Akane ihren Martini leer, Nolan mischte ihr einen Neuen. Es war ein altbekanntes Spiel zwischen ihnen gewesen - so lange, bis sie ihre Schmerzgrenze an Umdrehungen erreicht hatte... und das konnte Stunden dauern, je nachdem, wie depremiert sie gerade war.
Yamato ließ ihre Gedanken zum Labor schweifen, in dem sie Yura und seine 6 Jahre ältere Schwester Yerin kennenlernte. Akane wurde von der Inquisition aufgegriffen - sie war ein Waisenkind, hatte ihre Eltern nie kennengelernt. Tatsächlich war die enorme Menge an Magie in ihrem Körper der Auslöser, der sie schließlich nach Eden brachte. Ihr Körper hielt dem massiven Ausmaß an magischer Energie nicht stand - hätte die Inquisition sie nicht behandelt, wäre sie gestorben. Doch immer wieder fragte sie sich, ob es nicht besser gewesen wäre, damals gestorben zu sein, anstatt in diesem Loch langsam zu verenden.
Allerdings... wäre sie damals gestorben, dann hätte sie Yura niemals kennengelernt, dann wäre er mit ihr untergegangen. Als Kind verstand sie es nicht - dass Yura und Yerin Saegon lediglich Experimente waren. Laborratten, die sich offensichtlich dazu eigneten, neue Erkenntnisse in der Forschung der magischen Maximalbelastung zu gewinnen. Experimente, um neue Grenzen zu erreichen, Magier mit mehr Energie zu versehen.
Ein Jahr lang lebten sie dort. Ein ganzes Jahr, indem sich Akane mit den Saegon's angefreundet hatte, sie zu ihrer Familie wurden - eine Familie, die sie selbst niemals hatte. Yerin hatte einen mütterlichen Charakter und kümmerte sich um die Kinder. Sie war sanft, liebevoll - vereinte diese Familie unter diesen völlig abnormen Zuständen.
Bald würden sie als Inquisitoren ausgebildet werden - so dachte Akane. Doch für Yerin würde es niemals dazu kommen. Umso mehr blieb ihr Yerin's Verhalten im Gedächtnis, die 180° Wende ihres Charakters an diesem Nachmittag vor 16 Jahren. Der Tag, an dem Yerin sie um etwas bat.
Sie erkannte die Unruhe in der Stimme der Saegon, ihren Schmerz, ohne jemals erfahren zu haben, was sie zu ihrem Amoklauf kurz darauf bewogen hatte.

"Bitte, beschütze meinen Bruder..." flüsterte Akane mit leeren Augen, starrend auf die Wand neben ihr. Noch immer ruhte ihr Kopf auf der Theke, Yerin's Stimme in ihren Gedanken hallend. Das Versprechen, das sie Yerin vor 16 Jahren gegeben hatte war zu ihrem Lebenskredo geworden. Es wurde zu ihrem Glauben, zu ihrer festen Überzeugung - Yerin und Yura zuliebe. Doch trotzdem war da noch etwas Anderes, dass sie so unerbittlich daran festhalten ließ. Etwas, dass sie totschwieg, ein Gefühl, dass sie im Keim erstickte. Immer und immer wieder, und mit jedem Mal, mit dem sie es wieder tat, schien es immer stärker zu werden. Sie wusste, was es war - ihre ungebrochene, abgöttische Liebe, die sie für Yura Saegon empfand. Eine Liebe, die sie ihm vorenthalten hatte, aus Angst, was diese Gewissheit mit ihm anrichten würde. Aus Furcht davor, das es ihren scharfen Verstand beeinträchtigen könnte, dass sie dadurch Fehler machen würde, die ihn das Leben kosten könnten - so stand sein Schicksal doch seit Jahren auf Messer's Schneide. Nur durch ihre geschickte Manipulationen, ihre Erpressungen und durch ihre Machtposition war er noch auf dieser Welt, an ihrer Seite.

Obwohl sie so tief in ihre eigene Gedankenwelt eingetaucht war, bemerkte sie sofort die Hand, die ihre Schulter plötzlich streifte. Diese bedachte, zarte Berührung ließ sie augenblicklich hochschnellen, ihre kühlen, purpurnen Augen trafen auf die ihr bekannten Bronzenen. "Guten Morgen, Akane." lächelte Yura sie charmant an, während er eine ihrer Haarsträhnen um seinen behandschuhten Finger wickelte. Er ließ sich neben ihr auf dem Sitzplatz nieder und folgte mit seinen Augen jener Strähne, die er sich zuvor gegriffen hatte, bis sich ihre Blicke erneut trafen "Was für ein Zufall, dich hier zu treffen~".
Yura liebte es, mit dem weinroten Haar der Kommandeurin zu spielen. Ganz besonders erfreute er sich daran, wenn sie sie offen trug, was wirklich nur in den seltensten Fällen vorkam - also nutzte er die Gelegenheit.
"Zufall?" hob sie eine Augenbraue und blickte ihn müde, jedoch skeptisch an "Oder kalkulierte Verfolgung?". Er kicherte amüsiert, ließ seine Finger mehrfach bedacht und sanft durch ihr Haar gleiten - fast wie ein Kamm, eine von ihm unverstandene, liebevolle Geste. Es war seine Art, Zuneigung auszudrücken, auch wenn er es selbst nicht verstanden hatte. Er stoppte, schenkte ihr einen für Akane undefinierbaren Blick, ehe er antwortete "Wer weiß?".
Für einen kurzen Moment rann ihr ein kalter Schauer über den Rücken - für eine Sekunde dachte sie in seinem Blick etwas Wohlwissendes gesehen zu haben. Abwegig war es nicht - Yura war ungemein empathisch. Vielleicht wusste er um ihre Geheimniskrämerei um ihn, vielleicht wusste er sogar um ihre Gefühle für ihn - doch niemals hätte sie es angesprochen. Yura hatte seine eigenen Emotionen nicht im Griff, geschweige denn ein Verständnis dafür. Er kapselte sich ab, wirkte eher instinktiv in seinem Handeln und Fühlen - denn wenn ihn etwas an Yerin erinnerte, wenn jemand sich von sich aus in seine emotionale Nähe begab, war er unberechenbar. Er wusste nicht damit umzugehen, das tat er noch nie. Es überforderte ihn, trieb ihn in die Flucht, zwang ihm zum Rückzug.
Er hatte keinerlei Selbstbewusstsein, keine Selbstreflexion, nichts davon - denn er wollte es nicht. Was wäre wohl passiert, hätte Akane ihm alles erzählt? Wenn sie ihm alles offengelegt hätte? Sie durfte das nicht. Niemals. Ihre Gefühle, ihre Gedanken, ihr Handeln würde sie mit ins Grab nehmen.
"Ich frage mich..." stoppte Yura einen Moment und verschränkte die Arme auf der Theke, schenkte ihr erneut einen bohrenden Seitenblick "...was dich wohl so beschäftigt.".
Er ließ nicht von ihr ab, nicht eine Sekunde. Zu interessiert war er an Akane, zu neugierig, wie wohl ihre Reaktion ausfallen würde. Er liebte es, Menschen zu beobachten und ihr Verhalten zu analysieren, um sich von sich selbst abzulenken - doch besonders bei Akane bereiteten ihm seine Analysen sehr viel Freude. Sie schaffte es, ihn in die Irre zu führen, mit verdeckten Karten zu spielen. Sie forderte sein Können heraus, sie zu verstehen, ihr Wesen zu sehen, zu erfassen.

Akane hingegen starrte lediglich auf das halbleere Martiniglas vor ihr. Musste Yura ausgerechnet jetzt hier aufkreuzen? Jetzt, wo sie am Schwächsten, am Anfälligsten für ihn war - oder war es pure Absicht? Selbst Yamato konnte das nicht mit Gewissheit sagen - selbst für sie war der unstete Inquisitor manchmal schwer zu verstehen.
Mit jeder Sekunde, die verstrich und in der Yuras Blick auf ihr lag, hatte sie immer mehr zu kämpfen. Mit der Fassade, die sie um sich herum aufgebaut hatte - die der unnahbaren und gefährlichen Kommandeurin, die mit ihrer puren Ausstrahlung schon darauf verwies, sich besser von ihr fernzuhalten. Noch schwerer war es für sie allerdings, ihm Desinteresse vorzuheucheln, sich nicht dazu hinreißen zu lassen, ihm Zuneigung zu schenken. Es schmerzte, raubte ihr fast den Verstand, brach ihr das Herz.
Trotzdem kam ihr mit jeder Sekunde, in der sie seinem Blick standhielt, die Erkenntnis, dass sein Verhalten gerade rein instinktiv war. Er tat es nicht mit Absicht, sondern seine Empathie ließ ihn verstehen, das etwas mit ihr nicht stimmte. Wie musste sie in diesem Moment auf Yura wirken? Vermutlich wie ein verletztes Tier, angewiesen auf seine Gnade, so war sie selbst gerade machtlos, schwach und ihm definitiv unterlegen. Akane's Muskulatur war bis zum Zerreissen angespannt, ihr Körper wie erstarrt, wenn sie an all das dachte. Hätte man sie in diesem Moment mit einer Nadel gestochen, hätte sie vermutlich nicht einmal geblutet.
Doch riss sie sich schließlich zusammen - zwang sich innerlich unter größter Mühe zu ihrer lockeren, arroganten Art. Die, die Yura von ihr gewohnt war - die, die allein für Yura existierte. Um ihn zu täuschen, um ihn auf Abstand zu halten und ihn vor sich selbst zu schützen.
"Nichts." log sie ihn daraufhin eiskalt an, ein überhebliches Lächeln ihr Gesicht zierend "Ich genieße lediglich meinen Urlaub.".
Akane und Yura, Verstand und Instinkt - ihre fast erstickte Flamme, kämpferisch lodernd - die Gefahr, von Yura's stürmischen Wind erfasst zu werden - sich in ein Inferno zu verwandeln. Es war eine Gradwanderung zwischen Lüge und Wahrheit - wieviel von dem, was sie von sich Selbst offenbarten, war echt? Wieviel davon erlogen? Wie lange brauchte es und vor allem: was brauchte es, um ihrer beider Natur freizulegen?
Eine gewisse Endgültigkeit zeichnete sich in Yura's Augen ab. In ihrem Zustand konnte sie ihn nicht täuschen. Es war nicht ihr perfektes Schauspiel, dass sie in diesem Moment verraten hatte, sondern das kaum hörbare Erzittern ihrer Stimme. Egal, was sie jetzt auch getan hätte, Akane konnte ihn nicht überzeugen. Er wusste, dass sie sich gerade selbst belog und das sie genauso unehrlich zu ihm gewesen war.
Das, was er daraufhin tat, war seinem Instinkt zu verschulden, der sein Handeln, seinen Körper übernommen hatte - so wandte er Akane mitsamt ihres Sitzplatzes einem Schwung zu sich um und kam ihr mit einem Mal so nahe, dass er seine Stirn auf Ihre legte. Ihre Haare berührten sich, weinrote und aschbraune Strähnen vermischten sich, sie fühlte die Wärme, die von Yura ausging - es vereinnahmte sie. Als sie in seine bronzenen Augen blickte, konnte sie nicht mit Sicherheit sagen, in welcher Phase sich Yura jetzt befand - es passte weder zu der Extravertierten, die er vor ein paar Minuten noch an den Tag gelegt hatte, noch zu der Introvertierten, in der er sich völlig von allen Anderen abkapselte.
Im Endeffekt war die Phase in diesem Moment ohnehin nebensächlich - seine Augen, sein Blick schien alles durchdringen zu wollen, dass sie so mühsam aufgebaut hatte, dass sie vor ihm versteckt hatte. Ihr Herz schlug wie verrückt, ihre Atmung aussetzend - wie erstarrt saß Yamato vor ihm, ihre Finger fest in die Polsterung des Barhockers gekrallt. Dieser Moment, in dem Yura ihr so nahe kam, sie so durchschaute - es war fast so, als wolle er sie brechen wollen, sie von ihrer Bürde befreien wollen, eine Lüge zu leben - eine Lüge zu sein.
Wie lange würde er das noch durchhalten? Sie emotional so vor ihm zu entblößen, ihre Mauern niederzureißen? Wann würde das endlich ein Ende finden? Was würde er tun, wenn es ihm endlich bewusst wurde, was er da gerade tat? Diese bronzefarbenen Katzenaugen, die im schwachen Licht gelb zu leuchten schienen, sein scharfer Blick, der sie durchschaute - als würde er gerade seiner Beute auflauern, kurz bevor er zuschlug.
Innerlich hoffte sie darauf, dass er ihre Maske zertrümmern würde und sie somit von ihrem Leiden befreite, doch die Folgen wären für Yura verheerend. Er würde es nicht ertragen, sich mit sich selbst zu befassen, mit seinen Gefühlen, die er doch all die Jahre unterdrückte. Er hatte nie gelernt, damit umzugehen, oder mit Zuneigung, die ihm gegolten hatte, geschweige denn die Vergangenheit zu verarbeiten - auch Yerin's Tod hatte er nicht akzeptiert. Das, was Yura war, war ein Schatten seiner Selbst. Das Resultat seines ewigen Leidensweges, der Verleugnung von Yerin's Tod.

Langsam setzte bei Yura wieder der Verstand ein und er bemerkte, was er Akane gerade antat - sein scharfer Blick wich schnell der Angst. Unsicher und erschrocken wich er von ihr zurück, schluckte schwer.
"Ich...-" begann er zögernd, völlig überfordert von sich selbst, doch Akane wandte sich wortlos wieder der Bar zu, die Hände gefaltet, schenkte ihm nicht einen einzigen Blick. Sie sagte nichts, ignorierte ihn - ihre Kehle war wie zugeschnürt. Dieses Erlebnis hatte sie innerlich erschüttert, sie noch viel tiefer in die Verzweiflung gestürzt, als ohnehin schon.
Es war nicht so, dass sie wütend auf ihn wäre. Sie hatte Angst, war gelähmt und befand es für das Beste, ihm gerade jetzt die kalte Schulter zu zeigen. Keine lieben Worte, kein Verständnis - wie sie es sonst bei ihm tat.
Es dauerte einige Sekunden - Sekunden des Schweigens, der Verleumdung, ehe Yura sich erhob und wortlos die Flucht ergriff - Eden's End verließ und Akane somit hinter sich gelassen hatte.

Tatsächlich waren nur noch sie und Nolan da gewesen. Yura's Anwesenheit hatte alle Anderen verjagt, so hatte er doch einen schlechten Ruf innerhalb Eden's und wurde gemieden.
"Muss ziemlich schwer mit ihm sein." merkte Nolan schon fast beiläufig an, während er seine Schnapsflaschen in den Schränken unter der Theke verstaute "Und wie es aussieht, kann ich dank ihm für heute Feierabend machen.".
Akane seufzte resigniert und ließ sich erneut auf den Tresen vor ihr sinken. Ihren letzten Martini hatte sie bereits geleert. Sie war furchtbar aufgewühlt, was der Alkohol nicht gelindert, sondern noch verstärkt hatte. Die Anspannung durch Saegon's Anwesenheit fiel mit einem Mal von ihr ab und hinterließ in ihr Nichts als Verwüstung.
"Noch einen?" fragte sie der junge Barbesitzer sanft, wissend, was wohl in etwa in ihr vorgehen musste.
Es dauerte einen Moment, bis sie endlich reagierte, so lenkte sie ihren Blick schließlich langsam nach oben, fixierte Nolan. Er hatte sie schon oft in diesem Zustand gesehen, verlor nie ein Wort darüber, verurteilte sie nicht - akzeptierte Akane so, wie sie war, was ihm einen gewissen Respekt und Sympathie ihrerseits einbrachte.
Sie löste sich schließlich von ihrem Sitzplatz und wanderte fokussiert hinter die Theke, ihr Blick ließ nicht einmal von Nolan ab. Er wusste schon als sie das Gebäude betreten hatte, worauf es wieder hinauslaufen würde. Dazu hätte es nicht einmal Yura's Eingreifen gebraucht. Ihre Augen waren von Wut gezeichnet, wenn auch ein Schleier des Hilfesuchens darin lag - für Andere kaum zu sehen, doch für Nolan gut sichtbar - schließlich kannte er sie schon einige Jahre und wusste um ihr Innerstes.
Ihre Hand griff bestimmend nach seinem braunen Gürtel und sie zog ihn nah an sich, blickte hoch zu ihm, sagte somit mehr als tausend Worte.
"Soll ich jetzt etwa als dein Notnagel herhalten, Akane?" fragte er sie gespielt enttäuscht, was ihr ein kurzes, triumphierendes Lächeln entlockte "Als wenn es dich wirklich stören würde.".
Ihre Hand wanderte daraufhin an den Kragen seines schwarzen Hemdes, sie packte zu und schenkte ihm einen bedachten Blick "Das hier ist das letzte Mal.".
Nolan grinste schelmisch und erwiderte "Ah, also so wie die letzten paar Male?".
Sie schwieg einen Moment, deutete dann jedoch mit einer Kopfbewegung zur Tür "Sperr ab.". Akane ließ ihren Blick nicht eine Sekunde von dem Jüngeren ab und beobachtete, wie Nolan schließlich die Tore zu Eden's End schloss - diese Nacht war wirklich beschissen gelaufen, aber Yamato machte immerhin noch das Beste draus.