Schwarzer Tee

von Xalita
OneshotAngst / P16
25.03.2019
25.03.2019
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Es ist gleich zwölf und ich hab Schiss vor meinen eigenen Figuren. Vielleicht sollte ich nicht mitten in der Nacht anfangen, Horror zu schreiben.
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Das Rascheln von Buchseiten durchdringt die Stille. Nur wenige Sekunden, danach ist es wieder ruhig, beinahe betäubend. Die tiefschwarze Nacht umschlingt das Haus und findet überall ihren Weg durch Risse und längst vergessene Spalten. Begleitet von der Kälte tastet sie sich vor, lautlos, ohne Leben und doch auf ihre einzigartige Weise bedrohlich.
Ihre langen Finger gleiten über den Boden und die tapezierten Wände bis zu seiner Zimmertür. Dort schreckt sie zurück, schmerzerfüllt und doch unerbittlich entschlossen, auch das letzte Zimmer zu erobern, zu verschlingen.
Doch noch wimmert und windet sie sich bei jedem Versuch und verbrennt sich die rabenschwarze Haut bei Berührung des Lichts, welches unter der Tür hervorfließt.

Es stammt von einer kleinen Nachttischlampe, halb verdeckt von dem jungen Mann, welcher sich begierig der Helligkeit zuwendet, um die schwarz gedruckten Buchstaben auf dem blütenweißen Papier zu erkennen.
Doch nun beginnt die Müdigkeit, ihr schleichendes Spiel zu spielen. Seufzend umklammert sie seinen Körper, flüstert und zischt, bis sich sein Kopf leer und erdrückend anfühlt. Er stöhnt und versucht, das bleierne Gefühl durch das Reiben der Augen fortzubekommen, doch es lacht ihn bloß aus. Sich ihres Sieges bewusst zwingt die Müdigkeit ihn, sein Buch fortzulegen.

Er greift nach seiner Decke und zieht sie sich bis zum Kinn, um nachfolgend das Licht der Lampe erlöschen zu lassen. Sofort sprintet die Schwärze vor und legt sich wie schwarzer Schnee über den gesamten Raum. Klebrig erfasst sie auch hier alles Greifbare und noch viel mehr, bis die dunkelste aller Dunkelheiten herrscht.
Er schließt die Augen und zieht den weichen Stoff näher an sich. Sein Atem wird ruhig und regelmäßig, bis er kurz davor ist, fortzugleiten, in jene andere Welt, welche wir beständig besuchen und uns doch auf ewig verschlossen bleiben wird.

Doch plötzlich durchdringt ein Geräusch die Stille.
Ein leises Vibrieren, nur einen Moment lang anhaltend.

Würde er seine Augen geöffnet haben, würde er sehen, wie der aufleuchtende Bildschirm seines Handys für wenige Sekunden die Dunkelheit durchbricht und vertreibt. Doch er blickt nicht, sondern behält die Schwärze bei. Die Nacht bannt das bläulich scheinende Licht und drängt es mit unwirschen Schlägen zurück.
Wieder bleibt es für eine Weile still bis auf das leise Hauchen des Atems.

Doch dann, erneut, erklingt das Vibrieren.
Nur einen Augenblick später wiederholt es sich, immer und immer wieder.

Es geht vielleicht eine oder zwei Minuten so weiter, bis er sich mit einem entnervten Seufzen aufsetzt. Die Müdigkeit hat sich mittlerweile hämisch grinsend verkrochen, nur ein beinahe unbedeutender Teil war zurückgeblieben.
Blind greift er in das Dunkel hinein, fühlt beinahe, wie es samtähnlich an seiner Haut entlanggleitet und sich an ihn schmiegt. Er spürt das raue Holz seines Nachttisches und tastet nach der kühlen Glätte seines Handys. Dieses vibriert ein weiteres Mal und erlöst ihn mit dem grell aufleuchtenden Display, nach welchem er augenblicklich greift.
Mehrere Nachrichten bieten sich ihm. Er setzt bereits aus Gewohnheit an, das Handy zu entsperren und den Ton auszustellen, doch soweit kommt er gar nicht.

Als er sich genauer den Nachrichten widmet, gefriert ihm das Blut in den Adern.

„Hast du Besuch?“ 2:47 Uhr

„Da ist jemand in deinem Garten“ 2:47 Uhr

„Er ist an der Haustür O.O“ 2:47 Uhr

„Mann, da ist gerade ein Typ in dein Haus gegangen!!!“ 2:48 Uhr

„Scheiße, warum geht bei dir immer nur die Mailbox dran?!!“ 2:50 Uhr

„LIES DAS JETZT ENDLICH“ 2:50 Uhr

„Verdammt nochmal, bring dich in Sicherheit, RENN!! Ich rufe jetzt die Polizei, k???!!!“ 2:51 Uhr


Wie hypnotisiert starrt er auf die flirrenden Buchstaben, bis sie vor seinen Augen verschwimmen. Angst macht sich in ihm breit, bereitet genüsslich ihre Fesseln vor, um dann wie eine Viper zuzuschlagen. Er hört sein Blut in den Ohren rauschen, während sein Herz pocht und sein Puls sich in nie gefühlte Höhen schwingt. Zittern erfasst ihn, sein Handy rutscht ihm aus der Hand und der Bildschirm scheint sich ebenfalls zu fürchten, denn er verbirgt sich in der Bettdecke, welche das Licht verschluckt wie ein schwarzes Loch.

Die Nacht ist zurück und mit ihr die allumfassende Dunkelheit.
Er erstarrt, unfähig, etwas zu tun.

Knack.

Ein entsetzter Schrei durchdringt das Haus.
Heftig atmend weicht er zurück, rasch und doch entsetzlich langsam.
Suchend schaut er sich um, hilflos.
Da ist etwas, da muss etwas sein. Jemand. Die Präsenz dieses anderen lässt ihn beinahe ersticken.
Schließlich schälen sich Schatten aus der Dunkelheit, noch schwärzer und auf eine unerklärliche Weise voller. Greifbarer. Menschlicher? Beängstigender.
Die Schemen verfestigen sich, werden zu scharf geschnittenen Linien, welche schlussendlich den Körper eines hochgewachsenen Mannes formen.

Ein leises Wimmern verlässt die Lippen des anderen und er presst sich voller Todesangst an die harte Wand. Sein Rücken schmerzt, genau wie seine Hände, die er verkrampft in die Bettdecke krallt.
Die Nacht scheint sich plötzlich zu verdünnen, Licht, nein, sanftes Schimmern, kaum zu erfassen, lässt die Konturen des Gesichtes deutlicher werden, ebenso wie die der Kleidung. Der Fremde trägt einen Anzug ganz der englischen Art, brauner Stoff, darunter ein Hemd, weiß wie das kühle Licht der Sterne. Das Oberteil blitzt nur an den Handgelenken und dem Hals hervor, wo es noch halb von einer ordentlich angelegten Krawatte verdeckt wird.
Der flatternde Blick des Jüngeren fliegt über die Kleidung, den edlen Gehstock und den Zylinder, ohne auch nur einen Laut hervorzubringen.

„Guten Tag“, sagt der Fremde mit einem leichten Lächeln. „Oder eher gute Nacht.“ Er wirft einen belanglosen Blick zum Fenster hinaus und wendet sich dann mit einem Schmunzeln auf den schmalen Lippen wieder seinem Gegenüber zu. Er könnte beinahe freundlich aussehen, wenn er nicht diesen Wahnsinn in den Augen tragen würde.
Er verharrt kurz in seiner Position und tritt dann gemächlich einen Schritt auf den anderen zu.
Diesem treten Tränen in die Augen und er schluchzt entsetzt vor Angst auf.
„Fürchtest du dich?“, erkundigt der Mann sich und lächelt wieder, nun unverhohlen irre. Wie ein Raubtier schleicht er weiter.
Seine Beute weint und zittert wie ein kleines Kind, das Angst nach einem Albtraum hat.

Nur ist der Albtraum dieses Mal real.



Minuten später wird die Straße von Blaulicht erhellt und fünf Polizisten sowie ein junger Mann betreten das Haus. Die Haustür steht zwar offen, ist aber offensichtlich mit einem Schlüssel geöffnet worden. Die Polizisten verteilen sich, zwei von ihnen folgen dem besorgten Mann die Treppe hinauf. Sie betreten einen schmalen Flur. Der Vorangehende wird grob zurückgezogen, als er die Zimmertür aufstoßen will und der Raum wird gesichert.
Doch als sie schlussendlich das Zimmer betreten, ist niemand zu sehen. Der Blick des Freundes fällt auf das Fenster. Es steht weit offen und kühle Nachtluft strömt hinein. Die Gardinen bewegen sich leicht hin und her und eine Mücke schwirrt von draußen auf das Zimmerlicht zu.
Der Mann tritt an das Fenster und sieht mit sorgenvollem Blick in die Ferne.

„Spurlos verschwunden.“



Nicht ganz. Vielleicht wird ihnen irgendwann die kleine Packung mit schwarzem Tee auf dem Nachttisch auffallen. Vielleicht aber auch nicht.
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